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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 99

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»Bei Ihrer Ehre, wenn ich in einem Monat nicht getröstet bin, lassen Sie mich frei über mein Leben schalten, und was ich auch tun mag, Sie werden mich keinen Undankbaren nennen?«

»In einem Monat, auf den Tag, Maximilian; in einem Monat aus die Stunde, und der Tag ist heilig, Maximilian, ich weiß nicht, ob Du daran gedacht hast, es ist heute der 5. September: heute vor zehn Jahren habe ich Deinen Vater gerettet, als er sterben wollte.«

Morrel ergriff die Hände des Grafen und küßte sie; der Graf ließ ihn gewähren, als begriffe er, man wäre ihm diese Anbetung schuldig.

»In einem Monat hast Du an dem Tische, wo wir Beide sitzen werden, gute Waffen und einen sanften Tod. Doch dagegen versprichst Du mir, bis dahin, zu warten und zu leben?«

»Oh! ich schwöre Ihnen ebenfalls!« rief Morrel.

Monte Christo zog den jungen Mann an sein Herz und hielt ihn lange umfangen.

»Und nun,« sagte er zu ihm, »von heute an wohnst Du bei mir: Du nimmst die Zimmer von Hayde, und meine Tochter wird wenigstens durch meinen Sohn ersetzt.«

»Hayde! was ist aus Hayde geworden?«

»Sie ist diese Nacht abgereist.«

»Um Sie zu verlassen?«

»Um mich zu erwarten . . . Halte Dich bereit, in der Rue des Champs-Elysées zu mir zu kommen, und laß mich von hier weggehen, ohne daß man mich sieht.«

Maximilian neigte das Haupt und gehorchte wie ein Kind oder wie ein Apostel.

Elftes Kapitel.
Die Teilung

In dem Hause der Rue Saint-Germain-des-Prés, das Albert von Morcerf für seine Mutter und, sich gewählt hatte, war der erste Stock, bestehend aus einer vollständigen kleinen Wohnung, an eine sehr geheimnisvolle Person vermiethet.

Diese Person war ein Mann, dessen Gesicht, ob er aus oder einging, der Portier selbst nie hatte sehen können; denn im Winter steckte er sein Kinn in eine von jenen hohen, roten Halsbinden, wie sie alle Kutscher von gutem Hause tragen, die ihre Gebieter beim Ausgange dir Theater erwarten, und im Sommer schnäuzte er sich gerade in dem Augenblick, wo er vor der Loge vorübergehend hätte bemerkt werden können.

Man muß sagen, gegen alles Herkommen wurde dieser Hausbewohner von Niemand bespäht, und das Gerücht, sein Incognito verberge eine sehr hochgestellte Person, welche gar lange Arme habe, verschaffte seiner geheimnisvollen Erscheinung allen möglichen Respect.

Seine Besuche waren gewöhnlich bestimmt, obgleich sie zuweilen etwas vorgerückt oder verzögert wurden; doch beinahe immer, Sommer oder Winter, nahm er gegen vier Uhr Besitz von seiner Wohnung, in der er nie eine Nacht zubrachte.

Um halb vier Uhr im Winter war Feuer durch die verschwiegene Magd angezündet, welche die Aussicht über die kleine Wohnung hatte; um halb vier Uhr im Sommer hatte dieselbe Magd Eis herbeigebracht.

Um vier Uhr kam, wie gesagt, der geheimnisvolle Mann.

Zwanzig Minuten nach ihm hielt ein Wagen vor dem Hotel; eine schwarz oder dunkelblau gekleidete, stets aber in einen großen Schleier gehüllte Frau stieg aus, schwebte wie ein Schatten vor der Loge vorüber, und ging, ohne daß man eine einzige Stufe unter ihrem Tritte krachen hörte, die Treppe hinauf.

Nie kam es vor, daß man sie fragte, wohin sie wollte.

Ihr Gesicht, wie das des Unbekannten, war also den zwei Wächtern der Thüre völlig fremd, diesen Musterportiers, den einzigen vielleicht in der ungeheuren Brüderschaft der Portiers der Hauptstadt, welche einer solchen Diskretion fähig sein mochten.

Es versteht sich von selbst, daß sie nicht höher als bis zum ersten Stocke hinausging. Sie kratzte aus eine besondere Weise an einer Thüre; die Thüre öffnete sich, verschloß sich dann wieder hermetisch, und Alles war geschehen.

Verließ man das Haus, so fand dasselbe Manoeuvre statt, wie beim Eintritt.

