Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 97
Neuntes Kapitel.
Die Unterschrift Danglars
Der Morgen des nächsten Tages erhob sich traurig und wolkig.
Die Totengräber hatten während der Nacht ihren Leichendienst erfüllt und den aus dem Bette liegenden Körper in das Schweißtuch genäht, das auf eine düstere Weise die Hingeschiedenen umhüllt und ihnen etwas verleiht, was man die Gleichheit vor dem Tode nennen soll, während es ein letzter Beweis von dem Luxus ist. den sie im Leben geliebt haben.
Dieses Schweißtuch war nichts Anderes, als ein Stück herrlichen Battistes, den das Mädchen vierzehn Tage vorher gekauft hatte.
Im Verlauf des Abends hatten zu diesem Behufe herbeigerufene Männer Noirtier von dem Zimmer von Valentine in das seinige getragen, und der Greis machte, gegen alle Erwartung, keine Schwierigkeiten, sich von dem Leichname seines Kindes zu trennen.
Der Abbé Busoni hatte bis am Morgen gewacht, und sich ohne Jemand zu rufen mit Tagesanbruch zurückgezogen.
Gegen acht Uhr Morgens kam d’Avrigny wieder. Er begegnete Villefort, der zu Noirtier ging und begleitete ihn, um zu erfahren, wie der Greis die Nacht zugebracht.
Sir fanden ihn in seinem großen Lehnstuhle, der ihm als Bett diente, ruhend in sanftem Schlummer und beinahe lächelnd.
Beide blieben erstaunt aus der Schwelle stehen. »Sehen Sie,« sagte d’Avrigny, zu Villefort, der seinen entschlummerten Vater betrachtete, »sehen Sie. die Natur weiß die heftigsten Schmerzen zu stillen; man wird gewiss nicht sagen, Herr Noirtier habe seine Enkelin nicht geliebt, und dennoch schläft er.«
»Ja, Sie haben Recht,« sprach Villefort, »er schläft, und das ist seltsam, denn der geringste Verdruß hält ihn sonst die ganze Nacht hindurch wach.«
»Der Schmerz hat ihn niedergeschmettert,« versetzte d’Avrigny.
Und Beide kehrten nachdenkend in das Cabinet des Staatsanwaltes zurück.
»Sehen Sie, ich habe nicht geschlafen,« sprach Villefort, auf sein unberührtes Bett deutend; »der Schmerz schmettert mich nicht nieder; ich habe zwei Nächte nicht geschlafen; dagegen schauen Sie mein Bureau an: mein Gott! wie habe ich diese zwei Tage und diese zwei Nächte hindurch geschrieben! wie habe ich diese Papiere durchwühlt, und die Anklageakte des Mörders Benedetto mit Noten versehen! . . . O Arbeit, Arbeit! meine Leidenschaft, meine Freude, meine Wut, deine Sache ist es, alle meine Schmerzen niederzuschlagen!«
Und er drückte d’Avrigny krampfhaft die Hand.
»Bedürfen Sie meiner?« fragte der Doktor.
»Nein,« sprach Villefort, »ich bitte Sie nur, um elf Uhr zurückzukommen; zur Mittagsstunde findet die Abfahrt statt. Mein Gott! mein armes Kind, mein armes Kind!«
Und wieder Mensch werdend, schlug der Staatsanwalt die Augen zum Himmel aus und stieß einen Seufzer aus.
»Sie werden sich also im Empfangszimmer aufhalten?«
»Nein, ich habe einen Vetter, der diese traurige Ehre übernimmt. Ich gedenke zu arbeiten, Doktor; wenn ich arbeite, verschwindet Alles.«
Der Doktor war in der Tat noch nicht vor der Thüre, als sich der Staatsanwalt bereits wieder zur Arbeit gesetzt hatte.
Auf der Freitreppe begegnete d’Avrigny dem von dem Staatsanwalte erwähnten Vetter, einem unbedeutenden Menschen in dieser Geschichte, wie in der Familie, einem von jenen Wesen, die schon bei der Geburt dazu bestimmt sind, eine Nützlichkeitsrolle in der Welt zu spielen.
Er war pünktlich, schwarz angekleidet, trug einen Flor um den Arm, und begab sich zu seinem Vetter mit einem Gesichte, das er sich gemacht, nur so lange es nötig wäre zu behalten und dann wieder auszugeben gedachte.
