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Kitabı oku: «Der Page des Herzogs von Savoyen», sayfa 21
VIII.
Die Ersteigung
Die Leser mögen sich nicht wundern, daß wir mit der Genauigkeit eines Geschichtsschreibers allen Einzelheiten des Angriffs und der Vertheidigung der ruhmreichen Belagerung von Saint-Quentin folgen, ruhmreich für die Belagerten und die Belagerer.
Unserer Meinung nach gehören zur Größe eines Landes die Niederlagen so gut wie die Siege; der Glanz der Triumphe hebt sich neben den Unfällen um so heller heraus.
Welches Volk wäre nach Crécy, nach Poitiers, nach Azincourt, nach Pavia, nach Saint-Quentin, nach Waterloo nicht unterlegen? Ueber Frankreich schwebte die Hand Gottes und nach jedem Falle stand es größer wieder auf, als es bis dahin gewesen.
Hinter der Monarchie stand immer das Volk, und so werden wir auch diesmal das Volk aufrecht bleiben sehen.
In der Nacht nach dem Abgange Yvonnet‘s und Maldent‘s meldete man dem Admiral, daß die Wachen in der Inselvorstadt graben zu hören glaubten.
Coligny stand auf und begab sich an den bedrohten Ort.
Er war ein erfahrener Soldat der Admiral. Er stieg von seinem Pferde, legte sich mit dem Ohr an den Boden und horchte.
Dann stand er auf und sagte:
»Es ist kein Geräusch vom Graben man führt Kanonen. Der Feind führt seine Batterien auf.«
Die Offiziere sahen einander an, dann trat Jarnac vor und sagte:
»Herr Admiral, es ist Euch bekannt, daß nach Aller Meinung der Ort nicht haltbar ist?«
Der Admiral lächelte.
»Das ist auch meine Meinung,« sagte er, »und doch halten wir den Ort seit fünf Tagen. Wenn ich mich zurückgezogen hätte, als Ihr in mich drängtet, wäre die Inselvorstadt seit fünf Tagen in den Händen der Spanier und sie hätten die Arbeiten bereits gethan, die sie nun noch zu thun haben. Vergessen wir Eins nicht, meine Herren: jeder Tag, den wir gewinnen, ist uns so nützlich wie der letzte Rest des Athems dem verfolgten Hirsch.«
»So ist eure Meinung…«
»Meine Meinung ist, daß wir auf dieser Seite gethan haben, was Menschen möglich ist, und daß wir unsere Kraft, unsere Hingebung und unsere Wachsamkeit nach einer andern Seite wenden müssen.«
Die Offiziere neigten sich zum Zeichen der Zustimmung.
»Mit Tagesanbruche,« fuhr Coligny fort, »werden die spanischen Geschütze aufgefahren seyn und ihr Feuer beginnen, mit Tagesanbruch muß also alles, was wir an Geschütz, Munition, Wollsäcken, Karren, Tragen, Hacken u. dgl. hier haben, in die Stadt zurückgebracht seyn. Ein Theil unserer Leute wird sich damit beschäftigen, der andere Faschinen und Holzbündel, die bereit gehalten werden, in den Häusern aufhäufen und Feuer daranlegen. Ich selbst werde den Rückzug leiten und die Brücken hinter unsern Soldaten abbrechen lassen.«
Als er arme Unglückliche um sich sah, denen diese Häuser gehörten und die bestürzt auf diese Reden hörten, sagte er:
»Liebe Leute, wenn wir eure Häuser verschonten, würden die Spanier sie zerstören und überdies Holz und Steine darin finden, um Belagerungswerke davon anzulegen. Opfert sie also selbst dem Könige, und dem Vaterlande, Euch übertrage ich es, sie anzuzünden.«
Die Bewohner der Vorstadt sahen einander an, wechselten leise einige Worte und Einer, der vortrat, sagte:
»Herr Admiral, ich heiße Wilhelm Pauquet; Ihr seht hier mein Haus, es ist eines der größten… Ich übernehme es, Feuer daran zu legen und meine Freunde und Nachbarn – da werden es mit den ihrigen auch thun.«
»Ist das wahr, Kinder?« fragte der Admiral mit Thränen in den Augen.
»Ihr verlangt es zum Nutzen des Königs und des Vaterlandes, Herr Admiral.«
»Haltet nur vierzehn Tage mit mir aus, Kinder, und wir retten Frankreich,« sagte Coligny.
