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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 85

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»Woher kommen Sie denn, mein Herr?« sagte Monte Christo, scheinbar ohne die geringste Bewegung. »Ich glaube, Sie erfreuen sich nicht Ihres ganzen Verstandes.«

»Wenn ich Ihre Treulosigkeiten begreife, mein Herr, und es mir gelingt, Ihnen begreiflich zu machen, daß ich mich rächen will, werde ich immerhin noch vernünftig genug sein,« versetzte Albert wütend.

»Mein Herr, ich verstehe Sie nicht,« erwiderte Monte Christo, »und wenn ich Sie auch verstände, so würden Sie immer noch zu laut sprechen. Ich bin hier bei mir und allein berechtigt, meine Stimme über andere zu erheben. Gehen Sie, mein Herr!«

Und Monte Christo wies Albert mit einer bewunderungswürdigen Befehlshabergebärde die Thüre.

»Ah! ich werde es wohl dahin bringen, daß Sie herausgehen,« sagte Albert, in seinen krampfhaften Händen seinen Handschuh zerknitternd, den der Graf nicht aus dem Gesichte verlor.

»Gut, gut!« sprach phlegmatisch Monte Christo, »Sie suchen Streit mit mir, mein Herr, das sehe ich; doch einen Rath, Vicomte, den Sie wohlbehalten mögen: es ist eine schlechte Sitte, beim Herausfordern Lärmen zu machen. Der Lärmen steht nicht Jedermann gut zu Gesicht, Herr von Morcerf.««

Ein Gemurmel des Erstaunens durchlief bei diesem Namen wie ein Schauer die Zuhörer dieser Szene. Seit dem vorhergehenden Tage war der Name Morcerf in Aller Mund.

Besser als Alle und zuerst unter Allen begriff Albert die Anspielung und machte eine Gebärde, um seinen Handschuh dem Grafen in das Gesicht zu schleudern; aber Morrel faßte ihn bei der Faust, während Beauchamp und Chateau-Renaud, befürchtend, die Szene könnte die Grenzen einer Herausforderung überschreiten, ihn von hinten zurückhielten.

Monte Christo aber streckte, ohne aufzustehen und nur seinen Stuhl neigend, die Hand aus, zog aus den krampfhaft zusammengepreßten Fingern des jungen Mannes den feuchten Handschuh und sprach mit einem furchtbaren Ausdrucke:

»Mein Herr, ich nehme Ihren Handschuh als geworfen an und werde Ihnen denselben um eine Kugel gewickelt zurückschicken. Nun gehen Sie von hier weg, oder ich rufe meine Diener und lasse Sie aus der Thüre werfen.«

Trunken, verwirrt, mit blutigen Augen, machte Albert zwei Schritte rückwärts.

Morrel benützte diese Gelegenheit, um die Thüre wieder zu schließen.

Monte Christo ergriff sein Doppelglas und fing an zu lorgniren, als ob nichts Außerordentliches vorgefallen wäre.

Dieser Mann hatte ein Herz von Erz und ein Gesicht von Marmor.

Morrel neigte sich an sein Ohr und sagte zu ihm:

»Was haben Sie ihm getan?«

»Ich? nichts, persönlich wenigstens,« sprach Monte Christo.

»Diese seltsame Szene muß doch einen Grund haben?«

»Die Geschichte des Grafen von Morcerf bringt den unglücklichen jungen Mann ganz außer sich.«

»Haben Sie denn einen Anteil an dieser Sache?«

»Die Kammer ist durch Hayde von dem Verrate seines Vaters unterrichtet worden.«

»Man hat mir in der Tat davon gesagt,« sprach Morrel, »doch ich wollte nicht glauben, daß die griechische Sklavin, die ich mit Ihnen gerade hier in dieser Loge gesehen habe, die Tochter von Ali Pascha ist.«

»Es ist die reine Wahrheit.«

»Oh! mein Gott, ich begreife nun Alles, und diese Szene hat sich mit Vorbedacht ereignet.«

»Wie so.«

»Ja, Albert schreibt mir, ich möchte mich diesen Abend in der Oper einfinden: er wollte mich also zum Zeugen der von ihm beabsichtigten Beleidigung haben.«

»Wahrscheinlich,« sprach Monte Christo mit seiner unstörbaren Ruhe.

»Aber was werden Sie mit ihm machen?«

»Mit wem?«

Mit Albert.«

»Mit Albert?« versetzte Monte Christo m demselben Tone, »was ich mit ihm machen werde, Maximilian? So wahr Sie hier sind, und ich Ihnen die Hand drücke, töte ich ihn morgen Vormittag um zehn Uhr; das werde ich machen.«

Morrel nahm ebenfalls die Hand von Monte Christo in die seinige und bebte, als er diese kalte und ruhige Hand fühlte.

