Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 87
Siebzehntes Kapitel.
Die Mutter und der Sohn
Der Graf von Monte Christo grüßte die fünf jungen Männer mit einem Lächeln voll Schwermut und Würde, und stieg mit Emmanuel und Maximilian wieder in seinen Wagen.
Albert, Beauchamp und Chateau-Renaud blieben allein auf dem Schlachtfelde.
Der junge Mann heftete auf seine zwei Zeugen einen Blick, der sie, ohne schüchtern zu sein, doch um ihre Ansicht über das, was vorgefallen war, zu fragen schien.
»Meiner Treue, mein Freund!« sprach zuerst Beauchamp, »erlauben Sie mir, Ihnen Glück zu wünschen; das ist eine sehr unerwartete Entwickelung, einer höchst unangenehmen Geschichte.«
»Albert blieb stumm und in seine Träumereien versunken. Chateau-Renaud begnügte sich, seinen Stiefel mit seinem unbiegsamen Stocke zu peitschen.
»Gehen wir nicht?« sagte er nach diesem peinlichen Stillschweigen.
»Wann es Ihnen beliebt?« erwiderte Beauchamp; »lassen Sie mir nur Zeit, Herrn von Morcerf mein Compliment zu machen, er hat heute einen Beweis von so ritterlichem, von so … seltenem Edelmuth abgelegt!«
»Oh! ja,« versetzte Chateau-Renaud.
»Es ist herrlich, eine so große Selbstbeherrschung bewahren zu können!« fuhr Beauchamp fort.
»Sicherlich; ich, was mich betrifft, wäre hierzu unfähig gewesen,« versetzte Chateau-Renaud mit einer immer mehr bezeichnenden Kälte.
»Meine Herren,« unterbrach sie Albert, »ich glaube, Sie haben nicht begriffen, daß zwischen Herrn von Monte Christo und mir etwas sehr Ernstes vorgefallen ist . . . «
»Doch! doch!« entgegnete Beauchamp rasch; »es werden aber nicht alle unsere jungen Herren im Stande sein, Ihren Heldenmut zu begreifen, und früher oder später dürften Sie sich genötigt sehen, ihnen die Sache energischer zu erklären, als es für die Gesundheit Ihres Körpers und für die Dauer Ihres Lebens zuträglich sein mochte. Soll ich Ihnen einen Freundesrath geben? Reisen Sie nach Neapel, nach dem Haag, nach St. Petersburg, in ruhige Länder, wo man im Punkte der Ehre vernünftiger ist, als bei unsern verbrannten Pariser Gehirnen. Sind Sie einmal dort, so schießen Sie mit der Pistole aus Leibeskräften und üben Sie sich in Quarten und Terzen von Morgens bis in die Nacht; machen Sie sich hinreichend vergessen, um friedlich in einigen Jahren nach Frankreich zurückzukehren, oder hinreichend achtungswert in Beziehung auf akademische Übungen, um Ihre Ruhe wiederzuerobern. Nicht wahr, ich habe Recht, Herr von Chateau-Renaud?«
»Ich bin vollkommen Ihrer Meinung,« antwortete der Edelmann, »nichts ruft so viele ernste Duelle hervor, als ein Duell ohne Erfolg,«
»Ich danke, meine Herren,« erwiderte Albert mit einem kalten Lächeln, »ich werde Ihren Rath befolgen, nicht weil Sie mir ihn geben, sondern weil es meine Absicht war, Frankreich zu verlassen. Ich danke Ihnen ebenfalls für den Dienst, den Sie mir dadurch geleistet, daß Sie mir Zeugen dienten. Er ist tief in mein Herz eingegraben, da ich nach den Worten, die ich so eben gehört mich nur noch seiner erinnere.«
Chateau-Renaud und Beauchamp schauten sich an, der Eindruck war derselbe bei Beiden, und der Ton, mit welchem Morcerf seinen Dank ausgedrückt, trug das Gepräge von solcher Entschlossenheit an sich, daß die Lage für Alle peinlich geworden wäre, wenn das Gespräch fortgedauert hätte.
»Gott befohlen, Albert,« sagte plötzlich Beauchamp, dem jungen Mann eine Hand reichend, ohne daß dieser aus seiner Lethargie zu erwachen schien.
Er erwiderte in der Tat das Anerbieten dieser Hand nicht.
»Gott befohlen,« sagte Chateau-Renaud, in der linken Hand sein Stöckchen haltend und mit der rechten grüßend.
Die Lippen von Albert murmelten kaum. »Gott befohlen!« Sein Blick war deutlicher, er enthielt ein ganzes Gedicht von gepreßtem Zorn, von stolzer Verachtung, von edler Entrüstung.
