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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 95

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Sechstes Kapitel
Locusta

Valentine blieb allein; zwei Pendeluhren, welche der Uhr von Saint-Philippe-du-Roule nachgingen, schlugen abermals in verschiedenen Zwischenräumen Mitternacht.

Dann verfiel Alles, abgesehen von ein Paar Wagen, die man in der Entfernung rollen hörte, in eine Todesstille.

Sie fing an, die Secunden zu zählen, und bemerkte, daß sie um das Doppelte langsamer waren, als die Schläge ihres Herzens.

Aber dennoch zweifelte sie. Die harmlose Valentine konnte sich nicht einbilden, es wünschte irgend Jemand ihren Tod. Warum? in welcher Absicht? was hatte sie Böses getan, um sich einen Feind zuzuziehen?«

Ein Gedanke, ein einziger, furchtbarer Gedanke hielt ihren Geist gespannt: der Gedanke, es sei eine Person aus der Welt, welche sie zu ermorden versucht habe und es abermals versuchen würde. Wenn diese Person, der Unwirksamkeit des Giftes müde, diesmal, wie es der Graf von Monte Christo gesagt, ihre Zuflucht zum Eisen nehmen würde! wenn der Graf nicht mehr Zeit hätte, herbeizueilen! wenn sie ihrem letzten Augenblicke nahe stünde! wenn sie Morrel nicht mehr wiedersehen sollte!«

Bei diesem Gedanken, der sie zugleich mit leichenblässe und mit eisigem Schweiße bedeckte, war Valentine nahe daran. nach der Glockenschnur zu greifen und um Hilfe zu rufen.

Doch es kam ihr vor, als sähe sie durch die Thüre der Bibliothek das Auge des Grafen funkeln, dieses Auge, das auf ihrer Erinnerung lastete und sie, wenn sie daran dachte, mit solcher Scham niederdrückte, daß sie sich fragte, ob es je der Dankbarkeit gelingen würde, die peinliche Wirkung der indiskreten Freundschaft des Grafen zu verwischen.

Zwanzig Minuten, zwanzig Ewigkeiten verliefen so, dann noch zehn andere Minuten; endlich schlug die Pendeluhr einmal auf das hellklingende Glöckchen.

In demselben Augenblick offenbarte Valentine ein unmerkliches Kratzen des Nagels an dem Holze der Bibliothek, daß der Graf wachte und ihr zu wachen empfahl.

Auf der entgegengesetzten Seite, nämlich in der, Richtung des Zimmers von Eduard, glaubte Valentine wirklich den Boden krachen zu hören; sie horchte, ihren beinahe erstickten Atem zurückhaltend; der Drücker des Schlosses knirschte, und die Thüre drehte sich aus ihren Angeln.

Valentine hatte sich auf ihren Ellenbogen erhoben; es blieb ihr kaum noch Zeit, sich aus ihr Bett zurückfallen zu lassen und ihre Augen unter ihren Armen zu verbergen.

Dann wartete sie zitternd, erschüttert, das Herz von einer unsäglichen Angst zusammengeschnürt.

Es näherte sich Jemand dem Bette und streifte die Vorhänge.

Valentine raffte alle ihre Kräfte zusammen und ließ das regelmäßige Gemurmel des Atems vernehmen, das einen ruhigen Schlaf andeutet.

»Valentine!« sprach ganz leise eine Stimme.

Dasselbe Stillschweigen: Valentine hatte nicht zu erwachen versprochen.

Dann blieb Alles unbeweglich: Valentine hörte nur das beinahe unmerkliche Geräusch einer Flüssigkeit, welche in das Glas fiel, das sie geleert hatte.

Nun wagte sie es unter dem Walle ihres ausgestreckten Armes halb ihr Augenlid zu öffnen. Sie sah eine Frau in weißem Nachtmantel, welche aus einer Phiole in ihr Glas eine Flüssigkeit leerte.

Während dieses kurzen Augenblicks hielt Valentine vielleicht ihren Athen, zurück oder sie machte ohne Zweifel irgend eine Bewegung, denn die Frau schaute unruhig aus und neigte sich über ihr Bett, um nachzusehen, ob sie wirklich schliefe: es war Frau von Villefort.