Um elf Uhr rollten die Wagen aus dem Pflaster des Hofes, und die Rue du Faubourg Saint-Honoré ertönte von dem Gemurmel der aus die Freude wie aus die Trauer der Reichen gleich begierigen Menge, einer Menge, welche mit derselben Hast zu einer prunkhaften Beerdigung, wie zu der Hochzeit einer Herzogin läuft, . .
Allmälig füllte sich der Trauersaal, und man sah zuerst einen Teil von unseren alten Freunden, nämlich Debray, Chateau-Renaud, Beauchamp: dann die berühmten Namen des Parquet und des Advokatenstandes, der Literatur und der Armee; denn Herr von Villefort nahm weniger durch seine gesellschaftliche Stellung, als durch sein persönliches Verdienst eine der ersten Rangestufen der Pariser Welt ein.
Der Vetter stand an der Thüre und ließ Jedermann eintreten, und es war allerdings für die Gleichgültigen eine große Erleichterung, ein gleichgültiges Gesicht zu sehen, das von den Eingeladenen keine lügenhafte Miene, keine falsche Tränen verlangte, wie dies bei einem Vater, bei einem Bruder, oder bei einem Verlobten der Fall gewesen wäre. Diejenigen, welche sich kannten, winkten sich mit dem Blicke und versammelten sich in Gruppen. Eine von diesen Gruppen bestand aus Debray, Chateau-Renaud und Beauchamp.
»Armes Mädchen!« sagte Debray, diesem schmerzlichen Ereignis, wie es beinahe unwillkürlich Jeder that, einen Tribut bezahlend; »armes Mädchen! so reich, so schön! Hätten Sie das gedacht, Chateau-Renaud, als wir vor drei Wochen oder vor höchstens einem Monat zusammenkamen, um jenen Vertrag zu unterzeichnen, der nicht unterzeichnet wurde?«
»Meiner Treue! nein,« erwiderte Chateau-Renaud.
»Kannten Sie Fräulein von Villefort?«
»Ich habe einige Male mit ihr gesprochen, aus dem Balle von Frau von Morcerf z. B., sie kam mir reizend vor, obgleich etwas schwermütigen Geistes. Wo ist die Stiefmutter? wissen Sie es nicht?«
»Sie bringt den Tag mit der Frau des würdigen Herrn zu, der uns empfängt.«
»Wer ist denn dieser Herr? Ein Deputierter?«
»Nein,« sprach Beauchamp; »ich bin verurteilt, unsere Ehrenwerten alle Tage zu sehen, und sein Kopf ist mir völlig unbekannt.«
»Haben Sie von diesem Tod in Ihrer Zeitung gesprochen?«
»Der Artikel ist nicht von mir, doch man hat davon gesprochen; ich zweifle sogar, ob es Herrn von Villefort angenehm sein dürfte. Es ist, glaube ich, gesagt, wenn vier aus einander folgende Todesfälle anderswo, als in dem Hause des Herrn Staatsanwalts, stattgefunden hätten, so würde der Herr Staatsanwalt sicherlich gewaltiger dadurch in Bewegung gesetzt worden sein.«
»Der Doktor d’Avrigny, der der Arzt meiner Mutter ist, behauptet übrigens, er sei sehr in Verzweiflung,« sprach Chateau-Renaud. »Doch was suchen Sie, Debray?«
»Ich suche Herrn von Monte Christo,« antwortete der junge Mann.
»Ich habe ihn unter Wegs aus dem Boulevard getroffen; ich glaube, er ist im Begriff, abzureisen, denn er ging zu seinem Banquier.«
»Zu seinem Banquier? ist sein Banquier nicht Danglars?« fragte Chateau-Renaud.
»Ich glaube, ja,« erwiderte der Geheimsekretär mit einer leichten Unruhe. »Doch Monte Christo fehlt nicht allein hier, ich sehe Morrel auch nicht.«
»Morrel! kannte er sie?« fragte Chateau-Renaud.