»Und dazu ist nöthig, daß wir unsere Häuser verbrennen?«
»Ich halte es für nöthig.«
»Wenn sie niedergebrannt sind, so haltet Ihr die Stadt?«
»Ich verspreche alles zu thun, was ein Mann thun kann, der dem Könige und dem Vaterlande ergeben ist,« antwortete der Admiral. »Wer davon spricht, sich zu ergeben, wird von diesen Mauern hinuntergestürzt; spreche ich davon, so thue man eben so mit mir.«
»Es ist gut, Herr Admiral,« sagte einer der Hausbesitzer. »Die Häuser werden in Brand gesteckt werden, sobald Ihr es befehlt.«
»Die Abtei wird man doch schonen,« warf eine Stimme ein.
Der Admiral drehte sich um und erkannte Lactantius.
»Die Abtei so wenig als das Uebrige,« antwortete er. »Von ihr aus beherrscht man den Wall von Rémicourt und eine Batterie dort würde die Vertheidigung dieses Walles unmöglich machen.«
Lactantius schlug die Augen zum Himmel auf und seufzte tief.
»Uebrigens,« fuhr der Admiral lächelnd fort, »Saint- Quentin ist der Schutzheilige der Stadt und wird uns nicht zürnen, wenn wir die Feinde hindern, seine Abtei zum Verderben seiner Schutzempfohlenen zu benutzen.«
Dann benützte er den guten Willen, der sich unter den Leuten zeigte, und befahl die Kanonen und andern bereits bezeichneten Gegenstände nach der Stadt zu bringen, alles natürlich so still als möglich.
Man ging ans Werk und man muß sagen mit großem Eifer.
Um zwei Uhr Früh war alles fortgebracht und hinter der alten Mauer befanden sich nur so viel Büchsenschützen, um den Feind glauben zu lassen, man gedenke noch immer sie zu vertheidigen. Die Hausbesitzer hielten bereits die Fackeln in der Hand, ihre Gebäude anzuzünden.
Mit Tagesanbruch begannen die Spanier zu schießen, wie es der Admiral vorhergesehen hatte. Es war in der Nacht eine Breschebatterie aufgeführt worden und diese Arbeit hatte der Admiral vernommen.
Diese ersten Schüsse waren das Signal die Vorstadt in Brand zu stecken. Keiner der Hausbesitzer zögerte, jeder hielt muthig die Fackeln in die Faschinen und im nächsten Augenblicke stieg eine Rauchsäule empor, welcher bald die Feuersäule folgte.
In dem ungeheuren Feuermeere blieb die Abtei unberührt stehen.
Dreimal machte man einen erneuten Versuch sie in Brand zu bringen, jedes mal vergebens.
Der Admiral beobachtete vom Inselthore aus das Fortschreiten der Zerstörung, als Johann Pauquet zu ihm trat, seine Mütze in die Hand nahm und sagte:
»Herr Admiral, ein alter Mann will von seinem Vater gehört haben, in einem oder dem andern der beiden Thürme neben dem Inselthore, vielleicht in beiden, liege Pulver.«
»So muß man nachsehen. Wo sind die Schlüssel?«
»Ja, die Schlüssel! wer weiß das? Vielleicht seit hundert Jahren sind die Thüren nicht aufgemacht worden.«
»So breche man sie auf; man hole Werkzeuge herbei.«
»Das ist nicht nöthig; wenn ich mich an die Thür stemme, fällt sie um,« sagte Heinrich Scharfenstein, der mit seinem Neffen vortrat.
»Ah, Du bist es, tapferer Riese?« sagte der Admiral.
»Ja, ich bin‘s mit Franz.«
»So lehne Dich an die Thür.«
Ein jede Thür ging ein Scharfenstein, lehnte sich daran und zählte: einst zweit drei! Bei drei krachte die Thür und jeder Scharfenstein fiel mit um.
»So!« sagten sie ganz gemächlich.
Man ging in die Thürme hinein. Der eine enthielt wirklich einen ziemlichen Vorrath von Pulver, aber als man die Fässer wegschaffen wollte, zerfielen sie, da sie über hundert Jahre dagelegen hatten.
Der Admiral befahl Tücher zu bringen und in denselben das Pulver in das Arsenal zu schaffen.
Als er sah, daß auch dieser Befehl ausgeführt wurde, ging er fort, um etwas zu essen und ein wenig auszuruhen, da er seit dem vorigen Abende nichts genossen hatte und seit Mitternacht auf den Beinen gewesen war.
Eben hatte er sich an den Tisch gesetzt, als man ihm meldete, daß einer der Boten, die er an den Connétable gesandt, zurück sey und sogleich mit ihm zu sprechen wünsche.
