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Kitabı oku: «Der Graf von Bragelonne», sayfa 109
XI.
Eifersucht auf zwei Seiten
Die Liebenden sind zärtlich gegen Alles, was mit ihrer Geliebten in Berührung sieht. Raoul sah sich nicht so bald mit Montalais allein, als er ihr voll Inbrunst die Hand küßte.
»Laßt das,« sprach traurig das Mädchen. »Ihr legt die Küsse mit Verlust des Kapitals an. Mein lieber Raoul, ich garantire Euch sogar dafür, daß sie Euch nicht einmal Interesse tragen werden.«
»Wie! was? . . . Erklärt Euch, Aure.«
»Madame wird Euch Alles erklären. Zu ihr führe ich Euch.«
»Wie! . . . «
»Stille! und keine solche erschrockene Blicke! Die Fenster haben hier Augen, die Wände weite Ohren. Habt die Güte, mich-nicht mehr anzuschauen, macht mir das Vergnügen, laut über den Regen, über das schöne Wetter, über die Annehmlichkeiten Englands mit mir zu sprechen.«
»Oh!«
»Ah! ich sage Euch zum Voraus, daß Madame irgendwo, ich weiß nicht wo, aber irgendwo ein offenes Auge und ein gespanntes Ohr haben muß. Ihr begreift, ich bekümmere mich nichts darum, ob man mich wegjagt oder in die Bastille schickt. Sprechen wir, sage ich Euch, oder sprechen wir vielmehr nicht?«
Raoul preßte die Fäuste zusammen, hob den Fuß auf und machte die Miene eines Mannes von Herz, es ist nicht zu leugnen, aber eines Mannes von Herz, der zur Folterbank geht.
Das Auge in Verwunderung, den Gang leicht, den Kopf im Wind, schritt ihm Montalais voran.
Raoul wurde sogleich in das Cabinet von Madame eingeführt.
»Gut!« dachte er, »dieser Tag wird vorübergehen, ohne daß ich etwas erfahre. Guiche hat zu viel Mitleid mit mir gehabt, er hat sich mit Madame verständigt und durch ein freundschaftliches Komplott verschieben Beide die Lösung des Räthsels. Warum habe ich nicht hier einen guten Feind . . . die Schlange Wardes zum Beispiel; er würde allerdings beißen, aber ich würde nicht mehr zögern. Zögern . . . zweifeln . . . lieber sterben.«
Raoul war vor Madame.
Reizender als je saß Henriette halb zurückgelehnt, ihre niedlichen Füße aus einem gestickten Sammetkissen, in einem Fauteuil; sie spielte mit einer kleinen Katze mit buschigen Haaren, die ihr zart in die Finger biß und sich an die Spitzen an ihrem Kragen anhing.
Madame dachte nach; sie dachte tief und bedurfte der Stimme von Montalais, der von Raoul, um sie aus dieser Träumerei aufzuwecken.
»Eure Hoheit hat mich rufen lassen?« wiederholte Raoul.
Madame schüttelte den Kopf, als ob sie erwachte.
»Guten Morgen, Herr von Bragelonne,« sagte sie, »ja, ich habe nach Euch verlangt: Ihr seid also von England zurückgekehrt?«
»Im Dienste Eurer königlichen Hoheit.«
»Ich danke. Laßt uns allein, Montalais.«
Montalais ging hinaus.
»Ihr könnt mir wohl einige Minuten schenken, nicht wahr, Herr von Bragelonne?«
»Mein ganzes Leben gehört Eurer Königlichen Hoheit,« erwiederte ehrfurchtsvoll Raoul, der etwas Düsteres unter allen diesen Höflichkeiten von Madame errieth, und dem dieses Düstere nicht mißfiel, denn er war überzeugt, daß dabei eine gewisse Verwandtschaft der Gefühle von Madame mit den seinigen obwalte.
Alle gescheite Leute des Hofes kannten in der That den launenhaften Willen und den phantastischen Despotismus des seltsamen Charakters von Madame.
Es war Madame durch die Huldigungen des Königs über die Maßen geschmeichelt worden, Madame hatte von sich sprechen gemacht und der Königin die tödtliche Eifersucht eingeflößt, die der nagende Wurm jeder weiblichen Glückseligkeit ist. Madame hatte sich, um einen verwundeten Stolz zu heilen, ein verliebtes Herz gemacht.
