Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 96
Achtes Kapitel.
Maximilian
Villefort stand beinahe beschämt darüber auf, daß er sich bei dem Anfalle dieses Schmerzes hatte überraschen lassen. Das furchtbare Gewerbe, welches er seit mehr als fünf und zwanzig Jahren trieb, hatte am Ende mehr als einen Menschen aus ihm gemacht.
Sein Anfangs irres Auge heftete sich auf Morrel, und er sprach:
Morrel, und er sprach:
»Wer sind Sie, mein Herr, der Sie vergessen, daß man nicht so in ein Haus eintritt, das der Tod bewohnt? Entfernen Sie sich!«
Doch Morrel blieb unbeweglich: er konnte seine Augen nicht von dem furchtbaren Schauspiel des in Unordnung gebrachten Bettes und des daraus liegenden bleichen Gesichtes losmachen.
»Entfernen Sie sich, hören Sie!« rief Villefort, während d’Avrigny vorschritt, um Morrel weggehen zu heißen.
Morrel aber schaute mit verstörter Miene diesen Leichnam, dieses Zimmer an, schien einen Augenblick zu zögern, öffnete den Mund, fand jedoch, trotz des zahllosen Schwarmes unseliger Gedanken, welche sein Gehirn bestürmten, kein Wort zu erwidern, fuhr mit den Händen in die Haare, kehrte aus der Stelle um und eilte hinaus, so daß Villefort und d’Avrigny, eine Secunde lang durch ihre eigene Erschütterung zerstreut, nachdem sie ihm nachgeschaut hatten, einen Blick austauschten, welcher sagen wollte:
»Er ist ein Narr!«
Doch ehe fünf Minuten abgelaufen waren, hörte man die Treppe unter einer beträchtlichen Last seufzen, und man sah Morrel, der, mit übermenschlicher Kraft den Lehnstuhl von Noirtier in seinen Armen haltend, den Greis in den ersten Stock des Hauses trug. Oben aus der Treppe setzte Morrel den Stuhl zu Boden und rollte ihn rasch in das Zimmer von Valentine. Dieses ganze Manoeuvre wurde mit einer durch die wahnsinnige Überspannung des jungen Mannes verzehnfachten Kraft ausgeführt.
Eines aber war besonders gräßlich, das Antlitz von Noirtier, wie dieser, von Morrel fortgeschoben, gegen das Bett von Valentine vorrückte, das Antlitz von Noirtier, worin der Verstand alle seine Mittel entwickelte, worin die Augen ihre ganze Macht vereinigten, um die anderen Sinne zu ersetzen.
Dieses bleiche Gesicht mit dem entstammten Blicke war auch für Villefort eine furchtbare Erscheinung,
So oft er mit seinem Vater in Berührung gekommen war, hatte sich etwas Schreckliches ereignet.
»Sehen Sie, was sie getan haben!« rief Morrel, eine Hand noch aus die Lehne des Stuhles gestützt, den er bis zum Bette fortschob, und die andere gegen Valentine ausgestreckt, »sehen Sie! mein Vater, .sehen Sie!«
Villefort wich einen Schritt zurück und schaute mit Erstaunen den ihm beinahe unbekannten jungen Mann an, der Herrn Noirtier seinen Vater nannte.
In dieser Secunde schien die ganze Seele des Greises in seine Augen überzugehen, welche sich zuerst mit Blut unterliefen; dann schwollen die Halsadern an, eine bläuliche Tinte, wie die, welche die Haut des Epileptischen überzieht, bedeckte seinen Hals, seine Wangen und seine Schläfe: diesem inneren Ausbruche des ganzen Wesens fehlte nur ein Schrei.
Dieser Schrei drang furchtbar in seiner Stummheit, herzzerreißend in seiner Stille, gleichsam durch alle Poren.
D’Avrigny eilte auf den Greis zu und ließ ihn an einem Fläschchen riechen, das ein kräftiges Ableitungsmittel enthielt.
»Mein Herr!« rief nun Morrel, die träge Hand des Gelähmten ergreifend, »man fragt mich, wer ich sei, und welches Recht ich habe, hier zu sein. Oh! Sie, der Sie es wissen, sagen Sie es!«
Und die Stimme des jungen Mannes erlosch in seinem Schluchzen.
