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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 100

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»Der Preis seines Blutes!« murmelte sie.

»Ja, wenn ich getötet werde,« erwiderte Albert. »Aber ich versichere Sie, gute Mutter, daß ich im Gegenteil die Absicht habe, meine Haut grausam zu verteidigen; ich habe nie so viel Lust zu leben in mir gefühlt, als gegenwärtig.«

»Mein Gott! mein Gott!« rief Mercedes.

»Überdies, warum soll ich getötet werden, meine Mutter? Ist Lamoriciére, dieser zweite Ney des Süden, getötet worden? Ist Changarnier getötet worden? Ist Bedeau getötet worden? Ist Morrel, den wir kennen, getötet worden? Bedenken Sie doch, welche Freude, wenn Sie mich mit einer gestickten Uniform zurückkommen sehen! Ich erkläre Ihnen, daß ich herrlich darunter auszusehen hoffe und dieses Regiment aus Eitelkeit gewählt habe.«

Mercedes seufzte, während sie zu lächeln versuchte: diese fromme Mutter begriff, daß es schlimm von ihr wäre, ihr Kind die ganze Last des Opfers tragen zu lassen.

»Sie sehen also, meine Mutter,« fuhr Albert fort, »es sind bereits mehr als viertausend Franken für Sie gesichert; mit diesen viertausend Franken werden Sie zwei volle Jahre leben.«

»Glaubst Du?« versetzte Mercedes.

Diese Worte entschlüpften der Gräfin mit einem so tiefen Schmerze, daß ihr wahrer Sinn Albert nicht entging; er fühlte, wie sein Herz sich zusammenschnürte, nahm die Hand seiner Mutter, drückte sie zärtlich und sprach:

»Ja, Sie werden leben.«

»Ich werde leben,« rief Mercedes, »aber nicht wahr, Du wirst nicht abreisen?«

»Meine Mutter, ich werde reisen,« sprach Albert mit ruhiger, fester Stimme; »Sie lieben mich zu sehr, um mich müßig und unnütz bei sich zu lassen; überdies habe ich unterzeichnet.«

»Du magst nach Deinem Willen handeln, mein Sohn, ich handle nach dem Willen Gottes.«

»Nicht nach meinem Willen, meine Mutter, sondern nach den Geboten der Vernunft und der Notwendigkeit. Nicht wahr, wir sind zwei verzweifelte Geschöpfe? Was ist heute das Leben für Sie? nichts. Was ist, das Leben für mich? oh! sehr wenig ohne Sie, meine Mutter, das glauben Sie mir; denn ohne Sie, das schwöre ich Ihnen, hätte dieses Leben an dem Tage aufgehört, wo ich an meinem Vater zweifelte und seinen Namen verleugnete! Ich lebe, wenn Sie mir noch zu hoffen versprechen: überlassen Sie mir die Sorge für Ihr zukünftiges Glück, so verdoppeln Sie meine Kräfte. Ich werde dort den Gouverneur von Algerien aufsuchen, er ist ein redliches Soldatenherz; ich erzähle ihm meine traurige Geschichte, ich bitte ihn, von Zeit zu Zeit die Augen dahin zu wenden, wo ich sein werde, und wenn er mir Wort hält, wenn er mich handeln sieht, so bin ich vor sechs Monaten Offizier oder tot. Bin ich Offizier, so ist Ihr Schicksal gesichert, meine Mutter, denn ich habe Geld für Sie und für mich, und überdies einen neuen Namen, auf den wir Beide stolz sein können, denn es wird Ihr Name sein. Werde ich getötet . . . nun wohl! werde ich getötet, liebe Mutter, so sterben Sie, wenn es Ihnen beliebt, und dann hat unser Unglück sein Ziel gerade in seinem Übermaße gefunden.«

»Es ist gut,« sprach Mercedes mit ihrem edlen, beredten Blicke: »Du hast Recht, mein Sohn: beweisen wir gewissen Leuten, welche uns beobachten und unsere Handlungen abwarten, um uns zu beurteilen, beweisen wir ihnen, daß wir wenigstens des Beklagens würdig sind.«

