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Kitabı oku: «Der Bastard von Mauléon», sayfa 16

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Fünftes bis achtes Bändchen

Achtzehntes Kapitel.
Der Leithund

Das Geheimniß der Reise von Mothril nach Bordeaux war nun erklärt, und Aissa konnte dem Ritter nichts mehr über diesen Gegenstand mitzutheilen haben; doch es blieben für Beide viel wichtigere Dinge übrig: dies waren die tausend Liebesgeständnisse, die den Liebenden immer neu vorkommen, und die auch in der That für Agenor und Aissa um so neuer waren, als sie sich dieselben nie mit Muße gemacht hatten.

Andererseits wußte Enrique von Transtamare den Plan seines Bruders, als ob ihm dieser Plan mitgetheilt worden wäre, und er ahnete zum Voraus die Antwort des Prinzen von Wales, als ob er dem Rath, der am andern Tag gehalten werden sollte, beigewohnt hätte. Ueberzeugt, Don Pedro würde die Unterstützung der Engländer erlangen, konnte er sich zu nichts Anderem entscheiden, als Bordeaux zu verlassen, ehe das Bündniß zwischen ihnen beschworen wäre; denn dann, sollte er erkannt werden, würde man ihn zum Kriegsgefangenen machen, und Don Pedro könnte wohl, um den Krieg mit einem Schlage zu beendigen, zudem raschen Mittel greisen, welches gegen seinen Bruder anzuwenden Enrique nur eine Berechnung des Ehrgeizes abgehalten hatte.

Als der Prinz und der Ritter sich ihre Gedanken mitgetheilt hatten, als der eine, sich an die Klugheit des andern wendend, einen weisen Rath über den Entschluß, den er fassen sollte, erhalten, als nämlich Agenor Enrique aufgefordert hatte, rasch nach Aragonien abzureisen, um dort die ersten Compagnien zu empfangen, welche der Connetable absandte, dachte der Prinz an die Privatangelegenheiten seines jungen Gefährten.

»Und Eure Liebschaft?« sagte er.

»Gnädigster Herr,« erwiderte Agenor, »ich verberge nicht, daß ich mit tiefer Traurigkeit daran denke. Es war so schön, als ich zehn Schritte von mir das Glück fand, von dem ich so lange geträumt hatte, und dem ich mein ganzes Leben, ohne es einzuholen, nachzulaufen befürchtete, aber . . .«

»Nun!« versetzte der Prinz, »was hat sich daran verändert, und was verhindert Euch, der Ihr keinen Bruder zu bekämpfen und keinen Thron zu erobern habt, was hindert Euch, dieses Glück im Vorübergehen zu pflücken?«

»Mein Prinz, reist Ihr nicht ab?« fragte Agenor.

»Ich reise sicherlich, doch so zart auch die Freundschaft ist, die ich in meinem Herzen für Euch entstehen fühle, mein lieber Agenor, so kann sie doch nicht, Ihr werdet das zuerst begreifen, den Interessen eines königlichen Glückes und der Wohlfahrt eines ganzen Volkes das Gleichgewicht halten. Handelte es sich um Eure Existenz,« fügte der Prinz plötzlich bei, »oh! dann wäre es etwas Anderes, denn Eurer Existenz würde ich mein Glück und meinen Ehrgeiz opfern.«

Und die scharfen Augen des Prinzen tauchten sich in den klaren, durchsichtigen Blick des jungen Franzosen, um hier die Dankbarkeit zu suchen.

»Aber,« fuhr Enrique fort, »Eurer, erlaubt mir, es Euch zu sagen, mein Freund, Eurer ziemlich tollen Leidenschaft für die Tochter des Verräthers Mothril werde ich meine Krone nicht opfern.«

»Ich weiß dies wohl, Hoheit, und ich wäre sogar ein Wahnsinniger, wenn ich mir nur einen Augenblick diese Hoffnung gemacht hätte. . . Lebewohl, arme,Aissa . . . «

Und von seinem Fenster schaute, er so traurig nach dem unter den Sycomoren verborgenen Pavillon, daß der Prinz lächelte.