Wir wissen, was Madame gethan, um den durch Ludwig XIV. entfernten Raoul zurückzurufen. Ihren Brief an Karl II. kannte Raoul nicht, aber d’Artagnan hatte ihn wohl errathen.
Diese unerklärliche Mischung von Liebe und Eitelkeit, diese unerhörten Zärtlichkeiten, diese ungeheuren Treulosigkeiten, wer wird sie erklären? Niemand, nicht einmal der böse Engel, der die Gefallsucht im Herzen der Frauen entzündet.
»Herr von Bragelonne sagte die Prinzessin, »seid Ihr zufrieden zurückgekommen?«
»Zufrieden!« erwiederte Raoul, «womit soll ich zufrieden oder unzufrieden sein, Madame?«
»Womit kann ein Mann von Eurem Alter und von Eurem Aussehen zufrieden oder unzufrieden sein?«
»Wie rasch sie zu Werke geht,« dachte Raoul erschrocken: »was will sie meinem Herzen einblasen?«
Aengstlich über das, was er erfahren sollte, und daraus bedacht, den so ersehnten, aber so furchtbaren Augenblick, wo er Alles erfahren würde, zu verschieben, antwortete Raoul:
»Madame, ich ließ einen zärtlichen Freund in guter Gesundheit zurück und fand ihn krank wieder.«
»Sprecht Ihr von Herrn von Guiche?« versetzte Madame Henriette mit einer unstörbaren Ruhe, »er ist, wie ich höre, ein sehr theurer Freund von Euch.«
»Ja, Madame.«
»Nun wohl! es isst wahr, er ist verwundet worden, doch es geht besser bei ihm; oh! Herr von Guiche ist nicht zu beklagen,« sagte sie rasch; dann sich wieder fassend, fügte sie bei;
»Ist er zu beklagen? hat er sich beklagt? hat er irgend einen Kummer, den wir nicht kennen würden?«
»Ich spreche nur von seiner Wunde, Madame,«
»Ah! gut, denn im Uebrigen scheint Herr von Guiche sehr glücklich zu sein, man sieht ihn in heiterer Laune. Ah! Herr von Bragelonne, ich bin überzeugt, es würde Eurer Wahl entsprechen, wie er, am Leibe verwundet zu sein. Was ist eine Wunde am Leibe!«
Raoul bebte.
»Sie kommt daraus zurück,« sagte er zu sich selbst,
»Ach!«
Er antwortete nichts.
»Wie beliebt?« fragte sie.
»Ich habe nichts gesagt, Madame.«
»Ihr habt nichts gesagt, Ihr mißbilligt meine Ansicht, Ihr seid also zufrieden?«
Raoul näherte sich der Prinzessin und sprach:
»Madame, Eure Königliche Hoheit will mir etwas sagen, und ihr natürlicher Edelmuth treibt sie an, behutsam mit ihren Worten zu sein. Eure Hoheit wolle ohne Schonung zu Werke gehen: ich bin stark und ich höre.«
»Ah!« erwiederte Henriette, »was begreift Ihr nun?«
»Was mir Eure Hoheit begreiflich machen will,» sagte Raoul,
Und er zitterte unwillkührlich, während er diese Worte sprach.
»In der That,« erwiederte die Prinzessin, »es ist grausam, doch da ich einmal angefangen habe . . . «
»Ja, Madame, da Eure Hoheit anzufangen die Gnade gehabt hat, wolle sie auch vollenden.«
Henriette stand hastig aus, machte ein paar Schritte im Zimmer und fragte dann plötzlich:
»Was hat Euch Herr von Guiche gesagt?«
»Nichts, Madame.«
»Nichts! er hat Euch nichts gesagt? Oh! wie erkenne ich ihn hieran.«
»Er wollte mich ohne Zweifel schonen.«
»Und das nennen die Freunde Freundschaft. Aber Herr d’Artagnan, den Ihr so eben verlassen, er hat mit Euch gesprochen?«
»Nicht mehr, als Guiche, Madame.«
Henriette machte eine Bewegung der Ungeduld.
