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Kitabı oku: «Denkwürdigkeiten eines Fechtmeisters», sayfa 21

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Am Abende meldete man während dem ich bei Louisen war, einen Generaladjutanten des Kaisers.

Er kam, um ihr einen Audienzbrief Seiner Majestät des Kaisers, für den folgenden Tag um elf Uhr Morgens, in dem Winterpalaste zu überbringen.

Wie man sieht, hatte Herr von Gorgoli sein Wort gehalten, und mehr als das.

XX

Obgleich der Audienzbrief schon eine glückliche Vorbedeutung war, so brachte Louise doch eine Nacht voll Unruhe und Besorgniß zu. Ich blieb bis ein Uhr Morgens bei ihr, indem ich sie nach besten Kräften beruhigte, und ihr Alles das erzählte, was ich von Zügen der Güte des Kaisers Nikolaus wußte; endlich verließ ich sie ein wenig ruhiger, nachdem ich ihr versprochen hatte, sie am anderen Morgen abzuholen, um sie nach dem Palaste zu führen. Ich war um neun Uhr bei ihr.

Sie war schon bereit; ihr Anzug war der, welcher einer Bittenden geziemt; sie war schwarz gekleidet, denn sie trug Trauer um ihren verbannten Geliebten, und sie trug nicht einen einzigen Schmuck. Das arme Kind hatte, wie man sich erinnert, Alles verkauft, bis auf ihr Silber.

Als die Stunde herbeigekommen gingen wir fort; ich blieb im Wagen, sie stieg aus, zeigte ihren Audienzbrief vor, und man ließ sie nicht allein durch, sondern es kam auch ein Officier herbei, um sie, seinem empfangenen Auftrage gemäß, zu führen. An dem Kabinette des Kaisers angelangt, ließ er sie allein, indem er sie zu warten ersuchte.

Es vergingen nun zehn Minuten, während welcher Louise, wie sie mir sagte, zwei oder drei Male beinahe ohnmächtig geworden wäre; endlich knackte der Fußboden des benachbarten Zimmers von einem Schritt, die Thür öffnete sich, und der Kaiser erschien.

Bei seinem Anblicke vermogte Louise weder vorzuschreiten, noch zurückzuweichen; weder zu reden, noch zu schweigen; sie vermogte nur mit gefalteten Händen auf ihre Kniee zu sinken. Der Kaiser kam auf sie zu.

– Das ist das zweite Mal, daß ich Ihnen begegne, Mademoiselle, und jedes Mal habe ich Sie auf den Knieen gefunden. Stehen Sie auf, ich bitte Sie.

– O! Sire, das kommt daher, weil ich jedes Mal eine große Gnade von Ihnen zu erbitten habe, antwortete Louise. Das erste Mal war es sein Leben, und dieses Mal ist es das meinige.

– Ei nun! sagte lächelnd der Kaiser, dann hat der Erfolg Ihrer ersten Bitte, Sie die zweite wagen lassen. Sie wollen zu ihm gehen, hat man mir gesagt, und diese Erlaubniß ist es, die Sie von mir zu erbitten kommen.?

– Ja, Sire, diese Gnade ist es.

– Sie sind aber weder seine Schwester, noch seine Frau? .

– Ich bin seine . . . Freundin . . . Sire; und er muß einer Freundin bedürfen.

– Sie wissen, daß er für Zeitlebens verbannt ist?

– Ja, Sire.

– Jenseits Tobolsk?

– Ja, Sire.

– Das heißt in ein Land, wo es kaum vier Monate Sonnenschein und Grünes gibt, und wo die ganz übrige Zeit des Jahres dem Schnee und dem Eise angehört.

– Ich weiß es, Sire.

– Sie wissen, daß er weder Rang, noch Vermögen, noch Würden mehr mit Ihnen zu theilen hat, und daß er ärmer als der Bettler ist, dem Sie heute Morgen auf dem Wege nach diesem Palaste ein Almosen gegeben haben?

– Ich weiß es, Sire.

– Aber Sie, Sie haben ohne Zweifel einiges Geld, einigen Vermögen, einige Hoffnung?

– Ach! Sire, ich habe Nichts mehr. Gestern hatte ich dreißig Tausend Rubel, das Ergebniß von alle dem, was ich besaß; man hat gewußt, daß ich dieses kleine Vermögen hatte, und mir dasselbe ohne Achtung für den Zweck, dem ich es weihte, gestohlen, Sire.