Die Unbekannte, ging, stets verschleiert, zuerst hinaus und stieg wieder in ihren Wagen, der bald an dem einen Ende der Straße, bald an dem andern verschwand; zwanzig Minuten nachher entfernte sich auch der Unbekannte, in sein Halstuch vertieft oder durch sein Sacktuch verborgen, und verschwand ebenfalls.

An dem Tage nach dem, wo der Graf von Monte Christo Danglars einen Besuch gemacht hatte und Valentine beerdigt worden war, kam der geheimnisvolle Bewohner gegen zehn Uhr Morgens, statt wie sonst gegen vier Uhr Nachmittags zu erscheinen.

Beinahe sogleich und ohne den gewöhnlichen Zwischenraum zu beobachten, fuhr ein Fiacre herbei, und die verschleierte Dame stieg rasch die Treppe hinaus.

Die Thüre öffnete sich und schloß sich.

Doch ehe sich die Thüre wieder schloß, rief die Dame:

»Oh Lucien! oh, mein Freund!«

Und so erfuhr der Portier, der diesen Ausruf, ohne es zu wollen, gehört hatte, zum ersten Male, daß sein Miethsmann Lucien hieß; da er jedoch ein Musterportier war, so gelobte er sich, es nicht einmal seiner Frau zu sagen.

»Nun! was gibt es denn, teure Freundin?« fragte derjenige, dessen Namen die Unruhe oder der Eifer der . verschleierten Frau enthüllt hatte, »sprechen Sie geschwinde.«

»Mein Freund, kann ich aus Sie zählen?«

»Gewiß, das ist Ihnen bekannt: doch was gibt es? Ich war ganz bestürzt über Ihr Billet von diesem Morgen. Diese Hast, diese unordentliche Schrift . . . beruhigen Sie mich, oder erschrecken Sie mich ganz und gar!«

»Lucien, ein großes Ereignis!« sprach die Dame einen fragenden Blick auf Lucien heftend; »Herr Danglars ist diese Nacht abgereist.«

»Herr Danglars abgereist! Und wohin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wie! Sie wissen es nicht? Er ist also abgereist, um nicht mehr zurückzukommen?«

»Allerdings! Um zehn Uhr Abends brachten ihn seine Pferde an die Barrière von Charenton; hier fand er eine angespannte Postberline, er stieg mit seinem Kammerdiener ein und sagte zu seinem Kutscher, er führe nach Fontainebleau.«

»Nun! was sagten Sie dazu?«

»Warten Sie, mein Freund. Er ließ mir einen Brief zurück.«

»Einen Brief?«

»Ja, lesen Sie.«

Die Baronin zog aus ihrer Tasche einen entsiegelten Brief und bot ihn Debray.

Debray zögerte einen Augenblick, ehe er ihn las, als ob er den Inhalt zu erraten gesucht hätte, oder vielmehr, als ob er, was er auch enthalten möchte, zuvor einen bestimmten Entschluß hätte fassen wollen.

Nach Verlauf von einigen Secunden hatten sich seine Gedanken ohne Zweifel festgestellt, denn er las.

Folgendes war der Inhalt des Billets, das eine so große Unruhe in das Gemüth von Madame Danglars gebracht hatte:

»Madame und sehr treue Gemahlin,«

Ohne daran zu denken, hielt Debray inne und schaute die Baronin an, welche bis unter die Augen errötete.

»Lesen Sie!« sagte sie.

Debray fuhr fort:

»Wenn Sie diesen Brief empfangen, haben Sie keinen Gatten mehr! Oh! erschrecken Sie darüber nicht zu sehr; Sie haben keinen Gatten mehr, wie Sie keine Tochter mehr haben; nämlich ich werde auf einer von den dreißig Straßen sein, welche aus Frankreich führen.

»Ich bin Ihnen Erläuterungen schuldig, und da Sie ganz die Frau sind, um sie zu begreifen, so will ich Ihnen dieselben geben.

»Hören Sie:

»Eine Zahlung von fünf Millionen kam mir diesen Vormittag unversehens, ich habe sie bewerkstelligt; eine andere von.derselben Summe folgte beinahe unmittelbar daraus; ich vertage sie aus morgen und reise heute ab, um dieses Morgen zu vermeiden, das mir höchst unerträglich wäre.

»Nicht wahr, Sie begreifen dies, Madame und sehr kostbare Gemahlin?

»Ich sage: Sie begreifen dies, weil Sie ebenso gut wie ich meine Angelegenheiten kennen; sie kennen dieselben sogar noch besser als ich, denn wenn es sich darum handelte, anzugeben, wohin eine gute Hälfte meines jüngst noch so schönen Vermögens gekommen ist, so vermöchte ich dies nicht, während Sie im Gegenteil, das bin ich fest überzeugt, vollständig zu antworten wüßten.