»Ihr wißt wenigstens Alles, was der Hof erfahren hat?« sagte sie.
»Ich weiß gar nichts, Madame.«
»Nicht die Scene vom Sturm?«
»Nicht die Scene vom Sturm.«
»Nicht das Zusammensein unter vier Augen im Walde?«
»Nicht das Zusammensein im Walde.«
»Nicht die Flucht nach Chaillot?«
Raoul, der sich neigte wie die von der Sichel abgeschnittene Blume, strengte sich übermenschlich an, um zu lächeln, und antwortete mit unendlicher Milde:
»Ich habe die Ehre gehabt. Eurer Königlichen Hoheit zu sagen, daß ich durchaus nichts weiß, ich bin ein armer Vergessener, der von England ankommt.« Zwischen den Leuten hier und mir waren so, viele rauschende Wellen, daß der Lärmen von allen den Dingen, von denen Eure Hoheit spricht, nichts zu meinen Ohren gelangen konnte.«
Henriette war gerührt von diesem Blicke, von dieser Zahmheit, von diesem Muth.
Das vorherrschende Gefühl ihres Herzens in diesem Augenblick war ein lebhaftes Verlangen, das Andenken an diejenige, welche ihn so leiden machte, bei dem armen Liebenden zu tilgen.
»Herr von Bragelonne,« sagte sie, »was Euer Freund nicht thun wollte, will ich für Euch thun, den ich schätze und liebe. Ich werde Eure Freundin sein. Ihr tragt hier den Kopf wie ein ehrlicher Mann, und ich will nicht, daß Ihr ihn unter der Lächerlichkeit beuget. In acht Tagen würde man sagen unter der Verachtung.«
»Ah!« machte Raoul leichenbleich, »ist es schon so weit?«
»Wenn Ihr nichts wißt, so sehe ich doch, daß Ihr erröthet; nicht wahr, Ihr waret mit Fräulein de la Vallière verlobt?«
»Ja, Madame.«
»Unter diesem Titel bin ich Euch eine Kunde schuldig; da ich Fräulein de la Vallière binnen Kurzem aus meinem Hause wegjagen werde.
»La Vallière wegjagen!« rief Bragelonne.
»Allerdings. Glaubt Ihr, ich werde stets Rücksicht aus Thränen und Jeremiaden des Königs nehmen? Nein, nein, mein Haus wird nicht länger für dergleichen Gebräuche bequem sein; doch Ihr wankt . . . «
»Nein, Madame, verzeiht!« erwiederte Bragelonne, der sich zusammenzuraffen suchte; »ich glaubte nur, ich würde sterben. Eure Königliche Hoheit erwies mir die Ehre, mir zu sagen, der König habe geweint, gefleht . . . «
»Ja, doch vergebens.«
Und sie erzählte Raoul die Scene von Chaillot und die Verzweiflung, des Königs bei der Rückkehr; sie erzählte von seiner Nachsicht gegen sie selbst und von dem furchtbaren Wort, mit dem die verletzte Prinzessin, die gedemüthigte Coquette den königlichen Zorn niedergeschmettert hatte.
Raoul neigte das Haupt.
»Was denkt Ihr davon?« sagte sie.
»Der König liebt sie,« erwiederte er.
»Ihr seht aber aus, als ob Ihr sagen wolltet, sie liebe ihn nicht.«
»Ach! ich gedenke noch der Zeit, wo sie mich geliebt hat, Madame.«
Henriette hatte einen Augenblick der Bewunderung für diese hochherzige Ungläubigkeit, dann aber zuckte sie die Achseln und sprach:
»Ihr glaubt mir nicht. Oh! wie liebt Ihr sie und Ihr bezweifelt, daß sie den König liebe.«
»Bis zum völligen Beweise. Verzeiht, ich habe ihr Wort, und sie ist ein edles Mädchen.«-
»Bis zum Beweise? . . . Wohl! es sei, kommt.«

XII.
