Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 65

Yazı tipi:

Elftes Kapitel.
Das Cabinet des Staatsanwaltes

Lassen wir den Banquier im scharfen Trabe seiner Pferde nach Hause lehren, und folgen wir Madame Danglars bei ihrem Morgenausfluge.

Madame Danglars war, wie gesagt, um halb zwei Uhr ausgefahren. Sie wandte sich gegen den Faubourg Saint-Germain, fuhr durch die Rue Mazarine und ließ beim Passage du Pont-Neuf halten. Sie stieg aus, und ging durch den Passage. Madame Danglars war sehr einfach gekleidet, wie es einer Frau von Geschmack geziemt, die sich Morgens auf der Straße zeigt.

In der Rue Guénégant stieg sie in einen Fiacre und bezeichnete als Ziel die Rue de Harlay.

Kaum war sie in dem Wagen, als sie aus ihrer Tasche einen sehr dichten schwarzen Schleier hervorzog, den sie an ihrem Strohhute befestigte; dann setzte sie ihren Hut wieder auf, und bemerkte mit Vergnügen, als sie sich in einem kleinen Taschenspiegel beschaute, daß man von ihr nichts als ihre weiße Haut und den funkelnden Stern ihre Augen sehen konnte.

Der Fiacre fuhr über den Pont-Neuf und über die Place Dauphiné in den Hof von Harlay; er wurde bezahlt, als er den Schlag öffnete, Madame Danglars eilte nach der Treppe, stieg diese leicht hinauf und gelangte bald in die Salle des Pas-Verdus.

Am Morgen gibt eo viele Geschäfte und im Justizpalast noch viel mehr geschäftige Leute; die geschäftigen Leute schauen die Frauen nicht viel an: Madame Danglars durchschritt daher die Salle des Pas-Verdus ohne von andern Menschen bemerkt zu werden, als von zwei Frauen, welche hier auf ihren Advokaten lauerten.

Das Vorzimmer von Herrn von Villefort war gedrängt voll von Menschen, doch Madame Danglars hatte nicht einmal nötig, ihren Namen zu nennen; sobald sie erschien, stand ein Huissier auf, ging ihr entgegen und fragte sie, ob sie nicht die Person wäre, die der Herr Staatsanwalt beschieden; auf ihre bejahende Antwort führte er sie durch einen besonderen Gang in das Cabinet von Herrn Villefort.

Der Beamte schrieb, in seinem Lehnstuhle sitzend, den Rücken der Thüre zugewendet; er hörte die Thüre sich öffnen, den Huissier die Worte: »Treten Sie ein, Madame!« aussprechen und die Thüre sich wieder schließen, ohne daß er die geringste Bewegung machte. Doch kaum bemerkte er daß sich die Tritte des abgehenden Huissier verloren, als er sich rasch umwandte, die Riegel vorschob, die Vorhänge, herabließ und jeden Winkel des Cabinets untersuchte.

Sobald er sodann Gewißheit erlangt hatte, daß er weder gehört noch gesehen werden konnte, und folglich hierüber beruhigt war, sagte er:

»Madame, meinen innigen Dank für Ihre Pünktlichkeit.«

Und er bot Madame Danglars einen Stuhl, den sie annahm, denn ihr Herz schlug so gewaltig, daß sie sich dem Ersticken nahe fühlte.

»Es ist schon lange,« sprach der Staatsanwalt, während er sich ebenfalls setzte und sein Fauteuil einen Halbkreis beschreiben ließ, um sich Madame Danglars gegenüber zu befinden, »es ist schon lange, Madame, daß ich nicht mehr das Glück gehabt habe, mit Ihnen allein zu sprechen, und zu meinem großen Bedauern finden wir uns wieder zusammen, um eine sehr peinliche Unterredung zu pflegen.«

»Sie sehen jedoch, mein Herr, daß ich auf Ihre erste Aufforderung gekommen bin, obgleich diese Unterredung für mich noch viel peinlicher sein muß, als für Sie.«

Villefort lächelte bitter.

