Kitabı oku: «Der Bastard von Mauléon», sayfa 21
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Eber in der Falle gefangen
Hinter dem Connetable kam, das Auge duckmäuserisch und ein Lächeln auf die Lippen gezeichnet, der ehrliche Musaron, mit Staub bedeckt vom Kopf bis auf die Füße.
Er schien aufgestellt zu sein, um den Anwesenden die so gewitterartige Erscheinung des Connetable zu erklären.
Bertrand schlug bei seinem Eintritt das Visir auf und überschaute mit einem Blick die Versammlung.
Als er Don Pedro gewahrte, verbeugte er sich leicht; Enrique von Transtamare begrüßte er ehrfurchtsvoll; auf Caverley ging er zu, nahm seine Hand und sprach mit aller Ruhe:
»Guten Morgen, Sire Kapitän, wir haben also einen guten Fang gemacht? Ah! Messire von Mauléon, verzeiht! ich hatte Euch nicht gesehen.«
Diese Worte, welche eine völlige Unwissenheit über die Lage der Dinge zu bezeichnen schienen, versetzten die Mehrzahl der Anwesenden in ein großes Erstaunen.
Aber weit entfernt über dieses beinahe feierliche Stillschweigen in Verwunderung zu gerathen, fuhr Bertrand fort:
»Ich hoffe übrigens, Kapitän Caverley, daß man für den Gefangenen jede seinem Rang und besonders seinem Unglück gebührende Rücksicht gehabt hat.«
Enrique wollte antworten, doch Don Pedro nahm das Wort.
»Seid unbesorgt, wir haben den Gefangenen mit der Achtung behandelt, die das Völkerrecht heischt.«
»Ihr habt ihn behandelt,« erwiderte Bertrand mit einem Ausdruck des Erstaunens, der dem gewandtesten Komödianten Ehre gemacht hätte, »Ihr habt ihn behandelt! . . . Wie meint Ihr das, wenn es Euch beliebt, Hoheit?«
»Ja, Messire Connetable,« antwortete Don Pedro lächelnd, »ich wiederhole, wir haben es gethan.«
Bertrand schaute den unter seinem ehernen Visir unempfindlichen Caverley an.
»Theurer Connetable,« sprach Enrique, der sich mühsam von seinem Sitze erhob (denn er war von den Soldaten gequetscht und geknebelt worden, und mehrere von diesen gepanzerten Leuten hatten ihn in ihren eisernen Armen beinahe erdrückt), »theurer Connetable, der Mörder von Don Federigo hat Recht, er ist unser Herr, und uns hat der Verrath zu Gefangenen gemacht.«
»Wie!« rief Bertrand, indem er sich mit einem so schlimmen Blick umwandte, daß mehr als ein Gesicht in der Versammlung erbleichte.
»Der Verrath, sagt Ihr, und wer ist denn der Verräther?«
»Herr Connetable,« erwiderte Caverley, indem er einen Schritt auf ihn zumachte, »das Wort Verrath ist, wie mir scheint, ungeeignet, und man hätte eher die Treue sagen müssen.«
»Die Treue! . . . « versetzte der Connetable, dessen Erstaunen immer mehr zuzunehmen schien.
»Allerdings die Treue, denn wir sind am Ende Engländer, nicht wahr? und folglich Unterhanen des Prinzen von Wales.«
»Nun! hernach, was soll das bedeuten?« sagte Bertrand, der, um bequemer zu athmen, seine breiten Schultern ausdehnte und eine dicke eiserne Hand auf seinen Schwertknopf fallen ließ. »Wer sagt Euch, mein lieber Caverley, Ihr seid kein Unterthan des Prinzen von Wales?«
»Ihr werdet also zugeben, edler Herr, denn besser als irgend Jemand kennt Ihr die Gesetze der Disciplin, daß ich dem Befehl meines Prinzen gehorchen mußte.«
»Und dieser Befehl, hier ist er,« sprach Don Pedro und streckte das Pergament gegen Bertrand aus.
