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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 86

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Sechzehntes Kapitel.
Das Duell

Nach dem Abgange von Mercedes versank bei Monte Christo Alles wieder in den Schatten. Um ihn her und in seinem Innern blieb sein Gedanke fest stehen; sein energischer Geist entschlummerte, wie es der Körper nach einer äußersten Anstrengung tut.

»Wie!« sprach er zu sich selbst, während sich die Lampe und die Kerzen traurig verzehrten und die Diener ungeduldig im Vorzimmer warteten; »wie! das so langsam vorbereitete, mit so viel Mühe und so vielen Sorgen errichtete Gebäude ist mit einem einzigen Schlage, mit einem einzigen Worte, mit einem Hauche eingestürzt! Wie! dieses Ich, das ich für etwas hielt, dieses Ich, auf das ich so stolz war, dieses Ich, das ich in den Kerkern des Schlosses If so klein gesehen und sodann so groß zu machen gewußt hatte, wird morgen ein wenig Staub sein! Ach! es ist nicht der Tod des Körpers, was ich beklage: diese Zerstörung des Lebensprincipes, ist sie nicht die Ruhe, auf die Alles abzielt, nach welcher jeder Unglückliche strebt, die Ruhe der Materie, nach der ich so lange seufzte, der ich auf dem schmerzhaften Wege des Hungers entgegen ging, als Faria in meinem Kerker erschien? Was ist der Tod für mich? Eine Stufe mehr in der Ruhe und zwei vielleicht in der Stille. Nein, es ist nicht das Dasein, was ich beklage, es ist die Zertrümmerung meiner so langsam ausgearbeiteten, so fleißig aufgebauten Entwürfe. Die Vorsehung, von der ich glaubte, sie wäre für sie, war also gegen sie? Gott wollte nicht, daß sie in Erfüllung gingen.

»Die Last, beinahe so schwer als eine Welt, die ich aufgehoben habe und bis an das Ziel tragen zu können glaubte, entsprach meinem Wunsche, aber nicht meiner Kraft, meinem Willen, aber nicht meiner Macht, und ich muß sie schon auf der Hälfte des Weges niederlegen. Oh! ich werde wieder Fatalist werden, ich, den vierzehn Jahre der Verzweiflung und zehn Jahre der Hoffnung zu einem Anbeter der Vorsehung gemacht haben!

»Und dies Alles, dies Alles, mein Gott! weil mein Herz, das ich für tot hielt, nur entschlummert war, weil es erwachte, weil es schlug, weil ich dem Schmerze dieses im Grunde meiner Brust durch die Stimme einer Frau erregten Schlagens nachgab!

»Und dennoch,« fuhr der Graf sich immer mehr in die Vorhersehungen für den nächsten Tag vertiefend, fort, »und dennoch ist es unmöglich, daß diese Frau, ein so edles Herz, aus Selbstsucht eingewilligt hat, mich, den Mann voll Kraft und Leben, töten zu lassen! Es ist unmöglich, daß sie bis zu diesem Grade die mütterliche Liebe, oder vielmehr den mütterlichen Wahnsinn treibt! Es gibt Tugenden, deren Übertreibung ein Verbrechen wäre. Nein, sie wird irgend eine pathetische Szene ersonnen haben, sie wird kommen und sich zwischen die Degen werfen, und das wird lächerlich auf dem Grunde des Erhabenen sein.«

Und die Rothe des Stolzes stieg Monte Christo auf die Stirne.

»Lächerlich,« wiederholte er, »und die Lächerlichkeit wird auf mich zurückspringen . . . Ich, lächerlich! Lieber will ich sterben.«

Und indem er so die schlimmen Wechselfälle de»andern Tages übertrieb, zu welchem er sich, Mercedes das Leben ihres Sohnes versprechend, verurteilt hatte, kam der Graf endlich dazu, daß er sich sagte:

»Dummheit! Dummheit! so den Edelmuth üben und sich wie eine träge Zielscheibe vor den Pistolenlauf eines jungen Mannes stellen! Nie wird er glauben, daß mein Tod ein Selbstmord ist, und dennoch ist es von Gewicht für die Ehre meines Andenkens . . . (nicht wahr, mein Gott, das ist keine Eitelkeit, sondern nur ein gerechter Stolz?), es ist von Gewicht für die Ehre meines Andenkens, daß die Welt erfährt, ich habe mich freiwillig herbeigelassen, meinen bereits zum Schlage erhobenen Arm aufzuhalten, um mich mit dem gegen Andere so mächtig bewaffneten Arm selbst zu schlagen. Es muß sein, und ich werde es tun.«

