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Kitabı oku: «Denkwürdigkeiten eines Fechtmeisters», sayfa 20

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XVIII

Nicht ohne Grund hatte die Mutter Waninkoffs und seine beiden Schwestern den Tag der Hinrichtung im Voraus zu wissen gewünscht, die Verurtheilten mußten, indem sie sie von St. Petersburg nach Tobolsk begaben, durch Iroslaw kommen, welches ein sechzig Stunden von Moskau entfernt liegt, und die Mutter und die beiden Schwestern Waninkoffs hofften, ihren Sohn und ihren Bruder im Vorbeikommen zu sehen.

Dieses Mal, wie das andere, wurde Gregor von den drei Frauen mit Ungeduld empfangen; seit länger als vierzehn Tagen hielten sie sich, bereit, und hatten ihre Pässe. Indem sie sich demnach auch nicht länger aufhielten, als um demjenigen zu danken, der ihnen diese kostbare Nachricht überbracht, stiegen sie, ohne einen Augenblick zu verlieren, in eine Kibitka, und ohne daß Jemand wußte, wohin sie gingen, fuhren sie nach Iroslaw ab.

Man reiset in Rußland schnell; am Morgen von Moskau abgefahren, langten die Mutter und die beiden Schwestern in der Nacht in Iroslaw an; dort erfuhren sie mit unendlicher Freude, daß die Schlitten der Verbannten noch nicht durchgekommen waren. Da ihr Aufenthalt in dieser Stadt Verdacht erregen konnte, und da es außerdem wahrscheinlich war, daß die Wächter, je mehr Augen vorhanden waren, um so unbeugsamer sein würden, so gingen die Gräfin und ihre Töchter nach Mologa zu weiter, und hielten in einem kleinen Dorfe an. Drei Werste weit von diesem Orte stand ein Hütte, wo die Verbannten frische Pferde, nehmen mußten, da die Brigadiers oder die Sergenten, welche die Verbannten begleiten, gewöhnlich den bestimmten Befehl erhalten, niemals in einer Stadt oder einem Dorfe umzuspannen; hierauf stellten sie von Strecke zu Strecke umsichtige und thätige Diener auf, um sie von der Annäherung der Schlitten zu benachrichtigen.

Nach Verlauf von zwei Tagen eilte einer der Agenten der Gräfin herbei, um ihr zu sagen, daß die aus fünf Schlitten bestehenden erste Abtheilung der Verurtheilten so eben an der Hütte angekommen sei, und daß der sie befehligende Brigadier, so wie man es sich gedacht, die zwei Mann, aus der seine Bedeckung bestand, abgesandt habe, um Pferde aus dem Dorfe zu holen. Die Gräfin stieg sogleich in ihren Wagen, und fuhr im vollen Galopp nach der Hütte zu; dort angelangt, hielt sie auf der Heerstraße an, und senkte sehnsüchtig ihre Blicke durch die halbgeöffnete Thür in das Innere; Waninkoff befand sieh nicht bei dieser ersten Abtheilung.

Nach Verlauf einer Viertelstunde langten die Pferde an; die Verurtheilten bestiegen ihre Schlitten wieder, und fuhren sogleich im Galopp davon.

Eine halbe Stunde nachher langte der zweite Zug an, und hielt, wie der erste, an der Hütte an; zwei Boten gingen ab, um Pferde zu holen, und brachten dieselben, wie das erste Mal, nach Verlauf von ohngefähr einer halben Stunde; als die Pferde angespannt, fuhren die Verurtheilten mit derselben Schnelligkeit davon; Waninkoff befand sich noch nicht bei diesem Zuge.

So groß auch das Verlangen der Gräfin sein mochte, ihren Sohn wieder zu sehen, so wünschte sie doch, daß er so spät als möglich ankäme; je später er käme, desto mehr war in der That die Aussicht vorhanden, daß auf der nächsten Post die Pferde fehlen würden, welche zur Fortschaffung der ersten Abtheilungen verwandt wären; dann würde man gezwungen sein, dieselben aus der Stadt zu holen, und der dadurch länger werdende Aufenthalt würde die Pläne der armen Mutter mehr begünstigen. Alles fügte sich zur Erfüllung dieses Wunsches; drei Abtheilungen kamen noch vorüber, ohne daß Waninkoff erschien, und bei der letzteren dauerte der Aufenthalt länger als drei Viertelstunden; man hatte große Mühe gehabt, in Iroslaw selbst eine hinreichende Anzahl Pferde zu finden.

