Kitabı oku: «Der Bastard von Mauléon», sayfa 20
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Worin sich die Fortsetzung und die Erklärung des Vorhergehenden finden
Man vernehme, wie sich die Ereignisse gefolgt waren, die uns seit der Abreise oder vielmehr seit der Flucht von Agenor nach der Scene im Garten zu Bordeaux unbekannt geblieben sind.
Don Pedro hatte von dem Prinzen von Wales die Zusage des Schutzes erlangt, dessen er bedurfte, um nach Spanien zurückzukehren, und sicher einer Verstärkung an Mannschaft und Geld hatte er sich sogleich mit Mothril auf den Weg begeben, versehen mit einem Geleitbrief eines Prinzen, der ihm Macht und Sicherheit unter den englischen Landen verlieh.
Die kleine Truppe wandte sich so nach der Grenze, wo, wie wir gesehen, der muthige Hugo von Caverley sein unvermeidliches Netz ausgespannt hatte.
Und dennoch, wie groß auch die Wachsamkeit des Führers und die Geschicklichkeit des Soldaten gewesen sein mochten, würde wahrscheinlich der König Don Pedro bei der Kenntniß, die er von der Oertlichkeit hatte, an Aragonien hingezogen sein, und hätte Neu-Kastilien ohne irgend einen Unfall erreicht, wäre nicht die Episode, die wir nun erzählen werden, dazwischen gekommen.
Eines Abends, während der König mit Mothril auf einem großen Pergament, das die Karte von Spanien vorstellte, die Straße verfolgte, auf der sie weiter reisen sollten, öffneten sich sachte die Vorhänge der Sänfte, und der Kopf von Aissa schlüpfte zwischen ihnen heraus.
Mit einem einzigen Blick ihrer Augen hieß die junge Maurin einen bei ihrer Sänfte liegenden Sklaven herbeikommen.
»Sklave,« fragte sie, »von welchem Lande bist Du?«
»Ich bin jenseits des Meeres geboren,« antwortete er, »auf dem Ufer, das Granada erschaut, ohne es zu beneiden.«
»Und Du möchtest Dein Vaterland gern wiedersehen, nicht wahr?«
»Ja,« sprach der Sklave mit einen, tiefen Seufzer.
»Morgen, wenn Du willst, sollst Du frei sein.«
»Es ist weit von hier bis zu dem Laudiah-See,« erwiderte er, »und der Flüchtling wird Hungers sterben, ehe er dahin kommt.«
»Nein, denn der Flüchtling wird dieses Halsband von Perlen mitnehmen, von denen eine einzige genügen würde, um ihn auf der ganzen Reise zu ernähren.«
Und Aissa machte ihr Halsband los und ließ es in die Hand des Sklaven fallen.
»Und was muß ich thun, um zugleich die Freiheit und dieses Halsband von Perlen zu gewinnen?« fragte der Sklave zitternd vor Freude.
»Du siehst jene gräuliche Linie, die den Horizont durchschneidet, das ist das Lager der Christen.
Wie viel brauchst Du Zeit, um dahin zu gelangen?«
»Ehe die Nachtigall ihren Gesang vollendet hat, bin ich dort.«
»Wohl, so höre, was ich Dir sagen werde, und jedes meiner Worte präge sich tief in Dein Gedächtniß ein.«
Der Sklave hörte mit Entzücken.
»Nimm dieses Briefchen,« fuhr Aissa fort, »begib Dich ins Lager und erkundige Dich, sobald Du dort bist, nach einem edlen fränkischen Ritter, nach einem Anführer Namens Graf von Mauléon; Du lässest Dich zu ihm führen und übergibst ihm diesen seidenen Beutel, gegen den er Dir seinerseits hundert Goldstücke geben wird. Gehe!«
Der Sklave nahm den Beutel, verbarg ihn unter seinem grobem Kleide, wählte den Augenblick, wo eines der Maulthiere nach dem nahen Walde entlief, stellte sich, als liefe er ihm nach, um es zurückzuführen, und verschwand im Walde mit der Schnelligkeit eines Pfeiles.
Niemand bemerkte dieses Verschwinden des Sklaven, Aissa ausgenommen, die ihm mit den Augen folgte und, ganz zitternd, nicht athmete, bis er aus ihren Blicken verschwunden war.