Und er nahm eine Feder, zog ein Papier aus dem geheimen Fache seines Bureau und schrieb unten an dieses Papier, das nichts Anderes war, als sein nach seiner Ankunft in Paris gemachtes Testament, eine Art von Codicill, durch welches er seinen Tod auch den am wenigsten hellsehenden Menschen begreiflich machte.

»Mein Gott! ich thue dies,« sprach er, die Augen zum Himmel ausschlagend, »ich thue dies eben sowohl für Deine Ehre, als für die meinige. Oh, mein Gott! ich habe mich seit zehn Jahren als den Abgesandten Deiner Rache betrachtet, und es soll sich nicht ein anderer Elender, als dieser Morcerf, es soll nicht ein Danglars, ein Villefort, es soll nicht einmal dieser Morcerf sich einbilden, der Zufall habe sie von ihrem Feinde befreit. Sie mögen erfahren, daß die Vorsehung, welche bereits ihre Bestrafung beschlossen, durch die Macht meines Willens allein eine Änderung erlitten hat; daß die auf dieser Welt vermiedene Bestrafung in der andern Welt ihrer harrt, und daß sie die Zeit nur gegen die Ewigkeit verwechselt haben.«

Während er zwischen diesen düstern Ungewissheiten, schlimmen Träumen des durch den Schmerz erweckten Menschen, schwebte, begann der Tag an den Fenstern zu erscheinen und unter seinen bleichen Händen das azurblaue Papier zu erhellen, auf das er diese letzte Rechtfertigung der Vorsehung geschrieben hatte.

Plötzlich drang ein leichtes Geräusch an sein Ohr. Monte Christo glaubte etwas wie einen erstickten Seufzer gehört zu haben; er wandte den Kopf, schaute umher, und sah Niemand. Nur wiederholte sich das Geräusch deutlich genug, daß auf den Zweifel die Gewißheit folgte.

Da stand der Graf auf, öffnete sachte die Thüre des Salon und sah auf einem Lehnstuhle, die Arme hängend, den schönen, bleichen Kopf zurückgeneigt, Hayde, die sich quer vor die Thüre gesetzt hatte, damit er nicht, ohne sie zu sehen, hinausgehen könnte, aber durch den gegen ihre Jugend so mächtigen Schlaf nach einem langen Wachen überfallen worden war.

Das Geräusch der Thüre beim Öffnen vermochte Hayde nicht im Schlafe zu stören.

Monte Christo heftete einen Blick voll Weichheit und Mitleid auf sie.

»Sie hat sich erinnert, daß sie einen Sohn besitzt,« sprach er, »und ich habe vergessen, daß ich eine Tochter besitze.« Dann fuhr er traurig den Kopf schüttelnd fort:

»Arme Hayde! sie wollte mich sehen, sie wollte mich sprechen, sie hat etwas befürchtet oder erraten . . . Ah! ich kann nicht von hinnen, ohne ihr Lebewohl zu sagen, ich kann nicht sterben, ohne sie irgend Jemand anzuvertrauen.«

Und er kehrte sachte an seinen Platz zurück und schrieb unter die ersten Zeilen:

»Ich vermache Maximilian Morrel, Kapitän der Spahis und Sohn meines ehemaligen Patrons Pierre Morrel, Reeders in Marseille, die Summe von zwanzig Millionen, wovon ein Teil von ihm seiner Schwester Julie und seinem Schwager Emmanuel angeboten werden soll, wenn er nicht glaubt, ein solcher Vermögenszuwachs könnte ihrem Glücke schaden. Diese zwanzig Millionen sind in meiner Grotte in Monte Christo vergraben, deren Geheimnis Bertuccio kennt.

»Ist sein Herz frei, und er will Hayde, die Tochter von Ali Pascha von Janina, heiraten, welche ich mit der Liebe eines Vaters erzogen habe, und die für mich die Liebe und Zärtlichkeit einer Tochter gehabt hat, so wird er dadurch, ich sage nicht meinen letzten Willen, sondern meinen letzten Wunsch erfüllen.