Kaum waren diese abgefahren, als der sechste Zug anlangte; als sie ihn kommen hörten, ergriffen die Mutter und die beiden Schwestern sich unwillkürlich bei den Händen; es schien ihnen, als ob sich in der Luft Etwas befände, das sie von der Annäherung einen Bruders und einen Sohnes benachrichtige.

Der Zug erschien in der Dunkelheit, und ein unwillkürliches Zittern bemächtigte sich der armen Frauen, die sich einander weinend in die Arme sanken, die beiden Töchter mit dem Haupt auf dem Busen ihrer Mutter, die Mutter mit gen Himmel gehobenen Blicken.

Waninkoff stieg aus dem dritten Schlitten. Trotz der Dunkelheit der Nacht, trotz dem unedlen Costüm, das ihn bedeckte, erkannten ihn die Gräfin und ihre beiden Töchter; als er sich der Hütte näherte, war einen der Mädchen im Begriffe, seinen Namen zu rufen; die Mutter erstickte ihre Stimme, indem sie ihr die Hand auf den Mund legte. Waninkoff trat mit seinen Gefährten in die Hütte.

Die Verurteilten, welche sich in den anderen Schlitten befanden, stiegen auch aus, und traten nach ihm ein. Der Anführer der Bedeckung gab sogleich zweien seiner Soldaten den Auftrag, Pferde zu holen; da aber der Bauer ihm sagte, daß auf der gewöhnlichen Station die Pferde fehlen würden, so befahl er seinen übrigen Leuten, sich in der Umgebung zu verbreiten, und sich im Namen des Kaisers aller derjenigen zu bemächtigen, die sie finden könnten. Die Soldaten gehorchten, und er blieb mit den Verurtheilten allein.

Diesen außerdem überall unvorsichtige Alleinlassen ist es in Rußland nicht, der Verurteilte ist gewiß in der Wirklichkeit verurtheilt; in dem unermeßlichen, dem Czar unterworfenen Reiche kann er nicht entfliehen; bevor er hundert Werste zurückgelegt, würde er unfehlbar festgenommen seine; bevor er eine Grenze erreicht hätte, würde er hundert Mal vor Hunger gestorben sein.

Der Anführer des« Zuges, der Brigadier Iwan, blieb demnach allein, indem er vor der Thüre der Hütte auf und nieder ging, seine ledernen Beinkleider mit der in der Hand haltenden Peitsche klopfte, und von Zeit zu Zeit stehen blieb, um den ahgespannten Wagen zu betrachten, der auf der Heerstraße stand.

Nach Verlauf eines Augenblickes öffnete sich der Wagen, drei Frauen stiegen, gleich drei Schatten, aus, und näherten sich ihm; der Brigadier blieb stehen, indem er Nichts von dem begriff, was diese dreifache Erscheinung von ihm verlangte.

Die Gräfin näherte sich ihm mit gefalteten Händen; ihre beiden Töchter blieben ein wenig zurück. —

– Herr Brigadier, sagte die Gräfin, haben Sie Erbarmen in Ihrer Seele?

– Was verlangen Ihro Gnaden? fragte der Brigadier, der an ihrer Stimme und an ihrer Kleidung den Rang derjenigen erkannte, die ihn anredete.

– Ich verlange mehr als das Leben, mein Herr, ich verlange eine Gnade, von der Sie selbst den Preis bestimmen mögen; ich verlange meinen Sohn wiederzusehen, den Sie nach Sibirien führen. —

– Das ist unmöglich, gnädige Frau, antwortete der Brigadier, ich habe die strengsten Befehle, die Verurtheilten mit Niemandem in Berührung kommen zu lassen, und es steht für mich Knutenstrafe darauf, wenn ich dagegen fehle.

– Aber wer wird denn erfahren, daß Sie dagegen gefehlt haben, mein Herr? rief die Mutter und, während die ohne Bewegung, gleich zwei Statuen, hinter ihr stehen gebliebenen Töchter mit einer feierlichen und Maschinenmäßigen Bewegung ihre beiden Hände falteten, um den Brigadier zu bitten.

–– Unmöglich, gnädige Frau, unmöglich sagte der Brigadier.

– Meine Mutter! rief Alexis aus, indem er die Thüre der Hütte öffnete, meine Mutter! Sie sind’s, ich habe Ihre Stimme erkannt! – Und er stürzte in die Arme der Gräfin.

Der Brigadier machte eine Bewegung, um sich der Grafen zu bemächtigen, aber zu gleicher Zeit, und mit einem einzigen Satze, sprangen die beiden jungen Mädchen auf ihn zu; die eine fiel ihm zu Füßen, und umarmte seine Kniee, während die andere ihn um den Leib fallend, ihm den Anblick der Sohnes und der Mutter zeigte, die sich einander in den Armen lagen, indem sie sagte:

– O! sehen Sie! sehen Sie! Der Brigadier Iwan war ein wackerer Mann. Er stieß einen Seufzer aus, und die jungen Mädchen verstanden, daß er nachgäbe

– Meine Mutter, sagte eine von ihnen mit leiser Stimme, er erlaubt, daß wir unseren Bruder umarmen dürfen.