Was die junge Maurin vorhergesehen hatte, geschah. Der Sklave brauchte nicht lange, um am Saume des Gehölzes einen von jenen Raubvögeln mit stählernen Klauen, mit der Pikelhaube in Form eines Schnabels, mit einem geschmeidigen Gefieder von eisernen Maschen zu finden, der auf einem Felsen hockte, wo er seinen Standpunkt genommen hatte, um in die Ferne hinausschauen zu können.
Als der Sklave ganz scheu aus dem Walde hervorkam, fiel er unter die Flügel der Schildwache, welche sogleich mit ihrer Armbrust auf ihn anschlug.
Das war es, was der Flüchtling suchte. Er machte mit der Hand ein Zeichen, daß er sprechen wolle; die Schildwache näherte sich, ohne indessen die Armbrust vom Backen zu thun. Der Sklave sagte, er wolle Ins Lager der Christen gehen, und verlangte vor Mauléon geführt zu werden.
Dieser Name, dessen Wichtigkeit Aissa übertrieb, genoß indessen ein gewisses Ansehen unter den Compagnien seit dem kühnen Zuge von Agenor, als er von den Banden von Caverley festgenommen wurde, und besonders seit dem man wußte, daß man ihm die Mitwirkung des Connetable zu verdanken hatte.
Der Soldat stieß ein Feldgeschrei aus, nahm den Sklaven beim Faustgelenke und führte ihn zu einer zweiten Schildwache, welche ungefähr zweihundert Schritte von der ersten stand. Diese zweite Schildwache brachte den Sklaven bis zum letzten Cordon, hinter welchem sich Messire Caverley im Mittelpunkt seiner Truppe, wie die Spinne im Mittelpunkt ihres Gewebes, hielt.
Da er an einer gewissen Bewegung um ihn her, an einem gewissen Geräusch, das bis zu seinen Ohren drang, erkannte, daß etwas Neues vorging, so erschien er auf der Schwelle seines Zeltes.
Der Sklave wurde gerade vor ihn geführt.
Er nannte den Bastard von Mauléon; mit diesem Paß war es ihm bis jetzt gelungen.
»Wer schickt Dich?« fragte Caverley den Sklaven, indem er eine Erklärung zu vermeiden suchte.
»Seid Ihr der edle Herr von Mauléon?« fragte der Sklave.
»Ich bin einer seiner Freunde,« erwiderte Caverley, »und zwar einer seiner vertrautesten.«
»Das ist nicht dasselbe,« sprach der Sklave, »ich habe Befehl, nur ihm den Brief zu übergeben, den ich bei mir trage.«
»Höre,« sagte Caverley, »der edle Herr von Mauléon ist ein braver christlicher Ritter, der unter den Arabern und Mauren eine große Anzahl von Feinden zählt, die ihn zu ermorden geschworen haben. Wir aber haben geschworen, Niemand bis zu ihm dringen zu lassen, ohne daß wir zuvor die Botschaft kennen, mit der der Abgesandte beauftragt ist,«
»Gut,« sagte der Sklave, da er sah, daß jeder Widerstand vergeblich gewesen wäre, und da ihm überdies die Absichten des Kapitäns gut vorkamen, »ich bin von Aissa abgesandt.«
»Wer ist' Aissa?« fragte Caverley.
»Die Tochter von Herrn Mothril.«
»Ah! Ah!« machte der Kapitän, »vom Rath des König Don Pedro?«
»Ganz richtig.«
»Du siehst, daß die Sache immer schwärzer wird, und daß diese Botschaft ohne Zweifel einen Zauber enthält,«
»Aissa ist keine Zauberin,« entgegnete der Sklave den Kopf schüttelnd.
»Gleichviel, ich will die Botschaft lesen,« Der Sklave blickte rasch umher, um zu sehen, ob ihm keine Flucht möglich wäre: doch es hatte sich schon ein großer Kreis von Abenteurern um ihn gebildet.