»Es ist also wahr,« sagte er, mehr seinen eigenen Gedanken, als die Worte von Madame Danglars erwidernd, »es ist also wahr, daß alle unsere Handlungen ihre Spuren, die einen düstere, die anderen leuchtende, in unserer Vergangenheit zurücklassen! es ist also wahr, daß alle unsere Schritte in diesem Leben dem Zuge der Schlange auf dem Sande gleichen und eine Furche machen! Acht für Viele ist diese Furche die ihrer Tränen.«

»Mein Herr,« sprach Madame Danglars, »nicht wahr, Sie begreifen meine Erschütterung? Schonen Sie mich also, ich bitte Sie. Dieses Zimmer, durch das so viele Schuldige zitternd und voll Scham gekommen sind, dieser Stuhl, auf den ich mich ebenfalls beschämt und zitternd setze! . . . »O! Ich bedarf meiner ganzen Vernunft um nicht in mir eine sehr schuldige Frau und in Ihnen einen drohenden Richter zu sehen.«

Villefort schüttelte den Kopf, stieß einen Seufzer aus und entgegnete:

»Und ich, ich sage mir, daß mein Platz nicht im Richterstuhl, sondern auf dem Schämel des Angeklagten ist.«

»Sie?« rief Madame Danglars erstaunt.

»Ja, ich.«

»Ich glaube, daß Ihrerseits, mein Herr, Ihr Puritanismus die Lage der Dinge übertreibt,« sprach Madame Danglars, deren so schönes Auge sich in einem flüchtigen Glanze erleuchtete. »Die Furchen von denen Sie so eben sprachen, sind von jeder glühenden Jugend gezogen worden. Im Hintergrunde der Leidenschaften, jenseits des Vergnügens gibt es immer ein wenig Gewissensbisse. Deshalb hat das Evangelium, diese ewige Hilfsquelle der Unglücklichen, uns armen Frauen als Stütze die bewunderungswürdige Parabel der Sünderin und der Ehebrecherin gegeben. Ich gestehe Ihnen, wenn ich mich der Verirrungen meiner Jugend erinnere, so denke ich zuweilen, Gott werde mir dieselben vergeben, denn es hat sich, wenn nicht gerade die Entschuldigung, doch wenigstens die Ausgleichung in meinen Leiden gefunden. Doch Ihr, was habt Ihr dabei zu befürchten, Ihr Männer, welche die Welt entschuldigt und der Skandal adelt?«

»Madame,« erwiderte Villefort, »Sie kennen mich, ich bin kein Heuchler, oder treibe wenigstens nicht ohne Grund Heuchelei. Ist meine Stirne streng, so haben sie viele Unglücksfälle verdüstert; ist mein Herz versteinert, so ist dies der Fall, damit es die Stöße vertragen kann. Die es empfangen hat. Ich war in meiner Jugend nicht so, ich war nicht so an jenem Verlobungsabend, wo wir Alle um einen Tisch in der Rue du Cours in Marseille saßen. Doch seitdem hat sich Alles in mir und um mich her verändert; mein Leben hat sich in Verfolgung schwieriger Dinge und dadurch abgenutzt, daß ich diejenigen niederkämpfen mußte, welche willkürlich oder unwillkürlich, mir in den Weg stellten und eben diese Schwierigkeiten gegen mich erhoben. Es kommt selten vor, daß das, was man glühend wünscht, nicht auch glühend von denjenigen verteidigt wird, von welchen man es erhalten will, oder denen man es zu entreißen sucht. Die meisten schlechten Handlungen der Menschen sind ihnen entgegen gekommen, vielleicht unter der scheinbaren Form der Notwendigkeit; ist die schlechte Handlung in einem Augenblick der Überspannung, der Furcht und des Irrwahns begangen worden, so sieht man hernach, daß man daran vorüberzugehen und sie zu vermeiden im Stande gewesen wäre. Das Mittel, das man vernünftiger Weise hätte anwenden sollen, welches man jedoch in seiner Blindheit nicht gesehen, stellt sich leicht und einfach vor unsere Augen; wir sagen uns: Warum habe ich nicht dieses getan, statt jenes zu tun? Ihr Frauen dagegen werdet selten von Gewissensbissen geplagt, denn nur selten kommt die Entscheidung von Euch, Euere Unglücksfälle werden Euch beinahe immer auferlegt, Euere Fehler sind beinahe immer das Verbrechen von Andern.«

»In jedem Fall« mein Herr, müssen Sie zugestehen, daß ich, wenn ich einen Fehler begangen, und dieser ganz persönlich gewesen ist, gestern eine scharfe Züchtigung dafür bekommen habe.«