Nun machte sich die Gräfin aus den Armen ihren Sohnes los, und dem Brigadier eine Börse voll Gold darreichend, sagte sie zu ihm: – Nehmen Sie, mein Freund, wenn Sie für uns eine Bestrafung wagen, so ist es wohl billig, daß Sie eine Belohnung dafür erhalten.

Der Brigadier betrachtete einen Augenblick lang die ihm von der Gräfin dargereichte Börse; dann den Kopf schüttelnd, ohne sie nur zu berühren, aus Furcht, daß die Berührung eine zu große Versuchung mit sich brächte. sagte er zu ihr:

– Nein, Ihro Gnaden,nein, wenn ich gegen meine Pflicht fehle, so ist da meine Entschuldigung, – und er deutete auf die beiden weinenden jungen Mädchen. – Diese Entschuldigung kann ich meinem Richter bieten, und wenn sie mein Richter nicht annimmt, ei nun! so werde ich sie Gott anbieten, der sie annehmen wird.

Die Gräfin warf sich auf die Hand dieses Mannes, und küßte sie. Die beiden jungen Mädchen eilten zu ihrem Bruder.

– Hören Sie, sagte der Brigadier, da wir noch eine gute halbe Stunde auf die Pferde zu warten haben, und da Sie weder in die Hütte gehen können, wo alle anderen Verurtheilten Sie sehen würden; noch die ganze Zeit über auf der Heerstraße bleiben können, so steigen Sie alle vier in Ihren Wagen und schließen Sie die Vorhänge; da Sie Niemand sehen wird, so ist dann zum Mindesten die Aussicht vorhanden, daß man die von mir begangene Thorheit nicht erfährt.

– Dank, Brigadier, sagte Alexis mit Thränen in den Augen; aber nehmt zum Mindesten diese Börse.

– Nehmen Sie dieselbe selbst, mein Lieutenant, antwortete Iwan mit leiser Stimme, indem er dem jungen Manne einen Titel gab, den dieser kein Recht mehr zu trugen hatte; nehmen Sie dieselbe, Sie werden sie dort nöthiger haben, als ich hier.

– Aber bei der Ankunft wird man mich durchsuchen?

– Ei nun! ich werde sie dann nehmen, und sie Ihnen nachher wiedergeben.

– Mein Freund.

– St! St! ich höre den Galopp einen Pferden; steigen Sie Alle in den Wagen, in’s Teufeln Namen, eilen Sie sich! Es ist einer meiner Soldaten, der aus dem Dorfe zurückkommt, wo er keine Pferde gefunden hat; ich werde ihn wieder in ein anderes schicken. Steigen Sie ein! steigen Sie ein!

Und der Brigadier drängte Waninkoff in den Wagen, wohin ihm seine Mutter und seine beiden Schwestern folgten, dann schloß er den Schlag hinter ihnen.

So blieben sie eine Stunde zusammen, eine mit Freude und Schmerz, mit Lachen und Schluchzen gemischte Stunde, eine feierliche Stunde, gleich der des Todes, denn sie glaubten, daß sie im Begriffe stünden, sich zu verlassen, um sich niemals wieder zu sehen. Während dieser Stunde erzählten die Mutter und die Schwestern Waninkoff, auf welche Weise sie zwölf Stunden früher die Verwandlung seiner Strafe, und vier und zwanzig Stunden seine Abreise erfahren hätten; daß es also Louise war, der sie diesen Wiedersehn verdankten. Waninkoff hob die Augen gen Himmel, und flüsterte ihren Namen, wie er den Namen einer Heiligen geflüstert hätte.

Nach Verlauf einer, gleich einer Sekunde dahingeschwundenen Stunde kam der Brigadier, den Schlag zu öffnen.

– Jetzt kommen die Pferde, sagte er, von allen Seiten herbei, Sie müssen sich trennen.

– Ach! noch einzige Augenblicke, baten die Frauen mit einer Stimme, während Alexis, zu stolz, um einen Untergeordneten anzusprechen, stumm blieb.

– Keine Secunde oder Sie machen mich unglücklich, sagte Iwan.

– Lebewohl, Lebewohl, Lebewohl! murmelten verworren die Stimmen und die Küsse.

– Hören Sie, sagte der Brigadier, wider seinen Willen gerührt, wollen Sie sich noch einmal wiedersehen?