– Mittelst einen falschen Briefes von ihm, ich weiß das. Es ist mehr als ein Diebstahl, es ist eine ruchlose That; wenn derjenige, der sie begangen, in die Hände der Gerechtigkeit fällt, so verspreche ich Ihnen, daß er bestraft: werden soll, als ob er den Armenstock in einer Kirche geraubt hätte. Aber es bleibt Ihnen ein Mittel, diese Summe leicht zu ersetzen.

– Welches, Sire?

– Das ist, sich an seine Familie zu wenden. Seine Familie ist reich, sie wird Ihnen helfen.

– ich bitte Eure Majestät um Vergebung, aber ich wünsche keine andere Hilfe, als die Gottes.

– Demnach gedenken Sie so anzureisen?

– Wenn ich von Eurer Majestät die Erlaubniß dazu erlange.

– Aber wie das, mit welchen Mitteln?

–Wenn ich das mir übrig Gebliebene verkaufe, so vermag ich einige Hundert Rubel zusammenzubringen.

– Haben Sie keine Freunde, die Ihnen helfen könnten?

– O ja, Sire, aber ich bin stolz, und will keine Summe entleihen, die ich nicht würde wieder erstatten können.

– Inzwischen werden Sie mit Ihren zwei oder drei Hundert Rubeln kaum den vierten Theil den Weges machen können; wissen Sie, wie weit es von hier nach Tobolsk ist, mein Kund?

– Ja, Sire, es sind drei Tausend vier Hundert Werste, ohngefähr acht Hundert französische Meilen.

– Auf welche Weise wollen Sie die fünf oder sechs Hundert Meilen, die Ihnen zu machen übrig bleiben, zurücklegen? .

– Sire, es gibt Städte auf dem Wege. Nun denn! ich habe mein früheres Gewerbe nicht vergessen; ich werde mich in jeder Stadt aufhalten, mich in den reichsten Häusern vorstellen, die Ursache meiner Reise zu erzählen, man wird Mitleiden mit mir haben, mir zu arbeiten geben, und, wenn ich dann genug verdient habe, um meinen Weg fortzusetzen, ei nun! dann werde ich mich wieder auf den Weg begeben.

– Arme Frau! sagte der Kaiser gerührt. Aber haben Sie wohl die, selbst für reiche Leute wesentlichen Schwierigkeiten einer solchen Reise bedacht? Ueber wo gedenken Sie zu gehen?

– Ueber Moskau, Sire.

– Und dann?

– Dann, ich weiß es nicht weiter . . ., ich werde fragen . . . Ja; weiß nur, daß Tobolsk nach Osten zu liegt.

– Nun denn! sagte der Kaiser, indem er auf einem Arbeitstische die Karte seines unermeßlichen Reiches entfaltete; kommen Sie her, und sehen Sie! – Louise näherte sich. – Hier liegt Moskau, bis dahin wird Alles gut gehen; – hier liegt Perm, bis dahin wird auch noch Alles gut gehen; aber hinter Perm kommt das Uralgebirge, das heißt das Ende von Europa. Sie werden dort noch eine Stadt finden, eine verlorene Schildwache, welche die Gränze Asiens bewacht, das ist Ekatarinenburg; sobald Sie aber über diese Stadt hinaus sind, sehen Sie, dann rechnen Sie auf Nichts mehr, gleichwohl haben Sie dann nach drei Hundert Meilen zu machen. Hier sind Dörfer, sehen Sie ihre Entfernung; hier sind Flüsse, sehen Sie ihre Breite; keine Wirtshäuser auf dem Wege, keine Brücken über die Flüsse; Fähren zuweilen, Furthen immer, aber Furten, die man kennen muß, wo nicht, so verschlingen sie Reisende, Pferde und Gepäck.

– Sire, antwortete Louise mit der Ruhe der Entschlossenheit, wenn ich an diese Flüsse komme, werden sie schon gefroren sein, denn man hat mir gesagt, daß nach dieser Seite der Winter noch frühzeitiger eintritt, als in St. Petersburg.

– Wie! rief der Kaiser aus, jetzt wollen Sie abreisen? Während des Winters wollen Sie zu ihm gehen?

– Sire, während des Winters muß die Einsamkeit viel schrecklicher sein.

– Das ist rein unmöglich, und Sie sind eine Thörin.

– Es ist unmöglich, wenn Eure Majestät es so will, denn niemand vermag Eurer Majestät ungehorsam zu sein.