»Ich kann nicht lesen,« entgegnete ungestüm der Connetable.
Don Pedro zog sein Pergament zurück und Caverley schauerte, so muthig er war.
»Wohl!« fuhr Duguesclin fort, »ich glaube nun zu verstehen. Der König Don Pedro ward vom Kapitän Caverley gefangen genommen. Er zeigte seinen Geleitbrief vom Prinzen von Wales, und auf der Stelle setzte der Kapitän Don Pedro wieder in Freiheit.«
»So ist es,« rief Caverley, der einen Augenblick hoffte, bei seiner großen Rechtlichkeit würde Duguesclin Alles billigen.
»Bis dahin könnte es nicht besser sein,« fuhr der Connetable fort.
Caverley athmete frei.
»Aber,« sprach Bertrand, »es ist noch Etwas dunkel für mich.«
»Was?« sagte Don Pedro mit hochmüthiger Miene. »Beeilt Euch nur, Messire Duguesclin, denn alle diese Fragen werden ermüdend.«
»Ich vollende,« erwiderte der Connetable mit seiner furchtbaren Unempfindlichkeit. »Sagt, wozu ist es nöthig, daß der Kapitän Caverley, um Don Pedro zu befreien, Don Enrique zum Gefangenen macht?«
Aus diesen Worten und aus der Haltung, welche Duguesclin annahm, als er sie aussprach, schloß Mothril, der Augenblick sei gekommen, für Don Pedro eine Verstärkung von Mauren und Engländern zu Hilfe zu rufen.«
Bertrand verzog keine Miene und schien das Manoeuvre nicht einmal zu bemerken. Nur wurde seine Stimme wo möglich noch ruhiger und kälter, als zuvor.
»Ich erwarte eine Antwort,« sprach er.
Don Pedro gab sie ihm.
»Ich wundere mich,« sagte er, »daß die französischen Ritter so unwissend sind, daß es ihnen nicht einmal bekannt ist, wie eine doppelte Wohlthat daraus hervorgeht, wenn man sich zu gleicher Zeit einen Freund macht und sich eines Feindes entledigt.«
»Seid Ihr auch dieser Meinung, Meister Caverley?« fragte Bertrand, aus den Kapitän einen Blick heftend, dessen Heiterkeit ein Pfand der Stärke, zugleich ein Pfand der Drohung war.
»Ich muß wohl, Messire,« erwiderte der Kapitän.
«Ich gehorche.«
»Wohl!« sprach Bertrand, »ich thue gerade das Gegentheil von Euch, ich befehle. Ich befehle Euch, hört Ihr wohl? ich befehle Euch, Seine Hoheit den Prinzen Don Enrique von Transtamare, den ich hier von Euren Soldaten bewacht sehe, in Freiheit zu setzen, und da ich höflicher bin, als Ihr, so werde ich nicht einmal verlangen, daß Ihr Don Pedro verhaftet, obschon ich hierzu berechtigt bin, ich, dessen Geld Ihr in der Tasche habt, ich, der ich Euer Herr bin, da ich Euch bezahle.«
Caverley machte eine Bewegung; Don Pedro streckte den Arm aus und sprach:
»Antwortet nicht, Kapitän; es gibt hier nur einen Herrn, und dieser Herr bin ich. Ihr werdet mir also gehorchen, und zwar aus der Stelle, wenn's beliebt. Bastard Don Enrique, Messire Bertrand, und Ihr, Graf von Mauléon, ich erkläre Euch allen Dreien, daß Ihr meine Gefangenen seid.«
Bei diesen furchtbaren Worten trat ein tiefes Stillschweigen im Zelte ein. Mitten unter diesem Stillschweigen trennten sich sechs Bewaffnete auf ein Zeichen von Don Pedro von der Gruppe, um sich der Person von Duguesclin zu bemächtigen, wie man sich schon der von Don Enrique bemächtigt hatten; aber der gute Person Ritter schmetterte mit einem Streiche seiner Faust, dieser Faust, mit der er Beulen in die Rüstungen schlug, den Ersten, der sich ihm näherte, nieder, erhob mit seiner mächtigen Stimme den Ruf Notre-Dame-Guesclin, so daß er in der entferntesten Tiefe der Ebene erscholl, und zog sein Schwert.