Als Valentine ihre Stiefmutter erkannte, wurde sie von einem so jähen Schauer ergriffen, daß sich ihr Bett bewegte.

Frau von Villefort drückte sich sogleich an die Wand, und durch den Bettvorhang beschützt, beobachtete sie hier, stumm, aufmerksam, die geringste Bewegung von Valentine.

Diese erinnerte sich der furchtbaren Worte von Monte Christo; es war ihr vorgekommen, als hätte sie in der Hand, welche die Phiole nicht hielt, eine Art von langem, scharfem Messer glänzen sehen.

Valentine rief nun ihre ganze Willenskraft zu Hilfe und strengte sich an, die Augen zu schließen; doch diese Function des furchtsamsten unserer Sinne, die sonst so einfache Function wurde in diesem Augenblick beinahe unmöglich, so sehr strebte die Neugierde darnach, das Augenlid auszuschlagen und die Wahrheit anzuziehen.

Durch die Stille, in der sich das gleichmäßige Geräusch des Atemholens von Valentine wieder hören ließ, versichert, diese schliefe, streckte Frau von Villefort abermals den Arm aus und goß, halb verborgen hinter dem oben am Bette zusammengezogenen Vorhang, den Inhalt der Phiole vollends in das Glas von Valentine.

Dann entfernte sie sich, ohne daß das geringste Geräusch Valentine ihren Abgang offenbarte.

Sie hatte den Arm verschwinden sehen und nicht mehr: diesen frischen, runden Arm einer schönen, jungen Frau von fünf und zwanzig Jahren, welche den Tod eingoß.

Es läßt sich nicht ausdrücken, was Valentine während dieser anderthalb Minuten empfunden, welche Frau von Villefort in ihrem Zimmer geblieben war.

Das Kratzen des Nagels an der Bibliothek entzog Valentine ihrer Betäubung, die einer völligen Starrheit ähnlich war.

Sie hob den Kopf mit großer Anstrengung in die Höhe. Die stille Thüre drehte sich abermals auf ihren Angeln, und der Graf von Monte Christo erschien wieder.

»Nun!« fragte er, »zweifeln Sie immer noch daran?«

»Oh mein Gott!« murmelte das Mädchen.

»Sie haben gesehen?«

»Ach!«

»Sie haben erkannt?«

Valentine stieß einen Seufzer aus und erwiderte:

»Ja, doch ich kann nicht daran glauben.«

»Sie wollen also lieber sterben und Maximilian sterben lassen?«

»Mein Gott! mein Gott!« rief das Mädchen beinahe von Sinnen: »kann ich denn nicht das Haus verlassen, fliehen?«

»Valentine, die Hand, welche Sie verfolgt, wird Sie überall treffen: mit Gold verführt man Ihre Diener, und der Tod bietet sich Ihnen unter allen Gestalten verkleidet, im Wasser, das Sie an der Quelle trinken, in der Frucht, die Sie vom Baume pflücken.«

»Aber sagten Sie denn nicht, die Vorsicht des guten Papa habe mich gegen das Gift beschützt?«

»Gegen ein Gift, das nicht einmal in starker Dose angewendet wurde; man wird das Gift verändern oder die Dose vermehren.«

Er nahm das Glas und benetzte seine Lippen.

»Ah! sehen Sie,« sagte er, »es ist bereits geschehen. Man vergiftet Sie nicht mehr mit Brucin, sondern mit einem einfachen narkotischen Mittel. Ich erkenne den Geschmack des Alkohols, in welchem man es hat auflösen lassen. Hätten Sie getrunken, was Ihnen Frau von Villefort in dieses Glas gegossen, Valentine, Valentine, Sie wären bereits verloren.«

»Mein Gott! warum verfolgt sie mich denn aus diese Art?« rief das junge Mädchen,

»Wie! Sie sind so sanft, so gut, Sie glauben so wenig an das Böse, daß Sie nicht begriffen haben, Valentine?«