– Nein, das Hindernis wird nicht von mir kommen, das Hindernis wird von Ihnen, von Ihrer Vernunft kommen; das Hindernis wird von den Schwierigkeiten selbst kommen, die sich Ihrem Vorhaben widersetzen.

– Dann, Sire, werde ich morgen abreisen.

– Wenn Sie aber unterweges unterliegen?

–Wenn ich unterliege Sire, so wird er niemals erfahren, daß ich auf der Reise zu ihm gestorben bin, und glauben, daß ich ihn nicht geliebt, das ist Alles; wenn ich unterliege, wird er Nichts verloren haben, denn ich bin ihm Nichts, weder Mutter, noch Tochter, noch Schwester; wenn sich unterliege, wird er eine Maitresse verloren haben, das ist Alles, das heißt, eine Frau, welcher die menschliche-Gesellschaft kein recht gewährt, und die der Welt danken muß, wenn die Welt nur Gleichgültigkeit für sie zeigt. Wenn ich im Gegentheile zu ihm gelange, Sire, so werde ich Alles für ihn sein, Mutter, Schwester, Familie. Ich werde mehr als eine Frau, im werde ein vom Himmel herabgekommener Engel sein; dann werden wir unserer zwei zum Leiden, und jeder von und wird nur zur Hälfte verbannt sein. Sie sehen wohl, Sire, daß ich zu ihm gehen muß, und das sobald als möglich.

– Ja, Sie haben Recht, sagte der Kaiser, indem er sie anblickte, und ich widersetze mich Ihrer Abreise nicht mehr. Nur will ich, soviel ich es vermag, während der Reise über Sie wachen, erlauben Sie es mir?

– O! Sire, rief Louise aus, ich danke Ihnen knieend dafür.

Der Kaiser schellte, ein Adjutant erschien.

– Hat man dem Brigadier Iwan den Befehl enthält, sieh hierher zu begeben? fragte der Kaiser.

– Er erwartet seit einer Stunde die Befehle Eurer Majestät, antwortete der Generaladjutant.

– Lassen Sie ihn eintreten.

Der Generaladjutant verbeugte sich und ging hinaus; fünf Minuten nachher öffnete sich die Thür wieder, und unser alter Bekannter, der Brigadier Iwan, that einen Schritt in das Kabinet, blieb dann mit der linken Hand an der Naht seines Beinkleides, mit der rechten Hand an seinem Tschako ohne Bewegung stehen.

–Tritt näher, sagte der Kaiser mit strengem Tone zu ihm.

– Der Brigadier that schweigend vier Schritte, und nahm seine erste Haltung wieder ein.

– Noch näher.

Der Brigadier that wieder vier Schritte, und befand sich nun vor dem Kaiser nur noch durch den Arbeitstisch getrennt.

– Du bist der Brigadier Iwan?

– Ja, Sire.

– Du kommandirtest die Bedeckung der sechsten Abtheilung?

–Ja, Sire.

– Du hattest den Befehl bekommen, die Gefangenen mit Niemand in Berührung treten zu lassen?

– Der Brigadier versuchte zu antworten, aber er vermogte die Worte, die er die beiden ersten Male mit so fester Stimme ausgesprochen, nur zu stammeln; der Kaiser schien diese Zögerung nicht zu bemerken, und fuhr fort:

– Du hattest in Deiner Abtheilung und unter Deinen Gefangenen den Grafen Alexis Waninkoff?

Der Brigadier erbleichte, und machte mit dem Kopf ein bejahendes Zeichen.

– Nun denn! trotz des empfangenen Verbotes, hast Du ihn seine Schwestern und seine Mutter sehen lassen; ein erstes Mal zwischen Mologa und Iroslaw und ein zweiten Mal zwischen Iroslaw und Kostroma.

Louise machte eine Bewegung, um dem armen Brigadier zu Hilfe zu kommen, aber der Kaiser streckte, als ein gebietendes Zeichen, die Hand nach ihr aus; der arme Iwan war gezwungen, sich auf den Tisch zu stützen.

Der Kaiser schwieg einen Augenblick lang still, dann fuhr er fort:

–Du wußtest inzwischen wohl, wessen Du Dich auf diese Weise durch ungehorsam gegen empfangene Befehle aussetzest?

Der Brigadier war nicht im Stande zu antworten. Louise empfand ein solches Mitleiden mit ihm, daß sie auf die Gefahr hin, dem Kaiser zu Mißfallen, die Hände faltete, indem sie sagte:

– Im Namen des Himmeln, Gnade für ihn, Sire!

