Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 88
Den Kopf zurückgeworfen, die Hände ausgestreckt, der Blick starr, verschlang der General stillschweigend dieses furchtbare Schauspiel; dann suchte er die Wand als Stütze, schlüpfte langsam bis zu der Thüre, durch die er rückwärts hinausging, wobei ihm nur ein finsterer, kläglicher, herzzerreißender Schrei entfuhr, der Schrei:
»Edmond Dantes.«.
Dann schleppte er sich mit Seufzern, welche nichts Menschliches hatten, bis in den Säulengang des Hauses, durchschritt den Hof wie ein Trunkener und fiel in die Arme seines Kammerdieners, mit unverständlicher Stimme die Worte:
»Nach Hause! nach Hause!« murmelnd.
Die frische Luft und die Scham, welche ihm die Aufmerksamkeit seiner Leute bereitete, setzten ihn unter Weges in den Stand, seine Gedanken zu sammeln; die Fahrt war jedoch kurz, und je mehr sich der Graf seiner Wohnung näherte, desto mehr fühlte er seine Schmerzen sich erneuern.
Einige Schritte von dem Hause ließ der Graf halten und stieg aus.
Das Thor des Hotel war weit geöffnet; sehr erstaunt darüber, daß man ihn zu diesem herrlichen Gebäude rief, stand ein Fiacre mitten im Hofe; der Graf schaute diesen Fiacre voll Schrecken an, doch ohne daß er Jemand zu fragen wagte, und eilte in seine Wohnung.
Zwei Personen stiegen die Treppe herab; er hatte nur Zeit, sich in ein Cabinet zu werfen, um sie zu vermeiden.
Es waren Mercedes.und ihr Sohn, welche Beide das Hotel verließen.
Sie gingen auf zwei Linien an dem Unglücklichen vorüber, der hinter dem Damastvorhange gleichsam von dem seidenen Kleide von Mercedes gestreift wurde und in seinem Gesichte den warmen Athen? seines Sohnes fühlte, als dieser die Worte sprach:
»Mut, meine Mutter! Kommen Sie, kommen Sie, wir sind hier nicht mehr zu Hause.«
Die Worte erloschen, die Tritte entfernten sich.
Der General erhob sich mit seinen Händen krampfhaft an dem Damastvorhange hängend; er preßte das furchtbarste Schluchzen zurück, das je aus der Brust eines, zu gleicher Zeit von seiner Frau und seinem Sohne verlassenen, Vaters hervorgekommen ist.
Bald hörte er das Krachen des eisernen Kutschenschlages des Fiacre, dann die Stimme des Kutschers, dann erschütterte das Rollen der schweren Maschine die Fensterscheiben, und er stürzte in sein Schlafzimmer, um noch einmal Alles, was er in der Welt geliebt hatte, zu sehen; doch der Fiacre entfernte sich, ohne daß der Kopf von Mercedes oder der von Albert an dem Schlage erschien, um dem einsamen Hause, dem verlassenen Gatten und Vater den letzten Blick, das letzte Lebewohl, das letzte Bedauern, das heißt die Verzeihung zu gönnen.
In der Secunde, wo die Räder des Fiacre das Pflaster des Gewölbes erschütterten, erscholl ein Schuß, und ein dunkler Rauch drang durch eine durch die Gewalt der Explosion zerbrochene Scheibe dieses Schlafzimmers.
Neunzehntes Kapitel.
Valentine
Man errät, wo Morrel zu tun hatte, und bei wem sein Rendezvous war.
Als er Monte Christo verließ, ging er langsam nach dem Hause von Villefort.
Wir sagen langsam: Morrel hatte über eine halbe Stunde für sich, um fünfhundert Schritte zu machen, doch trotz dieser mehr als genügenden Zeit beeilte er sich, Monte Christo zu verlassen, denn es drängte ihn, mit seinen Gedanken allein zu sein.
Er kannte seine Stunde gut: die Stunde, zu der Valentine, dem Frühstücke von Noirtier beiwohnend, sicher war, in dieser frommen Pflicht nicht gestört zu werden. Noirtier und Valentine hatten ihm zwei Besuche in der Woche zugestanden, und er kam, um von seinem Rechte Gebrauch zu machen.