»Gegenwärtiges Testament hat bereits Hayde zur Erbin meines übrigen Vermögens gemacht, bestehend in Ländereien, Renten auf England, Oesterreich und Holland, und in dem Mobiliar von meinen verschiedenen Palästen und Häusern, was sich, nach Abzug dieser zwanzig Millionen und der verschiedenen Legate zu Gunsten meiner Diener, immer noch auf sechzig Millionen belaufen mag.«

Er vollendete eben die letzte Zeile, als ein hinter ihm ausgestoßener Schrei die Feder aus seinen Händen fallen machte.

»Hayde,« sprach er, »Du hast gelesen?«

Erweckt durch den Tag, der auf ihre Augenlider fiel, hatte sich die junge Frau in der Tat erhoben und dem Grafen genähert, ohne daß er ihre leichten und überdies durch den Teppich gedämpften Tritte hörte.

»Oh! mein Herr,« sprach sie die Hände faltend, »warum schreibst Du zu einer solchen Stunde? Warum vermachst Du mir Dein ganzes Vermögen, mein Herr? Du verlässest mich?«

»Ich will eine Reise machen, liebes Kind,« sprach Monte Christo mit einem Ausdrucke voll unendlicher Schwermut und Zärtlichkeit, »und wenn mir Unglück widerführe . . . «

Der Graf hielt inne.

»Nun? . . . « fragte Hayde mit einer Bestimmtheit, welche der Graf nicht an ihr kannte.

»Nun, wenn mir Unglück wiederführe,« sagte Monte Christo, »so will ich, daß meine Tochter glücklich sein soll.«

Hayde schüttelte traurig den Kopf und sprach:

»Du denkst an den Tod, o Herr?«

»Es ist ein heilsamer Gedanke, wie der Weise sagt.«

»Wohl! wenn Du stirbst,« sprach sie, »so vermache Dein Vermögen Anderen, denn ich brauche nichts mehr.«

Und sie nahm das Papier, und zerriß es in vier Stücke, die sie mitten in das Zimmer warf. Doch diese, für eine Sklavin so ungewöhnliche Energie hatte ihre Kräfte erschöpft, und sie fiel, diesmal nicht mehr entschlummernd, sondern ohnmächtig auf den Boden.

Monte Christo neigte sich auf sie herab und hob sie in seine Arme empor; und als er dieses schöne, bleiche Antlitz, diese schönen, geschlossenen Augen, diesen schönen, unbelebten Körper sah, kam ihm zum ersten Male der Gedanke, sie liebe ihn vielleicht auf eine andere Weise, als wie eine Tochter ihren Vater liebt.

»Ach!« murmelte er mit einer tiefen Entmutigung, »ich hätte vielleicht noch glücklich sein können!«

Dann trug er Hayde in ihr Gemach, übergab sie hier, noch ohnmächtig, den Händen ihrer Frauen, kehrte in sein Cabinet zurück, welches er nun rasch schloß, und schrieb das zerstörte Testament noch einmal.

Als er vollendete, ließ sich das Geräusch eines in den Hof fahrenden Cabriolets hören. Monte Christo näherte sich dem Fenster und sah Maximilian und Emmanuel aussteigen.

»Gut.« sagte er, »es war Zeit!« Und er versiegelte sein Testament mit einem dreifachen Siegel.

Nach einem Augenblick hörte er das Geräusch von Tritten im Salon, und er öffnete selbst,

Morrel erschien auf den Schwelle: er kam zwanzig Minuten vor der verabredeten Stunde.

»Ich komme vielleicht zu bald, Herr Graf,« sagte er; »aber ich gestehe offenherzig, ich konnte keine Minute schlafen, und so war es mit dem ganzen Hause. Um wieder ich selbst zu werden, mußte ich Sie stark in Ihrer mutigen Sicherheit sehen.«

Monte Christo vermochte diesem Beweise von Zuneigung nicht zu widerstehen, und er reichte dem jungen Manne nicht die Hand, sondern er öffnete ihm seine Arme.