– Ja, ja, Sire, stammelte der arme Teufel, Gnade! Gnade!

– Gut denn! ich bewillige Dir Deine Gnade.

Der Brigadier athmete wieder auf; Louise stieß einen Freudenschrei aus.

– Ich bewillige sie Dir auf die Bitte den Madame, fuhr der Kaiser fort, indem er auf Louisen deutete, aber unter einer Bedingung.

– Welche, Sire? rief Iwan aus. O! reden Sie, reden Sie!

– Wohin hast Du den Grafen Alexis Waninkoff gebracht?

– Nach Koslowo.

– Du wirst den Weg wieder einschlagen, den Du zurückgelegt hast, und Madame zu ihm führen. —

– O! Sire! rief Louise aus, die zu begreifen begann, woher die angenommene, Strenge der Kaisers rührte.

– Du wirst ihr in Allem gehorchen, ausgenommen, wenn es sich um ihre Sicherheit handelt.

– Ja, Sire.

– Hier eine Anweisung, fuhr der Kaiser fort, indem er eine Schrift unterzeichnete, die schon ganz vorbereitet, und der das Siegel bereits aufgedrückt war; diese Anweisung stellt Menschen, Pferde und Wagen zu Deiner Verfügung. Jetzt stehst Du mir mit Deinem Kopfe für sie?

– Ich stehe Ihnen für sie, Sire.

– Und wenn Du mir bei Deiner Zurückkunft, fuhr der Kaiser fort, einen Brief von Madame mitbringst, der mir sagt, daß sie ohne Unfall angekommen und mit Dir zufrieden gewesen ist, so bist Du Wachtmeister

– Iwan fiel auf die Kniee, und, die Vorschriften des Soldaten vergessend, um die Sprache der Mannen aus dem Volke anzunehmen, sagte er zu ihm:

– Danke, Vater.

Und der Kaiser reichte ihm, wie er es mit dem geringsten Moujick zu thun gewohnt war, die Hand zum Kusse.

Louise machte eine Bewegung, um sich auf der anderen Seite auf die Kniee zu werfen, und seine andere Hand zu küssen; der Kaiser hielt sie davon ab.

– Es ist gut, sagte er zu ihr; Sie sind eine heilige und würdige Frau. Ich habe Allen gethan, was ich für Sie habe thun können. Jetzt möge Gott Sie behüten!

– O! Sire, rief Louise aus, Sie sind für mich die sichtbare Vorsehung. Dank, Dank! Aber ich, ich, was vermag ich zu thun?

–Wenn Sie für Ihr Kind beten, so beten Sie zu gleicher Zeit für die Meinigen.

Und er machte ihr ein Zeichen mit der Hand und ging hinaus.

Als sie nach Hause laut, fand Louise ein kleines Kistchen, das man von Seiten der Kaiserin überbracht hatte.

Es enthielt die dreißig Tausend Rubel.

XXI

Es wurde beschlossen, daß Louise am folgenden Tage nach Moskau abreise, wo sie ihr Kind in den Händen der Gräfin Waninkoff und deren Töchter lassen sollte. Ich erlangte meiner Seits die Erlaubnis, Louisen bis nach dieser zweiten Hauptstadt Rußlands, die ich schon lange zu besuchen wünschte, zu begleiten. Louise gab Iwan den Auftrag, für den anderen Tag um acht Uhr Morgens einen Wagen zu besorgen.

Der Wagen war zur bestimmten Stunde bereit, und das gab mir eine hohe Idee von Iwans Pünktlichkeit. Ich warf einen Blick aus das Fuhrwerk, und bemerkte mit Ueberraschung, daß sein Bau zugleich fest und leicht war; aber mein Erstaunen verlor sich, als ich in einer Ecke des Schlages das Zeichen der kaiserlichen Majestät erkannte.

Iwan hatte das Recht benutzt, das ihm die Anweisung des Kaisers gewährte, und den besten der Wagen des kaiserlichen Gefolges, den er hatte finden können, genommen.

Louise ließ nicht ans sich wartete; sie strahlte vor Freude, alle Gefahren, alle Besorgnisse waren verschwunden. Am Tage zuvor war sie entschlossen, die Reise ohne alle Hilfsmittel und zu Fuße, wenn es sein wüßte, zu machen, heute vollzog sie dieses Vorhaben mit aller Bequemlichkeit des Luxus und unter dem Schutze des Kaisers. Der Wagen war ganz mit Pelz ausgeschlagen, denn obgleich noch kein Schnee gefallen, so war die Luft: doch schon kalt, besonders des Nachts. Wir richteten uns, Louise und ich, im Inneren ein; Iwan setzte sich mit dem Postillon auf den Bock, und auf das durch ein Pfeifen gegebene Zeichen fuhren wir wie der Wind davon.