»Arme Frau!« sagte Villefort, ihr die Hand drückend, »zu scharf für Ihre Kräfte, denn zweimal waren Sie nahe daran, zu unterliegen, und dennoch . . . «

»Nun?«

»Nun! ich muß Ihnen sagen . . . raffen Sie Ihren Mut zusammen, Madame, denn Sie sind noch nicht am Ziele.«

»Mein Gott!« rief Madame Danglars erschrocken, »was gibt es denn noch?«

»Sie sehen nur die Vergangenheit, Madame, und diese ist allerdings düster. Doch stellen Sie sich eine vielleicht noch viel blutigere Zukunft vor.«

Die Baronin kannte die Ruhe von Villefort, sie war so erschrocken über seinen gereizten Zustand, daß sie den Mund öffnete, um zu schreien, aber der Schrei erstarb in ihrer Kehle.

»Wie ist sie wieder erwacht, diese furchtbare Vergangenheit?« rief Villefort; »wie ist sie aus der Tiefe des Grabes und aus der Tiefe unserer Herzen, wo sie schlummerte, hervorgetreten, einem Gespenste ähnlich, um unsere Wangen erbleichen und unsere Stirnen erröten zu machen?

»Ach! ohne Zweifel der Zufall!« sprach Herminie.

»Der Zufall!« versetzte Villefort; »nein, nein, nein, Madame, es gibt keinen Zufall!«

»Doch wohl; ist es nicht ein Zufall, allerdings ein unseliger, aber immerhin ein Zufall, der dies Alles gemacht hat? Hat nicht durch Zufall der Graf von Monte Christo dieses Haus gekauft? Hat er nicht durch Zufall die Erde ausgraben lassen? Ist nicht endlich durch Zufall das unglückliche Kind unter den Bäumen ausgegraben worden? Armes, unschuldiges, mir entsprossenes Geschöpf, dem ich nie einen Kuß geben konnte, während ich ihm viele Tränen weihte. Acht mein ganzes Herz flog dem Grafen entgegen, als er von der teuren Hülle sprach, die man unter den Blumen fand.«

»Nein, nein, Madame: das ist es gerade, was ich Ihnen Furchtbares zu sagen hatte,« erwiderte Villefort mit dumpfer Stimme: »nein, man hat keine Hülle unter den Bäumen gefunden: nein, es war dort kein vergrabenes Kind; nein, Sie dürfen nicht weinen: nein, Sie dürfen nicht seufzen, Sie müssen zittern.«

»Was wollen Sie damit sagen?« rief Madame Danglars schauernd.

»Ich will damit sagen, daß Herr von Monte Christo, als er am Fuße der Bäume graben ließ, weder das Skelett eines Kindes« noch die Beschläge einer Kiste finden konnte, weil unter diesen Bäumen weder das Eine, noch das Andere vorhanden war.«

»Es war weder das Eine, noch das Andere vorhanden!« wiederholte Madame Danglars auf den Staatsanwalt Augen heftend, deren furchtbar erweiterter Stern den tiefsten Schrecken andeutete; »es war weder das Eine noch das Andere vorhanden!« wiederholte sie noch einmal, wie eine Person, welche durch den Klang ihrer Worte und durch das Geräusch der Stimme ihre Gedanken, die ihr entschlüpfen wollen, festzuhalten versucht.

»Nein!« rief Villefort« während er seine Stirne in seine Hände sinken ließ; »nein« hundertmal nein..««

»Sie hatten also das arme Kind nicht dort niedergelegt, mein Herr? Warum täuschten Sie mich, sprechen Sie, in welcher Absicht thaten Sie dies?«

»Hören Sie« mich, Madame, hören Sie mich, und Sie werden mich beklagen, mich, der ich zwanzig Jahre lang, ohne den geringsten Teil auf Sie zu werfen, eine Last von Schmerzen getragen habe, die ich Ihnen nennen will.«

»Mein Gott, Sie erschrecken mich, doch gleichviel, sprechen Sie, ich höre.«

»Sie wissen, wie jene schmerzhafte Nacht verging, wo Sie mit dem Tode ringend auf Ihrem Bette in jenem Zimmer von rotem Damaste lagen, während ich beinahe eben so keuchend wie Sie Ihre Entbindung erwartete. Das Kind kam, wurde mir ohne Bewegung, ohne Atem, ohne Stimme übergeben: wir hielten es für tot.«

Madame Danglars machte eine rasche Bewegung, als wollte sie vom Stuhle aufspringen.«

Doch Villefort hielt sie zurück, indem er die Hände faltend gleichsam ihre Aufmerksamkeit erflehte.