»Ah! Graf,« sagte er, »sein Vater liebt ihn so sehr!«

»Sagen Sie mir keine solche Dinge!« rief Monte Christo mit der ersten Regung des Zornes, der ihn zu fassen schien; »er mag leiden!«

Morrel ließ erstaunt die Hand von Monte Christo fallen.

»Graf! Graf!« sprach er.

»Lieber Maximilian,« sagte der Graf, »hören Sie doch, wie bewunderungswürdig Duprez die Worte singt: »»O Mathilde! Idole de mon âme! . . . ««

»Ich habe zuerst das große Talent von Duprez in Neapel erraten, und ihm auch zuerst Beifall geklascht. Bravo! Bravo!«

Morrel begriff, daß nichts mehr zu sagen war, und wartete.

»Der Vorhang, der am Ende der Szene von Albert aufging, fiel beinahe sogleich wieder. Man klopfte an die Thüre.

»Herein,« sprach Monte Christo, ohne daß seine Stimme die geringste Bewegung verriet.

Beauchamp erschien.

»Guten Abend, Herr Beauchamp,« sprach Monte Christo, als ob er den Journalisten an diesem Abend zum ersten Male sehen würde; »setzen Sie sich doch.«

Beauchamp grüßte, trat ein und setzte sich.

»Mein Herr,« sagte er zu Monte Christo, »ich begleitete so eben, wie Sie wahrnehmen konnten, Herrn von Morcerf.«

»Das heißt, Sie wollen sagen, Sie haben miteinander zu Mittag gespeist,« erwiderte lachend Monte Christo. »Ich bin glücklich, zu bemerken, mein lieber Herr Beauchamp, daß Sie nüchterner sind, als er.«

»Mein Herr,« sprach Beauchamp, »ich gestehe, Albert hat Unrecht gehabt, in Hitze zu geraten, und ich komme für meine eigene Rechnung, um Entschuldigungen vorzubringen. Nun, da diese Entschuldigungen gemacht sind, verstehen Sie wohl, die meinigen, Herr Graf, so sage ich Ihnen, daß ich Sie für zu artig halte, als daß Sie sich weigern sollten, mir eine Erklärung in Beziehung auf Ihre Verbindungen mit den Leuten in Janina zu geben. Dann zwei Worte über die junge

Griechin . . . «

Monte Christo machte mit den Lippen und mit den Augen eine kleine Gebärde, welche Stillschweigen heischte.

»Ah! nun sind alle meine Hoffnungen zerstört,« sagte er lachend.

»Wie so?« fragte Beauchamp.

»Ohne Zweifel sind Sie bemüht, mir den Ruf eines excentrischen Menschen zu verschaffen; ich bin nach Ihrer Ansicht ein Lara, ein Manfred, ein Lord Ruthwen; ist der Augenblick, mich excentrisch zu finden, vorüber, so zerstören Sie Ihren Typus und suchen aus mir einen Alltagsmenschen zu machen. Sie wollen mich gemein, gewöhnlich haben, kurz Sie verlangen Erklärungen von mir. Stille doch! Herr Beauchamp, Sie haben Lust, über mich zu lachen.«

»Es gibt jedoch Veranlassungen,« sprach Beauchamp stolz, »wo die Redlichkeit befiehlt . . . «

»Herr Beauchamp,« unterbrach ihn der seltsame Mann, »was dem Herrn Grafen von Monte Christo befiehlt, ist der Herr Graf von Monte Christo. Also kein Wort mehr hiervon, wenn’s beliebt. Ich weiß, was ich will, Herr Beauchamp, und glauben Sie mir, es ist immer wohlgetan.«

»Mein Herr,« entgegnete der junge Mann, »man bezahlt anständige Leute nicht mit dieser Münze; es bedarf der Garantien für die Ehre.«

»Mein Herr, ich bin eine lebendige Garantie,« sprach Monte Christo, dessen Augen sich mit drohenden Blitzen entflammen. In unserer Beider Adern fließt Blut, das wir zu vergießen Lust haben, und das ist unsere gegenseitige Garantie. Überbringen Sie diese Antwort dem Vicomte und sagen Sie ihm, morgen vor zehn Uhr werde ich die Farbe des seinigen gesehen haben.«

