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Kitabı oku: «Der Page des Herzogs von Savoyen», sayfa 20
VI.
Herr von Théligny
Der Tag fand den Admiral wieder auf dem Walle.
Caspar von Coligny war durch die Schlappe am vorigen Tage nicht nur nicht entmuthigt, er hatte sogar beschlossen, einen neuen Versuch zu machen.
Seiner Meinung nach wußte der Feind, daß Verstärkung in die Stadt gelangt sey, kannte aber die Größe derselben nicht, und so war es von Wichtigkeit, ihn zu dem Glauben zu bringen, diese Verstärkung sey bedeutend.
Man veranlaßte dadurch den Herzog Emanuel Philibert eine regelmäßige Belagerung zu unternehmen und nahm ihm die Hoffnung, die Stadt durch einen Handstreich nehmen zu können. Eine regelmäßige Belagerung aber dauerte zehn, vierzehn Tage, vielleicht einen Monat, und in dieser Zeit konnte der Connétable seinerseits einen Versuch machen, aber auch der König Maßregeln ergreifen.
Er rief demnach den jungen Lieutenant von der Compagnie des Dauphin, Théligny, zu sich.
Dieser kam herbei. Er hatte am Tage vorher in der Insel-Vorstadt Wunder gethan und war doch mit heiler Haut davongekommen, so daß ihn die Soldaten, die ihn mitten unter Kugeln, Lanzen und Schwertern gesehen hatten, ohne daß er irgend eines Verletzung erhalten, den Unverwundlichen genannt.
Er erschien heiter und lächelnd bei dem Admiral, wie ein Mann, der seine Pflicht gethan hat und bereit ist, sie jederzeit wiederum zu thun. Der Admiral ging mit ihm hinter die Brustwehr eines Thurmes.
»Herr von Théligny,« sagte er« »ich habe Folgendes beschlossen. Seht Ihr dort den spanischen Posten?»
Théligny bejahte es.
»Mit dreißig bis vierzig Reitern kann er leicht überrumpelt werden. Nehmt also dreißig bis vierzig Mann eurer Compagnie, stellt an ihre Spitze einen zuverlässigen Mann und laßt mir den Posten aufheben.«
»Aber Herr Admiral,« bemerkte Théligny, »warum soll ich nicht selbst der zuverlässige Mann seyn? Ich bin wohl meiner Leute sicher, stehe aber doch am sichersten für mich selbst.»
Der Admiral legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte:
»Mein lieber Théligny, Männer eurer Art sind selten und deshalb darf man sie nicht in Scharmützeln auf‘s Spiel setzen. Gebt mir euer Ehrenwort, daß Ihr den Ausfall nicht selbst commandiren wollt, oder ich bleibe, so ermüdet ich bin, auf dem Walle.«
»Wenn dem so ist, Herr Admiral,« antwortete Théligny sich verbeugend, »so geht in Gottes Namen und ruht aus; ich gebe mein Wort, daß ich nicht durch das Stadtthor gehe.«
»Ich rechne auf euer Wort,« entgegnete der Admiral, ernst, der dann hinzusetzte, als wolle er damit andeuten, daß dieser Ernst sich aber nur auf die Empfehlung beziehe, Théligny möge die Stadt nicht verlassen:
»Ich kehre nicht in das Haus des Gouverneurs zurück; es ist zu weit entfernt; ich lege mich bei dem Herrn von Jarnac auf das Bett und schlafe da ein paar Stunden… Dort werdet Ihr mich finden.«
»Schlaft ruhig, Herr Admiral,« antwortete Théligny, »ich werde Wache halten.«
Der Admiral ging, Théligny sah ihm nach und sagte dann zu einem seiner Leute:
»Dreißig bis vierzig Freiwillige von der Compagnie des Dauphin!«
»Ihr sollt sie sogleich haben. Es ist schon ein Mann fort, welcher die Worte des Herrn Admirals gehört hat.«
»Wer führt so Befehle aus, ehe sie gegeben sind?«
»Er sah eher aus wie ein Teufel als wie ein ordentlicher Mensch. Die Hälfte seines Gesichtes bedeckt ein blutiger Verband; das Haar ist ihm glatt vom Kopfe weggebrannt, sein Harnisch hinten und vorn von Blute bedeckt und sein Anzug zerrissen.«
»Ah, den kenn ich,« sagte Théligny, »der ist allerdings kaum ein Mensch.