Haussuchung
Die Prinzessin schritt Raoul voran, führte Ihn durch den Hof nach dem Mittelgebäude, das la Vallière bewohnte, stieg die Treppe hinaus, welche Raoul am Morgen hinausgestiegen war, und blieb vor der Thüre des Zimmers stehen, wo dem jungen Mann ein so seltsamer Empfang von Montalais zu Theil geworden
Der Augenblick war gut gewählt, um den von Madame Henriette gefaßten Plan auszuführen, das Schloß war leer. Der König, die Höflinge, die Damen hatten sich nach Saint-Germain begeben; Madame allein hatte, da sie die Rückkehr von Bragelonne wußte und einen Vortheil aus dieser Rückkehr zu ziehen gedachte, eine Unpäßlichkeit vorgeschützt und war zu Hause geblieben.
Madame war also sicher, sie werde das Zimmer von la Vallière und die Wohnung von Saint-Aignan leer finden. Sie zog einen Hauptschlüssel aus ihrer Tasche und öffnete die Thüre ihres Ehrenfräuleins.
Das Auge von Bragelonne tauchte in dieses Zimmer, das er erkannte, und der Eindruck, den der Anblick desselben aus ihn machte, war eine der ersten Martern, die seiner harrten.
Die Prinzessin schaute ihn an, und ihr geübtes Auge konnte wahrnehmen, was in dem Herzen des jungen Mannes vorging.
»Ihr habt Beweise von mir verlangt,« sagte sie, »seid also nicht erstaunt, wenn ich sie Euch gebe; haltet Ihr Euch aber nicht muthig genug, um sie zu ertragen, so ist es noch Zeit, ziehen wir uns zurück.«
»Ich danke, Madame, doch ich bin gekommen, um überzeugt zu werden,« erwiederte Bragelonne, »Ihr habt versprochen, mich zu überzeugen, überzeugt mich.«
»Tretet ein und schließt die Thüre hinter uns.«
Bragelonne gehorchte und wandte sich gegen die Prinzessin um, die ihn mit dem Blick befragte:
»Ihr wißt, wo Ihr seid?« fragte Madame Henriette.
»Alles läßt mich glauben, Madame, daß ich im Zimmer von Fräulein de la Vallière bin!«
»So ist es.«
»Aber ich erlaube mir. Eurer Hoheit zu bemerken, daß dieses Zimmer ein Zimmer und kein Beweis ist.«
»Wartet.«
Die Prinzessin ging aus den Fuß des Bettes zu, rückte den Windschirm zurück, bückte sich nach dem Boden und sagte zu Raoul:
»Bückt Euch selbst und hebt diese Fallthüre aus.«
»Diese Fallthüre!« rief Raoul ganz erstaunt, denn die Worte von d’Artagnan tauchten allmälig wieder in seinem Gedächtniß aus, und er erinnerte sich, daß der Musketier unbestimmt dieses Wort ausgesprochen hatte.
Raoul suchte mit den Augen, doch vergebens, eine Spalte, die eine Oeffnung bezeichnen, oder einen Ring, der irgend einen Theil des Bodens aufzuheben helfen würde.
»Ah! es ist wahr,« sagte lachend Madame Henriette, .»ich vergaß die verborgene Feder: am vierten Blatt des Bodens auf die Stelle drücken, wo das Holz einen Knorren hat, das ist die Instruction; drückt selbst darauf, Vicomte, drückt, es ist hier.«
Bleich wie ein Todter drückte Raoul den Daumen aus die bezeichnete Stelle, die Feder spielte in der That sogleich und die Fallthüre hob sich von selbst.
»Das ist sehr sinnreich,« sagte die Prinzessin, »und man bemerkt, daß der Architekt vorhergesehen, es wäre eine kleine Hand, die diese Feder benutzen sollte: seht, wie sich die Fallthüre ganz von selbst öffnet.«
»Eine Treppe!« rief Raoul.
»Ja, und zwar eine sehr zierliche,« sagte die Prinzessin. »Seht, Vicomte, die Treppe hat ein Geländer, das dazu bestimmt ist, den Sturz delicater Personen zu verhindern, welche hinabzusteigen wagen würden; ich kann es darum auch wohl wagen. Folgt mir Vicomte, folgt mir.«
»Ehe ich Euch folge, sagt mir, Madame, wohin diese Treppe führt?«
»Ah! es ist wahr, ich vergaß das,«
»Ich höre, Madame,« sprach Raoul, der kaum noch athmete.
