Kitabı oku: «Der Bastard von Mauléon», sayfa 24
Unterjocht durch die stolze Macht des Mauren hielt Don Pedro inne.
»Tochter von Mahomet, dem König von Granada,« murmelte er.
»Ja, Tochter von Mahomet, König von Granada, den Ihr ermorden ließet. Ich war im Dienst dieses großen Fürsten, wie Ihr wißt, und ich rettete sie, als Eure Soldaten seinen Palast plünderten, und als ein Sklave sie in seinem Mantel wegtrug, um sie zu verkaufen; es war dies vor neun Jahren und Aissa zählte damals kaum sieben Jahre. Ihr hörtet erzählen, ich sei ein treuer Rathgeber, und Ihr riefet mich an Euren Hof. Es war Gottes Wille, daß ich Euch diente, Ihr seid mein Herr, Ihr seid groß unter den Großen, ich habe gehorcht. Doch zum neuen Herrn folgte mir die Tochter meines alten Herrn; sie hält mich für ihren Vater, das arme Kind, das im Harem aufgezogen wurde, ohne je das majestätische Antlitz des Sultans gesehen zu haben, der nicht mehr ist. Ihr habt nun mein Geheimniß, Eure Gewalt hat es mir entrissen. Doch erinnert Euch, König Don Pedro, daß ich wache, ein ergebener Sklave bei Euren geringsten Launen, daß ich mich aber wie die Schlange erheben werde, um gegen Euch den einzigen Gegenstand, den ich Euch vorziehe, zu vertheidigen.«
»Aber ich liebe Aissa!« rief Don Pedro außer sich.
»Liebt sie, König Don Pedro, Ihr könnt es, denn sie ist von einem Blut, das dem Eurigen mindestens gleich kommt! doch erlangt sie von ihr selbst, ich werde Euch nicht daran verhindern,« erwiderte der Maure, »Ihr seid jung, Ihr seid schön, Ihr seid mächtig, warum sollte diese Jungfrau Euch nicht lieben, warum sollte sie nicht der Liebe zugestehen, was Ihr mit Gewalt erreichen wollt?« Bei diesen Worten, welche wie der Pfeil des Parthers abgeschossen wurden und tief in das Herz von Don Pedro eindrangen, hob Mothril den Thürvorhang auf und ging rückwärts aus dem Zimmer.
»Aber sie wird mich hassen, sie muß mich hassen, wenn sie weiß, daß ich ihren Vater getödtet habe.«
»Ich spreche nie schlecht von dem Herrn, dem ich diene sagte Mothril, der den Thürvorhang noch aufgehoben hielt, »Aissa weiß nichts von Euch, wenn nicht, daß Ihr ein guter und großer König seid.«
Mothril ließ den Vorhang fallen, und Don Pedro konnte noch einige Zeit auf den Platten seine langsamen, feierlichen Schritte, die sich nach dem Zimmer von Aissa wandten, schallen hören.
Einunddreißigstes Kapitel.
Wie Mothril zum Anführer der maurischen Stämme und zum Minister des Königs Don Pedro ernannt wurde
Mothril wandte sich, als er den König verließ, nach der Wohnung von Aissa.
In ihr Gemach eingeschlossen, das durch Gitter beschützt und von ihrem Vater bewacht war, sehnte sich Aissa nach Luft, in Ermangelung der Freiheit.
Aissa hatte nicht, wie die Frauen unserer Zeit, das Mittel, Neuigkeiten zu erfahren, welche den Briefwechsel ersetzten; Agenor nicht mehr sehen hieß für sie nicht mehr leben; ihn nicht mehr sprechen hören hieß für sie das Ohr nicht mehr für das Geräusch dieser Welt offen haben.
Doch es lebte in ihr eine tiefe Ueberzeugung, die Ueberzeugung, sie habe eine Liebe eingeflößt, welche der ihrigen gleichkomme; sie wußte, Agenor, der schon dreimal Mittel gefunden hatte, zu ihr zu gelangen, würde, wenn er nicht todt wäre, auch ein viertes Mal Mittel finden, sie zu sehen, und in ihrem jugendlichen Vertrauen auf die Zukunft schien es ihr unmöglich, daß Agenor sterben sollte.
Es blieb also für Aissa nichts mehr Anderes zu thun, als zu warten und zu hoffen.