»Wir hielten es für tot,« wiederholte er, »ich legte es in ein Kistchen, das den Sarg ersetzen sollte, ging in den Garten grub ein Grab und verscharrte es in Eile. Kaum hatte ich das Kistchen mit Erde bedeckt, als sich der Arm des Corsen nach mir ausstreckte. Ich sah es wie einen Schatten sich emporrichten, wie einen Blitz glänzen. Ich fühlte einen Schmerz, ich wollte schreien, ein eisiger Schauer durchlief meinen ganzen Leib und schnürte mir die Kehle zusammen. Ich fiel sterbend nieder und hielt mich für getötet. Nie werde ich Ihren erhabenen Mut vergessen. als ich mich, wieder zu mir gekommen, mit der größten Anstrengung bis unten an die Treppe schleppte, wo Sie mir, selbst sterbend, entgegenkamen. Wir mußten ein völliges Stillschweigen über diese Katastrophe beobachten: Sie hatten den Mut, unterstützt von Ihrer Amme, in Ihr Haus zurückzukehren; ein Duell diente als Vorwand für meine Wunde. Gegen alle Erwartung wurde unser beiderseitiges Geheimnis bewahrt; drei Monate lang kämpfte ich gegen den Tod; endlich, da ich wieder zum Leben zurückzukehren schien, verordnete man mir die Sonne und die Luft im Süden. Vier Männer trugen mich von Paris nach Chalons, wobei wir sechs Lieues täglich zurücklegten. Frau von Villefort folgte der Sänfte in ihrem Wagen. In Chalons brachte man mich auf die Saone, und ich fuhr einzig und allein durch die Geschwindigkeit des Stromes bis Arles; hier nahm ich wieder meine Sänfte und setzte meinen Weg nach Marseille fort. Meine Wiedergenesung dauerte zehn Monate; ich hörte nichts von Ihnen und wagte es nicht, mich zu erkundigten, was aus Ihnen geworden wäre. Als ich nach Paris zurückkehrte, erfuhr ich, Sie hätten, Witwe von Herrn von Nargonne. Herrn Danglars geheiratet.

»Woran hatte ich, seitdem bei mir das Bewußtsein wiedergekehrt war, gedacht? Immer an dasselbe. Immer an den Leichnam des Kindes, der jede Nacht in meinen Träumen aus dem Schooße der Erde entflog und. Mich mit dem Blicke und der Gebärde bedrohend, über dem Grabe schwebte. Kaum war ich nach Paris zurückgekehrt, als ich mich erkundigte; das Haus war, seitdem wir es verlassen, nicht wieder bewohnt, jedoch kurz zuvor auf neun Jahre vermiethet worden. Ich suchte den Miethsmann auf, ich stellte mich, als hätte ich ein großen Verlangen, diesen Haus, welchen dem Vater und der Mutter meiner Frau gehörte, nicht in fremde Hände übergehen zu sehen, ich bot eine Entschädigung, wenn man den Vertrag aufheben würde, man verlangte sechs tausend Franken von mir; ich hätte zehn, ich hätte zwanzig tausend gegeben. Ich trug die Summe bei mir, ließ auf der Stelle den Rücktritt unterzeichnen und ritt, sobald ich die so sehr ersehnte Abtretung in Händen hatte, im Galopp nach Auteuil. Niemand hatte das Haus betreten, seitdem ich dasselbe verlassen.

»Es war fünf Uhr Nachmittags; ich ging in das rote Zimmer und wartete die Nacht ab. Alles, was ich mir seit einem Jahre in meinem beständigen Todeskampfe sagte, stellte sich hier bedrohlicher vor mich, als je in meinen Gedanken.

»Der Corse, der mir die Vendetta erklärt hatte, der mir von Nimes nach Paris gefolgt war; der sich im Garten verborgen, mir den Stoß versetzt, mich das Grab halte bereiten sehen, er hatte auch gesehen, wie ich das Kind verscharrt; es konnte ihm gelingen, Sie kennen zu lernen; er kannte Sie vielleicht bereits . . . Würde er sich nicht einen Tagen das Geheimnis dieser furchtbaren Geschichte bezahlen lassen? . . . Wäre es nicht für ihn eine süße Rache, wenn er erführe, sein Dolchstoß habe mich nicht getötet? Es war daher vor Allem dringend, daß ich unter jeder Bedingung die Spuren der Vergangenheit verschwinden machte und jede materielle Fußtapfe zerstörte; ich dachte, es würde immerhin noch genug Wirklichkeit in meiner Erinnerung zurückbleiben.

