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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 98

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Zehntes Kapitel.
Der Kirchhof des Pére la Chaise

Herr von Boville war wirklich dem Leichenzuge begegnet, der Valentine zu ihrer letzten Ruhestätte geleitete.

Das Wetter war düster, der Himmel bewölkt, ein lauer, aber bereits für die gelben Blätter tödlicher Wind entriß sie den allmälig entblößten Zweigen und ließ sie aus die ungeheure Menge wirbeln, welche die Boulevards belagerte.

Herr von Villefort, ein Vollblut-Pariser, betrachtete den Friedhof des Pére la Chaise als den einzig würdigen, die sterbliche Hülle einer Pariser Familie aufzunehmen. Die andern erschienen ihm als Landkirchhöfe, als Hotels garnis des Todes. Nur auf dem Pére la Chaise konnte ein Hingeschiedener der guten Gesellschaft bei sich wohnen.

Er hatte hier, wie wir gesehen, für ewige Zeiten einen Raum erkauft, auf welchem sich das so schnell durch alle Mitglieder seiner ersten Familie bevölkerte Denkmal erhob. Man las an dem Giebel des Mausoleum: die Familien Saint-Meran und Villefort, denn dies war der letzte Wunsch der armen Renée, der Mutter von Valentine, gewesen.

Nach dem Pére la Chaise begab sich also der prunkhafte Leichenzug, der von dem Faubourg Saint-Honoré ausgegangen war.

Man fuhr durch ganz Paris, sodann durch den Faubourg du Temple und über die äußeren Boulevards bis zu dem Friedhofe. Mehr als fünfzig Herrenwagen folgten den zwanzig Trauerwagen, und hinter diesen fünfzig Wagen marschierten noch mehr als fünfhundert Personen zu Fuß.

Es waren beinahe lauter junge Leute, welche, von dem Tode von Valentine wie vom Blitze getroffen, trotz des eisigen Dunstes des Jahrhunderts und des prosaischen Charakters der Zeit, sich unter den poetischen Einfluß dieser schönen, dieser keuschen, dieser anbetungswürdigen, in ihrer Blüthe entführten Jungfrau schmiegten.

Am Ausgange von Paris sah man ein rasches Gespann von vier Pferden erscheinen, welche plötzlich ihre nervigen Kniebeugen wie stählerne Federn streckten: es war Herr von Monte Christo.

Der Graf stieg aus seiner Caleche und mischte sich in die Menge, welche zu Fuß dem Leichenwagen folgte.

Chateau-Renaud erblickte ihn; er stieg sogleich aus seinem Coupé aus und ging auf ihn zu. Beauchamp verließ ebenfalls sein Cabriolet,

Der Graf schaute aufmerksam durch alle Zwischenräume, welche die Menge ließ. Er suchte offenbar irgend Jemand. Endlich fragte er:

»Wo ist Morrel? Weiß Einer von Ihnen, meine Herren, wo er ist?«

»Wir haben diese Frage schon bei dem Sterbehause gemacht,« sagte Chateau-Renaud, »denn Niemand von uns hat ihn bemerkt.«

Endlich gelangte man auf den Friedhof.

Das durchdringende Auge von Monte Christo durchforschte mit einem Blicke die Eiben- und Fichtengebüsche: ein Schatten schlüpfte unter den schwarzen Hecken hin, und Monte Christo erkannte ohne Zweifel, was ersuchte.

Man weiß, was eine Beerdigung in dieser Prachtvollen Nekropolis ist: schwarze Gruppen in den weißen Alleen zerstreut, ein Stillschweigen des Himmels und der Erde, nur gestört durch das Geräusch gebrochener Zweige oder einer an einem Grabe eingedrückten Hecke; dann der schwermütige Gesang der Priester, mit dem sich zuweilen das Schluchzen vermischt, das aus einer Blumengruppe hervorkommt, unter der man eine in Trauer versunkene Frau mit gefallenen Händen erblickt.

Der Schatten, den Monte Christo erblickte, schritt rasch über den Platz hinter dem Grabe von Heloise und Abeilard, stellte sich neben die Diener des Todes an die Spitze der Pferde, welche den Leichnam zogen, und gelangte mit demselben Schritte zu dem für das Begräbniß erwählten Ort.

Monte Christo schaute nur diesen Schatten an, welcher kaum von seinen nächsten Nachbarn bemerkt wurde.

Zweimal trat der Graf aus den Reihen hervor, um zu sehen, ob die Hände dieses Menschen nicht etwas unter seinen Kleidern Verborgenes suchten.