Als seine zwei Zeugen wieder in den Wagen gestiegen waren, beobachtete er eine Zeit lang eine unbewegliche, schwermütige Haltung; dann machte er plötzlich sein Pferd von dem Baume los, um den der Zaum gewickelt war, sprang leicht in den Sattel und ritt im Galopp nach Paris zurück. Eine Viertelstunde nachher war er im Hofe des Hotel der Rue du Helder.
Als er vom Pferde stieg, glaubte er im Schlafzimmer des Grafen hinter dem Vorhange das bleiche Gesicht seines Vaters zu erblicken; Albert wandte mit einem Seufzer den Kopf ab und kehrte in seinen Pavillon zurück.
Hier warf er einen letzten Blick auf alle diese Reichtümer, welche ihm das Leben seit seiner Kindheit so süß und so glücklich gemacht hatten. Er beschaute noch einmal diese Gemälde, deren Gesichter ihm zuzulächeln, deren Landschaften in Saft und glühende Farben zu treten schienen. Dann nahm er das Porträt seiner Mutter ab, das er zusammenrollte, und der goldene Rahmen, der es umgeben, blieb leer.
Hiernach ordnete er seine schönen türkischen Waffen, seine englischen Gewehre, seine japanesischen Porzellane, seine Trinkschalen, seine kunstreichen Bronze, bezeichnet mit Feuchères oder Barye, durchsuchte seine Schränke und steckte die Schlüssel in jeden derselben, warf in eine Schublade seines Sekretärs, welche er offen ließ, alles Taschengeld, das er bei sich trug, fügte die tausend Phantasiekleinodien, bei, welche seine Schalen, seine Etuis, seine Etagiren bevölkerten, machte von Allem ein genaues Inventar und legte dieses auf die am meisten in die Augen fallende Stelle eines Tisches, nachdem er diesen Tisch von den darauf aufgehäuften Büchern und Papieren befreit hatte.
Beim Anfang dieser Arbeit war sein Diener, trotz Alberts Befehl, ihn allein zu lassen, in sein Zimmer getreten.
»Was wollen Sie?« fragte ihn Morcerf mit mehr traurigem, als zornigem Tone.
»Verzeihen Sie, Herr Vicomte,« erwiderte der Kammerdiener, »Sie haben mir allerdings verboten, Sie zu stören, aber der Herr Graf von Morcerf läßt mich rufen.«
»Nun?«
»Ich wollte mich nicht zu dem Herrn Grafen begeben, ohne vorher Ihre Befehle zu hören.«
»Warum dies?«
»Weil der Herr Graf ohne Zweifel weiß, daß ich den Herrn Vicomte auf den Platz begleitet habe.«
»Das ist wahrscheinlich.«
»Und wenn er mich rufen läßt, so geschieht es ohne Zweifel, um mich über das, was vorgefallen ist, zu befragen. Was soll ich antworten?«
»Die Wahrheit.«
»Also werde ich sagen, das Duell habe nicht stattgefunden?«
»Sie sage», ich habe mich bei dem Herrn Grafen von Monte Christo entschuldigt; gehen Sie.«
Der Kammerdiener verbeugte sich und verließ das Zimmer.
Albert ging wieder an sein Inventar.
Als er diese Arbeit vollendete, erschütterte das Geräusch von stampfenden Pferden im Hofe und von Wagenrädern seine Fensterscheiben und machte seine Aufmerksamkeit rege; er näherte sich dem Fenster und sah seinen Vater in seine Caleche steigen und ausfahren.
Kaum war die Thüre des Hotel wieder hinter dem Grafen geschlossen, als Albert sich nach dem Zimmer seiner Mutter wandte, und da Niemand anwesend war, um ihn zu melden, so drang er bis in das Schlafzimmer von Mercedes und blieb, das Herz angeschwollen von dem, was er sah, und von dem, was er erriet, auf der Schwelle stehen.
Als ob dieselbe Seele diese zwei Körper belebt hätte, machte Mercedes in ihrer Wohnung, was Albert in der seinigen getan hatte.
Alles war in Ordnung gebracht: die Spitzen, die Schmucksachen, die Juwelen, das Weißzeug und das Geld lagen im Grunde der Schubladen aufgereiht, deren Schlüssel die Gräfin sorgfältig sammelte.
Albert sah alle diese Vorbereitungen: er begriff sie und stürzte mit dem Ausrufe: »Meine Mutter!« Mercedes um den Hals.
Der Maler, der den Ausdruck dieser zwei Gesichter hätte wiedergeben können, würde sicherlich ein schönes Gemälde gemacht haben.
Dieser ganze Aufwand von energischer Entschlossenheit, der Albert für sich selbst nicht bange gemacht hatte, erschreckte ihn für seine Mutter.