Wer in Rußland nicht gereiset ist, der kann sich durchaus keinen Begriff von dieser Schnelligkeit machen. Es sind sieben hundert sieben und zwanzig Werste, ohngefähr hundert und neunzig französische Meilen, von St. Petersburg bis nach Moskau, und man lege sie, wenn man die Postillone nur gut bezahlt, in vierzig Stunden zurück. Erklären wir nun, was es in Rußland heißt, die Postillone gut bezahlen.

Der Preis für jedes Pferd ist fünf Centimen auf die Viertelmeile, was ohngefähr sieben oder acht französische Sous (10 – 1l Kreuzer rheinisch) auf die Post macht. Das gehört den Herren der Pferde, und um diesen Punkt hatten wir uns nicht einmal zu bekümmern, denn wir reisten auf Kosten des Kaisers.

Was den Postillon anbelangt, so ist sein Trinkgeld, zu dem man nicht verbunden ist, der Freigebigkeit des Reisenden überlassen; achtzig Kopecken für die Station dort fünf – und zwanzig bis dreißig Werke, das heißt für eine Entfernung von sechs bis sieben Französischen Meilen, scheint ihm eine so glänzende Summe, daß er deine Ankommen auf der Station nicht ermangelt von weitem zu rufen: – Hurtig, hurtig, ich bringe Adler. Was andeutet, es müsse mit der Schnelligkeit des Vogels gehen, dessen Namen er entlehnt, um den freigebigen Reisenden zu bezeichnen; wenn er im Gegentheile unzufrieden ist, und diejenigen, welche er gefahren hat, thue nur wenig oder Nichts gegeben haben, so meldet er mit einer ausdruksvollen Grimasse, und indem er mit langsamen Trabe vor der Post anlangt, daß er nur Raben fährt.

Fünfzehn oder zwanzig Bauern, deren Pferde zum Fahren bereit sind, halten sich immer vor der Station auf, indem sie die Ankunft irgend einer Postchaise oder irgend eines Schlittens abwarten, und in der Zwischenzeit spielen, denn der Russische Bauer ist Spieler, aber Spieler nach Art der Kinder, um sich zu belustigen, und nicht um zu gewinnen. Kaum erscheint eine Postchaise, so hört jedes Spiel auf, und wenn sie Adler enthält, so stürzt Alles herbei, man spannt die Pferde ab, bevor sie noch stille stehen, man bemächtigt sich des Leitseils, welches aus einem einfachen Strick besteht; jeder erfaßt den Strick nach der Reihe, indem er seine Hand neben die Hand seines Kameraden legt, bis daß der Strick in seiner ganzen Länge drei oder vier Mal durch dieselben Hände angefaßt ist, und derjenige, dessen Hand zuletzt an das äußerste Ende des Strickes kommt, ist bestimmt, den Wagen von dieser Post nach der anderen zu fahren. Sogleich eilt er unter den Glückwünschen seiner Kameraden seine Pferde zu holen; jeder leistet ihm hilfreiche Hand, um anzuspannen, und nach Verlauf einiger Secunden sprengt der neue Vorspann auf der Straße dahin. Wenn aber im Gegentheile die Ankommenden Raben sind, so geht Alles viel ruhiger, obgleich immer auf dieselbe Weise vor sich; nur ändert sich das Spiel, denn derjenige, welcher fahren soll, wird der Verlierende, dann wendet jeder Geschicklichkeit im anfassen des Strickes an, damit er dem Loose nicht verfalle, und derjenige, welchen der Zufall bezeichnet, entfernt sich unter dem Gespötte seiner Gefährten, um seine Pferde zu holen; nachdem hierauf eingespannt, fährt er im kurzen Trabe davon.

Aber wie bescheiden auch das Trinkgeld sein möge, einmal fortgefahren, feuert sieh der Kutscher selbst an, indem er mit seinen Pferden spricht; denn niemals schlägt er sie, und mit der Stimme allein treibt er ihren Gang an, oder macht ihn langsamer. Freilich ist auch Nichts schmeichelhafter als seine Lobeserhebungen, wie auch Nichts demüthigender als seine Vorwürfe; wenn sie gutgehen, sind seine Pferde Schwalben, Tauben; er nennt sie seine Brüder, seine Geliebten, seine kleinen Täubchen; wenn sie schlecht gehen, so sind sie Schildkröten, Schnecken, und er verspricht ihnen für die andere Welt eine noch schlechtere Streu, als in dieser hier, eine Drohung, die ihnen gewöhnlich allen ihren Muth wieder gibt, und durch welche sie wieder mit der Schnelligkeit des Windes davon eilen.

