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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 101

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Dreizehntes Kapitel.
Der Richter

Man erinnert sich, daß der Abbé Busoni allein bei Noirtier in dem Sterbezimmer geblieben war, und daß sich der Greis und der Priester zu Wächtern der Leiche des Mädchens gemacht hatten.

Vielleicht waren es die christlichen Ermahnungen des Abbé, vielleicht war es das überzeugende Wort, was dem Greise den Mut zurückgab; denn seit dem Augenblick der Besprechung, die er mit dem Priester gehabt, kündigte bei Noirtier, statt der Verzweiflung, die sich Anfangs seiner bemächtigt, Alles eine große Resignation, eine Ruhe an, die besonders für diejenigen überraschend war, welche sich seiner tiefen Liebe und Zuneigung für Valentine erinnerten.


Herr von Villefort hatte den Greis seit dem Morgen des Todes nicht wiedergesehen. Das ganze Haus war erneuert worden; man hatte einen anderen Kammerdiener für ihn, einen anderen Bedienten für Noirtier angeworben; zwei Kammerfrauen waren in den Dienst von Frau von Villefort eingetreten: Alle, bis aus den Portier und den Kutscher, boten neue Gesichter, welche sich gleichsam zwischen den verschiedenen Gebietern dieses verfluchten Hauses erhoben und die unter denselben bereits bestehende Kälte als noch mehr durch herrschend erscheinen ließen. Überdies eröffneten sich die Assisen in ein paar Tagen, und in sein Cabinet eingeschlossen, verfolgte Villefort mit fieberhafter Thätigkeit den gegen den Mörder von Caderousse eingeleiteten Prozeß, Diese Angelegenheit machte, wie alle diejenigen, mit welchen der Graf von Monte Christo vermengt war, großes Aussehen in der Pariser Welt. Die Beweise waren nicht überzeugend, weil sie aus einigen Worten, geschrieben von einem sterbenden Galeerensklaven, einem ehemaligen Bagnogenossen des Angeklagten, beruhten, der seinen Gefährten aus Haß oder aus Rache anschuldigen konnte; nur das Bewußtsein des Beamten hatte sich festgestellt; der Staatsanwalt hatte die furchtbare Überzeugung gewonnen, Benedetto wäre schuldig, und es sollte ihm aus diesem schwierigen Siege einer von jenen Genüssen der Eitelkeit erwachsen. welche allein einiger Maßen die Fibern seines vereisten Herzens erweckten.

Der Prozeß nahm also seinen Gang, in Folge der rastlosen Arbeit von Villefort, welcher die Eröffnung seiner nächsten Assisen daraus machen wollte. Mehr als je war er genötigt, sich zu verbergen, um eine Erwiederung aus die ungeheure Menge von Bitten zu vermeiden, die man an ihn richtete, um Audienzkarten zu erhalten.

Und dann war nur so kurze Zeit vorüber, seitdem man die arme Valentine zu Grabe getragen, der Schmerz des Hauses war noch so neu, daß Niemand darüber staunte, wenn man den Vater so ganz in seine Pflichterfüllung als in die einzige Zerstreuung, die er für seinen Kummer finden konnte, versunken sah.

Ein einziges Mal, und zwar an dem Tage, nach dem Benedetto den zweiten Besuch von Bertuccio empfangen, bei welchem dieser ihm den Namen seines Vaters hatte nennen sollen, war Villefort Herrn Noirtier zu Gesichte gekommen: es geschah dies in dem Augenblick, wo der Beamte, durch die Anstrengung entkräftet, in den Garten seines Hauses hinabging, und Tarquinius ähnlich, wie er mit seinem Stabe die höchsten Mohnköpfe abschlug, die langen, sterbenden Stängel von Herbstrosen, welche sich wie Gespenster am Wege erhoben, mit einem Stocke abmähte.