»Es bleibt also nur noch übrig, die Anordnungen des Zweikampfes festzustellen.«

»Das ist mir abermals vollkommen gleichgültig,« entgegnete Monte Christo; »es war also unnötig, mich im Schauspiel wegen einer solchen Geringfügigkeit zu stören. In Frankreich schlägt man sich auf den Degen oder auf Pistolen; in den Colonien nimmt man die Büchse; in Arabien hat man den Dolch. Sagen Sie Ihrem Clienten, daß ich ihm, obgleich beleidigt, um ganz und gar excentrisch zu sein, die Wahl der Waffen überlasse und Alles ohne Widerrede annehme; Alles, hören Sie wohl? sogar den Zweikampf durch das Loos, was immer albern ist. Doch bei mir ist es etwas Anderes, ich bin sicher, zu gewinnen.«

»Sicher, zu gewinnen!« wiederholte Beauchamp, den Grafen mit bestürztem Auge anschauend.

»Ganz gewiss,« sagte Monte Christo, leicht die Achseln zuckend. »Sonst würde ich mich nicht mit Herrn von Morcerf schlagen. Ich werde ihn töten, es muß sein, es wird sein. Nur tun Sie mir diesen Abend durch ein Wort die Stunde und die Waffe zu wissen, ich lasse nicht gern auf mich warten.«

»Auf Pistolen, Morgens um acht Uhr, im Walde von Vincennes,« sprach Beauchamp ganz aus der Fassung gebracht, denn er wußte nicht, ob er es mit einem vermessenen Prahler, oder mit einem übernatürlichen Wesen zu tun hatte.

»Gut, mein Herr,« sprach Monte Christo; »da nun Alles in Ordnung ist, so lassen Sie mich dem Gesange zuhören, ich bitte Sie, und sagen Sie Ihrem Freunde Albert, er möge diesen Abend nicht mehr zurückkommen; er würde sich mit allen diesen geschmacklosen Rohheiten schaden; lassen Sie ihn nach Hause gehen und schlafen.«

Beauchamp entfernte sich im höchsten Grade erstaunt.

»Sagen Sie,« sprach Monte Christo, sich gegen Morrel umwendend, »nicht wahr, ich kann auf Sie zählen?«

»Gewiß, Sie mögen über mich verfügen, Graf; doch . . . «

»Was?«

»Es wäre von Belang, Graf, daß ich die wahre Ursache kennen würde.«

»Das heißt, Sie weisen mich ab?«

»Nein.«

»Die wahre Ursache?« sprach der Graf; »dieser junge Mann geht selbst im Finstern und kennt sie nicht. Die wahre Ursache ist nur mir und Gott bekannt; doch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Morrel, daß Gott, der sie kennt, für uns sein wird.«

»Das genügt. Graf. Wer ist Ihr zweiter Zeuge?«

»Ich kenne Niemand in Paris, dem ich diese Ehre erweisen möchte, als Ihnen, Morrel, und Ihrem Schwager Emmanuel. Glauben Sie, Emmanuel dürfte mir diesen Dienst leisten?«

»Ich stehe für ihn, wie für mich, Graf.«

»Gut! mehr brauche ich nicht. Morgen früh um sieben Uhr bei mir, nicht wahr?«

»Wir werden uns einfinden.«

»Stille! der Vorhang geht auf, hören wir. Ich pflege keine Note von dieser Oper zu verlieren; denn die Musik, von Wilhelm Tell ist so wunderbar schön!«

Fünfzehntes Kapitel.
Die Nacht

Herr von Monte Christo wartete seiner Gewohnheit gemäß, bis Duprez sein berühmtes: »Suivez moi!« gesungen hatte, und dann erst stand er auf, um sich zu entfernen.

An der Thüre verließ ihn Morrel, nachdem er ihm sein Versprechen erneuert, er werde den andern Morgen Punkt sieben Uhr bei ihm sein.

Hierauf stieg er in sein Coupé, stets ruhig und lächelnd.

Fünf Minuten nachher war er zu Hause.

Nur hätte man den Grafen nicht kennen müssen, um sich in dem Ausdrucke zu täuschen, mit welchem er zurückkehrend zu Ali sagte:

»Ali, meine Pistolen mit dem elfenbeinernen Schafte.«

Ali brachte das Kästchen seinem Herrn, und dieser untersuchte die Waffen mit einer für einen Mann, der sein Leben ein wenig Pulver und Blei anvertraut, sehr natürlichen Sorgfalt.

Es waren die besonderen Pistolen, welche der Graf sich hatte machen lassen, um in seinen Zimmern auf die Scheibe zu schießen. Ein Käpselchen genügte, um die Kugel hinauszutreiben, und in dem Nebenzimmer hätte man nicht vermuten können, daß der Graf, wie die Pistolenschützen zu sagen pflegen, damit beschäftigt war, seine Hand zu unterhalten.