In dem Schatten erkannte man, als der Zug anhielt, Morrel, der mit seinem schwarzen, bis oben zugeknöpften Rocke, mit seiner leichenbleichen Stirne, seinen hohlen Wangen und seinem durch krampfhafte Hände zerknitterten Hute sich an einen Baum angelehnt und aus einem das Mausoleum beherrschenden Hügel so ausgestellt hatte, daß er nicht den geringsten Umstand von der Leichenceremonie verlieren konnte.

Alles ging nach dem Gebrauche vor sich. Einige Männer, und dies waren wie immer die am wenigsten gerührten, hielten Reden. Die Einen beklagten diesen frühzeitigen Tod; die Andern breiteten sich über den Schmerz des Vaters aus; Einige waren geistreich genug, zu behaupten, Valentine habe mehr als einmal bei Herrn von Villefort Bitten für die Schuldigen eingelegt, über deren Haupt er das Schwert der Gerechtigkeit gehalten; kurz man erschöpfte sich in blumenreichen Metaphern und schmerzlichen Perioden, und legte auf jede mögliche Weise die Stanzen von Malherbe an Dupérier aus.

Monte Christo hörte nichts, sah nichts, oder er sah vielmehr nur Morrel, dessen Ruhe und Unbeweglichkeit ein furchtbares Schauspiel für Denjenigen waren, welcher allein zu lesen vermochte, was im Innersten des jungen Mannes vorging.

»Sieh da,« sprach plötzlich Beauchamp zu Debray, »dort ist Morrel! Wo Teufels mag er gesteckt haben!«

Und sie zeigten ihn Chateau-Renaud.

»Wie bleich er aussieht!« sprach dieser erschrocken.

»Es wird ihn frieren,« versetzte Debray, .

»Nein,« entgegnete langsam Chateau-Renaud: »ich glaube, er fühlt sich erschüttert. Maximilian ist ein für Eindrücke sehr empfänglicher Mensch.«

»Bah!« rief Debray; »er kannte Fräulein von Villefort kaum, Sie haben es selbst gesagt.«

»Es ist wahr. Doch ich erinnere mich, daß er aus dem Balle von Frau von Morcerf dreimal mit ihr getanzt hat; Sie wissen, Graf, aus dem Balle, wo Sie eine so große Wirkung hervorbrachten?«

»Nein, es ist mir nicht bekannt,« antwortete Moirte Christo, ohne eigentlich zu wissen, aus was und wem er antwortete, so sehr war er damit beschäftigt, Morrel zu überwachen, dessen Wangen sich belebten, wie es bei denjenigen der Fall ist, welche ihren Atem zurückhalten.

»Die Reden sind beendigt, Gott besohlen, meine Herrn,« sprach plötzlich der Graf.

Und er gab das Zeichen zum Aufbruch und verschwand, ohne daß man wußte, wohin er gegangen war.

Die Leichenfeierlichkeit war vorüber, die Anwesenden schlugen wieder den Weg nach Paris ein.

Nur Chateau-Renaud suchte einen Augenblick Morrel mit den Augen; doch während sein Blick dem wegeilenden Grafen gefolgt war, hatte Morrel seinen Platz verlassen, und Chateau Renaud ging, nachdem er ihn vergebens gesucht, Debray und Beauchamp nach.

Monte Christo hatte sich in ein Gebüsch geworfen und beobachtete hinter einem großen Grabmale verborgen die geringste Bewegung von Morrel, der sich allmälig dem von den Neugierigen und den Arbeitern verlassenen Mausoleum näherte.

Morrel schaute langsam und irre umher, doch in der Secunde, wo sein Blick den dem seinen gegenüberliegenden Teil des Kreises umfaßte, näherte sich ihm Monte Christo abermals zehn Schritte, ohne gesehen zu werden.

Der junge Mann kniete nieder.

Den Hals gestreckt, das Auge starr und weit geöffnet, die Knie gebogen, um aus das erste Zeichen vorzustürzen, näherte sich der Graf Morrel immer mehr.

Morrel beugte seine Stirne bis aus den Stein, umfaßte das Gitter mit seinen zwei Händen und murmelte:

»Oh! Valentine!«

Das Herz des Grafen brach bei dem Ausbruche dieser zwei Worte, er machte noch einen Schritt, klopfte Morrel aus die Schulter und sprach:

»Sie, mein lieber Freund, Sie suchte ich.«

Monte Christo erwartete eine Aufwallung, Vorwürfe, Beschuldigungen: er täuschte sich.

Morrel wandte sich um und sagte mit scheinbarer Ruhe:

»Sie sehen, ich betete!«

Der forschende Blick des Grafen betrachtete den jungen Mann von oben bis unten. Nach dieser Prüfung schien er ruhiger.