Wiederholt war er bis an den Hintergrund des Gartens, bis an das bekannte, nach dem verlassenen Gehege führende Gitter gegangen, als er durch dieselbe Allee, in der er mit der gleichen Gebärde hin und her wanderte, zurückkehrend, zufällig nach dem Hause schaute, in welchem er mit großem Geräusch seinen Sohn spielen hörte, der aus seiner Pension zurückgekommen war, um den Sonntag und den Montag bei seiner Mutter zuzubringen.

Bei dieser Bewegung sah er an einem von den offenen Fenstern Herr Noirtier, der sich bis an den Kreuzstock hatte rollen lassen, um sich der letzten Strahlen einer noch warmen Sonne zu erfreuen, die gerade die verwelkenden Blüthen der Winden und die gerötheten Blätter der Jungfernreben begrüßte.

Das Auge des Greises war gleichsam auf einen Punkt genietet, den Villefort nur unvollkommen gewahrte. Dieser Blick von Noirtier war so haßerfüllt, so wild, zeugte so sehr von heftiger Ungeduld, daß der Staatsanwalt, der alle Eindrücke dieses ihm so genau bekannten Gesichtes mit voller Gewandtheit auffaßte, von der Linie, die er durchlief, abging, um zu sehen, auf was oder auf wen der gewichtige Blick fiel.

Da bemerkte er unter einer Gruppe von Linden mit beinahe entblätterten Ästen Frau von Villefort, welche, ein Buch in der Hand, aus einer Bank saß und sich von Zeit zu Zeit im Lesen unterbrach, um ihrem Sohne zuzulächeln oder ihm seinen elastischen Ball zuzuwerfen, den, er hartnäckig vom Salon in den Garten schleuderte.

Villefort erbleichte, denn er verstand, was der Greis sagen wollte.

Noirtier schaute stets denselben Gegenstand an; doch plötzlich ging sein Blick von der Frau auf den Mann über, und Villefort hatte selbst den Angriff dieser blitzenden Augen auszuhalten, die, den Gegenstand verändernd, auch die Sprache veränderten, ohne etwas von ihrem drohenden Ausdruck zu verlieren.

Allen diesen Leidenschaften fremd, deren Kreuzfeuer über ihrem Haupte hinging, hielt Frau von Villefort in diesem Augenblicke den Ball ihres Sohnes in der Hand und machte ihm ein Zeichen, er möge denselben mit einem Kusse holen; doch Eduard ließ sich lange bitten, die mütterliche Liebkosung kam ihm wahrscheinlich nicht als eine hinreichende Entschädigung für die Mühe vor, die er sich nehmen sollte: endlich entschloß er sich, sprang aus dem Fenster mitten in ein Beet von Heliotropen und Margarethenblumen, und lief, die Stirne mit Schweiß bedeckt, auf Frau von Villefort zu. Seine Mutter wischte ihm den Schweiß ab, drückte ihre Lippen auf die feuchte, elfenbeinweiße Stirne, und ließ das Kind mit dem Ball in der einen Hand und mit einem Haufen Bonbons in der andern zurückgehen.

Durch eine unwiderstehliche Anziehungskraft fort getrieben, wie der Vogel durch die Schlange beherrscht wird, näherte sich Villefort dem Hause: je näher er zu demselben kam, desto mehr senkte sich, ihm folgend, der Blick von Noirtier, und das Feuer seiner Augensterne schien einen solchen Grad von Brennkraft anzunehmen, daß sich Villefort bis in das Innerste seines Herzens davon verzehrt fühlte. Man las in der Tat in diesem Blicke zugleich einen blutigen Vorwurf und eine furchtbare Drohung, Dann schlug Noirtier die Augen zum Himmel aus, als ob er seinen Sohn an einen vergessenen Schwur erinnern wollte.

»Es ist gut,« sprach Villefort unten vom Hofe herauf, »es ist gut, lassen Sie noch einen Tag Geduld; was ich gesagt habe, ist gesagt.«

Noirtier schien durch diese Worte beruhigt, und seine Augen wandten sich gleichgültig einer andern Seite zu.