Die Frauen des Orients bilden sich ein Leben fortwährender Träume, gemischt mit energischen Handlungen, welche das Erwachen oder die Unterbrechungen ihres wollüstigen Schlafes sind. Wenn die arme Gefangene hätte handeln können, um Mauléon wiederzufinden, würde sie sicherlich gehandelt haben; doch unwissend wie eine von den Blumen des Orients, deren Wohlgeruch und Frische sie besaß, verstand sie es nur, sich nach der Seite zu wenden, von der ihr die Liebe, diese Sonne ihres Lebens, zukam. Aber gehen, aber sich Gold verschaffen, aber fragen und forschen, aber fliehen, das waren Dinge, die ihr nie in den Sinn kamen, da sie dieselben ganz und gar für unmöglich hielt.
Wo war übrigens Agenor? Wo war sie selbst? sie wußte es nicht. In Segovia ohne Zweifel; doch der Name Segovia stellte für sie nur den Namen einer Stadt dar und nicht mehr. Wo war diese Stadt? sie wußte es nicht: in welcher Provinz von Spanien? sie wußte es nicht, sie, die nicht einmal den Namen der verschiedenen Provinzen Spaniens kannte; sie, die hundert und fünfzig Meilen gemacht hatte, ohne die Länder zu kennen, die sie durchzogen, und nur sich dreier Punkte in diesen verschiedenen Ländern erinnernd, nämlich der Orte, wo sie Agenor gesehen.
Doch wie waren auch diese drei Punkte in ihrem Geiste eingerahmt geblieben! Wie sah sie die Ufer der Zezere, dieser Schwester des Tajo, mit den wilden Olivenbäumen, bei denen man ihre Sänfte niedergesetzt, mit den düsteren Wogen voll von Schluchzen und Geräuschen, aus deren Schooß immer noch das erste Liebeswort von Agenor und der letzte Seufzer des unglücklichen Pagen emporzusteigen schienen! Wie sah sie ihr Gemach im Alcazar mit den Gittern von Geißblatt umrankt und der Aussicht auf Blumenbeete und grüne Rasen, aus deren Mitte die schäumenden Wasser In marmorne Becken sprangen I Wie sah sie endlich die Gärten von Bordeaux mit ihren großen, dunkel belaubten Bäumen, welche von dem Haus der Lichtsee trennte, den der Mond vom Himmel herab ergoß.
Von diesen verschiedenen Landschaften waren ihren Augen jeder Anblick, jede Einzelheit, jeder Ton, jedes Blatt gegenwärtig.
Doch zu sagen, ob diese, wenn auch in der Dunkelheit ihres Lebens so hell leuchtenden, Punkte zu ihrer Rechten oder zu ihrer Linken, im Süden oder im Norden der Welt lagen, dies wäre nicht möglich für die Unwissenheit des Mädchens gewesen, das nur das gelernt, hatte, was man im Harem lernt, nämlich die Wonne des Bads und die wollüstigen Träume der Müßigkeit.
Mothril wußte dies Alles, sonst wäre er minder ruhig gewesen.
Er trat bei dem Mädchen ein.
»Aissa,« sprach er, nachdem er sich seiner Gewohnheit gemäß vor ihr niedergeworfen hatte, »darf ich hoffen, daß Ihr mit einiger Gewogenheit anhören werdet, was ich Euch zu sagen habe.«
»Ich habe Euch Alles zu verdanken, und bin Euch zugethan,« antwortete Aissa, indem sie Mothril anschaute, als hätte sie gewünscht, er könnte in ihren Augen die Wahrheit ihrer Worte lesen.
»Gefällt Such das Leben, das Ihr führt?« fragte Mothril.
»Wie so?« erwiderte Aissa, welche sichtbar den Zweck dieser Frage zu errathen suchte.
»Ich will wissen, ob es Euch gefällt, eingeschlossen zu leben?«
»Oh! nein,« antwortete Aissa lebhaft.
»Ihr möchtet gern Eure Lage verändern?«
»Sicherlich.«
»Was würde Euch gefallen?«
Aissa schwieg, das Einzige, was sie sich wünschte, konnte sie nicht sagen.
»Ihr antwortet nicht?« fragte Mothril.
»Ich weiß nicht, was ich antworten soll.«
»Würde es Euch nicht vielleicht Freude machen,« fuhr der Maure fort, »auf einem großen spanischen Pferd, gefolgt von Frauen, Cavalieren, Hunden und Musik, auszureiten?«
»Das ist es nicht, was ich mir am meisten wünsche,« antwortete das Mädchen. »Doch nach dem, was ich mir wünsche, wäre mir auch dieses lieb; unter der Bedingung indessen . . .«
Sie hielt inne.
»Unter der Bedingung?« fragte Mothril neugierig.