»Da kommt er!« – Ein Reiter kam im Galopp heran.
Es war Malemort, halb verbrannt, halb ertrunken, halb erschlagen von dem Ausfalle am vorigen Tage, der sich aber ganz wohl befand und den neuen Ausfall mitmachen wollte.
Gleichzeitig kamen vierzig Reiter von der entgegengesetzten Seite her.
Mit der Rührigkeit, die ihm eigen war, sobald es sich um Kampf handelte, hatte Malemort Zeit gefunden, ins Quartier zu eilen, den Befehl des Admirals dahin zu bringen, sich an das Inselthor zu begeben, sein Pferd zu satteln und doch eben so schnell wieder an den Sammelplatz zu kommen, wie die Leute von der Compagnie des Dauphin.
Er verlangte keine andere Belohnung für seinen Diensteifer als die Erlaubniß, den Ausfall mitzumachen, die ihm gegeben wurde.
Uebrigens erklärte er, daß er einen Ausfall für sich allein mache; wenn man ihn zu dem angeordneten nicht mitnehme, und daß er über die Mauer springe, wenn man ihm kein Thor aufmache.
Théligny kannte ihn übrigens und empfahl ihm deshalb, sich nicht von der Mannschaft zu trennen und in Reih‘ und Glied anzugreifen.
Malemort versprach alles, was man haben wollte.
Das Thor stand offen und die kleine Schaar rückte hinaus.
Kaum aber war Malemort hinaus, so litt es ihn nicht auf dem Wege, welchem die kleine Schaar folgte, die hinter Bäumen und in einer Vertiefung sich bis nahe an die spanischen Posten schleichen sollte… Er ritt querfeldein, setzte sein Pferd in Galopp und schrie: »Kampf! Kampf!«
Der Admiral hatte sich unterdes, wie er gesagt, zu Herrn von Jarnac begeben und sich da auf ein Bett gelegt; aber es schien ihn eine Art Ahnung zu beunruhigen, er konnte trotz der Müdigkeit nicht schlafen, erhob sich nach einer halben Stunde wieder und verließ das Haus mit raschen Schritten, da er Geschrei zu hören glaubte.
Er hatte kaum zwanzig Schritte in der Straße hingethan, als er Luzarche und Jarnac auf sich zukommen sah. Man konnte an ihrer verstörten Miene errathen, daß etwas Wichtiges vorgegangen.
»Wisst Ihr schon, Herr Admiral…?« fragte Jarnac.
»Was?« fragte der-Admiral.
»Warum kommt Ihr, wenn Ihr es nicht wisst?«
»Ich konnte nicht schlafen; es drückte mich wie eine Ahnung; ich härte Lärm und stand auf.«
»So kommt.«
Die Wälle waren voll von Neugierigen.
Der vorzeitige Angriff Malemort’s hatte Lärm gemacht. Der spanische Posten war stärker als man vermuthete, die Leute von der Compagnie des Dauphins, welche den Feind zu überrumpeln gedachten, fanden ihn zu Pferde und in doppelter Anzahl. Bei diesem Anblicke fiel der Angriff matt aus und manche Reiter blieben gar zurück. Die Angreifenden hatten mit zu überlegenen Gegnern zu thun und mußten unterliegen, wenn sie nicht bald Hilfe erhielten. Théligny vergaß das Wort, das er dem Admiral gegeben hatte, schwang sich ohne eine andere Waffe als sein Schwert auf das erste beste Pferd, jagte hinaus und sammelte die Muthlosen. Einige schlossen sich ihm wirklich an und so stürzte er mit acht bis zehn Mann mitten hinter die Spanier.
Bald darauf kamen die Uebergebliebenen zurück. Sie hatten ein Drittel der Ihrigen verloren und Théligny war nicht bei ihnen.
Da hielten es Luzarche und Jarnac für nöthig, dem Admiral Meldung von der neuen Schlappe zu geben und hatten ihn unterwegs begegnet.
Coligny fragte die Fliehenden, von denen er das eben Erzählte erfuhr.
In Bezug auf Théligny konnten sie nichts Bestimmtes sagen; sie hatten ihn wie einen Blitz unter die Spanier stürzen und dem spanischen Offizier einen Stich in das Gesicht geben sehen, er war alsbald umringt worden und bald darauf gefallen, da er keinen Harnisch getragen.