»Morrel,« sprach er mit bewegter Stimme, »es ist ein schöner Tag für mich, der Tag, an welchem ich mich von einem Manne, wie Sie sind, geliebt fühle . . . Guten Morgen, Herr Emmanuel. Sie kommen also mit mir, Maximilian?«

»Bei Gott!« erwiderte der junge Mann, »haben Sie daran gezweifelt?«

»Ich hatte jedoch Unrecht . . . «

»Hören Sie, ich beobachtete Sie gestern während der ganzen Herausforderungsszene, ich dachte an Ihre Sicherheit die ganze Nacht hindurch, und sagte mir, die Gerechtigkeit müßte für Sie sein, sonst könnte man sich ganz und gar nicht mehr auf das Gesicht der Menschen verlassen.«

»Doch Albert ist Ihr Freund?«

»Ein einfacher Bekannter, Graf.«

»Sie haben ihn zum ersten Male an dem Tage gesehen, an welchem Sie mich sahen?«

»Ja, das ist wahr, doch was wollen Sie? Sie müssen mich daran erinnern, daß ich mich dessen entsinne.«

»Ich danke, Morrel.«

Dann schlug der Graf einmal auf das Glöckchen und sprach zu Ali, welcher sogleich eintrat:

»Laß dies zu meinem Notar tragen. Es ist mein Testament, Morrel. Wenn ich tot bin, nehmen Sie Kenntnis davon.«

»Wie!« rief Morrel, »Sie tot?«

»Ei! muß man nicht auf Alles gefaßt sein, lieber Freund? Doch was haben Sie gemacht, als Sie mich gestern verließen?«

»Ich ging zu Tortoni, wo ich, wie ich erwartete, Beauchamp und Chateau-Renaud fand. Ich gestehe, daß ich sie suchte.«

»Warum dies, da Alles abgemacht war?«

»Hören Sie, Graf, die Sache ist ernst, unvermeidlich.«

»Zweifelten Sie daran?«

»Nein. Die Beleidigung war öffentlich, und bereits sprach Jedermann davon.«

»Nun?«

»Nun, ich hoffte die Waffen verändern und die Pistole durch den Degen ersetzen zu lassen. Die Pistole ist blind.«

»Ist es Ihnen gelungen?« fragte Monte Christo rasch und mit einem leichten Schimmer der Hoffnung.

»Nein, denn man kennt Ihre Stärke im Degen.«

»Bah! wer hat mich verraten?«

»Ihre Fechtmeister, die Sie besiegt haben.«

»Und Sie sind gescheitert?«

»Sie haben es entschieden ausgeschlagen.«

»Morrel, sprach der Graf, »Sie sahen mich nie mit Pistolen schießen?«

»Nie.«

»Wohl, wir haben noch Zeit, sehen Sie.«

Monte Christo nahm die Pistolen, die er bei dem Eintritte von Mercedes in der Hand hielt, klebte ein Kreuzaß an die Scheibe, und schoß mit vier auf einander folgenden Schüssen die vier Zweige des Kreuzes weg.

Bei jedem Schusse erbleichte Morrel.

Er untersuchte die Kugeln, mit denen Monte Christo dieses Kraftstück ausführte, und sah, daß sie nicht dicker waren, als Rehschrote.

»Das ist furchtbar,« sagte er; »sehen Sie Emmanuel!«

Dann sich gegen Monte Christo umwendend:

»Graf, im Namen des Himmels, töten Sie Albert nicht, der Unglückliche hat eine Mutter!«

»Das ist richtig,« sagte Monte Christo, »und ich habe keine.«

Diese Worte wurden mit einem Tone gesprochen, der Morrel beben machte.

»Sie sind der Beleidigte, Graf.«

»Allerdings; was wollen Sie damit sagen?«

»Daß Sie zuerst schießen.«

»Ich schieße zuerst?«

»Oh! das habe ich erlangt, oder vielmehr gefordert; wir räumen ihnen genug ein, daß sie hierin zustimmen.«

»Auf wie viel Schritte?«

»Auf zwanzig.«

Ein furchtbares Lächeln zog über die Lippen des Grafen hin.

»Morrel,« sagte er, »vergessen Sie nicht, was Sie so eben gesehen haben.«

»Ich rechne auch nur auf Ihre Aufregung, um Albert zu retten,« sprach der junge Mann.

»Ich aufgeregt?« entgegnete Monte Christo.