Einmal im Zuge hält Nichts den Russischen Kutscher auf, sein Fahren ist ein blindes Dahinsprengen; Gräben, Steinhaufen, Hecken, umgewofene Baume, über Alles jagt er fort; wenn er umwirft, rafft er sich auf, und ohne sich nur um das zu bekümmern, was ihm selbst zugestoßen, eilt er mit lachendem Gesichte an den Schlag; sein erstes Wort ist: Nitschewaw, es ist Nichts, – und das zweite: Nehos, haben Sie keine Furcht. Welches auch der Rang oder der Stand sein möge, die Redensart ändert sich in Nichts; wie gefährlich auch der Sturz sein mag, das sich am Schlage zeigende Gesicht ist dasselbe, immer lächelnd.

Wenn der Unfall unbedeutend, so ist er augenblicklich wieder hergestellt. Ist eine Achse gebrochen, so fällt der erste Baum, dem er auf der Straße begegnet, unter dem kleinen Bette, das der Russische Bauer fast immer bei sieh trügt, und das für ihn alle Werkzeuge ersetzt. Nach Verlauf eines Augenblickes ist der Baum abgehauen, zugestutzt und zugerichtet, hat die Achse ersetzt, und der Wagen fährt weiter. Ist es ein Strang, der auf eine Weise reißt, daß er ihn nicht wieder anknüpfen kann, so genügen für den Russischen Bauer einige Secunden, um ans dem Baste einer Weide einen festeren als den ersten zu flechten, und die wieder angespannten Pferde gehen auf das erste Zeichen ihres Herrn wieder weiter.

Uebrigens macht der Kutscher mit seinen Anfeuerungen und seinem Singen einen solchen Lärm, er ist so wenig um den Käfig bekümmert, den er hinter sich führt, und in dem er seine Raben oder seine Adler schaukelt, daß er es zum Beispiel zuweilen gar nicht gewahr wird, wenn sich der Vorderwagen bei einem Stoße loslöst. Er fahrt dann fort, sich im vollen Galopp zu entfernen, indem er den Kasten auf der Straße läßt, und nur erst auf der Station bemerkt er, daß er seine Reisenden verloren hat; dann kehrt er mit vollkommen guter Laune, die den Grundzug seines Charakters ausmacht, um, kommt mit den Worten wieder zu ihnen: Es ist Nichts. Er bringt sein Fuhrwerk wieder in Ordnung und fährt ab, indem er hinzufügt: Haben Sie keine Furcht.

Obgleich wir, wie man wohl erräth, in die Klasse der Adler gestellt waren, so war doch, Dank der Vorsorge Iwans! unser Wagen so fest, daß uns kein Unfall dieser Art begegnete, und am nämlichen Abend gelangten wir nach Nowgorod, der alten und mächtigen Stadt, von deren Wahlspruche das Russische Sprichwort herrührt: Wer kann wider Gott und Großnowogorod!

Nowgorod, früher die Wiege der Russischen Monarchie, deren sechzig Kirchen kaum für seine glänzende Bevölkerung ausreichen, ist heut zu Tage mit seinen geschleiften Mauern eine Art von Ruine mit öden Straßen, die gleich dem Schatten einer verstorbenen Hauptstadt an dem Wege zwischen St. Petersburg und, Moskau, diesen beiden modernen Hauptstädten, steht.

Wir hielten in Nowgorod nur an, um daselbst zu Nacht zu essen, und fuhren hierauf sogleich wieder weiter. Von Zeit zu Zeit fanden wir auf unserem Wege große Feuer, und um diese Feuer Männer mit langen Bärten und einen Zug von zu beiden Seiten der Straße dicht an einander gestellter Wagen. Diese Männer sind die Fuhrleute des Landes, welche in Ermangelung von Dörfern, und dem zu Folge von Wirthshäusern, an dem Rande des Weges in ihren Mänteln schlafend lagern, und sich am folgenden Tage eben so munter und eben so vergnügt, als hätten sie in dem besten Bette von der Welt übernachtet, wieder auf den Wen begeben. Während ihres Schlummers grasen ihre abgeschirrten Pferde in dem Walde, oder weiden in der Ebene; sobald der Tag anbricht, pfeifen die Fuhrleute ihnen, und die Pferde kommen und stellen sich von selbst jedes an seinen Platz.