»Soll ich Sie nach Paris zurückführen?« sagte Monte Christo.

»Nein, ich danke.«

»Wünschen Sie irgend etwas?«

»Lassen Sie mich beten.«

Der Graf entfernte sich ohne eine Erwiederung, doch nur um einen neuen Posten einzunehmen, von wo aus er keine Gebärde von Morrel verlor; dieser erhob sich endlich, wischte seine durch den Stein weiß gewordenen Knie ab und schlug wieder den Weg nach Paris ein, ohne ein einziges Mal den Kopf umzuwenden.

Er ging langsam die Rue de la Roquette hinab.

Der Graf schickte seinen Wagen, der vor dem Kirchhose des Pére la Chaise hielt, zurück und folgte ihm aus hundert Schritte.

Maximilian ging über den Kanal und kehrte aus den Boulevards nach der Rue Meslay zurück.

Fünf Minuten nachdem sich die Thüre hinter Maximilian geschlossen hatte, öffnete sie sich wieder für Monte Christo.

Julie befand sich am Eingang des Gartens und schaute mit der tiefsten Aufmerksamkeit Meister Penelon zu, der, sein Gärtnergeschäft mit allem Ernste behandelnd, Steckreiser von bengalischen Rosen machte.

»Ah! Herr Graf von Monte Christo,« rief sie mit jener Freude, welche gewöhnlich jedes Mitglied der Familie Morrel kundgab, wenn Monte Christo einen Besuch in der Rue Meslay machen.

»Nicht wahr, Madame, Maximilian ist so eben nach Hause gekommen?« fragte der Graf.

»Ja, ich glaube, ich habe ihn vorübergehen sehen,« erwiderte die junge Frau; »doch ich bitte, rufen Sie Emmanuel.«

»Verzeihen Sie, Madame, ich muß sogleich zu Maximilian hinausgehen, ich habe ihm eine Sache von der höchsten Wichtigkeit mitzuteilen.«

»Gehen Sie,« sprach sie den Grafen mit ihrem reizenden Lächeln begleitend, bis er an der Treppe verschwunden war.

Monte Christo hatte bald die Stufen der zwei Stockwerke hinter sich, welche das Erdgeschoß von der Wohnung von Maximilian trennten; aus dem Ruheplatze horchte er: es ließ sich kein Geräusch vernehmen.

Wie in den meisten nur von einem einzigen Herrn bewohnten alten Häusern, war der Ruheplatz mit einer Glasthüre geschlossen. Doch an dieser Glasthüre fand sich kein Schlüssel; Maximilian hatte sich von innen eingeschlossen, aber man konnte unmöglich durch die Thüre sehen, da hinter den Scheiben ein Vorhang von roter Seide angebracht war.

Die Angst des Grafen verriet sich. durch eine lebhafte Röte, ein bei diesem unempfindlichen Manne höchst selten vorkommendes Symptom.

»Was ist zu tun?« murmelte er.

Und er dachte einen Augenblick nach.

»Läuten?« fuhr der Graf fort; »oh, nein! oft beschleunigt der Lärmen einer Glocke, das heißt eines Besuches den Entschluß derjenigen, welche sich in der Lage befinden, in der Maximilian in diesem Augenblick sein muß, und dann antwortet aus den Lärmen der Glocke ein anderer Lärmen.«

Monte Christo schauerte von dem Scheitel bis zu den Zehen, und da bei ihm der Entschluß die Raschheit des Blitzes hatte, so stieß er mit dem Ellenbogen eine von den Scheiben der Glasthüre ein, welche in kleine Stücke zerbrach, hob den Vorhang aus und sah Morrel, der, vor seinem Schreibtische, eine Feder in der Hand, beim Geräusch der zerbrochenen Scheibe von seinem Stuhle aufsprang.

»Es ist nichts,« sagte der Graf, »ich bitte tausendmal um Vergebung, mein lieber Freund, ich bin ausgeglitscht und habe beim Ausglitschen an das Fenster gestoßen? da es zerbrochen ist, so will ich dies benutzen, um bei Ihnen einzutreten; bemühen Sie sich nicht.«

Und der Graf streckte den Arm durch die zerbrochene Scheibe und öffnete die Thüre.

Morrel erhob sich offenbar ärgerlich und ging dem Grafen entgegen, doch weniger um ihn zu empfangen, als um ihm den Weg zu versperren.

»Meiner Treue! es ist der Fehler Ihrer Bedienten,« sagte Monte Christo, sich den Ellenbogen reibend, »Ihre Boden glänzen wie Spiegel.«

»Sind Sie verwundet, mein Herr?« fragte Morrel kalt.