»Oder auf Ihren Edelmuth, mein Freund; bei der Sicherheit Ihres Schusses, kann ich Ihnen nur. Eines sagen, was lächerlich wäre, wenn ich es einem Andern sagen würde.«

»Was?«

»Zerschmettern Sie ihm den Arm, verwunden Sie ihn, aber töten Sie ihn nicht.«

»Morrel, hören Sie noch Folgendes: ich bedarf keiner Aufmunterung, um Herrn von Morcerf zu schonen; Herr von Morcerf, das künde ich Ihnen zum Voraus an, wird so gut geschont sein, daß er ruhig mit seinen zwei Freunden zurückkommt, während ich . . . «

»Nun! Sie?«

»Oh! das ist etwas Anderes; man wird mich zurücktragen.«

»Geben Sie!« rief Maximilian außer sich,

»Es ist, wie ich Ihnen sage, mein lieber Morrel, Herr von Morcerf wird mich töten.«

Morrel schaute den Grafen wie ein Mensch an, der nicht mehr begreift.

»Was ist Ihnen seit gestern Abend begegnet?«

»Es ist mir begegnet, was Brutus am Vorabend der Schlacht von Philippi begegnete; ich habe ein Gespenst gesehen.«

»Und dieses Gespenst?«

»Dieses Gespenst, Morrel, sagte mir, ich habe genug gelebt.«

Maximilian und Emmanuel schauten sich an; Monte Christo zog seine Uhr und sprach:

»Gehen wir, es ist sieben Uhr und fünf Minuten, und die Zusammenkunft ist auf den Punkt acht Uhr bestellt.«

Ein angespannter Wagen wartete; Monte Christo stieg mit seinen zwei Zeugen ein.

Als man durch die Flur ging, blieb Monte Christo vor einer Thüre stehen, um zu horchen; Maximilian und Emmanuel, welche aus Diskretion einige Schritte vorausgegangen waren, glaubten ihn durch ein Seufzen antworten zu hören.

Auf den Schlag acht Uhr war man an dem Platze des Rendez-vous.

»Wir sind an Ort und Stelle und kommen zuerst,« sagte Morrel, den Kopf durch den Kutschenschlag streckend.

»Der Herr wird mich entschuldigen,« versetzte Baptistin, der seinem Gebieter mit einem unsäglichen Schrecken gefolgt war, »doch ich glaube dort unter den Bäumen einen Wagen zu bemerken.«

Monte Christo sprang leicht aus seiner Caleche und gab Emmanuel und Maximilian die Hand, um ihnen aussteigen zu helfen.

Maximilian hielt die Hand des Grafen in der seinigen zurück.

»Das gefällt mir,« sagte er, »das ist eine Hand, wie ich sie gern bei einem Manne sehe, dessen Leben auf seiner guten Sache beruht.«

»Ich erblicke wirklich zwei junge Männer, welche auf- und abgehen, und zu warten scheinen,« sprach Emmanuel.

Monte Christo zog Morrel nicht bei Seite, sondern ein paar Schritte hinter seinen Schwager zurück und fragte ihn!

»Maximilian, ist Ihr Herz frei?«

Morrel schaute Monte Christo erstaunt an.

»Ich verlange kein Geständnis von Ihnen, mein Freund, ich richte eine einfache Frage an Sie; antworten Sie ja oder nein, mehr verlange ich nicht von Ihnen.«

»Ich liebe ein Mädchen, Graf.«

»Lieben Sie es innig?«

»Mehr als mein Leben.«

»Da entgeht mir abermals eine Hoffnung,« sprach Monte Christo,

Dann murmelte er mit einem Seufzer:

»Arme Hayde!«

»In der Tat, Graf,« rief Morrel, »wenn ich Sie weniger kennen würde, müßte ich Sie für minder tapfer halten, als Sie sind.«

»Weil ich an Jemand denke, den ich verlassen soll, und seufze! Gehen Sie, Morrel, versteht sich ein Soldat so wenig auf den Mut! Ist es das Leben, was ich beklage? Was ist mir. an Leben oder Sterben gelegen, mir, der ich zwanzig Jahre zwischen Leben und Tod zugebracht habe? Seien Sie übrigens unbesorgt, diese Schwäche, wenn man es eine Schwäche nennen darf, ist nur für Sie vorhanden. Ich weiß, daß die Welt ein Salon ist, den man höflich und anständig, das heißt grüßend und seine Spielschulden bezahlend, verlassen muß.«