»Deshalb hob ich den Vertrag auf, deshalb war ich gekommen, deshalb wartete ich.

»Als die Nacht einbrach, ließ ich sie hinreichend dicht und finster werden; ich war ohne Licht in jenem Zimmer, wo Windstöße die Thürvorhänge zittern machten, hinter denen ich beständig irgend einen verborgenen Spion zu sehen glaubte; von Zeit zu Zeit bebte ich, es kam mir vor, als hörte ich hinter mir, in jenem Bette, Ihre Klagen, und ich wagte es nicht, mich umzuwenden. Mein Herz pochte in der Stille, und ich fühlte es so heftig schlagen, daß ich glaubte, meine Wunde wolle sich wieder öffnen; endlich bemerkte ich, wie alle die verschiedenen Geräusche in der Gegend umher erloschen. Ich begriff, daß ich nichts mehr zu befürchten hatte, daß ich weder gesehen, noch gehört werden konnte, und entschloß mich, hinabzugehen.

»Hören Sie« Herminie, ich hielt mich für so mutig, als irgend ein Mann sein mag; als ich aber aus meiner Brust jenen kleinen Schlüssel der Treppe, den ich in meinen Kleidern gefunden hatte, hervorzog, jenen Schlüssel, den wir Beide so sehr liebten, und den Sie an einem goldenen Ring befestigen ließen, als ich die Thüre öffnete, als ich durch die Fenster den bleichen Mond auf die schneckenförmigen Stufen einen langen Streifen weißen Lichtes, einem Gespenste ähnlich, werfen sah, da hielt ich mich an der Mauer und war nahe daran, zu schreien: es war mir, als würde ich verrückt.

»Es gelang mir wieder. meiner Herr zu werden. Ich stieg Stufe für Stufe die Treppe hinab; das Einzige, was ich nicht zu überwinden vermochte, war ein seltsames Zittern in den Knien. Ich hielt mich an dem Geländer, hätte ich es nur einen Augenblick losgelassen, so wäre ich hinabgestürzt.

»Ich gelangte an die untere Thüre; außerhalb dieser Thüre lehnte ein Spaten an der Mauer; ich nahm denselben und schritt nach dem Gebüsche zu. Ich hatte mich mit einer Blendlaterne versehen; mitten auf dem Rasen blieb ich stehen, um sie anzuzünden, und setzte dann meinen Weg fort.

»Der November war seinem Ende nahe; alles Grüne des Gartens war verschwunden, die Bäume hatten das Aussehen von Skeletten mit langen, entfleischten Armen, und das dürre Laub krachte mit dem Sande unter meinen Tritten.

»Die Angst schnürte mir so gewaltig das Herz zusammen, daß ich, als ich mich den Bäumen näherte, eine Pistole aus der Tasche zog und den Hahn spannte. Beständig glaubte ich die Gestalt des Corsen durch die Zweige erscheinen zu sehen.

»Ich betrachtete das Gebüsch mit meiner Blendlaterne; es war leer; ich schaute rings umher, ich war allein; kein Geräusch störte die Stille der Nacht; wenn nicht etwa das einer Eule, welche ihr schrilles, finsteres Geschrei wie einen Aufruf an die Gespenster der Nacht ausstieß.

»Ich hing meine Laterne an einen gabelförmigen Ast, den ich schon ein Jahr vorher an der Stelle, wo ich stehen blieb, um das Grab zu bereiten, bemerkt hatte.

»Das Gras war den Sommer hindurch an diesem Orte sehr hoch gewachsen, und mit dem Eintritt des Herbstes hatte sich Niemand gezeigt, um es zu mähen. Ein weniger bewachsener Platz fesselte indessen meine Aufmerksamkeit; hier hatte ich offenbar die Erde ausgegraben. Ich schritt zum Werke.

»Endlich war ich zu der Stunde gelangt, die ich seit mehr als einem Jahre erwartete!