Es war Yvonnet.
Yvonnet meldete dem Admiral, daß die verlangte Hilfe, ihm am nächsten Tage durch seinen Bruder Dandelot, den Marschall Saint-André und den Herzog von Enghien werde zugeführt werden. Sie werde aus viertausend Mann zu Fuß bestehen. Maldent sey in La Fère geblieben, um als Führer zu dienen.
So weit war Yvonnet mit seinem Bericht und erhob eben ein Glas Wein, das man ihm eingeschenkt hatte, empor um auf das Wohl des Admirals zu trinken, als die Erde erbebte, die Wände wankten, die Fenster in Stücke flogen und ein Donner wie von hundert Geschützen erfolgte.
Der Admiral sprang auf und Yvonnet setzte zitternd das Glas Wein auf den Tisch.
Zugleich zog eine schwere Wolke vor dem Westwinde über die Stadt und ein starker Schwefelgeruch verbreitete sich.
»Die Unseligen!« sagte der Admiral. »Sie werden unvorsichtig gewesen seyn und die Pulverniederlage in die Luft gesprengt haben.«
Ohne auf weitere Nachrichten zu warten, verließ er das Haus und eilte nach dem Inselthore.
Die Einwohner der Stadt liefen eben alle dahin.
Coligny hatte sich nicht geirrt. Als er an Ort und Stelle kam, sah er den zerrissenen Thurm rauchend wie den Krater eines Vulcans vor sich stehen. Ein Brand von der ungeheuren Feuersbrunst war durch eine der Schießscharten in den Thurm geflogen und hatte das Pulver entzündet.
Vierzig bis fünfzig Personen waren umgekommen; fünf Offiziere, welche das Fortschaffen leiteten, fehlten.
Der zersprungene Thurm bot dem Feinde eine Bresche, durch die fünfundzwanzig Mann neben einander eindringen konnten.
Zum Glück verbarg das ungeheure Rauch- und Flammenmeer zwischen der Vorstadt und der Stadt den Spaniern die Bresche.
Coligny übersah sofort die Gefahr und forderte zu Hilfe auf.
Die Soldaten hatten sich bereits entfernt, um einmal zu trinken. Unter ihnen waren auch die beiden Scharfenstein, da aber ihr Zelt sich kaum fünfzig Schritte von dem Schauplatz befand, waren sie doch unter den Ersten, welche der Aufforderung des Admirals nachkamen.
Ihre herkulische Kraft und ihre Riesengröße eignete sie zu solcher Hilfe ganz besonders. Sie legten dann ihre Wämmser ab, streiften ihre Aermel auf und machten sich zu Maurern.
Drei Stunden später waren die Ausbesserungen vollendet, ohne daß der Feind eine Störung dabei nur versucht hatte; der Thurm stand wieder so fest da wie vorher.
Der ganze Tag – der 7. August – verging, ohne daß der Feind irgend eine Demonstration machte; er schien sich auf die Einschließung zu beschränken. Er wartete wahrscheinlich auf die Ankunft der englischen Armee.
Abends bemerkten die Wachen einige Bewegung nach der Inselvorstadt zu.
Die Spanier Carondelet‘s und Romeron‘s benutzten das allmälige Aufhören der Feuersbrunst, zeigten sich in der Vorstadt und näherten sich der Stadt.
Die ganze Aufmerksamkeit richtete sich also nach dieser Seite.
Abends um zehn Uhr rief der Admiral die ersten Offiziere der Besatzung zu sich und meldete ihnen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach in der Nacht die erwartete Verstärkung ankommen werde. Man solle also insgeheim und still die Mauer von Tournival bis zum Thor von Ponthoille besehen, um zum Beistande der Ankommenden, wenn nöthig, bereit zu seyn.
Yvonnet, der als Bote in diese Anordnungen eingeweiht worden war, sah sie mit Freuden ergreifen und wirkte, seiner Ortskenntniß wegen, nach Kräften dazu mit.
Nach diesen Anordnungen blieb – bis auf einige Schildwachen – der Wall des Altmarktes fast ganz frei, an dem das Haus Johann Pauquets und namentlich das Gartenhäuschen stand, in welchem Gudula wohnte.
Gegen elf Uhr in einer der finstern Nächte, welche den Liebhabern, die zu den Liebchen schleichen, und den Soldaten so wohl gefallen, welche eine Ueberrumpelung vorbereiten, ging unser Abenteurer mit seinen beiden Freunden, Heinrich und Franz Scharfenstein, die gleich ihm bis an die Zähne bewaffnet waren, durch die Gassen und Gäßchen, die sie zu dem Wall am Altmarkte führten.