Er war eben im Begriff, die Waffe in die Hand zu fassen und den Zielpunkt auf einem kleinen Plättchen von Eisenblech, das ihm als Scheibe diente, zu suchen, als die Thüre seines Cabinets sich öffnete und Baptistin eintrat.

Doch ehe dieser ein Wort gesprochen, erblickte der Graf durch die offengebliebene Thüre eine verschleierte Frau, welche Baptistin gefolgt war und im Halbschatten des anstoßenden Zimmers stand.

Sie gewahrte den Grafen, eine Pistole in der Hand, sie sah zwei Degen auf dem Tische und stürzte herein.

Baptistin befragte seinen Herrn mit dem Blicke.

Der Graf machte ein Zeichen, Baptistin entfernte sich und schloß die Thüre wieder hinter sich.

»Wer sind Sie, Madame?« fragte der Graf die verschleierte Frau.

Die Unbekannte schaute umher, um sich zu versichern, daß sie allein war, verneigte sich, als wollte sie niederknien, faltete die Hände und rief mit einem Tone der Verzweiflung:

»Edmond! Sie werden meinen Sohn nicht töten!«

Der Graf machte einen Schritt rückwärts, stieß einen schwachen Schrei aus, ließ seine Waffe fallen und erwiderte:

»Welchen Namen haben Sie da ausgesprochen, Frau von Morcerf?«

»Den Ihrigen!« rief sie, ihren Schleier zurückschlagend, »den Ihrigen, den ich vielleicht allein nicht vergessen habe. Edmond, nicht Frau von Morcerf kommt zu Ihnen, sondern Mercedes.«

»Mercedes ist tot, Madame,« sprach Monte Christo, »und ich kenne Niemand dieses Namens mehr.«

»Mercedes lebt, mein Herr, und Mercedes erinnert sich, denn sie allein hat Sie erkannt, als sie Ihr Antlitz erblickte, und sogar ohne Sie zu sehen, Edmond, schon bei dem Tone Ihrer Stimme, und seit dieser Zeit folgt sie Ihnen Schritt für Schritt, sie überwacht Sie, sie fürchtet Sie, und sie hatte nicht nötig, die Hand zu suchen, von der der Schlag ausging, der Herrn von Morcerf niederwarf.«

»Fernand wollen Sie sagen, Madame,« versetzte Monte Christo mit bitterer Ironie; »da wir gerade im Zuge sind, uns der Namen zu erinnern, so wollen wir uns aller erinnern.«

Monte Christo sprach den Namen Fernand mit einem solchen Tone des Hasses aus, daß Mercedes fühlte, wie ein Schauer des Schreckens ihren ganzen Leib durchlief.

»Sehen Sie, Edmond, daß ich mich nicht getäuscht habe,« rief Mercedes, »und daß ich Recht hatte, Ihnen zu sagen: Schonen Sie meinen Sohn!«

»Und wer sagte Ihnen, Madame, daß ich gegen Ihren Sohn aufgebracht bin?«

»Mein Gott! Niemand; aber eine Mutter ist mit dem doppelten Gesichte begabt. Ich habe Alles erraten, ich bin ihm diesen Abend in die Oper gefolgt, und habe, in einer Loge verborgen, Alles gesehen.«

»Wenn Sie Alles gesehen haben, Madame, so haben Sie auch gesehen, daß mich der Sohn von Fernand öffentlich beleidigte,« sprach Monte Christo mit furchtbarer Ruhe.

»Oh, Mitleid!«

»Sie haben gesehen, daß er mir den Handschuh in das Gesicht geworfen hätte, wäre er nicht durch einen meiner Freunde, Herrn Morrel, am Arme zurückgehalten worden.«

»Hören Sie. Mein Sohn hat Sie auch erraten; er schreibt Ihnen die Unglücksfälle zu, die seinen Vater treffen.«

»Madame, Sie verwechseln die Sache: es sind nicht Unglücksfälle, es ist eine Strafe, Nicht ich bin es, der Herrn von Morcerf schlägt, es ist die Vorsehung, die ihn bestraft.«

»Und warum treten Sie an die Stelle der Vorsehung?« rief Mercedes. »Warum erinnern Sie sich, wenn sie vergißt? Was ist Ihnen, Edmond, an Janina und seinem Wessir gelegen? Welches Unrecht hat Ihnen Fernand Mondego dadurch zugefügt, daß er Ali Tependelini verraten?«