»Glücklicher Verliebter!« sagte er, während seine Stirne düster wurde z »er lebt für einen süßen Gedanken, der beständig in seinem Herzen blüht und sein Dasein durchduftet. Ach! auch ich habe diese reizende Qual gekannt, welche in der Tiefe der Seele alle edle und jugendlichen Gefühle vibriren macht.«

»Ihr nennt mich glücklich, hoher Herr,« rief Agenor, »und Aissa erwartet mich morgen; morgen sollte ich Aissa sehen, und ich werde sie nicht sehen; hoher Herr, wenn alle Hoffnungen eines zwei und zwanzigjährigen Herzens in dem Augenblick, wo sie in Erfüllung gehen sollten, verschwindend ein Unglück bilden, so bin ich der unglücklichste Mensch unter der Sonne.«

»Du hast Recht, Agenor,« sprach der Prinz, »denke also nur an die gegenwärtige Stunde; Du trachtest nicht nach Schätzen, Du verfolgst nicht eine Krone, Du verlangst ein süßes Wort, Du forderst einen ersten Kuß: Dein Reichthum ist eine Frau, Dein Thron ist der Sitz von Blumen, den sie morgen mit Dir theilen sollte. Oh! verliere diesen Abend nicht, Agenor, vielleicht wird dies die schönste Perle sein, welche die Jugend in eine Deiner Erinnerungen niederlegt.«

»Ihr werdet also ohne mich von hier abgehen, gnädigster Herr?« sprach Agenor.

»Noch in dieser Nacht. Ich will das Gebiet des Engländers verlassen; Du begreifst, der Tag muß mich auf neutralem Lande finden. Drei bis vier Tage verweile ich in Navarra, in Pampeluna. Folge mir rasch, Agenor, denn ich kann nicht länger auf Dich warten.«

»Oh! mein Prinz,« rief Agenor, »ich soll Euch verlassen, während Euch eine Gefahr bedroht! Mir scheint, für alle Schätze dieser Liebe, die mich erwartet und die Ihr mir versprecht, würde ich nicht hierzu einwilligen.«

»Uebertreiben wir nicht, Agenor, wenn wir diesen Abend aufbrechen, bedroht uns keine Gefahr. Steige also den blühenden Abhang hinab. Gehe, Perajo wird mich begleiten, und Du weißt, das ist ein gutes Schwert; doch komm rasch zurück.«

»Aber, Hoheit . . .«

»Und dann höre: wenn Du die Maurin liebst, wie Du sagst . . . «

»Ei! gnädigster Herr, ich wage es nicht, Euch zu sagen, wie sehr ich sie liebe, denn kaum habe ich sie gesehen, kaum habe ich zwei Worte mit ihr ausgetauscht.«

»Zwei Worte sind genug, wenn man sie in unserer schönen castilianischen Sprache gut zu wählen weiß. Ich wollte Dir also sagen, wenn Du diese Maurin liebest, werde dies ein doppelter Triumph für Dich sein, da Du zugleich Mothril die Tochter und der Hölle eine Seele entführest.«

Diese Worte waren die eines Königs und eines Freundes. Agenor begriff, daß Enrique von Transtamare schon diese doppelte Rolle spielte, und um in der seinigen pünktlich zu sein, kniete er vor dem Prinzen nieder, für den alle diese Interessen so verächtlich, so geringfügig waren, daß sich sein Geist schon davon entfernt hatte und jenseits der Pyrenäen in den Wolken schwebte, welche den Gipfel der Sierra Aracena bekränzen.

Es wurde nun verabredet, daß der Prinz ein paar Stunden ausruhen und dann nach der Grenze aufbrechen sollte. Mauléon aber, der von nun an frei war und seine goldene Kette für den Augenblick gebrochen fühlte, lebte nicht mehr auf der Erde, er schwamm im Himmel.

Der Schlaf der Verliebten ist wenig tief, doch lang, denn er ist voll von Träumen, die sie mit einander verketten, und die so sehr dem Glück gleichen, daß sie alle Mühe haben, zu erwachen.

Als Agenor die Augen öffnete, war die Sonne auch schon hoch am Horizont. Er rief sogleich Musaron und erfuhr von diesem, der Prinz sei am Morgen um vier Uhr zu Pferde gestiegen und habe sich von Bordeaux mit der Schnelligkeit eines Menschen entfernt, der die Gefahr einer schwierigen Lage fühlt.

»Gut,« sagte er, als er die Erzählung des Knappen, verschönert mit allen Commentaren, die dieser beifügen zu müssen glaubte, gehört hatte, »gut, Musaron. Wir unsererseits bleiben noch in Bordeaux diesen Abend und vielleicht sogar morgen; doch während dieser Zeit, das ist beschlossen, gehen wir nicht aus und lassen uns vor Niemand sehen. Wir werden in der Stunde des Aufbruchs, welche jeden Augenblick eintreten kann, nur um so frischer sein. Du, mein Freund, Pflege die Pferde gut, damit sie den Prinzen einholen können, selbst wenn man ihnen eine doppelte Last und eine doppelte Schnelligkeit auferlegen würde.