»Keine traurige Gedanken, teure Mutter,« rief der junge Mann; »ich schwöre Ihnen, daß wir glücklich sind, oder wenigstens glücklich werden können. Sie sind eine Frau zugleich voll Geist und voll Resignation; ich bin, wie ich hoffe, ein Mann von einfachem Geschmack und ohne Leidenschaft geworden. Einmal im Dienste, bin ich reich; einmal im Hause von Herrn Dantes, sind Sie ruhig. Versuchen wir es, ich bitte Sie, meine Mutter, versuchen wir es.«

»Ja, versuchen wir es, mein Sohn, denn Du sollst leben, Du sollst glücklich sein.«

»Unsere Teilung ist also gemacht,« fügte der junge Mann, sich den Anschein großen Wohlbehagens gebend, bei. »Wir können noch heute reisen. Ich nehme, wie gesagt, Ihren Platz.«

»Doch den Deinigen, mein Sohn?«

»Ich muß noch einige Tage hier bleiben, meine Mutter; das ist ein Anfang der Trennung, und wir müssen uns daran gewöhnen. Ich brauche einige Empfehlungen, einige Unterweisungen über Afrika; in Marseille komme ich wieder zu Ihnen.«

»Gut, es sei, reisen wir!« sagte Mercedes, sich in den einzigen Shawl, den sie mitgenommen, hüllend, in einen Shawl, der zufällig ein Kaschmir von großem Werte war; »laß uns reisen.«

Albert sammelte hastig seine Papiere, klingelte, um die dreißig Franken zu bezahlen, die er dem Hausmeister schuldig war, bot seiner Mutter den Arm und stieg die Treppe hinab.

Es ging Jemand vor ihnen; dieser Jemand wandte sich um, als er das Streifen eines seidenen Kleides an dem Geländer hörte.

»Debray!« murmelte Albert.

»Sie, Morcerf!« erwiderte der Sekretär des Ministers, auf der Stufe stille stehend, auf der er sich eben befand.

Die Neugierde trug bei Debray den Sieg über das Verlangen, sein Incognito zu bewahren, davon; überdies sah er sich erkannt.

Es bot in der Tat etwas Anziehendes, in diesem unbekannten Hause den jungen Mann wiederzufinden, dessen unglückliches Abenteuer ein so großes Aussehen in Paris erregt hatte.

»Morcerf,« wiederholte Debray.

Dann in dem Halbdunkel die noch jugendliche Haltung und den schwarzen Schleier von Frau von Morcerf wahrnehmend, fügte er lächelnd bei:

»Ah! verzeihen Sie, ich entferne mich. Albert.«

Albert begriff den Gedanken von Debray und sagte sich gegen Mercedes umwendend:

»Meine Mutter, dies ist Herr Debray, Sekretär des Ministers des Innern, ein ehemaliger Freund von mir.«

»Wie! ehemalig!« stammelte Debray; »was wollen Sie damit sagen?«

»Ich sage dies, Herr Debray, weil ich heute keine Freunde mehr habe und keine mehr haben soll. Ich danke Ihnen, daß Sie mich zu erkennen so gütig waren.«

Debray stieg zwei Stufen zurück, gab Albert einen kräftigen Händedruck und sprach mit aller Rührung, welcher er fähig war:

»Glauben Sie, mein lieber Albert, daß ich einen innigen Anteil an dem Unglück, das Sie betroffen, genommen habe, und daß Sie in jeder Beziehung über mich verfügen können.«

»Ich danke, mein Herr,« erwiderte Albert lächelnd; »doch mitten in unserem Unglück sind wir reich genug geblieben, um zu Niemand unsere Zuflucht nehmen zu müssen; wir verlassen Paris, und es bleiben uns nach Bezahlung unserer Reise noch fünf tausend Franken.«

Schamröthe übergoß die Stirne von Debray, der eine Million in seinem Portefeuille trug, und so wenig poetisch dieser Geist auch war, so konnte er doch nicht umhin, zu bedenken, daß dasselbe Haus noch vor wenigen Augenblicken zwei Frauen enthielt, von denen die eine, mit Recht entehrt, arm mit fünfzehnmal hundert tausend Franken unter den Falten ihres Mantels wegging, während die andere, ungerecht geschlagen, aber erhaben in ihrem Unglück, mit einigen Pfennigen reich war.