»Ich glaube, er ist nur Frau von Villefort vorgestellt worden.«
»Gleichviel, er hätte kommen müssen,« sprach Debray; »wovon wird er diesen Abend sprechen? Diese Beerdigung ist die Neuigkeit des Tages; doch stille! dort kommt der Herr Minister der Justiz und des Kultus, er wird sich verpflichtet glauben, seinen kleinen Speech an den Tränenreichen Vetter zu halten.«
Die drei jungen Leute näherten sich, um den kleinen Speech des Herrn Ministers der Justiz und des Cultus zu hören.
Beauchamp hatte wahr gesprochen: als er sich zu der Trauerfeierlichkeit begab, begegnete er Monte Christo, der sich seinerseits nach dem Hotel von Danglars in der Rue de la Chaussee d’Antin wandte.
Der Banquier sah von seinem Fenster aus den Grafen im Hose erscheinen und ging ihm rasch entgegen.
»Nun, Graf,« sagte er, Monte Christo mit einem halb trübseligen, halb höflichen Gesichte die Hand reichend, »Sie kommen, um mir Ihr Beileid zu bezeigen. In der Tat, das Unglück ist in meinem Hause, dergestalt, daß ich mich, als ich Sie gewahrte, selbst fragte, ob ich nicht dem armen Morcerf Böses gewünscht habe, wodurch sich das Sprichwort: wer Böses will, dem widerfährt Böses, bestätigt hätte. Aus meine Ehre, nein, ich wünschte Morcerf nichts Böses; er benahm sich vielleicht ein wenig hochmüthig für einen Menschen, der von nichts ausging, wie ich, und Alles sich selbst schuldig war: doch Jeder hat seine Fehler. Ach! hüten Sie sich vor den Leuten unserer Generation . . . Doch verzeihen Sie, Sie gehören nicht zu unserer Generation, Sie sind zu jung . . . Die Leute von unserer Generation sind nicht glücklich in diesem Jahre: Beispiel hiervon unser Puritaner von einem Staatsanwalt, der heilige Villefort, der nun auch seine Tochter verloren hat. Wir wollen es einmal durchgehen: Villefort verliert, wie gesagt, aus eine seltsame Weise seine ganze Familie; Morcerf entehrt und getötet; ich lächerlich gemacht durch die Verworfenheit dieses Benedetto, und dann . . . «
»Was dann? . . . « fragte der Graf,
»Ach! Sie wissen es nicht?«
»Irgend ein neues Unglück?«
»Meine Tochter . . . «
»Fräulein Danglars?«
»Eugenie hat uns verlassen.«
»Oh! mein Gott! was Sie mir da sagen!«
»Die Wahrheit, mein lieber Graf, Großer Gott! wie glücklich sind Sie, daß Sie weder eine Frau, noch Kinder haben.«
»Sie finden?«
»Ah! ganz gewiss.«
»Und Sie sagen, Fräulein Eugenie, . .«
»Sie konnte die Schmach nicht ertragen, die ihr dieser Elende angetan, und bat mich um Erlaubnis, reisen zu dürfen.«
»Und sie ist abgereist?«
»In der daraus folgenden Nacht.«
»Mit Madame Danglars?«
»Nein, mit einer Verwandtin . . . Doch wir werden darum die liebe Eugenie nicht minder verlieren; denn ich zweifle, ob sie bei ihrem mir wohlbekannten Charakter je einwilligt, wieder nach Frankreich zurückzukehren!«
»Was wollen Sie, mein lieber Baron?« versetzte Monte Christo, »Familienkummer, ein niederschmetternder Kummer für einen armen Teufel, dessen Kind sein einziges Vermögen wäre, doch zu ertragen für einen Millionär, Die Philosophen haben gut sprechen, die praktischen Menschen werden sie hierin immer Lügen strafen, das Geld tröstet über vielerlei Dinge. und Sie müssen schneller getröstet sein, als irgend Jemand, wenn Sie die Macht dieses souveränen Balsams zulassen. Sie, der König der Finanzen, der Durchschnittspunkt aller Mächte.«
Danglars warf einen schiefen Blick aus den Grafen, um zu sehen, ob er spottete oder im Ernste spräche.