»Nichts!« erwiderte das stolze Mädchen, »nichts!«
Trotz des Schweigens begriff indessen Mothril vollkommen, was dieses unter der Bedingung bedeuten sollte.
»So lange Ihr bei mir seid,« fuhr Mothril fort, »und so lange ich, für Euren Vater angesehen, obgleich mir diese ausnehmende Ehre nicht gebührt, für Euer Glück und Eure Ruhe verantwortlich bin, Aissa, so lange dies sich so verhält, kann das, was Ihr Euch wünscht, nicht sein.«
»Und wann wird sich das ändern?« fragte das Mädchen mit seiner naiven Ungeduld.
»Wenn Euch ein Gatte besitzen wird.«
Sie schüttelte den Kopf und, entgegnete:
»Nie wird mich ein Gatte besitzen.«
»Ihr unterbrecht mich, Senora,« sprach Mothril mit ernstem Tone. »Ich sagte doch für Euer Glück sehr ersprießliche Dinge.«
Aissa schaute den Mauren starr an.
»Ich sagte,« fuhr er fort, »ein Gatte könne Euch die Freiheit geben.«
»Die Freiheit?« wiederholte Aissa.
Vielleicht wißt Ihr nicht genau, was die Freiheit ist,« sprach Mothril. »Ich will es Euch sagen: Die Freiheit ist das Recht, durch die Straßen zu gehen, ohne das Gesicht bedeckt zu haben und in eine Sänfte eingeschlossen zu sein; es ist das Recht, Besuche zu empfangen wie bei den Franken, Jagden und Festen beizuwohnen und in Begleitung von Rittern an großen Gastmahlen Theil zu nehmen.«
Während Mothril sprach, färbte eine leichte Rothe die matte Gesichtshaut von Aissa. Zögernd erwiderte sie:
»Ich habe im Gegentheil sagen hören, der Gatte nehme dieses Recht, statt es zu geben.«
»Wenn er der Gatte ist, ja, das ist zuweilen wahr; doch ehe er es ist, besonders wenn er einen ausgezeichneten Rang einnimmt, erlaubt er seiner Verlobten, sich so zu betragen, wie ich es Euch gesagt habe. In Spanien und in Frankreich, zum Beispiel, hören die Töchter, selbst der christlichen Könige, auf die galanten Reden und werden dadurch nicht entehrt. Derjenige, welcher sie heirathen soll, läßt sie zuvor einen Versuch in dem ungebundenen und kostbaren Leben machen, das ihnen vorbehalten ist . . . Ein Beispiel: erinnert Ihr Euch an Maria Padilla?«
Aissa horchte.
»Nun?« fragte das Mädchen.
»Nun? war Maria Padilla nicht Königin der Feste, die allmächtige Gebieterin im Alcazar, in Sevilla, in der Provinz, in Spanien? Erinnert Ihr Euch nicht, daß Ihr sie bei den Spielen des Palastes durch unsere vergitterten Fenster ihr schönes arabisches Roß habt tummeln und oft ganze Tage die Cavaliere, die sie vorzog, um sich versammeln sehen? Ihr aber waret eingeschlossen und verborgen, durftet die Schwelle Eures Zimmers nicht überschreiten, sahet nur Eure Frauen und konntet mit Niemand von dem sprechen, was Ihr im Geist oder im Herzen hattet.«
»Aber Dona Maria Padilla liebte Don Pedro,« erwiderte Aissa; »denn wenn man in diesem Lande liebt, steht es einem frei, wie es scheint, es öffentlich dem zu sagen, welchen man liebt. Er wählt die Frau und kauft sie nicht, wie in Afrika. Dona Maria liebte Don Pedro, sage ich Euch, und ich werde denjenigen, welcher mich zu heirathen gedächte, nicht lieben.«
»Was wißt Ihr davon, Senora?«
»Wer ist er?« fragte lebhaft das Mädchen.
»Ihr fragt sehr eilig.«
»Und Ihr antwortet sehr langsam.«
»Nun! ich wollte Euch sagen, daß Dona Maria frei war.«
»Nein, da sie liebte.«
»Man wird frei, selbst wenn man liebt, Senora.«
»Wie dies?«
»Man hört nur aus zu lieben.«
Aissa zuckte die Achseln, als ob man ihr etwas Unmögliches sagte.
»Dona Maria ist wieder frei geworden, sage ich Euch, denn Don Pedro liebt sie nicht mehr und wird nicht mehr von ihr geliebt.«
Aissa schaute erstaunt empor; der Maure fuhr fort:
»Ihr seht also, Aissa, daß ihre Ehe nicht geschlossen ist, und daß dennoch Beide das Glück genossen haben, das hoher Rang und vornehmer Umgang verleihen.«
»Woraus zielt Ihr ab?« rief Aissa, plötzlich wie durch einen Blitz geblendet.