Wir erwachten am anderen Tage mitten in der Gegend, die Iwan die Russische Schweiz nennt. Es ist dieses, unter diesen ewigen Steppen, oder unter diesen finstern und unermeßlichen Tannenwäldern, eine köstliche mit Seen, Thälern und Bergen durchschnittene Gegend.

Waldai, ohngefähr neunzig Französische Meilen von St. Petersburg gelegen, ist der Mittelpunkt und die Hauptstadt dieses nordischen Helvetien. Kaum war unser Wagen daselbst angelangt, als wir uns den einer Menge Pfeffernußhändlerinnen umringt sahen, die mich an die Pariser Backwarenverkäuferinnen erinnerten. Nur wird man, anstatt der kleinen Anzahl privilegirter Händlerinnen, welche die Zugänge der Tuilerien ausbeuten, in Waldai von einem Heere junger Mädchen in kargen Unterröcken bestürmt, die ich sehr wegen eines unerlaubten und verborgenen Handels neben dem, welchen sie offenkundig treiben, in Verdacht habe.

Nach Waldai kommt Torschock, berühmt durch seinen Handel mit gesticktem Maroquim, von dem man Morgenstiefeln von reizender Schönheit und geschmackvolle Frauenpantoffeln mit köstlichen Zeichnungen verfertigt. Hierauf zeigt sieh Twer, der Hauptort des Gouvernements, wo man auf einer Brücke von sechs Hundert Fuß Lange über die Wolga geht. Dieser Fluß mit riesenhaftem Laufe nimmt seinen Ursprung in dem Scliguer-See, und fällt in das Caspische Meer, nachdem er Rußland in seiner ganzen Breite durchströmt, das heißt einen Raum von ungefähr sieben Hundert Französischen Meilen. Fünf und zwanzig Werste von dieser Stadt überfiel uns die Nacht wieder, und als der Tag anbrach, waren wir im Angesichte des glänzenden Domes und der vergoldeten Glockenthürme von Moskau.

Dieser Anblick brachte einen tiefen Eindruck auf mich hervor. Ich hatte das große Grab vor Augen, in dem Frankreich sein Glück begraben. Ich schauderte wider Willen, und es schien mir, als ob mir der Schatten Napoleons gleich dem des Adamastor erscheinen, und mir seine Niederlage mit blutigen Thränen erzählen würde.

Beim Eintritte in die Stadt suchte ich dort überall die Spuren unseres Feldzuges vom Jahre 1812, und ich erkannte einige davon. Von Zeit zu Zeit boten sich unseren Blicken noch große von den Flammen geschwärzte Schutthaufen, als traurige Beweise der wilden Ergebenheit Rostopschins. Ich stand fast im Begriffe, den Wagen halten zu lassen, und bevor ich im Wirthshause abstiege, bevor ich irgend wo hinginge, nach dem Wege nach dem Kreml zu fragen, ungeduldig, das finstere Schloß zu besuchen, um das herum die Russen eines Morgens einen Feuergürtel aus der ganzen Stadt gebildet hatten; aber ich war nicht allein. Ich schob meinen Besuch für später auf, und ließ Iwan uns führen. Er ließ uns durch einen Theil der Stadt fahren, und wir hielten vor einer, von einem Franzosen dort errichteten Gastwirthschaft in der Nähe der Marschallsbrücke an. Der Zufall hatte uns neben dem Hotel absteigen lassen, das die Gräfin Waninkoff bewohnte.

Louise war sehr ermüdet von der Reise, während welcher sie ihr Kind beständig in ihren Armen getragen hatte; aber obgleich ich darauf bestand, daß sie sich zuvor ausruhen möchte, begann sie doch an die Gräfin zu schreiben, um derselben ihre Ankunft in Moskau zu melden, und um die Erlaubniß zu bitten, sich ihr vorstellen zu dürfen. Wir überlegten, durch welchen Boten wir diese Depesche der Gräfin zukommen lassen könnten, als wir an unseren wackeren Brigadier Iwan dachten. Wir sahen ein, daß der Brief durch ihn überbracht keine unfreundliche Aufnahme haben würde, und er übernahm seiner Seits den Auftrag mit großem Vergnügen.