Villefort knöpfte heftig seinen Rock auf, der ihn beinahe erstickte, fuhr mit der bleichen Hand über seine Stirne und kehrte in sein Cabinet zurück.

Die Nacht ging kalt und ruhig vorüber; Jedermann begab sich zu Bette und schlief wie gewöhnlich in diesem Hause. Nur Villefort legte sich, ebenfalls wie gewöhnlich, nicht zugleich mit den Andern nieder; er arbeitete bis früh Morgens, durchlas die am Abend vorher von dem Untersuchungsbeamten vorgenommenen Verhöre, verglich die Aussagen der Zeugen und brachte seine Anklageakte, eine der schärfsten und kräftigsten, die er je abgefaßt, vollends ins Reine.

Am folgenden Tage sollte die erste Sitzung der Assisen stattfinden. Villefort sah diesen Tag, einen Montag, blaß und düster anbrechen, und sein bläulicher Schimmer ließ die auf dem Papiere mit roter Tinte geschriebenen Zeilen erglänzen. Der Beamte war einen Augenblick entschlummert, während seine Lampe ihre letzten Seufzer von sich gab: er erwachte an ihrem Geknister, die Finger feucht und purpurrot, als hätte er sie in Blut getaucht.

Der Staatsanwalt öffnete sein Fenster: ein großer orangefarbiger Streifen durchzog in der Ferne den Himmel und schnitt die schlanken Pappelbäume entzwei, welche sich am Horizont schwarz abzeichneten. Auf dem Luzernenacker, jenseits der Kastanienbäume, ließ eine Lerche, in die Lüfte emporsteigend, ihren klaren Morgengesang ertönen.

Die feuchte Luft der Dämmerung übergoß das Haupt von Villefort und erfrischte sein Gedächtnis.

»Heute wird es geschehen,« sagte er mit einer gewissen Anstrengung: »heute muß der Mann, der das Schwert der Gerechtigkeit in der Hand hält, überallhin schlagen, wo sich die Schuldigen finden.«

Seine Blicke suchten nun unwillkürlich das Fenster von Noirtier, das Fenster, an welchem er am vorhergehenden Abend den Greis gesehen hatte.

Der Vorhang war zugezogen.

Und dennoch war ihm das Bild seines Vaters so gegenwärtig, daß er sich an dieses verschlossene Fenster wandte, als ob es offen wäre, und daß er noch daran den drohenden Greis erblickte.

»Ja, ja, sei unbesorgt!« murmelte er.

Sein Kopf sank wieder aus seine Brust herab, und so mit gebeugtem Haupte ging er einige Male im Zimmer auf und ab: dann warf er sich endlich ganz angekleidet aus ein Canapé, weniger um zu schlafen, als um seine durch Müdigkeit und durch die bis in das Mark der Beine dringende Kälte der Arbeit steif gewordenen Glieder wieder geschmeidig zu machen.

Allmälig erwachte Jedermann: Villefort hörte von seinem Cabinet aus die aus einander folgenden Geräusche, welche das Leben des Hauses bilden: die in Bewegung gesetzten Thüren, das Klingeln der Glocke von Frau von Villefort, welche ihre Kammerjungfer rief, das erste Geschrei des Kindes, das freudig ausstand, wie man gewöhnlich in seinem Alter aussteht.

Villefort läutete ebenfalls. Sein neuer Kammerdiener trat ein und brachte ihm die Zeitungen.

Zugleich mit den Zeitungen brachte er eine Tasse Chocolade.

»Ich habe das nicht verlangt. Wer gibt sich diese Mühe mit mir?«

»Madame; sie sagt, der Herr Staatsanwalt würde ohne Zweifel bei dem Ermordungsprozesse viel sprechen und müßte Kräfte sammeln.«

Und der Diener stellte auf den Tisch, der vor dem Canapé stand und wie die andern mit Papieren überladen war, die Vermeiltasse.