»Was tun Sie denn?« fragte er.
»Was hast Du getan?« erwiderte sie.
»Oh! meine Mutter,« rief Albert dergestalt bewegt, daß er kaum sprechen konnte, »es ist bei Ihnen nicht so, wie bei mir; nein, Sie können nicht beschlossen haben, was ich beschloß; denn ich komme, um Sie in Kenntnis zu setzen, daß ich Ihrem Hause und . . . und Ihnen Lebewohl sage.«
»Ich auch, Albert, ich reise auch. Ich gestehe, ich rechnete darauf, mein Sohn würde mich begleiten; habe ich mich getäuscht?«
»Meine Mutter,« erwiderte Albert mit Festigkeit, »ich kann Sie das Schicksal nicht teilen lassen, das ich mir bestimme; ich muß fortan ohne Namen und ohne Vermögen leben, um die Lehrzeit dieses rauhen Daseins durchzumachen, muß ich von einem Freunde das Brot entlehnen, das ich von jetzt bis zu dem Augenblick essen werde, wo ich anderes gewinne. Meine gute Mutter, ich gehe auf der Stelle zu Franz, um ihn zu bitten, mir die kleine Summe zu leihen, welche ich meiner Berechnung nach brauche.«
»Du, mein armes Kind!« rief Mercedes, »Du sollst Armut erdulden, sollst Hunger leiden! Oh! sage dies nicht, Du würdest alle meine Entschließungen zerstören.«
»Doch nicht die meinigen, meine Mutter,« entgegnete Albert. »Ich bin jung, ich bin stark, bin, wie ich glaube, mutig, und habe seit gestern gelernt, was der Wille vermag. Ach! meine Mutter, es gibt Menschen, welche so viel gelitten, und nicht nur nicht gestorben sind, sondern sich sogar ein neues Glück auf den Trümmern aller Gunstverheißungen des Himmels, aus den Trümmern aller Hoffnungen, die ihnen Gott gegeben, aufgebaut haben! Ich habe dies erfahren, meine Mutter, ich habe diese Menschen gesehen, ich weiß, daß sie sich aus der Tiefe des Abgrundes, in den sie ihre Feinde versenkt, mit so viel Kraft und Ruhm wieder erhoben, daß sie ihre ehemaligen Besieger beherrschten und ebenfalls stürzten. Nein, meine Mutter, nein: ich habe diesem Augenblick an mit der Vergangenheit gebrochen und nehme nichts mehr von ihr an, nicht einmal meinen Namen; denn Sie begreifen, nicht wahr, meine Mutter, Sie begreifen, Ihr Sohn kann nicht den Namen eines Menschen führen, der vor einem andern Menschen erröten muß?«
»Albert, mein Kind, wenn ich ein stärkeres Herz gehabt hätte, so würde ich Dir diesen Rath gegeben haben; Dein Gewissen hat gesprochen, während meine erloschene Stimme schwieg; höre auf Dein Gewissen. Du hattest Freunde, Albert, brich für den Augenblick mit ihnen, aber im Namen Deiner Mutter, verzweifle nicht! Das Leben ist noch schön in Deinem Alter, mein Albert, denn Du bist kaum zwei und zwanzig Jahre alt, und da ein so reines Leben, wie das Deinige, eines fleckenlosen Namens bedarf, so nimm den meines Vaters an: er hieß Herrera. Ich kenne Dich, mein Albert, welche Laufbahn Du auch verfolgen magst, Du wirst diesen Namen in kurzer Zeit berühmt machen. Dann, mein Freund, erscheine wieder in der Welt, glänzender durch den Schimmer Deines vergangenen Unglücks, und wenn dies trotz aller meiner Ahnungen nicht so sein soll, so laß mir wenigstens die Hoffnung, mir, die ich nur noch diesen einzigen Gedanken haben werde, mir, die ich keine Zukunft mehr vor mir sehe, und für die das Grab aus der Schwelle dieses Hauses beginnt.«
»Ich werde nach Ihren Wünschen tun, meine Mutter,« sprach der junge Mann; »ja, ich teile Ihre Hoffnungen; der Herr des Himmels wird uns bei Ihrer Reinheit und bei meiner Unschuld nicht verfolgen.
Doch da wir entschlossen sind, handeln wir schnell. Herr von Morcerf hat das Hotel vor ungefähr einer halben Stunde verlassen; die Gelegenheit ist, wie Sie sehen, günstig, um den Lärmen und die Erklärungen zu vermeiden.«
»Ich erwarte Dich, mein Sohn,« sprach Mercedes.