Ein einziger Soldat sagte. Théligny sey noch nicht todt, da er gesehen, wie er noch gewinkt habe.
So schwach die Hoffnung war, gab der Admiral doch den Offizieren der Compagnie des Dauphins Befehl aufzusitzen und um jeden Preis Théligny todt oder lebendig zurückzubringen.
Die Offiziere, die vor Begierde brannten ihren Cameraden zu rächen, liefen bereits nach der Caserne, als ein Riese aus der Menge trat, die Hand an seine Pickelhaube legte und sagte:
»Mit Verlaub, mein Herr Admiral, wir brauchen keine Compagnie, um den armen Teufel von Lieutenant zu holen… Wenn‘s nöthig ist, gehe ich mit meinem Neffen Franz und wir bringen ihn, todt oder lebendig.«
Der Admiral drehte sich nach dem Sprecher um; es war einer der Abenteurer, die er in seinen Sold genommen hatte, ohne gerade viel auf sie zu rechnen, die aber, wie man gesehen hat, sehr muthig darauf gingen.
Er erkannte Heinrich Scharfenstein, hinter dem gleich dem Schatten der Neffe Franz stand.
»Das nehme ich an,« sagte der Admiral. »Was verlangst Du dafür?«
»Ein Pferd für mich und eins für Franz.«
»Das meine ich nicht.«
»Wartet nur… Ich verlange auch zwei Mann, die hinter uns aufsitzen.«
»Gut, aber…«
»Aber? das ist alles. Aber zwei starke Pferde und zwei magere Leute.«
»Du sollst sie selbst aussuchen.«
»Sehr wohl.«
»Und welche Summe…?«
»Das ist Procops Sache.«
»Dazu brauchen wir Procop nicht. Für den lebendigen Théligny verspreche ich fünfzig und für den todten fünfundzwanzig Thaler Gratifikation.«
»Für diesen Preis hole ich Euch so viele Leute als Ihr haben wollt.«
Er suchte sich daraus ein Paar Pferde aus und dann zwei Männer. Mit großer Freude erblickte er den Lactantius und Fracasso… einen Büßenden und einen Dichter. Etwas Dürreres konnte sich Scharfenstein nicht denken.
Der Admiral konnte sich zwar diese Vorbereitungen nicht wohl erklären, aber er verließ sich auf die beiden Riesen.
Die vier Abenteurer auf den zwei Pferden ritten durch das Thor und wendeten alle Vorsicht an, welche Malemort versäumt hatte. Sie verschwanden sodann hinter einer kleinen Anhöhe.
Es läßt sich schwer beschreiben, welchen Antheil man an dem Unternehmen der vier Männer nahm, welche einer ganzen Armee einen Leichnam streitig machen wollten, denn alle fürchteten, daß Théligny todt seyn werde.
Sehr bald hätte man acht oder zehn Schüsse, gleichzeitig erschien Franz Scharfenstein wieder, der nicht einen Mann, sondern zwei Männer trug.
Den Rückzug deckten seine Freundes man sah aber nur noch ein Pferd. Das andere war wahrscheinlich gestürzt.
Fracasso und Lactantius gingen zu Fuß, jeder mit einer Büchse.
Acht oder zehn spanische Reiter verfolgten sie; wenn aber das Fußvolk, nemlich Fracasso und Lactantius, zu sehr bedrängt wurde, sprengte Heinrich unter die Feinde und schlug nieder was er erreichen konnte; wurde er zu hart bedrängt, so schossen Lactantius und Fracasso und nie ohne zwei Spanier niederzustrecken.
Franz kam unterdeß der Stadt näher und näher und war sehr bald vor jeder Verfolgung sicher.
Unter allgemeinem Jubel stieg er die Böschung heran, während er die beiden Männer – oder Leichen – auf den Armen trug wie eine Wärterin zwei Kinder.
Die Hälfte seiner Last legte er vor dem Admiral nieder.
»Da ist der eurige,« sagte er, »ganz todt ist er noch nicht.«
»Und da?« fragte Coligny, indem er auf den andern Verwundeten zeigte.
»Der? Nicht,« antwortete Franz. »Das ist nur Malemort… In der nächsten Minute wird der wieder munter seyn. Er ist der Teufel und nicht todt zu machen.«
In diesem Augenblicke kamen die Andern, Cavallerie und Infanterie heran.