»Nein,« sprach das Mädchen; »ich habe ihr nie Schlimmes zugefügt.«

»Doch Sie sind reich, Valentine, Sie haben zweimal hundert tausend Franken Rente, und diese zweimal hundert tausend Franken entziehen Sie ihrem Sohne.«

»Wie so? Mein Vermögen ist nicht das seinige; es kommt mir von meinen Großeltern zu.«

»Allerdings, und deshalb sind Herr und Frau von Saint-Meran gestorben: es geschah, damit Sie Ihre Großeltern erbten: deshalb war Herr Noirtier verurteilt, sobald er Sie zu seiner Erbin eingesetzt hatte; deshalb endlich sollen Sie sterben, damit Ihr Vater von Ihnen erbt, und Ihr Bruder, einziger Sohn geworden, von Ihrem Vater erbt.«

»Eduard! armes Kind, für ihn begeht man alle diese Verbrechen?«

»Ah! Sie begreifen endlich.«

»Mein Gott! Wenn nur nicht dies Alles auf ihn zurückfällt!«

»Sie sind ein Engel, Valentine!«

»Doch mein Großvater, hat man darauf Verzicht geleistet, ihn umzubringen?«

»Man hat überlegt, daß, wenn Sie tot wären, das Vermögen, falls keine Enterbung stattfände, natürlich aus Ihren Bruder übergehen würde, und man dachte, die Verübung des. Verbrechens, insofern dieses unnütz wäre, müßte doppelt gefährlich sein.«

»Und in dem Geiste einer Frau ist eine solche Combination geboren worden! Oh mein Gott! mein Gott!«

»Denken Sie an Perugia, an die Lande im Gasthause zur Post, an den Mann mit den, braunen Mantel, den Ihre Mutter über die Aqua Tosana befragte; nun, seit jener Zeit reifte der ganze höllische Plan in ihrem Gehirn.«

»Oh! mein Herr,« rief das sanfte Mädchen in Tränen zerfließend, »ich sehe wohl, daß ich zum Sterben verurteilt bin, wenn es so ist.«

»Nein, Valentine, nein, denn ich habe alle diese Complotte vorhergesehen; nein, denn unsere Feindin ist besiegt, weil sie erraten ist; nein, Sie werden leben, Valentine, um zu lieben und geliebt zu sein, Sie werden leben, um glücklich zu sein und ein edles Herz glücklich zu machen; doch um zu leben, Valentine, müssen Sie Vertrauen zu mir haben.«

»Befehlen Sie, mein Herr, was soll ich tun?« »Sie müssen blindlings nehmen, was ich Ihnen geben werde.«

»Oh! Gott ist mein Zeuge,« rief Valentine, »wenn ich allein wäre, so würde ich lieber sterben.«

»Sie werden Niemand vertrauen, selbst nicht einmal Ihrem Vater?«

»Nicht wahr, mein Vater hat keinen Anteil an diesem furchtbaren Complott?«

»Nein, und dennoch muß Ihr Vater, der an juristische Bezüchtigungen gewöhnte Mann, vermuten, daß alle die Todesfälle, welche Ihr Haus treffen, nicht natürlich sind. Ihr Vater hätte über Ihnen wachen sollen, er sollte zu dieser Stunde an dem Platze sein, den ich einnehme; er sollte bereits dieses Glas ausgeleert haben; er müßte sich gegen den Mörder erhoben haben. Gespenst gegen Gespenst,« murmelte er ganz leise seinen Satz vollendend.