»Die Frauen haben Instinkte von unfehlbarer Sicherheit: sie erklären durch eine nur ihnen allein bekannte Algebra sogar das Wunderbare; ich, der ich nur meine Zahlen kannte, wußte nichts mehr von dem Tage an, wo mich meine Zahlen täuschten.

»Haben Sie zuweilen die Schnelligkeit meines Sturzes bewundert, Madame? Waren Sie ein wenig geblendet durch das weißglühende Schmelzen meiner Goldstangen? Ich meinerseits gestehe, daß ich nur das Feuer dabei gesehen habe; wir wollen hoffen, daß Sie etwas Gold in der Asche fanden.

»Mit dieser tröstlichen Hoffnung entferne ich mich, Madame und sehr kluge Gemahlin, ohne daß mir mein Gewissen den geringsten Vorwurf darüber macht, daß ich Sie verlasse! es bleiben Ihnen Freunde, die fragliche Asche und, um Ihr Glück voll zu machen, du Freiheit, die ich Ihnen wiederzugeben mich beeile.«

»Es ist indessen der Augenblick gekommen. Madame, in diesem Paragraphen ein Wort vertraulicher Erklärung einfließen zu lassen. So lange ich hoffte, Sie arbeiteten für die Wohlfahrt unseres Hauses, für das Vermögen Ihrer Tochter, machte ich philosophisch die Augen zu: da Sie aber aus diesem Hause eine große Ruine gemacht haben, so will ich nicht als Grundlage für das Vermögen eines Andern dienen. Ich habe Sie reich, aber wenig geehrt genommen. Verzeihen Sie mir, daß ich so offenherzig mit Ihnen spreche, insofern ich aber ohne Zweifel nur für uns Beide spreche, sehe ich nicht ein, warum ich die Worte mit einer Schminke bestreichen sollte . . . Ich habe unser Vermögen vermehrt, und es nahm fünfzehn Jahre lang zu, bis zu dem Augenblick, wo unbekannte und für mich noch unbegreifliche Katastrophen es um den Leib faßten und niederwarfen, ohne daß ich, das darf ich wohl sagen, die geringste Schuld daran habe. Sie, Madame, Sie haben nur für Vermehrung des Ihrigen gearbeitet, was Ihnen gelungen ist, davon bin ich moralisch überzeugt. Ich lasse Sie also, wie ich Sie genommen habe, reich, aber wenig ehrenwert.

»Leben Sie wohl. Von heute an gedenke ich auch für meine Rechnung zu arbeiten. Glauben Sie mir, daß ich Ihnen sehr dankbar für das Beispiel bin, daß Sie mir gegeben haben, und das ich befolgen werde.

Ihr

sehr ergebener Gatte

Baron Danglars.

Die Baronin folgte Debray mit den Augen während dieser langen, peinlichen Lesung; sie sah den jungen Mann, trotz seiner wohlbekannten Selbstbeherrschung, wiederholt die Farbe wechseln.

Als er geendigt hatte, faltete er das Papier langsam zusammen und nahm wieder seine nachdenkende Haltung an.

»Nun?« fragte Madame Danglars mit einer leicht begreiflichen Angst.

»Nun! Madame,« wiederholte maschinenmäßig Debray.

»Welchen Gedanken flößt Ihnen dieser Brief ein?«

»Das ist ganz einfach, Madame, er flößt mir den Gedanken ein, daß Herr Danglars mit einem Verdacht abgereist ist.«

»Sicherlich: doch ist das Alles, was Sie mir zu. sagen haben?«

»Ich begreife nicht,« versetzte Debray mit einer eisigen Kälte.

»Er ist abgereist! ganz und gar abgereist! um nie wieder zu kommen!«

»Oh! glauben Sie das nicht!« rief Debray.

»Nein, sage ich Ihnen, er wird nicht wiederkommen; ich kenne ihn, er ist ein unerschütterlicher Mann in allen Entschließungen, welche seinem Interesse entfließen. Hätte er mich zu etwas nütze geglaubt, so würde er mich mitgenommen haben, er läßt mich hier, weil unsere Trennung seinen Plänen dienlich sein kann: sie ist also unwiderruflich, und ich bin für immer frei,« fügte Madame Danglars mit demselben fragenden Ausdrucke bei.

Doch statt zu antworten, ließ sie Debray in dieser angstvollen Forschung des Gedankens und des Blickes.

»Wie!« sagte sie endlich, »Sie antworten mir nicht, mein Herr?«

»Ich habe Sie nur Eines zu fragen: was gedenken Sie zu tun?«

»Das wollte ich Sie fragen,« erwiderte die Baronin mit einem pochenden Herzen.