»Ihr wißt vielleicht, daß Herr von Saint-Aignan früher Thüre an Thüre beim König wohnte?«
»Ja, Madame, ich weiß das, es war so vor meiner Abreise, und mehr als einmal hatte ich die Ehre, ihn in seiner alten Wohnung zu besuchen.«
»Nun wohl! es ward ihm vom König gestattet, diese bequeme und schöne Wohnung, die Ihr kennt, gegen die zwei kleinen Zimmer zu vertauschen, zu denen diese Treppe führt, und die eine Wohnung bilden, welche zweimal kleiner und zehnmal entfernter von der des Königs ist, deren Nähe die Herren vom Hofe in der Regel doch nicht verachten.«
»Sehr gut, Madame, doch fahret fort, ich bitte Euch, denn ich verstehe Euch noch nicht ganz.«
»Nun wohl!« fuhr die Prinzessin fort, »es hat sich zufällig gefunden, daß die Wohnung von Saint-Aignan unter denen von meinen Fräulein liegt und besonders unter der von la Vallière!«
»Doch zu welchem Ende diese Fallthüre und diese Treppe?«
»Ah! ich weiß es nicht! Wollen wir zu Herrn von Saint-Aignan hinuntersteigen? Vielleicht werden wir dort die Erklärung des Räthsels finden.«
Und Madame gab das Beispiel und stieg selbst hinab.
Raoul folgte ihr seufzend.
Jede Stufe, die unter den Füßen von Bragelonne krachte, ließ ihn um einen Schritt in das geheimnißvolle Gemach dringen, das noch die Seufzer von la Vallière und die süßesten Düste ihres Körpers enthielt.
Durch keuchendes Athemholen die Lust einziehend, erkannte Raoul, das Mädchen müsse hier gewesen sein.
Dann nach diesen Duftungen, unsichtbaren, aber sicheren Beweisen, kamen die Blumen, die sie liebte, die Bücher, die sie gewählt hatte. Wäre Raoul ein einziger Zweifel geblieben, er hätte ihn verloren bei dieser geheimen Harmonie des Geschmacks und der Bündnisse des Geistes mit dem Gebrauch der Gegenstände, die das Leben begleiten. La Vallière war für Bragelonne in lebendiger Gegenwart im Zimmergeräthe, in der Wahl der Stoffe, sogar in der Reflexion des Bodens.
Stumm und niedergeschmettert, hatte er nichts mehr zu erfassen, und er folgte seiner Führerin nur noch, wie der arme Sünder seinem Henker folgt.
Grausam wie eine zarte und nervöse Frau, erließ ihm Madame nicht die geringste Einzelheit.
Doch es ist nicht zu leugnen, trotz der Apathie, in die er verfallen, würde keine von diesen Einzelheiten, wäre er auch allein gewesen, Raoul entgangen sein. Das Gluck der Frau, die er liebt, kommt ihr dieses Glück von einem Nebenbuhler zu, ist eine Marter für einen Eifersüchtigen. Aber für einen Eifersüchtigen, wie es Raoul war, für dieses Herz, das sich zum ersten Mal mit Galle schwängerte, war das Glück von Louise ein schmählicher Tod, der Tod des Leibes und der Seele.
Er errieth Alles, die Hände, die sich gedrückt, die Gesichter, die sich genähert und vor dem Spiegel vermählt, eine Art von Schwur, der so süß für die Liebenden, die sich zweimal sehen, um das Gemälde besser in ihre Erinnerung einzugraben.
Er errieth den unsichtbaren Kuß unter den dichten, frei herabfallenden Thürvorhängen. Er übertrug in fieberhafte Wonne die Beredsamkeit der in ihren Schatten verborgenen Ruhebetten.