»Ich weiß, es nicht. Doch was machten Sie denn da? Sie schrieben?«

»Ich? nein.«

»Sie haben Tintenflecken an den Fingern.«

»Es ist wahr,« antwortete Morrel, »ich schrieb: das begegnet mir zuweilen, obschon ich Militär bin.«

Monte Christo machte einige Schritte im Zimmer, Morrel mußte den Grafen vorüber lassen, folgte ihm jedoch,

»Sie schrieben?« versetzte Monte Christo mit einem ermüdend festen Blicke.

»Ich habe bereits die Ehre gehabt, Ihnen ja zu sagen,« erwiderte Morrel.

Der Graf schaute umher.

»Ihre Pistolen neben dem Schreibzeug?« sagte er, mit dem Finger aus die aus dem Bureau liegenden Waffen deutend.

»Ich mache eine Reise,« antwortete Maximilian trotzig.

»Mein Freund!« sprach Monte Christo mit einer Stimme voll unendlicher Weichheit.

»Mein Herr?«

»Mein Freund, mein lieber Maximilian, keine heftigen Entschlüsse, ich bitte Sie!«

»Ich, heftige Entschlüsse!« versetzte Morrel die Achseln zuckend; »ich frage Sie, in welcher Beziehung ist eine Reise ein heftiger Entschluß?«

»Maximilian,« sprach Monte Christo, »legen wir jeder die Maske bei Seite, die wir tragen. Maximilian, Sie täuschen mich eben so wenig durch diese geheuchelte Ruhe, als ich mich mit meiner oberflächlichen Teilnahme täusche. Nicht wahr, Sie begreifen, um getan zu haben, was ich getan, um Scheiben einzustoßen, um das Geheimnis des Zimmers eines Freundes zu verletzen, Sie begreifen, hierzu mußte ich von einer wirklichen Unruhe oder vielmehr von einer furchtbaren Überzeugung erfaßt sein? Morrel, Sie wollen sich töten.«

»Gut!« versetzte Morrel schauernd. »Woher nehmen Sie denn diese Gedanken, mein Herr Graf?«

»Ich sage Ihnen, daß Sie sich töten wollen,« fuhr der Graf mit demselben Tone fort, »hier ist der Beweis.«

Und er trat zu dem Schreibtisch, hob das weiße Blatt auf, das der junge Mann auf einen angefangenen Brief geworfen hatte, und nahm diesen Brief,

Morrel stürzte auf ihn zu, um das Papier seinen Händen zu entreißen.

Doch Monte Christo sah diese Bewegung vorher und kam ihm zuvor, indem er ihn beim Faustgelenke faßte und zurückhielt, wie die stählerne Kette die Feder mitten in ihrer Evolution zurückhält.

»Sie sehen, daß Sie sich töten wollten, Morrel,« sprach der Graf, »es ist geschrieben!«

»Nun wohl!« rief Morrel mit einem Sprunge vom Anscheine der Ruhe zum Ausdrucke der Heftigkeit übergehend; »nun wohl! wenn dem so wäre, wenn ich beschlossen hätte, gegen mich den Pistolenlaus zu richten, wer würde mich verhindern, wer hätte den Mut, mich zu verhindern? Wenn ich sage: alle meine Hoffnungen sind zertrümmert, mein Herz ist gebrochen, mein Leben ist erloschen, es gibt nur noch Trauer und Ekel um mich her; die Erde ist Asche geworden; jede menschliche Stimme zerreißt mich! Wenn ich sage: Es ist Mitleid, mich sterben zu lassen, denn wenn Ihr mich nicht sterben laßt, so verliere ich den Verstand und werde wahnsinnig: sprechen Sie, mein Herr, wenn ich dies sage und man sieht, daß ich es mit der Angst und den Tränen meines Herzens sage, wird man mir antworten: Du hast Unrecht? Wird man mich verhindern, nicht mehr der Unglücklichste zu sein? Sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie, haben Sie den Mut hierzu?«

»Ja, Morrel,« erwiderte Monte Christo mit einer Stimme, deren Ruhe seltsam mit der Exaltation des jungen Mannes im Widerspruche stand; »ja, ich habe den Mut.«

»Sie!« rief Morrel mit einem wachsenden Ausdrucke von Zorn und Vorwurf; »Sie, der Sie mich mit einer törichten Hoffnung girrten; Sie, der Sie mich mit leeren Versprechungen zurückhielten, wiegten, einschläferten, während ich durch einen kräftigen Schlag, durch einen äußersten Entschluß sie vielleicht hätte retten, oder wenigstens in meinen Armen sterben sehen können; Sie, der Sie alle Mittel des Geistes, alle Kräfte der Materie zu besitzen vorgeben; Sie, der Sie aus der Erde die Rolle der Vorsehung spielen oder zu spielen sich den Anschein verleihen, und nicht einmal die Macht besitzen, einem vergifteten Mädchen ein Gegengift zu geben! Ah! in der Tat, mein Herr, Sie würden mir Mitleid einflößen, flößten Sie mir nicht Abscheu ein!«

»Morrel . . . «

»Ja, Sie haben mir gesagt, wir wollen die Masken ablegen, wohl, Sie sollen befriedigt werden, ich lege sie ab. Ja, als Sie mir nach dem Kirchhofe folgten, antwortete ich Ihnen noch, denn ich bin gutmütig: als Sie hier eintraten, ließ ich Sie bis zu dieser Stelle kommen . . . Doch da Sie Mißbrauch von meiner

Güte machen, da Sie mir sogar in diesem Zimmer trotzen, in welches ich mich als in mein Grab zurückgezogen habe, da Sie mir eine neue Qual bringen, mir, der ich alle erschöpft zu haben glaubte, Graf von Monte Christo, mein angeblicher Wohlthäter; Graf von Monte Christo, allgemeiner Retter, seien Sie zufrieden, Sie werden Ihren Freund sterben sehen.«

Und das Lächeln der Verrücktheit aus den Lippen, stürzte Morrel zum zweiten Male nach den Pistolen.

Bleich wie ein Gespenst, aber mit blitzenden Augen, streckte Monte Christo die Hand nach den Waffen aus und sprach:

»Und ich wiederhole Ihnen, Sie werden sich nicht töten!«

»Hindern Sie mich doch!« versetzte Morrel mit einem letzten Sprunge, der sich, wie der erste, an dem stählernen Arme des Grafen brach.

»Ich werde Sie verhindern!«

»Doch wer sind Sie denn, daß Sie sich dieses tyrannische Recht über freie und denkende Geschöpfe anmaßen?« rief Maximilian.

»Wer ich bin?« wiederholte Monte Christo. »Hören Sie: ich bin der einzige Mensch aus der Welt, der berechtigt ist, zu Ihnen zu sagen: Morrel, ich will nicht, daß der Sohn Deines Vaters heute stirbt!«

Und majestätisch, erhaben, verwandelt, ging Monte Christo mit gekreuzten Armen aus den zitternden jungen Mann zu, der, unwillkürlich durch das göttliche Wesen dieses Menschen besiegt, einen Schritt zurückwich,

»Warum sprechen Sie von meinem Vater?« stammelte er, »warum mischen Sie die Erinnerung an meinen Vater in das, was mir heute begegnet?«,

»Weil ich derjenige bin, der Deinem Vater eines Tages das Leben gerettet hat, als er sich töten wollte, wie Du Dich heute töten willst; weil ich der Mann bin, der Deiner jungen Schwester die Börse und dem alten Morrel den Pharaon geschickt hat; weil ich Edmond Dantes bin, der Dich als Kind aus seinem Schooße spielen ließ!«

Morrel machte wankend, keuchend noch einen Schritt rückwärts; dann verließen ihn seine Kräfte und er stürzte mit einem gewaltigen Schrei zu den Füßen von Monte Christo nieder..

Plötzlich ging in dieser bewunderungswürdigen Natur eine Bewegung rascher, vollständiger Wiedergeburt vor: er stand auf, sprang aus dem Zimmer, eilte aus die Treppe und rief mit der ganzen Macht seiner Stimme:

»Julie! Julie! Emmanuel! Emmanuel!«

Monte Christo wollte ebenfalls hinauseilen; doch Maximilian hätte sich eher töten lassen, als daß er von den Angeln der Thüre gewichen wäre, die er gegen den Grafen zurückdrückte.

Aus das Geschrei von Maximilian liefen Julie, Emmanuel, Penelon und einige Diener erschrocken herbei.

Morrel faßte sie bei den Händen, öffnete die Thüre wieder und rief mit einer durch das Schluchzen zusammengepreßten Stimme:

»Auf die Knie! auf die Knie! es ist der Wohlthäter, es ist der Retter unseres Vaters! es ist . . . «

Er wollte sagen: »Es ist Edmond Dantes!« doch der Graf hielt ihn zurück.

Julie stürzte auf die Hand des Grafen, Emmanuel umfaßte ihn wie einen Schutzgott, Morrel fiel zum zweiten Male aus die Knie und schlug mit der Stirne aus den Boden.

Da fühlte der eherne Mann, wie sein Herz sich in seiner Brust erweiterte, die verzehrende Flamme stieg von seiner Kehle in seine Augen, er neigte das Haupt und weinte!