»Mein Herr,« sprach Valentine, »ich werde Alles tun, um zu leben, denn es gibt zwei Wesen aus der Welt, die mich so lieben, daß sie sterben würden, wenn mich der Tod träfe: mein Großvater und Maximilian.«

»Ich werde über ihnen wachen, wie ich Sie bewache.«

»Wohl, mein Herr, verfügen Sie über mich,« sprach Valentine . . . Dann sagte sie mit leiser Stimme: »Oh, mein Gott! mein Gott! was wird mir widerfahren?«

»Valentine, was Ihnen auch widerfahren mag, erschrecken Sie nicht; wenn Sie leiden, wenn Sie das Gesicht, das Gehör, das Gefühl verlieren, fürchten Sie nichts. Wenn Sie erwachen, ohne zu wissen, wo Sie sind, haben Sie nicht bange, und sollten Sie sich in einem Grabgewölbe oder in einem Sarge finden; sammeln Sie sogleich Ihren Geist und sagen Sie sich: In diesem Augenblicke wacht ein Freund, ein Vater, ein Mann, der mein Glück und das von Maximilian will, über mir.«

»Ach! ach! welch eine gräßliche Notwendigkeit!« »Valentine, wollen Sie lieber Ihre Stiefmutter angeben?«

»Ich wollte lieber hundertmal sterben! oh! ja, sterben!«

»Nein, Sie werden nicht sterben, und was Ihnen auch geschehen mag, Sie werden nicht klagen, sondern hoffen, das versprechen Sie mir!«

»Ich werde an Maximilian denken.«

»Sie sind meine vielgeliebte Tochter; ich allein kann Sie retten, und werde Sie retten.«

Valentine faltete im höchsten Schrecken die Hände (denn sie fühlte, daß der Augenblick gekommen war, Gott um Mut anzuflehen); sie richtete sich aus»um zu beten, murmelte Worte ohne Folge und vergaß dabei, daß ihre weißen Schultern keinen andern Schleier hatten, als ihr reiches Haar, und daß man ihr Herz unter der seinen Spitze ihres Nachtgewandes schlagen sah.

Der Graf legte sachte die Hand aus den Arm von Valentine, zog ihre Sammetdecke bis zum Halse heraus, und sprach mit einem ganz väterlichen Lächeln:

»Meine Tochter, glauben Sie an meine Zuneigung, wie’ Sie an die Güte Gottes und an die Liebe von Maximilian glauben.«

Valentine heftete einen Blick voll Dankbarkeit auf ihn, und blieb.gelehrig wie ein Kind.

Da zog der Graf aus seiner Westentasche die kleine Büchse von Smaragd, nahm ihren goldenen Deckel ab, und schüttelte in die Hände von Valentine eine runde Pastille von der Größe einer Erbse. j

Valentine nahm sie mit der andern Hand, und schaute den Grafen aufmerksam an; es lag in den Zügen dieses unerschütterlichen Beschützers ein Wiederschein der göttlichen Macht und Majestät. Valentine befragte ihn offenbar mit dem Blicke.

»Ja,« antwortete er.

Valentine schob die Pastille in den Mund und verschluckte sie.

»Und nun auf Wiedersehen, mein Kind,« sprach der Graf, »ich will es versuchen, zu schlafen, denn Sie sind gerettet,«

»Gehen Sie,« sagte Valentine, »was mir auch begegnen mag, ich verspreche Ihnen, nicht bange zu haben.«

Monte Christo hielt lange seine Augen aus das Mädchen geheftet, das besiegt durch die Macht des narkotischen Mittels, welches ihr der Graf gegeben, allmälig entschlummerte.

Nun nahm er das Glas, leerte es aus drei Viertel in den Kamin, damit man glauben könnte, Valentine habe das Fehlende getrunken, und stellte es wieder aus den Nachttisch; dann kehrte er zur Thüre der Bibliothek zurück und verschwand, nachdem er einen letzten Blick aus Valentine geworfen hatte, welche mit dem Vertrauen und der Reinheit eines zu den Füßen des Herrn liegenden Engels einschlief.

Siebentes Kapitel.
Valentine

Die Nachtlampe brannte immer noch aus dem Kamine von Valentine und verzehrte die letzten Tropfen Öl, welche oben aus dem Wasser schwammen; bereits färbte ein röthlicher Kreis den Alabaster der Kugel, bereits gab die lebhaftere Flamme jenes letzte Geknister von sich, das bei den unbeseelten Wesen wie die letzten Convulsionen des Todeskampfes erscheint, die man so oft mit denen der armen menschlichen Geschöpfe verglichen hat; ein trauriges Licht färbte mit einem opalen Reflex die weißen Vorhänge und die Betttücher des Mädchens. Alles Geräusch der Straße war für diesmal erloschen, und im Innern herrschte eine furchtbare Stille.