»Ah! Sie verlangen einen Rath von mir?«

»Ja, ich verlange einen Rath von Ihnen,« sagte die Baronin zitternd.

»Wenn Sie einen Rath von mir haben wollen,« entgegnete mit kaltem Tone der junge Mann, »so rathe ich Ihnen, zu reisen.«

»Zu reisen,« murmelte Madame Danglars.

»Gewiß. Sie sind, wie Herr Danglars gesagt hat, reich und frei. Eine Abwesenheit von Paris wird, wenigstens wie ich glaube, nach dem doppelten Lärmen über die abgebrochene Heirat von Fräulein Eugenie und das Verschwinden von Herrn Danglars durchaus notwendig sein. Es ist wichtig, daß Sie die ganze Welt verlassen weiß und für arm hält; denn man würde der Frau des Bankerottirers ihren Reichtum und ihren großen Hausstand nicht verzeihen. Für den ersten Punkt genügt es, daß Sie nur vierzehn Tage in Paris bleiben und Jedermann wiederholen, Sie seien verlassen, daß Sie Ihren besten Freundinnen, die es in der Gesellschaft ausbreiten, erzählen, wie dieses Verlassen stattgefunden hat. Darum entfernen Sie sich von Ihrem Hotel, nehmen Ihre Juwelen nicht mit und leisten aus Ihr Witthum Verzicht, und alle Welt wird Ihre Uneigennützigkeit rühmen und Ihr Lob singen. Man weiß hernach, daß Sie verlassen sind, und hält Sie für arm, denn ich allein kenne Ihre finanzielle Lage und bin bereit, Ihnen als redlicher Associé meine Rechenschaft abzulegen.

Die Baronin hatte, bleich, niedergeschmettert, diese Rede mit um so mehr Schrecken und Verzweiflung angehört, als Debray völlig ruhig und gleichgültig zu erscheinen bemüht gewesen war.

»Verlassen!« wiederholte sie, »oh! sehr verlassen . . . Ja, Sie haben Recht, mein Herr, und Niemand wird meine Verlassenheit bezweifeln.«

Das waren die einzigen Worte, welche die so stolze und so heftig verliebte Frau zu stammeln vermochte.

»Aber reich, sehr reich sogar,« fuhr Debray fort, einige Papiere, die er sodann wieder einschloß, aus seinem Portefeuille ziehend und auf dem Tische ausbreitend.

Nur bemüht, die Schläge ihres Herzens zu ersticken und die Tränen zurückzuhalten, die am Rande ihrer Augenlider hervorbrechen wollten, ließ ihn Madame Danglars gewähren.

Endlich aber gewann das Gefühl der Würde bei der Baronin die Oberhand: wenn es ihr nicht gelang, ihr Herz zu bewältigen, so gelang es ihr wenigstens, keine Träne zu vergießen.

»Madame,« sagte Debray, »wir sind ungefähr seit sechs Monaten assoziiert, Sie haben eine Einlage von hundert tausend Franken geliefert.

»Im Monat April dieses Jahres hat unsere Assoziation stattgefunden.

»Im Mai begannen unsere Operationen.

»Im Mai gewannen wir viermal hundert und fünfzig tausend Franken.

»Im Juni belief sich der Nutzen aus neunmal hundert tausend Franken.

»Im Juli fügten wir siebzehn mal hunderttausend Franken bei; Sie wissen, das ist der Monat der spanischen Bons.

»Am Anfang des Monats August verloren wir dreimal hundert tausend Franken; doch am 15ten erholten wir uns wieder, und am Ende des Monats waren wir entschädigt, denn unsere Rechnungen, welche immer aus das Pünktlichste geführt wurden, sind gestern von mir abgeschlossen worden und geben ein Activum von zwei Millionen viermal hunderttausend Franken, das heißt von zwölfmal hundert tausend Franken für jedes von uns.

»Nun haben wir noch achtzig tausend Franken für die zusammengesetzten Interessen von dieser in meinen Händen gebliebenen Summe,« sprach Debray, sein Carnet mit der Methode und der Ruhe eines Wechselagenten zuschlagend,

»Aber was sollen denn diese Interessen bedeuten da Sie das Geld nie aus Zinsen angelegt haben?« unterbrach ihn die Baronin.

»Ich bitte um Entschuldigung, Madame,« entgegnete Debray kalt; »ich hatte in dieser Hinsicht Vollmacht von Ihnen und benützte sie. Das macht also vierzig tausend Franken Interesse für Ihre Hälfte, nebst hundert tausend Franken Einlage, im Ganzen dreizehnmal hundert und vierzig tausend Franken für Ihren Anteil.