Es fand einige Augenblicke lang in diesem Zimmer ein Concert von erhabenen Tränen und Seufzern statt, das dem geliebtesten Engel des Herrn harmonisch vorgekommen sein müßte.

Julie hatte sich kaum von ihrer tiefen Erschütterung erholt, als sie hinaus stürzte, die Treppe hinabeilte, mit einer kindischen Freude in den Salon lies und die kristallene Kugel aushob, welche die ihr von dem Unbekannten der Allées de Meillan geschenkte Börse beschützte.

Während dieser Zeit sprach Emmanuel mit erschütterter Stimme zu dem Grafen:

»Oh! mein Herr Graf, wie konnten Sie, der Sie uns so oft von unserem unbekannten Wohlthäter sprechen hörten, der Sie uns ein Andenken mit so viel Dankbarkeit und Anbetung umfassen sahen, wie konnten Sie bis heute warten, ohne sich uns zu offenbaren? Oh! das ist eine Grausamkeit gegen uns, und ich möchte beinahe sagen, Herr Graf, gegen Sie selbst.«

»Hören Sie, mein Freund,« erwiderte der-Graf, »so kann ich Sie nennen, denn ohne es zu vermuten, sind Sie mein Freund seit elf Jahren: die Entdeckung dieses Geheimnisses ist durch ein großes Ereignis herbeigeführt worden, das Sie nicht kennen sollen. Gott ist mein Zeuge, ich wollte es mein ganzes Leben hindurch im Grunde meiner Seele begraben halten? Ihr Schwager Maximilian hat es mir durch eine Heftigkeit entrissen, die er, ich bin es fest überzeugt, bereut.«

Dann schaute er Maximilian an, der sich, obgleich aus den Knien verharrend, gegen einen Lehnstuhl gewendet hatte, und fügte ganz leise Emmanuel aus eine bezeichnende Weise die Hände drückend bei:

»Wachen Sie über ihm.«

»Warum dies?« fragte der junge Mann erstaunt. »Ich kann es Ihnen nicht sagen; doch wachen Sie über ihm.«

Emmanuel schaute rings im Zimmer umher und erblickte die Pistolen von Morrel.

Seine Augen hefteten sich erschrocken aus diese Waffen, die er Monte Christo, langsam den Finger bis zur Höhe ihrer Lage erhebend, bezeichnete.

Monte Christo neigte das Haupt.

Emmanuel machte eine Bewegung gegen die Pistolen.

»Lassen Sie,« sprach der Graf,

Dann ging er aus Morrel zu und faßte ihn bei der Hand; die stürmischen Bewegungen, welche einen Augenblick das Herz des jungen Mannes geschüttelt, hatten einem tiefen Erstaunen Platz gemacht.

Julie kam wieder heraus; sie hielt in der Hand die seidene Börse, und zwei glänzende, freudige Tränen rollten wie zwei Tropfen Morgenthau über ihre Wangen.

»Das ist die Reliquie,« sprach sie; »glauben Sie nicht, daß sie mir, minder teuer ist, seitdem sich der Retter uns geoffenbart hat.«

»Mein Kind,« antwortete Monte Christo errötend, »erlauben Sie mir, diese Börse zurückzunehmen; nun, da Sie die Züge meines Gesichtes kennen, will ich in Ihre Erinnerung nur durch die Zuneigung zurückgerufen werden, die Sie mir aus meine Bitte gewähren werden.«

»Oh! nein, nein, ich flehe Sie an,« sprach Julie, die Börse an ihr Herz drückend, »denn eines Tags könnten Sie uns verlassen, denn eines Tags werden Sie uns leider verlassen: nicht wahr?«

»Sie haben richtig erraten, Madame,« erwiderte Monte Christo lächelnd, »in acht Tagen bin ich von diesem Lande entfernt, wo so viele Leute, welche des Himmels Rache verdient hätten, glücklich lebten, während mein Vater vor Hunger und Schmerz starb.«

Seine nahe bevorstehende Abreise ankündigend, heftete Monte Christo seine Augen aus Morrel und er bemerkte, daß die Worte: »bin ich von diesem Lande entfernt,« ohne Maximilian seiner Lethargie zu entziehen vorübergingen; er begriff, daß er einen letzten Kampf mit dem Schmerze seines Freundes aushalten mußte; der Graf nahm die Hand, von Julie und Emmanuel, vereinigte sie in den seinigen, und sprach mit der sanften Würde eines Vaters:

»Meine lieben Freunde, ich bitte Euch, laßt mich mit Maximilian allein.«

Dies war ein Mittel für Julie, die kostbare Reliquie wegzubringen, von der der Graf von Monte Christo zu sprechen vergaß,

»Lassen wir sie,« sagte sie und zog rasch ihren Gatten fort.