»Gut! das heiße ich sprechen,« sagte Morrel. »Doch, haben Sie Ihre Waffen mitgebracht?«

»Ich? warum? ich hoffe, diese Herren werden die ihrigen haben.«

»Ich will mich erkundigen.«

»Ja, aber keine Unterhandlungen, Sie verstehen mich?«

»Oh! seien Sie unbesorgt.«

Morrel ging auf Beauchamp und Chateau-Renaud zu. Als diese die Bewegung von Maximilian bemerkten, traten sie ihm einige Schritte entgegen.

Die drei jungen Leute grüßten sich, wenn nicht freundlich, doch wenigstens höflich.

»Verzeihen Sie, meine Herren,« sprach Morrel, »doch ich sehe Herrn von Morcerf nicht.«

»Er hat uns diesen Morgen sagen lassen, er würde erst an Ort und Stelle mit uns zusammentreffen.«

»Ah!« machte Morrel.

Beauchamp zog seine Uhr und sprach:

»Acht Uhr fünf Minuten; es ist noch keine Zeit verloren, Herr Morrel.«

»Oh! ich sagte das nicht in dieser Absicht,« entgegnete Maximilian.

»Übrigens kommt hier ein Wagen,« bemerkte Chateau-Renaud.

Es kam wirklich in scharfem Trabe ein Wagen durch eine der Alleen herbei, die an dem Kreuzwege ausmündeten, wo man sich befand.

»Meine Herren,« sprach Morrel, »ohne Zweifel haben Sie Pistolen bei sich, Herr von Monte Christo erklärt, er leiste auf sein Recht, sich der seinigen zu bedienen, Verzicht.«

»Wir sahen diese Zartheit von Seiten des Grafen vorher, Herr Morrel,« antwortete Beauchamp, »und ich brachte die Pistolen mit, die ich mir vor acht oder zehn Tagen, im Glauben, ich bedürfte derselben für eine ähnliche Angelegenheit, gekauft habe. Sie sind ganz neu und haben noch Niemand gedient; wollen Sie dieselben untersuchen?«

»Oh! Herr Beauchamp,« erwiderte Morrel sich verbeugend, »wenn Sie mich versichern, Herr von Morcerf kenne diese Waffen nicht, so mögen Sie sich wohl denken, daß Ihr Wort genügt.«

»Meine Herren,« sprach Chateau-Renaud, »nicht Morcerf ist in diesem Wagen angekommen, sondern Franz und Debray.«

In der Tat, die zwei genannten jungen Leute erschienen.

»Sie hier, meine Herren!« sagte Chateau-Renaud, mit Jedem einen Händedruck austauschend, »und durch welchen Zufall?«

»Albert hat uns diesen Morgen bitten lassen, wir möchten uns hier einfinden.«

Beauchamp und Chateau-Renaud schauten sich mit erstaunter Miene an.

»Meine Herren,« versetzte Morrel, »ich glaube zu begreifen.

»Lassen Sie hören.«

»Gestern Nachmittag erhielt ich einen Brief von Herrn von Morcerf, der mich bat, in die Oper zu kommen.«

»Und ich auch,« sagte Debray.

»Und ich auch,« sprach Franz.

»Und wir auch,« sagten Chateau-Renaud und Beauchamp.

»Sie sollten nach seinem Willen bei der Herausforderung gegenwärtig sein,« fuhr Morrel fort, »und sollen nun auch seinem Zweikampfe beiwohnen.«

»Ja,« sprachen die jungen Leute, »so ist es, Herr Maximilian, und aller Wahrscheinlichkeit nach haben Sie richtig erraten.«

»Doch bei alle dem kommt Albert nicht,« murmelte Chateau-Renaud, »er ist um zehn Minuten zurück.«

»Hier kommt er,« rief Beauchamp, »er ist zu Pferde, und reitet von seinem Bedienten gefolgt mit Windeseile.«

»Welche Unklugheit,« sprach Chateau-Renaud, »zu Pferde zu kommen, um sich auf Pistolen zu schlagen! Ich habe ihm doch eine so gute Lection gegeben!«

»Und dann, sehen Sie,« sagte Beauchamp, »mit einem Kragen an der Halsbinde, mit einem offenen Rock und einer weißen Weste; warum hat er sich nicht einen schwarzen Fleck auf den Magen zeichnen lassen, das wäre ganz einfach und früher fertig gewesen.«

Während dieser Zeit war Albert bis auf zehn Schritte zu der Gruppe gekommen, welche die fünf jungen Leute bildeten; er hielt sein Pferd an, sprang zu Boden und warf die Zügel seinem Bedienten zu.

