Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 67
Der Besuch wartete in dem Salon. Dieser Salon hatte nichts Merkwürdiges und war wie alle Salons in einem Hotel garni. Ein Kamin mit zwei Basen von neuem Sèvres, eine Pendeluhr mit einem Amor, der seinen Bogen spannt, ein Spiegel in zwei Stücken, auf jeder Seite dieses Spiegels ein Kupferstich, von denen der eine Homer seinen Führer tragend, der andere Belisar Almosen fordernd darstellte; eine Tapete in Grau; ein Meuble von rotem mit Schwarz bedruckten Tuche, dies war der Salon von Lord Wilmore.
Er wurde beleuchtet durch Kugeln von geschliffenem Glase, die nur ein mattes Licht verbreiteten, welches ausdrücklich für die schwachen Augen des Abgeordneten des Herrn Polizeipräfecten berechnet zu sein schien.
Nachdem dieser zehn Minuten gewartet, schlug es zehn Uhr; beim fünften Schlage öffneten sich die Thüren und Lord Wilmore erschien.
Lord Wilmore war ein Mann, mehr groß als klein, mit dünnem, rotem Backenbarte, weißer Gesichtsfarbe und blonden, gräulich werdenden Haaren. Er war auf eine ächt englisch-bizarre Weise gekleidet, das heißt, ertrug einen blauen Frack mit goldenen Knöpfen und einem hohen gesteppten Kragen, wie man dies im Jahre 1811 hatte, eine Weste von weißem Casimir und Hosen von Nankin, welche drei Zoll zu kurz waren, aber durch Stege von demselben Stoffe verhindert wurden, bis an die Knie hinaufzureichen. Sein erstes Wort beim Eintritt war:
»Sie wissen, mein Herr, daß ich nicht Französisch spreche?«
»Ich Weiß wenigstens, daß Sie es nicht lieben, unsere Sprache zu sprechen,« antwortete der Abgesandte des Herrn Polizeipräfecten.
»Doch Sie können dieselbe sprechen,« versetzte Lord Wilmore, »denn wenn ich sie auch nicht spreche, so verstehe ich sie doch.«
»Und ich,« sagte der Besuch, das Idiom wechselnd, »ich spreche leicht genug Englisch, um eine Unterredung in dieser Sprache führen zu können. Thun Sie sich also keinen Zwang an, mein Herr.«
»Hao!,« rief Lord Wilmore mit jenem Tone, der nur den reinsten Eingeborenen Großbritanniens angehört.
Der Abgeordnete des Polizeipräfecten übergab Lord Wilmore sein Beglaubigungsschreiben. Dieser las es mit anglikanischem Phlegma . . . Als er damit zu Ende war, sagte er englisch:
»Ich begreife, ich begreife sehr gut.«
Nun begannen die Fragen.
Es waren ungefähr dieselben, die man dem Abbé Busoni vorgelegt hatte. Da jedoch Lord Wilmore als Feind des Grafen von Monte Christo nicht mit derselben Zurückhaltung zu Werke ging, wie der Abbé Busoni, so wurden sie viel ausgedehnter, er erzählte von der Jugend von Monte Christo, der, seiner Behauptung nach, in einem Alter von zehn Jahren in den Dienst eines der kleinen indischen Fürsten getreten war, welche mit England Krieg führen; hier traf ihn Wilmore seiner Aussage nach zum ersten Male und sie kämpften gegen einander. Bei diesem Kriege wurde Zaccone zum Gefangenen gemacht, nach England geschickt und auf die Pontons gebracht, von wo er schwimmend entfloh. Dann begannen seine Reisen, seine Zweikämpfe, seine Leidenschaften; es erfolgte der Ausstand in Griechenland, und er diente in den Reihen der Hellenen. Während er in ihren Diensten war, entdeckte er eine Silbermine in den Gebirgen Thessaliens, doch er hütete sich wohl, mit irgend Jemand über diese Entdeckung zu sprechen. Nach der Schlacht bei Navarin und nachdem sich die griechische Regierung beseitigt hatte, verlangte er von König Otto ein Privilegium zu Ausbeutung dieser Mine: dieses Privilegium wurde ihm bewilligt. Daher rührte sein Vermögen, welches sich nach der Ansicht von Lord Wilmore auf eine bis zwei Millionen Einkünfte belaufen mochte, ein Vermögen, das nichtsdestoweniger versiegen konnte, wenn sein Bergwerk versiegte.