»Doch wie ich auch hoffte, wie ich arbeitete, wie ich jedes Stückchen Rasen untersuchte, im Glauben, ich würde am Ende meines Spatens Widerstand finden . . . nichts! und ich machte doch ein Loch, zweimal so groß, als das erste gewesen war. Ich glaubte mich in der Stelle getäuscht zu haben, ich schaute mich um, ich betrachtete die Bäume, ich suchte die einzelnen Gegenstände, die mir früher in das Auge gefallen, wiederzuerkennen.

»Ein kalter, scharfer Wind strich durch die entblätterten Zweige, und dennoch floß der Schweiß von meiner Stirne. Ich erinnerte mich, daß ich den Dolchstoß in dem Augenblick erhalten hatte, wo ich die Erde einstampfte, um das Grab wieder zu füllen: diese Erde einstampfend, hielt ich mich an einem Bohnenbaum; hinter mir war ein künstlicher Felsen, bestimmt, den Spaziergängern als Bank zu dienen, denn als ich niedersank, fühlte meine Hand, die den Baum losgelassen hatte, die Frische dieses Steines; zu meiner Rechten war der Bohnenbaum, hinter mir der Felsen: ich fiel, indem ich mich setzen wollte; ich stand wieder auf und fing an, aufs Neue zu graben und das Loch zu erweitern; nichts, abermals nichts; das Kistchen war nicht da.«

»Das Kistchen war nicht da!« murmelte Madame Danglars, durch den Schrecken beinahe erstickt.

»Glauben Sie nicht, daß ich mich auf diesen ersten Versuch beschränkte,« fuhr Villefort fort, »nein, ich durchwühlte das ganze Gebüsche ich dachte, der Mörder habe im Glauben, es wäre ein Schatz, das Kistchen ausgegraben, sodann seinen Irrtum wahrgenommen, selbst ein Loch gemacht, und dasselbe hineingelegt . . . nichts! Dann kam mir der Gedanke, er sei nicht so vorsichtig zu Werke gegangen, und habe ganz einfach das Kistchen in irgend einen Winkel geworfen. Bei dieser Voraussetzung mußte ich, um Nachforschungen anzustellen, den Tag abwarten. Ich ging wieder in das Zimmer hinauf und wartete.«

»Oh! mein Gott!«

»Bei Tagesanbruch ging ich abermals hinab. Zuerst begab ich mich wieder zu der Baumgruppe; ich hoffte Spuren zu finden, die mir in der Dunkelheit entgangen wären; ich hatte die Erde auf einer Oberfläche von mehr als zwanzig Quadratfuß und auf eine Tiefe von mehr als zwei Fuß umgewühlt. Ein Tag wäre kaum für einen bezahlten Mann hinreichend gewesen, um zu tun, was ich in einer Stunde getan hatte. Nichts, – ich sah durchaus nichts.

»Dann forschte ich nach dem Kistchen, gemäß meiner Voraussetzung, es wäre in irgend einen Winkel geworfen morden. Es mußte dies auf dem Wege sein, der zu der kleinen Ausgangsthüre führte, aber diese neue Nachforschung war eben so vergeblich, als die erste, und mit gepreßtem Herzen kehrte ich zu der Baumgruppe zurück, die mir selbst keine Hoffnung mehr übrig ließ.«

»Oh! das war um wahnsinnig zu werden!« rief Madame Danglars.

»Ich hoffte dies einen Augenblick, aber ich war nicht so glücklich,« sprach Villefort, »doch meine Kräfte und folglich meine Gedanken zusammenraffend, fragte ich mich: »»Warum sollte dieser Mensch den Leichnam mitgenommen haben?««

»Sie sagten es ja selbst, um einen Beweis zu haben,« versetzte Madame Danglars.

»Ei! Nein, Madame, dies konnte es nicht mehr sein; man behält einen Leichnam nicht ein Jahr lang, man zeigt ihn einem Beamten, man macht seine Anzeige; doch nichts von dem war geschehen.«

»Nun, und dann?« fragte Herminie stammelnd.

»Dann gibt es noch etwas Furchtbareres, Unseligeres, Schrecklicheres für uns: das Kind lebte vielleicht, und der Mörder hat es gerettet.«

Madame Danglars stieß einen gräßlichen Schrei aus, ergriff Villefort bei den Händen und sprach:

»Mein Kind lebte! Sie haben mein Kind lebendig begraben! Sie wußten nicht gewiss, daß es tot war, und begruben es! Oh! . . . «

Madame Danglars hatte sich aufgerichtet und stand beinahe drohend vor dem Staatsanwalt, dessen Fäuste sie mit ihren zarten Händen preßte.