»Ich bin nun gestern so vorsichtig gewesen, Ihr Geld beweglich zu machen,« fuhr Debray fort; »Sie sehen, es ist noch nicht lange her, und man konnte glauben, ich hätte vermutet, ich würde bald gerufen werden, um Ihnen Rechenschaft abzulegen. Ihr Geld ist hier, halb in Bankbillets, halb in Anweisungen au porteur. Ich sage hier, und das ist wahr, denn da ich mein Haus nicht für sicher genug hielt, da mir der Notar nicht diskret genug vorkam, und liegendes Eigentum noch lauter spricht, als die Notare, da Sie endlich nicht berechtigt sind, außer der ehelichen Gemeinschaft etwas zu kaufen oder zu besitzen, so habe ich diese ganze Summe, heute Ihr einziges Vermögen, in einer hinter diesem Schranke verborgenen Kiste verwahrt und dabei selbst den Maurer gemacht.

»Nun, Madame,« fügte Debray, zuerst den Schrank und dann die Kiste öffnend, bei, »hier sind acht hundert Billets jedes von tausend Franken, welche, wie Sie sehen, einem dicken, in Eisen gebundenen Album gleichen; ich lege ein Rentencoupon von fünf und zwanzig tausend Franken dazu; als Zuschuß, was ungefähr hundert und zehn tausend Franken macht, ist hier eine Anweisung auf Sicht auf meinen Banquier, und da mein Banquier nicht Herr Danglars ist, so können Sie sich darauf verlassen, daß die Anweisung bezahlt werden wird.«

Madame Danglars nahm maschinenmäßig die Anweisung nach Sicht, den Rentencoupon und die zusammengebundenen Bankbillets. Dieses ungeheure Vermögen erschien so aus dem Tische ausgebreitet als sehr wenig. Madame Danglars faßte es mit trockenen Augen, aber die Brust von Schluchzen aufgeschwollen, zusammen, verschloß das stählerne Etui in ihre Tasche, steckte das Rentencoupon und die Anweisung in ihr Portefeuille, und erwartete bleich, stumm, ein Wort, daß sie über ihren so großen Reichtum trösten würde.

Doch sie wartete vergebens.

»Nun haben Sie ein herrliches Dasein, Madame,« sagte Debray, »so ungefähr sechzigtausend Livres Renten, was für eine Frau, welche wenigstens ein Jahr lang kein Haus machen kann, ungeheuer ist. Sie dürfen allen Phantasien, die Ihnen in den Kopf kommen, ungescheut fröhnen, abgesehen davon, daß Sie, in Rücksicht auf die Vergangenheit, die Ihnen entgeht, aus meinem Vermögen schöpfen können, Madame: ich bin geneigt, Ihnen, oh! wohl verstanden, als Anlehen, Alles anzubieten, was ich besitze, nämlich eine Million und sechzigtausend Franken.«

»Ich danke, mein Herr, ich danke,« erwiderte die Baronin; »Sie begreifen, daß Sie mir da viel mehr übergeben, als eine arme Frau braucht, welche lange Zeit nicht mehr in der Welt zu erscheinen gedenkt.«

Debray war einen Augenblick erstaunt, doch er beruhigte sich und machte eine Gebärde, welche sich, wenn man seine Gedanken durch die höflichste Form ausdrücken wollte, in die Worte übersetzen ließ:

»Wie es Ihnen beliebt, Madame.«

Madame Danglars hatte vielleicht bis dahin noch etwas gehofft, als sie aber die gleichgültige Gebärde, welche Debray entschlüpfte, und den schiefen Blick bemerkte, mit dem diese Gebärde begleitet war, als sie seine tiefe Verbeugung und das darauf folgende bezeichnende Schweigen wahrnahm, richtete sie sich hoch aus, öffnete die Thüre und eilte, ohne Wut, aber auch ohne Zögern nach der Treppe, denjenigen, welcher sie so weggehen ließ, nicht einmal eines letzten Grußes würdigend.

»Bah!« sagte Debray, als sie sich entfernt hatte: »lauter schöne Vorsätze, sie wird in ihrem Hotel bleiben, Romane lesen und Lanzknecht spielen, da sie nicht mehr an der Börse spielen kann.«

Und er nahm sein Carnet und strich pünktlich die Summen aus, die er bezahlt hatte.

»Es bleiben mir eine Million und sechzig tausend Franken,« sagte er. »Welch ein Unglück, daß Fräulein von Villefort gestorben ist! sie hätte in jeder Beziehung meinen Wünschen entsprochen, und ich würde sie geheiratet haben.«

Und er wartete phlegmatisch, seiner Gewohnheit gemäß, bis Madame Danglars zwanzig Minuten weggegangen war, um ebenfalls wegzugehen.