– Ach! ja, ja.

– Eilen Sie voraus, und warten Sie auf der nächsten Station; es ist Nacht, Niemand wird Sie sehen, und Sie werden noch eine Stunde haben. Ich werde für zwei Mal nicht mehr bestraft werden, als für ein Mal.

– O! Sie werden gar nicht bestraft werden, riefen die drei Frauen aus, und im Gegentheile wird Sie Gott belohnen.

– Hm! Hin! antwortete der Brigadier mit einer Miene des Zweifels, und indem er fast gegen seinen Willen den Gefangenen, der einigen Widerstand leistete, aua dein Wagen zog.

Aber bald hörte dieser selbst den Galopp der ankommenden Pferde, Alexis verließ rasch seine Mutter, und setzte sieh auf einen Stein vor der Hinterthür, wo es in den Augen seiner Gefährten das Ansehen haben konnte, als ob er daselbst während der ganzen Zeit seiner Abwesenheit geblieben wäre.

– Der Wagen der Gräfin deren Pferde ausgeruhet hatten, fuhr mit der Schnelligkeit des Bltzes davon, und hielt nicht eher, als zwischen Iroslaw und Kostroma, an einer, wie die erste, einsam stehenden Hütte an, und von welcher die Neuankommenden die Abtheilung abfahren sahen, welche der den Grafen Alexis voranging. Sie ließen sogleich ausspannen, und sandten den Kutscher nach Pferden aus, indem sie ihm den Auftrag gaben, sich diese, um welchen Preis es auch sein mögte, zu verschaffen. Sie selbst, stark durch die Hoffnung, noch einmal ihren Sahn und ihren Bruder wiederzusehen, blieben allein auf der Heerstraße und warteten.

– Die Erwartung wurde grausam. In ihrer Ungeduld hatte die Gräfin sich dadurch ihrem Kinde zu nähern geglaubt, daß sie den Lauf ihrer Pferde beschleunigte, so daß sie den Schlitten um mehr alt eine Stunde daraus war. Diese Stunde wurde ein Jahrhundert; Tausend Gedanken, Tausend veworrene Besorgnisse peinigten wechselweise die armen Frauen. Am Ende begannen sie zu argwöhnen, daß der Brigadier sein unvorsichtiges Versprechen bereuet, und einen anderen Weg eingeschlagen hätte, als sie das Rollen der Schlitten und die Peitschen der Kutscher hörten. Sie steckten die Köpfe aus dem Schlage und sahen deutlich den Zug in der Dunkelheit herannahen. Ihr wie in eiserne Klammern gespanntes Herz schlug wieder frei.

Die Sache ging auf dieser Station eben so glücklich, als auf der vorigen. Drei Viertelstunden wurden wie durch ein Wunder denen noch bewilligt, welche geglaubt hatten, sich nur erst im Himmel wiederzusehen. Während dieser drei Viertelstunden verabredete die arme Familie so gut als möglich eine Art von Correspondenzplan; hierauf gab die Gräfin ihrem Sohne wie eine letzte Erinnerung einen Ring, den sie am Finger trug. Bruder und Schwester, Sohn und Mutter, umarmten sich ein letztes Mal, denn die Nacht war zu weit vorgerückt, als daß der Brigadier einen dritten Versuch zu wagen erlaubt hätte. Außerdem wurde dieser dritte Versuch so gefährlich, daß es unbillig gewesen wäre, ihn zu verlangen. Alexis stieg wieder in den Schlitten, der ihn an das Ende der Welt, jenseits des Uralgebirges, an die Küste den Tschanysees davonführte; hierauf kam der ganze dunkle Faden an dem Wagen vorüber, in welchem die Mutter und die beiden Mädchen weinten, und verlor sich bald in der Dunkelheit.

Die Gräfin traf in Moskau Gregor, dem dieselbe aufgetragen hatte sie dort zu erwarten noch an. Sie übergab ihm ein Billet für Louisen, das Waninkoff während den zweiten Halts mit Bleistift in die Schreibtafel einer seiner Schwestern geschrieben hatte.

Es enthielt nur folgende wenige Zeilen:

»Ich hatte mich nicht getäuscht, Du bist ein Engel. Ich vermag in dieser Welt Nichts mehr für Dich zu thun, als daß ich Dich wie eine Gattin liebe und wie eine Heilige anbete. Ich empfehle Dir unser Kind.

Lebe wohl.

Alexis.«

Diesem Billete war ein Brief der Mutter Waninkoffs beigefügt, welcher Louisen einlud, sie in Moskau zu besuchen, wo sie dieselbe erwartete, wie eine Mutter ihre Tochter erwartet.