In einem Augenblick bot das Zelt ein Schauspiel schrecklicher Verwirrung.
Schlecht bewacht, warf Agenor mit einer einzigen Kraftanstrengung die zwei Wachen zurück, denen er anvertraut war, und verband sich mit Bertrand. Enrique durchbiß mit seinen Zähnen den letzten Strick, der seine Faustgelenke band.
Mothril, Don Pedro und die Mauren bildeten einen drohenden Winkel.
Aissa beugte den Kopf durch die Vorhänge ihrer Sänfte und rief, Alles außer ihrem Geliebten vergessend:
»Muth, mein hoher Herr, Muth!«
Caverley endlich zog sich mit seinen Engländern zurück, um so lange als möglich die Neutralität zu behaupten; nur ließ er, um für jedes Ereigniß gefaßt zu sein, zum Aufsitzen blasen.
Der Kampf entspann sich, Pfeile, Bolzen, bleierne Kugeln, von der Schleuder geworfen, fingen an durch die Luft zu pfeifen und auf die drei Ritter zu regnen, als sich plötzlich ein ungeheures Geschrei erhob, und eine Truppe Bewaffneter zu Pferde in das Zelt sprengte, hieb, schlug, das Oberste zu unterst kehrte, Alles niederschmetterte und Staubwirbel emportrieb, welche die wüthendsten Kämpfer erstickte.
An ihrem Geschrei: »Guesclin! Guesclin! waren nicht schwer die Bretagner, befehligt von dem Stammler von Villaines, dem unzertrennbaren Freund von Bertrand, zu erkennen, der ihn an den Schranken des Lagers mit dem scharfen Befehl, nicht eher, als bis er den Ruf: »Notre-Dame-Guesclin!« hören würde, anzugreifen, aufgestellt hatte.
Es herrschte einen Augenblick eine seltsame Verwirrung in diesem aufgebrochenen, geöffneten, umgestürzten Zelt, einen Augenblick, in welchem sich Freunde und Feinde durch einander, vermengt, geblendet, fanden; dann verschwand dieser Staub, und bei den ersten Strahlen der hinter den Gebirgen Castiliens aufgehenden Sonne sah man die Bretagner als Herren des Lagers. Don Pedro, Mothril, Aissa, die Mauren waren wie eine Vision verschwunden. Einige, welche die Streitkolben oder die Schwerter getroffen hatten, lagen auf der Erde und rangen in ihrem Blut mit dem Tod, nur um zu beweisen, daß man es nicht mit einem Heer von flüchtigen Geistern zu thun gehabt hatte.
Agenor gewahrte vor Allen dieses Verschwinden: er sprang auf das erste das beste Pferd und trieb es, ohne zu bemerken, daß es verwundet war, gegen den nächsten Hügel, von wo aus er die Ebene überschauen konnte.
Als er die Anhöhe erreicht hatte, sah er in der Ferne fünf arabische Pferde, die nach dem Gehölze jagten; durch den bläulichen Dunstkreis des Morgens erkannte er das wollene Gewand und den flatternden Schleier von Aissa. Ohne sich darum zu bekümmern, ob ihn Jemand begleitete, stachelte er sein Pferd, von einer wahnsinnigen Hoffnung bewegt, zu ihrer Verfolgung an; doch nach Verlauf von zehn Minuten stürzte das Pferd nieder, um nie mehr aufzustehen.
Der junge Mann kehrte zur Sänfte zurück; sie war verlassen und er fand darin nur noch einen ganz von Thronen befeuchteten Blumenstrauß.
Am Ende der Linien wartete die ganze englische Reiterei, um zu handeln, auf ein Zeichen von Caverley. Der Kapitän hatte seine Leute so geschickt vertheilt, daß sie die Bretagner in einen Kreis einschloßen.