»Oho!« rief Musaron, der wie man weiß, sich gegen seinen Herrn frei benahm, besonders wenn dieser guter Laune war, »wir treiben also nicht mehr Politik, wir gehen zu etwas Anderem über. Wenn ich wüßte, zu was wir übergehen, so könnte ich Euch vielleicht helfen.«

»Du wirst das um Mitternacht sehen, Musaron; »bis dahin verhalte Dich still und ruhig und thue, was ich Dir sage.«

Stets entzückt über sich selbst wegen des ungeheuren Vertrauens, das er zu seinen eigenen Mitteln hatte, striegelte Musaron seine Pferde, machte er seine doppelten Mahle und erwartete Mitternacht, ohne die Nase an ein einziges Fenster zu halten.

Nicht dasselbe war bei Agenor der Fall, denn dieser hatte beständig die Augen an den niedergelassenen Vorhängen und verlor das benachbarte Haus nicht ans dem Blick,

Doch Agenor war, wie gesagt, spät aufgestanden, und da Musaron, der noch mehr in die Nacht hinein gewacht, seinen Herrn nachgeahmt, so hatte weder der Eine, noch der Andere in dem Garten, der einen Theil der Wohnung von Don Pedro bildete, einen Mann bemerkt, welcher schon vor Tagesanbruch, auf den Boden gebückt, mit sichtbarer Aengstlichkeit die der frischen Erde des Gartens eingedrückten Spuren von Tritten und die zerknitterten und zerbrochenen Zweige an den Gebüschen in der Umgegend des Gemaches von Aissa untersuchte.

Dieser in einen weiten Mantel gehüllte Mann war der Maure Mothril, welcher mit der seiner Race eigenthümlichen Scharfsinnigkeit die verschiedenen Eindrücke verglich, deutete, verfolgte, wie ein Leithund eine Spur verfolgt, von der ihn nichts abbringt, nicht einmal die augenblicklichen Unterbrechungen.

»Ja,« sagte der Maure, das Auge glühend und die Nase weit aufgesperrt, »ja, das sind wohl meine Tritte in dieser Allee; ich erkenne sie an der Form meiner Pantoffeln. Dies sind die tiefer eingedrückten des Prinzen von Wales; er hatte eiserne Stiefel, und seine Rüstung machte ihn noch schwerer. Diese hier sind die des Königs Don Pedro; man gewahrt sie kaum, denn er hat einen Gang so leicht wie der der Gazelle. Immer folgen sich unsere drei Eindrücke, doch diese . . . diese kenne ich nicht,«

Mothril ging von der Geißblattlaube zu dem Gebüsch, wo sich Mauléon lange verborgen gehalten hatte.

»Hier,« murmelte er, »hier sind tiefe, ungeduldige, abwechselnde Spuren. Woher kamen sie? wohin gingen sie? Nachdem Haus. . . Ja, ich sehe sie hier, und sie erreichen den Fuß, der Mauer. Dort sind sie noch tiefer eingegraben. Derjenige, welcher hier wartete, hat sich auf den Fußspitzen erhoben; ohne Zweifel versuchte er es, den Balcon zu erreichen: er wollte zu Aissa, das unterliegt keinem Zweifel. War nun Aissa mit ihm einverstanden? Das werden wir zu erfahren bemüht sein.«

Und über den Eindruck gebückt, untersuchte der Maure diesen mit ernster Unruhe.

Nach einem Augenblick fuhr er fort:

»Dieser Tritt ist der eines Mannes mit einer Fußbekleidung, wie sie die fränkischen Ritter haben. Hier ist die vom Sporn gezogene Furche; wir wollen sehen, woher sie kommt.«

Mothril nahm die Spur wieder auf, die ihn zu der Geißblattlaube führte, wo seine Nachforschungen abermals begannen.

»Es hat sich noch ein Anderer hier aufgehalten,« murmelte er; »ich sage ein Anderer, denn der Tritt ist nicht derselbe. Dieser war ohne Zweifel unseretwegen gekommen, während der Andere Aissa zu Liebe kam. An diesem gingen wir so nahe vorüber, daß wir ihn fast streiften, und er mußte uns hören. Was sprachen wir, als wir hier vorbeikamen?«

Mothril suchte sich zu erinnern, welche Worte an dieser Stelle aus seinem Munde und ans dem seiner zwei Gefährten gekommen waren. Doch es war nicht die Politik, was Mothril am meisten beschäftigte, und er kehrte bald zu der Untersuchung der Tritte zurück.