Albert lief sogleich nach dem Boulevard, von wo er einen Fiacre zurückbrachte, der sie aus dem Hotel wegführen sollte. Er erinnerte sich eines gewissen kleinen eingerichteten Hauses in der Rue des Saint-Pères, wo seine Mutter eine bescheidene, aber anständige Wohnung finden würde; er kehrte also zurück, um die Gräfin zu holen.
In dem Augenblick, wo der Fiacre vordem Hause anhielt und als Albert ausstieg, näherte sich ihm ein Mann, und übergab ihm einen Brief.
Albert erkannte den Intendanten.
»Vom Grafen,« sagte Bertuccio.
Albert nahm den Brief, öffnete ihn und las.
Nachdem er gelesen, suchte er mit den Augen Bertuccio, doch während der junge Mann las, war Bertuccio verschwunden.
Tränen in den Augen, die Brust von der Erschütterung angeschwollen, ging Albert zu Mercedes und gab ihr den Brief, ohne ein Wort zu sprechen.
Mercedes las:
»Albert,
»Wenn ich Ihnen zeige, daß ich das Vorhaben durchdrungen, welches Sie auszuführen auf dem Punkte stehen, so glaube ich Ihnen auch zugleich zu zeigen, daß ich das Zartgefühl begreife. Sie sind nun frei, Sie verlassen das Hotel des Grafen und wollen Ihre Mutter, welche frei ist, wie Sie, in die Zurückgezogenheit bringen; doch bedenken Sie wohl, Sie sind ihr mehr schuldig, als Sie ihr bezahlen können, Sie armes, edles Herz. Behalten Sie für sich den Kampf, fordern Sie für sich das Leiden, aber ersparen Sie ihr das Elend, das unfehlbar Ihre ersten Anstrengungen begleiten wird; denn sie verdient nicht einmal den Wiederschein des Unglücks, das sie heute trifft, und nach dem Willen der Vorsehung soll nicht der Unschuldige für den Schuldigen leiden.
»Ich weiß, daß Sie Beide im Begriffe sind, das Haus der Rue du Helder zu verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Suchen Sie nicht zu entdecken, wie ich es erfahren habe. Ich weiß es: das ist genug.
»Hören Sie, Albert:
»Ich kam vor vier und zwanzig Jahren freudig und stolz in mein Vaterland zurück; ich hatte eine Braut, Albert, eine heilige Jungfrau, die ich anbetete, und ich brachte meiner Braut hundert und fünfzig Louisd’or zurück, die ich mühsam durch rastlose Arbeit gesammelt hatte. Dieses Geld war für sie bestimmt, und da ich wußte, wie treulos das Meer ist, so begrub ich unsern Schatz in dem Gärtchen des Hauses, das mein Vater in Marseille in den Allées de Meillan bewohnte.
»Ihre Mutter, Albert, kennt das arme, liebe Häuschen ganz gut. Als ich kürzlich nach Paris reiste, kam ich durch Marseille. Ich besuchte dieses Haus mit den schmerzlichsten Erinnerungen und sondierte am Abend, den Spaten in der Hand, den Winkel, in welchem ich meinen Schatz begraben hatte. Die eiserne Cassette war noch an demselben Platz, Niemand hatte sie berührt; sie liegt in der Ecke, die ein schöner, von meinem Vater an meinem Geburtstage gepflanzter Feigenbaum mit seinem Schatten bedeckt.
»Nun, Albert, dieses Geld, das nicht das Leben und die Ruhe der Frau unterstützen sollte, die ich anbetete, findet durch einen seltsamen und schmerzlichen Zufall heute dieselbe Anwendung. Oh! verstehen Sie meinen Gedanken, verstehen Sie den Gedanken des Mannes, der dieser armen Frau Millionen bieten könnte, und ihr nur ein Stück schwarzes Brot zurückgibt, welches unter meinem armen Dache seit dem Tage vergessen worden ist, wo ich von der Geliebten getrennt wurde.
»Sie sind ein edler Mensch, Albert, doch vielleicht nichtsdestoweniger durch den Stolz oder den Groll verblendet; wenn Sie mich zurückweisen, wenn Sie von einem Andern das fordern, was ich Ihnen zu bieten berechtigt bin, so sage ich, es sei nicht edelmüthig von Ihnen, das Leben Ihrer Mutter zurückzuweisen, während es von einem Manne geboten wird, dessen Vater Ihr Vater in den Schrecknissen des Hungers und der Verzweiflung hat sterben lassen.«
Als Mercedes dies gelesen, blieb Albert bleich und unbeweglich in Erwartung dessen, was seine Mutter beschließen würde.
Mercedes schlug die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck zum Himmel auf.