Albert näherte sich.

Er war bleich und hatte rote, aufgeschwollene Augen; man sah, daß er die ganze Nacht keine Secunde geschlafen.

Über sein ganzes Antlitz war eine Färbung von traurigem Ernste verbreitet, wie man dies gewöhnlich nicht bei ihm fand.

»Ich danke, meine Herren, daß Sie die Güte gehabt haben, meiner Einladung zu entsprechen,« sagte er: »glauben Sie mir, ich bin Ihnen für dieses Zeichen der Freundschaft im höchsten Maaße erkenntlich.«

Morrel hatte, als sich Morcerf näherte, zehn Schritte rückwärts gemacht und stand entfernt.

»Auch Ihnen gebührt mein Dank, Herr Morrel,« sprach Albert. »Kommen Sie zu uns, Sie sind nicht zu viel hier.«

»Mein Herr,« erwiderte Maximilian, »Sie wissen vielleicht nicht, daß ich der Zeuge von Herrn von Monte Christo bin.«

»Ich war dessen nicht gewiss, doch vermutete ich es. Desto besser! je mehr Ehrenmänner hier anwesend sind, desto mehr werde ich mich befriedigt fühlen.«

»Herr Morrel,« sprach Chateau-Renaud, »Sie können dem Herrn Grafen von Monte Christo ankündigen, daß Herr von Morcerf eingetroffen ist und daß wir zu seiner Verfügung stehen.«

Morrel machte eine Bewegung, um sich seines Auftrages zu entledigen.

Beauchamp zog zu gleicher Zeit sein Pistolenkästchen aus dem Wagen.

»Warten Sie, meine Herren,« sprach Albert, »ich habe Herrn von Monte Christo ein paar Worte zu sagen.«

»Unter vier Augen?« fragte Morrel.

»Nein, vor Jedermann.«

Die Zeugen von Albert schauten sich erstaunt an; Franz und Debray wechselten ein paar Worte mit leiser Stimme, und Morrel kehrte, freudig über diesen unerwarteten Zwischenfall, zu dem Grafen zurück, der in einer Gegenallee mit Emmanuel spazieren ging.

»Was will er von mir?« fragte Monte Christo.

»Ich weiß es nicht, doch er verlangt mit Ihnen zu sprechen.«

»Oh! er versuche Gott nicht durch eine neue Beleidigung!« sagte Monte Christo.

»Ich glaube nicht, daß dies seine Absicht ist,« entgegnete Morrel.

Der Graf ging begleitet von Maximilian und Emmanuel vorwärts; sein ruhiges, heiteres Antlitz stand in seltsamem Widerspruch mit dem verstörten Gesichte von Albert, der sich ihm, gefolgt von den vier jungen Leuten, näherte.

Drei Schritte von einander blieben Albert und der Graf stehen.

»Meine Herren, nähern Sie sich,« sprach Albert; »kein Wort von dem, was ich Herrn von Monte Christo zu sagen die Ehre haben werde, soll verloren gehen, denn was ich sage, ist von Ihnen Jedem zu wiederholen, der es hören will, so seltsam meine Rede auch erscheinen mag.«

»Ich warte, Mein Herr,« sagte der Graf.

»Mein Herr Graf,« sprach Albert mit einer Anfangs zitternden Stimme, welche jedoch immer mehr Sicherheit gewann, »mein Herr Graf, ich machte Ihnen zum Vorwurf, daß Sie das Benehmen des Herrn von Morcerf im Epirus verbreiteten, denn so schuldig auch Herr von Morcerf war, so glaubte ich doch nicht, Sie wären berechtigt, ihn zu bestrafen. Heute aber weiß ich, daß Sie dieses Recht erlangt haben. Es ist nicht der Verrath von Fernand Mondego gegen Ali Pascha, was mich so bereitwillig macht, Sie zu entschuldigen, es ist der Verrath des Fischers Fernand gegen Sie, es ist das unerhörte Unglück, das die Folge dieses Verraths gewesen ist. Auch sage ich und erkläre ich laut: ja, mein Herr, Sie haben Recht gehabt, sich an meinem Vater zu rächen, und ich, sein Sohn, danke Ihnen, daß Sie nicht mehr getan.«

Hätte der Blitz mitten unter die Zuschauer dieser unerwarteten Szene geschlagen, sie wären sicherlich nicht mehr erstaunt gewesen, als sie es bei dieser Erklärung von Albert waren.