Diese Vergleichen«, störte ihn in seinen Höflichkeitscombinationen, die Philosophie des Beispiels drückte ihn nieder; er stammelte ein paar allgemeine Worte und ging rasch die Treppe hinab.

An diesem Tage hatten die ihm untergeordneten Schreiber des Ministeriums viel von seiner verdrießlichen Laune zu ertragen.

Doch am Abend kaufte er sich ein schönes auf dem Boulevard de la Madeleine liegendes Haus, dessen Rente sich aus fünfzig tausend Franken belief.

Am andern Tage, zur Stunde, wo Debray die Urkunde unterzeichnete, nämlich um fünf Uhr Abends, stieg Frau Morcerf, nachdem sie ihren Sohn zärtlich umarmt hatte, und zärtlich von ihm umarmt worden war, in das Coupe der Diligence.

Ein Mann stand verborgen im Hose der Messageries Laffitte hinter einem von den gewölbten Fenstern, welche jedes Bureau überragen: er sah Mercedes in den Wagen steigen; er sah die Diligence wegfahren; er sah Albert sich entfernen.

Dann fuhr er mit der Hand über seine vom Zweifel belastete Stirne und sprach:

»Ach! durch welches Mittel vermag ich diesen zwei Unschuldigen das Glück zurückzugeben, das ich ihnen genommen habe?

»Gott wird mir beistehen!«

Zwölftes Kapitel.
Der Löwengraben

Eines der Quartiere der Force, welches die gefährdeten und gefährlichsten Gefangenen enthält, heißt die Cour de Saint-Bernard.

Die Gefangenen haben ihm in ihrer kräftigen Sprache den Namen der Löwengraben gegeben, ohne Zweifel, weil sie Zähne haben, die häufig in die Gitterstangen, und zuweilen auch die Wächter beißen.

Es ist ein Gefängnis im Gefängnis, die Mauern haben die doppelte Dicke der andern. Jeden Tag untersucht ein Kerkerknecht sorgfältig die massiven Gitter, und an der herkulischen Gestalt, an den kalten, einschneidenden Blicken der Wächter erkennt man, daß diese gewählt worden sind, um über ihr Volk durch den Schrecken und die Thätigkeit des Geistes zu herrschen.

Der Grasplatz dieses Quartiers ist umgeben von ungeheuren Mauern, über welche schräge die Sonne hereinfällt, wenn sie sich entschließt, in diesen Schlund sittlicher und körperlicher Häßlichkeiten zu dringen. Hier irren von der Stunde des Aufstehens sorgenvoll, abgemagert, bleich wie die Schatten, die Menschen umher, welche die Gerechtigkeit unter dem Messer, das sie für dieselben schärft, gebeugt hält.

Man sieht sie an der Mauer lehnen, welche am meisten von der Wärme einzieht und zurückbehält. Hier verweilen sie, zu zwei und zwei plaudernd, öfter noch allein, das Auge unabläßig auf die Thüre geheftet, welche sich öffnet, um einen von den Bewohnern dieses finsteren Aufenthaltes zu rufen, oder um in den Schlund eine neue aus dem Schmelztigel der Gesellschaft ausgeworfene Schlacke zu speien.