Während dieser Zeit machte Debray, seine Uhr neben sich legend, Zahlen.

Die teuflische Person, welche jede abenteuerliche Phantasie mit mehr oder minder Glück geschaffen hätte, wenn Lesage nicht in einem Meisterwerke den Vorrang erlangt haben würde, Asmodi, der die Rinde von den Häusern nahm, um in das Innere zu schauen, hätte ein sonderbares Schauspiel zu Gesicht bekommen, wenn es ihm eingefallen wäre, die Rinde von dem kleinen Hause der Rue Saint-Germain-des-Prés zu nehmen.

Unter dem Zimmer, wo Debray mit Madame Danglars zwei und eine halbe Million geteilt hatte, war ein anderes Zimmer, ebenfalls bewohnt von Personen unserer Bekanntschaft, welche eine hinreichend wichtige Rolle in den von uns erzählten Ereignissen gespielt haben, daß wir sie mit einiger Teilnahme wiederfinden.

In diesem Zimmer waren Mercedes und Albert, Mercedes hatte sich seit ein paar Tagen sehr verändert . . . nicht als hätte sie selbst in der Zeit ihres größten Vermögens den stolzen Prunk entwickelt, welcher sichtbar gegen alle Lagen absticht und dahin wirkt, daß wir die Frau nicht mehr erkennen, wenn sie uns unter einfacheren Gewändern erscheint, nicht als ob sie in den Zustand der Bedrücktheit verfallen wäre, wo man die Livree der Armut anzuziehen gezwungen ist: Mercedes hatte sich verändert, weil ihr Auge nicht mehr glänzte, weil ihr Mund nicht mehr lächelte, weil eine beständige Verlegenheit das rasche Wort, das einst ein stets bereiter Geist von sich gab, aus ihren Lippen zurückhielt.

Nicht die Armut hatte den Geist von Mercedes welk gemacht, es war nicht der Mangel an Herzhaftigkeit, was ihr die Armut drückend erscheinen ließ; aus der Mitte herabgestiegen, in der sie lebte, verloren in der neuen Sphäre, die sie sich gewählt, wie Personen, die sich aus einem glänzend erleuchteten Salon entfernen, um rasch in die Finsternis überzugehen, war Mercedes wie eine aus ihrem Palast in eine Hütte herabgesunkene Königin, die, aus das Notwendigste beschränkt, sich weder an dem tönernen Geschirr, das sie selbst auf die Tafel setzen muß, noch an dem ärmlichen Lager erkennt, das die Stelle ihres Bettes einnimmt.

Die schöne Catalonierin oder die schöne Gräfin hatte in der Tat weder mehr ihren stolzen Blick, noch ihr reizendes Lächeln, denn wenn sie ihre Augen aus ihre Umgebung heftete, sah sie nur kümmerliche Gegenstände; ein Zimmer mit einer von jenen grauen Tapeten, welche sparsame Hauseigentümer vorzugsweise als am wenigsten dem Beschmutzen ausgesetzt, wählen; einen Boden ohne Teppich; Meubles, die den Blick aus der Armseligkeit eines falschen Luxus zu haften zwangen, lauter Dinge, die durch ihre schreienden Töne die für Augen, welche an eine elegante Gesamtheit gewöhnt sind, so notwendige Harmonie unterbrachen.

Frau von Morcerf lebte hier, seitdem sie ihr Hotel verlassen hatte; es schwindelte ihr bei diesem ewigen Stillschweigen, wie dem Reisenden am Rande eines Abgrundes schwindelt: sobald sie wahrnahm, daß sie Albert jeden Augenblick verstohlen anschaute, um den Zustand ihres Herzens zu erforschen, zwang sie sich zu einem eintönigen Lächeln der Lippen das, in Ermangelung jenes so sanften Feuers des Lächelns der Augen, die Wirkung einer einfachen Lichtzurückprallung, das heißt einer Helle ohne Wärme, hervorbringt.

Albert aber fühlte sich so beunruhigt, so unbehaglich, so beengt durch einen Rest von Luxus, der ihm verhinderte, seiner gegenwärtigen Lage zu entsprechen; er wollte ohne Handschuhe ausgehen, und fand seine Hände zu weiß; er wollte zu Fuße umherlaufen, und fand seine Stiefeln zu gefirnißt.