Die Thüre des Zimmers von Eduard öffnete sich jetzt, und ein Kopf, den wir bereits gesehen, erschien in dem der Thüre gegenüber angebrachten Spiegel: es war Frau von Villefort, welche zurückkehrte, um die Wirkung des Trankes zu beobachten.

Sie blieb aus der Schwelle stehen, hörte das Knistern der Lampe, das einzige bemerkbare Geräusch in diesem Zimmer, das man hätte für verlassen halten sollen, und ging dann sachte aus den Nachttisch zu, um zu sehen, ob das Glas von Valentine leer wäre.


Es war, wie gesagt, noch zum vierten Teile voll.

Frau von Villefort nahm es und leerte es in die Asche, welche sie mit dem Fuße umrührte, um die Einsaugung der Flüssigkeit zu erleichtern; dann schwenkte sie sorgfältig den Kristall, wischte ihn mit ihrem eigenen Sacktuch aus, und stellte ihn wieder aus den Nachttisch.

Wer im Stande gewesen wäre, in das Innere dieses Zimmer« zu schauen, würde gesehen haben, wie Frau von Villefort zögerte, ihre Augen aus Valentine zu heften und sich ihrem Bette zu nähern.

Dieser düstere Schimmer, dieses Stillschweigen, diese furchtbare Poesie der Nacht hatten sich ohne Zweifel mit der gräßlichen Poesie ihres Gewissens verbunden: die Giftmischerin fürchtete sich vor ihrem Werke.

Endlich faßte sie Mut, schob den Vorhang auf die Seite, stützte sich aus das Kopfkissen und neigte sich über Valentine.

Valentine atmete nicht mehr; halb auseinander ließen ihre Zähne kein Atom von dem Hauche durch, der das Leben verräth; ihre weißen Lippen hatten zu zittern aufgehört; in einen violetten Dunst getaucht, der sich unter die Haut gezogen zu haben schien, bildeten ihre Augen einen weißeren Vorsprung, wo der Augapfel das Lid aufschwoll, und ihre langen, schwarzen Wimpern durchfurchten eine bereits wachsartig matte Haut,

Frau von Villefort beschaute dieses Gesicht mit einem in seiner Unbeweglichkeit beredten Ausdruck; sie hob dann keck die Decke aus und legte ihre Hand aus das Herz des Mädchens. Es war stumm und eisig.

Was unter ihrer Hand schlug, das war die Arterie ihrer Finger: sie zog ihre Hand mit einem Schauer zurück

Der Arm von Valentine hing über das Bett herab; dieser Arm schien in dem ganzen Teile, welcher sich von der Schulter bis zur Aderlaßstelle erstreckte, nach dem von einer der Grazien von Germain Pilon geformt; der Vorderarm war jedoch durch ein Zusammenziehen leicht entstellt, und das so reine Handgelenke stützte sich etwas steif und mit ausgestreckten Fingern aus den Mahagoni.

Die Nägel waren an der Wurzel blau.

Für Frau von Villefort gab es keinen Zweifel mehr, Alles war vorbei; das furchtbare Werk, das letzte, was sie zu vollbringen hatte, war vollbracht. Die Giftmischerin hatte nichts mehr in diesem Zimmer zu tun; sie wich so behutsam zurück, daß sie offenbar das Krachen ihrer Füße aus dem Teppich fürchten mußte; doch während sie zurückwich, hielt sie noch den Vorhang ausgehoben und verschlang das Schauspiel des Todes, das eine unwiderstehliche Anziehungskraft in sich trägt, so lange der Tod nicht Zersetzung, sondern nur Unbeweglichkeit ist, so lange er das Geheimnis bleibt, und nicht Ekel wird.

Die Minuten vergingen, Frau von Villefort schien diesen Vorhang, welchen sie wie ein Leichentuch über dem Haupte von Valentine hielt, nicht loslassen zu können. Sie bezahlte ihren Tribut der Träumerei; die Träumerei des Verbrechens muß der Gewissensbiß sein.