Valentine erwartete ihn. Unruhig, beinahe verwirrt, nahm ihn Valentine bei der Hand und führte ihn vor ihren Großvater.
Diese heftige Unruhe rührte von dem Lärmen her, den das Abenteuer von Morcerf in der Welt gemacht hatte; man wußte (die Welt weiß immer) das Abenteuer der Oper. Bei Villefort zweifelte Niemand daran, ein Duell würde die notwendige Folge dieser Geschichte sein; Valentine hatte mit ihrem Fraueninstinkt erraten, Morrel wäre der Zeuge von Monte Christo, und bei dem wohlbekannten Mute des jungen Mannes, bei seiner tiefen Freundschaft für den Grafen, befürchtete sie, er würde nicht die Kraft haben, sich auf die ihm vorgezeichnete passive Rolle zu beschränken.
Man begreift, mit welcher Begierde nach den einzelnen Umständen gefragt wurde, wie man sie erzählte, wie man sie aufnahm, und Morrel konnte eine unbeschreibliche Freude in den Augen seiner Geliebten lesen, als sie erfuhr, diese furchtbare Angelegenheit habe einen nicht weniger glücklichen, als unerwarteten Ausgang gehabt.
Valentine hieß Morrel durch ein Zeichen sich neben den Greis setzen, setzte sich selbst auf das Tabouret, worauf seine Füße ruhten, und sprach:
»Nun lassen Sie uns ein wenig von unseren Angelegenheiten reden. Sie wissen, daß der gute Papa einen Augenblick den Gedanken gehabt hat, das Haus zu verlassen und eine Wohnung außerhalb des Hotel von Herrn von Villefort zu nehmen.«
»Ja, gewiss . . . « erwiderte Maximilian, »ich erinnere mich dieses Planes und habe demselben sogar meinen vollen Beifall geschenkt.«
»Wohl, Maximilian, schenken Sie ihm Ihren Beifall noch einmal, denn der gute Papa kommt darauf zurück.«
»Bravo!« rief Morrel.
»Und wissen Sie,« sagte Valentine, »welchen Grund der gute Papa angibt, um das Haus zu verlassen?«
Noirtier schaute seine Enkelin an, um ihr mit dem Auge Stillschweigen aufzuerlegen: doch Valentine schaute Noirtier nicht an, ihre Augen, ihr Blick, ihr Lächeln, Alles gehörte Morrel.
»Oh! welchen Grund auch Herr Noirtier angeben mag,« rief Morrel, »ich erkläre, daß er gut ist.«
»Vortrefflich; er behauptet die Luft des Faubourg Saint-Honoré tauge nichts für ihn.«
»In der Tat; hören Sie, Valentine, Herr Noirtier könnte Recht haben: ich finde, daß Ihre Gesundheit seit vierzehn Tagen etwas gelitten hat.«
»Ja, ein wenig, das ist wahr,« antwortete Valentine; »auch hat sich der gute Papa zu meinem Arzte gemacht, und da der gute Papa Alles weiß, so habe ich das größte Vertrauen zu ihm.«
»Sie leiden also wirklich, Valentine?« sagte Morrel rasch.
»Oh! mein Gott, das nennt man nicht leiden; ich fühle eine Allgemeine Unbehaglichkeit, und sonst nichts; ich habe den Appetit verloren, und es kommt mir vor, als hielte mein Magen einen Kampf aus, um sich an etwas zu gewöhnen.«
Noirtier verlor keines von den Worten von Valentine.
»Und welche Behandlung befolgen Sie für diese unbekannte Krankheit?«
»Oh! das ist ganz einfach, ich verschlucke jeden Morgen einen Löffel voll von dem Trank, den man für meinen Großvater bringt; wenn ich sage einen Löffel voll, so meine ich, ich habe mit einem angefangen, und nun bin ich beim vierten. Mein Großvater behauptet, es sei ein allgemeines Heilmittel.«
Valentine lächelte, doch es lag etwas Trauriges, Leidendes in diesem Lächeln.