Diesen zwei so edlen und verständigen, unauflöslich durch das Band der mütterlichen und kindlichen Liebe vereinigten Wesen war es indessen gelungen, sich zu verstehen, ohne von etwas zu sprechen, und alle Rücksichten zu nehmen, die man sich unter Freunden schuldig ist, um die materielle Wahrheit festzustellen, von der das Leben abhängt.

Albert konnte am Ende, ohne sie erbleichen zu machen, zu Mercedes sagen:

»Meine Mutter, wir haben kein Geld mehr.«

Nie hatte Mercedes die Armut wirklich gekannt; oft hatte sie in ihrer Jugend selbst davon gesprochen; doch das ist nicht dasselbe: Bedürfnis und Notdurft sind zwei Synonymen, zwischen denen eine ganze Welt von Zwischenräumen liegt.

Bei den Cataloniern hatte Mercedes Mangel an tausend Dingen, aber es fehlte ihr nie an gewissen anderen. So lange die Netze gut waren, fing man Fische, so lange man Fische verkaufte, hatte man Garn, um die Netze zu unterhalten.

Und dann, von der Freundschaft getrennt, nur eine Liebe hegend, welche bei den materiellen Einzelheiten der Lage von keinem Gewichte war, dachte man an sich, jedes an sich, nur an sich. Mercedes machte von dem Wenigen, was sie hatte, ihren Teil so großmütig, als möglich: heute hatte sie zwei Teile zu machen, und zwar mit nichts.

Der Winter nahte heran: Mercedes hatte in diesem kahlen und bereits kalten Zimmer kein Feuer, sie, der einst ein künstlicher Ofen mit tausend Zweigen das ganze Haus von den Vorzimmern bis zu den Boudoirs erwärmte; sie hatte nicht einmal ein armseliges Blümchen, sie, deren Wohnung ein um Gold bevölkertes Treibgut gewesen war!

Aber sie hatte ihren Sohn.

Die Exaltation eines vielleicht übertriebenen Pflichtgefühls hatte sie bis jetzt in den höheren Sphären erhalten.

Die Exaltation ist beinahe Begeisterung, und die Begeisterung macht unempfindlich für die Dinge der Erde.

Doch die Begeisterung legte sich, und man mußte allmälig aus dem Lande der Träume in die Welt der Wirklichkeit hinabsteigen.

Man mußte endlich vom Positiven reden, nachdem man das Ideale erschöpft hatte.

»Meine Mutter,« sagte Albert in demselben Augenblick, wo Madame Danglars die Treppe herabging, »wir wollen ein wenig, wenn es Ihnen beliebt, alle unsere Reichtümer zählen; ich muß die ganze Summe wissen, um meine Pläne auszubauen.«

»Summe: nichts,« erwiderte Mercedes mit schmerzlichem Lächeln.

»Summe: einmal dreitausend Franken, und ich bin so anmaßend, zu behaupten, daß ich uns mit diesen dreitausend Franken ein anbetungswürdiges Leben verschaffen werde.«

»Kind!« seufzte Mercedes.

»Ach! meine gute Mutter,« sprach der junge Mann, »ich habe Ihnen leider genug Geld verbraucht, um den Wert desselben zu kennen; hören Sie, dreitausend Franken, das ist ungeheuer, und ich baue auf diese Summe eine wunderbare Zukunft von ewiger Sicherheit.«

»Du sagst das, mein Freund,« entgegnete die arme Mutter; »doch vor Allem, nehmen wir diese dreitausend Franken an?« fragte Mercedes errötend.

»Mir scheint, das ist abgemacht,« erwiderte Albert mit festem Tone: »wir nehmen sie um so mehr an, als wir sie nicht haben, denn sie sind, wie Sie wissen, im Garten des kleinen Häuschens in den Allées de Meillan in Marseille vergraben.«

»Mit zweihundert Franken,« sagte Albert, »kommen wir Beide nach Marseille.«

»Mit zweihundert Franken! bedenkst Du, Albert?«

»Oh! was das betrifft, ich habe mich über die Diligencen und Dampfboote erkundigt, und meine Berechnung ist gemacht. Sie bekommen einen Platz nach Chalons im Coupé. Sie sehen, meine Mutter, daß ich Sie als Königin behandle; fünfunddreißig Franken.«

Albert nahm eine Feder und schrieb:

Coupé, fünfunddreißig Franken . . .  . . .  . . . 35 Fr.

Von Chalons nach Lyon gehen Sie mit dem

Dampfboot sechs Franken . . .  . . .  . . .  . . . 6 Fr.

Von Lyon nach Avignon abermals Dampfboot,

sechzehn Franken . . .  . . .  . . .  . . .  . . . 16 Fr.

Von Avignon nach Marseille, sieben Franken . . . 7 Fr.