»Ich will Euch sagen, was Ihr schon vollkommen begriffen habt.«
»Nagt es immerhin.«
»Daß ein vornehmer Herr. . .«
»Der König, nicht wahr?«
»Der König selbst, Senora,« antwortete Mothril sich verbeugend.
»Er gedenkt mir den von Maria Padilla erledigten Platz zu geben?«
»Und seine Krone.«
»Wie Maria Padilla?«
»Dona Maria hat nur sich die Krone versprechen zu lassen gewußt; eine Andere, jünger, schöner, gewandter, wird es verstehen, sich dieselbe geben zu lassen.«
»Aber sie, sie, die man nicht mehr liebt, was wird aus ihr?« fragte Aissa ganz nachdenkend, indem sie die rasche Bewegung unterbrach, die ihre Finger den Körnern eines in Gold gefaßten Rosenkranzes von Aloeholz verliehen.
«Oh!« versetzte Mothril, Gleichgültigkeit heuchelnd, »sie hat sich ein anderes Glück geschaffen; die Einen sagen, sie habe die Kriege befürchtet, in welche der König verwickelt werden soll; die Andern, und das ist wahrscheinlicher, sie liebe einen andern Mann und werde diesen zum Gatten nehmen.«
»Welchen Mann?« fragte Aissa.
»Einen Ritter aus dem Abendland,« antwortete Mothril.
Aissa versank in eine diese Träumerei, denn diese hinterlistigen Worte enthüllten ihr nach und nach wie durch eine Zaubermacht die ganze so süße Zukunft, von der sie träumte und deren Schleier sie aus Unwissenheit oder aus Schüchternheit nicht zu lüften gewagt hatte.
»Ah! man sagt das?« fragte endlich Aissa entzückt.«
»Ja,« sprach Mothril, »und man fügt bei, als sie ihre Freiheit wieder erlangt, habe sie ausgerufen: »»Oh! welches Glück hat es mir gebracht, daß sich der König um mich beworben, denn ich bin dadurch aus der Stille und aus dem Hause gezogen worden, um mich in diese schöne Sonne stellen zu können, die mich meine Liebe hat unterscheiden lassen.««
»Ja, ja,« sagte das Mädchen träumerisch.
»Sicherlich,« fuhr Mothril fort, »sicherlich hätte sie im Harem oder im Kloster die Freude nicht gefunden, die ihr zu dieser Stunde zu Theil wird.«
»Das ist wahr,« sprach Aissa.
»Ihr werdet also im Interesse Eures Glückes auf den König hören, Aissa?«
»Aber der König wird mir doch Zeit lassen, nachzudenken?«
»So viel es Euch beliebt und es einem edlen Mädchen, wie Ihr seid, gebührt. Nur ist er ein trauriger und durch sein Unglück gereizter Herr. Euer Wort ist süß, wenn Ihr wollt; wollt es, Aissa. Don Pedro ist ein großer König, dessen Empfindlichkeit man schonen, dessen Wünsche man vermehren muß.«
»Ich werde den König hören, Herr,« antwortete das Mädchen.
»Gut!« sagte Mothril zu sich selbst; »ich war sicher, der Ehrgeiz würde sprechen, sollte die Liebe nicht sprechen. Sie liebt ihren Ritter genug, um die Gelegenheit zu ergreifen, die sich bietet, ihn wiederzusehen: in diesem Augenblick opfert sie den Monarchen dem Geliebten, vielleicht werde ich später genöthigt sein, darüber zu wachen, daß sie nicht den Geliebten dem Monarchen opfert.«
»Ihr weigert Euch also nicht, den König zu sehen, Dona Aissa?« fragte er.
»Ich werde die ehrfurchtsvolle Dienerin Seiner Hoheit sein,« sprach das Mädchen.
»Nein, denn Ihr seid dem König gleich an Rang, vergeßt das nicht. Nur nicht mehr Hoffart, als Demuth. Lebt wohl, ich will den König benachrichtigen, daß Ihr der Serenade, die man ihm jeden Abend gibt, anzuwohnen einwilligt. Der ganze Hof und viele edle Fremde werden dabei sein. Lebet wohl, Dona Aissa.«
»Wer weiß,« murmelte das Mädchen, »ob ich nicht unter diesen edlen Fremden Agenor sehe?«
Don Pedro, der Mann mit den heftigen und raschen Leidenschaften, erröthete vor Freude, wie ein junger Novize, als er am Abend dem Balcon glänzend unter ihrem goldgestickten Schleier die schöne Maurin sich nähern sah, deren schwarze Augen und bleiche Gesichtsfarbe Alles verdunkelten, was Segovia bis jetzt an vollkommenen Schönheiten erschaut hatte.