Mit einem Blick sah Bertrand, daß der Zweck dieses Manoeuvre war, ihm den Rückzug abzuschneiden.
Caverley trat vor und sprach:
»Messire Bertrand, um Euch zu beweisen, daß wir redliche Gefährten sind, öffnen wir Euch unsere Reihen, damit Ihr in Euer Quartier zurückkehren könnt.
Darauf werdet Ihr ersehen, daß die Engländer treulich ihr Wort halten und die Ritterschaft des Königs von Frankreich achten.«
Während dieser Zeit war Bertrand, stillschweigend und ruhig, als ob nichts Außerordentliches vorgefallen wäre, wieder zu Pferde gestiegen und hatte seine Lanze aus den Händen seines Knappen genommen.
Er schaute umher, und sah daß Agenor dasselbe, gethan hatte.
Alle seine Bretagner hielten sich in guter Ordnung und zum Angriff bereit hinter ihm.
»Herr Engländer,« sagte er, »Ihr seid ein Schurke, und wenn ich bei Kräften wäre, ließe ich Euch an jenen Kastanienbaum hängen.«
»Ah! Ah! Messire Connetable, nehmt Euch in Acht,« rief Caverley, »Ihr werdet mich nöthigen, Euch im Namen des Prinzen von Wales zum Gefangenen zu machen.«
»Bah!« sagte Duguesclin.
Caverley begriff, was Alles Drohendes in dem spöttischen Ton des Connetable lag und rief, sich gegen seine Soldaten umwendend:
»Schließt Eure Reihen!« und sogleich schloßen sich seine Leute an einander an und boten den Bretagnern eine eherne Mauer entgegen.
»Kinder!« sagte Bertrand zu seinen Braven, »die Stunde des Frühstücks naht; dort sind unsere Zelte, kehren wir dahin zurück.«
Und er sprengte mit seinem Roß so gewaltig an, daß Caverley nur noch Zeit hatte, sich auf die Seite zu werfen, um diesen eisernen Orkan, der gegen ihn vorrückte, vorüber zu lassen.
Hinter Bertrand brachen in der That mit derselben Stärke die Bretagner, von Agenor geführt, hervor. Enrique von Transtamare war beinahe wider seinen Willen in den Mittelpunkt der kleinen Truppe gestellt worden.
In jener Zeit war ein Mann durch die Vertrautheit mit den Waffen und durch die materielle Kraft so viel werth als zwanzig Männer. Bertrand lenkte seine Lanze so, daß er den Engländer, der sich ihr gegenüber fand, aushob. Sobald dieses erste Loch gemacht war, hörte man ein gewaltiges Krachen zerbrochener Lanzen, Schreie von Verwundeten, dumpfe Schläge eiserner Streitkolben und das Gewieher durch den Unfall zermalmter Pferde.
Als Caverley sich umwandte, sah er eine breite blutige Oeffnung, dann fünfhundert Schritte jenseits dieser Oeffnung die Bretagner in so guter Ordnung galoppirend, als durchzögen sie ein Feld reifer Aehren.
»Ich hatte es mir doch vorgenommen, mich nicht gegen dieses Viehvolk zu wagen,« murmelte er den Kopf schüttelnd. »Zum Teufel mit den Prahlereien und den Prahlern! Ich verliere bei dieser Unbesonnenheit wenigstens zwölf Pferde und vier Reiter, abgesehen . . . oh! ich Unglücklicher! abgesehen von einem königlichen Lösegeld, Heben wir das Lager auf, meine Herren. Von dieser Stunde an sind wir Castilianer. Verändern wir das Banner.«
Und noch an demselben Tag hob der Abenteurer das Lager auf und setzte sich in Marsch, um Don Pedro wieder einzuholen.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Die Politik von Messire Bertrand Duguesclin
Schon seit mehreren Stunden waren die Bretagner und der Prinz von Transtamare mit Mauléon in Sicherheit, und schon lange hatte Agenor in den Krümmungen der Berge, die den Horizont begrenzten, den weißen Punkt verloren, welcher auf der nun in den Sonnen strahlen glänzenden Ebene entfloh und nichts Anderes war, als seine ganze Liebe, seine ganze Freude, alle seine hinschwindenden Hoffnungen.