Er zog aus seiner Brust den Beutel, reichte ihn dem Kapitän und sprach:
»Leset, Ihr werdet etwas darin finden, was mich betrifft.«
Das nur sehr wenig elastische Gewissen von Caverley bedurfte dieser Aufforderung nicht; er öffnete das von Benzoe und Ambra duftende Säckchen, zog ein Viereck von weißer Seide daraus hervor, auf welches mit einer dicken Tinte Aissa in spanischer Sprache folgende Worte geschrieben hatte:
»Theurer Herr, ich schreibe Dir meinem Versprechen gemäß: der König Don Pedro und mein Vater sind mit mir im Begriff, durch den Engpaß nach Aragonien zu ziehen; Du kannst mit einem Schlag unser ewiges Glück und Deinen Ruhm gründen. Mache sie zu Gefangenen und mit ihnen mich, die ich Deine süße Gefangene sein werde; willst Du sie aus Lösegeld setzen. . . sie sind reich genug, um Dein Verlangen zu befriedigen. Ziehst Du den Ruhm dem Gelde vor und gibst Du ihnen die Freiheit umsonst, so sind sie stolz genug, um in der Ferne Deine Großmuth zu verkündigen; doch, wenn Du sie freilässest, wirst Du mich behalten, mein großer Herr, und ich habe ein Kistchen voll von Rubinen und Smaragden, welche die Krone einer Königin schmücken würden.
»Höre also wohl und behalte Folgendes. In dieser Nacht setzen wir uns in Marsch. Stelle Deine Soldaten so im Engpaß auf, daß wir ihn nicht durchziehen können, ohne gesehen zu werden. Unser Geleite ist in diesem Augenblick schwach, doch es kann in jeder Stunde stärker werden, denn sechshundert Bewaffnete, welche der König in Bordeaux erwartete, vermochten noch nicht zu ihm zu stoßen, so eilig war sein Marsch.
»So, mein großer Herr, wird Aissa wohl Dir gehören, so wird sie Dir Niemand mehr nehmen können, da Du sie durch die Stärke Deiner siegreichen Waffen gewonnen hast.
»Einer von unsern Sklaven bringt Dir diese Botschaft. Ich verspreche ihm. Du werdest ihn in Freiheit sehen und ihm hundert Goldstücke bezahlen; erfülle meinen Wunsch.
Deine
Aissa.«
»Oh! oh!« dachte Caverley, während die Aufregung unter seinem Helm einen glühenden Schweiß stießen machte, »ein König!. . . Aber was habe ich denn seit einiger Zeit dem Glück gethan, daß es mir solche Beute zuschickt?. . Ein König!. . . Das muß man beim Teufel sehen; zuvor aber wollen wir uns von diesem Dummkopf befreien.«
»Der edle Herr von Mauléon ist Dir also die Freiheit schuldig?«
»Ja, Kapitän, und hundert Goldstücke.«
Hugo von Caverley hielt es nicht für geeignet, etwas auf diesen letzten Theil des Verlangens zu antworten. Er rief nur seinen Knappen.
»Hollah!« sagte er, »nimm Dein Pferd, führe diesen Menschen zwei gute Stunden vom Lager weg und laß ihn dort. Verlangt er Geld von Dir, und Du hast zu viel, so gib ihm. Doch ich sage Dir zum Voraus, das wird eine reine Freigebigkeit von Dir sein. Gehe, mein Freund,« sprach er zu dem Sklaven, »Dein Auftrag ist besorgt; ich bin der Herr von Mauléon.«
Der Sklave warf sich nieder.
»Und die hundert Goldstücke?« fragte er.
»Hier ist mein Säckelmeister, der den Auftrag hat, sie Dir zu übergeben,« erwiderte Caverley auf den Knappen deutend.
Der Sklave erhob sich und folgte ganz freudig demjenigen, welchen man ihm bezeichnet hatte.
Kaum war er hundert Schritte vom Zelte, als der Kapitän eine Abtheilung in's Gebirge schickte und, da er es nicht verachtete, sich zu solchen kleinen Bemühungen herabzulassen, selbst die Wache in dem Engpaß aufstellte, so daß Niemand, ohne gesehen zu werden, durch denselben ziehen konnte; nachdem er seinen Leuten, den Gefangenen keine Gewalt anzuthun empfohlen hatte, wartete er sodann das Ereigniß ab.
Wir haben ihn in dieser Erwartung gesehen, und das Ereigniß unterstützte rasch seine Wünsche.
Nur darauf bedacht, seine Reise fortzusetzen, wollte sich der König, ohne länger zu warten, auf den Weg begeben.
Sie waren also in die Schlucht eingedrungen zur großen Freude von Aissa, welche ungeduldig dem Angriff entgegen harrte und glaubte, dieser Angriff würde von Mauléon geleitet. Die Maßregeln waren alle von Caverley so gut getroffen, und die Zahl der Engländer war so groß, daß nicht einer von den Leuten von Don Pedro daran dachte, sich zu vertheidigen.
Aber Aissa, welche darauf rechnete, sie würde Mauléon an der Spitze dieses Hinterhaltes sehen, fing bald an über seine Abwesenheit in Unruhe zu gerathen; sie dachte nichtsdestoweniger, er handle so aus Klugheit, und da sie überdies das Unternehmen nach ihren Wünschen gelingen sah, meinte sie, sie brauche noch nicht zu verzweifeln.
Wir dürfen uns nun nicht mehr wundern, daß der Abenteurer Don Pedro so leicht erkannte, der übrigens vollkommen erkenntlich war.
Was Mothril und Aissa betrifft, deren ganze Geschichte er mit seinem erstaunlichen Scharfsinn errieth, so hatte er ein wenig bange vor dem Zorn, den bei Mauléon die Entdeckung dieses Geheimnisses entzünden würde; doch alsbald bedachte er, daß sich leicht Alles auf Rechnung der Verrätherei des Sklaven setzen ließe, und daß er sich im Gegentheil aus diesem Mißbrauch des Vertrauens Ansprüche auf die Dankbarkeit von Mauléon erwerben könnte; denn wahrend er den König und Mothril ihr Lösegeld bezahlen ließ, hatte er im Sinne, ohne Interessen Aissa dem jungen Manne zu überlassen, und dies war eine Großmuth, zu der er sich wie zu einer Neuerung Glück wünschte.
Man hat gesehen, wie der Geleitbrief des Prinzen von Wales, den Don Pedro vorwies, das ganze Angesicht der Dinge veränderte und die so kühnen und so klug improvisirten Pläne von Caverley umstürzte.
Don Pedro erzählte eben, nach dem Abgang von Robert, dem Anführer der Abenteurer die Ereignisse des in Bordeaux abgeschlossenen Vertrags, als sich ein gewaltiger Lärmen hörbar machte. Es war ein Stampfen von Rossen, ein Klirren von Rüstungen und Schwertern, welche an der Seite von Kriegsleuten aufprallten.
Dann wurde der Vorhang des Zeltes ungestüm ausgehoben und man erblickte die Gestalt von Enrique von Transtamare, dessen bleiches Antlitz ein Strahl düsterer Freude erleuchtete.
Mauléon suchte hinter dem Prinzen irgend Jemand mit umherschweifenden Blicken; er gewahrte die Sänfte und seine Augen verließen sie nicht mehr.
Bei der Ankunft von Enrique wich Don Pedro seinerseits nicht minder bleich als sein Bruder zurück, suchte an seiner Seite sein fehlendes Schwert und schien nicht eher beruhigt, als bis er fortwährend zurückweichend auf einen von den Pfeilern des Zeltes stieß, woran Waffen aller Art aufgehängt waren, und unter seinen Fingern die Kälte einer Streitart fühlte.
Alle schauten sich einen Augenblick stillschweigend an und tauschten Blicke, die sich drohend kreuzten, wie die Blitze beim Sturm.
Enrique brach zuerst das Stillschweigen.
»Ich glaube,« sagte er mit einem finsteren Lächeln, »der Krieg endigt hier, ehe er begonnen hat.«
»Ah! Ihr glaubt das?« entgegnete Don Pedro höhnisch und drohend.
»Ich glaube es so sehr,« erwiderte Enrique, »daß ich diesen edlen Ritter Hugo von Caverley frage, welchen Preis er für einen so wichtigen Fang, wie er so eben einen gemacht, fordert; denn würde er zwanzig Städte erobert und hundert Schlachten gewonnen haben, Thaten, welche sich theuer bezahlen, er hätte nicht so viel Rechte auf unsere Dankbarkeit, wie durch diese einzige That.«
»Es ist schmeichelhaft für mich, daß ich zu einem so bedeutenden Werth geschützt werde,« sagte Don Pedro, mit dem Stiel seiner Art spielend. »Eine Höflichkeit ist auch eine andere werth. Wie hoch, wenn Ihr in der Lage wäret, in der ich bin, wie Ihr meint, wie hoch würdet Ihr Eure Person schätzen, Don Enrique?«
»Ich glaube, er spottet noch,« versetzte Enrique mit einer Wuth, die sich unter der Freude losmachte, wie die Eisschollen des Pols bei dem ersten Lächeln der Sonne.
»Wir wollen doch ein wenig sehen, wie dies Alles endigt,« murmelte Caverley, der sich, um nicht den geringsten Umstand von dieser Scene zu verlieren, niedersetzte und sich an diesem Schauspiel mehr als Kunstliebhaber, denn als gieriger Speculant zu ergötzen anfing.
Enrique wandte sich gegen ihn um; man sah, daß er Don Pedro zu antworten sich anschickte.
»Wohl, es sei,« sagte er, die gehässigsten Blicke auf Don Pedro schleudernd; »Freund Caverley, für diesen Menschen, der einst König war und an seiner Stirne nicht einmal mehr den goldenen Wiederschein seiner Krone trägt, gebe ich Dir zweimal hundert tausend Goldthaler, oder zwei gute Städte nach Deiner Wahl.«
»Mir scheint,« erwiderte Caverley, mit seiner Hand das Kinnband seines Helmes streichelnd, während er durch sein beständig herabgelassenes Visir Don Pedro anschaute, »mir scheint, das Gebot ist annehmbar, obgleich. . .«
Dieser antwortete dem Fragenden mit einer Geberde und einem Blick, welche bedeuteten:
»Kapitän, mein Bruder Enrique ist nicht freigebig, und ich werde die Summe überbieten. . . «
»Obgleich?. . . » sprach Enrique, das letzte Wort des Anführers der Abenteurer wiederholend.
»Was wollt Ihr damit sagen, Kapitän?«
Mauléon sonnte sein neugieriges Verlangen nicht länger im Zaum halten.
»Der Kapitän will ohne Zweifel damit sagen,« erwiderte er, »er habe mit dem König Don Pedro andere Gefangene gemacht, von denen er wünschte, man würde sie auch schätzen.«
»Meiner Treue! das heiße ich in dem Geiste eines Menschen lesen,« rief Caverley, »und Ihr seid ein braver Rittersmann, Sire Agenor. Ja, bei meiner Seele, ich habe andere Gefangene gemacht, und zwar sehr vornehme; doch. . . «
Und ein neues Schweigen offenbarte die Unentschlossenheit von Caverley.
»Man wird sie Euch bezahlen, Kapitän,« sagte Mauléon, der vor Ungeduld kochte, »wo sind sie? In dieser Sänfte, ohne Zweifel?«
Enrique legte seine Hand auf den Arm des jungen Mannes und hielt ihn sachte zurück.
»Nehmt Ihr an, Kapitän Caverley?« fragte er.
»Es ist an mir, Euch zu antworten, mein Herr,« sprach Don Pedro.
»Oh! spielt nicht den Herrn hier, Don Pedro, denn Ihr seid nicht mehr König,« entgegnete Enrique mit einer verächtlichen Miene; »wartet, bis ich mit Euch spreche, um mir zu antworten.«
Don Pedro lächelte und wandte sich gegen Caverley um.
»Kapitän sagte er, »erklärt ihm doch, daß Ihr sein Gebot nicht annehmt.«
Caverley fuhr abermals mit seiner Hand über sein Visir, als ob dieses Eisen seine Stirne gewesen wäre, zog Agenor beiseit und sagte zu ihm:
»Mein wackerer Freund, gute Gesellen wie wir sind sich die Wahrheit schuldig, nicht wahr?«
Agenor schaute ihn erstaunt an.
»Nun wohl!« fuhr der Kapitän fort, »wenn Ihr mir glauben wollt, so geht durch die kleine Thüre des Zeltes, die hinter uns ist, hinaus, und wenn Ihr ein gutes Pferd habt, reitet, bis es nicht mehr kann.«
»Wir sind verrathen!« rief Mauléon, Plötzlich von einer Leuchte durchzuckt.
»Zu den Waffen, Prinz, zu den Waffen!«
Enrique schaute Mauléon mit Erstaunen an und fuhr maschinenmäßig mit der Hand an seinen Schwertknopf.
Don Pedro aber, als er sah, daß die Komödie ihrem Ende zuging, rief, die Hand mit der Geberde des Befehls ausstreckend:
»Im Namen des Prinzen von Wales fordere ich Euch auf.
Messire Hugo von Caverley, den Prinzen Enrique von Transtamare zu verhaften.«
Diese Worte waren noch nicht beendigt, als der Prinz Enrique von Transtamare schon das Schwert in der Hand hatte; doch Caverley schlug einen Augenblick das Visir auf, hielt ein Horn an seine Lippen und bei dem Ton, den es von sich gab, stürzten sich zwanzig Abenteurer aus den Prinzen, der alsbald entwaffnet war.
»Es ist geschehen,« sagte Caverley zu Don Pedro. »Nun aber, wenn Ihr mir glauben wollt, Herr König, entfernet Euch, denn sogleich wird es hier Streiche regnen, dafür stehe ich Euch.«
»Wie so?« fragte der König.
»Dieser Franzose, der durch die kleine Thüre weggegangen ist, wird seinen Prinzen nicht gefangen nehmen lassen, ohne ihm zu Ehren einige Arme abgeschlagen oder einige Schädel gespalten zu haben.«
Don Pedro neigte sich gegen die Oeffnung und sah Agenor, der den Fuß in die Steigbügel setzte, ohne Zweifel, um Hilfe zu holen.
Der König nahm eine Armbrust, spannte sie, legte einen Pfeil daraus, zielte aus den Ritter und sagte:
»Gut, David hat Goliath mit einem Stein getödtet, es müßte schön anzuschauen sein, wenn Goliath David mit einer Armbrust tödten würde.«
»Einen Augenblick Geduld!« rief Caverley; »was Teufels, Geduld! Kaum hier angekommen, wollt Ihr mir Alles in Verwirrung bringen. . . Was würde der Herr Connetable sagen, wenn ich ihm seinen Freund tödten ließe?«
Und er hob mit der Hand das Ende der Armbrust in dem Augenblick auf, wo Don Pedro den Finger an den Drücker legte. Der Pfeil schwirrte in die Luft.
»Der Connetable!« sagte Don Pedro, mit dem Fuße stampfend; »es war wohl der Mühe werth, mich meinen Schuß einer solchen Furcht gegenüber verfehlen zu lassen. Oeffne Deine Falle, Jäger, und fange den großen Eber; auf diese Art wird die Jagd mit einem Schlage beendigt sein, und unter dieser Bedingung verzeihe ich Dir.«
»Ihr sprecht nach Eurem Gutdünken. Den Connetable fangen! Ei! so sangt mir doch ein wenig den Connetable! Großer Gott!« fügte er die Achseln zuckend bei, »was für Schwätzer sind doch die Spanier!«
»Sire Caverley!«
»Bei Gott! ich sage die Wahrheit . . . Den Connetable fangen! . . . Ich bin nicht neugierig, Herr König, aber bei meinem Kapitänswort, es würde mich sehr interessiren, Euch diesen Fang machen zu sehen.«
»Mittlerweile ist hier schon Einer,« sagte Don Pedro, auf Agenor deutend, den man gefangen zurückbrachte.
In dem Augenblick, wo er im vollen Galopp vorüber sprengte, hatte einer von den Abenteurern mit einem krummen Säbel seinem Rosse die Häckse abgeschnitten, und das Pferd war so niedergestürzt, daß der Reiter unter demselben lag.
So lange Aissa ihren Geliebten bei diesem Streit unbetheiligt und von jeder Gefahr frei glaubte, sprach sie nicht ein Wort, machte sie nicht eine Bewegung, Es war, als ob die Interessen, über die man sich um sie her stritt, so wichtig sie auch sein mochten, sie entfernt nichts angingen; als aber Mauléon entwaffnet und in den Händen seiner Feinde eintrat, sah man, wie die Vorhänge ihrer Sänfte zurückgeschoben wurden und der Kopf des Mädchens bleicher erschien, als es der lange Schleier von seiner weißer Wolle ist, der die Frauen des Orients verhüllt.
Agenor stieß einen Schrei aus.
Aissa sprang aus ihrer Sänfte und lief auf ihn zu.
»Oh! Oh!« machte Mothril, die Stirne faltend.
»Was soll das bedeuten?« fragte der König.
»Nun kommt die drohende Erklärung,« murmelte Caverley.
Enrique von Transtamare warf auf Agenor einen düsteren, mißtrauischen Blick, den dieser vortrefflich begriff.
»Ihr wollt mit mir sprechen,« sagte er zu Aissa: »thut es geschwinde und ganz laut, Dona, denn von dem Augenblick, wo wir Eure Gefangenen sind, bis zu dem unseres Todes wird wahrscheinlich keine Zeit zu verlieren sein . . . selbst nicht einmal für die Verliebtesten.«
»Unsere Gefangenen!« rief Aissa. »Oh! das war es nicht, was ich wollte, mein hoher Herr, ganz im Gegentheil.«
Caverley geberdete sich sehr verlegen; dieser Mann von Eisen zitterte beinahe vor der Anklage, welche zwei junge Leute, die er in seinen Händen hatte, gegen ihn führen würden.