Sie folgten diesem Wege, weil sie wußten, daß der ganze Raum von dem Thurm Dameuse bis zum Altmarktthor nicht besetzt war, weil der Feind an dieser Stelle noch gar keine Demonstration gemacht hatte.
Es war öde und finster.
Yvonnet sah neben den beiden Riesen wie ein Kind aus guter Familie zwischen zwei Bullenbeißern aus.
Er hatte die beiden starken Freunde, denen er sich immer gern anschloß, gefragt, ob sie mit ihm gehen wollten, und sie hatten ihm wie gewöhnlich geantwortet:
»Recht gern, Herr Yvonnet.«
Sie nannten ihn Herr Yvonnet, eine Auszeichnung, die sie keinem andern ihrer Gefährten gewährten, denn in ihre Freundschaft für ihn mischte sich eine gewisse Achtung und Ehrfurcht.
Wohin sie an diesem Abende gehen sollten, als er sie aufforderte ihn zu begleiten, war ihnen sehr gleichgültig. Es genügte ihnen, daß er gesagt hatte: »kommt« und – sie folgten ihm, wie die Planeten ihrer Sonne.
Yvonnet ging zum Liebchen. Warum hatte er sich auf diesem Wege von den beiden Riesen begleiten lassen?
Vor allen Dingen, die tapfern Deutschen waren keine lästigen Zeugen; sie drückten ein Auge, beide Augen zu, sie würden drei geschlossen haben, wenn sie so viele gehabt hätten, und ließen sie so lange zu, bis er ihnen erlaubte sie wieder aufzumachen.
Yvonnet nun hatte sie mit sich genommen, weil er – wie man sich erinnert – um an das Fenster des Gartenhäuschens zu kommen, eine Leiter brauchte. Statt nun eine wirkliche hölzerne Leiter zu nehmen, nahm er lieber die beiden Scharfenstein mit sich.
Natürlich hatte er mit dem Liebchen mehre Signale verabredet, durch die er ihr seine Anwesenheit meldete; oder an diesem Abende bedurfte er keinen einzigen, denn Gudula war bereits am Fenster und wartete.
Sie zog sich nun zurück, als sie drei Männer statt des seinen kommen sah.
Da trat Yvonnet aus der Gruppe heraus und gab sich zu erkennen. Sogleich erschien das Mädchen wieder am Fenster.
Mit zwei Worten setzte er ihr die Gefahren auseinander, welchen sich ein Soldat in einer belagerten Stadt aussetze, wenn er mit der Leiter auf dem Rücken umhergehe: eine Patrouille könne glauben, er trage die Leiter, um sie den Belagernden zu reichen; er müsse ihr dann zu dem Offizier folgen, zu dem Capitän, zu dem Gouverneur vielleicht und da erklären was er mit der Leiter habe machen wollen, eine solche Erklärung aber, wie zart sie auch gehalten sey, compromittire doch die Ehre Gudula‘s. Besser sey es also, sich auf die beiden Freunde zu verlassen, deren Verschwiegenheit er gewiß sey.
Wie aber sollten die Freunde als Leiter dienen? Das konnte Gudula nicht begreifen.
Yvonnet seinerseits wollte keine Zeit mit der Entwicklung seiner Theorie verlieren und ging sofort zur Anwendung.
Er winkte den beiden Scharfenstein, die ihre langen Beine in Bewegung setzten und mit ein paar Schritten bei ihm waren.
Den Onkel lehnte er an die Wand, dem Neffen winkte er.
In weniger Zeit als wir zum Erzählen brauchen, hatte Franz einen Fuß in die zusammengefaltenen Hände des Oheims und den andern auf dessen Schulter gesetzt. So reichte er bis an das Fenster, umfaßte Gudula, die neugierig zusah und ehe sie sich bewegen, ehe sie sich sträuben konnte, aus dem Stübchen gehoben und hinunter neben Yvonnet gesetzt war.
»Da!« sagte Franz, »da ist die Jungfer.«
»Schönen Dank!« sagte Yvonnet, der den Arm Gudula‘s nahm und mit ihr nach dem dunkelsten Plätzchen hinging.
Dieses Plätzchen war oben auf dem Wall die kreisrunde Spitze eines der Thürme, die durch eine Brustlehne von drei Fuß Höhe geschützt wurde.
Die beiden Scharfenstein setzten sich auf eine Art Steinbank an der Courtine.