»Doch wissen Sie, warum er nach Frankreich gekommen ist?«
»Er will auf die Eisenbahnen speculiren,« sprach Lord Wilmore; »und als ein geschickter Chemiker und nicht minder ausgezeichneter Physiker hat er einen Telegraphen erfunden, dessen Anwendung er verfolgt.«
»Wie viel gibt er ungefähr jährlich aus?« fragte der Abgeordnete des Polizeipräfecten.
»Oh! Höchstens fünf bis sechsmal hundert tausend Franken; er ist geizig.« I
Offenbar ließ der Haß den Engländer so sprechen: er wußte nicht, – was er dem Grafen zum Vorwurf machen sollte, und warf ihm Geiz vor.
»Wissen Sie etwas von seinem Hause in Auteuil?«
»Ja, gewiss,«
»Nun, was wissen Sie davon?«
»Sie fragen, in welcher Absicht er es gekauft habe?«
»Ja.«
»Der Graf ist ein Speculant, der sich in Versuchen und Utopien zu Grunde richten wird: er behauptet, es gebe in Auteuil, in der Gegend des von ihm erkauften Hauses, eine Mineralquelle, welche mit dem Wasser von Bagnièreo de Luchon und Canterets rivalisiren könne. Er will aus seiner Erwerbung ein Badhaus machen, wie die Deutschen sagen. Bereits hat er zwei bis dreimal seinen ganzen Garten umwühlt, und weil er die berühmte Quelle nicht finden konnte, so werden Sie sehen, daß er binnen Kurzem alle Häuser kauft, welche das seinige umgeben. Da ich ihm grolle und hoffe, daß er sich mit seiner Eisenbahn, mit seinem elektrischen Telegraphen oder mit seiner Bäderspeculation zu Grunde richten wird. so folge ich ihm, um mich an seiner Niederlage zu weiden, welche früher oder später eintreten muß.«
»Und warum grollen Sie ihm?« fragte der Besuch.
»Ich grolle ihm,« antwortete Lord Wilmore, »weil er bei einem Aufenthalte in England die Frau von einem meiner Freunde verführt hat.«
»Doch wenn Sie feindselig gegen ihn gesinnt sind, warum suchen Sie sieh nicht an ihm zu rächen?«
»Ich habe mich bereits dreimal mit dem Grafen geschlagen, das erste Mal auf Pistolen, das zweite Mal mit dem Degen, das dritte Mal auf Säbel.«
»Und was war der Erfolg dieser Duelle?«
»Das erste Mal zerschmetterte er mir den Arm, das zweite Mal durchstieß er mir die Lunge, und das dritte Mal brachte er mir diese Wunde bei.«
Der Engländer schlug einen Hemdkragen zurück, welcher ihm bis an die Ohren ging, und zeigte eine Narbe, deren Röte ein nicht sehr altes Datum andeutete.
»Deshalb bin ich sein Feind,« wiederholte der Engländer, »und er wird sicherlich nur von meiner Hand sterben.«
»Doch es scheint mir, Sie schlagen nicht den rechten Weg ein, um ihn zu töten,« bemerkte der Abgeordnete des Polizeipräfecten.
»Hao!« rief der Engländer, »ich gehe jeden Tag zum Schießen und Grisier kommt alle zwei Tage zu mir.«
Dies war es, was der Fremde wissen wollte, oder es war vielmehr Alles, was der Engländer zu wissen schien. Der Agent stand auf und entfernte sich, nachdem er Lord Wilmore gegrüßt hatte, der ihm mit englischer Steifheit und Höflichkeit antwortete.
Als Lord Wilmore hörte, daß sieh die Thüre nach der Straße wieder hinter dem Fremden schloß, kehrte er in sein Schlafzimmer zurück, wo er in einer Sekunde seine blonden Haare, seinen roten Backenbart, seine falsche Kinnlade und seine Narbe Verlor, um die schwarzen Haare, die matte Gesichtsfarbe und die Perlzähne des Grafen von Monte Christo wiederzufinden
Allerdings war es Herr von Villefort und nicht der Abgeordnete des Polizeipräfecten, welcher zu Herrn von Villefort zurückkehrte.