»Mein Brief,« sagte Aissa zu dem jungen Mann, »hast Du denn meinen Brief nicht erhalten?«
»Was für einen Brief?« fragte Agenor.
»Genug! genug!« sprach Mothril, dessen sämmtliche Pläne diese Scene zu zerstören anfing.
»Kapitän, der König befiehlt, daß Ihr den Prinzen Enrique in die Wohnung des Königs Don Pedro und diesen jungen Mann zu mir führt.«
»Caverley, Du bist ein Feiger,» brüllte Agenor, während er sich von den harten Panzerhandschuhen, die ihm die Faust zusammenpreßten, loszumachen suchte.
»Ich habe Dir gesagt, Du sollst Dich flüchten, doch Du hast nicht gewollt, oder Du hast es zu spät gethan, was am Ende auf Eines hinausläuft,« erwiderte der Kapitän. »Bei meiner Treue, das ist Dein Fehler. Und warum willst Du Dich beklagen, Du wirst bei ihr wohnen!«
»Beeilen wir uns, meine Herren,« sprach der König, »und noch heute Nacht versammle sich ein Rath, um diesen Bastard zu richten, der sich meinen Bruder nennt, und diesen Rebellen, der mein König zu sein behauptet, Caverley, er hatte Dir zwei Städte angeboten, ich bin großmüthiger als er: ich gebe Dir eine Provinz.
Mothril, laßt meine Leute vorrücken; wir müssen, ehe eine Stunde vergeht, in irgend einem guten Schloß geborgen sein.«
Mothril verbeugte sich und ging hinaus; doch er hatte nicht zehn Schritte außerhalb des Zeltes gethan, als er sich hastig wieder zurückwarf und mit der Hand das Zeichen machte, das bei allen Nationen Stillschweigen gebietet.
»Was gibt es denn?« fragte Caverley mit einer schlecht verhehlten Unruhe.
»Sprich, guter Mothril,« sagte Don Pedro.
»Horcht,« versetzte der Maure.
Alle Sinne der Anwesenden schienen in ihre Ohren überzugehen, und eine Minute lang bot das Zelt des englischen Häuptlings den Anblick einer Versammlung von Bildsäulen.
»Hört Ihr?« fuhr der Maure fort, indem er sich immer mehr gegen die Erde neigte.
Man fing wirklich an etwas wie ein Rollen des Donners oder wie den fortschreitenden Galopp einer Truppe von Reitern zu hören.
»Notre-Dame-Guesclin!« rief plötzlich eine feste, schallende Stimme.
»Ah! Ah! der Connetable,« murmelte Caverley, der das Kriegsgeschrei des rauhen Bretagners kannte.
»Ah! Ah! der Connetable,« sagte Don Pedro, die Stirne faltend.
Denn ohne ihn je gehört zu haben, kannte er dennoch diesen furchtbaren Ruf.
Die Gefangenen wechselten ihrerseits einen Blick, und ein Lächeln der Hoffnung trat auf ihren Lippen hervor.
Mothril näherte sich dem Mädchen, dessen Leib er enger mit seinen Armen umschlang.
»Herr König,« sagte Caverley mit dem spöttischen Ton, der ihn nie, selbst nicht im Augenblick der Gefahr, verließ; »ich glaube, Ihr wolltet den Eber fangen; hier kommt er, um Euch das Geschäft zu ersparen.«
Don Pedro machte den Kriegern ein Zeichen, und diese stellten, sich hinter ihn.
Entschlossen, neutral zwischen seinem alten Gefährten und seinem neuen Chef zu bleiben, trat Caverley auf die Seite.
Eine neue Reihe von Wachen verdreifachte den ehernen Cordon, der den Prinzen und Mauléon in Banden hielt.
»Was machst Du, Caverley?« fragte Don Pedro.
»Ich trete Euch als meinem König und Anführer den Platz ab, Sire,« sprach der Kapitän.
»Es ist gut,« erwiderte Don Pedro; »dann gehorche man mir.«
Die Pferde hielten an; man hörte das Klirren des Stahls und den Lärmen eines Mannes, der von seiner Rüstung beschwert auf den Boden sprang.
Beinahe in demselben Augenblick trat Bertrand Duguesclin in das Zelt.