Wir wollen hier das Gespräch Gudula‘s und Yvonnet‘s nicht berichten. Sie waren jung und verliebt; drei Tage und drei Nächte hatten sie einander nicht gesehen und so hatten sie einander so viel zu sagen, daß wir gewiß in dies Capitel nicht hinein brächten, was sie in einer Viertelstunde sprachen.
Eine Viertelstunde sagen wir, denn so lebhaft auch das Gespräch war, unterbrach sich doch Yvonnet nach einer Viertelstunde, legte die Hand auf den schönen Mund der Geliebten, neigte den Kopf vor und horchte.
Es war ihm als hörte er viele Tritte im Grase.
Als er hinblickte, schien sich eine ungeheuere schwarze Schlange am Fuße der Mauer hinzuringeln.
Aber es war so dunkel und das Geräusch so wenig bemerklich, daß es eben sowohl eine Täuschung als Wirklichkeit seyn konnte, um so mehr da plötzlich Geräusch und Bewegung aufhörte.
Yvonnet sah und hörte nichts mehr, er lauschte aber trotzdem und obwohl er das Mädchen noch immer in seinen Armen hielt, noch immer.
Nach einiger Zeit war es ihm, als richte die riesige Schlange den Kopf an die graue Mauer und hebe sich an derselben empor, um auf die Spitze derselben zu gelangen.
Wie eine Hydra mit mehren Köpfen streckte die Schlange neben dem ersten einen zweiten Kopf, dann einen dritten empor.
Da war unserem Yvonnet alles erklärt: ohne eine Minute Zeit zu verlieren, nahm er Gudula auf seinen Arm, empfahl ihr die tiefste Stille und übergab sie Franz, der mit Hilfe des Oheims sie in das Stübchen hinaufbrachte, wie er sie erst heruntergeholt hatte.
Dann lief er nach der nächsten Leiter und kam eben in dem Augenblicke an, als der erste Spanier heraufstieg.
So groß das Dunkel war, sah man doch einen Blitz, dann härte man einen Schrei und der Spanier, den der schmale feine Degen Yvonnet’s durchbohrt hatte, stürzte rücklings wieder hinunter.
Sein Fall verlor sich in einem ungeheuren Knacken und Krachen, – es war die zweite Leiter, die, vollbeladen mit aufsteigenden Feinden, durch den kräftigen Arm Heinrich Scharfensteins weggestoßen worden und knirschend an der Mauer hinabfiel.
Franz seinerseits hatte auf dem Wege einen Balken gesunden, den er hoch emporhob und dann quer auf die dritte Leiter warf.
Die Leiter zerbrach etwa in der Mitte und Balken, Leiter und Menschen stürzten untereinander in den Graben hinab. So blieb also noch Yvonnet, der aus Leibeskräften stach und aus vollem Halse schrie:
»Hilfe! Hilfe!«
Die beiden Scharfenstein eilten zu ihm, als eben bereits zwei oder drei Spanier heraufgestiegen waren und Yvonnet lebhaft bedrängten.
Einen der Angreifenden hieb Heinrich mit seinem ungeheuren Schwerte mitten durch; der andere fiel unter der Keule des andern Scharfenstein; der dritte, der eben nach Yvonnet stechen wollte, wurde von einem der Riesen am Gürtel gefaßt und über den Wall hinuntergeschleudert.
In diesem Augenblicke erschienen am Ende der Altmarktstraße Johann und Wilhelm Pauquet, welche der Hilferuf herbeigezogen hatte, mit Fackeln und Beilen.
Die Ueberrumpelung war sonach mißlungen und unterdeß rückte unter dem Jubel der Bürger von dem Johannsthurm und dem dicken Thurme her die doppelte Hilfe, die man erwartete.
Gleichzeitig, als wenn alle Angriffe hätten zusammen losbrechen sollen, härte man eine halbe Stunde weit im Freien, nach Savy hin, hinter der Capelle von Epargumailles, den Knall von etwa tausend Büchsen und sah den röthlichen Rauch aufsteigen, der über lebhaftem Flintenfeuer schwebt.
Die beiden Unternehmungen – die der Spanier zur Ueberrumpelung der Stadt und die Dandelot‘s, ihr Hilfe zu bringen – waren entdeckt.
Wir haben gesehen, wie der Zufall die der Spanier zum Scheitern brachte; sehen wir nun, wie der Zufall auch die der Franzosen scheitern ließ.
IX.
Der doppelte Vortheil, den es haben kann die Bauernsprache zu reden
Bis jetzt haben wir alle Ehre den Belagerten widerfahren lassen, es ist Zeit, daß wir uns auch einmal unter die Zelte der Belagerer begeben.
In dem Augenblicke als Coligny mit den Offizieren, welche man jetzt den Stab nennt, um die Mauern herumging, um die Mittel der Vertheidigung der Stadt zu mustern, zog eine andere nicht minder wichtige Gruppe außen herum, um die Mittel des Angriffes zu überschauen.
Diese Gruppe bestand aus Emanuel Philibert, dem Grafen Egmont, dem Grafen Horn, dem Grafen Schwarzenberg, dem Grafen Mansfeld und den Herzogen Erich und Ernst von Braunschweig.
Unter den andern Offizieren, welche den Genannten folgten, ritt unser alter Freund Scianca-Ferro, wie immer unbesorgt um Alles, außer um das Leben und die Ehre seines geliebten Emanuel.
Auf den ausdrücklichen Befehl Emanuels war Leone mit den Uebrigen in Cambray zurückgeblieben.
Das Resultat der Musterung war, daß die Stadt, die nur schlechte Mauern, keine hinreichende Besatzung und ungenügende Artillerie habe, sich nicht länger als fünf bis sechs Tage halten könne… Das hatte denn auch Emanuel an Philipp II. gemeldet, der ebenfalls, aber aus kluger Vorsicht, in Cambray geblieben war.
Die beiden Städte lagen übrigens nur sechs bis sieben Stunden auseinander und Emanuel hatte Leone in der königlichen Wohnung gelassen, weil er als Oberbefehlshaber der spanischen Armee bisweilen mit dem Könige sich besprechen mußte und dann jedes mal Leone sehen konnte.
Leone ihrerseits hatte in diese Trennung gewilligt zuerst und vor allem, weil ein Wunsch Emanuels für sie Befehl war, dann weil die Entfernung von sechs bis sieben Stunden zwar eine wirkliche Trennung herbeiführte, die jeden Augenblick aber leicht beseitigt werden konnte.
Uebrigens schien Emanuel seit dem Beginn des Feldzuges – wie groß auch seine Freude über den Wiederbeginn der Feindseligkeiten war, zu dem er durch seine Versuche gegen Metz und Bordeaux wenigstens eben so viel beigetragen hatte wie der Admiral durch seine Unternehmung gegen Blois – um zehn Jahre – geistig wenigstens – älter geworden zu seyn. Obgleich kaum einunddreißig Jahre alt, stand er an der Spitze eines Heeres, das in Frankreich einfallen sollte, über allen Feldherren Carls V., und suchte hinter dem Vortheile Spaniens seinen eigenen.
Von dem Ausgange des unternommenen Feldzuges sollte in der That seine Zukunft abhängen, nicht blos als großer Feldherr, sondern auch als Fürst, denn mit Frankreich eroberte er sich Piemont zurück. Emanuel Philibert war, wenn auch Oberbefehlshaber der spanischen Heere, immer nur eine Art fürstlicher Condottiere, und in der Waage des Geschickes ist man doch eigentlich nichts, als wenn man das Recht hat, für eigene Rechnung Menschen tödten zu lassen.
Er hatte sich indeß nicht zu beklagen. Philipp II., der wenigstens darin dem guten Rathe seines Vaters folgte, hatte über Krieg und Frieden dem Herzog von Savoyen unbeschränkte Vollmacht gegeben und die lange Reihe von Fürsten und Feldherren, die wir nannten, unter seine Befehle gestellt.
Alle diese Gedanken, unter welchen jener der Verantwortlichkeit, die auf ihm lastete, nicht der geringste war, machten Emanuel Philibert ernst und sorgenvoll wie einen Greis.
Er hatte vollkommen eingesehen, daß vom Erfolge der Belagerung von St.-Quentin der Erfolg des ganzen Feldzuges abhänge. War St.-Quentin genommen, so blieb zwischen dieser Stadt und Paris nur noch eine Strecke von dreißig Stunden und Ham, La Fère und Soissons zu nehmen; dagegen mußte St.-Quentin genommen werden, bevor Frankreich Zeit gewinne, eines jener Heere aufzustellen, die bei ihm fast immer wie aus der Erde wachsen, Gott weiß es durch welchen Zauber, und dann statt der steinernen Mauern ihre Brust als Mauer bieten.
Man hat auch gesehen, mit welchem Eifer Emanuel Philibert die Arbeiten der Belagerung beschleunigte und wie wachsam er die Stadt beobachtete.
Sein erster Gedanke war gewesen, der schwache Punkt von St.-Quentin sey das Inselthor und von dieser Seite aus werde er die Stadt nehmen, wenn die Belagerten sich nur irgend einer Unvorsichtigkeit schuldig machten.