Der Staatsanwalt war ein wenig beschwichtigt durch diesen doppelten Besuch, der ihm zwar nicht gerade etwas Beruhigendes geoffenbart, aber auch nichts Beunruhigendes eröffnet hatte. Die Folge hiervon war, daß er zum ersten Male seit dem Mittagessen in Auteuil in der nächsten Nacht sich eines friedlichen Schlafes erfreute.
Vierzehntes Kapitel.
Der Ball
Man war zu den heißesten Julitagen gelangt, als nach der Ordnung der Zeit der Sonnabend erschien, an welchem der Ball von Herrn von Morcerf stattfinden sollte.
Es war zehn Uhr Abends: die großen Bäume im Garten am Hotel des Grafen hoben sich kräftig von einem Himmel ab, an welchem, eine Tapete von Azur besät mit goldenen Sternen entblößend, die letzten Dünste eines Sturmes hinglitten, der den ganzen Tag hindurch bedrohlich gemurrt hatte.
In den Sälen des Erdgeschosses hörte man die Musik rauschen und den Walzer und den Galopp wirbeln, während blendende, scharfe Lichtstreifen durch die Öffnungen der Läden drangen.
Der Garten war in diesem Augenblick einem Dutzend Bedienten überlassen, denen die Gebieterin des Hauses, beruhigt durch das sich immer mehr aufheiternde Wetter, den Befehl gegeben hatte, hier das Abendbrot zu zurichten.
Bis dahin hatte man gezögert, ob man im Speisesaal oder unter einem langen, auf dem Rasen aufgeschlagenen Zelte von Drilch Abendbrot nehmen sollte. Doch der schöne, blaue, ganz mit Sternen besäte Himmel entschied den Prozeß zu Gunsten des Zeltes und des Rasens. Man beleuchtete die Alleen des Gartens mit farbigen Lampen, wie dies in Italien der Brauch ist, man überlud mit Kerzen und Blumen den Tisch für das Abendbrot, wie dies in allen Ländern gebräuchlich ist, wo man ein wenig den Luxus der Tafel versteht . . . den aller seltensten Luxus, wenn man ihn vollständig finden will.
In dem Augenblick, wo die Gräfin von Morcerf in ihre Salons zurückkehrte, nachdem sie ihre letzten Befehle gegeben hatte, fingen diese Salons an sich mit Eingeladenen zu füllen, welche vielmehr die bezaubernde Gastfreundschaft der Gräfin, als die ausgezeichnete Stellung des Grafen anlockte, denn man war zum Voraus gewiss, dieses Fest würde bei dem guten Geschmacke von Mercedes einige des Erzählens oder wohl auch der Nachahmung würdige Einzelheiten bieten.
Madame Danglars, der die von uns mitgeteilten Ereignisse eine tiefe Unruhe eingeflößt hatten, zögerte, zu Frau von Morcerf zu gehen, doch am Morgen kreuzte ihr Wagen den von Herrn von Villefort, dieser machte ihr ein Zeichen, die zwei Wagen näherten sich und der Staatsanwalt fragte durch die Kutschenschläge:
»Nicht wahr, Sie gehen zu Frau von Morcerf?«
»Nein,« antwortete Madame Danglars, »ich bin zu leidend.«
»Sie haben Unrecht,« entgegnete Villefort mit einem bezeichnenden Blicke. »Es wäre wichtig, daß man Sie dort sehen würde.«
»Ah! Sie glauben?« fragte die Baronin.
»Ja, ich glaube.«
»Dann gehe ich.«
Und die zwei Wagen fuhren in entgegengesetzter Richtung weitere Madame Danglars kam nicht nur schön durch ihre eigene Schönheit, sondern blendend durch Luxus; sie trat durch eine Thüre in dem Augenblick ein, wo Mercedes durch die andere eintrat.
Die Gräfin schickte Albert Madame Danglars entgegen, Albert ging auf die Baronin zu, machte ihr die wohlverdienten Complimente über ihre Toilette und nahm sie beim Arme, um sie nach dem Platze zu führen, den sie nach ihrem Belieben wählen würde.