Louise küßte Alexis Billet; hierauf den Kopf schüttelnd, als sie den Brief seiner Mutter las, sagte sie mit jenem wehmuthsvollen Lächeln, das nur ihr eigen war:

– Nein, Moskau ist nicht der Ort, wohin ich gehen werde; mein Platz ist anderswo.

XIX

In der That verfolgte Louise von diesem Augenblicke an mit Beharrlichkeit ihren Plan, den der Leser ohne Zweifel schon errathen hat, das heißt, den Plan, zu dem Grafen Alexis nach Tobolsk zu gehen.

– Louise war, wie ich bemerkt, schwanger, und sie hatte kaum noch zwei Monate bis zu ihrer Niederkunft; da sie inzwischen gleich nach ihrem Wochenbette abreisen wollte; so verlor sie keine Minute zu ihren Vorbereitungen.

Diese Vorbereitungen bestanden darin, Allen in Geld zu verwandeln, was sie besaß, ihren Laden, ihre Möbeln, ihren Schmuck. Da man die bedrängte Lage kannte, in der sie sieh befand, so mußte sie alles dies um kaum ein Drittel des Werthes hingeben, und nachdem es ihr gelungen war, durch diesen Verlauf ohngefähr dreißig tausend Rubel zusammenzubringen, verließ sie ihr Haus an der Aussicht, und zog sich in eine kleine, am Moikakanale gelegene Wohnung zurück.

Was mich anbetrifft, so hatte ich zu Herrn von Mgorgoli, meiner ewigen Vorsicht, meine Zuflucht genommen, und er hatte mir versprochen, wenn der Augenblick gekommen sei, von dem Kaiser für Louisen die Erlaubniß zu erwirken, sich mit Alexis zu vereinigen. Das Gerücht von diesem Plane hatte sieh in St. Petersburg verbreitet, und Jedermann bewunderte die Aufopferung der jungen Französin; aber Jeder sagte auch, daß ihr der Muth in dem Augenblicke fehlen würde, wo es an die Abreise ginge. Nur ich kannte Louisen, und nur ich wußte das Gegentheil.

Uebrigens war ich ihr einziger Freund, oder vielmehr, ich war mehr als ihr Freund, ich war ihr Bruder; alle meine freien Augenblicke brachte ich bei ihr zu, und die ganze Zeit, in der wir beisammen waren, sprachen wir von Alexis.

Zuweilen wollte ich sie von diesem Vorhaben, das ich wie eine Thorheit betrachtete, abbringen. Dann faßte sie mich bei den Händen, und mich mit ihrem wehmüthigen Lächeln anblickend, sagte sie zu mir: Sie wissen wohl, daß, wenn ich nicht aus Liebe hinginge, ich aus Pflicht hingehen müßte. War es nicht Widerwillen gegen das Leben; ließ er sich nicht deshalb, weil ich ihm auf seine Briefe nicht antwortete, in diese thörichte Verschwörung ein? Wenn ich ihm sechs Monate früher gesagt hatte, daß ich ihn liebte, so würde er sein Leben besser angewendet haben und jetzt nicht verbannt sein. Sie sehen wohl, daß ich eben so schuldig bin, als er, und daß es dem zu Folge gerecht ist, daß ich dieselbe Strafe erleide.

Dann, da mein Herz mir sagte, daß ich an ihrer Stelle wie sie handeln würde, antwortete ich ihr; So gehen Sie denn, auf daß der Wille Gottes geschehe!

In den ersten Tagen des Monats September wurde Louise von einem Sohne entbunden. Ich wünschte, daß sie der Gräfin Waninkoff schriebe, um ihr diese Nachricht zu melden, aber sie antwortete mir: In den Augen der Welt hat mein Kind keinen Namen und dem zu Folge keine Familie. Wenn die Mutter Waninkoffs es verlangt, so werde ich es ihr geben, denn ich will mein Kind einer solchen Reise zu einer solchen Jahreszeit nicht aussetzen; aber ich werde es ihr gewiß nicht anbieten, damit sie es ausschlüge. – Und sie rief die Amme, um ihr Kind zu umarmen und mir zu zeigen, wie sehr es seinem Vater gliche.

Aber das, war nicht ausbleiben konnte, geschah. Die Mutter Waninkoffs erfuhr die Entbindung Louisens und schrieb ihr, daß sie dieselbe mit ihrem Sohne, sobald sie hergestellt sei, erwarte. Dieser Brief siegte über ihre letzten Bedenklichkeiten, wenn sie doch Bedenklichkeiten gehabt hatte; das Schicksal ihres Kindes allein bekümmerte sie; von jetzt an war sie über dasselbe beruhigt, sie hatte, sie hatte Nichts mehr abzuwarten.