Ein keuchender Atem schüttelte die Brust des Greises. Man hätte glauben sollen, er wäre einer von den heftigen Bewegungen preisgegeben, die dem Todeskampfe vorhergehen.
Endlich einstürzten Tränen den Augen von Noirtier, der glücklicher war, als der junge Mann, denn dieser schluchzte ohne zu weinen.
»Sagen Sie,« fuhr Morrel mit gepreßter Stimme fort, »sagen Sie, daß es meine Verlobte war! Sagen Sie, daß es meine edle Freundin, meine einzige Liebe aus Erde war! Sagen Sie, sagen Sie, daß dieser Leichnam mir gehört!«
Und der junge Mann bot das furchtbare Schauspiel einer brechenden Kraft und stürzte schwerfällig vor das Bett, das seine krampfhaften Finger mit aller Heftigkeit preßten.
Dieser Schmerz war so einschneidend, daß d’Avrigny sich abwandte, um seine Rührung zu verbergen, und den Villefort, ohne eine andere Erklärung zu fordern, durch den Magnetismus angezogen, der uns zu den Menschen hintreibt, welche Diejenigen geliebt haben, die wir beweinen. dem jungen Manne die Hand reichte.
Doch Morrel sah nichts: er hatte die eisige Hand von Valentine ergriffen, und da er nicht weinen konnte, biß er brüllend in die Betttücher.
Eine Zeit lang hörte man in diesem Zimmer nur das Zusammenstoßei von Schluchzen, von Verwünschungen und von Gebeten.
Und dennoch beherrschte ein Geräusch alle übrige: es war das harte, schmerzliche Atemholen, das bei jedem Luftschöpfen eine von den Lebensfedern in der Brust von Noirtier zu zerreißen schien.
Endlich nahm Villefort, der noch am meisten seiner Herr war, nachdem er eine Zeit lang Maximilian gleichsam den Platz abgetreten hatte, das Wort und sprach zu diesem:
»Mein Herr, Sie liebten Valentine, sagen Sie; Sie waren ihr Verlobter, ich wußte nichts von dieser Verbindung; aber dennoch vergebe ich Ihnen, ich, ihr Vater, denn ich sehe, Ihr Schmerz ist groß und wahr. Überdies ist bei mir der Schmerz auch zu groß, als daß in meinem Herzen Platz für den Zorn bleiben könnte. Doch Sie sehen, der Engel, aus den Sie hofften, hat die Erde verlassen. Valentine kann von den Menschen nur noch angebetet werden, sie, die zu dieser Stunde den Herrn anbetet; nehmen Sie Abschied von der traurigen Hülle, welche sie unter uns vergessen hat, ergreifen Sie zum letzten Male ihre Hand, die Sie erwarteten, und trennen Sie sich auf immer von ihr; Valentine bedarf jetzt nur noch des Priesters, der sie segnen soll.«
»Sie täuschen sich, mein Herr,« rief Morrel sich aus ein Knie erhebend, das Herz durchbohrt von einem Schmerze, der schärfer war, als alle Schmerzen, die er bis jetzt empfunden; »Sie täuschen sich: gestorben, wie sie gestorben ist, bedarf Valentine nicht nur eines Priesters, sondern auch eines Rächers. Herr von Villefort, schicken Sie nach dem Priester, ich werde der Rächer sein.«
»Was wollen Sie damit sagen, mein Herr?« murmelte Villefort, zitternd bei dieser neuen Eingebung des Fieberwahnes von Morrel.
»Ich will damit sagen,« antwortete Morrel, »daß in Ihnen zwei Menschen sind; der Vater hat genug geweint, der Staatsanwalt beginne sein Amt.«
Die Augen von Noirtier funkelten, d’Avrigny trat näher hinzu,
»Mein Herr,« fuhr der junge Mann fort, während er mit dem Blicke alle Gefühle sammelte, die sich aus den Gesichtern der Anwesenden offenbarten, »ich weiß, was ich sage. und Sie wissen ebenso gut, als ich, was ich sagen will:
»Valentine ist ermordet gestorben!«
Villefort neigte das Haupt: d’Avrigny trat noch einen Schritt näher: Noirtier machte mit den Augen ja.