Villefort schaute die Tasse einen Augenblick mit einer düstern Miene an, dann ergriff er sie plötzlich mit einer nervigen Bewegung und leerte den Trank, den sie enthielt. mit einem Zuge. Man hätte glauben sollen, er hoffte, dieser Trank wäre tödlich, und er riefe den Tod herbei, der ihn von einer Pflicht befreien sollte, welche ihm etwas Schwierigeres, als das Sterben befahl. Hiernach stand er auf und ging in seinem Cabinet mit einem gewissen Lächeln umher, welches furchtbar anzuschauen gewesen wäre, wenn es Jemand beobachtet hätte.

Die Chocolade war harmlos, und Herr von Villefort empfand nichts.

Als die Frühstücksstunde gekommen war, erschien Herr von Villefort nicht bei Tische.

Der Kammerdiener kehrte in sein Cabinet zurück und meldete:

»Madame läßt dem Herrn Staatsanwalt sagen, es habe elf Uhr geschlagen, und die Sitzung sei aus zwölf Uhr bestimmt.«

»Nun! und dann?« rief Villefort.

»Madame hat ihre Toilette gemacht; sie ist bereit, und läßt fragen, ob sie den Herr Staatsanwalt begleiten werde?«

»Wohin?«

»In den Justizpalast.«

»Warum dies?«

»Madame sagt, sie wünsche sehr, dieser Sitzung beizuwohnen.«

»Ah! sie wünscht das!« versetzte Villefort mit einem beinahe schrecklichen Tone.

Der Kammerdiener wich einen Schritt zurück und erwiderte:

»Will der Herr Staatsanwalt allein dahin fahren, so werde ich es Madame sagen.«

Villefort blieb einen Augenblick stumm, er grub mit sein Nägeln in seiner bleichen Wange, von der sein ebenholzschwarzer Bart stark abstach.

»Sagen Sie Madame,« erwiderte er endlich, »ich wünsche sie zu sprechen, und bitte sie, mich in ihrem Zimmer zu erwarten.«

»Gut, mein Herr.«

»Dann, kommen Sie zurück, um mich zu rasieren und anzukleiden.«

»Aus der Stelle.«

Der Kammerdiener verschwand in der Tat nur, um wiederzuerscheinen, rasierte Villefort und kleidete ihn feierlich schwarz an.

Als er dieses Geschäft beendigt hatte, sprach er:

»Madame hat gesagt, sie erwarte den Herrn Staatsanwalt, sobald er angekleidet wäre.«

»Ich komme,« versetzte Villefort und wandte sich, die Akten unter dem Arme, den Hut in der Hand, nach der Wohnung seiner Frau.

An der Thüre ihres Zimmers blieb er einen Augenblick stehen und trocknete mit dem Sacktuch den Schweiß ab, der von seiner bleichen Stirne stoß.

Dann öffnete er.

Frau von Villefort saß aus einer Ottomane und blätterte mit Ungeduld in den Zeitungen und Brochuren, welche der junge Eduard zu seiner Belustigung in Stücke zerriß, ehe seine Mutter Zeit gehabt hatte, ihre Lektüre zu vollenden.

Sie war völlig zum Ausgehen gekleidet; ihr Hut erwartete sie auf einem Fauteuil liegend, und sie hatte bereits die Handschuhe angezogen.

»Ah! hier sind Sie, mein Herr,« sagte sie mit ihrer natürlichen, ruhigen Stimme: »mein Gott! wie bleich sehen Sie aus! Sie haben also abermals die ganze Nacht hindurch gearbeitet? Warum sind Sie nicht zum Frühstück zu uns gekommen? Nun! nehmen Sie mich mit, oder werde ich allein mit Eduard gehen?«

Frau von Villefort hatte, wie man sieht, die Fragen vervielfacht, um eine Antwort zu erhalten; aber bei allen diesen Fragen blieb Herr von Villefort kalt und stumm, wie eine Bildsäule.