»Dies Alles ist auch nur eine Angelegenheit zwischen dem fränkischen Kapitän und der Tochter von Wasiliki. Sie haben Recht, das geht mich nichts an, und wenn ich geschworen habe, mich zu rächen, so ist es weder an dem fränkischen Kapitän, noch an dem Grafen von Morcerf, sondern an dem Fischer Fernand, dem Gatten der Catalonierin Mercedes.«

»Ah! mein Herr,« rief die Gräfin, »welch eine furchtbare Rache für einen Fehler, den das Mißgeschick mich begehen ließ! Denn die Schuldige bin ich, Edmond, und wenn Sie sich an Jemand zu rächen haben, so ist es an mir, weil es mir an Kraft gebrach, gegen Ihre Abwesenheit und meine Vereinzelung zu kämpfen.«

»Doch warum war ich abwesend, warum waren Sie vereinzelt?« rief Monte Christo.

»Weil man Sie verhaftete, Edmond, weil Sie im Gefängnis saßen.«

»Und warum wurde ich verhaftet, warum saß ich im Gefängnis?«

»Ich weiß es nicht,« sprach Mercedes.

»Ja, Sie wissen es nicht, Madame, wenigstens hoffe ich dies. Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich wurde verhaftet, ich war Gefangener, weil unter der Laube der Reserve, am Vorabend des Tages, an dem ich Sie Heiraten sollte, ein Mensch Namens Danglars einen Brief geschrieben hatte, den der Fischer Fernand selbst auf die Post zu bringen übernahm.«

Monte Christo ging an einen Sekretär, ließ eine Schublade springen, aus der er ein Papier nahm, das seine ursprüngliche Farbe verloren hatte, und dessen Tinte rostgelb geworden war, und legte dieses Papier Mercedes vor Augen.

Es war der Brief von Danglars an den Staatsanwalt, den der Graf von Monte Christo an dem Tage, wo er Herrn Boville, als Mandatar des Hauses Thomson und French verkleidet, die zweimal hundert tausend Franken bezahlte, aus dem Fascikel Edmond Dantes genommen hatte.

Mercedes las voll Schrecken folgende Zeilen:

»Der Herr Staatsanwalt wird von einem Freunde der Religion und des Thrones benachrichtigt, daß Edmond Dantes, Second des Schiffes der Pharaon , diesen Morgen von Smyrna angelangt, nachdem er Neapel und Porto Ferajo berührt hat, von Murat mit einem Briefe für den Usurpator und von dem Usurpator mit einem Briefe für das bonapartistische Comité in Paris beauftragt worden ist.

»Den Beweis dieses Verbrechens wird man bekommen, wenn man ihn verhaftet, denn man findet diesen Brief entweder bei ihm, oder bei seinem Vater, oder in seiner Cajüte an Bord des Pharaon

»Oh! mein Gott,« rief Mercedes, mit der Hand über ihre von Schweiß befeuchtete Stirne fahrend; »dieser Brief . . . «

»Ich habe ihn um zweimal hundert tausend Franken gekauft, Madame,« sagte Monte Christo, »und das war noch wohlfeil, da er mir heute gestattet, mich in Ihren Augen von jeder Schuld freizusprechen.«

»Und der Erfolg dieses Briefes?«

»Sie wissen, Madame, war meine Verhaftung; doch Sie wissen nicht, wie lange diese Haft gedauert hat; Sie wissen nicht, daß ich vierzehn Jahre, eine Viertelstunde von Ihnen, in. einem Kerker des Castell If geblieben bin. Sie wissen nicht, daß ich jeden Tag in diesen vierzehn Jahren das Gelübde der Rache erneuert habe, das ich am ersten Tage aussprach, und es war mir noch nicht einmal bekannt, daß Sie Fernand, meinen Denuncianten, geheiratet, und daß mein Vater gestorben, vor Hunger gestorben!«

»Gerechter Gott!« rief Mercedes wankend.

»Aber ich habe dies erfahren, als ich das Gefängnis vierzehn Jahre, nachdem man mich in dasselbe geworfen, wieder verließ, und darum habe ich auf die lebendige Mercedes und auf meinen toten Vater geschworen, mich an Fernand zu rächen, und ich räche mich.«