Trunken vor Liebe schaute sie Maximilian stillschweigend an; sie war sehr schön, doch ihre Blässe hatte einen matten Ton angenommen, ihre Augen glänzten von einem glühenderen Feuer, als gewöhnlich, und ihre sonst perlmutterweißen Hände schienen Hände von Wachs zu sein, welche die Zeit mit einer gelblichen Farbe überzogen.
Von Valentine richtete der junge Mann seine Augen auf Noirtier; dieser betrachtete mit einem seltsamen, tiefen Verstande das in seine Liebe versunkene Mädchen; aber auch er folgte, wie Morrel, den Spuren eines tiefen Leidens, das, für das Auge Aller unsichtbar, dem des Großvaters und des Geliebten nicht entgangen war.
»Doch ich dachte, der Trank, von dem Sie bereits vier Löffel nehmen, wäre für Herrn Noirtier verschrieben?«
»Ich weiß, daß er sehr bitter ist,« erwiderte Valentine, »so bitter, daß mir Alles, was ich darauf trinke, denselben Geschmack zu haben scheint.«
Noirtier schaute seine Enkelin mit einem fragenden Blicke an.
»Ja, guter Papa,« versetzte Valentine, »es ist so. So eben, ehe ich zu Ihnen herabging, trank ich ein Glas Zuckerwasser; ich ließ die Hälfte davon stehen, so bitter war das Wasser.«
Noirtier erbleichte und bedeutete durch ein Zeichen, er wolle sprechen.
Valentine stand auf, um das Wörterbuch zu holen.
Noirtier folgte ihr mit den Augen in sichtbarer Angst.
Das Blut stieg in der Tat dem Mädchen in den Kopf, seine Wangen färbten sich.
»Halt!« rief sie, ohne etwas von ihrer Heiterkeit zu verlieren, »das ist sonderbar: eine Blendung! Hat mich etwa die Sonne in die Augen getroffen?«
Und sie stützte sich auf das Fenstergesimse.
»Es ist keine Sonne hier,« sprach Morrel, noch mehr beunruhigt durch den Gesichtsausdruck von Noirtier, als durch die Unpäßlichkeit von Valentine. Erlief auf Valentine zu.
Das Mädchen lächelte.
»Beruhige Dich, guter Papa,« sagte Valentine zu Noirtier: »beruhigen Sie sich. Maximilian, es ist nichts, es ist schon vorbei; stille doch! . . . Ist es nicht das Geräusch eines Wagens, was ich im Hofe höre?«
Sie öffnete die Thüre von Noirtier, lief an ein Fenster im Gange, und kehrte eilig zurück.
»Ja,« sagte sie, »es ist Madame Danglars und ihre Tochter, welche uns einen Besuch machen wollen. Gott befohlen, ich fliehe, denn man würde mich hier suchen; oder vielmehr auf Wiedersehen, bleiben Sie bei dem guten Papa, Herr Maximilian, ich verspreche Ihnen, die Besuche nicht zurückzuhalten.«
Morrel folgte ihr mit den Augen, sah sie die Thüre zumachen, und hörte sie die kleine Treppe hinaufsteige«. welche zugleich zu Frau von Villefort und in ihr Zimmer führte.
Sobald sie verschwunden war, hieß Noirtier Morrel durch ein Zeichen das Wörterbuch nehmen.
Morrel gehorchte; er hatte sich, durch Valentine geleitet, rasch daran gewöhnt, den Greis zu verstehen.
Doch wie gut er sich auch daran gewöhnt, so wurde doch, da man einen Teil der fünf und zwanzig Buchstaben des Alphabets die Revue passieren und jedes Wort in dem Wörterbuch finden mußte, der Gedanke von Noirtier erst nach Verlauf von zehn Minuten durch Folgendes übersetzt:
»Suchen Sie das Glas Wasser und die Caraffe, Beides ist in dem Zimmer von Valentine.«
»Morrel läutete sogleich dem Diener, der Barrois ersetzt hatte, und erteilte ihm im Namen von Noirtier diesen Befehl.