Dieser Luxus, diese Bequemlichkeit voll Berauschung, diese ängstliche Sorge, dem geliebten Gegenstand jedes Mißbehagen zu ersparen oder ihm eine anmuthreiche
Ueberraschung zu bereiten, diese Macht der durch die königliche Gewalt vermehrten Liebe brachten Raoul einen tödtlichen Schlag bei. Oh! wenn es eine Milderung für die sterbenden Schmerzen der Eifersucht gibt, so ist es die niedrigere Lebensstellung des Mannes, den man uns vorzieht; während im Gegentheil, wenn es eine Hölle in der Hölle, eine in der Sprache namenlose Qual gibt, dies die mit der Jugend, der Schönheit, dem Liebreiz zur Verfügung eines Nebenbuhlers gestellte Allmacht ist. In solchen Augenblicken scheint Gott selbst gegen den verschmähten Liebhaber Partei ergriffen zu haben.
Dem armen Raoul war ein letzter Schmerz vorbehalten. Madame Henriette hob einen seidenen Vorhang auf, und hinter diesem Vorhang erblickte er das Portrait von la Vallière. Nicht nur von la Vallière, sondern von la Vallière jung, schön, freudig, das Leben durch alle Poren einathmend, weil mit achtzehn Jahren das Leben die Liebe ist.
»Louise,« murmelte Bragelonne, »Louise, es ist also wahr! Oh! Du hast mich nie geliebt, denn nie hast Du mich so angeschaut!«
Und es war ihm, als würde sein Herz in seiner Brust zusammengedreht.
Madame blickte ihn fast neidisch über diesen Schmerz an, obgleich sie wußte, daß sie nichts zu beneiden hatte, und daß sie von Guiche geliebt war, wie la Vallière von Bragelonne.
Raoul gewahrte diesen Blick von Madame Henriette und rief:
»Ah! verzeiht, verzeiht, ich weiß, ich müßte, da ich vor Euch bin, mehr Herr über mich sein. Aber möchte der Gott des Himmels und der Erde Euch nie mit dem Schlage berühren, der mich in diesem Augenblicke trifft: denn Ihr seid eine Frau und könntet, ohne Zweifel, einen solchen Schmerz nicht ertragen. Verzeiht, ich bin nur ein armer Edelmann, während Ihr von dem Geschlechte der Glücklichen, der Allmächtigen, der Auserwählten seid.«
»Herr von Bragelonne,« erwiederte Henriette, »ein Herz wie das Eurige verdient die theilnehmende Sorge und die Rücksichten des Herzens einer Königin. Ich bin Eure Freundin, mein Herr, ich wollte auch nicht, daß Euer ganzes Leben durch die Treulosigkeit vergiftet oder durch die Lächerlichkeit befleckt werden sollte. Ich bin es, die Euch, muthiger, als alle angebliche Freunde, – ich nehme Herrn von Guiche aus – von London zurückkommen ließ; ich bin es, die Euch die schmerzlichen, aber nothwendigen Beweise liefert, welche Euch zur Heilung gereichen werden, wenn Ihr ein muthiger Liebender und nicht ein träumerischer Amadis seid. Dankt mir nicht, beklagt mich vielmehr und dient nichtsdestoweniger dem König gut.«
Raoul lächelte voll Bitterkeit und sprach:
»Ah! ich vergaß das, der König ist mein Herr.«
»Es handelt sich um Eure Freiheit, um Euer Leben,« rief Madame.
Ein klarer, durchdringender Blick von Raoul belehrte Madame Henriette, sie täusche sich und ihr letztes Beweismittel gehöre nicht zu denjenigen, welche diesen jungen Mann zu berühren vermöchten.