Da entdeckte er den Zug der Eindrücke, welche bis zur Mauer hinaufgingen. Drei Männer waren herabgestiegen; der Eine war bis zu dem Feigenbaum gegangen, in welchem er sich verborgen hatte, denn die unteren Zweige des Baumes waren abgebrochen. Dieser mußte eine einfache Schildwache sein.

Der Andere war bis zu der Geißblattlaube gekommen, und dies war ohne Zweifel ein Spion.

Der Dritte war bis zu dem Gebüsch gegangen, hatte hier einen Augenblick Halt gemacht, und sich sodann aus dem Gebüsch zum Pavillon von Aissa geschlichen: dieser war sicherlich ein Liebhaber.

Mothril folgte wieder der Spur aufwärts und befand sich am Fuße der Mauer, welche das Haus von Ernauton von Sainte-Colombe von dem an den Prinzen von Wales verkauften Pavillon trennte. Hier wurde Alles klar und offenkundig, als ob er in einem Buche lesen würde.

Das Untertheil der Leiter hatte zwei Löcher ausgehöhlt und das Obertheil hatte die Mauerkappe beschädigt.

»Alles kommt von daher,« sagte der Maure.

Dann erhob er sich selbst über die Mauerkappe und tauchte seinen gierigen Blick in den Garten von Ernauton, doch es war frühzeitig, und Agenor und Musaron schliefen, wie gesagt, lange. Mothril sah also nichts; er bemerkte nur jenseits der Mauer eine andere Spur von Tritten, welche nach dem Hause zuging.

»Ich werde wachen,« sagte er.

»Den ganzen Tag erkundigte sich Mothril in der Nachbarschaft, doch die Diener von Ernauton waren verschwiegen; überdies kannten sie Enrique von Transtamare nicht und sahen Agenor zum ersten Mal. Sie waren so wortkarg und unterrichteten den Spion des Mauren und Mothril selbst so wenig, indem sie sagten: »Unser Gast ist der Taufpathe von Herrn Ernauton von Carmainges,« daß Mothril sich nur auf sich selbst zu verlassen beschloß.

Es kam die Nacht.

Don Pedro wurde mit seinem getreuen Botschafter im Palaste des Prinzen von Wales erwartet. Zu der für den Besuch verabredeten Stunde fand sich Mothril bereit und trat, den Prinzen begleitend, in den Rath wie ein Mann ein, den die Sorgen für das eigene Haus nicht von seinen Pflichten abzubringen vermögen.

Mauléon, der den Ausgang des Mauren belauert hatte, nahm, sobald er Aissa allein wußte, sein Schwert, befahl seinem Knappen, die Pferde gesattelt im Hof von Ernauton bereit zu halten, bemächtigte sich der Leiter, die er an der Mauer an derselben Stelle, wie am Tage vorher, anlegte, und stieg ohne einen Unfall in den Garten des Prinzen von Wales hinab.

Es war eine Nacht, ähnlich den schönen Nächten des Orients, ähnlich der schönen vorhergehenden Nacht, ähnlich dem, was die folgende Nacht sein sollte, nämlich voll von Wohlgerüchen und Geheimnissen.

Nichts störte also die Heiterkeit des Herzens von Agenor, wenn nicht gerade die Fülle seiner Freude; denn das, was man die Ahnung nennt, ist zuweilen nur das Uebermaß der Seligkeit, welches bewirkt, daß man für dieses zerbrechliche Glück zittert, das durch so viele Stöße zertrümmert werden kann. Wer nicht Unruhe empfindet, ist nicht völlig glücklich, und selten ist der muthigste Liebhaber zu dem Rendezvous gegangen, das ihm seine Gebieterin gegeben, ohne einen Schauer der Angst zu fühlen.

Wüthend vor Liebe, wie jene schönen Feen der brennenden Klimate, wo sie zuerst das Tageslicht erblickte, hatte Aissa ihrerseits den ganzen Tag an die vorhergehende Nacht, die ihr wie ein Traum vorkam, und an die Nacht, welche sie erwartete und die ihr der süßeste Ausdruck des Glückes zu sein schien, gedacht; auf den Knieen am offenen Fenster, die Abendluft und den Wohlgeruch der Blumen einathmend, alle sympathetischen Empfindungen schlürfend, welche die Gegenwart ihres Geliebten offenbarten, lebte sie nur durch den Gedanken an diesen Mann, den sie noch nicht hörte, noch nicht sah, aber im geheimnißvollen Schweigen der Nacht errieth.