Dieser Hof hat sein eigenes Sprachzimmer; es ist ein langes Viereck, in zwei Teile durch zwei auf drei Fuß von einander parallel lausende Gitter geteilt, so daß der Besuch dem Gefangenen nicht die Hand geben oder ihm etwas zuschieben kann. Dieses Sprachzimmer ist düster, feucht, und in jeder Hinsicht fürchterlich, besonders wenn man an die gräßlichen Mitteilungen denkt, welche über diese Gitter geschlüpft sind und das Eisen der Stangen mit Rost überzogen haben.

So gräßlich aber auch der Ort ist, so ist er doch ein Paradies, wo sich in einer ersehnten Gesellschaft diese Menschen, deren Tage gezählt sind, wieder stärken; denn selten verläßt man den Löwengraben, um anderswohin zu gehen, als an die Barrière Saint-Jaques, in das Bagno oder in das Zellengefängniß!

In dem von uns beschriebenen, eine kalte Feuchtigkeit ausschwitzenden Hofe ging, die Hände, in den Rocktaschen, ein junger Mann auf und ab, der mit großer Neugierde von den Bewohnern des Grabens betrachtet wurde.

Nach dem Schnitte seiner Kleider hätte man ihn für einen eleganten Mann halten können, wären diese Kleider nicht zersetzt gewesen; sie sahen indessen auch nicht abgetragen aus: fein und weich an den unberührten Stellen, nahm das Tuch leicht seinen Glanz unter der streichelnden Hand des Gefangenen an, der ein neues Gewand daraus zu machen suchte.

Er wandte dieselbe Sorgfalt an, um ein Battisthemd zu schließen, das seit seinem Eintritt in das Gefängnis bedeutend seine Farbe geändert hatte, und fuhr über seine gefirnißten Stiefeln mit der Ecke eines Sacktuches, worauf Anfangsbuchstaben mit einer heraldischen Krone gestickt waren.

Einige Kostgänger des Löwengrabens betrachteten mit auffallendem Interesse die Toilette des Gefangenen.

»Sieh da, der Prinz macht sich schön,« sagte einer von den Dieben.

»Er ist von Natur sehr schön,« bemerkte ein Anderer, »und wenn er nur einen Kamm und Pommade hätte, so würde er alle die Herren mit weißen Handschuhen verdunkeln.«

»Sein Kleid muß sehr neu gewesen sein und seine Stiefeln glänzen gar hübsch. Es ist schmeichelhaft für uns, daß wir so stattliche Collegen haben; . . und diese Spitzbuben von Gendarmen sind gemeine Bursche. Die Neidischen! daß sie einen solchen Putz zerrissen!«

»Es scheint, das ist ein Berüchtigter,« sprach ein Dritter, »er hat Alles getan . . . und zwar in der großen Art . . . er kommt noch so jung von dort her! Oh, das ist herrlich! . . . «

Und der Gegenstand dieser häßlichen Bewunderung schien dieses Lob, oder den Dunst dieses Lobes, denn er hörte die Worte nicht, mit Behagen einzuschlürfen.

Als seine Toilette beendigt war, näherte er sich einer Thüre, an der ein Gefangenenwärter lehnte.

»Hören Sie, mein Herr,« sagte er zu diesem, »leihen Sie mir zwanzig Franken, Sie bekommen sie bald wieder; bei mir laufen Sie keine Gefahr. Bedenken Sie, daß ich Verwandte habe, welche mehr Millionen besitzen, als Sie Deniers, . . Geben Sie mir zwanzig Franken, ich bitte Sie, damit ich mir einen Schlafrock kaufen kann. Ich leide furchtbar, daß ich immer im Frack und in Stiefeln sein muß . . . Und welch ein Frack für einen Prinzen Cavalcanti!«

Der Wächter drehte ihm den Rücken zu und zuckte die Achseln. Er lachte nicht einmal bei diesen Worten, welche jede andere Stirne entrunzelt haben würden; doch dieser Mensch hatte ganz andere Dinge, oder er hatte vielmehr immer dasselbe gehört.

»Gehen Sie,« sprach Andrea, »Sie sind ein Mensch, der kein Herz im Leibe hat, und ich werde machen, daß Sie Ihren Platz verlieren.«

Jetzt erst drehte sich der Gefangenenwärter um und brach in ein schallendes Gelächter aus.