Albert schaute umher.
»Sie suchen meine Tochter?« sagte lächelnd die Baronin.
»Ich gestehe es,« sprach Albert, »sollten Sie die Grausamkeit gehabt haben, sie nicht mitzubringen?
»Beruhigen Sie sich, sie hat Fräulein von Villefort getroffen und ihren Arm genommen; sehen Sie, sie folgen uns Beide in weißen Kleidern, die eine mit einem Strauße von Camelien, die andere mit einem Strauße von Vergissmeinnicht; aber sagen Sie mir doch? . . . «
»Was suchen Sie?« fragte Albert lächelnd.
»Werden Sie diesen Abend den Grafen von Monte Christo nicht hier haben?«
»Siebzehn!« antwortete Albert.
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich will damit sagen, daß es ganz gut geht,« versetze der Vicomte lachend, »und daß Sie die siebzehnte Person sind, welche diese Frage an mich richtet, es geht gut mit dem Grafen! . . . ich mache ihm mein Compliment.«
»Und antworten Sie Jedermann wie mir?«
»Ah! es ist wahr, ich habe Ihnen noch nicht geantwortet; beruhigen Sie sich, Madame, wir werden den Mann der Mode haben, wir gehören zu seinen Bevorzugten.«
»Waren Sie gestern in der Oper?«
»Nein,«
»Ich war dort.«
»Ah, wirklich! hat der Excentrische eine neue Originalität begangen?«
»Kann er sich ohne dies zeigen? Eisler tanzte in le Diable boiteux; die griechische Prinzessin war entzückt. Nach der Cachucha steckte er einen prachtvollen Ring an den Stiel eines Straußes und warf ihn der reizenden Tänzerin zu, welche im dritten Akte wieder erschien, um, ihm mit ihrem Ringe am Finger Ehre anzutun. Wird seine griechische Prinzessin kommen?«
»Nein, Sie mögen hierauf Verzicht leisten, ihre Stellung im Hause des Grafen ist noch nicht bestimmt genug.«
»Lassen Sie mich hier und begrüßen Sie Frau von Villefort,« sagte die Baronin, »ich sehe, sie stirbt vor Verlangen, Sie zu sprechen.«
Albert verbeugte sich vor Madame Danglars und ging auf Frau von Villefort zu, welche den Mund öffnete, während er sich ihr näherte.
»Ich wette,« sprach Albert sie unterbrechend, »ich wette, ich weiß, was Sie sagen wollen.«
»Ah! lassen Sie doch hören!« rief Frau von Villefort.
»Wenn ich errate, werden Sie es gestehen?«
»Ja.«
»Auf Ehre?«
»Auf Ehre!«
»Sie wollten mich fragen, ob der Graf von Monte Christo gekommen wäre oder kommen würde?«
»Ich beschäftige mich in diesem Augenblicke nicht mit ihm. Ich wollte Sie fragen, ob Sie Nachricht von Herrn Franz erhalten hätten?«
»Ja, gestern,«
»Was schrieb er Ihnen?«
»Er würde zu gleicher Zeit mit seinem Briefe abreisen.«
»Gut . . . Nun, der Graf? . . . «
»Seien Sie unbesorgt, der Graf wird kommen.«
»Sie wissen, daß er einen andern Namen hat, als Monte Christo?«
»Nein, ich wußte es nicht.«
»Monte Christo ist der Name einer Insel.«
»Das ist möglich.«
»Er ist Malteser.«
»Das ist abermals möglich.«
»Er ist der Sohn eines Reeders.«
»In der Tat, Sie sollten diese Dinge laut er:zählen, Sie würden das größte Aufsehen damit machen.«
»Er hat in Indien gedient, beutet ein Silberbergwerk in Thessalien aus und kommt nach Paris, um in Auteuil eine Anstalt für Mineralbäder zu gründen.«
»Ah! das lasse ich mir gefallen, das sind Neuigkeiten, erlauben Sie mir, dieselben zu wiederholen?«
»Ja, doch allmälig, eine nach der andern, und ohne zu sagen, daß sie von mir kommen.«
»Warum dies?«
»Weil es ein abgelauschtes Geheimnis ist.«
»Mein abgelauscht?«
»Der Polizei.«
»Also spielten diese Neuigkeiten? . . . «