Der Diener kam nach einem Augenblick zurück.
Die Caraffe und das Glas waren völlig leer,
Noirtier machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle.
»Warum sind das Glas und. die Caraffe leer?« fragte er. »Valentine sagte, sie hätte nur die Hälfte des Glases getrunken.«
Die Übersetzung dieser Frage nahm abermals fünf Minuten weg.
»Ich weiß es nicht,« antwortete der Bediente; »doch die Kammerfrau ist in dem Zimmer von Valentine; vielleicht hat sie es geleert.«
»Fragen Sie die Kammerfrau,« sprach Morrel diesmal den Gedanken von Noirtier durch den Blick übersetzend.
Der Diener ging hinaus, kam beinahe in derselben Minute wieder zurück und meldete:
»Fräulein Valentine ist durch ihr Zimmer gegangen, um sich in das von Frau von Villefort zu begeben, und da sie Durst hatte, so trank sie, was im Glase übrig blieb; was die Caraffe betrifft, so hat sie Herr Eduard geleert, um einen Teich für seine Enten daraus zu machen.«
Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf, wie dies ein Spieler tut, der auf einen Wurf seine ganze Habe setzt.
Von da anhefteten sich die Augen des Greises auf die Thüre und verließen diese Richtung nicht mehr.
Valentine hatte wirklich Madame Danglars und ihre Tochter gesehen; man hatte sie in das Zimmer von Frau von Villefort geführt, welche diesen Besuch bei sich empfing; deshalb war Valentine durch ihr Zimmer gegangen, das auf einem Boden mit der Wohnung von Frau von Villefort lag und von derselben nur durch das Zimmer von Eduard getrennt war.
Die zwei Frauen traten in den Salon mit der offiziellen Steifheit, welche eine Vorbote einer Mitteilung ist.
Zwischen Leuten von derselben Gesellschaft ist eine Nuance bald erfaßt. Frau von Villefort erwiderte diese Feierlichkeit mit derselben Feierlichkeit.
In diesem Augenblick trat Valentine ein, und die Verbeugungen wiederholten sich.
»Liebe Freundin,« sprach die Baronin, während sich die zwei jungen Mädchen bei den Händen nahmen, »ich bin mit Eugenie gekommen, um Ihnen zuerst die nahe bevorstehende Verheiratung meiner Tochter mit dem Prinzen Cavalcanti mitzuteilen.«
Danglars hatte für Cavalcanti den Titel Prinz beibehalten. Der volksthümliche Banquier fand, daß sich dies besser machte, als Graf.
»So erlauben Sie mir, Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen,« antwortete Frau von Villefort. »Der Herr Prinz Cavalcanti scheint ein junger Mann von seltenen Eigenschaften zu sein.«
»Hören Sie,« versetzte die Baronin lächelnd, »wenn wir als zwei Freundinnen sprechen, so muß ich Ihnen sagen, daß uns der Prinz noch nicht das zu sein scheint, was er sein wird. Es ist in ihm noch etwas von jener Sonderbarkeit, an der wir Französinnen mit dem ersten Blicke einen italienischen oder deutschen Edelmann erkennen. Er offenbart jedoch ein sehr gutes Herz, viel Feinheit des Geistes, und was die Convenienzen betrifft, so behauptet Herr Danglars, sein Vermögen sei majestätisch; dies ist sein Ausdruck.«
»Und dann,« sprach Eugenie, in dem Album von Frau von Villefort blätternd, »und dann fügen Sie bei, Madame, daß Sie eine ganz besondere Neigung für diesen jungen Mann haben.«
»Ich brauche Sie nicht zu fragen, ob Sie diese Neigung teilen?« versetzte Frau von Villefort.
»Ich!« entgegnete Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit; »oh! nicht im Mindesten, Madame; mein Beruf war es nicht, mich an die Sorgen einer Haushaltung und die Launen eines Mannes zu ketten. Mein.Beruf war, Künstlerin zu werden, und folglich frei über mein Herz, über meine Person und über meine Gedanken zu schalten.«
Eugenie sprach diese Worte mit einem so scharf klingenden und festen Tone, daß die Röte Valentine in das Gesicht stieg. Das furchtsame junge Mädchen konnte diese kräftige Natur nicht begreifen, welches keine von den Schüchternheiten der Frau zu haben schien.