Plötzlich vernahm sie etwas wie ein Streifen in den Blättern, und sie neigte sich erröthend vor Wonne unter die Blumen, die ihren Balcon zierten.

Das Geräusch verdoppelte sich, ein schüchterner Tritt, der die Pflanzen berührte, ein unsicherer, bei nahe schwebender Tritt verkündigte ihr, daß sich ihr Viel geliebter nahte.

Mauléon erschien in dem breiten Streifen des silbernen Lichtes, das der Mond aus den Raum zwischen den Gebüschen und dem Haus warf.

Alsbald hing sich, leicht wie eine Schwalbe, die schöne Maurin, welche nur diese Erscheinung erwartete, an eine lange seidene Schnur, die am steinernen Balcon befestigt war, fiel, indem sie sich aus den Sand herabgleiten ließ, in die Arme von Agenor und sprach, seinen Kopf mit ihren zarten Händen umschlingend:

»Hier bin ich, Du siehst, daß ich Dich erwartete.«

Und verwirrt vor Liebe, schauernd in einer süßen Bangigkeit, fühlte Mauléon seine Lippen gefangen unter einem glühenden Kuß.

Neunzehntes Kapitel.
Liebe

Doch wenn Mauléon nicht sprechen konnte, konnte er doch wenigstens handeln. Rasch zog er Aissa unter die Geißblattlaube, welche am Tage vorher Enrique von Transtamare beschützt hatte, setzte hier die schöne Maurin auf eine Rasenbank und fiel vor ihr aus die Kniee.

»Ich erwartete Dich,« wiederholte Aissa.

»Habe ich denn aus mich warten lassen?« fragte Agenor.

»Ja,« erwiderte das Mädchen, »denn ich erwarte Dich nicht erst seit gestern, sondern seit dem ersten Tage, wo ich Dich gesehen.«

»Du liebst mich also?« fragte Agenor in der höchsten Freude.

»Ich liebe Dich,« erwiderte das Mädchen, »und Du, liebst Du mich?«

»Oh! ja, ja, ich liebe Dich,« sprach der junge Mann.

»Ich, ich liebe Dich, weil Du tapfer bist,« sagte Aissa; »und Du, warum liebst Du mich?«

»Weil Du schön bist.«

»Es ist wahr: Du kennst nichts von mir, als mein Gesicht, während ich mir erzählen ließ, was Du gethan hast.«

»Du weißt also, daß ich der Feind Deines Vaters bin?«

»Ja.«

»Du weißt also, daß ich nicht nur sein Feind bin, sondern daß ein Krieg auf Leben und Tod zwischen uns stattfindet?«

»Ich weiß das.«

»Und Du hassest mich nicht, weil ich Mothril hasse?«

»Ich liebe Dich!«

»In der That, Du hast Recht. Ich hasse diesen Menschen, weil er Don Federigo, meinen Waffenbruder, auf die Schlachtbank geschleppt hat! Ich hasse diesen Menschen, weil er die unglückliche Blanche von Bourbon ermordet hat. Ich hasse diesen Menschen endlich, weil er Dich mehr wie eine Geliebte, als wie eine Tochter bewacht. Bist Du denn wohl seine Tochter, Aissa?«

»Höre, ich weiß es nicht. Mir scheint, eines Tags, da ich noch ein Kind war, erwachte ich nach einem langen Schlaf, und als ich die Augen öffnete, war das erste Gesicht, das ich erblickte, das dieses Menschen; er nannte mich seine Tochter, und ich nannte ihn meinen Vater. Doch ich liebe ihn nicht; er macht mir bange.«

»Ist er denn böse oder streng gegen Dich?«

»Im Gegentheil; eine Königin ist nicht besser bedient, als ich es bin. Jeder von meinen Wünschen ist ein Befehl. Ich brauche nur ein Zeichen zu machen, und man gehorcht mir. Alle seine Gedanken scheinen sich auf mich zu beziehen, seine ganze Zukunft scheint auf mir zu beruhen. Ich weiß nicht, welche Pläne er auf meinen Kopf gebaut hat, doch zuweilen erschrecke ich vor dieser düsteren, eifersüchtigen Zärtlichkeit.«