»Gestern Abend bei dem Präfecten. Paris ist, wie Sie leicht begreifen können, durch den Anblick dieses Luxus in Bewegung geraten und die Polizei hat Erkundigungen eingezogen.«
»Gut! es fehlte nur noch, daß man den Grafen wie einen Vagabunden unter dem Vorwande, er sei zu reich, verhaftet hätte.«
»Meiner Treue, das hätte ihm wohl begegnen können, wenn die Nachrichten nicht so günstig gewesen wären,«
»Armer Graf! Und er vermutet die Gefahr nicht, der er preisgegeben ist.«
»Ich glaube nicht.«
»Dann ist es Pflicht der Nächstenliebe, ihn darauf aufmerksam zu machen. Ich werde bei seiner Ankunft nicht verfehlen, dies zu tun.«
In dieser Sekunde verbeugte sich ein schöner junger Mann mit lebhaften Augen, schwarzen Haaren und glänzendem Schnurrbart vor Frau von Villefort. Albert reichte ihm die Hand und sprach:
»Madame, ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Maximilian Morrel, Kapiteln bei den Spahis. einen unserer guten und besonders unserer braven Offiziere, vorzustellen.«
»Ich habe bereits das Vergnügen gehabt, den Herrn in Auteuil bei dein Herrn Grafen von Monte Christo zu treffen,« antwortete Frau von Villefort, sich mit auffallender Kälte abwendend.
Diese Antwort und besonders der Ton, in dem sie gegeben wurde, schnürte dem armen Morrel das Herz zusammen; doch es war ihm eine Entschädigung vorbehalten: als er sich umdrehte, sah er im Winkel der Thüre ein schönes, ernstes Gesicht, dessen blaue, große und scheinbar ausdruckslose Augen sich auf ihn hefteten, während der Vergißmeinnichtstrauß langsam an die Lippen emporstieg.
Dieser Gruß wurde so gut begriffen, daß Morrel mit derselben Miene sein Sacktuch seinem Munde näherte; und durch die ganze Breite des Saales voneinander getrennt, vergaßen sich diese lebendigen Bildsäulen, deren Herz so rasch unter dein scheinbaren Marmor ihres Gesichtes schlug, einen Augenblick, oder sie vergaßen vielmehr die Welt in dieser stummen Betrachtung.
Sie hätten lange so in einander verloren bleiben können, ohne daß es Jemand bemerkt haben würde, doch der Graf von Monte Christo trat eben ein.
Der Graf zog, wie gesagt, war es nun ein natürliches oder ein künstliches Blendwerk, überall, wo er sich zeigte, die Aufmerksamkeit an; es war nicht sein allerdings dem Schnitte nach tadelloser, aber einfacher und jedes Schmuckes entbehrender schwarzer Frack; es war nicht seine weiße Weste ohne alle Stickerei, nicht sein Beinkleid, das einen Fuß von der zartesten Form umhüllte, was die Aufmerksamkeit rege machte; nein, es waren seinen schwarzen, wellenförmigen Haare, seine matte Gesichtsfarbe, sein ruhiges, reines Antlitz, sein tiefes, schwermütiges Auge, sein mit wunderbarer Feinheit gezeichneter Mund endlich, der so leicht den Ausdruck stolzer Betrachtung annahm, was Alter Blicke auf ihn zog.
Es mochten schönere Männer da sein, aber es waren, man erlaube uns diesen Ausdruck, keine bezeichnendere da: Alles an dem Grafen wollte etwas sagen und hatte seinen Wert, denn die Gewohnheit des nützlichen Gedankens hatte seinen Zügen, dem Ausdrucke seines Gesichtes und seiner unbedeutendsten Gebärde eine unvergleichliche Geschmeidigkeit und Festigkeit verliehen.
Und dann ist unsere Pariser Welt so seltsam, daß sie vielleicht dem Allem keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte, wäre nicht darunter eine geheimnisvolle, durch ein ungeheures Vermögen vergoldete Geschichte gewesen.