»Und Sie wissen gewiss, daß der unglückliche Fernand dies getan hat?«

»Bei meiner Seele, Madame, und er hat es getan, wie ich es Ihnen sage; übrigens ist das nicht schlechter, als wenn man Franzose durch Adoption zu den Engländern übergegangen ist, Spanier von Geburt gegen die Spanier gekämpft, und im Solde von Ali Ali verraten und ermordet hat. Was war solchen Dingen gegenüber der Brief, den Sie gelesen? Eine galante Mystification, welche die Frau, die diesen Menschen geheiratet, ich gestehe und begreife dies, verzeihen muß, die aber der Geliebte, der sie heiraten sollte, nicht vergißt. Wohl! die Franzosen haben sich nicht an dem Verräter gerächt, die Spanier haben den Verräter nicht erschossen, in seinem Grabe liegend, hat Ali den Verräter unbestraft gelassen; doch ich, verraten, ermordet, ebenfalls in ein Grab geworfen, bin aus diesem Grabe durch die Gnade Gottes hervorgegangen, und bin es Gott schuldig, daß ich mich räche;er schickt mich zu diesem Behufe hierher, und hier bin ich.«

Die arme Frau ließ ihren Kopf und ihre Hände sinken; ihre Beine bogen sich unter ihr, und sie fiel auf die Knie.

»Verzeihen Sie mir, Edmond,« sprach sie, »verzeihen Sie, meinetwegen, denn ich liebe Sie noch; die Würde der Gattin hielt den Ausstrom der Liebenden und der Mutter zurück.«

Ihre Stirne neigte sich, daß sie beinahe den Boden berührte.

Der Graf eilte auf sie zu und hob sie auf.

Auf einem Stuhle sitzend, konnte sie nun durch ihre Tränen das männliche Gesicht von Monte Christo betrachten, auf welchem sich durch den Schmerz und den Haß abermals ein drohender Charakter ausprägte.

»Daß ich das verfluchte Geschlecht nicht niedertrete!« murmelte er, »daß ich Gott ungehorsam werde, der mich zu seiner Bestrafung wiedererweckt hat! unmöglich, Madame, unmöglich!«

»Edmond,« sprach die arme Mutter, alle Mittel versuchend; »mein Gott! wenn ich Sie Edmond nenne, warum nennen Sie mich nicht Mercedes?«

»Mercedes!« wiederholte Monte Christo, »Mercedes! ja wohl! Sie haben Recht, es ist noch süß für mich. diesen Namen auszusprechen, und zum ersten Male seit langer Zeit klingt er so klar von meinen Lippen. Oh! Mercedes, ich habe Ihren Namen mit den Seufzern der Schwermut, mit dem Stöhnen des Schmerzes, mit dem Röcheln der Verzweiflung ausgesprochen; ich habe ihn ausgesprochen durch die Kälte zu Eis erstarrt, auf dem Stroh meines Kerkers gekauert; ich habe ihn ausgesprochen, verzehrt von der Hitze, mich auf den Platten meines Gefängnisses wälzend. Mercedes, ich muß mich rächen, denn vierzehn Jahre lang habe ich gelitten, vierzehn Jahre lang habe ich geweint, geflucht, nun muß ich mich rächen, Mercedes!«

Und zitternd, er könnte den Bitten derjenigen nachgeben, welche er so sehr geliebt, rief der Graf seinem Hasse seine Erinnerung zu Hilfe.

»Rächen Sie sich, Edmond,« rief die arme Mutter, »aber rächen Sie sich an den Schuldigen, rächen Sie sich an mir, rächen Sie sich nicht an meinem Sohne!«

»Es steht geschrieben in dem heiligen Buche,« antwortete Monte Christo: »»Die Sünden der Eltern sollen auf ihre Kinder zurückfallen bis in das dritte und vierte Geschlecht.«« Da Gott diese seine eigenen Worte seinem Propheten dictirt hat, warum sollte ich besser sein als Gott?«

»Weil Gott die Zeit und die Ewigkeit hat, diese zwei Dinge, welche den Menschen entgehen.«

Monte Christo stieß einen Seufzer aus, der einem Stöhnen glich, und faßte mit vollen Händen seine schönen Haare.