In diesem Augenblick verdoppelte sich das Geknister der Nachtlampe.

Frau von Villefort bebte bei diesem Geräusch und ließ den Vorhang fallen.

In demselben Augenblick erlosch die Nachtlampe, und das Zimmer versank in eine furchtbare Dunkelheit.

Unter dieser Dunkelheit erwachte die Pendeluhr und schlug halb vier.

Erschrocken über diese aus einander folgenden Bewegungen, erreichte die Giftmischerin tappend die Thüre, und kehrte, den Angstschweiß aus der Stirne, in ihr Zimmer zurück.

Die Dunkelheit dauerte noch zwei Stunden.

Allmälig drang ein bleicher Tag durch die Zwischenräume der Läden, und das Licht wurde nach und nach stärker und gab den Gegenständen und Körpern Farbe und Form zurück.

Um diese Zeit ertönte der Husten der Krankenwärterin aus der Treppe, und diese Frau trat, eine Tasse in der Hand, ein.

Für einen Vater, für einen Geliebten würde der erste Blick entscheidend gewesen sein, Valentine war tot; für diese Lohndienerin war sie nur eingeschlafen.

»Gut!« sagte sie, sich dem Nachttische nähernd, »sie hat einen Teil ihres Trankes getrunken, das Glas ist aus zwei Drittel leer.«

Dann ging sie an den Kamin, zündete Feuer an, setzte sich in ihren Lehnstuhl und benützte, obgleich sie erst aus ihrem Bette kam, den Schlaf von Valentine, um noch einige Augenblicke zu schlummern.

Die Pendeluhr erweckte die Wärterin, als es acht Uhr schlug.

Erstaunt über den hartnäckigen Schlaf, in welchem Valentine verharrte, erschrocken über den aus dem Bette hängenden Arm, den die Schläferin immer noch nicht angezogen hatte, ging sie aus das Bett zu, und jetzt erst bemerkte sie die kalten Lippen und die eisige Brust.

Sie wollte den Arm zum Körper, heraufziehen; doch mit jener furchtbaren Steifheit, in der sich eine Krankenwärterin nicht täuschen konnte, widerstand der Arm.

Sie stieß einen furchtbaren Schrei aus, lies an die Thüre und rief:

»Zu Hilfe! zu Hilfe!«

»Wie! zu Hilfe?« entgegnete unten von der Treppe die Stimme von Herrn d’Avrigny.

Es war die Stunde, zu der der Doktor gewöhnlich kam.

»Wie! zu Hilfe!« rief Herr von Villefort, aus seinem Cabinet stürzend; »Doktor, haben Sie nicht um Hilfe rufen hören?«

»Ja, ja, gehen wir rasch hinaus, es ist bei Valentine;« antwortete d’Avrigny.

Doch ehe der Arzt und der Vater hinauskamen, waren die Diener, welche sich in den Zimmern und Gängen aus demselben Boden befanden, bei Valentine eingetreten, und als sie diese bleich und unbeweglich aus ihrem Bette sahen, hoben sie die Hände zum Himmel empor und wankten wie vom Schwindel erfaßt,

»Ruft Frau von Villefort! weckt Frau von Villefort!« schrie der Staatsanwalt vor der Thüre des Zimmers, in das er, wie es schien, nicht einzutreten wagte.

Doch statt zu antworten, schauten die Diener Herrn d’Avrigny an, der aus Valentine zugelaufen war und sie in seinen Armen aushob,

»Auch diese . . . murmelte er und ließ sie zurückfallen. »Oh! mein Gott! mein Gott! wann wirst Du müde werden?«

Villefort stürzte in das Zimmer.

»Was sagen Sie?« rief er, die Hände zum Himmel emporstreckend, »Doktor! . . . Doktor! . . . «

»Ich sage, daß Valentine tot ist,« antwortete d’Avrigny mit feierlichem und in seiner Feierlichkeit schrecklichem Tone.