»Mein Herr,« fuhr Morrel fort, »ein Geschöpf, und wäre es auch nicht jung, wäre es auch nicht schön, wäre es auch nicht anbetungswürdig, wie Valentine, ein Geschöpf verschwindet in unserer Zeit nicht durch Gewalt aus der Welt, ohne daß man Rechenschaft über sein Verschwinden verlangt. Auf! Herr Staatsanwalt,« fügte Morrel mit wachsender Heftigkeit bei, »kein Mitleid! ich zeige Ihnen das Verbrechen an, suchen Sie den Mörder!«
Und sein unversöhnliches Auge fragte Villefort, der mit dem Blicke bald Noirtier, bald d’Avrigny anflehte.
Doch statt Hilfe bei seinem Vater und bei dem Doktor zu finden, fand er in ihren Gesichtern nur einen eben so unbeugsamen Ausdruck, wie in dem von Morrel,
»Ja!« machte der Greis.
»Gewiß!« sprach d’Avrigny,
»Mein Herr,« versetzte Villefort, der noch gegen diesen dreifachen Willen und gegen seine eigene Erschütterung zu kämpfen suchte, »mein Herr, Sie täuschen sich, es werden keine Verbrechen in meinem Hause begangen; das Unglück trifft mich: Gott prüft mich, das ist ein furchtbarer Gedanke, aber man ermordet Niemand!«
Die Augen von Noirtier flammten, d’Avrigny öffnete den Mund, um zu sprechen, Morrel streckte Stillschweigen befehlend den Arm aus und rief mit einer Stimme, welche sank, ohne etwas von ihrem furchtbaren Klange zu verlieren:
»Und ich sage Ihnen, daß man hier tötet. Ich sage Ihnen, daß dies das vierte Opfer ist, welches seit vier Monaten getroffen wird! Ich sage Ihnen, daß man vor vier Tagen bereits einmal Valentine zu vergiften versucht bat, was nur in Folge der Vorsichtsmaßregeln von Herrn Noirtier scheiterte! Ich sage Ihnen, daß man die Dose verdoppelt oder die Natur des Giftes verändert hat, und daß es diesmal gelungen ist! Ich sage Ihnen endlich, daß Sie die, Alles so gut, als ich, wissen, denn dieser Herr hat Sie als Arzt und als Freund davon in Kenntnis gesetzt.«
»Oh! Sie sprechen im Fieberwahn, mein Herr!« sagte Villefort, der sich vergebens in dem Kreise, in welchem er sich gefangen fühlte, zu sträuben suchte.
»Ich im Fieberwahn!« rief Morrel: »wohl! ich berufe mich aus Herrn d’Avrigny. Fragen Sie ihn, mein Herr, ob er sich noch der Worte erinnere, die er in Ihrem Garten gesprochen, im Garten dieses Hauses, an dem Abend, wo Frau von Saint-Meran starb, als Sie im Glauben, Sie wären allein, eine Unterredung über diesen tragischen Tod pflogen, bei dem das Unglück, von dem Sie sprechen, und Gott, den Sie ungerechter Weise anklagen, nur für Eines verantwortlich sind, dafür, daß sie den Mörder von Valentine geschaffen haben.««
Villefort und d’Avrigny schauten sich an.
»Ja, ja! erinnern Sie sich,« sprach Morrel, »denn die Worte, die Sie nur der Stille und der Einsamkeit preisgegeben zuhaben glaubten, sind in mein Ohr gefallen. Allerdings hätte ich, die frevelhafte Nachsicht von Herrn von Villefort für die Seinigen wahrnehmend, schon an jenem Abend der Behörde Alles entdecken sollen: ich wäre in diesem Augenblick nicht mitschuldig an Deinem Tode, Valentine! meine vielgeliebte Valentine! doch der Mitschuldige wird Dein Rächer werden: dieser vierte Mord ist offenkundig und Aller Augen sichtbar, und wenn Dein Vater Dich verläßt, Valentine, so werde ich den Mörder verfolgen, das schwöre ich Dir.«
Und diesmal, als hätte die Natur endlich Mitleid mit dieser mächtigen Organisation, welche nahe daran war, durch ihre eigene Kraft zu brechen, erloschen die letzten Worte von Morrel in seiner Kehle, seine Brust strömte ein Schluchzen aus. seine so lange Zeit widerspänstigen Tränen entstürzten seinen Augen, er wankte, fiel aus seine Knie und weinte an dem Bette von Valentine.
Nun war die Reihe an d’Avrigny.