»Ich willige ein,« sagte sie; »er ist berechtigt, die Mitgift zu bezahlen, die ich in ein Kloster bringen werde.«
Und den Brief auf ihr Herz legend, nahm sie ihren Sohn beim Arm, und ging mit festerem Schritte, als sie vielleicht selbst erwartet hatte, nach der Treppe.
Achtzehntes Kapitel.
Der Selbstmord
Monte Christo war indessen mit Emmanuel und Maximilian ebenfalls in die Stadt zurückgefahren.
Die Rückkehr war heiter. Emmanuel verbarg nicht seine Freude, daß er den Frieden auf den Krieg hatte folgen sehen, und gestand laut seinen philanthropischen Geschmack. Morrel ließ in einer Ecke des Wagens die Heiterkeit seines Schwagers sich in Worten verdunsten und behielt für sich eine eben so aufrichtige Freude, die jedoch nur in seinen Blicken glänzte.
Bei der Barrière du Trone traf man Bertuccio: er wartete hier unbeweglich wie eine Schildwache auf ihrem Posten.
Monte Christo streckte den Kopf durch den Kutschenschlag, wechselte mit leiser Stimme ein paar Worte mit ihm, und der Intendant verschwand.
»Herr Graf,« sagte Emmanuel auf der Höhe der Place Royale, »ich bitte, lassen Sie mich vor meiner Thüre absetzen, damit meine Frau nicht eine Minute über Sie oder über mich in Unruhe schwebt.«
»Wenn es nicht lächerlich wäre, seinen Triumph zur Schau zu stellen,« sagte Morrel, »so würde ich den Herrn Grafen einladen, einen Augenblick bei uns zu verweilen; doch der Herr Graf hat ohne Zweifel ebenfalls zitternde Herzen zu beruhigen. Wir sind an Ort und Stelle. Emmanuel, begrüßen wir unsern Freund, und lassen wir ihn seinen Weg fortsetzen.«

»Geduld,« versetzte Monte Christo, »berauben Sie mich nicht mit einem Schlage meiner beiden Gefährten; kehren Sie zu Ihrer reizenden Frau zurück, der ich meine Komplimente zu machen bitte, und Sie, Morrel, begleiten Sie mich nach den Champs-Elysées.«
»Vortrefflich!« sprach Maximilian; »um so mehr, als ich in Ihrem Quartiere zu tun habe, Graf.«
»Soll man mit dem Frühstück auf Dich warten?« fragte Emmanuel.
»Nein,« sagte der junge Mann.
Der Schlag wurde wieder geschlossen und der Wagen fuhr weiter.
»Sehen Sie, wie ich Ihnen Glück gebracht habe!« sprach Morrel, als er mit dem Grafen allein war.
»Haben Sie nicht daran gedacht?’’
»Ganz gewiss, deshalb möchte ich Sie stets bei mir haben.«
»Das ist wunderbar!« fuhr Morrel, seinen eigenen Gedanken beantwortend, fort.
»Was denn?« fragte Monte Christo.
»Was so eben vorgefallen ist.«
»Ja,« versetzte der Graf mit einem Lächeln, »Sie haben das wahre Wort gesagt, Morrel, es ist wunderbar.«
»Denn Albert ist im Ganzen mutig.«
»Sehr mutig!« sprach Monte Christo, »ich habe ihn schlafen sehen, während der Dolch über seinem Haupte hing.«
»Und ich weiß, daß er sich zehnmal geschlagen und sehr gut geschlagen hat; bringen Sie das mit seinem Benehmen an diesem Morgen in Einklang!«
»Stets Ihr Einfluß,« versetzte Monte Christo lächelnd.
»Es ist ein Glück für Albert, daß er nicht Soldat ist.«
»Warum dies?«
»Entschuldigungen an Ort und Stelle!« bemerkte der junge Kapitän den Kopf schüttelnd.
»Gehen Sie,« sagte der Graf mit sanftem Tone, »verfallen Sie nicht in die Vorurteile gewöhnlicher Menschen, Morrel; müssen Sie nicht zugeben, daß Albert, da er brav ist, nicht feig sein kann, daß er irgend einen Grund haben muß, zu handeln, wie er gehandelt hat, und daß folglich sein Benehmen mehr heldenmüthig, als irgend etwas Anderes ist?«
»Ganz gewiss, ganz gewiss,« antwortete Morrel; »doch ich sage, wie der Spanier: er ist heute minder brav gewesen, als gestern.«
»Nicht wahr, Sie frühstücken mit mir, Morrel?« fragte der Graf, um das Gespräch kurz abzubrechen.
»Nein, ich verlasse Sie um zehn Uhr.«
»Ihr Rendezvous bezieht sich also auf ein Frühstück?«
Morrel lächelte und schüttelte den Kopf.