Wie dem auch sein mag, er schritt unter dem Gewichte der Blicke und mitten unter dem Austausch kleiner Grüße auf Frau von Morcerf zu, welche, vor dem mit Blumen geschmückten Kamine stehend, ihn in einem der Thüre gegenüber angebrachten Spiegel erscheinen sah und sich zu seinem Empfang vorbereitete.
Sie wandte sich mit einem von ihr gebildeten Lächeln in dem Augenblick gegen ihn um, wo er sich vor ihr verbeugte.
Ohne Zweifel glaubte sie, der Graf würde mit ihr sprechen; ohne Zweifel glaubte er, sie würde das Wort an ihn richten; doch sie blieben auf beiden Seiten stumm, so sehr kam ihnen wahrscheinlich eine alltägliche Redensart Beider unwürdig vor, und nach einer gegenseitigen Begrüßung wandte sich Monte Christo zu Albert, der mit offener Hand auf ihn zukam.
»Sie haben meine Mutter gesehen?« fragte Albert.
»So eben hatte ich die Ehre, sie zu begrüßen.« sprach der Graf, »doch Ihren Vater habe ich noch nicht, wahrgenommen.«
»Er spricht dort in jener kleinen Gruppe von großen Celebritäten über Politik.«
»In der Tat,« sagte Monte Christo, »die Herren welche ich dort sehe, sind Celebritäten? Ich hätte es nicht vermutet. Und von welcher Art? Es gibt Celebritäten aller Art, wie Sie wissen.«
»Bor Allem ist dort ein Gelehrter, jener große, trockene Herr; er hat in der Campagna von Rom eine Gattung von Eidechsen entdeckt, welche ein Wirbelbein mehr haben. als die andern, und er ist zurückgekommen, um dem Institut diese Entdeckung mitzuteilen. Die Sache wurde lange bezweifelt, aber am Ende blieb der Sieg auf Seiten des großen, trockenen Herrn. Das Wirbelbein machte viel Aufsehen in der gelehrten Welt; der große, trockene Herr war nur Ritter der Ehrenlegion, man ernannte ihn zum Offizier.«
»Schön!« sprach Monte Christo, »dieses Kreuz scheint mir weise erteilt; wenn er ein zweites Wirbelbein findet, wird man ihn wohl zum Commandeur machen.«
»Wahrscheinlich.«
»Und wer mag der Andere sein, der den sonderbaren Gedanken gehabt hat, sich in einen blauen Rock mit grüner Stickerei zu hüllen?«
»Nicht er hat den Gedanken gehabt, dieses Kleid anzuziehen, sondern die Republik, welche, wie Sie wissen, sehr wenig künstlerisch war, und da sie den Akademikern eine Uniform geben wollte, David bat, ihnen ein Kleid zu zeichnen.«
»Ah, wirklich! Also ist dieser Herr ein Akademiker?«
»Seit acht Tagen gehört er zu der gelehrten Versammlung.«
»Und was ist sein Verdienst, sein specielles Fach?«
»Sein specielles Fach? Ich glaube, er stößt den Kaninchen Nadeln in den Kopf, er läßt die Hühner Krapp fressen und treibt das Rückenmark der Hunde mit Fischbein zurück.«
»Und darum gehört er zu der Akademie der Wissenschaften?«
»Nein, zur französischen Akademie.«
»Was hat denn die französische Akademie hiermit zu schaffen?«
»Ich will es Ihnen sagen, es scheint . . . «
»Seine Erfahrungen haben die Wissenschaft einen großen Schritt tun lassen. nicht wahr?«
»Nein, er schreibt einen sehr schönen Styl.«
»Das muß der Eitelkeit der Kaninchen, denen er Nadeln in den Kopf stößt, der Hühner, deren Knochen er rot anmalt, und der Hunde, deren Rückenmark er zurücktreibt, ungemein schmeichelhaft sein.«
Albert schlug ein Gelächter auf.
»Und jener Andere?,« fragte der Graf.