»Auch ich,« sagte er mit fester Stimme, »auch ich verbinde mich mit Herrn Morrel, um Gerechtigkeit für das Verbrechen zu verlangen, denn mein Herz empört sich bei dem Gedanken, daß meine feige Nachgiebigkeit den Mörder ermutigt hat!«
»Oh! mein Gott, mein Gott!« murmelte Villefort vernichtet.
Morrel hob das Haupt empor und sagte, in den Augen des Greises lesend, welche übernatürliche Flammen schleuderten:
»Seht! seht! Herr Noirtier will sprechen.«
»Ja,« machte Noirtier mit einem um so furchtbareren Ausdrucke, als alle Fähigkeiten dieses armen, ohnmächtigen Greises in seinem Blicke concentrirt waren.
»Sie kennen den Mörder?« sprach Morrel.
»Ja,« erwiderte Noirtier.
»Und Sie wollen uns leiten?« rief der junge Mann. »Hören Sie, Herr d’Avrigny, hören Sie!«
Noirtier richtete an den unglücklichen Morrel jenes sanfte Lächeln der Augen, welches Valentine so oft glücklich gemacht hatte, und fesselte dadurch seine Aufmerksamkeit. Als er die Augen von Maximilian gleichsam an die seinigen befestigt hatte, wandte er diese der Thüre zu.
»Ich soll mich entfernen, mein Herr?« rief Morrel mit schmerzlichem Tone. »Ja.« machte Noirtier.
»Ach! ach!« mein Herr, haben Sie Mitleid mit mir.«
Die Augen des Greises blieben unbarmherzig aus die Thüre geheftet.
»Darf ich wenigstens zurückkommen?« fragte Morrel.
»Ja.«
»Soll ich allein gehen?«
»Nein.«
»Wen soll ich mitnehmen? den Herrn Staatsanwalt?«
»Nein.«
»Den Doktor?«
»Ja.«
»Sie wollen mit Herrn von Villefort allein bleiben?«
»Ja.«
»Wird er Sie »erstehen können?«
»Ja.«
»Oh!« rief Villefort, beinahe freudig, daß die erste Untersuchung unter vier Augen vor sich gehen sollte, »oh! seien Sie unbesorgt, ich verstehe meinen Vater sehr gut.«
Und während er dies mit dem von uns bezeichneten freudigen Ausdruck sagte, schlugen die Zähne des Staatsanwaltes mit aller Gewalt an einander.
D’Avrigny nahm Morrel beim Arm und führte ihn in das anstoßende Zimmer,
Es herrschte sodann im ganzen Hause eine Todesstille.
Nach Verlauf einer Viertelstunde hörte man wankende Schritte, und Villefort erschien aus der Schwelle des Zimmers, in welchem sich Morrel und d’Avrigny, der Eine keuchend, der Andere in Gedanken versunken, befanden.
»Kommen Sie,« sagte er.
Und er führte sie zu dem Stuhle von Noirtier zurück.,
Morrel schaute nun Villefort aufmerksam an.
Das Gesicht des Staatsanwaltes war leichenblaß; breite, rostfarbige Flecken durchfurchten seine Stirne, zwischen seinen Fingern krachte eine vielfach gekrümmte Feder in Fetzen sich auszackend.
»Meine«Herren,« sprach er mit gepreßter Stimme, »meine Herren, Ihr Ehrenwort, das: das furchtbare Geheimnis unter uns begraben bleibt?«
Die zwei Männer machten eine Bewegung,
»Ich beschwöre Sie!« fuhr Villefort fort.
»Doch der Schuldige! . . . « rief Morrel . . . »der Mörder . . . der Meuchler! . . . «
»Seien Sie unbesorgt, mein Herr, es soll Gerechtigkeit geübt werden,« sprach Villefort, »Mein Vater hat mir den Namen des Schuldigen genannt: meinen Vater dürstet nach Rache, wie Sie, und dennoch beschwört Sie mein Vater, wie ich, das Geheimnis des Verbrechens zu bewahren. Nicht wahr, mein Vater?«
»Ja,« antwortete Noirtier entschlossen.
Morrel machte eine Bewegung des Abscheus und des Unglaubens.