»Ja,« sagte er, »es ist wahr, wenn das Vermögen tröstet, so bin ich getröstet; ich bin reich.«
»So reich, mein lieber Baron, daß Ihr Vermögen den Pyramiden gleicht: wollte man sie zerstören, so würde man es doch nicht wagen; würde man es wagen, so vermöchte man es nicht.«
Danglars lächelte über dieses gutmütige Zutrauen des Grafen und erwiderte:
»Dies erinnert mich, daß ich bei Ihrem Eintritt damit beschäftigt war, fünf kleine Anweisungen zu machen. Zwei hatte ich bereits unterzeichnet: wollen Sie mir erlauben, auch die andern drei vollends auszufertigen?«
»Thun Sie das, mein lieber Baron.«
Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, während dessen man die Feder des Banquier kritzeln hörte, indes Monte Christo die goldenen Leisten am Plafond betrachtete.
»Spanische Bons, haytische Bons, Bons aus Neapel?« fragte Monte Christo,
»Nein,« antwortete Danglars mit seinem anmaßenden Lachen, »Anweisungen au porteur, Anweisungen auf die Bank von Frankreich. Hören Sie,« fügte er bei, »mein Herr Graf, Sie. der Sie der Kaiser der Finanzen sind, wie ich ihr König, haben Sie viele Papiersegen von dieser Größe, jeden im Wert von einer Million. gesehen?«
Monte Christo nahm die fünf Papierfetzen, die ihm Danglars stolz darreichte, in die Hand, als wollte er sie abwägen, und las:
»Der Herr Regent der Bank beliebe befehlen zu lassen an meine Ordre und auf die von mir hinterlegten Fonds die Summe von einer Million, Wert in Rechnung.
Baron Danglars.«
»Eins, zwei, drei, vier, fünf,« sagte Monte Christo »fünf Millionen! Teufel! wie Sie zu Werke gehen, Herr Krösus.«
»So treibe ich die Geschäfte!« sprach Danglars.
»Das ist wunderbar, besonders wenn diese Summe, woran ich nicht zweifle, baar bezahlt wird.«
»Sie wird es,« versetzte Danglars.
»Es ist schön, einen solchen Credit zu haben; in der Tat, dergleichen Dinge sieht man nur in Frankreich, fünf Papiersetzen im Werte von fünf Millionen, und man muß es glauben.«
»Sie zweifeln daran?«
»Nein.«
»Sie sagen das mit einem Tone . . . Hören Sie, machen Sie sich das Vergnügen, begleiten Sie meinen Commis zur Bank, und Sie werden ihn mit Anweisungen aus den Staatsschatz für dieselbe Summe herauskommen setzen.«
»Nein.« erwiderte Monte Christo, die fünf Billets zusammenlegend, »die Sache ist zu interessant, und ich will selbst den Versuch machen. Mein Credit bei Ihnen war sechs Millionen, ich habe neunmal hundert tausend bei Ihnen genommen, und Sie sind mir folglich noch fünf Millionen und einmal hundert tausend Franken schuldig. Ich nehme Ihre fünf Papierfetzen, die ich schon bei dem Anblick Ihrer Unterschrift allein für gut halte, und gebe Ihnen hier einen allgemeinen Schein für sechs Millionen, wodurch unsere Rechnung sich abschließt. Ich habe den Schein vorher schon geschrieben, denn ich muß Ihnen sagen, daß ich heute durchaus Geld brauche.«
Und mit einer Hand steckte Monte Christo die fünf Billets in seine Tasche, während er mit der andern dem Banquier seinen Empfangschein reichte.
Hätte der Blitz zu den Füßen von Danglars eingeschlagen, sein Schrecken könnte nicht größer gewesen sein.
»Wie?« stammelte er, »wie! Herr Graf, Sie nehmen dieses Geld? Verzeihen Sie, es ist Geld, das ich den Hospitälern schuldig bin, ein Depostium, welches ich diesen Morgen zu bezahlen versprochen habe.«
»Ah!« sprach Monte Christo, »das ist etwas Anderes; es ist mir nicht gerade viel an diesen fünf Billets gelegen, bezahlen Sie mich in anderen Werten; ich nahm diese nur aus Neugierde, um in der ganzen Welt sagen zu können, ohne fünf Minuten Frist von mir zu verlangen, habe mir das Haus Danglars fünf Millionen baar bezahlt! Das.wäre merkwürdig gewesen! Doch hier sind Ihre Werte, ich wiederhole Ihnen, geben Sie mir andere.«
Und er reichte die fünf Papiere Danglars, der zuerst seine Hand ausstreckte, wie ein Geier die Klauen durch die Stangen seines Käfigs ausstreckt, um das Fleisch zu halten, das man ihm entreißen will.