Aissa schien eine an die Huldigungen der Könige gewohnte Königin zu sein. Sie schlug nicht die Augen nieder, schaute häufig Don Pedro an, durchforschte mit den Blicken die Menge, und mehr als einmal am Abend verließ Don Pedro seine weisesten Räthe oder die hübschesten Frauen, um ganz leise ein Wort zu dem Mädchen zu sagen, das ihm ohne Unruhe und ohne Verlegenheit antwortete, nur ein wenig zerstreut, vielleicht, denn die Gedanken von Aissa waren anderswo.
Don Pedro reichte ihr die Hand, um sie an ihre Sänfte zurückzuführen, und auf dem Wege sprach er unaufhörlich mit ihr durch ihre seidenen Vorhänge.
Die ganze Nacht unterhielten sich die Höflinge von der neuen Gebieterin, die ihnen der König zu geben sich anschickte, und als Don Pedro sich niederlegte, verkündigte er öffentlich, er betraue mit der Sorge der Unterhandlungen und des Soldes der Truppen seinen ersten Minister Mothril, den Anführer der in seinem Dienste verwendeten maurischen Stämme.
Zweiunddreißigtes Kapitel
Wie sich Agenor und Musaron, in der Sierra Aracena reisend, unterhielten
Man hat gesehen, wie Mauléon und sein Knappe sich bei einem schönen Mondschein nach dem Wunsch des neuen Königs von Castilien auf den Weg begaben.
Nichts öffnete der Freude das Herz von Musaron so sehr, als der indiskrete Klang einiger Thaler, die sich in der Tiefe seiner ungeheuren Ledertasche wiegten; und an diesem Tag war es nicht mehr das Klirren eines zufälligen Zusammentreffens, was den würdigen Knappen erheiterte, sondern es war der dumpfere Ton eines Hunderts gewichtiger Stücke, welche sich in einem Sack zusammengepreßt fanden und sich an einander zu fügen suchten; die Freude von Musaron war auch verhältnißmäßig dick und sonor.
Die schon damals gebahnte Straße von Burgos nach Segovia war schön; aber gerade weil sie schön und sehr stark besucht war, dachte Mauléon, es wäre nicht klug, streng ihrem Zuge zu folgen. Er warf sich daher als ein wahrer Bearner in die Sierra und folgte den pittoresken Wellenlinien des westlichen Gebirgsabhanges, der sich, abwechselnd blühend, felsig und moosig, wie ein natürlicher Vorhang von Cambra bis Tudela erstreckt.
Schon am Anfang der Reise sah sich Musaron, der aus die Hälfte der Thaler gerechnet hatte, um sich einen Weg zu machen, wie er ihn haben wollte, sehr getäuscht. Hatten in den Städten und in der Ebene die Einwohner ihre Reichthümer unter dem doppelten Drucke von Don Pedro und von Enrique ausgezehrt, wie mußte es bei den Bergbewohnern sein, welche nie Reichthümer besessen? Aus Schafsmilch, aus rauhen Wein, aus Gersten- und Hirsenbrod angewiesen, sehnten sich auch unsere Reisenden, besonders Musaron, nach den Gefahren der Ebene zurück: Gefahren, welche mit Genüssen, als da sind, gebratene junge Ziegen, Olla-Podrida und guter, in Schläuchen gealterter Wein, vermischt waren.
Musaron fing auch an sich bitterlich zu beklagen, daß er keinen Feind zu bekämpfen habe.
Agenor, der an etwas Anderes dachte, ließ ihn klagen, ohne zu antworten; dann aber seiner Träumerei, so tief sie auch war, durch die wilden Prahlereien seines Knappen entrissen, hatte er das Unglück zu lächeln.
Dieses Lächeln, unter dem allerdings eine Nuance von Ungläubigkeit vordrang, mißfiel Musaron ungemein.
»Ich glaube nicht, gnädiger Herr,« sagte er, indem er die Lippen zusammendrückte, um sich eine unzufriedene Miene zu geben, obgleich dieser ungewöhnliche Ausdruck seiner Physiognomie bedeutend von der gewöhnlichen Gutmüthigkeit seines ehrlichen Gesichtes abstach, »ich glaube nicht, daß der gnädige Herr je an meinem Muthe gezweifelt hat, und mehr als ein Zug dürfte zum Beweis dafür dienen.«
Agenor machte ein Zeichen der Beistimmung.