»Oh!« rief Villefort, Maximilian am Arm zurückhaltend, »oh! mein Herr, wenn mein Vater, der unbeugsame Mann, den Sie kennen, diese Bitte an Sie richtet, so weiß er, seien Sie unbesorgt, daß Valentine furchtbar gerächt werden wird. Nicht wahr, mein Vater?«
Der Greis machte ein bejahendes Zeichen.
Villefort fuhr fort:
»Er kennt mich, und ihm habe ich mein Wort verpfändet. Beruhigen Sie sich also, meine Herren; drei Tage, nur drei Tage verlange ich von Ihnen, das ist weniger, als das Gericht von Ihnen verlangen würde, und in drei Tagen wird die Rache, die ich für die Ermordung meines Kindes genommen habe, bis in der tiefsten Tiefe des Herzens die gleichgültigsten Menschen beben machen. Nicht wahr, mein Vater?«
Und während er diese Worte sprach, knirschte er mit den Zähnen und schüttelte die gelähmte Hand des Greises.
»Wird Alles, was versprochen ist, gehalten werden?« fragte Morrel.
»Ja!« machte Noirtier mit einem Blicke finsterer Freude.
»Schwören Sie also, meine Herren,« sprach Villefort, die Hände von d’Avrigny und von Morrel zusammenlegend, »schwören Sie, daß Sie Mitleid mit der Ehre meines Hauses haben und mir die Sorge der Rache überlassen werden?«
D’Avrigny wandte sich ab und murmelte ein sehr schwaches Ja, Morrel aber riß seine Hand aus denen des Staatsbeamten, stürzte nach dem Bette, drückte seine Lippen aus die eisigen L.ippen von Valentine und entfloh mit dem langen Seufzer einer Seele, die sich in die Verzweiflung versenkt.
Die Diener waren, wie gesagt, insgesamt verschwunden. Herr von Villefort sah sich also genötigt, Herrn d’Avrigny zu bitten, die so zahlreichen und so zarten Schritte zu übernehmen, welche in unsern großen Städten der Tod, und besonders der Tod unter so verdächtigen Umständen nach sich zieht.
Was Noirtier betrifft, so waren sein Schmerz ohne Bewegung, seine Verzweiflung ohne Gebärden, seine Tränen ohne Stimme furchtbar anzuschauen.
Villefort kehrte in sein Cabinet zurück; d’Avrigny holte den Arzt der Maine, der die Functionen eines Totenbeschauers erfüllt und energischer Weise der Arzt der Toten genannt wird.
Noirtier wollte seine Enkelin nicht verlassen.
Nach einer Viertelstunde kehrte Herr d’Avrigny mit seinem Collegen zurück; man hatte die Thüre nach der Straße geschlossen, und da der Portier mit den andern Dienern verschwunden war, so mußte Villefort selbst öffnen.
Doch er blieb aus dem Ruheplatze stehen, denn er hatte nicht mehr den Mut, in das Sterbezimmer zu treten.
Die zwei Doktoren gingen allein zu Valentine.
Noirtier saß bei dem Bette, bleich wie der Tod, unbeweglich und stumm wie er.
Der Arzt der Toten näherte sich mit der Gleichgültigkeit des Menschen, der die Hälfte seines Lebens mit Leichnamen zubringt, hob das Tuch aus, mit welchem das Mädchen bedeckt war, und öffnete nur ein wenig die Lippen.
»Oh!« sagte d’Avrigny seufzend, »die Arme, sie ist tot, ganz tot!«
»Ja,« antwortete lakonisch der Arzt und ließ das Tuch wieder fallen, wonach das Gesicht von Valentine abermals bedeckt war,
Noirtier ließ ein dumpfes Röcheln vernehmen. D’Avrigny wandte sich um. die Augen des Greises funkelten. Der gute Doktor begriff, daß Noirtier den Anblick seines Kindes forderte: er näherte sich dem Bette, und während der Arzt der Toten seine Finger, mit denen die Lippen der Hingeschiedenen berührt hatte, in Chlorwasser tauchte, entblößte er dieses ruhige, bleiche Antlitz, welches das eines entschlummerten Engels zu sein schien.
Eine in dem Augenwinkel von Noirtier hervortretende Träne war der Dank für den Doktor.
Der Arzt der Toten machte sein Protokoll aus einer Tischecke im Zimmer von Valentine, und entfernte sich, als diese Förmlichkeit erfüllt war, vom Doktor zurückbegleitet.