Plötzlich besann er sich eines Andern, und er bezwang sich mit einer mächtigen Anstrengung.
Dann sah man ein Lächeln allmälig seine verstörten Gesichtszüge runden, und er sprach:
»Im Ganzen ist Ihr Empfangschein Geld.«
»Oh mein Gott, ja! und wenn Sie in Rom wären, würde das Haus Thomson und French keine Schwierigkeit machen, Sie zu bezahlen, was Sie selbst nicht getan haben.«
»Verzeihen Sie, Herr Graf, verzeihen Sie!«
»Ich kann also dieses Geld behalten?«
»Ja,« erwiderte Danglars, den Schweiß abtrocknend, der an der Wurzel seiner Haare perlte, »behalten Sie es.«
Monte Christo steckte die fünf Billets in seine Tasche, mit jener unübersetzbaren Gesichtsbewegung, welche sagen will:
»Denken Sie bei Gott! nach; wenn Sie es bereuen, ist es noch Zeit.«
»Nein, nein, behalten Sie meine Unterschriften,« sprach Danglars. »Sie wissen, nichts ist förmlicher, als ein Geldmensch. Ich bestimmte diese Summe für die Hospitäler und hätte sie zu bestehlen geglaubt, wenn ich Ihnen nicht gerade dieses Geld gegeben haben würde, als ob nicht ein Thaler so viel wert wäre, als der andere.«
Und er brach in ein geräuschvolles Gelächter aus, wobei eine Nervenanstrengung nicht zu verkennen war.
»Ich entschuldige und stecke ein,« erwiderte aus das Freundlichste Monte Christo.
Und er legte die Anweisungen in sein Portefeuille.
»Doch wir haben noch eine Summe von hundert tausend Franken,« sagte Danglars.
»Oh! Bagatelle,« sprach Monte Christo. »Das Agio muß sich aus diese Summe belaufen, behalten Sie dieselbe, und wir sind quitt.«
»Graf,« rief Danglars, »sprechen Sie im Ernste?«
»Ich scherze nie mit den Banquiers,« antwortete Monte Christo mit einem an Hochmuth grenzenden Ernste.
Und er ging aus die Thüre zu, als eben der Kammerdiener meldete:
»Herr von Boville, Generaleinnehmer der Hospitäler.«
»Meiner Treue,« sprach Monte Christo, »es scheint, ich bin zu rechter Zeit angelangt, um mich Ihrer Unterschriften zu erfreuen, denn man macht sich dieselben streitig.«
Danglars erbleichte zum zweiten Male und nahm schleunigst von dem Grafen Abschied.
Der Graf von Monte Christo wechselte eine ceremoniöse Begrüßung mit Herrn von Boville, der im Wartesaal stand und unmittelbar, nachdem Monte Christo vorübergegangen war, in das Cabinet von Herrn Danglars eingeführt wurde.
Man hätte das so ernste Gesicht des Grafen beim Anblick des Portefeuille, das der Herr Generaleinnehmer der Hospitäler in der Hand hielt, durch ein vorübergehendes Lächeln sich erleuchten sehen können.
Vor der Thüre fand er seinen Wagen; er ließ sich aus der Stelle nach der Bank führen.
Während dieser Zeit kam Danglars, jede Aufregung unterdrückend, dem Generaleinnehmer entgegen.
Es versteht sich von selbst, daß das Lächeln und die Freundlichkeit aus seine Lippen stereotypirt waren.