Nun näherten sich die Gefangenen und machten einen Kreis.

»Ich sage Ihnen,« fuhr Andrea fort, »daß ich mir mit dieser elenden Summe einen Rock und ein Zimmer verschaffen kann, um aus eine anständige Weise den erhabenen Besuch zu empfangen, den ich jeden Tag erwarte.«

»Er hat Recht! er hat Recht!« riefen die Gefangenen, »bei Gott, man sieht, daß er ein ganzer Mann ist.«

»Nun, so leiht ihm die zwanzig Franken!« sprach der Wärter, sich mit seiner colossalen Schulter an die Wand stützend: »seid Ihr das einem Kameraden nicht schuldig?«

»Ich bin nicht der Kamerad dieser Leute,« entgegnete stolz der junge Mann: »beleidigen Sie mich nicht, Sie haben nicht das Recht dazu!«

»Hört Ihr ihn?« rief der Wärter mit einem schlimmen Lächeln, »er behandelt Euch hübsch, leiht ihm doch zwanzig Franken!«

Die Verbrecher schauten sich mit dumpfem Gemurmel an, und ein mehr durch den Wärter, als durch die Worte von Andrea hervorgerufener Sturm fing an, sich über dem aristokratischen Gefangenen zu sammeln.

Sicher, das quos ego zu machen, wenn die Wellen zu heftig würden, ließ sie der Wärter allmälig steigen, um dem ungelegenen Bittsteller einen Streich zu spielen und sich während seiner langen Wache eine Unterhaltung zu verschaffen.

Bereits näherten sich die Verbrecher Andrea; die Einen sagten: die Schlappe! die Schlappe!«

Es ist dies eine grausame Operation, wobei ein bei diesen Herren in Ungnade gefallener College nicht mit den Schlappen, sondern mit Schuhen, welche mit Eisen beschlagen sind, geprügelt wird.

Andere trugen auf den Aal an; bei dieser Unterhaltung füllen sie mit Sand, Kieselsteinen und Kupfermünzen, wenn sie haben, ein gedrehtes Sacktuch, das die Henker sodann wie einen Dreschflegel aus den Schultern und dem Kopf des Missethäters arbeiten lassen.

»Peitschen wir den schönen Herrn, den ehrlichen Mann!« sagten Einige.

Doch Andrea wandte sich gegen sie um, blinzelte mit einem Auge, schwellte die Backe mit seiner Zunge aus, und ließ jenes Schnalzen der Lippen hören, das tausend Zeichen des Verständnisses unter Gefangenen gleichkommt, welche zu schweigen genötigt sind.

Es war ein Maurerzeichen, das ihm Caderousse mitgeteilt hatte. Sie erkannten Einen der Ihrigen.

Sogleich fielen die Sacktücher wieder; die mit Eisen beschlagene Schlappe kehrte an den Fuß des Haupthenkers zurück. Man hörte einige Stimmen verkündigen, der Herr hätte Recht, der Herr könnte nach Belieben ehrlich sein, und die Gefangenen wollten ein Beispiel von Gewissensfreiheit geben.

Die Meuterei legte sich. Der Gefangenenwärter war darüber dergestalt erkannt, daß er sogleich Andrea bei den Händen faßte und zu durchsuchen anfing, denn er schrieb irgend einer bezeichnenderen Kundgebung, als einer einfachen Verblendung den raschen Wechsel der Bewohner des Löwengrabens zu.

Andrea ließ ihn machen, jedoch nicht ohne Einsprache zu tun.

Plötzlich erscholl eine Stimme an der Pforte und ein Aufseher rief:

»Benedetto!«

Der Wärter stellte seine Durchsuchung ein.

»Man ruft mich!« sagte Andrea.

»In das Sprachzimmer!« rief die Stimme.