Théligny war in der That, wie es Franz Scharfenstein gesagt, noch nicht ganz todt, obgleich ihn sieben Degenstiche und drei Kugeln getroffen hatten.
Die Spanier hatten ihn, auch bereits bis aufs Hemd ausgezogen, und ihn dann liegen lassen, weil sie ihn für todt gehalten.
Man trug ihn zu Jarnac und legte ihn auf dasselbe Bett, auf welchem der Admiral eine Stunde vorher wegen einer Ahnung nicht hatte schlafen können.
Da, als habe er nur darauf gewartet, schlug der Verwundete die Augen auf, sah sich um und erkannte den Admiral.
»Einen Arzt! einen Arzt!« rief Coligny, der wieder Hoffnung schöpfte; Théligny aber streckte die Hand aus und sagte:
»Ich danke, Herr Admiral; Gott erlaubt mir nur, die Augen noch einmal aufzuschlagen und eine kurze Zeit zu sprechen, damit ich Euch um Verzeihung bitten könne wegen meines Ungehorsam.«
»Mein lieber Théligny,« antwortete der Admiral, »Ihr habt mich nicht um Verzeihung zu bitten, Ihr wart nur im Eifer für den Dienst des Königs ungehorsam. Glaubt Ihr wirklich, daß es so schlimm mit Euch stehe, als Ihr sagt, so beschäftigt Euch nur mit Gott.«
»Ich danke Gott,« sagte Théligny, »daß ich ihn um nichts um Verzeihung zu bitten habe, als was ein guter Edelmann wohl bekennen kann, während ich durch meinen Ungehorsam gegen Euch mich schwer gegen die Disziplin verging. Vergebt mir, Herr Admiral, damit ich ruhig sterbe.«
Coligny, der jeden Muth zu würdigen wußte, fühlte Thränen in den Augen, als er den jungen Offizier so sprechen hörte, der am Ende eines so viel versprechenden Lebens nichts zu bedauern schien, als daß er einmal ungehorsam gewesen.
»Da Ihr es durchaus verlangt,« sagte Coligny, »so verzeihe ich Euch einen Fehler, auf den jeder brave Soldat stolz seyn würde, und wenn dies das Einzige ist, das Euch in eurer letzten Stunde bekümmert, so sterbt in Frieden, wie der Ritter Bayard starb, unser Aller Vorbild.«
Er neigte sich und küßte den Sterbenden auf die bleiche Stirn.
Théligny suchte sich noch einmal aufzurichten und flüsterte:
»Ich danke.«
Mit einem Seufzer sank er zurück.
Es war der letzte.
»Meine Herren,« sagte Coligny, indem er eine Thräne ans dem Auge wischte, zu den Umstehenden, »wir haben einen Braven weniger… Gott gebe uns allen einen gleichen Tod!«
VII.
Das Erwachen des Connétable
So ruhmreich die beiden Schlappen waren, welche der Admiral erlitten hatte, waren es doch Schlappen, welche ihn zu der Erkenntniß brachten, daß er schleuniger Hilfe vor einem so zahlreichen Heere und bei so großer Wachsamkeit bedürfe.
Er entschloß sich deshalb, so lange die englische Armee noch abwesend sey und er eine ganze Seite der Stadt frei lasse, an seinen Oheim, den Connétable, Boten zu schicken, um von demselben die möglich größte Verstärkung zu erlangen.
Er berief zu diesem Zwecke Maldent und Yvonnet, von denen der erstere sein eigener Führer, der letztere der des armen Théligny gewesen war.
Der Connétable mußte in Ham oder La Fère seyn. Ein Bote sollte also nach Ham, der andere nach La Fère eilen, um Nachrichten zu überbringen und dem Connétable das Mittel anzugeben, Hilfe nach St.-Quentin zu schaffen.
Das Mittel, welches bei der Abwesenheit der englischen Armee leicht war, bestand einfach darin, eine starke Colonne auf dem Wege von Savy vorzuschieben, welcher an die Vorstadt Ponthoille führt, während Coligny, sobald sie im Angesicht der Stadt erscheine, an der entgegengesetzten Seite scheinbar einen Ausfall mache, welcher die feindliche Armee auf dem fälschlich bedrohten Punkte beschäftige und der französischen Colonne gestatte, wohlbehalten in die Stadt zu kommen.
Die beiden Boten brachen Abends auf und ein jeder nahm eine dringende Empfehlung mit sich, der eine von dem armen Malemort, der andere von der betrübten Gudula.