»Guten Morgen, mein lieber Gläubiger,« sagte er, »denn ich wollte wetten, der Gläubiger kommt zu mir.«
»Sie haben richtig geraten, Herr Baron,« sprach Herr von Boville, »die Hospitäler erscheinen in meiner Person; die Witwen und Waisen verlangen durch meine Hände ein Almosen von fünf Millionen von Ihnen.«
»Und man sagt, die Waisen seien zu beklagen!« versetzte Danglars, den Scherz ausspinnend, »arme Kinder!«
»Ich komme also in ihrem Namen; Sie müssen meinen Brief gestern erhalten haben.«
»Ja.«
»Hier ist mein Empfangschein.«
»Mein lieber Herr von Boville, Ihre Witwen und Waisen werden wohl die Güte haben, vier und zwanzig Stunden zu warten, in Betracht, daß Herr von Monte Christo, den Sie wohl weggehen sahen . . . nicht wahr, Sie haben ihn gesehen?«
»Ja: nun?«
»Nun! Herr von Monte Christo hat Ihre fünf Millionen fortgenommen.«
»Wie so?«
»Der Graf hatte einen unbeschränkten Credit auf mich, einen Credit eröffnet durch das Haus Thomson und French in Rom: er kam zu mir und verlangte eine Summe von fünf Millionen aus Einmal, und ich gab ihm eine Anweisung aus die Bank: dort sind meine Fonds niedergelegt, und Sie begreifen, wenn ich an einem Tage aus den Händen des Herrn Regenten zehn Millionen zurückzöge, so möchte dies seltsam erscheinen. In zwei Tagen, das ist etwas Anderes,« fügte Danglars lächelnd bei.
»Gehen Sie doch,« rief Herr von Boville mit dem Tone des vollkommensten Unglaubens? »fünf Millionen dem Herrn, der so eben weg ging und mich grüßte, als ob ich ihn kennen würde?«
»Vielleicht kennt er Sie, ohne daß Sie ihn kennen; Herr von Monte Christo kennt Jedermann.«
»Fünf Millionen?«
»Hier ist sein Empfangschein, machen Sie es wie der heilige Thomas: sehen Sie und berühren Sie.«
Herr von Boville nahm das Papier, das ihm Danglars reichte, und las:
»Empfangen von Herrn Baron von Danglars die Summe von fünf Millionen einmal hundert tausend Franken, die er sich nach Belieben in Anweisungen auf das Haus Thomson und French in Rom zurückbezahlen lassen wird.«
»Es ist meiner Treue wahr!« rief Herr von Boville.
»Kennen Sie das Haus Thomson und French?«
»Ja, ich habe einmal ein Geschäft von zweimal hundert tausend Franken mit demselben gemacht, doch seitdem hörte ich nie mehr davon sprechen.«
»Es ist eines der besten Häuser Europas,« versetzte Danglars und warf nachlässig aus seinen Schreibtisch den Empfangschein, den er aus den Händen von Herrn von Boville genommen hatte.
»Und er hatte nur auf Sie allein fünf Millionen? Ah! dieser Graf von Monte Christo muß ein wahrer Nabob sein.«
»Meiner Treue! ich weiß nicht, wie das ist; doch er hatte drei unbeschränkte Credite: einen auf Rothschild, einen aus mich und einen aus Laffitte, und,« fügte Danglars nachlässig bei, »er gab, wie Sie sehen, mir den Vorzug, wobei er mir hundert tausend Franken für das Agio ließ.«
Es waren alle Zeichen der größten Bewunderung an Herrn von Boville wahrnehmbar, und er erwiderte:
»Das gefällt mir, ich muß ihn besuchen und eine fromme Stiftung für uns erlangen.«
»Oh! es ist, als ob Sie dieselbe bereits hätten, nur, seine Almosen allein beliefen sich monatlich aus zwanzig tausend Franken.«
»Das ist herrlich! übrigens werde ich ihm das Beispiel von Frau von Morcerf und ihrem Sohne anführen.«
»Was für ein Beispiel?«
»Sie haben ihr ganzes Vermögen den Hospitälern geschenkt,«
»Welches Vermögen?«
»Ihr Vermögen, das Vermögen des verstorbenen General von Morcerf.«
»Warum?«
»Weil sie nichts von einem so erbärmlich erworbenen Gute wollten.«
»Wovon werden sie leben?«
»Die Mutter zieht sich in die Provinz zurück, und der Sohn nimmt Dienste.«
»Ah! ah! das nenne ich Scrupel!«
»Ich habe gestern die Schenkungsakte einregistriren lassen.«
»Wie viel besaßen sie?«
»Oh! nicht sehr viel, zwölf bis dreizehnmal hundert tausend Franken. Doch kommen wir aus unsere Millionen zurück.«
»Gern,« versetzte Danglars mit dem natürlichsten Tone; »Sie haben also große Eile mit Ihrem Geld?«
»Allerdings, die Visitation unserer Kassen findet morgen statt/’
»Morgen! warum sagten Sie mir das nicht sogleich! morgen ist ein Jahrhundert! Um welche Stunde?«
»Um zwei Uhr/
»Schicken Sie um zwölf Uhr zu mir,« versetzte Danglars mit seinem Lächeln.