Der Graf war allein mit Morrel, der unbeweglich blieb wie eine Bildsäule.

»Laß hören,« sagte der Graf die Schulter Maximilians mit seinem glühenden Finger berührend, »wirst Du endlich wieder ein Mensch, Maximilian?«

»Ja, denn ich fange an zu leiden.«

Die Stirne des Grafen faltete sich unter einem düsteren Zögern.

»Maximilian! Maximilian!« sprach er, »die Gedanken, in welche Du Dich versenkst, sind eines Christen unwürdig.«

»Oh! beruhigen Sie sich, Freund,« sagte Morrel das Haupt erhebend und dem Grafen ein Lächeln von unaussprechlicher Traurigkeit zeigend, »ich werde den Tod nicht mehr suchen.«

»Also keine Waffen, keine Verzweiflung mehr?«

»Nein, denn ich habe etwas Besseres, um mich von meinem Schmerze zu heilen, als den Laus einer Pistole oder die Spitze eines Messers.«

»Armer Narr! . . . was hast Du denn?«

»Ich habe meinen Schmerz, der mich töten wird.«

»Freund,« sprach Monte Christo mit derselben Schwermut, wie Maximilian, »höre mich. Eines Tags wollte ich in einem Augenblick einer Verzweiflung, welche der Deinigen gleichkam, da sie einen ähnlichen Entschluß herbeiführte, wollte ich mich, sage ich, wie Du, töten; ebenso in Verzweiflung, wollte sich eines Tages auch Dein Vater töten. Wenn man Deinem Vater in dem Augenblick, wo er den Pistolenlauf gegen seine Stirne richtete, wenn man mir in dem Augenblick, wo ich von meinem Bette das Brot des Gefangenen wegschob, das ich seit drei Tagen nicht berührt, wenn man endlich uns Beiden in diesem äußersten Augenblick gesagt hätte: Lebt, es kommt ein Tag, wo Ihr glücklich sein und das Leben segnen werdet! von welcher Seite auch die Stimme hörbar geworden wäre, wir würden sie mit der Angst des Zweifels oder mit dem Bangen des Unglaubens ausgenommen haben, und wie oft hat dennoch Dein Vater, Dich umarmend, das Leben gesegnet, wie oft habe ich selbst . . . «

»Ah!« rief Morrel den Grafen unterbrechend, »Sie hatten nichts verloren, als Ihre Freiheit; mein Vater hatte nichts verloren als sein Vermögen, und ich, ich habe Valentine verloren.«

»Schau mich an, Morrel,« sprach Monte Christo mit jener Feierlichkeit, die ihn bei gewissen Veranlassungen so groß und überzeugend machte; »schau mich an, ich habe weder Tränen in den Augen, noch Fieber in den Adern, noch düstere Schlage im Herzen: ich sehe Dich jedoch leiden, Maximilian, Dich, den ich liebe, wie ich meinen Sohn lieben würde; nun, sagt Dir das nicht Morrel, daß der Schmerz ist wie das Leben, und daß es stets etwas Unbekanntes jenseits gibt? Wenn ich Dich zu leben bitte, wenn ich Dir zu leben befehle, so geschieht es in der Überzeugung, Du werdest mir eines Tags dafür danken, daß ich Dir das Leben erhalten habe.«

»Mein Gott!« rief der junge Mann, »mein Gott! was sagen Sie mir da, Graf? Nehmen Sie sich in Acht! Sie haben vielleicht nie geliebt?«

»Kind!« rief der Graf.

»Mit der Liebe, die ich meine,« versetzte Morrel. »Sehen Sie, ich bin ein Soldat, seitdem ich ein Mensch bin, ich habe das neunundzwanzigste Jahr erreicht, ohne zu lieben, denn keines von den Gefühlen, die sich bis dahin in mir regten, verdiente den Namen Liebe: mit neunundzwanzig Jahren sah ich Valentine; ich liebe sie folglich seit beinahe zwei Jahren; seit zwei Jahren konnte ich alle Tugenden des Mädchens und der Frau von der Hand des Herrn in ihr für meine Augen wie ein Buch geöffnetes Herz geschrieben lesen. Graf, in Valentine lag für mich ein unendliches, unermeßliches, unbekanntes Glück, ein Glück, zu groß, zu vollständig, zu göttlich für diese Welt, da es mir diese Welt nicht gegeben hat; Graf, damit sage ich Ihnen, daß es ohne Valentine für mich aus der Welt nur Trostlosigkeit und Verzweiflung gibt.«

»Ich hieß Sie hoffen, Morrel,« wiederholte der Graf.