Wie groß inzwischen das Verlangen Louisens auch sein mochte, sobald als möglich abzuweisen, die vielen Gemüthsbewegungen, welche sie während ihrer Schwangerschaft empfunden, hatten ihre Gesundheit geschwächt, so daß ihre Genesung langsam von Statten ging. Zwar war sie schon seit längerer Zeit ausgestanden, aber ich ließ mich nicht durch solchen Schein den Starke täuschen. Ich befrug den Arzt, und der Arzt antwortete mir, daß alle Kraft: der Kranken in ihrem Willen läge, daß sie aber in der Wirklichkeit noch zu schwach sei, um sich auf die Reise zu begeben. Alles das hätte sie indessen keinesweges von dem Abreisen abgehalten, wenn es in ihrem Willen gestanden heim, St. Petersburg zu verlassen; aber die Erlaubniß konnte ihr nur von mir kommen, und sie mußte wohl thun, was ich wollte.

Eines Morgens hörte ich an meine Stubenthüre klopfen; und zu gleicher Zeit rief mich Louisens Stimme. Ich glaubte, daß ihr irgend ein neues Unglück begegnet sei; ich beeilte mich demnach, ein Beinkleid und meinen Schlafrock anzuziehen, und öffnete ihr; sie warf sich mit vor Freude strahlendem Gesicht in meine Arme.

– Er ist gerettet, sagte sie zu mir.

– Gerettet, wer? fragte ich.

– Er! er! Alexis!

– Wie, gerettet? das ist ja unmöglich.

– Da, sagte sie zu mir, und sie überreichte mir einen Brief von der Handschrift des Grafen, und da ich ihn mit Erstaunen betrachtete, fuhr sie fort: Lesen Sie, lesen Sie, und sie sank, niedergebeugt unter der Last ihrer Freude, in einen Sessel. Ich las:

»Meine theure Louise!

Vertraue dem, welcher Dir diesen Brief übergibt, wie mir selbst, denn er ist mehr als ein Freund, er ist ein Erretter.

Ich bin unterweges durch die Beschwerden krank geworden, und mußte in Perm liegen bleiben, wo es das Glück gewollt, daß ich in dem Bruder des Kerkermeisters einen früheren Diener meiner Familie erkannt. Von ihm darum gebeten, hat der Arzt erklärt, daß ich zu leidend sei, um meinen Weg fortzusetzen, und es ist beschlossen worden, daß ich den Winter über in dem Ostrog11 von Perm verbliebe. Von dort aus schreibe ich Dir diesen Brief.

Alles ist zu meiner Flucht vorbereitet; der Kerkermeister und sein Bruder werden mit mir fliehen; aber ich muß sie für das entschädigen, was sie durch mich verlieren, und für die Gefahr, die sie dadurch laufen, daß sie mich begleiten. Uebergib demnach dem Bringer dieses nicht allein Alles, was Du an Gelde hast, sondern auch noch das, was Du an Kleinodien besitzest.

Ich weiß, wie sehr Du mich liebst, und hoffe, daß Du um mein Leben nicht feilschen wirst.

Sobald ich in Sicherheit bin, werde ich Dir schreiben, damit Du zu mir kommst.

Graf Waninkoff.«

– Nun? sagte ich zu ihr, nachdem ich diesen Brief ein zweites Mal durchgelesen hatte.

– Nun! antwortete sie mir, Sie sehen also nicht?

– Doch ich sehe einen Plan zur Flucht.

– Oh! er wird gelingen.

– Und was haben Sie gethan?

–Sie fragen noch?

– Wie! rief ich aus, Sie haben einem Unbekannten . . .

– Alles gegeben, was ich habe. Sagte mir Alexis nicht, diesem unbekannten wie ihm selbst zu vertrauen?

– Aber, fragte ich sie, indem ich sie fest ansah, und jedes Wert langsam aussprach; aber sind Sie auch wohl ganz sicher, daß dieser Brief von Alexis ist?

Jetzt war sie es, die mich ansah.

– Und von wem sollte er denn sein? Wer sollte der Elende sein, der niederträchtig genug wäre, um sich ein Spiel aus meinem Schmerze zu machen?

– Und wenn dieser Mensch . . . sehen Sie, ich wage es nicht auszusprechen; ich habe eine Ahnung . . . ich zittere.

– Reden Sie, sagte Louise, indem sie auch erbleichte.

–Wenn dieser Mensch ein Gauner wäre, der die Handschrift des Grafen nachgemacht hätte?

Louise stieß einen Schrei aus, und entriß den Brief meinen Händen.