»Was weiß ich? Ich sage Ihnen dies, wie ich etwas Anderes sagen würde,« erwiderte Villefort mit einer Starrheit des Blickes, welche andeutete, daß dieser so mächtige Mann nahe daran war, die Grenzen der Verzweiflung und des Wahnsinns zu erreichen.

»Ah! mein Kind, mein armes Kind!« rief die Baronin, auf ihren Stuhl zurücksinkend und ihr Schluchzen in ihrem Sacktuche erstickend.

Villefort kam wieder zu sich, er fühlte, daß er um den mütterlichen Sturm abzuwenden, der sich auf seinem Haupte aufhäufte, bei Madame Danglars den Schrecken. den er selbst fühlte, vorübergehen lassen mußte.

»Sie begreifen, wenn sich die Sache so verhält,« sagte er ebenfalls aufstehend und sich der Baronin nähernd, um leiser mit ihr zu sprechen, »Sie begreifen, dann sind wir verloren; dieses Kind lebt, es weiß Jemand, daß es lebt, es ist Jemand im Besitze unseres Geheimnisses, und da Monte Christo von einem Kinde spricht, das an einer Stelle vergraben gefunden worden sein soll, wo dieses Kind nicht war, so besitzt er dieses Geheimnis.«

»Gott! gerechter Gott, rächender Gott.«

Villefort antwortete nur durch eine Art von Röcheln.

»Dort) dieses Kind. mein Herr, dieses Kind?« versetzte hartnäckig die Mutter.

»Oh! wie habe ich es gesucht,« erwiderte Villefort, die Hände ringend; »wie oft habe ich es in meinen langen, schlaflosen Nächten gerufen! wie oft habe ich mir einen königlichen Reichtum gewünscht, um einer Million Menschen eine Million Geheimnisse abzukaufen und das meinige in den ihrigen zu finden! Eines Tages endlich, als ich zum hundertsten Male den Spaten nahm, fragte ich mich auch zum hundertsten Male, was der Corse mit dem Kinde hätte tun können: ein Kind setzt einen Flüchtigen in Verlegenheit; vielleicht hatte er es, als er wahrnahm, daß es noch lebte, in den Fluß geworfen.«

»Unmöglich!« rief Madame Danglars; »man ermordet einen Menschen aus Rache, aber man ertränkt nicht ein Kind mit kaltem Blute.«

»Vielleicht hatte er es zu den Findelkindern gebracht.«

»Oh! Ja, ja, mein Kind ist dort.«

»Ich lief in das Hospiz und erfuhr, daß man in ebendieser Nacht, in der Nacht vom 20.September, ein Kind in dem Thurme niedergelegt hatte; es war in die Hälfte einer absichtlich zerrissenen Serviette den feiner Leinwand eingewickelt. An dieser Hälfte der Serviette war eine Hälfte von einer Baronenkrone und der Buchstabe H.«

»So ist es, so ist es!« rief Madame Danglars, »alle meine Wäsche war so bezeichnet. Herr von Nargonne war Baron, und ich heiße Herminie. Ich danke, mein Gott, mein Kind war nicht tot!«

»Nein, es war nicht tot.«

»Und Sie sagen mir das! Sie sagen es, ohne zu befürchten, ich werde vor Freude sterben! Wo ist es? wo ist mein Kind?«

Villefort zuckte die Achseln und erwiderte:

»Weiß ich es? Glauben Sie, wenn ich es wüßte, ließe ich Sie alle diese Proben und alle diese Stufengänge durchmachen, wie dies ein Dramaturg oder ein Romantiker tun wurde? Nein, ach! Nein, ich weiß es nicht. Eine Frau war ungefähr sechs Monate zuvor, um das Kind zurückzufordern, mit der andern Hälfte der Serviette gekommen. Diese Frau hatte alle die von dem Gesetze vorgeschriebenen Garantien geliefert, und man gab es ihr.«

»Sie hätten sich nach dieser Frau erkundigen, sie entdecken müssen.«

»Und womit glauben Sie, daß ich mich beschäftigte? Ich schützte eine Criminaluntersuchung vor und ließ durch Alles, was die Polizei an geschickten Spürhunden, an gewandten Agenten besitzt, Nachforschungen anstellen. Man fand ihre Spur bis Chalons; tu Chalons hat man sie verloren.«

»Verloren?«

»Ja, verloren; auf immer verloren.«

Madame Danglars hatte diese Erzählung mit einem Seufzer, mit einer Träne, mit einem Schrei für jeden einzelnen Umstand angehört.