Malemort, der einen Degenhieb oder Stoß in die Seite erhalten hatte – zum Glück durch eine alte Narbe, was ihm übrigens gewöhnlich geschah, so sehr war er zusammengeflickt – empfahl Maldent ihm gewisse Kräuter mitzubringen, die er nöthig brauche, um einen berühmten Balsam zu fabriciren, ohne den er nicht seyn konnte.
Gudula, die noch gefährlicher in der Brust verwundet war als Malemort, empfahl Yvonnet, ja recht bedacht und besorgt für ein Leben zu seyn, an welchem das ihrige hänge. Sie würde, bis ihr Geliebter zurückkomme, jede Nacht an dem Fenster verbringen.
Unsere beiden Abenteurer verließen die Stadt, und nachdem sie eine halbe-Stunde weit auf der Straße von Ham gekommen waren, ging Yvonnet querfeldein, um den Weg nach La Fère zu erreichen, während Maldent auf der Straße nach Ham fortwanderte.
Wir folgen Yvonnet, weil der Connétable sich in La Fère befand.
Um drei Uhr Früh pochte Yvonnet an dem Thore der Stadt, das sich nicht öffnen wollte; erst als der Thorwärter erfuhr, daß ein Bote aus Saint-Quentin da sey, machte er auf, denn der Connétable hatte befohlen, jeden Boten von seinem Neffen sofort einzulassen und zu ihm zu führen, in welcher Stunde der Nacht es auch seyn möge.
Halb vier Uhr Früh weckte man den Connétable.
Der alte Soldat lag in einem Bett, – ein Luxus, den er sich im Felde selten gestattete, aber unter dem Pfuhl hatte er seinen Connétabledegen und auf einem Stuhle neben dem Bette lag sein Harnisch und sein Helm so daß er sofort zum Angriffe oder zur Vertheidigung gerüstet seyn konnte.
Die, welche unter ihm dienten, waren überdies daran gewöhnt, zu jeder Stunde am Tage oder in der Nacht gerufen zu werden, entweder um ihre Meinungen abzugeben oder um Befehle zu empfangen.
Yvonnet wurde in das Zimmer des unermüdlichen Alten geführt, der den Boten im Bett, auf den Ellenbogen gestützt, erwartete.
Kaum hörte er die Tritte Yvonnet’s, so rief er mit seiner gewöhnlichen Grobheit:
»Nun komm, Kerl, komm! Hierher.«
Es war keine Zeit den Empfindlichen zu spielen, Yvonnet trat also näher.
»Noch näher!« sagte der Connétable, »noch näher, daß ich Dir in die Augen sehen kann, Kerl… Ich sehe die gern an, mit denen ich rede.«
Yvonnet trat bis an das Bett heran und sagte:
»Da bin ich, gnädiger Herr.«
»Es ist dein Glück.«
Er nahm die Lampe und betrachtete den Abenteurer mit einer Kopfbewegung, welche nicht verrieth, ob die Prüfung günstig für den Boten ausfalle.
»Ich habe den Menschen schon irgendwo gesehen,« sprach der Connétable zu sich selbst; dann setzte er gegen Yvonnet hinzu:
»Willst Du Dir nicht die Mühe geben, Kerl, und nachsinnen, wo ich Dich schon gesehen habe? Sage mir das geschwind: Du mußt es doch wissen.«
»Warum sollte ich es besser wissen, Ew. Gnaden?« entgegnete Yvonnet, der der Lust nicht widerstehen konnte, an den Connétable ebenfalls eine Frage zu richten.
»Weil Du einmal zufällig einen Connétable von Frankreich siehst, ich aber Kerle wie Dich alle Tage haufenweise sehe.«
»Richtig,« antwortete Yvonnet. »Nun, bei dem Könige habt Ihr mich gesehen.«
»Wie so bei dem Könige? Gehst Du zu dem Könige?«
»Ich hatte einmal die Ehre, Euch da zu sehen, Herr Connétable,« antwortete Yvonnet mit der größten Artigkeit.