– Oh! nein, nein, rief sie aus, indem sie ganz laut und wie um sich; selbst zu beruhigen sprach, oh! Nein. Ich kenne seine Handschrift zu gut, und ich werde mich in ihr: nicht geirrt haben.

– Und inzwischen erbleichte sie, indem sie den Brief wieder durchlas.

– Haben Sie denn keinen anderen Brief von ihm bei sich? fragte ich sie.

– Da, sagte sie zu mir, da ist sein mit Bleistift geschriebenes Billet.

Die Handschrift war wohl dieselbe, so viel man darnach urtheilen konnte, indessen lag in der Schrift eine Art von Schwanken, das von Unsicherheit zeugte.

– Glauben Sie, sagte ich nun zu ihr, daß sich der Graf an Sie gewendet haben würde?

–Und warum nicht an mich? Bin ich es nicht, die ihn am meisten auf der Welt liebt?

– Ja, gewiß. um Liebe zu begehren, um Treue zu verlangen, sind Sie es, an die er sich gewandt haben würde; aber Geld würde er von seiner Mutter verlangt haben.

– Aber gehört das, was ich habe, nicht ihm? Könntet das, was ich besitze, nicht von ihm? antwortete mir Louise mit einer Stimme, die immer bestürzter wurde.

– Ja, ohne Zweifel, Alles das ist von ihm, ja, Alles das kommt von ihm, aber, entweder kenne ich den Grafen Waninkoff nicht, oder, ich wiederhole es Ihnen, er hat diesen Brief nicht geschrieben.

Ach! mein Gott! mein Gott! Diese dreißig Tausend Rubel waren mein einziges Vermögen, meine einzige Hilfe, meine einzige Hoffnung! -

– Wie unterzeichnete er die Briefe, die er Ihnen gewöhnlich schrieb? fragte ich sie.

– Immer ganz einfach Alexis.

– Dieser hier ist, wie Sie sehen, Graf Waninkoff Unterzeichnet.

– Es ist wahr, sagte Louise bestürzt.

– Und Sie wissen nicht, was aus diesem Menschen geworden ist?

– Er hat mir gesagt, daß er gestern Abend in St. Petersburg angekommen wäre, und daß er augenblicklich nach Perm zurückreise.

– Sie müssen Ihre Anzeige bei der Polizei machen.

– Ach! wenn Herr von Gorgoli noch Großmeister wäre!

– Der Polizei?

– Gewiß.

– Und wenn wir uns täuschen. sagte Louise zu mir; wenn dieser Mann kein Gauner wäre, wenn dieser Mann Alexis wirklich retten sollte? Darin würde ich in meinem Zweifel, in der Furcht einige Tausend elender Rubel zu verlieren, seine Flucht vereiteln? Ich würde demnach dann also ein zweiten Mal die Ursache seiner ewigen Verbannung sein? Oh! nein, besser ist es die Gefahr zu laufen. Was mich anbelangt, so werde ich es machen, so gut ich es vermag; beunruhigen Sie sich nicht über mich. Nur mögte ich gern wissen, ob er wirklich in Perm ist.

– Hören Sie, sagte ich zu ihr, ich habe sagen hören, daß die zur Bedeckung der Verurtheilten verwendeten Soldaten vor einigen Tagen zurückgekommen sind. Ich kenne einen Lieutenant der Gendarmerie, ich will ihn aufsuchen und mich bei ihn erkundigen, Sie erwarten mich hier.

– Nein, nein, ich will Sie begleiten.

– Hüten Sie sich wohl dafür. Erstens sind Sie nicht stark genug, um noch einmal auszugehen; und es ist schon eine abscheuliche Unvorsichtigkeit, die Sie begangen; und dann würden Sie mich vielleicht verhindern, das zu erfahren, was ich ohne Sie wahrscheinlich erfahren werde.

– So gehen Sie denn, und kommen Sie rasch wieder; bedenken Sie, das ich Sie erwarte, und warum ich warte.

Ich ging in ein anderer Zimmer, und kleidete mich in der Eile vollständig an; hierauf, da ich eine Droschke hatte holen lassen, ging ich sogleich hinab, und zehn Minuten nachher befand ich mich bei dem Gensdamerielieutenant Solowieff der einer meiner Schüler war.