Herr von Villefort sank zusammen, wie wenn seine Beine gebrochen wären, und fiel mit dem Kopf auf das Bett von Valentine.

Bei den Worten des Doktors, bei dem Geschrei des Vaters entflohen die Diener voll Schrecken und unter dumpfen Verwünschungen; man hörte aus den Treppen und in den Gängen hastige Tritte, dann eine große Bewegung in den Höfen, dann war Alles vorbei; der Lärmen erlosch: von dem ersten bis zum letzten hatten sie insgesamt das verfluchte Haus verlassen.

In diesem Augenblick hob Frau von Villefort, den Arm halb in ihr Morgengewand gehüllt, den Thürvorhang aus; einen Augenblick blieb sie aus der Schwelle, scheinbar die Anwesenden befragend und ein paar rebellische Tränen zu Hilfe rufend.

Plötzlich machte sie, die Arme gegen den Nachttisch ausgestreckt, einen Schritt oder vielmehr einen Sprung vorwärts.

Sie hatte gesehen, wie sich d’Avrigny neugierig über diesen Tisch beugte und das Glas nahm, von dem sie gewiss wußte, daß sie den Inhalt in die Asche geschüttet.

Hätte sich das Gespenst von Valentine vor der Giftmischerin erhoben, es könnte keine solche Wirkung aus sie hervorgebracht haben.

Es ist die Farbe der Flüssigkeit, die sie in das Glas von Valentine gegossen und welche Valentine getrunken hat: es ist dieses Gift, welches das Auge von Herrn d’Avrigny nicht täuschen kann, und Herr d’Avrigny betrachtet es aufmerksam; es ist ein Wunder, das Gott ohne Zweifel getan, damit, trotz der Vorsichtsmaßregeln der Mörderin., eine Spur, ein Beweis eine Anzeige des Verbrechens zurückbleibe.

Während Frau von Villefort unbeweglich wie die Bildsäule des Schreckens dastand, während Villefort, den Kopf verborgen in den Tüchern des Sterbebettes, nichts von dem sah, was um ihn her vorging, näherte sich d’Avrigny dem Fenster, um mit dem Äuge genauer den Inhalt des Glases zu prüfen, und verkostete einen Tropfen, den er mit dem Ende des Fingers nahm.

»Ah!« murmelte er, »das ist nicht mehr Brucin; wir wollen sehen, was es ist.«

Dann lief er nach einem der Schränke im Zimmer von Valentine, den man in eine Apotheke verwandelt hatte, zog aus seinem kleinen silbernen Gehäuse ein Fläschchen mit Salpetersäure hervor und ließ ein paar Tropfen in das Milchweiß der Flüssigkeit fallen, die sich alsbald in ein Halbglas frischrotes Blut verwandelte.

»Ah!« machte d’Avrigny mit dem Schrecken des Richters, dem sich die Wahrheit enthüllt, vermischt mit der Freude des Gelehrten, welchem sich ein Problem entschleiert,

Frau von Villefort drehte sich einen Augenblick um sich selbst, ihre Augen schleuderten Flammen, dann erloschen sie: wankend suchte sie mit der Hand die Thüre, und verschwand.

Einen Augenblick nachher hörte man das entfernte Geräusch eines aus den Boden fallenden Körpers.

Doch Niemand merkte darauf. Die Wärterin war damit beschäftigt, der chemischen Analyse zuzuschauen; Villefort war immer noch vernichtet.

Herr d’Avrigny allein folgte mit den Augen Frau von Villefort und bemerkte ihren raschen Abgang.

Er hob den Thürvorhang des Zimmers von Valentine auf, und durch das von Eduard konnte sein Blick in das Gemach von Frau von Villefort dringen, die er ohne Bewegung aus dem Boden ausgestreckt sah.

»Stehen Sie Frau von Villefort bei,« sagte er zu der Wärterin; »Frau von Villefort befindet sich unwohl!«

»Doch Fräulein Valentine!« stammelte die Wärterin.

»Fräulein Valentine bedarf seiner Hilfe mehr, denn sie ist tot,« sprach d’Avrigny.