»Eduard,« sagte Villefort, einen gebieterischen Blick aus das Kind heftend, »spiele im Garten, mein Freund, ich muß mit Deiner Mutter sprechen.«

Frau von Villefort bebte, als sie dieses kalte Wesen, diesen entschiedenen Ton, diese seltsamen Präliminarien wahrnahm, Eduard schaute seine Mutter an; als er sah, daß sie den Befehl von Herrn von Villefort nicht bestätigte, fing er an, seinen bleiernen Soldaten die Köpfe abzuschneiden.

»Eduard,« rief Herr von Villefort mit so hartem Ausdruck, daß das Kind auf den Boden sprang, »verstehst Du mich? vorwärts!«

An eine solche Behandlung nicht gewöhnt, richtete sich das Kind auf und erbleichte, . . ob aus Zorn oder aus Furcht, wäre schwer zu behaupten gewesen.

Der Vater ging auf den Knaben zu, nahm ihn beim Arm, küßte ihn aus die Stirne und sprach:

»Gehe, mein Kind, gehe!«

Eduard entfernte sich.

Herr von Villefort folgte ihm bis zur Thüre und schloß diese, als er hinausgegangen war, mit dem Riegel.

»Oh! mein Gott!« rief die junge Frau, ihrem Gatten bis in die Tiefe der Seele schauend und ein Lächeln versuchend, das die Unempfindlichkeit von Villefort vereiste, »was wollen Sie denn?«

»Madame, wo verwahren Sie das Gift, dessen Sie sich gewöhnlich bedienen?« sprach scharf und ohne Eingang der zwischen seiner Frau und der Thüre stehende Beamte.

Frau von Villefort empfand, was die Lerche empfinden muß, wenn sie den Hühnergeier seine mörderischen Kreise über ihrem Kopfe immer enger ziehen sieht.

Ein heiserer, gebrochener Ton, der weder ein Schrei, noch ein Seufzer war, kam aus der Brust von Frau von Villefort hervor, und leichenblaß erwiderte sie:

»Mein Herr . . . ich verstehe Sie nicht.«

Dann erhob sie sich in einem Paroxysmus des Schreckens,  . . . doch in einem zweiten Paroxysmus. der ohne Zweifel noch heftiger war, als der erste, fiel sie alsbald wieder aus die Kissen ihrer Ottomane zurück«

»Ich fragte Sie,« fuhr Herr von Villefort mit vollkommen ruhigem Tone fort, »ich fragte Sie, wo Sie das Gift verbargen, mit dessen Hilfe Sie meinen Schwiegervater, Herrn von Saint-Meran, meine Schwiegermutter, Barrois und meine Tochter Valentine umgebracht haben?«

»Oh! mein Herr,« rief Frau von Villefort die Hände faltend, »was sagen Sie da?«

»Sie haben mich nicht zu fragen, sondern nur zu antworten.«

»Habe ich dem Richter oder dem Gatten zu antworten?« stammelte Frau von Villefort,

»Dem Richter, Madame, dem Richter.«

Es war ein furchtbares Schauspiel, die Blässe dieser Frau, die Angst in ihren Blicken, das Zittern ihres ganzen Körpers.

»Ah! mein Herr!« murmelte sie, »ah! mein Herr!« und das war Alles.

»Sie antworten nicht, Madame!« rief der furchtbare Frager. Dann fügte er mit einem Lächeln bei, das noch schrecklicher war, als sein Zorn: »Sie leugnen also nicht!«

Frau von Villefort machte eine Bewegung.