»Nehmen Sie sich in Acht, sage ich Ihnen noch einmal, Sie suchen mich zu überzeugen, und wenn Sie mich überzeugen, machen Sie, daß ich den Verstand verliere, denn Sie lassen mich glauben, ich könne Valentine wiedersehen.«

Der Graf lächelte.

»Mein Freund, mein Vater!« rief Morrel in höchster Begeisterung, »nehmen Sie sich in Acht! nehmen Sie sich in Acht! sage ich Ihnen zum dritten Male, denn die Herrschaft, welche Sie über mich gewinnen, erschreckt mich; wägen Sie den Sinn Ihrer Worte ab, denn meine Augen beleben sich wieder, mein Herz entzündet sich wieder, wird wiedergeboren; nehmen Sie sich in Acht, denn Sie lassen mich an übernatürliche Dinge glauben. Ich würde gehorchen, wenn Sie mich den Stein von dem Grabe, das die Tochter Jairi bedeckt, aufheben hießen; ich würde auf den Wellen gehen, wenn Sie mich mit einem Zeichen der Hand aus den Wellen gehen hießen: nehmen Sie sich in Acht, ich würde gehorchen.«

»Hoffe, mein Freund,« wiederholte der Graf.

»Ah!« rief Morrel von der ganzen Höhe seiner Begeisterung in den Abgrund seiner Traurigkeit zurückfallend; »ah! Sie spotten meiner: Sie machen es wie die guten Mütter, oder vielmehr wie die selbstsüchtigen Mütter, welche mit honigsüßen Worten den Schmerz ihres Kindes stillen, weil sein Geschrei sie ermüdet. Nein, mein Freund, nein, ich hatte Unrecht, Ihnen zu sagen, Sie mögen sich in Acht nehmen; nein, befürchten Sie nichts, ich werde meinen Schmerz so sorgfältig in der Tiefe meiner Brust bewahren, ich werde ihn so dunkel, so geheim machen, daß Sie nicht einmal mehr Mitleid zu haben brauchen. Gott befohlen, mein Freund, Gott befohlen!«

»Im Gegenteil,« sprach der Graf, »von dieser Stunde an, Maximilian wirst Du bei mir und mit mir leben. Du wirst mich nicht mehr verlassen, und in acht Tagen haben wir Frankreich hinter uns.«

»Und Sie heißen mich immer noch hoffen?«

»Ich heiße Dich hoffen, weil ich ein Mittel kenne, das Dich heilen wird.«

»Graf, Sie machen mich, wenn es möglich ist, noch trauriger. Sie betrachten als die Folge des Schlages, der mich trifft, nur einen alltäglichen Schmerz und glauben mich durch ein alltägliches Mittel, durch Reisen, heilen zu können.«

Und Morrel schüttelte den Kopf mit verächtlichem Unglauben.

»Was soll ich Dir sagen?« versetzte der Graf. »Ich habe Zutrauen zu meinen Versprechungen, laß mich den Versuch machen.«

»Graf, Sie verlängern nur meinen Todeskampf.«

»Schwaches Herz, Du hast also nicht die Kraft, Deinem Freunde einige Tage zu seiner Probe zu geben! Weißt Du, was der Graf von Monte Christo zu vollführen fähig ist? Weißt Du, daß er genug Glauben an Gott hat, um Wunder von demjenigen zu erlangen, welcher gesagt hat, mit dem Glauben könne der Mensch einen Berg aufheben? Nun! dieses Wunder, aus das ich hoffe, erwarte es, oder . . . «

»Oder? . . . « wiederholte Morrel.

»Oder nimm Dich in Acht, Morrel, ich werde Dich einen Undankbaren nennen.«

»Haben Sie Mitleid mit mir, Graf.«

»Ich habe dergestalt Mitleid mit Dir, Maximilian, höre mich wohl, dergestalt Mitleid, daß ich Dich, wenn ich Dich nicht in einem Monat, auf den Tag, aus die Stunde, heile, selbst vor die geladene Pistole und vor einen Becher des sichersten Giftes von Italien stelle, vor ein Gift, das sicherer und rascher wirkt, glaube mir, als das, welches Valentine getötet hat.«

»Sie versprechen es mir?«

»Ja, denn ich bin ein Mensch, denn ich habe auch gelitten, denn ich wollte mich auch töten, und oft, selbst seitdem das Unglück sich von mir entfernt hat, träumte ich von den köstlichen Genüssen des ewigen Schlafes.«

»Oh! gewiss, Sie versprechen es mir, Graf?« rief Maximilian berauscht.

»Ich verspreche es Dir nicht, ich schwöre es Dir,« sagte Monte Christo, die Hand ausstreckend.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
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