Villefort hörte sie hinabgehen und erschien wieder an der Thüre seines Cabinets. Mit einigen Worten dankte er dem Arzte und sagte sodann, sich an d’Avrigny wendend:
»Und nun den Priester?«
»Haben Sie einen Geistlichen, den Sie besonders mit dem Gebete für Valentine zu beauftragen wünschen?« fragte d’Avrigny.
»Nein, gehen Sie zu dem nächsten.«
»Der nächste,« sprach der Arzt, »ist ein guter italienischer Abbé, der seit Kurzem in dem anstoßenden Hause wohnt, Soll ich ihn im Vorbeigehen benachrichtigen?«
»D’Avrigny,« sprach Villefort, »ich bitte Sie, begleiten Sie diesen Herrn. Hier ist der Schlüssel, damit Sie nach Belieben aus und eingehen können. Sie bringen den Priester zurück und führen ihn in das Zimmer meines armen Kindes.«
»Wünschen Sie ihn zu sprechen, mein Freund?«
»Ich wünsche allein zu sein. Nicht wahr, Sie werden mich entschuldigen? Ein Priester muß alle Schmerzen begreifen, selbst den väterlichen Schmerz.«
Hiernach gab Herr von Villefort Herrn d’Avrigny einen Schlüssel, grüßte den fremden Doktor zum letzten Male und kehrte in sein Cabinet zurück, wo er zu arbeiten anfing.
Bei gewissen Organisationen ist die Arbeit ein Heilmittel für alle Schmerzen.
Als sie aus die Straße kamen, sahen sie einen Mann in einer Sotane aus der Schwelle des nächsten Hauses stehen.
»Hier ist der Mann, von dem ich sprach,« sagte der Arzt der Toten zu d’Avrigny.
D’Avrigny ging aus den Geistlichen zu und sprach zu ihm:
»Mein Herr, wären Sie geneigt, einem unglücklichen Vater, der so eben seine Tochter verloren, dem Herrn Staatsanwalt von Villefort, einen großen Dienst zu leisten?«
»Ah! mein Herr,« antwortete der Priester mit stark italienischem Accente, »ja, ich weiß, der Tod ist in seinem Hause.«
»Dann brauche ich Sie nicht zu belehren, welchen Dienst er von Ihnen zu erwarten wagt.«
»Ich wollte mich so eben anbieten, mein Herr,« sagte der Priester; »es ist unsere Ausgabe, unsern Pflichten entgegenzukommen.«
»Es handelt sich um ein junges Mädchen.«
»Ja, ich weiß dies. Die Bedienten, die ich aus dem Hause entfliehen sah, haben es mir gesagt. Ich habe erfahren, daß sie Valentine hieß, und betete bereits für sie.«
»Ich danke, mein Herr,« sprach d’Avrigny und da Sie schon Ihr heiliges Amt zu versehen angefangen, so haben Sie die Gute, es fortzusetzen. Nehmen Sie Ihren Platz bei der Toten, und eine in Trauer versunkene Familie wird Ihnen dankbar sein.«
»Ich gehe, mein Herr,« antwortete der Abbé, »und ich wage sogar zu behaupten, daß nie ein Gebet glühender gewesen sein wird, als das meinige.«
D’Avrigny nahm den Abbé bei der Hand und führte ihn, ohne Villefort zu begegnen, der in seinem Cabinet eingeschlossen war, bis in das Zimmer von Valentine, deren sich die Totengräber erst in der folgenden Nacht bemächtigen sollen.
Als man in dieses Zimmer trat, traf der Blick von Noirtier den des Abbé und ohne Zweifel glaubte er etwas Seltsames darin zu lesen, denn er verließ ihn nicht mehr,
D’Avrigny empfahl dem Priester nicht nur die Toten, sondern auch den Lebenden, und der Priester versprach, seine Gebete Valentine und seine Sorge Noirtier zu weihen.
Der Abbé machte sich feierlich hierzu anheischig, und ohne Zweifel, um nicht in seinen Gebeten gestört zu sein, und damit Noirtier nicht in seinem Schmerze gestört würde, schloß er, sobald Herr d’Avrigny das Zimmer verlassen hatte, nicht nur die Riegel der Thüre, durch die der Doktor weggegangen war, sondern auch die Riegel von derjenigen, welche zu Frau von Villefort führte.