»Und Sie könnten auch nicht leugnen,« fügte Herr von Villefort bei, indem er die Hand ausstreckte, als wollte er sie im Namen der Gerechtigkeit festnehmen; »Sie haben diese verschiedenen Verbrechen mit einer unverschämten Geschicklichkeit verübt, die jedoch nur Leute täuschen konnte, welche durch Liebe geneigt waren, Ihnen gegenüber blind zu sein. Seit dem Tode von Frau von Saint-Meran wußte ich, daß ein Giftmischer in meinem Hause war, Herr d’Avrigny hatte mich davon in Kenntnis gesetzt; nach dem Tode von Barrois fiel mein Verdacht, Gott verzeihe es mir, auf Jemand, auf einen Engel, mein Verdacht, der selbst da, wo kein Verbrechen obwaltet, im Grunde meines Herzens unabläßig angezündet Wache hält; doch nach dem Tode von Valentine gab es keinen Zweifel mehr für mich, Madame, und nicht allein für mich, sondern auch für Andere; so wird Ihr Verbrechen, nunmehr zwei Personen bekannt, von Mehren geargwohnt, öffentlich werden; und es ist, wie ich Ihnen so eben sagte, Madame, nicht, mehr der Gatte, der zu Ihnen spricht, sondern ein Richter!«

Ihr Gesicht in ihren Händen verbergend, stammelte die junge Frau:

»Oh! Herr, ich flehe Sie an, glauben Sie nicht dem Scheine!«

»Sollten Sie feig sein?« rief Villefort mit verächtlichem Tone. »In der Tat, ich habe stets wahrgenommen, daß die Giftmischer feig sind. Sollten Sie feig sein, Sie, die Sie den gräßlichen Mut gehabt haben, zwei Greise und ein junges Mädchen von Ihnen ermordet vor Ihren Augen verscheiden zu sehen?«

»Herr! Herr!«

»Sollten Sie feig sein,« fuhr Villefort mit wachsender Heftigkeit fort, »Sie, die Sie die Minuten von vier Todeskämpfen eine um die andere gezählt Sie, die Sie mit einer so wunderbaren Geschicklichkeit und Genauigkeit Ihre höllischen Pläne entworfen und Ihre schändlichen Getränke eingerührt haben? Sie, die Sie Alles so gut berechnet, sollten Eines nicht berechnet haben, nämlich, wohin Sie die Enthüllung Ihrer Verbrechen führen konnte? Oh! das ist unmöglich, und Sie haben ein Gift, süßer, feiner, tödlicher als die anderen, aufbewahrt, um der Ihnen gebührenden Bestrafung zu entgehen . . . Sie haben dies getan, wenigstens hoffe ich es.«

Frau von Villefort rang ihre Hände und fiel aus die Knie.

»Ich weiß es wohl . . . ich weiß es wohl,« sprach Herr von Villefort, »Sie gestehen, doch ein Geständnis den Richtern abgelegt, ein Geständnis im letzten Augenblick, ein Geständnis, wenn man nicht mehr leugnen kann, ein solches Geständnis mildert in keiner Beziehung die Strafe, die sie über den Schuldigen verhängen!«

»Die Strafe!« rief Frau von Villefort, »die Strafe, mein Herr! Es ist schon das zweite Mal, daß Sie dieses Wort aussprechen!«

»Allerdings. Glaubten Sie zu entkommen, weil Sie viermal schuldig waren? Glaubten Sie, weil Sie die Frau desjenigen sind, welcher die Strafe fordert, würde diese Strafe ausbleiben? Nein, Madame, nein! Die Giftmischerin, wer sie auch sein mag, erwartet das Schafott, besonders sie, wie ich Ihnen so eben sagte, nicht dafür besorgt gewesen ist, einige Tropfen von ihrem sichersten Gifte aufzubewahren!«

Frau von Villefort stieß einen wilden Schrei aus, und der häßliche, unbezähmbare Schrecken bemächtigte sich ihrer verstörten Gesichtszüge.

»Oh! fürchten Sie das Schafott nicht, Madame,« sagte der Staatsanwalt, »ich will Sie nicht entehren, denn das hieße mich selbst entehren; nein, im Gegenteil, wenn Sie mich gut gehört haben, müssen Sie begreifen, daß Sie nicht aus einem Schafott sterben können.«

»Nein, ich habe nicht begriffen, was wollen Sie sagen?« stammelte völlig niedergeschmettert die unglückliche Frau.