»Sie müssen aber doch irgendwo frühstücken?«
»Wenn ich jedoch keinen Hunger habe?« entgegnete der junge Mann.
»Ah!« rief der Graf, »ich kenne nur zwei Gefühle, welche so den Appetit abschneiden: der Schmerz (und da ich Sie zum Glücke so heiter sehe, so ist es nicht dieses), und die Liebe. Nach dem, was Sie mir über Ihr Herz gesagt haben, ist es mir nun erlaubt, zu glauben . . . «
»Meiner Treue! Graf,« versetzte Morrel heiter, »ich sage nicht, nein.«
»Und Sie erzählen mir das nicht, Maximilian?« versetzte der Graf mit einem so lebhaften Tone, daß man sah, welchen Anteil er genommen hält«, wenn er dieses Geheimnis erfahren haben würde.
»Nicht wahr, Graf, ich zeigte Ihnen diesen Morgen, daß ich ein Herz habe?«
Statt jeder Antwort reichte Monte Christo dem jungen Manne die Hand.
»Wohl!« fuhr Maximilian fort, »seitdem dieses Herz nicht mehr mit Ihnen im Walde von Vincennes ist, ist es anderswo, wo ich es wiederfinden werde.«
»Gehen Sie,« sprach langsam der Graf, »gehen Sie, lieber Freund, doch ich bitte Sie, wenn Sie auf ein Hinderniß stoßen, so erinnern Sie sich, daß ich einige Macht auf dieser Welt besitze, daß ich glücklich bin, diese Macht zu Gunsten von Leuten anzuwenden, welche ich liebe, und daß ich Sie liebe, Morrel.«
»Gut!« sprach der junge Mann,« ich werde mich dessen erinnern, wie sich selbstsüchtige Kinder ihrer Eltern erinnern, wenn sie derselben bedürfen. Bedarf ich Ihrer, und dieser Augenblick wird vielleicht kommen, so wende ich mich an Sie, Graf.«
»Gut! ich verlasse mich auf Ihr Wort, Gott befohlen!«
»Auf Wiedersehen!«
Man war vor die Thüre des Hauses der Champs-Elysées gelangt. Monte Christo öffnete den Schlag, Morrel sprang auf das Pflaster, Bertuccio wartete auf der Freitreppe.
Morrel verschwand durch die Avenue de Marigny und Monte Christo ging rasch Bertuccio voran.
»Nun?« sagte er.
»Sie ist im Begriff, ihr Haus zu verlassen,« antwortete der Intendant. »Und ihr Sohn?«
»Florentin, sein Kammerdiener, denkt, er werde dasselbe tun.
»Kommen Sie.«
Monte Christo nahm Bertuccio mit sich in sein Cabinet, schrieb den Brief, den wir gesehen haben, und übergab ihn dem Intendanten.
»Gehen Sie rasch,« sagte er; »doch lassen Sie auch Hayde benachrichtigen, daß ich zurückgekehrt bin.«
»Hier bin ich,« sprach Hayde; sie war bei dem Geräusch des Wagens schnell herabgestiegen, und ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie den Grafen unversehrt wiedersah.
Bertuccio entfernte sich.
Alles Entzücken eines Mädchens, das einen geliebten Vater wiedersieht, die ganze wahnsinnige Freude einer Liebenden, die einen angebeteten Geliebten wieder erschaut, fühlte Hayde während der ersten Augenblicke dieser von ihr so ungeduldig erwarteten Rückkehr.
Wenn auch weniger sich ausbreitend, war darum die Freude von Monte Christo doch nicht minder groß; für die Herzen, welche lange gelitten haben, ist die Freude wie der Thau für die Erde, welche die Sonne ausgetrocknet hat; Herz und Erde ziehen den auf sie fallenden wohlthätigen Regen ein, und nichts zeigt sich äußerlich.
Seit einigen Tagen begriff Monte Christo einen Umstand, an den er lange nicht zu glauben wagte, daß es nämlich zwei Mercedes auf der Welt gab, daß er noch glücklich sein konnte.
Sein von der Wonne entflammtes Auge tauchte sich gierig in die feuchten Blicke von Hayde, als plötzlich die Thüre sich öffnete.
Der Graf faltete die Stirne.
»Herr von Morcerf!« sprach Baptistin, als ob dieses einzige Wort seine Entschuldigung enthielte.
Das Antlitz des Grafen hellte sich in der Tat auf.