»Hören Sie, man will mir einen Besuch abstatten!. . Ah! mein lieber Herr, Sie werden sehen, ob man einen Cavalcanti wie einen gewöhnlichen Menschen behandeln darf!«

Und wie ein schwarzer Schatten in den Hof schlüpfend, eilte Andrea durch die halbgeöffnete Pforte und ließ seine Genossen und sogar den Gefangenenwärter in Bewunderung zurück.

Man rief ihn in der Tat in das Sprachzimmer, und darüber dürste man sich nicht weniger wundern, als Andrea selbst; denn, statt wie die Leute vom Alltagsschlage von der gewährten Wohlthat des Schreibens Gebrauch zu machen, um sich reclamiren zu lassen, hatte der junge Mann seit seinem Eintritt in die Force das stoischste Sillschweigen beobachtet.

»Ich bin offenbar von irgend einem Mächtigen beschützt,« sagte er, »Alles beweist mir dies: das plötzliche Vermögen, die Leichtigkeit, mit der ich alle Hindernisse beseitigt habe, eine improvisierte Familie, ein mein Eigentum gewordener berühmter Name, das Gold bei mir regnend, die herrlichsten Verbindungen meiner Eitelkeit verheißen. Eine unglückliche Vergessenheit meines Gestirnes, eine Abwesenheit meines Beschützers hat mich zu Grunde gerichtet, doch nicht gänzlich, nicht für immer! Die Hand hat sich für einen Augenblick zurückgezogen, sie muß sich wieder gegen mich ausstrecken und mich in der Minute festhalten, wo ich in den Abgrund zu stürzen aus dem Punkte sein werde.

»Warum sollte ich einen unklugen Schritt wagen? Ich würde mir vielleicht meinen Beschützer abhold machen. Es gibt für ihn zwei Wege, mich aus der Klemme zu ziehen: entweder eine geheimnisvolle Entweichung durch Gold zu erkaufen, oder den Richter zu einer Freisprechung zu nötigen. Warten wir, um zu reden, um zu handeln, bis es mir bewiesen ist, daß ich ganz verlassen bin, und dann . . . «

Andrea hatte einen Plan ersonnen, den man für geschickt halten darf; der Bösewicht war unerschrocken beim Angriff und hartnäckig bei der Verteidigung.

Er hatte das Elend des gemeinschaftlichen Kerkers, die Entbehrungen aller Art ertragen. Allmälig gewann aber seine Natur, oder vielmehr die Gewohnheit wieder die Oberhand; Andrea litt dadurch, daß er nackt, daß er schmutzig, daß er hungrig war; die Zeit dauerte ihm lang.

In diesem Augenblick des Überdrusses rief ihn die Stimme des Aufsehers in das Sprachzimmer.

Andrea fühlte sein Herz vor Freude springen. Es war zu früh, als daß es der Untersuchungsrichter sein konnte, und zu spät für einen etwaigen Ruf von Seiten des Gefängnisdirektors oder des Arztes: es mußte also der erwartete Besuch sein.

Hinter d«n Gitter des Sprachzimmers, wohin man Andrea führte, erblickte er mit seinen durch eine heftige Neugierde weit aufgesperrten Augen das düstere, verständige Gesicht von Bertuccio, welcher ebenfalls mit schmerzlichem Erstaunen die Gitter, die verriegelten Thüren und den Schatten betrachtete, der sich hinter den gekreuzten Stangen bewegte.

»Ah!« machte Andrea im Herzen getroffen.

»Guten Morgen, Benedetto,« sprach Bertuccio mit seiner hohlen Stimme.

»Sie! Sie!« sagte der junge Mann, voll Schrecken umherschauend.

»Du erkennst mich nicht, unglückliches Kind!« entgegnete Bertuccio.

»Stille! stille doch!« flüsterte Andrea, der das feine Gehör der Wände kannte; »mein Gott, mein Gott, sprechen Sie nicht so laut!«

»Nicht wahr. Du würdest gern mit mir allein reden?« fragte Bertuccio.