»Ich will sagen, daß die Frau des ersten Beamten der Hauptstadt einen fleckenlos gebliebenen Namen nicht mit ihrer Schande belasten, und nicht mit demselben Schlage ihren Gatten und ihr Kind entehren wird.«

»Nein! oh, nein!«

»Wohl, Madame, das wird eine gute Handlung von Ihnen sein, und für diese gute Handlung danke ich Ihnen.«

»Sie danken mir, und wofür?«

»Für das, was Sie gesagt haben.«

»Was habe ich gesagt? mein Kopf ist verwirrt; mein Gott! mein Gott! ich begreife nichts mehr.«

Und sie erhob sich mit ausgelösten Haaren und schäumenden Lippen.

»Sie beantworteten die Frage, welche ich bei meinem Eintritt machte: »»Wo ist das Gift, dessen Sie sich gewöhnlich bedienen, Madame?««

Frau von Villefort streckte die Arme zum Himmel empor und schlug krampfhaft die Hände an einander.

»Nein, nein,« schrie sie, »Sie wollen das nicht!«

»Ich will nicht, daß Sie aus dem Schafott sterben, Madame, hören Sie?« antwortete Villefort.

»Oh! Gnade, Herr!«

»Es ist mein Wille, daß Gerechtigkeit geschehe.

Ich bin aus der Erde, um zu strafen, Madame,« fügte er mit einem flammenden Blicke bei; »jeder andern Frau, und wäre es einer Königin, würde ich den Henker schicken, gegen Sie werde ich barmherzig sein. Ihnen sage ich: Nicht wahr, Madame, Sie haben einige Tropfen von Ihrem süßesten, schnellsten und sichersten Gift aufbewahrt?«

»Oh! verzeihen Sie mir, lassen Sie mich leben!«

»Sie ist feig,« sprach Villefort.

»Bedenken Sie, daß ich Ihre Frau bin!«

»Sie sind eine Giftmischerin!«

»Im Namen des Himmels!«

»Nein!«

»Im Namen der Liebe, die Sie für mich gehabt haben!. .«

»Nein! nein!«

»Im Namen unseres Kindes! Oh! unserem Kinde zu Liebe lassen Sie mich leben.«

»Nein! nein! nein! sage ich Ihnen; ließe ich Sie leben, so würden Sie eines Tages das Kind so gut töten, als die Andern.«

»Ich! mein Kind töten!« rief in höchster Leidenschaft diese Mutter, aus Villefort zustürzend; »ich meinen Eduard töten! . . . Ah! ah! ah!«

Und ein gräßliches Gelächter, das Lachen eines Dämons, das Lachen eines Wahnsinnigen vollendete den Satz und verlor sich in einem blutigen Geröchel.

Frau von Villefort stürzte zu den Füßen ihres Gatten nieder.

Villefort näherte sich ihr und sprach:

»Bedenken Sie wohl, Madame, ist bei meiner Rückkehr nicht Gerechtigkeit geschehen, so zeige ich Sie mit meinem eigenen Munde an, verhafte ich Sie mit meinen eigenen Händen.«

Sie hörte keuchend, vernichtet: nur ihr Auge lebte in ihr und brannte in einem düsteren, furchtbaren Feuer.

»Sie verstehen mich,« sagte Villefort, »ich gehe. um die Todesstrafe gegen einen Mörder zu fordern. Finde ich Sie noch lebend, so ist heute Nacht die Conciergerie Ihre Wohnstätte.«

Frau von Villefort stieß einen Seufzer aus, ihre Nerven wurden schlaff, sie wälzte sich gebrochen auf dem Boden.

Der Staatsanwalt schien, eine Regung des Mitleids zu fühlen, er schaute sie minder streng an, verbeugte sich leicht vor ihr und sprach langsam:

»Gott besohlen, Madame Gott besohlen!«

Dieser Abschied fiel wie das Messer des Todes auf Frau von Villefort,

Sie wurde ohnmächtig.

Der Staatsanwalt entfernte sich und schloß hinausgehend die Thüre doppelt.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
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