»Du liebst ihn also nicht, wie eine Tochter ihren Vater lieben soll?«

»Ich habe bange vor ihm, Agenor. Höre: zuweilen tritt er bei Nacht in mein Zimmer wie ein Geist, und ich zittere. Er nähert sich dem Bett, auf dem ich ruhe, und sein Tritt ist so leicht, daß er nicht einmal meine auf den Matten entschlummerte Frauen aufweckt, unter denen er hingeht, als ob seine Füße die Erde nicht berührten. Doch ich, ich schlafe nicht, und hinter meinen Augenlidern hervor, die der Schrecken blinzeln macht, sehe ich sein furchtbares Lächeln. Er nähert sich sodann, er bückt sich über mein Bett. Sein Hauch verzehrt mein Gesicht, und der Kuß, ein seltsamer Kuß, halb der eines Vaters, halb der eines Liebhabers, der Kuß, durch den er meinen Schlaf zu beschirmen glaubt, läßt auf meiner Stirne, »der auf meiner Lippe einen schmerzlichen Eindruck, wie der eines glühenden Eisens, zurück. Das sind die Visionen, die mich belagern, Visionen voll Wirklichkeit. Das sind die Befürchtungen, mit denen ich jede Nacht entschlafe, und dennoch sagt mir etwas, daß ich Unrecht habe, zu zittern, denn ich wiederhole Dir, schlafend oder wachend, übe ich eine seltsame Herrschaft über ihn; oft habe ich ihn beben sehen, wenn ich die Stirne faltete, und nie konnte sein so durchdringendes, so stolzes Auge das Feuer meines Blickes ertragen. Doch warum sprichst Du mir von Mothril, mein braver Ritter? Du hast keine Furcht vor ihm, Du hast vor nichts Furcht?«

»Nein, gewiß nicht, und ich fürchte nur für Dich.«

»Du fürchtest für mich, weil Du mich sehr liebst?« sagte Aissa mit einem reizenden Lächeln.

»Aissa, ich habe die Frauen meines Landes, wo doch die Frauen so schön sind, nie geliebt, und oft wunderte ich mich über diese Gleichgültigkeit, doch ich weiß nun, warum. Es war so, damit der Schatz meines Herzens ganz Dir gehöre. Du fragst, ob ich Dich liebe, Aissa; höre und beurtheile meine Liebe. Verlangtest Du von mir, daß ich Alles Deinetwegen verlasse, Alles Deinetwegen verleugne, meine Ehre ausgenommen, Aissa, ich würde Dir dieses Opfer bringen.«

»Und ich,« sprach das Mädchen mit einem göttlichen Lächeln, »ich würde noch mehr thun, ich würde Dir meinen Gott und meine Ehre opfern.«

Agenor kannte noch nicht diese glühende Poesie der orientalischen Leidenschaft und begriff sie erst, als er das Lächeln von Aissa erschaute.

»Wohl,« sprach er, indem er sie mit seilten Armen umschlang, »ich will nicht, daß Du mir Deinen Gott und Deine Ehre opferst, ohne daß ich mein Leben mit dem Deinigen verknüpfe. In meinem Lande, Aissa, werden die Frauen, die man liebt, Freundinnen, bei denen man lebt und stirbt, und die, wenn sie unsern Treuschwur erhalten haben, sicher sind, nie in einem Harem verlassen zu werden, um hier den neuen Geliebtinnen desjenigen, welchen sie geliebt, zu dienen. Werde Christin, Aissa, verlasse Mothril, und Du sollst meine Frau sein.«

»Ich wollte Dich darum bitten,« sprach das Mädchen.

Agenor stand auf und hob, während er aufstand, zugleich seine Geliebte in seine nervigen Arme, und das Herz schlagend an ihrem Herzen, das Gesicht sanft geliebkost von ihren frischen, duftenden Haaren, die Freude im Gemüth, die Trunkenheit auf der Stirne, lief er nach der Mauer, an die er die Leiter angelegt hatte.

Die süße Last hatte in der That kaum ein Gewicht für den jungen Mann, der wie ein Pfeil durch die Baumgruppen und Alleen hinschoß.

Schon erblickte er die düstere, halb unter einer Reihe von Bäumen verborgene Mauer, als plötzlich Aissa, behender als eine Natter, mit ihrem ganzen Leib an dem Leibe des jungen Mannes hinstreifend, aus den Armen von Agenor schlüpfte, Mauléon blieb stehen, die Maurin war zu seinen Füßen gekauert und streckte die Hände in der Richtung der Mauer aus.

»Siehst Du!« sagte sie: Mauléon folgte dein bezeichnenden Finger und erblickte eine weiße, hinter den ersten Sprossen gekauerte Form.