»Oh! ja.«

»Es ist gut.«

Bertuccio griff in seine Tasche, machte einem Wärter, den man hinter der Scheibe der Pforte erblickte, ein Zeichen und sagte zu ihm:

»Lesen Sie.«

»Was ist das?« fragte Andrea.

»Der Befehl, Dich in ein Zimmer zu führen, dort einzuquartieren, und mich mit Dir sprechen zu lassen.«

»Ah! ah!« machte Andrea hüpfend vor Freude. Doch alsbald sich in sich selbst zurückbiegend, sagte er zu sich:

»Abermals der unbekannte Beschützer! man vergißt mich nicht! Man sucht die Heimlichkeit, da man in einem abgesonderten Zimmer mit mir sprechen will. Ich habe sie, . . Bertuccio ist vom Beschützer abgeschickt!«

Der Wärter besprach sich einen Augenblick mit einem Oberen, öffnete sodann die zwei vergitterten Thüren und führte in ein Zimmer des ersten Stockes, das die Aussicht auf den Hof hatte, Andrea, der vor Freude außer sich war.

Das Zimmer war getüncht, wie dies bei Gefängnissen gebräuchlich ist, und bot einen heiteren Anblick, der dem Gefangenen strahlend vorkam: ein Ofen, ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch bildeten die kostbare Ausstattung.

Bertuccio setzte sich aus den Stuhl, Andrea warf sich auf das Bett. Der Wärter entfernte sich.

»Laß hören, was hast Du mir zu sagen?« sprach der Intendant.

»Und Sie?« versetzte Andrea.

»Sprich Du zuerst . . . «

»Oh! nein: Sie haben mir viel mitzuteilen, da Sie mich aufsuchten.«

»Wohl! es sei. Du hast Deine Verworfenheiten fortgesetzt: Du hast gestohlen, Du hast gemordet.«

»Wenn Sie mich in ein besonderes Zimmer führen, um mir nur diese Dinge zu sagen, mein Herr, so hätten Sie sich lieber gar keine Mühe gemacht. Es gibt andere Dinge, die ich nicht weiß, sprechen wir von diesen, wenn es Ihnen beliebt. Wer hat Sie geschickt?«

»Oh! oh! Sie gehen sehr rasch, Herr Benedetto.«

»Nicht wahr? und gerade aus das Ziel. Ersparen wir uns alle unnütze Worte. Wer schickt Sie?«

»Niemand.«

»Woher wissen Sie, daß ich im Gefängnis bin?«

»Ich habe Dich längst indem fashionablen, frechen Burschen erkannt, der so zierlich sein Pferd aus den Champs-Elysées tummelte.«

»Die Champs-Elysées . . . Ah! ah! wir brennen, wie man bei den Kinderspielen sagt . . . die Champs-Elysées! . . . Sprechen wir ein wenig von meinem Vater, wenn’s beliebt!«

»Wer bin denn ich?«

»Sie, mein braver Herr, sind mein Adoptivvater . . . Doch, ich denke, Sie haben nicht zu meinen Gunsten über hunderttausend Franken verfügt, die ich in vier bis fünf Monaten verzehrte; Sie haben mir nicht einen italienischen Vater und Edelmann geschmiedet; Sie haben mich nicht in die Welt eingeführt und zu einem gewissen Mittagsmahle, das ich noch zu genießen glaube, nach Auteuil mit der besten Gesellschaft von Paris eingeladen, namentlich mit einem gewissen Staatsanwalt, dessen Bekanntschaft nicht zu pflegen ich Unrecht hatte, denn sie könnte mir in diesem Augenblick nützlich sein: Sie waren es endlich nicht, der mich für ein paar Millionen versicherte, als mir die unselige Geschichte mit der Entdeckung eines gewissen Geheimnisses begegnete, . . Vorwärts, sprechen Sie, ehrenwerter Corse . . . «