»Der Andere?«
»Ja, der Dritte.«
»Ah, der barbenblaue Frack?«
»Ja.«
»Es ist ein College des Grafen; er hat sich sehr warm widersetzt, als man der Kammer der Pairs eine Uniform geben wollte, und bei dieser Gelegenheit auf der Tribune großen Erfolg gehabt; der gute Mann stand schlecht mit den liberalen Zeitungen, aber seine edle Opposition gegen die Wünsche des Hofes söhnte ihn mit denselben aus; man spricht davon, ihn zum Botschafter zu ernennen.«
»Und worauf gründen sich seine Ansprüche auf die Pairie?«
»Er hat zwei oder drei komische Opern gemacht, vier oder fünf Actien beim Siècle genommen, und fünf bis sechs Jahre lang für das Ministerium gestimmt.«
»Bravo, Vicomte!« sprach Monte Christo lachend; »nicht wahr, Sie leisten mir nun einen Dienst?«
»Welchen?«
»Sie stellen mich diesen Herren nicht vor, und wenn dieselben mir vorgestellt zu werden verlangen, so setzen Sie mich davon in Kenntnis.«
In diesem Augenblick fühlte der Graf, daß man eine Hand auf seinen Arm legte.
»Ah, Sie sind es, Baron!« sagte er.
»Warum nennen Sie mich Baron?« entgegnete Danglars; »Sie wissen wohl, daß ich nichts auf meinen Titel halte. Es ist nicht wie bei Ihnen, Vicomte, nicht wahr, Sie halten darauf?«
»Allerdings,« antwortete Albert, »in Betracht daß ich, wenn ich nicht Vicomte wäre, gar nichts mehr wäre, indes Sie Ihren Baronentitel opfern können und immer noch Millionär bleiben.«
»Was mir der schönste Titel unter dem Julikönigtum zu sein scheint,« versetzte Danglars.
»Leider,« sprach Monte Christo, »leider ist man nicht Millionär auf Lebenszeit, wie man Baron, Pair von Frankreich oder Akademiker ist; als Beweis hierfür dienen die Millionäre Frank und Pullmann in Frankfurt, welche so eben Bankerott gemacht haben.«
»Wirklich?« fragte Danglars erbleichend.
»Meiner Treue, die Nachricht ist mir diesen Abend durch einen Courier zugekommen; ich hatte so etwas wie eine Million bei ihnen, doch zu rechter Zeit benachrichtigt, forderte ich die Zurückzahlung vor einem Monat.«
»Ah, mein Gott!« versetzte Danglars, »sie haben für zweimal hundert tausend Franken auf mich gezogen.«
»Nun sind Sie in Kenntnis gesetzt, ihre Unterschrift ist fünf Procent wert.«
»Ja, aber ich erfahre es zu spät, denn ich habe ihre Unterschrift honorirt.«
»Gut,« sagte Monte Christo, »das sind zweimal hundert tausend Franken. welche den anderen nach . . . «
»Stille!« flüsterte Danglars, »sprechen Sie nicht von diesen Dingen, besondere in Gegenwart von Herrn Cavalcanti Sohn,« fügte der Banquier bei, der bei diesen Worten sich lächelnd gegen den jungen Mann umwandte.
Morcerf hatte den Grafen verlassen, nur mit seiner Mutter zu sprechen. Danglars verließ ihn, nur Cavalcanti Sohn zu begrüßen. Monte Christo fand sich einen Augenblick allein.
Die Hitze fing indessen an fürchterlich zu werden. Die Bedienten gingen in den Salons mit Platten umher, welche mit Früchten und verschiedenem Eis beladen waren.
Monte Christo trocknete sich mit dem Sacktuch sein von Schweiß übergossenes Gesicht; doch er wich zurück, als die Platten an ihm vorüber getragen wurden, und nahm nichts, um sich zu erfrischen.
Frau von Morcerf ließ mit ihren Blicken nicht von Monte Christo ab. Sie sah die Platte vorübergehen, ohne daß er sie berührte; sie faßte sogar die Bewegung auf, mit der er sich entfernte.
»Albert,« sagte sie hast Du Eines bemerkt?«
»Was, meine Mutter?«
»Daß der Graf nie ein Mittagsmahl bei Herrn von Morcerf annehmen wollte.«
»Ja, doch er hat ein Frühstück bei mir angenommen, da er durch dieses Frühstück in die Welt eingetreten ist.«
»Bei Dir ist nicht bei dem Grafen,« versetzte Mercedes, »und ich beobachte ihn, seitdem er hier ist.«
»Nun?«
»Er hat noch nichts angenommen.«
»Der Graf ist sehr nüchtern.«
Mercedes lächelte traurig.