»Edmond,« fuhr Mercedes, die Arme gegen den Grafen ausstreckend, fort, »seitdem ich Sie kenne, habe ich Ihren Namen angebetet, Ihr Andenken geehrt; Edmond, mein Freund, zwingen Sie mich nicht, dieses edle Bild zu trüben, das unabläßig in dem Spiegel meines Herzens wiederstrahlte, Edmond, wenn Sie alle Gebete kennen würden, die ich für Sie an Gott richtete, so lange ich hoffte, Sie wären noch am Leben, und seitdem ich Sie für tot hielt! Ja für tot, denn ich glaubte, Ihr Leichnam wäre in der Tiefe irgend eines düstern Thurmes vergraben; ich glaubte, man hätte Ihren Körper in einen von den Abgründen gestürzt, in welchen die Kerkerknechte die toten Gefangenen zu schleudern pflegen, und ich weinte! Was vermochte ich für Sie, Edmond, wenn nicht zu beten und weinen? Hören Sie mich: zehn Jahre hinter einander habe ich jede Nacht denselben Traum gehabt. Man sagte, Sie hätten fliehen wollen, Sie hätten die Stelle eines Gefangenen eingenommen, wären in das Leichentuch des Toten geschlüpft, und sodann, ein lebendiger Leichnam, von dem Castell If herab in das Meer geschleudert worden; der Schrei, den Sie, auf den Felsen zerschellend, ausgestoßen, hätte allein die Verwechselung Ihren Totengräbern enthüllt, welche Ihre Henker geworden. Wohl! Edmond, ich schwöre Ihnen bei dem Haupte des Sohnes, für welchen ich zu Ihnen flehe, Edmond, zehn Jahre lang sah ich jede Nacht Menschen, welche etwas Ungestaltes, Unbekanntes oben auf einem Felsen schaukelten; zehn Jahre lang hörte ich einen furchtbaren Schrei, der mich schauernd und in Eis verwandelt erweckte. Und auch ich, Edmond, oh! glauben Sie mir, auch ich, so sehr ich schuldig war, habe viel gelitten.«

»Haben Sie gefühlt, wie Ihr Vater während Ihrer Abreise gestorben?« rief Monte Christo, seine Hände in seine Haare tauchend, »haben Sie die Frau, welche Sie liebten, die Hand dem Nebenbuhler reichen sehen, während Sie in der Tiefe des Abgrundes röchelten?«

»Nein,« unterbrach ihn Mercedes; »doch ich habe denjenigen, welchen ich liebte, bereit gesehen, der Mörder meines Sohnes zu werden!«

Mercedes sprach diese Worte mit einem so mächtigen Schmerz, mit einem so verzweiflungsvollen Ausdruck, daß bei diesen Worten und bei diesem Ausdruck ein Schluchzen den Schlund des Grafen zerriß.

Der Löwe war bezähmt; der Rächer war besiegt.

»Was verlangen Sie von mir?« sagte er; »daß Ihr Sohn lebe? Wohl! er wird leben! . . . «

Mercedes stieß einen Schrei aus, der zwei Tränen unter den Augenlidern von Monte Christo hervorspringen machte, doch diese zwei Tränen verschwanden auf der Stelle wieder, denn ohne Zweifel hatte Gott einen Engel geschickt, um sie zu sammeln, da sie viel kostbarer waren in den Augen des Herrn, als die kostbarsten Perlen von Guzurate und Ophir.

»Oh!« rief sie, die Hand des Grafen ergreifend und an ihre Lippen drückend, »oh! Dank, Dank, Edmond! Nun bist Du so, wie ich Dich immer geträumt, wie ich Dich geliebt habe. Oh! nun kann ich es Dir sagen.«

»Um so eher,« erwiderte Monte Christo, »als der arme Edmond nicht mehr viel Zeit haben wird, von Ihnen geliebt zu werden. Der Tod kehrt in das Grab, das Gespenst kehrt in die Nacht zurück.«

»Was sagen Sie, Edmond?«

»Ich sage, da Sie es befehlen, Mercedes, so muß ich sterben.«

»Sterben! Und wer sagt dies? Wer spricht von Sterben? Woher kommen Ihnen diese Todesgedanken?«

»Sie können nicht annehmen, daß ich, öffentlich beleidigt, im Angesicht eines ganzen Saales, in Gegenwart Ihrer Freunde und der Freunde Ihres Sohnes, herausgefordert durch ein Kind, das sich mit meiner Verzeihung wie mit einem Siege brüsten wird: Sie können nicht annehmen, sage ich, daß ich einen Augenblick den Wunsch habe, zu leben. Was ich nach Ihnen am meisten auf der Welt geliebt, Mercedes, das bin ich, das heißt meine Würde, das heißt diese Kraft, durch welche ich über andere Menschen erhaben war; diese Kraft war mein Leben: Sie brechen sie, und ich sterbe.«

»Doch der Zweikampf wird nicht stattfinden, Edmond, da Sie verzeihen.«

»Er wird stattfinden, Madame,« sprach feierlich Monte Christo; »nur wird statt des Blutes Ihres Sohnes, welches die Erde tränken sollte, das meinige fließen.«

Mercedes stieß einen gewaltigen Schrei aus und stürzte auf Monte Christo zu, doch plötzlich hielt sie an und sprach:

»Edmond, es ist ein Gott über uns, da Sie leben, da ich Sie wiedergesehen, und ich baue auf ihn aus der Tiefe meines Herzens. Seine Unterstützung erwartend, verlasse ich mich auf Ihr Wort. Sie haben gesagt, mein Sohn wird leben; nicht wahr, er wird leben?«

»Ja, Madame, er wird leben,« sprach Monte Christo, erstaunt, daß Mercedes ohne einen andern Ausruf, ohne ein anderes Zeichen der Verwunderung, das heldenmüthige Opfer, das er ihr brachte, angenommen hatte.