»Da ich indessen, wohl oder übel, zu heiraten bestimmt bin,« fuhr Eugenie fort, »so muß ich der Vorsehung danken, die mir wenigstens die Geringschätzung von Herrn Albert von Morcerf verschafft hat; ohne diese Vorsehung wäre ich heute die Frau eines seiner Ehre verlustigen Mannes.«
»Es ist wahr,« sprach die Baronin mit jener seltsamen Naivität, die man zuweilen bei vornehmen Damen trifft, welche dieselbe durch einen gemeinbürgerlichen Umgang nicht ganz verlieren; »es ist wahr, ohne das Zögern der Morcerf hätte meine Tochter Herrn Albert geheiratet. Der General hielt große Stücke darauf, er kam sogar, um von Herrn Danglars ihre Hand zu erzwingen; wir ließen ihn aber schön ablaufen.«
»Aber fällt denn die ganze Schande des Vaters auch auf den Sohn zurück?« sagte schüchtern Valentine. »Herr Albert scheint mir sehr unschuldig an allen diesen Verrätereien des Generals.«
»Verzeihen Sie, liebe Freundin,« versetzte das unversöhnliche Mädchen; »Albert fordert und verdient sein Teil davon: es scheint, nachdem er gestern Herrn von Monte Christo in der Oper herausgefordert, hat er sich heute auf dem Kampfplatze bei ihm entschuldigt.«
»Unmöglich!« rief Frau von Villefort.
»Ach! teure Freundin,« sprach Madame Danglars mit der bereits von uns bezeichneten Naivität, »die Sache ist gewiss, ich habe es durch Herrn Debray, erfahren, der bei der Erklärung anwesend war.«
Valentine wußte auch die Wahrheit, aber sie sprach nichts. Durch ein Wort in ihre Erinnerungen zurückversetzt, befand sie sich in Gedanken wieder in dem Zimmer von Noirtier, wo sie Morrel erwartete.
In diese innere Betrachtung versunken, hatte Valentine seit einem Augenblick aufgehört, an dem Gespräche Teil zu nehmen, es wäre ihr sogar unmöglich gewesen, das zu wiederholen, was man seit einigen Minuten gesagt hatte, als plötzlich die Hand von Madame Danglars sich auf ihren Arm stützte und sie ihrer Träumerei entzog.
»Was wünschen Sie, Madame?« fragte Valentine bebend bei der Berührung der Finger von Madame Danglars, wie sie bei einem elektrischen Schlage gebebt haben würde.
»Meine liebe Valentine,« sagte die Baronin, »Sie leiden ohne Zweifel?«
»Ich?« entgegnete das Mädchen, mit seiner Hand Über seine glühende Stirne fahrend.
»Ja, beschauen Sie sich nur in diesem Spiegel;
Sie sind drei bis viermal hinter einander im Verlaufe einer Minute erbleicht und errötet.«
»Du bist in der Tat sehr bleich!« rief Eugenie.
»Oh! beunruhige Dich nicht, Eugenie, ich bin seit einigen Tagen so.«
Und so wenig schlau Valentine auch war, so begriff sie doch, daß sie nun Gelegenheit hatte»sich zu entfernen. Überdies kam ihr Frau von Villefort zu Hilfe.
»Entferne Dich, Valentine,« sagte sie; »Du leidest wirklich, und diese Damen verzeihen Dir: trinke ein Glas Wasser, und Du wirst Dich erholen.«
Valentine küßte Eugenie, verbeugte sich vor Madame Danglars, welche sich bereits zum Rückzug erhoben hatte, und verließ das Zimmer.
»Dieses arme Kind,« sprach Frau von Villefort, als Valentine verschwunden war, »es beunruhigt mich ernstlich, und ich wäre nicht erstaunt, wenn Valentine irgend ein Unfall widerführe.«
Valentine war indessen in einer Art von Exaltation, von der sie sich keine Rechenschaft geben konnte, durch das Zimmer von Eduard gegangen, ohne eine Bosheit zu erwidern, welche das Kind verübte, und hatte sodann die kleine Treppe erreicht. Sie stieg alle Stufen bis auf die drei letzten hinab; sie hörte bereits die Stimme von Morrel, als plötzlich eine Wolke vor ihren Augen hinzog, ihr starrer Fuß verfehlte die Stufe, ihre Hände hatten nicht mehr die Kraft, sich am Geländer zu halten, sie streifte an der Wand hin und rollte gleichsam die drei letzten Stufen hinab.
Morrel machte nur einen Sprung; er öffnete die Thüre und fand Valentine auf dem Ruheplatze ausgestreckt.
Rasch wie der Blitz hob er sie in seine Arme und trug sie in einen Lehnstuhl.
Valentine öffnete wieder die Augen.
»Oh! ich Ungeschickte!« sagte sie mit einer fieberhaften Geschwindigkeit; »ich weiß mich also nicht mehr zu halten, ich vergesse, daß vor dem Ruheplatz drei Stufen kommen.«
»Sie haben sich vielleicht verwundet, Valentine!« rief Morrel. »Oh, mein Gott! mein Gott!«
Valentine schaute umher: sie sah den tiefsten Schrecken in den Augen von Noirtier ausgeprägt.
»Beruhige Dich, guter Papa,« sagte sie, indem sie zu lächeln suchte; »es ist nichts, es ist nichts . . . ich bekam nur einen Schwindel.«
»Abermals eine Betäubung!« sprach Morrel die Hände faltend. »Oh! nehmen Sie sich in Acht, Valentine, ich flehe Sie an.«
»Nein,« sprach Valentine, »nein, nein, ich sage Ihnen, daß Alles vorüber ist, und daß es nichts war. Nun lassen Sie mich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen: in acht Tagen verheiratet sich Eugenie, und in drei Tagen findet ein großes Fest, ein Verlobungsmahl statt. Wir sind Alle eingeladen, mein Vater, Frau von Villefort und ich . . . wenigstens so viel ich verstanden habe.«
»Wann wird die Reihe an uns sein, uns mit Ähnlichem zu beschäftigen? Oh! Valentine, Sie, die Sie so viel über Ihren guten Papa vermögen, bemühen Sie sich, daß er Ihnen antwortet: Bald!«
»Sie rechnen also darauf, daß ich die Zögerung abkürzen und das Gedächtnis meines guten Papa rege machen werde?«
»Ja,« rief Morrel. »Mein Gott! mein Gott! machen Sie geschwinde. So lange Sie nicht mir gehören, Valentine, ist es mir immer, als ob Sie mir entgehen könnten.«
»Oh!« antwortete Valentine mit einer krampfhaften Bewegung, »oh! in der Tat, Maximilian, Sie sind zu ängstlich für einen Offizier, für einen Soldaten, der, wie man sagt, nie die Furcht gekannt hat. Ah! ah! Ah!«
Und sie brach in ein scharfes, schmerzliches Gelächter aus, ihre Arme wurden steif, ihr Kopf fiel auf den Stuhl zurück, und sie blieb ohne Bewegung.
Der Schreckensschrei, den Gott an die Lippen von Noirtier fesselte, sprang aus seinem Blicke hervor.
Morrel begriff ihn, man mußte um Hilfe rufen.
Der junge Mann hing sich an die Glocke, die Kammerfrau, welche in dem Zimmer von Valentine war, und der Bediente, der Barrois ersetzt hatte, liefen gleichzeitig herbei.
Valentine war so kalt, so bleich, so leblos, daß die Diener, ohne zu hören, was man ihnen sagte, von der Furcht erfaßt wurden, welche beständig in diesem verfluchten Hause wachte, und um Hilfe rufend in die Gänge stürzten.
Madame Danglars und Eugenie entfernten sich gerade in diesem Augenblick; sie konnten noch die Ursache von diesem Lärmen hören,
»Ich sagte es Ihnen!« rief Frau von Villefort; »arme Kleine!«