Er ließ darum alle andern Führer ihre Zelte vor der Mauer von Rémicourt aufschlagen, welches im Falle einer Belagerung wirklich der angreifbare Punkt des Ortes war und nahm selbst, wie wir gesehen haben, seine Stellungen, an der entgegengesetzten Seite, zwischen der Mühle auf einem kleinen Hügel und der Somme.
Von da aus beobachtete er den Fluß, über den er eine Brücke hatte spannen lassen, wie den ganzen weiten Raum von der Somme bis zur alten Straße von Bermand, welchen Raum das englische Heer einnehmen sollte, sobald es eingetroffen seyn würde.
Man hat gesehen wie der Versuch, die Vorstadt mit einem Handstreiche zu nehmen, zurückgewiesen worden war.
Da hatte sich Emanuel Philibert entschlossen, die Mauern ersteigen zu lassen und dies sollte in der Nacht vom 7. zum 8. August geschehen.
Welchen Grund hatte Emanuel Philibert gehabt, die Ausführung seines Planes gerade in dieser Nacht anzuordnen? Wir werden es sogleich sagen.
Am Morgen des 6., als er eben den Bericht der verschiedenen Patrouillenführer anhörte, hatte man einen Bauer aus Savy zu ihm gebracht, der mit ihm zu sprechen verlangte.
Emanuel wußte, daß ein Feldherr keine Nachricht, die ihm geboten wird, verschmähen darf, hatte befohlen, jeden zu ihm zu lassen, der mit ihm zu sprechen wünsche.
Der Bauer wurde also eingelassen.
Er brachte dem General des spanischen Heeres einen Brief, den er in einem Soldatenrocke gefunden.
Den Rock selbst hatte er unter dem Bett seiner Frau gefunden.
Es war der Brief, welchen der Admiral Coligny an den Connétable geschrieben hatte.
Der Rock hatte Maldent gehört.
Wie aber kam der Rock Maldent's unter das Bett einer Bauersfrau in Savy? Das müssen wir natürlich erzählen, denn das Schicksal der Staaten hängt bisweilen an solchen Fäden, die leichter noch sind als die, welche im Herbst in der Luft fliegen.
Maldent war seines Weges weiter gegangen, nachdem er sich von Yvonnet getrennt.
In Savy hatte er sich, als er um eine Ecke getreten, vor einer Nachtpatrouille befunden.
Fliehen konnte er nicht, man hatte ihn gesehen; durch Flucht hätte er Verdacht erregt, und von ein paar Reitern würde er sehr leicht eingeholt worden seyn.
Er trat in eine Thür.
»Wer da?« rief eine Stimme.
Maldent kannte die Lebensweise in jener Gegend; er wußte, daß die Bauern selten ihr Thor verriegeln; er drückte also auf die Klinke, die Klinke gab nach und die Thür ging auf.
»Bist Du‘s, Mann?« fragte eine weibliche Stimme.
»Freilich bin ich’s,« antwortete Maldent, welcher die Bauernsprache der Gegend ganz geläufig sprach, da er aus Royon stammte.
»Ich dachte wahrlich, Du wärest todt,« fuhr die Frau fort.
»Du siehst also, daß es nicht wahr ist,« antwortete Maldent, der die Thür verriegelte und nach dem Bett hin tappte.
So schnell Maldent auch in das Haus geschlüpft war, ein Reiter hatte ihn verschwinden sehen, nur konnte er nicht genau angeben, in welche Thür.
Da nun der Mann ein Spion seyn konnte, welcher der Patrouille folgte, so klopfte der Reiter mit einigen Andern bereits an die Nachbarthür, was unserm Maldent bewies, er habe gar keine Zeit zu verlieren. Nun kannte er die Oertlichkeiten nicht, und stieß an einen Tisch voll Töpfe und Gläser.
»Was thust Du denn?« fragte die Frau erschrocken.
»Ich stieß mich.«
»Wie kann man so alt und so dumm seyn!« murmelte die Frau.
Trotz der nicht eben galanten Worte murmelte Maldent einige liebkosende Redensarten und suchte dabei im Auskleiden das Bett zu erreichen.
Er zweifelte gar nicht, daß man bald an die Thür klopfen werde, die sich für ihn zu so gelegener Zeit geöffnet hatte, wie man an die Nachbarthür geklopft hatte, und es lag ihm sehr viel daran nicht als Fremder erkannt zu werden.
Wenn das nicht geschehen sollte, mußte er den Platz des Hausherrn einnehmen.