»Ja, mehr als ein Zug,« fuhr Musaron fort. »Soll ich von dem Mauren sprechen, den ich in den Gräben von Medina Sidonia so gut durchbohrt habe? von dem Andern, den ich im Gemache der unglücklichen Königin Blanche selbst erwürgte? Gewandtheit und Muth, ich sage es bescheidener Weise, werden mein Wahlspruch sein, wenn ich mich je zum Range eines Ritters emporschwinge.«
»Dies Alles ist strenge Wahrheit, mein lieber Musaron,« sagte Agenor; »doch laß hören, woraus zielst Du ab mit allen Deinen langen Reden und mit Deinem wilden Runzeln der Stirne?«
»Gnädiger Herr,« erwiderte Musaron, gestärkt durch den mitfühlenden Ton, den er in der Stimme seines Gebieters wahrgenommen hatte, »gnädiger Herr, Ihr langweilt Euch also nicht?«
»Mit Dir selten, mein guter Musaron; mit meinen Gedanken nie.«
»Ich danke, edler Herr; aber wenn ich überlege, daß es hier nicht den geringsten verdächtigen Reisenden gibt, dem wir mit der Lanzenspitze ein gutes Viertel kaltes Wildbret oder einen dicken Schlauch von jenen, schönen Weinen, welche man dort am User des Meeres erzeugt, abnehmen könnten . . . das ärgert mich.«
»Ah! ich begreife, Du hast Hunger, Musaron, und Deine Eingeweide schreien: Vorwärts!«
»Ganz richtig, Senor, wie man hier zu Lande sagt; seht doch unter uns den hübschen Weg. Wenn man in Betracht zieht, daß wir, statt in diesen ewigen Schlünden und unter diesen ungastlichen Birken umherzuschweifen, würden wir dem Pfade folgen, der sich beinahe eine Meile abwärts zieht, jenes Plateau erreichen könnten, auf dem man eine Kirche sieht! Schaut, Herr, neben einem dicken, fetten Rauch; seht Ihr! Spricht bei einem frommen Rittersmann, bei einem guten Christen nichts zu Gunsten dieser Kirche? Oh! der schöne Rauch! er riecht von hier aus gut!«
»Musaron,« erwiderte Agenor, »ich habe eben so große Lust, als Du, die Lebensordnung zu verändern und Menschen zu erschauen; aber ich kann meine Person nicht unnützen Gefahren aussetzen. Genug ernste und unvermeidliche Gefahren harren meiner in Erfüllung meines Auftrags. Diese Berge sind unfruchtbar, öde, aber sicher.«
»Ei! gnädiger Herr,« fuhr Musaron fort, der entschlossen schien, sich nicht zu ergeben, ohne gekämpft zu haben: »habt die Gnade, reitet mit mir nur bis auf das Drittel des Abhangs hinab, und ich werde bis zu dem Rauch weiter ziehen und uns einige Mundvorräthe verschaffen, mit deren Hilfe wir geduldiger sein können. Was meine Spur betrifft, so geht die Nacht darüber hin und morgen sind wir fern.«
»Mein lieber Musaron,« sprach Agenor, »höre wohl, was ich Dir sagen werde.«
Der Knappe horchte, den Kopf schüttelnd, als hätte er vorhergesehen, das, was ihn sein Herr zu hören bat, stünde nicht im Einklang mit seinen Ideen.
»Ich werde mir weder Umschweife, noch Abwege erlauben, so lange wir nicht in Segovia angekommen sind fuhr Agenor fort. »In Segovia, Herr Sybarite, könnt Ihr Alles finden, was Euer Herz begehrt: ausgesuchte Speisen, angenehme Gesellschaft. In Segovia endlich werdet Ihr wie der Stallmeister eines Botschafters, was Ihr seid, behandelt werden. Doch bis dahin marschiren wir gerade aus, wenn es Euch beliebt. Ist übrigens Segovia nicht die Stadt, die ich dort im Nebel erblicke und aus deren Mitte jener schöne Glockenthurm und jener blendende Dom emporragen? Morgen Abend werden wir dort sein; wegen einer solchen Kleinigkeit ist es also nicht der Mühe werth, daß wir von unserem Wege abgehen.«
»Ich gehorche Eurer Herrlichkeit,« versetzte Musaron mit kläglichem Tone, »das ist meine Pflicht und ich liebe meine Pflicht; doch wenn ich mir . . Alles im Interesse Eurer Herrlichkeit . . .«
Agenor blickte Musaron an, der diesen Blick durch ein Zeichen mit dem Kopf erwiderte, welches bedeutete: »Ich behaupte, was ich gesagt habe.«
»Laß hören,« sprach der junge Mann.