»Hm! hm!« machte der Connétable… »Ja, ja, ich erinnere mich, Du warst mit einem jungen Offizier da, den mein Neffe zu dem Könige geschickt hatte.«
»Mit Herrn von Théligny.«
»So ist‘s… Geht alles gut unten?«
»Im Gegentheil, es geht alles schlecht.«
»Wie so schlecht? Bedenke, was Du sagst, Kerl!«
»Die Wahrheit werde ich sagen, Ew. Gnaden. Vorgestern haben wir bei einem Ausfalle etwa sechzig Mann verloren, und gestern, als wir den Spaniern einen Posten nehmen wollten, fünfzehn Reiter von der Compagnie des Dauphin, so wie ihren Führer Théligny.«
»Théligny!« unterbrach ihn der Connétable, »der sich für unverwundbar hielt, da er aus so vielen Kämpfen, Scharmützeln und Schlachten wohlbehalten hervorgegangen war. Théligny hat sich da den Tod geben lassen? Der Pinsel! Und dann?«
»Dann, Herr Connétable, ist hier ein Brief des Herrn Admiral, der um schnelle Hilfe bittet.«
»Das hättest Du zuerst sagen sollen!« brummte der Connétable, welcher hastig nach dem Briefe griff.
Er las ihn und unterbrach sich öfters nach seiner Gewohnheit, um Befehle zu geben.
»Ich werde so lange als möglich die Inselvorstadt halten…«
»Daran thut er wohl… Man rufe mir Herrn Dandelot!«
»Denn von den Höhen der Vorstadt kann eine Batterie den Wall von Rémicourt bestreichen…»
»Man rufe den Marschall Sainte-André!«
»Um aber die Inselvorstadt und die andern bedrohten Punkte zu vertheidigen, brauche ich eine Verstärkung von wenigstens zweitausend Mann, da ich eigentlich nur fünf- bis sechshundert Mann bei mir habe…«
»Donnerwetter! Viertausend werde ich ihm schicken… Man rufe mir den Herzog von Enghien!… Warum schlafen die Herren, wenn ich auf bin?… Den Herzog von Enghien sogleich! Nun was schmiert der Herr Neffe weiter?«
»Ich habe nur sechzehn Geschütze und nur vierzig Kanoniere, nur fünfzig bis sechzig Büchsen und endlich Lebensmittel nur auf drei Wochen, Munition nur auf vierzehn Tage…«
»Ist das alles wahr?« fragte der Connétable.
»Die strengste Wahrheit, Ew. Gnaden,« antwortete Yvonnet freundlich.
»Nun das fehlte mir noch, daß ein Kerl wie Du behaupten wollte, mein Neffe schriebe etwas Anderes als die Wahrheit,« schrie der Connétable, der Yvonnet dabei mit wildem Blicke ansah.
Yvonnet verbeugte sich und trat drei Schritte zurück.
»Warum bleibst Du nicht hier stehen?« fragte der Connétable.
»Weil ich glaube, Ew. Gnaden haben mir nichts weiter zu sagen.«
»Da irrst Du Dich… Hierher getreten!«
Yvonnet nahm seinen frühern Platz wieder ein.
»Wie halten sich die Bürger?« fragte der Connétable.
»Vortrefflich, Ew. Gnaden.«
»Die Kerle!… Ich wollte es ihnen auch nicht rathen, anders zu seyn«
»Selbst die Mönche haben die Hellebarden genommen.«
»Die Kuttenmänner!… Schlagen sie sich auch?«
»Wie die Löwen. Und die Weiber, Ew. Gnaden…«
»Die greinen und heulen und jammern und winseln? Weiter kann das Volk nichts.«
»Im Gegentheil, Ew. Gnaden, sie sprechen den Kämpfenden Muth zu, verbinden die Verwundeten und begraben die Todten…«
In diesem Augenblicke ging die Thür auf und aus der Schwelle erschien ein Mann in voller Rüstung, aber mit einem Sammtbarret auf dem Kopfe.
»Komm, Herr Dandelot!« rief ihm der Connétable zu. »Euer Bruder unten in der Stadt Saint-Quentin schreit aus vollem Halse, als bringe man ihn um.«
»Ew. Gnaden,« antwortete Dandelot lachend, »Ihr kennt meinen Bruder und wisst, daß er gewiß nicht aus Furcht schreit.«
»Freilich… aus Schmerz, ich weiß, und das thut mir eben leid. Ich habe deshalb Euch rufen lassen und den Marschall von Saint-André…«
»Da bin ich,« fiel der Marschall ein, der seinerseits in der Thür erschien.
»Gut, gut, Marschall! Warum kommt aber der Enghien nicht?«
»Ich bitte um Vergebung, da bin ich,« sagte der Herzog im Eintreten.