»Und das ist Alles?« sagte sie, »und hierbei ließen sie es bewenden?«

»Oh! nein,« erwiderte Villefort- »ich habe nie aufgehört, zu suchen, mich zu erkundigen, nachzuforschen. Seit ein paar Jahren ließ ich Indessen ein wenig nach. Heute aber will ich mit mehr Beharrlichkeit und Schärfe als je wieder anfangen, und es wird mir gelingen, denn es ist nicht das Gewissen, was mich antreibt, sondern die Furcht.«

»Der Graf von Monte Christo weiß nichts,« entgegnete Madame Danglars, »sonst würde er Sie nicht so bevorzugen und zu gewinnen suchen, wie er dies tut.«

»Oh! die Bosheit der Menschen ist sehr tief, denn sie ist tiefer, als die Güte Gottes. Haben Sie die Augen dieses Mannes wahrgenommen, während er mit uns sprach?«

»Nein.«

»Haben Sie ihn zuweilen genauer betrachtet?«

»Er ist allerdings bizarr, mehr nicht: nur Eines ist mir aufgefallen: daß er von dem ganzen kostbaren Mahle, das er uns gegeben hat, nichts berührte, daß er von keiner Platte seinen Teil nehmen wollte.«

»Ja! Ja!« sprach Villefort, »ich habe dies ebenfalls bemerkt. Wenn ich gewußt hätte, was ich jetzt weiß, würde ich auch nichts berührt haben, ich hätte geglaubt er wollte uns vergiften.«

»Und Sie hätten sich getäuscht, wie Sie sehen.«

»Ja wohl; doch glauben Sie mir, dieser Mensch hat andere Pläne; deshalb wollte ich Sie sehen, deshalb bat ich Sie um eine Unterredung, deshalb wollte ich Sie vor aller Welt und besonders vor im warnen. Sagen Sie mir,« fuhr Villefort, seine Augen noch schärfer als bis jetzt auf die Baronin heftend, fort, »Sie haben mit Niemand von unserer Verbindung gesprochen?«

»Niemals mit irgend einem Menschen.«

»Sie verstehen mich, ich sage mit Niemand?« sprach Villefort liebevoll; »verzeihen Sie mir diese dringende Frage, nicht wahr mit Niemand in der ganzen Welt?«

»Oh! ja, ja, ich verstehe Sie sehr gut,« sprach die Baronin errötend, »niemals, ich schwöre es Ihnen.«

»Sie haben nicht die Gewohnheit, am Abend aufzuschreiben, was am Morgen vorgefallen ist? Sie führen kein Tagebuch?«

»Nein! Ach! vom Leichtsinn fortgerissen, vergesse ich selbst mein vergangenes Leben.«

»Sie träumen nicht laut, so viel Sie wissen?«

»Ich habe den Schlaf eines Kindes; erinnern Sie sich dessen nicht mehr?«

Purpur stieg in das Gesicht der Baronin und Blässe übergoß das von Villefort.

»Es ist wahr,« sagte er so leise, daß man es kaum hörte.

»Nun?« fragte die Baronin.

»Nun! ich begreife, was ich zu tun habe,« versetzte Villefort, »ehe acht Tage vergehen, weiß ich, wer Herr von Monte Christo ist, woher er kommt, wohin er geht, und warum er in unserer Gegenwart von Kindern spricht, die man in seinem Garten begräbt.«

Villefort sprach diese Worte mit einem Tone, der den Grafen schaudern gemacht haben würde, wenn er sie hätte hören können.

Dann druckte er die Hand, die ihm die Baronin nur mit Widerstreben gab, und geleitete sie achtungsvoll bis an die Thüre.

Madame Danglars nahm einen andern Fiacre, der sie bis zum Passage zurückführte; jenseits desselben fand sie ihren Wagen und ihren Kutscher, welcher, sie erwartend, friedlich auf seinem Bocke schlief.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain