Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 94
»Nun! wenn man ihn verhaftet . . . Glauben Sie, man werde ihn verhaften?«
»Ich hoffe es.«
»Wenn man ihn verhaftet (ich habe immer sagen hören, die Gefängnisse überlaufen gleichsam), nun! so lassen Sie ihn im Gefängnis.«
Der Staatsanwalt machte ein verneinendes Zeichen.
»Wenigstens bis meine Tochter verheiratet ist,« fügte die Baronin bei.
»Unmöglich, Madame, die Justiz hat ihre Förmlichkeiten.«
»Selbst für mich?« versetzte die Baronin, halb ernstlich, halb lächelnd,
»Für Alle, Madame,« antwortete Villefort, »und für mich, wie für die Andern.«
»Ah!« rief die Baronin, ohne in Worten beizufügen, was ihr Geist durch diesen Ausruf verraten hatte.
Villefort betrachtete sie mit dem Blicke, mit dem er die Gedanken studierte.
»Ja, ich weiß, was Sie sagen wollen,« versetzte er, »Sie spielen auf die in der Welt verbreiteten furchtbaren Gerüchte an, alle die Todesfälle, welche mich seit drei Monaten in Trauer kleiden, selbst der Tod, dem Valentine wie durch ein Wunder entgangen ist, seien nicht natürlich?«
»Ich dachte nicht daran,« erwiderte lebhaft Madame Danglars.
»Doch, Madame, Sie dachten daran, und das war kein Unrecht, denn Sie müßten notwendig daran denken, und Sie sagten sich ganz leise: »»Du, der Du das Verbrechen verfolgst, antwortete: warum gibt es um Dich her Verbrechen, welche unbestraft bleiben?««
Die Baronin erbleichte.
»Nicht wahr, Sie sagten sich das, Madame?«
»Ich gestehe es.«
»Ich will Ihnen antworten.«
Villefort näherte sein Fauteuil dem Stuhle von Madame Danglars; dann stützte er seine beiden Hände aus seinen Schreibtisch und sprach mit einem dumpferen Tone, als gewöhnlich:
»Es gibt Verbrechen, welche unbestraft bleiben, weil man die Verbrecher nicht kennt und ein unschuldiges Haupt statt eines schuldigen zu treffen befürchtet; doch wenn die Verbrecher bekannt sind (Villefort streckte seine Hand nach einem großen, seinem Schreibtische gegenüberstehenden Kruzifix aus), wenn diese Verbrecher bekannt sind,« wiederholte er, »so sollen sie, bei dem lebendigen Gott, sterben, Madame, wer sie auch sein mögen. Nachdem Sie meinen Eid, den ich halten werde, gehört haben, wagen Sie es, mich um Gnade für den Elenden zu bitten.«
»Ei! mein Herr, sind Sie sicher, daß er so schuldig ist, als man behauptet?«
»Hören Sie, hier liegen die ihn betreffenden Akten: Benedetto zuerst zu fünf Jahren Galeeren wegen Fälschung in einem Alter von sechzehn Jahren verurteilt; Sie sehen, der Junge Mensch versprach etwas; dann entwichen, dann Mörder.«
»Und wer ist dieser Unglückliche?«
»Ei, weiß man dies! Ein Vagabund, ein Corse.«
»Er ist also von Niemand reclamirt worden?«
»Von Niemand! man kennt seine Verwandten nicht.«
»Doch jener Mensch von Lucca?«
»Auch ein Gauner, wie er, vielleicht sein Genosse.«
Die Baronin faltete die Hände und flüsterte: »Villefort!« mit ihrem süßesten und einschmeichelndsten Tone.
»Um Gottes willen! Madame,« entgegnete der Staatsanwalt mit einer Festigkeit, welche von einem gewissen trockenen Wesen nicht ganz frei war, »um Gottes willen, verlangen Sie doch nie von mir Begnadigung eines Schuldigen. Wer bin denn ich? das Gesetz, das Gesetz. Hat das Gesetz Augen, um Ihre Traurigkeit zu sehen? hat das Gesetz Ohren, um Ihre weiche Stimme zu hören? hat das Gesetz ein Gedächtnis, um eine Anwendung von Ihren zarten Gedanken zu machen? Nein, Madame, das Gesetz befiehlt, und wenn das Gesetz befohlen hat, schlägt es! Sie werden mir sagen, ich sei ein lebendiges Wesen, und nicht ein Codex, ein Mensch, und nicht ein Buch; schauen Sie mich an, Madame, schauen Sie um mich her: haben die Menschen mich als Bruder behandelt, haben sie mich geliebt? haben Sie mich geschont? hat Jemand Gnade für Herrn von Villefort verlangt, und ist diesem Jemand die Gnade für Herrn von Villefort bewilligt worden? Nein! nein! nein! geschlagen, stets geschlagen! Als Frau, das heißt als Sirene, schauen Sie mich beharrlich mit dem bezaubernden, ausdrucksvollen Auge an, welches mich daran erinnert, daß ich erröten muß. Wohl! es sei, ja, erröten über das, was Sie wissen, und vielleicht noch über etwas Anderes! Doch, seitdem ich gefehlt habe, und vielleicht tiefer als die Andern gefehlt habe, habe ich die Kleider der Andern geschüttelt, um das Geschwür zu finden, und ich habe es immer gesunden, ich sage noch mehr, ich habe es mit Glück, mit Freude gesunden, dieses Siegel der Schwäche oder der menschlichen Verkehrtheit! Denn jeder Mensch, den ich als schuldig erkannte, und jeder Schuldige, den ich schlug, erschien mir als ein lebendiger Beweis, als ein neuer Beweis dafür, daß ich nicht eine häßliche Ausnahme war! Ach! ach! ach! die ganze Welt ist böse, beweisen wir dies, Madame, und schlagen wir den Bösen!«
Villefort sprach diese Worte mit einer fieberhaften Wut, die ihnen eine wilde Beredsamkeit verlieh,
»Doch Sie sagen,« versetzte Madame Danglars, welche einen letzten Versuch machen wollte, »Sie sagen, dieser Mensch sei ein Vagabund, eine von Allen verlassene Waise.«
»Desto schlimmer, oder vielmehr desto besser; die Vorsehung hat es so eingerichtet, daß Niemand über ihn zu weinen braucht.«’
»Das heißt mit Erbitterung gegen den Schwachen zu Werke gehen!«
»Der Schwache, welcher mordet!«
»Seine Schande springt aus mein Haus zurück.«
»Habe ich nicht den Tod in dem meinigen?«
»O mein Herr!« rief die Baronin, »Sie sind unbarmherzig gegen die Andern! wohl, so sage ich Ihnen, man wird unbarmherzig gegen Sie sein!«
»Es sei!« sprach Villefort, seine Arme mit einer drohenden Gebärde zum Himmel emporstreckend.
»Verschieben Sie doch wenigstens den Prozeß des Unglücklichen, wenn er verhaftet wird, bis zu den nächsten Assisen: das gibt uns wenigstens sechs Monate zum Vergessen.«
»Nein,« sprach Villefort, »ich habe noch fünf Tage: die Instruction ist gemacht: fünf Tage sind mehr Zeit, als ich brauche; begreifen Sie übrigens nicht, Madame, daß ich auch vergessen muß? Wenn ich arbeite. und ich arbeite Tag und Nacht, wenn ich arbeite, gibt es Augenblicke, wo ich mich nicht mehr erinnere, und wenn ich mich nicht mehr erinnere, bin ich glücklich nach Art der Toten, und das ist immer noch mehr wert als leiden.«
»Mein Herr, er ist entflohen, lassen Sie ihn fliehen, die Saumseligkeit ist eine leichte Nachsicht.«
»Aber ich sagte Ihnen bereits, daß es zu spät ist; mit Tagesanbruch hat der Telegraph gespielt, und zu dieser Stunde . . . «
»Herr Staatsanwalt,« sagte der Kammerdiener eintretend, »ein Kanzleibote bringt diese Depeche aus dem Ministerium des Innern.«
Villefort nahm den Brief und entsiegelte ihn rasch.
Madame Danglars bebte vor Schrecken, Villefort zitterte vor Freude.
»Verhaftet!« rief Villefort; »man hat ihn in Compiegne verhaftet, es ist vorbei.«
Madame Danglars erhob sich kalt und bleich.
»Adieu, mein Herr,« sagte sie.
»Adieu, Madame,« erwiderte der Staatsanwalt beinahe freudig und führte sie bis zur Thüre zurück.
Dann trat er an seinen Schreibtisch, schlug mit dem Rücken seiner rechten Hand aus den Brief und sprach:
»Gut, ich hatte eine Fälschung, ich hatte drei Diebstähle, ich hatte zwei Brandstiftungen, es fehlte mir nur ein Mord, hier ist er; die Sitzung wird hübsch sein.«
Fünftes Kapitel.
Die Erscheinung
Valentine war, wie es der Staatsanwalt zu Madame Danglars gesagt, noch nicht völlig wiederhergestellt. Gelähmt vor Müdigkeit, hütete sie in der Tat das Bett, und sie erfuhr in ihrem Zimmer aus dem Munde von Frau von Villefort die von uns erzählten Ereignisse, nämlich die Flucht von Eugenie und die Verhaftung von Andrea Cavalcanti, oder vielmehr Benedetto, so wie die gegen ihn erhobene Bezüchtigung eines Mordes. Doch Valentine war so schwach, daß diese Erzählung vielleicht nicht die Wirkung aus sie hervorbrachte, welche sie bei ihrem gewöhnlichen Gesundheitszustande hervorgebracht haben müßte. Es waren in der Tat nur einige unbestimmte Gedanken, einige unentschiedene Formen, vermischt mit seltsamen Ideen und flüchtigen Phantomen, welche in ihrem kranken Gehirne entstanden oder vor ihren Augen vorüberzogen, und bald verschwand wieder Alles, um die persönlichen Empfindungen abermals ihre volle Kraft gewinnen zu lassen.
Den Tag hindurch wurde Valentine noch in der Wirklichkeit erhalten durch die Gegenwart von Noirtier, der sich zu seiner Enkelin tragen ließ und Valentine mit seinem väterlichen Blicke bewachend bei ihr blieb; wenn sodann Villefort aus dem Justizpalaste zurückkam, verweilte er ebenfalls ein paar Stunden zwischen seinem Vater und seinem Kinde. Um sechs Uhr zog sich Villefort in sein Cabinet zurück: um acht Uhr erschien Herr d’Avrigny, der selbst den für das Mädchen bereiteten Trank brachte: dann trug man Noirtier weg. Eine Wärterin von der Wahl des Doktors ersetzte alle andere Personen und entfernte sich erst gegen zehn oder elf Uhr, wenn Valentine entschlummert war. Hinabgehend übergab sie die Schlüssel des Zimmers von Valentine Herrn von Villefort, so daß man nur durch die Wohnung von Frau von Villefort oder durch das Zimmer des kleinen Eduard zu der Kranken gelangen konnte.
Jeden Morgen kam Morrel zu Noirtier, um Erkundigungen einzuziehen: doch Morrel erschien sonderbarer Weise von Tag zu Tag weniger unruhig. Einmal ging es von Tag zu Tag bei Valentine besser, obgleich sie einer heftigen Nervenaufregung preisgegeben war; dann hatte ihm auch Monte Christo, als er ganz bestürzt zu ihm gelaufen war, gesagt, wenn Valentine in zwei Stunden nicht tot wäre, so würde sie gerettet. Valentine lebte aber noch, und es waren bereits vier Tage vorüber.
Die von uns erwähnte Nervenaufregung verfolgte Valentine bis in ihren Schlaf oder vielmehr bis in den schlafsüchtigen Zustand, der aus ihr Wachen eintrat: da geschah es, daß sie in der Stille der Nacht und in der Halbdunkelheit, welche bei der aus dem Kamine stehenden und in ihrer alabasternen Hülle brennenden Lampe im Raume um sie her herrschte, jene Schatten erblickte, welche das Zimmer der Kranken bevölkern, und die das Fieber von seinen bebenden Flügeln schüttelt. Dann kam es ihr bald vor, als ob sie ihre Stiefmutter drohend erblickte, bald als ob Morrel seine Arme nach ihr ausstreckte, bald als ob sie ihrem gewöhnlichen Leben fremde Wesen, wie den Grafen von Monte Christo, gewahrte; Alles bis aus das Zimmergeräthe erschien ihr in diesen Augenblicken des Deliriums beweglich und irrend; und dies dauerte bis um drei oder vier Uhr Morgens, wo ein bleierner Schlaf sich ihrer bemächtigte und sie bis zum Tage gefesselt hielt.
Am Abend des Tages, wo Valentine die Flucht von Eugenik und die Verhaftung von Benedetto erfahren, und wo diese Ereignisse, nachdem sie sich einen Augenblick mit den Empfindungen ihres eigenen Daseins vermischt, allmälig aus ihrem Geiste zu weichen ansingen, nachdem sich Herr von Villefort, d’Avrigny und Noirtier entfernt hatten, während es ein Uhr aus Saint-Philippe-du-Roule schlug und die Wärterin, die den von dem Doktor bereiteten Trank unter die Hand der Kranken gestellt und die Thüre ihres Zimmers geschlossen hatte, zitternd in der Gesindestube, in welche sie sich begeben, die Commentare der Dienstboten hörte und ihr Gedächtnis mit den traurigen Geschichten anfüllte, die seit drei Monaten die Kosten der Abendunterhaltung im Vorzimmer des Staatsanwaltes trugen, ereignete sich eine seltsame Szene in dem so sorgfältig geschlossenen Gemach.
Die Wärterin hatte sich seit ungefähr zehn Minuten entfernt. Seit etwa einer Stunde von dem jede Nacht wiederkehrenden Fieber heimgesucht, ließ Valentine den gegen ihren Willen unbotmäßigen Kopf die thätige, eigenthümliche und unversöhnliche Arbeit des Gehirnes fortsetzen, das sich in unabläßiger Wiederholung derselben Gedanken oder in Erzeugung derselben Bilder erschöpft. Von dem Dochte der Nachtlampe gingen tausend und aber tausend Strahlen insgesamt mit seltsamen Zeichen aus, als plötzlich Valentine ihre Bibliothek, welche neben dem Kamine in einer Mauervertiefung stand, sich öffnen zu sehen glaubte, ohne daß die Angeln, aus denen sie sich zu drehen schien, das geringste Geräusch hervorbrachten.
In jedem andern Augenblick hätte Valentine die Glocke genommen und um Hilfe gerufen: doch in der Lage, in der sie sich befand, erschreckte sie nichts mehr. Sie hatte das Bewußtsein, alle Visionen, die sie umgaben, wären die Töchter ihres Deliriums, und diese Überzeugung kam bei ihr davon her, daß am Morgen eine Spur von den Phantomen der Nacht, welche mit Tagesanbruch verschwanden, zurückgeblieben war. Hinter der Thüre erschien eine menschliche Gestalt, Valentine war in Folge ihres Fiebers zu sehr vertraut mit solchen Erscheinungen, um darüber zu erschrecken; sie riß nur die Augen weit aus, in der Hoffnung Morrel zu erkennen.
Die Gestalt schritt auf ihr Bett zu, dann blieb sie stehen und schien mit einer tiefen Aufmerksamkeit zu horchen.
In diesem Augenblick spielte ein Reflex der Lampe aus dem Gesichte des nächtlichen Besuches.
Und sie wartete, überzeugt, es wäre nur ein Traum, und dieser Mensch würde, wie es in den Träumen geschieht, verschwinden oder sich in irgend eine andere Person verwandeln.
Sie berührte sich nur den Puls, und als sie ihn heftig schlagen fühlte, erinnerte sie sich, das beste Mittel, diese überlästigen Erscheinungen verschwinden zu machen, wäre, zu trinken; die Frische des Getränkes, das in der Absicht bereitet war, die Aufregungen, über welche sich Valentine bei dem Doktor beklagt, zu beruhigen, linderte das Fieber und bewirkte eine Erneuerung der Empfindungen des Gehirnes; wenn sie getrunken hatte, litt sie für einen Augenblick weniger.
Valentine streckte also die Hand aus, um ihr Glas von der kristallenen Trinkschale zu nehmen, auf der es ruhte; doch während sie ihren zitternden Arm ausstreckte, machte die Erscheinung abermals, und noch lebhafter als zuvor, zwei Schritte gegen das Bett und gelangte so nahe zu Valentine, daß sie ihren Hauch hörte und den Druck ihrer Hand zu fühlen glaubte. Diesmal überstieg die Illusion oder vielmehr die Wirklichkeit Alles, was Valentine bis dahin erfahren hatte; sie fing an, sich für völlig erwacht und ganz lebendig zuhalten; sie hatte das Bewußtsein, daß sie bei voller Vernunft war, und bebte.
Der Druck, den Valentine gefühlt, hatte zum Zweck, ihren Arm zurückzuhalten.
Dann nahm diese Gestalt, von der sich ihr Blick nicht losmachen konnte, und die überdies mehr beschützend, als bedrohlich zu sein schien, das Glas, hielt es an die Nachtlampe und beschaute den Trank, als ob sie seine Klarheit und Durchsichtigkeit beurteilen wollte.
Doch die erste Probe genügte nicht. Dieser Mensch, oder vielmehr dieses Gespenst, denn er ging so leise, daß der Teppich das Geräusch seiner Tritte erstickte, dieser Mensch schöpfte einen Löffel voll aus dem Glase und verschluckte ihn.
Valentine schaute das, was vor ihren Augen vorging, mit einem Gefühle tiefen Erstaunens an. Sie glaubte wohl, dies Alles würde bald verschwinden, um einem andern Gemälde Platz zu machen; doch, statt wie ein Schatten zu entweichen, trat dieser Mensch näher zu ihr und sagte, Valentine das Glas reichend, mit erschütterter Stimme:
»Nun, trinken Sie!«
Valentine bebte. Es war das erste Mal, daß eine von ihren Erscheinungen mit diesem lebendigen Klange zu ihr sprach. Sie öffnete den Mund, um einen Schrei auszustoßen.
Der Mensch legte einen Finger aus seine Lippen.
»Der Herr Graf von Monte Christo!« murmelte sie.
An dem Schrecken, der sich in den Augen von Valentine ausprägte, an dem zittern ihrer Hände, an der raschen Gebärde, mit der sie sich unter ihre Tücher steckte, konnte man den letzten Kampf des Zweifels gegen die Überzeugung erkennen; doch die Gegenwart von Monte Christo zu einer solchen Stunde, sein phantastischer, geheimnisvoller, unerklärlicher Eintritt durch eine Wand, erschienen als Unmöglichkeiten für das erschütterte Gehirn von Valentine.
»Rufen Sie nicht, erschrecken Sie nicht,« sprach der Graf; »haben Sie nicht im Grunde Ihres Herzens den Blitz eines Verdachtes oder den Schatten einer Unruhe: der Mann, den Sie vor sich sehen (denn diesmal haben Sie Recht, Valentine, und es ist keine Täuschung), der Mann, den Sie vor sich sehen, ist der zärtlichste Vater und der ehrfurchtsvollste Freund, von dem Sie nur immer träumen konnten.«
Valentine fand keine Antwort; sie hatte eine so gewaltige Furcht vor dieser Stimme, die ihr die wirkliche Gegenwart des Sprechenden enthüllte, daß sie ihre Stimme nicht damit zu verbinden wagte; doch ihr erschrockener Blick wollte sagen: »Wenn Ihre Absichten rein sind, warum befinden Sie sich hier?«
Mit seinem wunderbaren Scharfsinn begriff der Graf Alles, was in dem Herzen des Mädchens vorging,
»Hören Sie mich,« sagte er, »oder vielmehr schauen Sie mich an: Sie sehen meine gerötheten Augen und mein ungewöhnlich bleiches Gesicht; seit vier Nächten habe ich nicht eine Secunde lang ein Auge geschlossen; seit vier Nächten wache ich über Ihnen, beschütze ich Sie, erhalte ich Sie unserem Freunde Maximilian.«
Eine Woge freudigen Blutes stieg rasch in die Wangen der Kranken; denn der von dem Grafen ausgesprochene Name erstickte den Rest des Mißtrauens, den er ihr eingeflößt.
»Maximilian! . . . « wiederholte Valentine, so süß kam es ihr vor, diesen Namen auszusprechen; »Maximilian! er hat Ihnen also Alles gestanden?«
»Alles. Er hat mir gesagt, Ihr Leben wäre das seinige, und ich versprach ihm, Sie würden leben.«
»Sie versprachen ihm, ich würde leben?«
»Ja.«
»In der Tat, mein Herr, Sie sagten vorhin ein paar Worte von Wachen und Schutz. Sind Sie denn ein Arzt?«
»Ja, der beste, den Ihnen der Himmel in diesem Augenblick schicken kann, das mögen Sie mir glauben.«
»Sie sagten, Sie hätten gewacht?« fragte Valentine unruhig; »wo denn? ich habe Sie nicht gesehen.«
Der Graf streckte die Hand in der Richtung der Bibliothek aus.
»Ich war hinter jener Thüre verborgen.« sagte er, »jene Thüre führt in das anstoßende Haus, das ich gemiethet habe.«
Valentine wandte mit einer Bewegung schamhaften Stolzes die Augen ab und sagte voll Schrecken:
»Mein Herr, was Sie getan haben, ist beispiellos wahnsinnig, und der Schutz, den Sie mir gewähren, gleicht ungemein einer Beleidigung.«
»Valentine,« sprach der Graf, »während der langen Nachtwachen sah ich nur, welche Leute zu Ihnen kamen, welche Nahrungsmittel man Ihnen bereitete, welche Getränke man Ihnen vorsetzte; erschienen mir diese Getränke gefährlich, so trat ich ein, wie ich so eben eingetreten bin, leerte Ihr Glas und setzte an die Stelle des Giftes ein wohlthätiges Getränke, das statt des Todes, den man Ihnen bereitet hatte, das Leben in Ihren Adern kreisen ließ.
»Gift! Tod!« rief Valentine, die sich abermals unter der Herrschaft einer fieberhaften Hallucination glaubte; »was sagen Sie da, mein Herr?«
»Stille, mein Kind,« erwiderte Monte Christo, einen Finger aus seine Lippen legend, »ich habe gesagt Gift, ich habe gesagt Tod, und wiederhole das Wort Tod; doch trinken Sie zuerst hiervon (der Graf zog aus seiner Tasche ein Fläschchen, das einen roten Saft enthielt, und goß ein paar Tropfen davon in ein Glas), und wenn Sie getrunken haben werden, nehmen Sie diese Nacht nichts mehr.«
Valentine streckte die Hand aus: doch kaum hatte sie das Glas berührt, als sie dieselbe voll Schrecken wieder zurückzog,
Monte Christo nahm das Glas, trank die Hälfte davon, reichte es Valentine und diese verschluckte lächelnd den Inhalt.
»Oh! ja,« sagte sie, »ich erkenne den Geschmack meiner nächtlichen Getränke, den Geschmack dieses Wassers, das meiner Brust ein wenig Frische, meinem Gehirn ein wenig Ruhe verlieh, Ach danke, mein Herr, ich danke.«
»So haben Sie seit vier Nächten gelebt, Valentine,« sprach der Graf. »Doch wie lebte ich? Oh, welche grausame Stunden ließen Sie mich durchmachen? Oh! welche furchtbare Oualen ließen Sie mich ausstehen, als ich in Ihr Glas das tägliche Gift gießen sah, als ich zitterte, Sie hätten Zeit, es zu trinken, ehe ich Zeit gehabt, dasselbe in den Kamin zu schütten!«
»Sie sagen, mein Herr,« sprach Valentine im höchsten Maße erschrocken, »Sie sagen, Sie haben tausend Qualen ausgestanden, als man in mein Glas das tätliche Gift gegossen? Doch wenn Sie Gift in mein Glas gießen sahen, so mußten Sie auch die Person sehen, die es hinein gegossen?«
»Ja.«
Valentine richtete sich auf, zog über ihre schneebleiche Brust den gestickten Battist, der noch feucht war von dem kalten Schweiße des Fiebers, mit dem sich der noch viel eisigere Schweiß des Schreckens zu vermischen anfing, und wiederholte:
»Sie haben sie gesehen?«
»Ja,« sprach zum zweiten Male der Graf.
»Was Sie mir da sagen, ist gräßlich, mein Herr, denn Sie wollen mich irgend etwas Höllisches glauben machen. Wie! in dem Hause meines Vaters, wie! in meinem Zimmer, wie! aus meinem Schmerzenslager fährt man fort, mich zu ermorden? Oh! entfernen Sie sich, mein Herr, Sie führen mein Gewissen in Versuchung, Sie schmähen die Güte Gottes; es ist unmöglich, es kann nicht sein.«
»Sind Sie denn die Erste, welche diese Hand schlägt, Valentine? Haben Sie nicht in Ihrer Umgebung Herrn von Saint-Meran, Frau von Saint-Meran, Barrois fallen sehen? Hätten Sie nicht Herrn Noirtier fallen sehen, würde ihn nicht die Behandlung, welche er seit drei Jahren befolgt, das Gift durch die Gewohnheit des Giftes bekämpfend beschützt haben?«
»Oh! mein Gott! deshalb also verlangt der gute Papa seit beinahe einem Monat von mir, daß ich alle seine Getränke teile?«
»Und diese Getränke,« rief Monte Christo, »nicht wahr, sie haben einen bittern Geschmack, wie halb getrocknete Orangenschalen?«
»Ja, mein Gott, ja!«
»Oh! das erklärt mir Alles,« sprach Monte Christo; »er weiß auch, daß man hier vergiftet, und vielleicht wer hier vergiftet. Er hat Sie, sein viel geliebtes Kind, gegen die tödliche Substanz verwahrt, und die tödliche Substanz hat sich an diesem Anfang einer Gewohnheit abgestumpft; deshalb leben Sie noch, was ich mir nicht erklären konnte, nachdem man Ihnen vor vier Tagen ein Gift beigebracht, das gewöhnlich unerbittlich ist.«
»Aber wer ist denn der Meuchler, der Mörder?«
»Ich frage Sie ebenfalls: haben Sie nie Jemand in der Nacht in Ihr Zimmer eintreten sehen?«
»Doch wohl. Ost kam es mir vor, als sähe ich Schatten erscheinen, sich nähern, sich entfernen, verschwinden; doch ich hielt sie für Ausgeburten meines Fiebers, und so eben, als Sie selbst eintraten, glaubte ich lange, ich hätte entweder das Fieber, oder ich träumte.«
»Also kennen Sie die Person nicht, die Ihnen das Leben nehmen will?«
»Nein,« sprach Valentine. »Warum sollte Jemand meinen Tod wünschen?«
»Sie werden sie kennen lernen,« versetzte Monte Christo horchend.
»Wie dies?« fragte Valentine voll Schrecken umherschauend.
»Weil Sie diesen Abend weder das Fieber, noch das Delirium haben, weil Sie diesen Abend vollkommen wach sind, weil es so eben Mitternacht schlägt und dies die Stunde der Mörder ist.«
»Mein Gott! mein Gott!« sprach Valentine, mit der Hand den Schweiß abtrocknend, der aus ihrer Stirne perlte.
Es schlug in der Tat langsam und traurig zwölf Uhr; es war, als ob jeder Schlag des ehernen Hammers aus das Herz des Mädchens träfe.
»Valentine,« fuhr der Graf fort, »rufen Sie alle Ihre Kräfte zu Hilfe, drängen Sie Ihr Herz in Ihre Brust zurück, halten Sie Ihre Stimme in Ihrer Kehle fest, stellen Sie sich eingeschlafen, und Sie werden sehen.«
Valentine faßte den Grafen bei der Hand und sagte:
»Es scheint mir, ich höre Geräusch, entfernen Sie sich!«
»Leben Sie wohl, oder vielmehr aus Wiedersehen,« sprach der Graf.
Dann kehrte er mit einem so traurigen und so väterlichen Lächeln, daß das Herz des Mädchens davon durchdrungen war, zu der Thüre der Bibliothek zurück. Doch sich noch einmal umwendend, ehe er sie hinter sich schloß, flüsterte er:
»Keine Gebärde, kein Wort; man halte Sie für eingeschlafen; sonst würde man Sie vielleicht töten, ehe ich Zeit hätte, herbeizulaufen.«
Nach dieser furchtbaren Ermahnung verschwand der Graf hinter der Thüre, die sich stille schloß.