»Oho!« sprach Agenor zu sich selbst, »sollte es Musaron sein, der für mich bange hat und über uns wacht? Nein, nein,« fügte er bei, »Musaron ist zu klug, um sich der Gefahr auszusetzen, durch einen Mißgriff einen Degenstich zu bekommen.«

Der Schlitten erhob sich, und ein bläulicher Blitz zuckte aus seinem Gürtel.

»Mothril!« rief Aissa.

Durch dieses Wort erweckt, nahm Agenor das Schwert in die Hand.

Ohne Zweifel hatte der Maure das Mädchen noch nicht erblickt, oder vielmehr noch nicht in der seltsamen Gruppe erkannt, welche der Christ die Maurin in seinen Armen forttragend bildete: aber sobald er die Ausrufung von Aissa gehört, sobald sich ihre hohe, schlanke Gestalt vom Schatten losgemacht hatte, stieß er einen furchtbaren Schrei aus und stürzte blindlings gegen Agenor zu.

Doch die Liebe war noch behender als der Haß.

Mit einer Bewegung, rasch wie der Gedanke, ließ Aissa das Helmvisir auf das Gesicht des Ritters fallen, und der Maure sah sich einer ehernen von den Armen seiner Tochter umschlungenen Bildsäule gegenüber.

Mothril blieb stehen und ließ die Arme fallen.

»Aissa,« murmelte er niedergeschmettert.

»Ja, Aissa!« sagte sie mit einer wilden Energie, welche die Liebe von Mauléon verdoppelte, während sie einen Schauer durch die Adern des Mauren jagte; »willst Du mich tödten? stoße zu. Was diesen betrifft, so weißt Du wohl, daß er keine Furcht vor Dir hat.«

Und sie bezeichnete mit einer Geberde Agenor.

Mothril streckte eine Hand aus, um sie zu ergreifen; sie machte doch einen Schritt rückwärts und entblößte Mauléon, der unbeweglich und das Schwert in der Hand an seinem Platze stand.

Und ihr Auge strahlte von einem so heftigen Hasse, daß Mauléon das Schwert erhob.

Doch nun fühlte er, wie der Arm von Aissa den seinigen zurückhielt.

»Nein,« sagte sie, »schlage ihn nicht vor mir. Du bist stark. Du bist bewaffnet. Du bist unverwundbar, gehe an ihm vorüber.«

»Ah!« rief Mothril, indem er die Leiter mit einem Fußstoße umwarf, »Du bist stark. Du bist bewaffnet. Du bist unverwundbar, wir wollen das sehen.

« In demselben Augenblick vernahm man ein schrilles Pfeifen, und es erschien ein Dutzend Mauren, die Art und den Säbel in der Faust.

»Ah! ungläubige Hunde,« rief Agenor, »kommt herbei, und wir werden sehen.«

»Tödtet den Christen!« rief Mothril, »tödtet ihn!«

»Fürchte Dich nicht,« sprach Aissa.

Und sie trat ruhigen, festen Schrittes zwischen den Ritter und seine Gegner.

»Mothril,« sagte sie, »ich will diesen jungen Mann von hier weggehen sehen, hörst Du? Ich will ihn unversehrt und ohne daß ein Haar von seinem Haupte fällt, weggehen sehen, oder wehe Dir!«

»Du liebst also diesen Elenden?« rief Mothril.

»Ich liebe ihn,« erwiderte Aissa.

»Ein Grund mehr, daß er stirbt; stoßt zu!« rief Mothril, während er selbst seinen Dolch schwang.

»Mothril,« sprach, die Stirne faltend, das Mädchen, aus dessen Augen ein doppelter Blitz hervorsprang, »hast Du nicht verstanden, was ich sagte? Muß ich Dir noch einmal wiederholen, es sei mein Wille, daß dieser Mann auf der Stelle von hier weggehe?«

»Stoßt zu!« rief Mothril wüthend.

Agenor machte eine Bewegung, um sich zu verteidigen.

»Warte,« sagte sie, »und Du wirst den Tiger ein Lamm werden sehen.«

Bei diesen Worten zog sie aus ihrem Gürtel einen seinen, scharfen Dolch, entblößte ihren Busen, so schön und golden wie die Granaten von Valencia, und preßte die Spitze auf das Fleisch, das unter dem gefährlichen Druck nachgab.

Der Maure stieß ein Angstgeschrei aus.