»Welcher?« sagte er, »der Vicomte oder der Graf?«
»Der Graf.«
»Mein Gott!« rief Hayde, »ist es denn noch nicht zu Ende!«
»Ich weiß nicht, ob es zu Ende ist, mein viel geliebtes Kind,« sprach Monte Christo, das Mädchen bei den Händen fassend; »aber ich weiß, daß Du nichts zu befürchten hast.«
»Oh! es ist doch der Elende . . . «
»Dieser Mensch vermag nichts über mich, Hayde,« sagte Monte Christo: »als ich es mit seinem Sohne zu tun hatte, mußtest Du fürchten.«
»Wie habe ich auch gelitten,« sprach das Mädchen, »Du wirst es nie erfahren, mein Herr.«
Monte Christo lächelte und sprach, die Hand über dem Haupte des Mädchens ausstreckend:
»Bei dem Grabe meines Vaters schwöre ich Dir, Hayde, wenn Unglück geschieht, so widerfährt es nicht mir.«
»Ich glaube Dir, mein Herr, als ob Gott zu mir spräche,« sagte das junge Mädchen und reichte dem Grafen seine Stirne.
Monte Christo drückte auf diese reine und schöne Stirne einen Kuß, der zwei Herzen, das eine heftig, das andere dumpf, schlagen machte.
»Oh, mein Gott!« murmelte der Graf, »solltest Du es denn gestatten, daß ich noch einmal lieben könnte?«
Und er führte die schöne Griechin gegen eine Geheimtreppe und sagte zu Baptistin:
»Lassen Sie den Herrn Grafen von Morcerf in den Salon eintreten.«
Ein Wort der Erläuterung über diesen von dem Grafen vielleicht erwarteten, von unsern Lesern aber sicherlich nicht erwarteten Besuch.
Während Mercedes, wie wir erzählt, in ihrer Wohnung das Inventar machte, das Albert in der seinigen gemacht hatte; während sie ihre Juwelen zusammenlegte, ihre Schubladen verschloß, ihre Schlüssel sammelte, um alle Dinge in vollkommener Ordnung zurückzulassen, bemerkte sie nicht, daß ein bleicher, düsterer Kopf an der Glasscheibe einer Thüre erschien, welche das Licht in den Gang dringen ließ; von hier aus konnte man nicht nur sehen, sondern auch hören. Derjenige, welcher so schaute, aller Wahrscheinlichkeit nach ohne gesehen oder gehört zu werden, gewahrte und hörte Alles, was bei Frau von Morcerf vorging.
Von dieser Glasthüre begab sich der Mann mit dem bleichen Gesichte in das Schlafzimmer des Grafen von Morcerf, wo er mit krampfhafter Hand den Vorhang eines auf den Hof gehenden Fensters aufhob.
Er blieb hier zehn Minuten unbeweglich, stumm, die Schläge seines eigenen Herzens hörend. Für ihn waren zehn Minuten eine sehr lange Zeit.
Da kam Albert von seinem Rendezvous zurück, bemerkte, daß sein Vater seine Rückkehr hinter einem Vorhang belauerte, und wandte den Kopf ab.
Das Auge des Grafen erweiterte sich: er wußte, daß die Beleidigung von Albert gegen Monte Christo furchtbar gewesen war, und daß eine solche Beleidigung in allen Ländern der Welt einen Zweikampf auf Leben und Tod nach sich zog. Albert kehrte aber unversehrt zurück, und der Graf war folglich gerächt.
Ein Blitz unbeschreiblicher Freude erleuchtete dieses finstere Antlitz, wie es ein letzter Sonnenstrahl tut, der sich in den Wolken verliert, welche minder sein Lager, als sein Grab zu sein scheinen.
Er erwartete vergebens, sein Sohn würde in sein Zimmer heraufkommen, um ihm seinen Triumph mitzuteilen. Daß sein Sohn vor dem Zweikampfe den Vater nicht hatte sehen wollen, dessen Ehre zu rächen er im Begriffe war, ließ sich wohl begreifen; war aber die Ehre des Vaters gerächt, warum kam dieser Sohn nicht, um sich in seine Arme zu werfen?
Da geschah es, daß der Graf, der Albert nicht aufsuchen konnte, dessen Diener holen ließ. Man weiß, daß Albert diesen bevollmächtigte, nichts vor dem Grafen zu verbergen.
Zehn Minuten nachher sah man auf der Freitreppe den General von Morcerf in einem schwarzen Oberrocke, mit einem militärischen Kragen, mit schwarzen Beinkleidern und schwarzen Handschuhen erscheinen.
Er hatte ohne Zweifel vorher seine Befehle gegeben, denn kaum berührte er die letzte Stufe der Freitreppe, als sein Wagen angespannt aus der Remise kam und vor ihm anhielt.
Sein Kammerdiener warf in den Wagen einen durch die zwei Degen, welche er umhüllte, gesteiften militärischen Caban; dann schloß er den Schlag und setzte sich neben den Kutscher.