Mercedes reichte dem Grafen die Hand und sprach, während ihre Augen sich bei dem Anblick desjenigen, an welchen sie das Wort richtete, mit Tränen befeuchteten:

»Edmond, wie schön ist es von Ihrer Seite, wie groß ist das, was Sie so eben getan, wie erhaben ist es, mit einer Frau Mitleid zu haben, welche mit allen . ihren Hoffnungen entgegenstehenden Wahrscheinlichkeiten vor Sie trat! Ach! ich bin mehr durch den Kummer, als durch die Jahre alt geworden, und ich kann meinen Edmond nicht einmal mehr durch ein Lächeln, durch einen Blick an jene Mercedes erinnern, in deren Anschauung er so viele Stunden hinbrachte. Oh! glauben Sie mir, Edmond, ich habe Ihnen gesagt, daß auch ich gelitten; ich wiederhole Ihnen, es ist sehr traurig, sein Leben hingehen zu sehen, ohne sich einer einzigen Freude zu erinnern, ohne eine einzige Hoffnung zu bewahren; doch dies beweist, daß noch nicht Alles auf der Erde beendigt ist. Nein! es ist noch nicht Alles beendigt, ich fühle es an dem, was mir noch im Herzen bleibt. Oh! ich wiederhole Ihnen, Edmond, es ist groß, es ist schön, es ist erhaben, zu verzeihen, wie Sie dies getan haben!«

»Sie sagen dies, Mercedes, und was müßten Sie erst sagen, wenn Sie den Umfang des Opfers, das ich Ihnen bringe, kennen würden? Nehmen Sie an, der oberste Herr, nachdem er die Welt geschaffen, nachdem er das Chaos fruchtbar gemacht, sei bei dem Drittel der Schöpfung stille gestanden, um einem Engel die Tränen zu ersparen, welche unsere Verbrechen eines Tags seinen unsterblichen Augen entfließen lassen sollten; nehmen Sie an, nachdem er Alles vorbereitet, Alles ausgesät. Alles angesponnen, habe Gott in dem Augenblick, wo er sein Werk zu bewundern im Begriff war, die Sonne ausgelöscht und mit dem Fuße die Welt in die ewige Nacht zurückgestoßen, dann haben Sie einen Begriff, oder vielmehr nein, nein, Sie können sich keinen Begriff von dem machen, was ich verliere, wenn ich jetzt das Leben verliere.«

Mercedes schaute den Grafen mit einer Miene an, welche zugleich ihr Erstaunen, ihre Bewunderung und ihre Dankbarkeit ausdrückte.

Monte Christo stützte seine Stirne auf seine glühenden Hände, als ob diese Stirne nicht mehr allein das Gewicht seiner Gedanken zu tragen vermöchte.

»Edmond,« sprach Mercedes, »ich habe Ihnen nur noch ein Wort zu sagen.«

Der Graf lächelte bitter.

»Edmond,« fuhr Mercedes fort, »Sie werden sehen, daß wenn meine Stirne erbleicht ist, wenn meine Augen erloschen sind, wenn meine Schönheit verloren ist, wenn Mercedes in ihren Gesichtszügen sich selbst nicht mehr gleicht, Sie werden sehen, daß es immer noch dasselbe Herz ist! Leben Sie wohl, Edmond; ich habe vom Himmel nichts mehr zu verlangen! . . . ich habe Sie wiedergesehen, und so groß und edel gesehen, als einst. Gott befohlen, Edmond . . . Gott befohlen und Dank!«

Doch der Graf antwortete nicht.

Mercedes öffnete die Thüre des Cabinets und war verschwunden, ehe er aus der tiefen, schmerzlichen Träumerei erwachte, in die ihn seine verlorene Rache versenkt hatte.

Es schlug ein Uhr im Invalidenhause, als der Graf von Monte Christo bei dem Geräusch des Wagens, der, über das Pflaster der Champs-Elysées rollend, Frau von Morcerf fortführte, den Kopf erhob.

»Ich Wahnsinniger,« sagte er, »daß ich mir nicht an dem Tage, wo ich mich zu rächen beschloß, das Herz ausgerissen habe!«

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
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