Sie bot übrigens ein ziemlich wechselreiches Schauspiel, die Haltung der verschiedenen Personen dieser Geschichte, denn der Zufall schien ein Vergnügen daran zu finden, Alle in dem Rahmen der herrlichen Landschaft, welche Agenor betrachtete, zu gruppiren.
Auf einem der Abhänge des Gebirges, das sie mit einer Schnelligkeit erreicht hatte, die der Flug des Adlers nicht übertroffen haben würde, erschien die flüchtige Truppe abermals; ganz deutlich sah man drei Dinge:, den rothen Mantel von Mothril, den weißen Schleier von Aissa und die leuchtende Stahlspitze, welche die Sonne wie einen Funken auf dem Helm von Don Pedro glänzen machte.
In dem Zwischenraum, der sich vom ersten bis zum dritten Plan ausdehnte, folgte die ganze Truppe von Caverley, nunmehr wieder in Schlachtordnung, dem Weg zum Gebirge. Die ersten Reiter verloren sich allmälig in dem Gehölze, das sich an seiner Base ausdehnte.
Auf dem ersten Plan ließ Enrique von Transtamare, an ein Gesträuche von riesigem Ginster angelehnt, sein Pferd auf dem Wiesengrunde umherirren und betrachtete von Zeit zu Zeit mit schmerzlichem Erstaunen seine noch von dem Druck der Stricke gerötheten Faustgelenke. Diese Spuren der schrecklichen Scene, welche in dem Zelt von Caverley vorgefallen, bewiesen ihm allein, daß zwei Stunden vorher Don Pedro noch in seiner Gewalt gewesen war, und daß ihm einen Augenblick ein günstiges Geschick zugelächelt hatte, um ihn beinahe in derselben Minute von dem First eines frühreifen Glückes vielleicht in die tiefste Tiefe des finsteren Abgrunds der Ungewißheit und der Ohnmacht hinabzustürzen.
In der Nähe von Enrique hatten sich einige Bretagner, von Müdigkeit erschöpft, auf dem Grase niedergelegt. Diese braven Ritter, gehorsame Maschinen, einzig und allein durch den Befehl der Natur über dem Saumthier oder dem Schäferhund erhaben, gaben sich nicht die Mühe, nachzudenken, nachdem sie gehandelt hatten. Als sie wahrnahmen, daß zehn Schritte von ihnen Bertrand für sie nachdachte, zogen sie ihre Mäntel über ihre Gesichter, um sich vor der Sonne zu schützen, und entschliefen.
Der Stammler von Villaines und Olivier von Mauney schliefen nicht; sie beobachteten im Gegentheil mit der tiefsten und beharrlichsten Aufmerksamkeit die Engländer, deren Vorhut, wie gesagt, sich im Walde zu verlieren anfing, während die Nachhut noch die Zelte abbrach und auf den Rücken der Maulthiere lud: unter den Arbeitern konnte man Caverley gewahren, der, wie ein bewaffnetes Gespenst, die Reihen der Soldaten durchschritt und die Ausführung der von ihm gegebenen Befehle überwachte.
So waren alle diese Menschen, die sich in der weiten Landschaft zerstreuten, und die einen nach Süden, die andern nach Westen, diese nach dem Osten, jene nach dem Norden entflohen, wie scheu gewordene Ameisen, dennoch mit einander durch eines und dasselbe Gefühl verbunden, und Gott, der sie allein verstand, indem er sie vom Himmel herab beobachtete, konnte sagen, daß in jedem von diesen Herzen, nur nicht in dem von Aissa, das Gefühl, welches alle andere Gefühle beherrschte, das der Rache war.