Monte Christo erhob langsam die Augen zum Himmel mit einem Ausdrucke unendlicher Dankbarkeit, und er konnte nicht genug bewundern, wie die aufbrausende Natur von Albert, dessen Mut er unter den römischen Banditen kennen gelernt hatte, sich völlig unter dieser Demütigung beugte. Er erkannte den Einfluß von Mercedes und begriff, wie dieses edle Herz sich dem Opfer nicht widersetzt hatte, von dem es zum Voraus wußte, daß es unnötig sein sollte.

»Wenn Sie nun meine Entschuldigungen genügend finden, mein Herr,« sprach Albert, »so bitte ich Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Nach dem so seltenen Verdienste der Unfehlbarkeit, welches das Ihrige zu sein scheint, ist meiner Ansicht nach das erste von allen Verdiensten, das, sein Unrecht einzugestehen. Doch dieses Geständnis geht mich allein an. Ich handelte wohl nach dem Willen Gottes. Nur ein Engel konnte einen von uns vom Tode erretten, und dieser Engel ist vom Himmel herabgestiegen, wenn nicht um Freunde, ach! das Verhängnis; läßt dies nicht zu, doch wenigstens um zwei Menschen, welche sich achten, aus uns zu machen.«

Das Auge feucht, die Brust keuchend, den Mund halb geöffnet, reichte Monte Christo Albert eine Hand, welche dieser ergriff und mit einem Gefühl drückte, das einem ehrfurchtsvollen Schrecken glich.

»Meine Herren,« sagte er, »Herr von Monte Christo hat die Güte, meine Entschuldigungen anzunehmen; ich hatte voreilig gegen ihn gehandelt. Die Eile ist eine schlechte Rathgeberin, ich handelte schlecht. Nun ist mein Fehler wieder gut gemacht. Ich hoffe, die Welt wird mich nicht für feig halten, weil ich getan, was mir mein Gewissen befohlen. Doch in jedem Falle, wenn man sich über mich täuschen würde,« sprach der junge Mann, stolz das Haupt erhebend, und als ob er eine Aufforderung an seine Freunde und an seine Feinde richtete, »in jedem Fall würde ich darnach trachten, die Ansichten über mich in das rechte Geleise zu bringen.«

»Was hat sich denn in dieser Nacht ereignet?« fragte Beauchamp Chateau-Renaud; »es scheint mir, wir spielen hier eine traurige Rolle.«

»In der Tat, was Albert getan, ist entweder sehr erbärmlich, oder sehr schön,« antwortete der Baron.

»Ah! lassen Sie hören?« fragte Franz Debray, »was soll das bedeuten? Wie! der Graf von Monte Christo entehrt Herrn von Morcerf, und er hat Recht in den Augen seines Sohnes! Hätte ich zehn Janina in meiner Familie, so würde ich mich nur zu Einem verpflichtet haben, dazu, mich zehnmal zu schlagen.«

Die Stirne gesenkt, die Arme träg, niedergebeugt unter der Last von vierundzwanzig Jahren der Erinnerung, dachte Monte Christo weder an Albert, noch an Beauchamp, noch an Chateau-Renaud, noch an irgend einen von denjenigen, welche sich auf dem Platze fanden, sondern er dachte an die mutige Frau, die ihn um das Leben ihres Sohnes gebeten, der er das seinige angeboten, und die ihm dasselbe durch das furchtbare Geständnis eines Familiengeheimnisses gerettet, das im Stande war, für immer in dem jungen Manne das Gefühl der Sohnesliebe zu töten.

»Stets die Vorsehung,« murmelte er. »Ah! heute erst weiß ich ganz gewiss, daß ich der Abgesandte Gottes bin.«

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
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