Der Kutscher neigte sich, um den Befehl zu verlangen.
»Nach der Champs-Elysées,« sagte der General, »zu dem Grafen von Monte Christo. Rasch!«
Die Pferde bäumten sich unter dem Peitschenschlage, der ihnen erteilt wurde; fünf Minuten nachher hielten sie vor dem Hause des Grafen.
Herr von Morcerf öffnete selbst den Schlag, sprang, während der Wagen noch rollte, wie ein junger Mensch in die Allee, läutete und verschwand mit seinem Diener in der gähnenden Thüre.
Eine Secunde nachher meldete Baptistin Herrn von Monte Christo den Grafen von Morcerf, und Monte Christo gab, Hayde zurückführend, den Befehl, den Grafen von Morcerf in den Salon eintreten zu lassen.
Der General maß zum dritten Male den Salon in seiner ganzen Länge, als er, sich umwendend, Monte Christo auf der Schwelle erblickte.
»Ah! es ist Herr von Morcerf,« sprach ruhig Monte Christo; »ich glaubte schlecht gehört zu haben.«
»Ja, ich bin es,« sagte der Graf mit einem furchtbaren Zusammenziehen der Lippen, das ihn scharf zu artikulieren verhinderte.
»Ich habe also nur noch die Ursache zu erfahren, die mir das Vergnügen verschafft, den Herrn Grafen von Morcerf so frühzeitig bei mir zu sehen,« versetzte Monte Christo.
»Sie hatten diesen Morgen ein Rendezvous mit meinem Sohn, mein Herr,« sprach der General.
»Sie wissen dies?« entgegnete der Graf.
»Ich weiß auch, daß mein Sohn gute Gründe gehabt hat, einen Zweikampf mit Ihnen zu wünschen und Alles zu tun, was er vermochte, um Sie zu töten.«
»In der Tat, mein Herr, er hatte sehr gute Gründe; doch Sie sehen, mein Herr, daß er mich trotz dieser Gründe nicht getötet und sich nicht einmal geschlagen hat.«
»Und er betrachtet Sie doch als die Ursache der Schande seines Vaters, als die Ursache des gräßlichen Unheils, das in diesem Augenblick mein Haus niederbeugt.«
»Es ist wahr, mein Herr,« sprach Monte Christo mit seiner furchtbaren Ruhe; »etwa als secundäre Ursache, doch nicht in erster Linie.«
»Ohne Zweifel haben Sie eine Entschuldigung gegen ihn vorgebracht oder ihm eine Erklärung gegeben?« Fackel jede Seite meines Lebens gelesen hast; aber vielleicht liegt noch mehr Ehre in mir bei meiner Schmach, als in Dir, bei Deiner prunkhaften Außenseite. Nein, nein, ich bin Dir bekannt, ich weiß es wohl; aber Dich kenne ich nicht, mit Gold und Edelsteinen gestickter Abenteurer! Du läßt Dich in Paris den Grafen von Monte Christo nennen; in Italien Simbad den Seefahrer: in Malta, was weiß ich? ich habe es vergessen. Doch ich frage Dich nach Deinem wirklichen Namen, Deinen wahren Namen will ich wissen, um ihn auf dem Kampfplatze auszusprechen, im Augenblick, wo ich Dir mit meinem Degen das Herz durchbohre.«
Der Graf von Monte Christo erbleichte auf eine furchtbare Weise, sein wildes Auge entzündete sich in einem verzehrenden Feuer: er machte einen Sprung in das anstoßende Cabinet, riß in weniger als einer Secunde seinen Oberrock, seine Weste und seine Halsbinde vom Leibe, zog eine kleine Seemannsjacke an und setzte einen Matrosenhut auf, unter welchem seine langen schwarzen Haare herabrollten.’
So kehrte er furchtbar, unversöhnlich zurück, und schritt mit gekreuzten Armen auf den General zu, der sein Verschwinden nicht begriffen hatte, ihn erwartete, seine Zähne klappern und seine Beine unter sich brechen fühlte, zurückwich und erst stille stand, als er auf einem Tische für seine krampfhaft zusammengezogene Hand einen Stützpunkt fand.
»Fernand!« rief der Graf von Monte Christo, »von meinen hundert Namen brauche ich Dir nur einen einzigen zu sagen, um Dich niederzuschmettern: doch diesen Namen, nicht wahr. Du errätst ihn? oder vielmehr Du erinnerst Dich desselben? denn, trotz meines Kummers, trotz meiner Qualen, zeige ich Dir heute ein Gesicht, welches das Glück der Rache verjüngt, ein Gesicht, das Du oft in Deinen Träumen seit Deiner Verheiratung mit Mercedes, meiner Verlobten, gesehen haben mußt.«