Bald aber verloren sich Don Pedro und Aissa abermals in einer Biegung des Gebirges; bald setzte sich die englische Nachhut ebenfalls in Marsch und drang in den Wald, so daß Mauléon, der Aissa nicht mehr sah, und der Stammler von Villaines und Olivier von Mauney, welche Caverley nicht mehr sahen, sich Bertrand näherten, der sich seiner Träumerei entschlug, um sich mit dem immer noch in die seinige versunkenen Enrique zu besprechen.
Bertrand lächelte ihnen zu: dann stand er mit Hilfe der eisernen Gelenke seiner Rüstung etwas mühsam von dem Erdhaufen auf, auf den er sich gesetzt hatte, und ging gerade auf den Prinzen Enrique zu, der immer noch an seinen Ginster angelehnt war.
Das Geräusch seiner durch die Rüstung erschwerten Tritte erschütterte den Erdboden, und dennoch wandte sich Enrique nicht um.
Bertrand trat immer näher auf ihn zu, so daß sein Schatten, zwischen die Sonne und den Prinzen gestellt, dem traurigen Herrn den sanften Trost der Wärme des Himmels entzog, welche, wie das Leben, besonders kostbar ist, wenn man sie verliert.
Enrique hob den Kopf empor, um seine Sonne zu verlangen, und sah den guten Connetable, der sich, das Visir halb aufgeschlagen und das Auge belebt von einem ermuthigenden Mitleid, auf sein Schwert stützte.
»Ah! Connetable,« sagte der Prinz, den Kopf schüttelnd, »was für einen Tag!«
»Bah! Hoheit, ich habe schlechtere gesehen.«
Der Prinz antwortete nur, indem er den Himmel durch einen Blick anklagte.
»Meiner Treue!« fuhr Bertrand fort, »ich erinnere mich nur eines Umstands, daß wir Gefangene sein könnten, und daß wir im Gegentheil frei sind.«
»Ah! Connetable, seht Ihr denn nicht, daß uns Alles entgeht?«
»Was nennt Ihr denn Alles?«
»Der König von Castilien, bei Gott!« rief Don Enrique mit einer Bewegung der Wuth und der Drohung, welche die Ritter beben machte, die das schallende Wort des Prinzen herbeigezogen hatte, die aber, indem sie sein Wort hörten, nicht vergessen konnten, daß der so sehr verwünschte Feind ein Bruder war.
Bertrand hatte sich dem Prinzen nicht allein in der Absicht genähert, die Entfernung, die sie trennte, zu verkürzen; er wollte ihm etwas sagen, denn er hatte in der That auf allen Gesichtern einen Ausdruck von Müdigkeit wahrgenommen, der ziemlich einem Anfang von Entmuthigung glich.
Er bedeutete dem Prinzen durch ein Zeichen, er möge sich setzen. Dieser begriff, daß Bertrand ein wichtiges Gespräch einzuleiten beabsichtige; er legte sich daher nieder, und unter allen diesen, wie gesagt, Entmuthigung ausdrückenden Gesichtern war das seinige keines von den am mindesten ausdrucksvollen.
Bertrand verbeugte sich, indem er zugleich seine beiden Hände auf seinen Schwertknopf stützte, und sprach:
»Verzeiht, gnädigster Herr, wenn ich Eure Gedanken von dem Wege abbringe, den sie verfolgen, doch ich wünschte mich mit Euch über einen gewissen Punkt zu verständigen.«
»Was habt Ihr, mein lieber Connetable?« fragte Enrique, unruhig über diesen Eingang, denn um den riesigen Act seiner Usurpation zu vollbringen, fühlte er sich nur auf die Redlichkeit der Bretagner gestützt, und gewisse Seelen können in Betreff der Redlichkeit keinen sehr starken Glauben haben.
»Gnädigster Herr, Ihr habt gesagt, der König von Castilien sei uns entgangen!«
»Allerdings habe ich das gesagt.«
»Wohl! das bildet eine Zweideutigkeit, und ich fordere Euch auf, Eure getreuen Diener dem Zweifel zu entziehen, der durch Eure Worte in Ihnen entstanden ist. Es gibt also noch einen andern König von Castilien, als Euch?«
Enrique erhob das Haupt wie der Stier, der die Spitze des Picador fühlt.