Schleunigst fuhr Musaron fort:
»Es gibt ein Sprichwort in meinem Lande, und folglich in dem Eurigen, das dem Glöckner räth, die kleinen Glocken vor den großen zu versuchen.«
»Was bedeutet dieses Sprichwort?«
»Es bedeutet, gnädiger Herr, daß es, ehe wir in, Segovia, nämlich in die große Stadt einziehen, klug, von uns wäre, einen Flecken zu befühlen; hier würden wir aller Wahrscheinlichkeit nach irgend eine gute Wahrheit über den Stand der Angelegenheiten hören. Ah! wenn Eure Herrlichkeit wüßte, was ich Alles an guten Vorzeichen aus dem Rauche jenes Fleckens entnehme.«
Agenor war der Mann des gesunden Verstandes. Die ersten Gründe von Musaron hatten ihn nur wenig angeregt; doch der legte berührte ihn tiefer; er bedachte überdies, daß Musaron die fixe Idee hatte, nach dem nahen Flecken zu gehen, und daß ihn in seiner Idee stören die so gut geordnete Uhr seines Charakters stören hieß, welche Störung ihn damit bedrohte, daß er wenigstens einen ganzen Tag auszuhallen haben würde, was es Abscheulichstes unter dem Himmel gibt, nämlich die schlimme Laune eines Dieners, ein Sturm, der unvermeidlicher und schwärzer ist, als jedes Gewitter.
»Gut, es sei,« sagte er, »ich billige Deinen Wunsch. Musaron, geh nach, was um jenen Rauch her vorgeht, und melde es mir sodann.«
Da Musaron vom Anfang dieser Verhandlung an beinahe sicher war, der Ausgang würde seinem Willen entsprechen, so nahm er diese Erlaubniß ohne einen unmäßigen Ausbruch der Freude auf und trabte, dem Pfade folgend, den er schon so lange mit den Augen verschlang, fort.
Agenor wählte seinerseits, um bequem die Rückkehr seines Knappen abzuwarten, ein reizendes Amphitheater von Felsen, durchstreut mit Birken, dessen Mittelpunkt mit jenem seinen Moos überzogen war, das man nur im Gebirge findet, und wo man nach Herzenslust alle jene schönen Blumen blühen sieht, welche sich nur am Rande von Abschüssen 'erschließen; eine Quelle, durchsichtig wie ein Spiegel, schlummerte einen Augenblick in einem natürlichen Becken und entfloh dann seufzend unter den Steinen.
Agenor löschte darin seinen Durst, nahm seinen Helm ab und lehnte sich unter der erquickenden Frische des Schattens an den weichen Stamm einer alten Eiche an.
Bald überließ er sich ganz und gar, wie ein wahrer Rittersmann der alten Mährchen und der romantischen Legenden, den süßen Liebesgedanken, in die er so tief versank, daß er, ohne es zu bemerken, von der Träumerei in die Extase und von der Extase in den Schlaf überging.
Im Alter von Agenor schläft man selten, ohne zu träumen; der junge Mann war auch kaum entschlummert, als er träumte, er sei in Segovia angekommen, der König Don Pedro lasse ihn mit Ketten beladen und in einen engen Kerker werfen, durch dessen Gitter die schöne Aissa erscheine; doch kaum habe diese süße Vision die Nacht seines Kerkers erhellt, da laufe Mothril herbei, um das tröstliche Bild zu verjagen, und ein Streit entspinne sich zwischen dem Mauren und ihm; mitten in diesem Streite und als er fühlte, er würde unterliegen, machte sich ein Galopp, die Erscheinung einer unerwarteten Hülse verkündigend, hörbar.
Der Lärmen dieses Galopps drang so tief in seinen Traum ein, daß die Sinne von Agenor einzig und allein davon gefesselt waren, und daß er bei den ersten Tonen des Reiters, den dieser Galopp zu ihm geführt, erwachte.
»Gnädiger Herr! gnädiger Herr!« rief die Stimme.
Agenor öffnete die Augen; Musaron war vor ihm.