Man hatte mich nicht getäuscht, die Bedeckung war seit drei Tagen zurück; nur hatte der sie kommandirende Lieutenant, von dem ich genaue Nachrichten hatte einziehen können, einen sechswöchentlichen Urlaub erhalten, den er in Moskau bei seiner Familie zubrachte. Als er sah, in welchem Grade mich seine Abwesenheit bekümmerte, so stellte sich Solowieff, für was es auch sein mögte, mit so vieler Hingebung zu meiner Verfügung, daß ich keinen Augenblick Anstand nahen, ihm den Wunsch zu gestehen, den ich empfand, bestimmte Nachrichten über Waninkoff zu haben; er sagte mir nun, daß das etwas sehr leichtes sei, und daß der Brigadier, welcher die Abteilung befehligt, zu der Waninkoff gehört, bei seiner Compagnie stehe. Zu gleicher Zeit gab er seinem Moujick den Befehl, dem Brigadier Iwan zu sagen, daß er ihn sprechen wolle.

Zehn Minuten nachher trat der Brigadier ein. Er war einer jener gutmüthigen, halb strengen, halb launigen Soldatengesichter, die niemals gänzlich lachen, aber die auch niemals zu lächeln aufhören. Obgleich ich damals noch nicht wußte, war er für die Gräfin und ihre Töchter gethan hatte, so war ich doch auf den ersten Blick zu seinen Gunsten eingenommen; sobald er erschien, ging ich auf ihn zu.

– Sie sind der Brigadier Iwan? fragte ich ihn.

– Eurer Excellenz zu dienen, antwortete er mir.

– Sie haben die sechste Abtheilung kommandiert?

– Ich selbst.

– Der Graf Waninkoff gehört zu dieser Abtheilung?

– Hm! hm! machte der Brigadier, indem er nicht recht wußte, was das Resultat dieses Verhöres sein würde; ich sah seine Verlegenheit.

– Fürchten Sie Nichts, sagte ich zu ihm, Sie reden zu einem Freunde, der sein Leben für ihn lassen würde; sagen Sie mir demnach die Wahrheit, ich bitte Sie inständigst darum.

– Was wünschen Sie zu wissen? fragte der Brigadier immer noch auf seiner Hut.

– Ist der Gras Waninkoff unterweges krank gewesen?

– Nicht einen Augenblick.

– Hat er sich in Perm aufgehalten?

– Nicht einmal, um dort die Pferde zu wechseln.

– Demnach hat er also seinen Weg fortgesetzt?

– Bis nach Koslowo, wo er, wie ich hoffe, in diesem Augenblicke eben so gesund ist, als Sie und ich.

– Was ist Koslowo?

– Ein hübscher, ohngefähr zwanzig Stunden hinter Tobolsk an der Irtisch gelegenes, kleines Dorf.

– Sie sind dessen gewiß?

– Bei Gott, ich glaube wohl, der Gouverneur hat mir eine Quittung gegeben, die ich vorgestern bei meiner Ankunft Seiner Excellenz, dem Großmeister der Polizei eingehändigt habe.

– Und die Geschichte von der Krankheit und dem Aufenthalte in Perm ist eine Fabel?

– Es ist kein wahres Wort daran.

– Danke, mein Freund.

– Jetzt war ich meiner Sache gewiß, ich ging zum Herrn von Gorgoli, und erzählte ihm Alles, was vorgefallen war.

– Und Sie sagen, daß dieser junge Mädchen entschlossen ist, zu ihrem Geliebten in Sibirien zu gehen? .

– Ach mein Gott! ja, mein Herr.

– Obgleich sie kein Geld mehr hat?

– Obgleich sie kein Geld mehr hat.

– Nun denn! so sagen Sie ihr von meiner Seite, daß sie hingehen wird.

– Ich schlug den Weg nach Hause ein, und fand Louisen in meinem Zimmer wieder.

– Nun? fragte sie, sobald sie mich erblickte.

– Ei nun! sagte ich zu ihr, es ist Gutes und Schlimmes bei dem, was ich Ihnen berichte. Ihre dreißig Tausend Rubel sind verloren, aber der Graf ist nicht krank gewesen; der Gefangene befindet sich in Koslowo, von wo er keine Aussicht hat zu fliehen; aber Sie werden die Erlaubniß erhalten, dort zu ihm zu gehen.

– Das ist Alles, was ich wollte, sagte Louise; nur verschaffen Sie mir diese Erlaubniß sobald als möglich.

Ich versprach es ihr, und sie ging halb getröstet fort; so mächtig war ihr Wille, und so entschieden ihr Entschluß.

Es versteht sich, ohne es zu sagen, daß ich beim Abschiede Alles zu ihrer Verfügung stellte, was ich hatte, das heißt zwei oder drei Tausend Rubel, weil ich einen Monat zuvor, da ich nicht wußte, daß ich Geld nöthig haben würde, Alles das nach Frankreich gesandt hatte, was ich mir seit meiner Ankunft in St. Petersburg erübrigt.

11.Name der für die politischen Verurtheilten bestimmten Gefängnisse.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
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