»Fleck und Kaldaunen!« begann der Connétable, indem er seinen Lieblingsschwur um so heftiger hervorstieß, da Alle sich eingefunden hatten und er seine üble Laune, die er immer hatte, an Niemanden auslassen konnte. »Flecke und Kaldaunen, Ihr Herren, wir sind nicht in Capua, um zu schlafen, wie Ihr es thut.«
»Das kann mir nicht gelten,« sagte der Marschall, »da ich bereits auf war.«
»Mir auch nicht,« entgegnete der Herzog von Enghien, »denn ich hatte mich noch gar nicht gelegt.«
»Ich meine Dandelot.«
»Mich?« entgegnete dieser, »Ew. Gnaden werden mich entschuldigen, ich führte eben eine Patrouille und kam vor den anderen Herren an, weil ich zu Pferde war, als man mich holen wollte.«
»So muß ich natürlich mich selbst meinen,« sagte der Connétable. »Es scheint, daß ich alt bin und zu nichts mehr tauge, weil ich allein lag… Haupt und Blut!«
»Aber, Connétable!,« fiel Dandelot lächelnd ein, »wer sagte es denn?«
»Niemand, will ich hoffen, denn dem, der es zu sagen wagte, zerschlüge ich das Maul wie dem schlechten Propheten, dem ich letzthin unterwegs begegnete… aber davon ist gar nicht die Rede; es handelt sich darum, dem armen Teufel von Coligny, der fünfzigtausend Mann auf dem Halse hat, zu Hilfe zu kommen. Ich glaube, mein Herr Neffe fürchtet sich und sieht doppelt.«
Die drei Offiziere lächelten mit gleichem Ausdrucke.
»Wenn mein Bruder von fünfzigtausend Mann spricht, « sagte Dandelot, »so sind es sicherlich so viele.«
»Eher sechzigtausend als weniger,« setzte der Marschall von Sainte-André hinzu.
»Was meint Ihr, Enghien?«
»Genau das, was die Herren da sagten.«
»So haben wieder Alle eine andere Meinung als ich, wie gewöhnlich?«
»Nie, Herr Connétable,« entgegnete Dandelot, »wir meinen nur, der Herr Admiral sage die Wahrheit.«
»Nun, seyd Ihr bereit für ihn, den Admiral, etwas zu wagen?«
»Ich bin bereit mein Leben zu wagen,« antwortete Dandelot.
»Wir auch!« fielen die beiden anderen Herren ein, der Herzog von Enghien und der Marschall von Saint-André.
»So geht alles gut,« meinte der Connétable, der sich dann nach dem Vorzimmer wendete, in welchem großer Lärm entstand.
»Was soll der Lärm?« fragte er.
»Ew. Gnaden,« antwortete ein Unteroffizier, »man hat einen Mann am Thore von Ham verhaftet.«
»So stecke man ihn ein!«
»Man glaubt, es sey ein Soldat, der sich als Bauer verkleidet hat.«
»So hänge man ihn.«
»Er bezieht sich auf den Herrn Admiral und sagt er komme von ihm.«
»Hat er ein Schreiben, einen Paß?«
»Nein und eben deshalb halten wir ihn für einen Spion.«
»So rädere man ihn.«
»Halt!« rief eine Stimme in dem Vorzimmer.
»Man rädert die Leute nicht gleich so, selbst wenn man Connétable ist.«
Und nach großem Lärm, welcher einen Kampf anzudeuten schien, stürzte ein Mann in das Zimmer herein.
»Ah, gnädiger Herr,« sagte Yvonnet, »bedenkt was Ihr thut, es ist Maldent.«
»Wer ist Maldent?« fragte der Connétable.
»Der zweite Bote, den der Herr Admiral an Euch sendet, der gleichzeitig mit mir Saint-Quentin verließ und natürlich später kommt als ich, da er über Ham ging.«
Es war wirklich Maldent, der, weil er den Connétable in Ham nicht gefunden, da ein Pferd genommen hatte und eilig nach La Fère geritten war, um schnell zu erscheinen, für den Fall, daß Yvonnet unterwegs aufgehalten worden sey.
Warum kam aber Maldent, der doch in Uniform und mit einem Briefe des Admirals aufgebrochen war, im Bauernanzug und ohne Brief? Das werden die Leser in einem der folgenden Capitel erfahren.