Zehn Minuten nachher, als ich mich eben in mein Zimmer zurückgezogen hatte, hielt ein Wagen vor der Thür. Dieser Wagen brachte die Gräfin und ihre Töchter, die den Besuch Louisens nicht hatten abwarten wollen, und die herbeieilten um sie zu holen. In der That, sie kannten die Ergebenheit dieses edlen Herzens, sie wußten, in welcher Absicht sie abgereist war, und an welchen Ort sie sich begab, und sie wollten nicht, daß diejenige, welche sie Tochter und Schwester nannten, während der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes in Moskau irgendwo anders, als bei ihnen wohnte.

Da mein Zimmer an dasjenige Louisens gränzte, so war ich in einiger Art Zeuge der feurigen Ergießung, mit der sich die arme Mutter in die Arme Derjenigen warf, die im Begriffe stand, ihren Sohn wieder zu sehen. Wie wir es gedacht, so hatte der Anblick Iwans der ganzen Familie ein großes Vergnügen verursacht, denn durch ihn hatte die Gräfin die neuesten Nachrichten von Waninkoff erfahren können, und sie hatte erfahren, daß er in Koslowo in so gutem Wohlsein angekommen war, als es die Lage erlaubte. Uebrigens war es selten ein Glück für die Gräfin und ihre Töchter, den Namen des Dorfes zu wissen, das er bewohnte.

Louise zog die Vorhänge des Bettes zurück, und zeigte ihnen ihr eingeschlafenes Kind, und, bevor sie noch sagte, daß es ihre Absicht sei, es ihnen zu lassen, bemächtigten sich die beiden Schwestern seiner, und hielten es den Küssen ihrer Mutter dar.

Die Reihe kam an mich. Man wußte daß ich Louisen begleitet hatte, und daß ich der Fechtmeister des Grafen Alexis war; nun wollten mich die drei Frauen sehen. Louise ließ mir sagen, daß man mich erwartete; ich war darauf gefaßt, und hatte glücklicher Weise Zeit gehabt die Unordnung wieder herzustellen, welche die achtundvierzigstündige Reise in meiner Toilette verursacht hatte.

Wie man erräth, wurde ich mit Fragen überhäuft. Ich hatte lange genug in dem Vertrauen des Grafen gelebt, um alle ihre Fragen beantworten zu können, und ihn zu sehr geliebt, um müde zu werden, über ihn zusprechen. Das Resultat davon war, daß die armen Frauen so entzückt von mir waren, daß sie durchaus verlangten, ich solle Louisen zu ihnen begleiten; da ich aber kein Recht auf eine so ehrenvolle Gastfreundschaft hatte, so schlug ich es aus. Außerdem, die Unbescheidenheit abgerechnet, die in der Annahme dieses Vorschlags gelegen hätte, war ich in dem Wirthshause freier; und da ich nach der Abreise Louisens nicht langer in Moskau zu bleiben gedachte, so wollte ich die wenige Zeit, welche ich dort zuzubringen hatte, dazu benutzen, um die heilige Stadt zu besuchen.

Louise erzählte ihre Unterredung mit dem Kaiser, so wie alles das, was er für sie gethan hatte, und die Gräfin weinte bei diesem Berichte eben so sehr vor Freude, als aus Dankbarkeit, denn sie hoffte, daß der Kaiser nicht zur Hälfte großmüthig sein würde, und die ewige Verbannung in eine Verbannung auf Zeit verwandeln würde, wie er bereits die Todesstrafe in Verbannung verwandelt hatte.

Da ich dieselbe abgelehnt, wollte die Gräfin zum Mindesten Iwan die Gastfreundschaft anbieten; aber ich nahm ihn für mich in Anspruch, da ich die Absicht hatte, meinen Cicerone aus ihm zu machen. Iwan hatte den Feldzug von 1812 mitgemacht; er hatte sich dem Niemen bis nach Wladimir zurückgezogen, und uns von Wladimir bis über die Berezina hinaus verfolgt. Man wird einsehen, daß er mir zu kostbar war, als daß ich mich von ihm trennen mochte. Louise und ihr Kind stiegen demnach mit der Gräfin Waninkoff und ihren Töchtern in den Wagen, und ich blieb mit Iwan in dem Wirthshause, nachdem ich aber jedenfalls versprochen hatte, noch am selben Tage zu der Gräfin zum Mittagessen zu kommen.

Eine Viertelstunde nachher befanden wir uns ans dem Wege, und ich begann meine Nachforschungen.

Türler ve etiketler

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10 aralık 2019
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