»Höre,« sprach sie, »beim Gott der Araber, den ich verleugne, beim Gott der Christen, der fortan mein Gott sein wird, schwöre ich Dir, daß ich mich tödte, wenn diesem jungen Mann Unglück widerfährt.«

»Aissa!« rief der Maure, »habe Mitleid, Du machst mich wahnsinnig!«

»So wirf Deinen Kandschar weg,« sagte das Mädchen.

Der Maure gehorchte.

»Befehl Deinen Sklaven, daß sie sich entfernen.«

Mothril machte ein Zeichen und die Sklaven entfernten sich.

Aissa schaute mit einem langen Blicke umher, wie es eine Königin thut, welche sich versichern will, ob man ihr gehorche.

Dann heftete sie auf den jungen Mann ihren gleich von Zärtlichkeit feuchten und von Verlangen glühenden Blick und sprach mit leiser Stimme:

»Komm, Agenor, komm, daß ich Dir Lebewohl sage.«

»Folgst Du mir nicht?« fragte der junge Mann ebenso leise.

»Nein, denn er würde mich lieber tödten, als mich verlieren. Ich bleibe, um uns Beide zu retten.«

»Aber Du wirst mich immer lieben?« sagte Mauléon.

»Schau' jenen Stern an,« sprach Aissa, nach dem glänzendsten der Gestirne deutend, die am Firmamente flammten.

»Oh! ich sehe ihn,« sagte Agenor.

»Nun wohl, er wird am Himmel erlöschen, ehe die Liebe in meinem Herzen erlischt. Lebe wohl!«

Und sie schlug das Helmvisir ihres Geliebten auf und drückte einen langen Kuß auf seine Lippen, während der Maure sich vor Wuth die Brust zerfleischte.

»Nun gehe,« sagte Aissa zu dem Ritter, »doch sei auf Alles gefaßt.«

Und sie stellte sich an den Fuß der Leiter, welche Agenor an die Mauer angelegt hatte, und lächelte, während sie den jungen Mann anschaute und die Hand gegen Mothril ausstreckte, wie die Tigerbändiger, welche unter einer Geberde das Thier niederliegen machen, von dem man glaubte, es sei im Begriff, sie zu verschlingen.

»Gott befohlen!« sprach zum letzten Mal Agenor, »denke an Dein Versprechen.«

»Auf Wiedersehen! ich werde es halten,« sagte die schöne Maurin.

Agenor sandte einen letzten Kuß dem Mädchen zu, und sprang auf die andere Seite der Mauer.

Ein Brüllen des Mauren begleitete die Beute, die ihm entging.

»Laß mich nun nicht sehen, daß Du mich zu streng bewachst,« sprach Aissa zu Mothril, »laß mich nicht argwohnen, Du behandelst mich als Sklavin, denn Du weißt, ich habe das Mittel, mich frei zu machen. Vorwärts! es ist spät, mein Vater, kehren wir in das Haus zurück.«

Mothril ließ sie träumerisch auf dem Wege nach dem Pavillon zurückgehen. Er hob seinen langen Dolch auf, fuhr mit einer Hand über seine Stirne und murmelte:

»Kind! in einigen Monaten, in einigen Tagen vielleicht wirst Du Mothril nicht so bezähmen.«

In dem Augenblick, wo das Mädchen den Fuß auf die Thürschwelle setzte, hörte Mothril Schritte hinter sich.

»Gehe rasch hinein, Aissa,« sagte er; »der König kommt.«

Das Mädchen ging hinein und schloß die Thüre, ohne sich mehr zu beeilen, als wenn sie nichts gehört hätte.

Mothril sah sie verschwinden; einen Augenblick nachher war der König bei ihm.

»Triumph, Freund Mothril,« sprach der König, »wir haben den Sieg davon getragen. Doch warum hast Du die Sitzung in dem Augenblick verlassen, wo die Berathung anfing?«

»Weil ich dachte, es sei nicht der Platz eines armen maurischen Sklaven mitten unter so mächtigen christlichen Fürsten,« antwortete Mothril.

»Du lügst, Mothril,« entgegnete Don Pedro, »Du warst besorgt über Deine Tochter und bist zurückgekehrt, um sie zu bewachen.«

»Ei! Hoheit,« erwiderte Mothril lächelnd über diese Kundgebung des Königs Don Pedro, »bei meiner Ehre! man sollte glauben, Ihr dächtet noch mehr hieran als ich.«

Und Beide traten in das Haus ein, doch nicht ohne daß Don Pedro einen neugierigen Blick nach dem Fenster des Pavillon warf, hinter welchem der Schatten einer Frau sichtbar war.

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04 aralık 2019
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