»Erklärt Euch, lieber Connetable,« sagte er.
»Das ist leicht. Wenn wir Beide nicht wissen, woran wir uns über diesen Gegenstand zu halten halben, so begreift Ihr, daß meine Bretagner und Eure Castilianer sich noch viel weniger auskennen werden, und daß die Einwohnerschaften der andern spanischen Reiche, noch viel weniger unterrichtet, als Eure Castilianer und meine Bretagner, nie wissen werden, ob sie: Es lebe König Enrique! oder: Es lebe König Don Pedro! rufen sollen.«
Enrique hörte, doch noch ohne zu wissen, worauf der Connetable abzielte. Nichtsdestoweniger, da ihm die Folgerung sehr logisch vorkam, machte er mit dem Kopf ein billigendes Zeichen.
»Nun?« sagte er endlich.
»Nun,« erwiderte Duguesclin, »wenn zwei Könige vorhanden sind, was eine Verwirrung veranlaßt, so fangen wir damit an, daß wir einen wegschaffen.«
»Mir scheint, daß wir nur zu diesem Ende Krieg führen, Sire Connetable,« entgegnete Enrique.
»Sehr gut; doch wir haben noch keine von den glänzenden Schlachten gewonnen, die Euch geradezu einen König vom Throne stürzen, und in Erwartung dieses Tages, der über das Schicksal von Castilien, so wie über das Eurige entscheiden wird, wißt Ihr selbst nicht, ob Ihr der König seid.«
»Was ist daran gelegen! ich will es sein.«
»Dann seid es.«
»Aber, mein lieber Connetable, bin ich nicht schon für Euch der einzige, der wahre König?«
»Das genügt nicht; Ihr müßt es für Jedermann sein.«
»Das scheint mir unmöglich, Messire, vor dem Gewinnen einer Schlacht, der Huldigung einer Armee, oder der Einnahme irgend einer großen Stadt.«
»Wohl! das ist es, woran ich gedacht habe.«
»Ihr!«
»Allerdings, ich. Glaubt Ihr, weil ich schlage, denke ich nicht? Ihr täuscht Euch. Ich schlage nicht immer und denke auch zuweilen. Ihr sagt, man müsse das Gewinnen einer Schlacht, die Huldigung einer Armee, oder die Einnahme einer großen Stadt abwarten?«
»Ja, wenigstens eines von diesen drei Dingen.«
»Nun so wollen wir eines von diesen drei Dingen sogleich haben.«
»Das scheint mir sehr schwierig, Connetable, um nicht zu sagen unmöglich.«
»Warum, Sire?«
»Weil ich fürchte.«
»Ah! wenn Ihr fürchtet, ich fürchte nie, gnädigster Herr,« entgegnete lebhaft der Connetable; »thut es nicht, ich werde es thun.«
»Wir werden von zu hoch herabfallen, Connetable; von so hoch, daß wir uns nicht mehr erheben.«
»Fallt Ihr nicht in das Grab, gnädigster Herr, so werdet Ihr Euch immerhin erheben, so lange Ihr vier bretagnische Ritter um Euch und dieses glänzende castilianische Schwert an Eurer Seite habt. Auf, hoher Herr, Entschlossenheit!«
»Oh! seid unbesorgt, Messire Connetable, ich werde bei Gelegenheit haben,« sprach Enrique, dessen Augen sich bei dem näher gerückten Anblick der Verwirklichung seines Traumes belebten.
»Aber ich sehe weder die Schlacht, noch das Heer.«
»Ja, aber Ihr seht die Stadt.«
Enrique schaute umher.
»Wo salbt man die Könige in diesem Lande, gnädigster Herr?« fragte Duguesclin.