»Nehmt Euch in Acht, Herr von Bragelonne,« sagte sie, »legtet Ihr Eure Handlungen nicht aus die Wagschale, so würdet Ihr einen Fürsten in Zorn versetzen, der geneigt ist, sich über alle Schranken der Vernunft hinaus zu erbosen. Ihr würdet Euren Freunden und Eurer Familie unsäglichen Schmerz bereiten: beugt Euch nieder, unterwerft Euch, heilt Euch.«
»Ich danke, Madame, ich weiß den Rath zu schätzen, den mir Euer Hoheit gibt, und werde ihn zu befolgen bemüht sein. Doch ich bitte, noch ein letztes Wort.«
»Sprecht.«
»Ist es eine Indiscretion, wenn ich Euch ersuche, mir die Bewandtniß dieser Treppe, dieser Fallthüre, dieses Portraits – ein Geheimniß, das Ihr entdeckt habt – zu erklären?«
»Oh! nichts kann einfacher sein; ich habe, der Beaufsichtigung wegen, Hauptschlüssel für die Zimmer meiner Fräulein. Es kam mir nun seltsam vor, daß la Vallière sich so oft einschloß, es kam mir seltsam vor, daß der König so täglich Herrn von Saint-Aignan besuchte; es kam mir endlich seltsam vor, daß so viele Dinge sich seit Eurer Abwesenheit ereigneten, daß die Gewohnheiten des Hofes sich verändert hatten. Ich will nicht vom König getäuscht werden, ich will ihm nicht als Deckmantel für seine Liebschaften dienen, denn nach la Vallière, die weint, wird er Montalais haben, die lacht, Tonnay-Charente, die singt; das ist keine meiner würdige Rolle. Ich beseitigte daher die Bedenklichkeiten meiner Freundschaft und entdeckte das Geheimniß; ich verwunde Euch, entschuldigt mich, doch ich hatte eine Pflicht zu erfüllen; ich bin zu Ende, Ihr seid in Kenntniß gesetzt; der Sturm naht heran, schützt Euch.«
»Ihr schließt jedoch etwas, Madame,« entgegnete Raoul mit Festigkeit, »denn Ihr könnt nicht glauben, ich werde, ohne etwas zu sagen, die Schande, die man mir auferlegt, und den Verrath, den man an mir begeht, hinnehmen?«
»Ihr werdet in dieser Hinsicht den Entschluß fassen, der Euch gutdünkt, Herr Raoul, nur nennt die Quelle nicht, aus der Ihr die Wahrheit habt. Das ist Alles, was ich von Euch verlange, es ist der einzige Lohn, welchen ich für den Dienst fordere, den ich Euch geleistet!«
»Seid unbesorgt, Madame,« erwiederte Bragelonne mit einem bittern Lächeln.
»Ich habe den Schlosser bestochen, den die Liebenden in ihr Interesse gezogen, Ihr könnt es sehr wohl gemacht haben, wie ich, nicht wahr?«
»Ja, Madame. Eure Hoheit gibt mir also keinen Rath, sie schreibt mir keine andere Zurückhaltung vor, als die, nicht aufzuschwatzen?«
»Keine andere.«
»Dann bitte ich Eure Hoheit, mir eine Minute Aufenthalt hier zu gestatten.«
»Ohne mich?«
»Oh! nein. Was ich thue, kann ich vor Euch thun. Ich bitte Euch um eine Minute, um ein Wort an Jemand zu schreiben.«
»Das ist verwegen, Herr von Bragelonne, nehmt Euch in Acht.«
»Niemand kann wissen, daß Eure Königliche Hoheit mir die Ehre erwiesen hat, mich hierher zu führen. Ueberdies unterzeichne ich den Brief, den ich schreibe.«
»Wohl denn, mein Herr.«
Raoul hatte schon seine Brieftasche herausgezogen und rasch folgende Worte auf ein weißes Blatt Papier geschrieben:
»Herr Graf,
»Wundert Euch nicht, daß Ihr hier dieses von mir unterzeichnete Papier findet, ehe einer von meinen Freunden, den ich bald zu Euch schicken werde, die Ehre gehabt hat, Euch die Veranlassung meines Besuches zu erklären.
»Vicomte Raoul von Bragelonne.«
Er rollte dieses Blatt zusammen, schob es in das Schloß der Thüre, die mit dem Zimmer der zwei Liebenden in Verbindung stand, und überzeugt, das Papier sei so sichtbar, daß es Saint-Aignan bei seiner Rückkehr sehen müsse, folgte er der Prinzessin nach, welche schon bis oben an die Treppe gekommen war.
Aus dem Ruheplatz trennten sie sich, Raoul dem Aussehen nach, als dankte er Ihrer Königlichen Hoheit, Henriette scheinbar oder wirklich von ganzem Herzen den jungen Mann beklagend, den sie zu einer so gräßlichen Qual verurtheilt hatte . . .
»Oh!« sagte sie, als sie ihn bleich und das Auge mit Blut unterlaufen weggehen sah, »oh! wenn ich das gewußt hätte, würde ich dem armen jungen Mann die Wahrheit verborgen haben.«