Herr von Boville antwortete nicht viel, er machte Ja mit dem Kopfe und schüttelte sein Portefeuille.
»Doch wenn ich bedenke,« sagte Danglars, »Sie können noch etwas Besseres tun.«
»Was soll ich tun?«
»Der Empfangsschein von Herrn von Monte Christo ist Geld wert; zeigen Sie diesen Schein bei Rothschild, oder bei Laffitte, sie nehmen Ihnen denselben aus der Stelle ab.«
»Obgleich zurückzahlbar auf Rom?«
»Gewiß; es kostet Sie nur einen Disconto von fünf bis sechstausend Franken.«
Der Einnehmer machte einen Sprung rückwärts und rief:
»Meiner Treue! nein, ich will lieber bis morgen warten. Wie schnell Sie zu Werke gehen!«
»Ich glaubte einen Augenblick, verzeihen Sie mir,« sagte Danglars mit der höchsten Unverschämtheit, »ich glaubte, Sie hätten ein kleines Defizit zu decken.«
»Ah!« machte der Einnehmer.
»Hören Sie, das hat man schon gesehen, und in einem solchen Falle bringt man ein Opfer.«
»Gott sei Dank, nein.«
»Morgen also, nicht wahr, mein lieber Einnehmer?«
»Ja, morgen: doch es fehlt nicht?«
»Ah, Sie scherzen! schicken Sie um Mittag, und die Bank wird benachrichtigt sein.«
»Ich werde selbst kommen.«
»Noch besser, das verschafft mir das Vergnügen, Sie zu sehen.«
Sie drückten sich die Hand.
»Doch sagen Sie,« sprach Herr von Boville, »gehen Sie nicht zu dem Leichenbegängniß von Fräulein von Villefort? ich habe es aus dem Boulevard gesehen.«
»Nein, ich bin noch etwas lächerlich seit der Geschichte von Benedetto, und halte mich gebückt.«
»Bah! Sie haben Unrecht; sind Sie an der ganzen Sache Schuld?«
»Hören Sie, mein lieber Einnehmer, wenn man einen fleckenlosen Namen trägt, wie ich, so ist man etwas empfindlich.«
»Jedermann beklagt Sie, das dürfen Sie überzeugt sein, und besonders beklagt Jedermann Fräulein Danglars.«
»Arme Eugenie!« rief Danglars mit einem tiefen Seufzer. »Sie wissen, daß sie in ein Kloster tritt?«
»Nein.«
»Ach! es ist leider nur zu wahr. Am Morgen nach dem Ereignis entschloß sie sich, mit einer ihr befreundeten Nonne abzureisen; sie sucht ein sehr strenges Kloster in Italien oder Spanien.«
»Oh! das ist furchtbar.«
Nach diesem Ausrufe entfernte sich Herr von Boville unter tausend, Beileidsbezeigungen.
Doch er war noch nicht sobald außen, als Danglars mit einer energischen Gebärde, die nur diejenigen verstehen werden, welche Robert Macaire von Frederic haben darstellen sehen, ausrief:
»Dummkopf!!!«
Und die Quittung von Monte Christo in sein kleines Portefeuille schiebend, fügte er bei:
»Komm morgen um Mittag, komm nur, und ich werde fern sein.«
Dann schloß er sich doppelt ein, leerte alle Behälter seiner Kasse, sammelte etwa fünfzigtausend Franken in Bankbillets, verbrannte verschiedene Papiere, legte andere so, daß sie in die Augen fielen, und fing an, einen Brief zu schreiben: sobald er ihn geschrieben hatte, versiegelte er ihn auch und setzte daraus die Adresse:
»An die Frau Baronin Danglars.«
»Diesen Abend,« murmelte er, »werde ich ihn selbst auf ihre Toilette legen.«
Dann zog er einen Paß aus seiner Schublade und sprach:
»Gut! er ist noch für zwei Monate gültig.«