»Nähere Dich ihm,« sagte sie, »und bei der ersten Platte, welche vorüberkommt, dringe in ihn.«
»Warum dies, meine Mutter?«
»Mache mir das Vergnügen« Albert.«
Albert küßte seiner Mutter die Hand und stellte sich zu dem Grafen.
Es kam eine neue Platte, beladen wie die vorhergehenden; sie sah Albert in den Grafen dringen, selbst Eis nehmen und es ihm anbieten; doch er weigerte sich hartnäckig.
Albert kehrte zu seiner Mutter zurück; die Gräfin war sehr bleich.
»Nun, Du siehst es, er hat sich geweigert,« sagte sie.
»Ja, doch in welcher Beziehung kann Sie dies beunruhigen?«
»Du weißt, Albert, die Frauen sind sonderbar. Ich hätte den Grafen mit Vergnügen irgend etwas bei mir nehmen sehen, und wäre es nur ein Granatkern gewesen. Übrigens schickt er sich vielleicht nicht in die französischen Gebräuche, vielleicht hat er eine Vorliebe für irgend Etwas?«
»Mein Gott, nein! ich sah ihn in Italien von Allem nehmen; ohne Zweifel ist er diesen Abend übelgelaunt.«
»Da er stets in heißen Klimaten gewohnt hat, ist er vielleicht auch minder empfindlich für die Hitze, als ein Anderer,« sagte die Gräfin.
»Ich glaube nicht, denn er beklagte sich, daß es zum Ersticken heiß wäre, und fragte mich, warum man, da man bereits die Fenster geöffnet, nicht auch die Läden öffne.«
»In der Tat, das ist ein Mittel, um mir Gewißheit zu verschaffen, ob diese Enthaltsamkeit auf einem Entschlusse beruht,« sagte Mercedes und verließ den Salon.
Einen Augenblick nachher öffneten sich die Läden und durch die Jasmine und Winden, welche die Fenster schmückten, sah man den ganzen Garten mit Lampen beleuchtet und das Abendbrot unter dem Zelte aufgetragen.
Tänzer und Tänzerinnen, Spieler und Plaudernde, stießen einen Freudenschrei aus, alle diese gepreßten Lungen atmeten mit Wollust die Luft ein, welche in Wellen in die Säle strömte.
In diesem Augenblick erschien Mercedes wieder, bleicher als sie weggegangen war, aber mit jener, bei ihr unter gewissen Umständen merkwürdigen Festigkeit des Gesichtes. Sie ging gerade auf die Gruppe zu, deren Mittelpunkt ihr Gatte bildete. und sprach:
»Mein Herr Graf, fesseln Sie diese Herren nicht hier, wenn sie nicht spielen, werden sie lieber die Luft im Garten einatmen, als hier ersticken.«
»Ah! Madame,« sagte ein alter, sehr artiger General, der im Jahre 1809: »Partant pour la Syrie,« gesungen hatte, »wir gehen nicht allein in den Garten.«
»Gut, ich werde das Beispiel geben«,« versetzte Mercedes.
Und sich gegen Monte Christo umwendend, sprach sie:
»Mein Herr Graf, haben Sie die Güte, mir Ihren Arm zu bieten.«
Der Graf wankte bei diesen einfachen Worten; dann schaute er Mercedes einen Moment an. Dieser Moment hatte die Geschwindigkeit eines Blitzes, und dennoch kam es der Gräfin vor, als hätte er ein Jahrhundert gedauert, so viele Gedanken hatte Monte Christo in diesen einzigen Blick gelegt.
Er bot der Gräfin seinen Arm; sie stützte sich darauf, oder sie berührte denselben vielmehr nur mit ihrer kleinen Hand, und Beide stiegen die Stufen auf einer Seite der mit Camelien und Rhododendron eingefaßten Freitreppe hinab, während hinter ihnen und auf der anderen Seite zwanzig Spaziergänger mit den lärmenden Ausrufungen des Vergnügens in den Garten eilten.