»In Burgos.«
»Wohl! obgleich meine geographischen Kenntnisse nicht sehr ausgebreitet sind, so muß doch Burgos, wie mir scheint, in dieser Gegend liegen.«
»Ganz gewiß, höchstens fünfundzwanzig bis dreißig Stunden von hier.«
»Nehmen wir also Burgos.«
»Burgos!« wiederholte Enrique.
»Allerdings, Burgos. Und wenn Euch darnach gelüstet, so gebe ich es Euch, so wahr ich Duguesclin heiße.«
»Eine so feste Stadt, Connetable,« versetzte Enrique, den Kopf mit dem Ausdruck des Zweifels schüttelnd; »eine Hauptstadt! eine Stadt, in der sich außer dem Adel eine mächtige Bürgerschaft findet, bestehend aus Christen, Juden und Mahometanern, welche in gewöhnlichen Zeiten ganz getrennt, aber, wenn es sich um die Vertheidigung ihrer Privilegien handelt, ganz befreundet sind! Burgos, mit einem Wort, der Schlüssel Castiliens, eine Stadt, die als das uneinnehmbarste Heiligthum von denjenigen, welche die Krone und die königlichen Insignien darin niedergelegt haben, gewählt worden zu sein scheint!«
»Dahin werden wir gehen, wenn es Euch beliebt, gnädigster Herr,« sprach ganz ruhig Duguesclin.
»Freund,« sagte der Prinz, »laßt Euch nicht durch ein Gefühl der Zuneigung, durch eine übertriebene Ergebenheit verführen. Gehen wir mit unsern Kräften zu Rathe.«
»Zu Pferde, gnädigster Herr,« sprach Bertrand, während er das Roß des Prinzen, das im Ginster umherirrte, beim Zügel faßte, »zu Pferde, und marschiren wir gerade auf Burgos.«
Und auf ein Zeichen des Connetable gab ein bretagnischer Trompeter das Signal. Die Schläfer waren die Ersten im Sattel, und Bertrand, der seine Bretagner mit der Aufmerksamkeit eines Anführers und mit der Liebe eines Vaters beobachtete, bemerkte, daß die meisten derselben, statt den Prinzen zu umgeben, wie sie es zu thun pflegten, sich im Gegentheil ihm als ihrem Connetable anschloßen, und ihn als ihr einziges und wahres Haupt anerkannten.
»Es war Zeit,« flüsterte der Connetable Agenor ins Ohr.
»Wozu?« fragte dieser bebend wie ein Mensch, den man seinem Traume entreißt.
»Zeit, die Thätigkeit unserer Soldaten wieder aufzufrischen,« sagte er.
»Das ist in der That kein Uebel, Connetable,« erwiderte der junge Mann, »denn es ist hart für Menschen, zu gehen, man weiß nicht wohin, man weiß nicht für wen.«
Bertrand lächelte; Agenor erwiderte seinen Gedanken und gab ihm folglich Recht.
»Nicht wahr, Ihr sprecht nicht für Euch?« fragte Bertrand; »denn mir scheint, ich habe Euch immer als den Ersten auf dem Marsch und beim Angriff für die Ehre unseres Landes gesehen.«
»Oh! ich verlange nichts Anderes, als mich zu schlagen und besonders zu marschiren, und nie wird man schnell genug für mich gehen.«
Und als er diese Worte sagte, erhob sich Agenor auf seinen Steigbügeln, als ob sein Blick die Berge hätte überspringen wollen, welche den Horizont begrenzten.
Bertrand antwortete nicht; er hatte Jedermann gut beurtheilt und begnügte sich damit, daß er eine Wache befragte, die ihn versicherte, wolle man auf dem kürzesten Weg Burgos erreichen, so müsse man sich gegen Calahorra, eine kleine kaum sechs Meilen entfernte Stadt, wenden.
»Marschiren wir also rasch nach Calahorra,« rief der Connetable.
Und er spornte sein Pferd, Und gab so das Beispiel der Eile.
Hinter ihm setzte sich mit einem furchtbaren Geräusch die eherne Schwadron in Bewegung, in deren Centrum sich Enrique von Transtamare befand.