Maldent hatte so viele andere ausgekleidet, daß er auch sich selbst sehr geschwind auszukleiden gelernt; schnell wie man die Hand umwendet, waren seine Kleider abgestreift, dann schob er sie mit dem Fuß unter das Bett, hob das Deckbett auf und kroch darunter.
Aber es reichte nicht hin, daß Maldent von Fremden für den Hausherrn gehalten werde, auch die Frau, die ihn nicht eben artig angeredet wegen seiner Ungeschicklichkeit, mußte sagen können, er sey nicht fremd.
So empfahl er seine Seele Gott und beeiferte sich, ohne zu wissen mit wem er es zu thun hatte, seiner Wirthin, sie mochte jung oder alt seyn, zu beweisen, daß er keineswegs todt sey, wie sie geglaubt oder zu glauben sich gestellt hatte.
Er bewies es ihr in einer Weise, die der Frau außerordentlich gefiel, weshalb sie denn auch zuerst und am ärgerlichsten sich über die Störung beklagte, als die Soldaten, nachdem sie das Nachbarhaus durchsucht hatten, in welchem nur eine Frau von sechzig Jahren mit einem Mädchen von etwa neun Jahren wohnte, durchaus wissen wollten, wo der Mann sey, den sie hätten hineingehen sehen, und deshalb an die Thür des Hauses klopften, in dem Maldent wirklich war.
»Mein Gott, Gosseu, wer ist denn da?« sagte die Frau.
»Aha,« dachte Maldent, »ich heiße Gosseu. Gut, daß ich das weiß. Sieh doch zu,« setzte er gegen die Frau hinzu, »wer da ist?«
»Mein Gott, sie schlagen die Thür ein!«
»Mögen sie schlagen!«
Die Thür gab nach und die Frau hatte weniger als sonst Jemand das Recht, ihm den Namen und Titel des Hausherrn zu versagen.
Die Soldaten drangen fluchend herein, da sie aber spanisch fluchten und Maldent picardisch antwortete, wurde das Gespräch bald so confus, daß die Soldaten es für nöthig hielten, Licht anzuzünden, damit man wenigstens sehe, wenn man einander nicht verstehe.
Das war der kritische Augenblick und Maldent hielt es für das Beste, während ein Soldat Feuer schlug, der Frau heimlich die Sache zu gestehen wie sie war.
Zu ihrer Ehre muß man gestehen, daß sie anfangs in das Complott sich nicht einlassen wollte.
»Was?« sagte sie. »Nicht mein armer Gosseu? Geschwind hinaus!«
»Ich muß aber doch Gosseu seyn,« flüsterte Maldent, »da ich in seinem Bette liege.«
Gegen diesen Grund schien die Frau nichts vorbringen zu können, denn sie bestand nicht weiter auf Maldent’s Fortgehen und nachdem sie im Scheine des Lichtes einen Blick auf den neuen Mann geworfen hatte, dachte sie:
»Nun, jedem Sünder sey vergeben! Man soll nicht den Tod des Sünders wollen, wie die Bibel sagt.«
Sie drehte sich mit dem Gesicht nach der Wand.
Maldent sah sich im Lichte ebenfalls um.
Er befand sich in dem Hause eines wohlhabenden Bauers und sah einen eichenen Tisch, einen Nußbaumschrank; auf einem Stuhle lag ein vollständiger Sonntagsanzug, den der wirkliche Gosseu bei seiner Rückkunft sogleich finden sollte.
Die Soldaten ebenfalls sahen sich musternd um, und da in Bezug auf Maldent nichts ihren Verdacht erregen konnte, so sprachen sie unter einander spanisch, aber ohne Drohung, was Maldent recht leicht erkennen konnte, wenn er auch nicht so gut spanisch verstanden hätte, wie er die Bauernsprache der Umgegend verstand.
Die Soldaten wollten ihn blos als Führer mitnehmen, da sie sich zu verirren fürchteten.
Maldent, der darin keine Gefahr sah, ja dabei entkommen zu können hoffte, begann ernstlicher zu reden und fragte was man noch wolle.
Der Eine der Soldaten, der etwas französisch verstand, trat an das Bett und deutete an, man wünsche vor allem daß er aufstehe.
Maldent schüttelte den Kopf.
»Ich kann nicht,« sagte er.
»Warum kannst Du nicht?« fragte man ihn.
»Ich habe mir das Bein vertreten,« antwortete Maldent und machte mit dem Oberkörper und den Ellenbogen die Bewegungen eines Hinkenden nach.