Ausgaben auf der Reise fünfzig Franken . . . 50 Fr.

. . .  . . .  . . .  . . .  . . .  . . .  . . . Summa 114 Fr.

»Setzen wir hundertzwanzig,« fügte Albert lächelnd bei, »Sie sehen, daß ich großmütig bin, nicht wahr, meine Mutter?«

»Aber Du, mein armes Kind?«

»Ich! haben Sie nicht gesehen, daß ich mir achtzig Franken vorbehalte? Ein junger Mann, meine Mutter, bedarf nicht aller seiner Bequemlichkeiten; überdies weiß ich, was reisen heißt.«

»Mit Deiner Postchaise und Deinem Kammerdiener?«

»Auf jede Weise, meine Mutter.«

»Wohl, es sei, doch diese zweihundert Franken?«

»Diese zweihundert Franken sind hier, und noch weitere zweihundert. Ich habe meine Uhr um hundert Franken verkauft, und die Breloquen um dreihundert: was das ein Glück ist! Breloquen, welche dreimal so viel wert waren, als die Uhr: immer die herrliche Geschichte des Überflusses! Wir sind also reich, da Sie statt der hundert und vierzehn Franken, die Sie zu Ihrer Reise brauchen, zweihundert und fünfzig haben.«

»Doch wir sind etwas in diesem Hause schuldig?«

»Dreißig Franken, ich bezahle sie von meinen hundert und fünfzig Franken; das ist abgemacht, und da ich nicht mehr als achtzig Franken brauche, um die Reise zu machen, so sehen Sie, daß ich im Luxus schwimme. Doch, das ist noch nicht Alles, was sagen Sie hierzu, meine Mutter?«

Albert zog aus einem kleinen Carnet mit goldenem Schlosse, einem Überreste seiner Phantasien oder vielleicht einem zärtlichen Andenken von einer jener geheimnisvollen, verschleierten Frauen, welche an die kleine Thüre klopften, Albert zog aus einem Carnet ein Billet von tausend Franken.

»Was ist das?« fragte Mercedes.

»Tausend Franken, meine Mutter. Oh! es ist vollkommen viereckig.«

»Doch woher hast Du diese tausend Franken?«

»Hören Sie und geraten Sie nicht zu sehr in Bewegung.«

Und Albert stand aus und küßte seine Mutter wiederholt aus beide Wangen, und hielt nur inne, um ihr in das Gesicht zu schauen.

»Sie können sich gar nicht denken, meine Mutter, wie schön ich Sie finde!« sagte der junge Mann mit einem tiefen Gefühle kindlicher Liebe; »Sie sind in der Tat die schönste, wie Sie die edelste der Frauen sind, die ich je gesehen habe.«

»Theures Kind!« sprach Mercedes, vergebens bemüht, eine Träne zurückzuhalten, welche an der Ecke ihres Augenlides hervorquoll.

»In der Tat, Sie mußten nur noch unglücklich werden, daß sich meine Liebe in Anbetung verwandelte.«

»Ich bin nicht unglücklich, so lange ich meinen Sohn habe.«

»Ganz richtig; doch hier fängt die Prüfung an, meine Mutter! Sie wissen, was verabredet ist?«

»Ist denn etwas zwischen uns verabredet?« fragte Mercedes.

»Ja, daß Sie in Marseille wohnen, und daß ich nach Afrika abreise, wo ich mir für den Namen, den ich aufgegeben, den Namen machen werde, den ich angenommen habe.«

Mercedes stieß einen Seufzer aus.

»Nun, meine Mutter, seit gestern bin ich bei den Spahis eingereiht,« fügte der junge Mann, die Augen mit einer gewissen Scham niederschlagend, bei, denn er wußte selbst nicht, was in seiner Erniedrigung Erhabenes lag; ich glaubte, mein Körper gehörte mir und ich könnte ihn verkaufen: seit gestern bin ich Stellvertreter von irgend Jemand. Ich habe mich verkauft, wie man sagt, und,« fügte er bei, indem er zu lächeln suchte, »um eine größere Summe, als ich wert zu sein glaubte, nämlich um zweitausend Franken.«

»Also diese tausend Franken?« fragte Mercedes bebend.

»Sind die Hälfte der Summe, meine Mutter; die andere Hälfte kommt in einem Jahre.«

Mercedes schlug die Augen mit einem Ausdrucke zum Himmel auf, den nichts wiederzugeben vermöchte, und die zwei in den Winkeln ihres Augenlides stehenden Tränen überströmten unter der inneren Aufregung und flossen stille an ihren Wangen herab.

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10 aralık 2019
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1870 s. 17 illüstrasyon
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