Er bot einen seltsamen Anblick, der würdige Knappe, wie er auf seinem Pferde saß, dessen Bewegungen er nur mit Hilfe der Kniee lenkte, denn seine beiden Hände waren vor ihm ausgestreckt, als ob er blinde Kuh spielte; er trug nämlich am Gelenke jedes Armes einerseits einen an den vier Pfoten zusammengebundenen Schlauch, andererseits ein an den vier Zipfeln zusammengeknüpftes Tuch, einen Pack mit getrockneten Weinbeeren und geräucherten Zungen bildend, während er in beiden Händen, wie ein Paar Pistolen, eine gemästete Gans und einen Laib Brod hielt, der zum Abendmahl für sechs Mann hinreichend gewesen wäre.
»Gnädiger Herr!« schrie, wie gesagt, Musaron, »eine große Neuigkeit!«
»Was gibt es?« rief der Ritter, der rasch seinen Helm aufsetzte und mit der Hand nach dem Griffe seines Degens fuhr, als wäre Musaron einem feindlichen Heere vorangegangen.
»Oh! wie gut war ich inspirirt!« sprach Musaron, »und wenn ich bedenke, daß wir ohne meine Beharrlichkeit weiter gezogen wären?«
»Was gibt es, verdammter Schwätzer?«
»Was es gibt! . . . Gott hat mich in jenes Dorf geführt.«
»Aber was hast Du erfahren, sprich!«
»Ich habe erfahren, daß der König Don Pedro. . . der Exköniq Don Pedro, wollte ich sagen . . . «
»Nun?«
»Er ist nicht mehr in Segovia.«
»Wahrhaftig!« rief Mauléon ärgerlich.
»Nein, gnädiger Herr, der Alcade ist gestern von einer Fahrt zurückgekehrt, die er mit den Vornehmsten des Fleckens zu Don Pedro gemacht hatte, welcher vorgestern, von Segovia kommend, nach der Ebene gezogen ist.«
»Aber wohin ist er gegangen?«
»Nach Soria.«
»Mit seinem Hof?«
»Mit seinem Hof.«
»Und,« fuhr Agenor zögernd fort, »mit Mothril?«
»Allerdings.«
»Und,« stammelte der junge Mann, »mit Mothril war ohne Zweifel. . .«
»Seine Sänfte? ich glaube es wohl, er verliert sie nicht aus dem Blick, ausgenommen, wenn er schläft. Uebrigens ist sie nun gut bewacht.«
»Was willst Du damit sagen?«
»Daß sie der König nicht mehr verläßt.«
»Die Sänfte?«
»Gewiß, er geleitet sie zu Pferde, und bei dieser Sänfte hat er die Abgeordneten des Fleckens empfangen.«
»Wohl! mein lieber Musaron, gehen wir nach Soria,« sprach Mauléon mit einem Lächeln, das einen Anfang von Unruhe schlecht verhüllte.
»Gehen wir dahin, gnädiger Herr; doch wir können nicht mehr derselben Straße folgen, denn wir wenden Soria nun den Rücken zu. Ich habe mich im Flecken erkundigt, wir durchschneiden das Gebirge links und gelangen in einen Engpaß parallel mit der Ebene. Dieser Engpaß wird uns den Uebergang über zwei Flüsse und einen Weg von elf Meilen ersparen.«
»Gut, Du sollst mein Führer sein; doch bedenke welche Verantwortlichkeit Du übernimmst, mein armer Musaron.«
»Diese Verantwortlichkeit bedenkend, sage ich Euch, gnädiger Herr, daß Ihr die Nacht im Flecken zubringen solltet. Seht, der Abend kommt, die Kühle macht sich fühlbar; marschiren wir noch eine Stunde, so ist es stockfinstere Nacht um uns her.«
»Laß uns diese Stunde benützen, Musaron, und da Du so gut unterrichtet bist, zeige mir den Weg.«
«Aber Euer Mahl, Herr?« entgegnete Musaron, eine letzte Einwendung versuchend.
»Unser Mahl wird statthaben, wenn wir ein entsprechendes Lager finden. Vorwärts, Musaron, vorwärts.«
Musaron entgegnete nichts mehr; es gab bei Agenor einen gewissen Stimmton, den er vollkommen kannte; wenn dieser Stimmton irgend einen Befehl begleitete, ließ sich nichts mehr sagen.
Mit Hilfe verschiedener Combinationen, von denen die einen immer geistreicher waren, als die andern, gelang es dem Knappen, seinem Herrn den Steigbügel zu halten, ohne seine Arme von einer der Bürden freizumachen, welche dieselben belasteten, und immer beladen, stieg er selbst wieder zu Pferde, ritt voran und drang muthig in die Gebirgsschlucht, welche ihnen den Uebergang über zwei Flüsse ersparen und ihren Weg um elf Meilen abkürzen sollte.