»Was soll ich Dir sagen?«

»Sie erwähnten so eben der Champs-Elysées, mein würdiger Pflegevater.«

»Nun?«

»Auf den Champs-Elysées wohnt ein sehr reicher, sehr reicher Herr.«

»Bei dem Du gestohlen und gemordet hast, nicht wahr?«

»Ich glaube, ja.«

»Der Herr Graf von Monte Christo?«

»Sie haben ihn genannt, wie Racine sagt, Soll ich mich in seine Arme werfen, ihn an mein Herz drücken und ausrufen: »»Mein Vater! mein Vater!/«’ wie Pirérécourt sagt?«

»Scherzen wir nicht, ’ erwiderte Bertuccio mit ernstem Tone, »ein solcher Name soll nicht ausgesprochen werden, wie Du ihn auszusprechen wagst.«

»Bah!« rief Andrea, etwas verblüfft durch die feierliche Haltung von Bertuccio, »warum nicht?«

»Weil derjenige, welcher diesen Namen führt, zu sehr vom Himmel begünstigt ist, um der Vater eines Elenden Deiner Art zu sein.«

»Oh! große Worte . . . «

»Und große Wirkungen, wenn Du Dich nicht in Acht nimmst!«

»Drohungen! . . . ich fürchte sie nicht . . . ich werde sagen . . . «

»Glaubst Du es mit Pygmäen, wie Du bist, zu tun zu haben?« sagte Bertuccio mit so ruhigem Tone und mit so sicherem Blicke, daß Andrea im Innersten erschüttert wurde, »glaubst Du es mit geübten Missethätern des Bagno oder mit den Thoren, wie man sie gewöhnlich in der Welt trifft, zu tun zu haben? . . Benedetto, Du bist in einer furchtbaren Hand, diese Hand will sich Dir öffnen: benütze es. Spiele nicht mit dem Blitze, den sie einen Augenblick niederlegt, aber wieder aufnehmen kann, sobald Du sie in ihrer freien Bewegung zu stören suchst.«

»Mein Vater … ich will wissen, wer mein Vater ist,« sprach der Eigensinnige; »ich will darüber sterben, wenn es sein muß, aber ich werde es erfahren. Was kümmere ich mich um den Skandal? Für mich ist er wohlthätig, er macht mir Ruf, er verleiht mir Ansehen, er empfiehlt mich. Doch Ihr Leute von der großen Welt habt trotz Euerer Millionen und Euerer Wappen beim Skandal immer etwas zu verlieren . . . Nun, wer ist mein Vater?«

»Ich bin gekommen, um es Dir zu sagen . . . «

»Ah!« rief Benedetto mit Freude funkelnden Augen.«

In dieser Secunde öffnete sich die Thüre und der Gefangenenwärter sprach, sich an Bertuccio wendend:

»Verzeihen Sie, der Untersuchungsrichter erwartet den Gefangenen.«

»Das ist der Schluß meines Verhörs sagte Andrea zu dem würdigen Intendanten . . . »zum Teufel mit dem Überlästigen!«

»Ich werde morgen wiederkommen,« versetzte Bertuccio.

»Gut!« sagte Andrea. »Meine Herren Gendarmen, ich bin ganz zu Ihren Diensten . . . Ah! lieber Herr, lassen Sie doch ein Dutzend Thaler in der Kanzlei zurück, daß man mir hier gibt, was ich brauche.«

»Es soll geschehen,« erwiderte Bertuccio.

Andrea reichte ihm die Hand; Bertuccio behielt die seinige in der Tasche und ließ nur ein paar Goldstücke darin klingen.

»Das wollte ich sagen,« sprach Andrea mit einer lächelnden Grimasse, jedoch ganz bewältigt durch die seltsame Ruhe von Bertuccio.

»Sollte ich mich getäuscht haben?« sagte er zu sich selbst, in den länglichen und vergitterten Wagen steigend, den man den Salatkorb nennt, »Wir werden sehen! Morgen also!« fügte er, sich gegen Bertuccio umwendend, bei.

»Morgen!« antwortete der Intendant.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
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