»Todt! tot!« seufzte Villefort im Paroxysmus eines um so gräßlicheren Schmerzes, als er für dieses eherne Herz neu, unbekannt, unerhört war.

»Todt sagen Sie?« rief eine dritte Stimme, »wer sagt, Valentine wäre tot?«

Die zwei Männer wandten sich um und erblickten an der Thüre Morrel, bleich, verstört, furchtbar.

Man höre, was geschehen:

Morrel hatte sich zu seiner gewöhnlichen Stunde durch die kleine Thüre, welche zu Noirtier führte, eingefunden.

Gegen die Gewohnheit fand er die Thüre offen; er hatte also nicht nötig, zu läuten, und trat ein.

Im Vorhause wartete er einen Augenblick und rief einen Bedienten, der ihn bei dem alten Noirtier einführen sollte.

Doch Niemand antwortete: die Diener hatten, wie man weiß, das Haus verlassen.

Es war bei Morrel an diesem Tag kein besonderer Grund zur Unruhe vorhanden: er hatte das Versprechen von Monte Christo, Valentine würde leben, und bis jetzt war das Versprechen getreu gehalten worden. Jeden Abend gab ihm der Graf gute Nachrichten, die ihm Noirtier am andern Morgen bestätigte.

Diese Einsamkeit kam ihm indessen seltsam vor; er rief zum zweiten, zum dritten Male, dasselbe Stillschweigen.

Da entschloß er sich, hinauszugehen. Die Thüre von Noirtier war offen, wie die andern Thüren.

Das Erste, was er sah, war der Greis in seinem Lehnstuhle und an seinem gewöhnlichen Platze; doch die erweiterten Augen von Noirtier schienen einen innern Schrecken auszudrücken, welchen noch die über seine Züge ausgebreitete seltsame Blässe bestätigte.

»Wie geht es Ihnen, mein Herr?« fragte der junge Mann mit gepreßtem Herzen.

»Gut!« machte der Greis mit den Augen blinzelnd, »gut!«

Doch sein Gesicht schien an Unruhe zuzunehmen. »Sie sind unruhig,« fuhr Morrel fort, »Sie brauchen etwas. Soll ich einen von Ihren Leuten rufen?« »Ja,« machte Noirtier.

Morrel hing sich gleichsam an eine Klingelschnur, doch er mochte immerhin zum Brechen ziehen, Niemand kam.

Er wandte sich gegen Noirtier um: die Blässe und die Angst traten immer stärker aus dem Antlitz des Greises hervor.

»Mein Gott! mein Gott!« sprach Morrel, »warum kommt man denn nicht? Ist Jemand krank im Hause?«

Die Augen von Noirtier schienen nahe daran, aus ihrer Höhle hervorzuspringen.

»Aber was haben Sie denn?« fuhr Morrel fort, »Sie erschrecken mich. Valentine! Valentine! . .«

»Ja, ja,« machte der Greis.

Maximilian öffnete den Mund, um zu sprechen, doch seine Zunge vermochte keinen Ton zu artikulieren er wankte und hielt sich am Gesimse.

Dann streckte er die Hand nach der Thüre aus.

»Ja! ja! ja!« fuhr der Greis fort.

Maximilian stürzte nach der kleinen Treppe, über die er in zwei Sprüngen setzte, während Noirtier. ihm mit den Augen zuzurufen schien:

»Schneller! schneller!«

Eine Minute genügte für den jungen Mann, um durch mehrere Zimmer zu eilen, welche wie das übrige Haus verlassen waren, und bis an das von Valentine zu gelangen.

Er brauchte keine Thüre auszustoßen, denn sie stand weit offen.

Ein Schluchzen war das erste Geräusch, das er hörte. Er sah wie durch eine Wolke eine kniende und in einem verworrenen Hausen von weißen Draperien verlorene schwarze Gestalt. Die Angst, die gräßlichste Angst fesselte ihn an die Schwelle.

Da hörte er eine Stimme sagen: »Valentine ist tot,« und eine zweite Stimme, welche wie ein Echo antwortete:

»Todt! tot!«

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain