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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 19
Viertes Kapitel
Ich wurde also von meinem Pathen in den Haag geschickt, fuhr Voltaire fort; ich kam dort mit Absichten der Empörung und mit einer Neigung zur tiefen Traurigkeit an. Ich wollte Anfangs Niemanden sehen, ich wollte mich in die Familie meines Beschützers einschließen, und ich tröstete mich damit, zu lesen und Verse über diesen väterlichen Zorn zu machen, dem ich alle meine Leiden zuzuschreiben hatte.
Ich trieb mich oft in diesem außerordentlichen Lande Holland im Freien umher; als ich eines Abends, nachdem ich in einem Dorfe unwürdig behandelt worden, wo ich den Tag zugebracht hatte, nach Hause zurückkehrte, entfuhr mir dieser Ausruf:
»Adieu, Ihr Enten, Ihr Kanäle, Ihr Kanaillen!«
Ich richtete meine Schritte nach einer anderen Seite, wo ich eine verhältnißmäßig malerische Aussicht fand, setzte mich, gleich der Frau Marquise Du-Deffand, am Rande einer Quelle nieder und begann zu schreiben: es waren Gedanken, Verse, Prosa, Klagen, ich weiß nicht welche Rhapsodien, die mir den Zustand meiner Seele zeigten.
Während ich so dasaß, sprang plötzlich ein großer und sehr schöner Jagdhund auf mich zu und warf in seinem Ungestüm alle meine Papiere durcheinander. Ich konnte einen Ausruf der Ungeduld in gutem Französisch nicht unterdrücken; sogleich traf mein Ohr ein helles Lachen und ein freudiger Ausruf im vollkommenen Pariser Dialect mein Ohr. Ich wendete mich um, und stand vor drei jungen Mädchen, wovon die Eine bewunderungswürdig schön war. Die beiden Anderen waren es auch, aber neben ihr sah man sie nicht mehr an.
Ich stand ein wenig verlegen auf, sie fuhren fort zu lachen; die Schönste stand ein wenig zurück und lachte weniger, als die Anderen. – Ich stotterte Entschuldigungen, sie lachten noch stärker; als sie genug gelacht hatten, sagte die Aelteste noch lachend zu mir:
– Sie sind ein Franzose, nicht wahr, mein Herr? Es giebt in ganz Holland keinen Mynherr, der im Stande ist, so zu fluchen.
Dies war ein seltsamer Anfang, um meine Bekanntschaft zu beginnen, das werden Sie gestehen müssen.
Ich habe bemerkt, daß im Leben die seltsamen und selbst unmöglichen Dinge besser gelingen, als die anderen.
Ich fand meinen unter den Strahlen dieser königlichen Schönheit erloschenen Geist wieder und antwortete etwas nicht allzu Gewandtes, worauf das Fräulein nach meinem Namen fragte.
Ich hatte keinen Grund, ihn zu verbergen, und sagte ihn.
Ich war neunzehn Jahre alt, und dieser Name wurde nur vor den Augen meines Vaters schuldig gefunden.
– Herr Arouet, versetzte sie, wir danken Ihnen für Ihre Gefälligkeit, und wir müssen sie anerkennen, indem wir sie mit einer gleichen erwiedern. Wir sind die Töchter der Madame Dunoyer, der berühmten französischen Verbannten, und wie Sie wohl wissen können, nehmen wir keinen geringen Rang in der Gesellschaft ein.
Dies war eine kleine Stolze, eine würdige Tochter ihrer Mutter, die Andere war eine Freundin, und dieses so schöne Wesen, welches nichts sagte, war das zweite Fräulein Dunoyer; sie glich ihrer Familie nicht und verdiente ein besseres Schicksal. Sie wurde sehr roth bei dieser Rede ihrer Schwester und sagte zu mir:
– Verzeihen Sie uns, mein Herr, meine Schwester und meine Freundin wollen sich ohne Zweifel belustigen', sie haben nicht die Absicht, Sie zu stören, es ist ein Scherz, dessen Bedeutung sie nicht ganz fühlen. Sie wissen unseren Namen, wir sind mit dem Ihrigen bekannt und werden ihn nicht vergessen. Sie werden meine Mutter besuchen, mein Herr; sie würde uns nicht verzeihen, wenn wir es an dem fehlen ließen, was wir Ihnen schuldig sind, und Sie nicht einladen wollten.
– Ich besuche Niemand, mein Fräulein, durchaus Niemand, ich bin leidend, traurig —
– Unglücklich vielleicht! fiel das schöne Kind ein; ah! mein Herr, da kommen Sie zu uns.
Sie begleitete diese Worte mit dem rührendsten Lächeln und einem himmlischen Blicke, welcher machte, daß mir das Herz schlug.
– Ich werde kommen, mein Fräulein; ich werde kommen! rief ich. Wer sollte Ihrer Bitte widerstehen?
– Mein Herr, um nicht zu weinen, fuhr die ältere Schwester fort, lachen wir bei uns nur.
Ich hätte dieser gern Beleidigungen gesagt; sie bemerkte es, und begann mich auf alberne Weise zu bespötteln. Wäre ihre Schwester nicht dagewesen, so weiß ich nicht, wie ich sie behandelt hätte; anstatt dessen bat ich um die Erlaubniß, sie nach Hause begleiten zu dürfen. Man wies mich nicht zurück; wir traten zusammen in die Stadt ein, ich ging bis zu ihrem Hause, weigerte mich aber, ungeachtet ihrer Bitten, einzutreten, denn ich empfand das Bedürfniß, allein zu sein.
Das schöne Gesicht des Fräulein Dunoyer, ihre liebliche Stimme, ihr verschleierter Blick und ihre Traurigkeit waren die einzige Beschäftigung meines Geistes und Herzens. Ich dachte Tag und Nacht an sie, indessen hatte ich der Einladung, die man an mich gerichtet, noch nickt Folge geleistet, als ich eines Morgens einen sehr verbindlichen Brief voll von Vorwürfen erhielt, von Madame Dunoyer selber geschrieben. Sie lud mich auf den folgenden Tag zur Mittagstafel ein.
Sie kennen ohne Zweifel diese große Intrigantin dem Namen nach, die, um von sich reden zu machen, tausend Mittel anwendete, und viele Jahre nur von Schmähschriften, Verleumdungen, literarischem Raritätenhandel und von allem Unrath lebte, welchen ein verderbtes Gehirn, vereint mit einem Herzen ohne Glauben und einem Gewissen ohne Grundsätze, hervorbringt.
Ich wußte das, aber ihre Tochter war nicht strafbar, ihre Tochter war schön, wie der Tag, rührend sanft, mit Reizen ausgestattet, und ich fühlte mich geneigt, sie doppelt zu lieben, um ihrer selbst und um ihres Unglücks willen. Ich blieb lange unentschlossen, endlich entschied ich mich und schrieb einen sehr ehrlichen Brief, um mich zu entschuldigen und die Erlaubniß anzunehmen.
Der Tag erschien mir unendlich lang, ich schlief in der Nacht nicht und kam am folgenden Tage eine Stunde früher, als es nöthig war. Man dankte mir für meinen Eifer. Madame Dunoyer war sehr verbindlich; sie kannte meine Familie und sprach viel davon; sie sprach auch von Herrn von Chateauneuf und von allen meinen Freunden aus Frankreich und nahm mein Interesse zu sehr in Anspruch, um mir Zeit zu lassen, sie zu prüfen.
Die Gesellschaft war zahlreich und gewählt, und bestand aus Fremden in großer Anzahl, aus flüchtigen Protestanten und Mißvergnügten, Man plauderte frei bei der Tafel, man spielte, man hielt Vorlesungen – um dies Alles kümmerte ich mich nur wenig. Ich verließ meine schöne Infantin nicht, ich plauderte halblaut mit ihr, als wenn wir allein gewesen wären, und suchte sie für mich zu interessiren: ohne zu wagen, mit ihr von meiner Liebe zu reden, ließ ich es sie in meinen Augen lesen, und als ich sie verließ, geschah es, nachdem ich die Erlaubniß erhalten, sie am folgenden Tage wieder zu besuchen und alle Tage wieder zu kommen.
Ich blieb nicht ein einziges Mal aus; sie wurde die alleinige Beschäftigung meines Lebens, und was auch Frau von Parabère dazu sagen mag, konnte diese Liebe den berühmten Liebesverhältnissen, den heftigsten Leidenschaften die Waage halten. Sie liebte mich bald auch; die wahren Gefühle theilen sich fast immer mit.
Madame Dunoyer schien es nicht zu bemerken, ich vermuthe, daß sie gewinnsüchtige Beweggründe und Absichten auf das Vermögen meines Vaters hatte, denn wir verbargen einander nichts. Welche Maschinerie wollte sie in Bewegung setzen? Ich habe es nie erfahren, aber ich zweifle noch nicht daran. Wir durchkreuzten alle ihre Absichten, und entwarfen unsererseits Pläne, welchen sie aus demselben Grunde entgegenhandelte.
Das arme Kind war zum Sterben unglücklich; sie haßte die Handlungsweise ihrer Mutter, sie hatte es ihr laut gesagt und sich mehrmals geweigert, an unredlichen Plänen Theil zu nehmen, auch wurde sie von dieser Rabenmutter gehaßt. Sie wollte sie als Sclavin behandeln, sie zu ihrem Schlachtopfer machen, sie verhindern, das Joch abzuschütteln, in der Furcht, daß sie von ihren Intriguen sprechen und sie vereiteln möchte. Dieses Leben war ihr unerträglich geworden, sie suchte Mittel, sich davon frei zu machen, als ich erschien, und zu gleicher Zeit ihr Vertrauter und ihr Geliebter wurde.
– Schon ihr Geliebter?
– Oh! mit allem Anstande, Madame. Wir wollen uns heirathen und hatten keine üblen Gedanken. Ich ging beständig in das Haus. Madame Dunoyer konnte sich nicht vorstellen, zu welchem Zwecke; sie sah, daß ich ihre Tochter liebte, sie errieth die Liebe dieser, ohne andere Wichtigkeit darauf zu legen, als mich nach ihren Einfällen zu lenken und mich zu bewegen, ihr in allen Dingen zu gehorchen.
Im äußersten Falle war der Sohn eines Notars in Paris, von anständigem Vermögen, keine üble Partie für eine Verbannte. Sie wußte, daß ich nicht ohne Geist war, ich hatte erst mein achtzehntes Jahr zurückgelegt, ich mußte leicht zu leiten sein, und auf alle Fälle, Schwiegersohn oder nicht, mußte ich ihr dienen.
So rechneten wir nicht, meine Schöne und ich. Wir wollten nicht unter dieser Zuchtruthe bleiben; sie fühlte sich zu unglücklich bei ihrer Mutter, um mich dieses Unglück theilen zu lassen. Unser jugendliches Alter nahm uns die Möglichkeit, uns ohne die Erlaubniß unserer Eltern zu verheirathen, die uns dieselbe würden verweigert haben; wir beschlossen also, dieselbe unnöthig zu machen, und bereiteten uns auf die Flucht vor. Eine Entführung war ein ziemlich verwegenes Unternehmen, und in einer Stadt wie der Haag, wo sich jeder kennt und wo man sich beobachtet, wie in unsern kleinsten Nestern in der Provinz.
Ich leitete indessen die Sache, Alles war bereit und wir wollten abreisen; ich liebte Fräulein Dunoyer leidenschaftlich und beging den Fehler, am Abend vor unserer Befreiung meines Freude auf zu deutliche Weise an den Tag zu legen.
Fünftes Kapitel
Wir waren in einem schönen Garten in der Nähe der Stadt, wo ich oft mit diesen Damen spazieren ging, und wir hatten einen bewunderungswürdig schönen Abend. Holland ist das Land der Blumen, und wir waren davon umduftet; es war köstlich, ich hätte den ganzen Abend Verse machen mögen, und sie kamen mir gleichsam schon völlig gereimt aus die Lippen. Madame Dunoyer fand etwas Ungewöhnliches an mir und sagte:
– Was haben Sie denn, Herr Arouet? Sie strahlen diesen Abend.
– Ich weiß nicht, Madame, ich bin glücklich, sehr glücklich. Diese schöne Nacht, diese Rosen, diese Jonquillen, diese Tulpen, die Gesellschaft, die mich umgibt – ich kann mich nicht ausdrücken – verzeihen Sie mir..
Die Mutter war eine feine Fliege. Sie sah ihre Tochter an und fand in ihren Zügen den Widerschein meiner Freude. Sie hatte einen Verdacht.
– Was haben Sie denn beide? fragte sie sich, wir wollen genau beobachten und sehen, was geschehen wird.
Sie ließ uns in der That nicht aus den Augen. Wir beunruhigten uns nicht darüber und warfen einander Blicke, Worte und Versprechungen zu, wovon einige zu bedeutungsvoll waren, um nicht den Verdacht unseres Argus zu bestätigen.
Sie stand auf, um zu gehen, die Gesellschaft war zahlreich; jeder näherte sich, wem er wollte, man erräth leicht, wem ich die Hand reichte. Madame Dunoyer widersetzte sich dem nicht, sie hatte nicht einmal das Ansehen, als ob er darauf achtete, aber sie ging hinter uns her und behorchte uns.
– Welches Glück, mein Fräulein, sagte ich, indem ich nicht gehört zu werden glaubte.
Das junge Mädchen antwortete mit einem Seufzer.
– Morgen also. Sie werden vorbereitet sein, nicht wahr?
– Ja, sein Sie ruhig.
Diese furchtsam ausgesprochenen Worte gelangten mehr zu meinem Herzen, als zu meinem Ohr.
– Also wir treffen uns vor der Thür des Tempels, ich irre mich doch nicht? Die Chaise wird völlig bereit sein in der kleinen Straße, wir dürfen nur einsteigen und Ihr Leiden wird geendet sein, und wir werden einander nicht wieder verlassen,
– Aber Herr Arouet, ich bin Ihre Frau?
– Zweifeln Sie daran? Es hieße mich beleidigen, es hieße mich verkennen. Ja, Sie werden meine Frau sein vor den Menschen, wie Sie es schon vor Gott und vor meinem Gewissen sind.
Und wir verloren uns in liebliche Pläne, in Freuden ohne Ende für die Zukunft. Wir wollten nach England gehen, dieses Land mußte uns beiden gefallen. Meine Göttin sollte katholisch werden, nicht als ob ich sie dazu beredet hatte, noch als hätte sie eine feste Ueberzeugung gehabt; aber um nicht von der Religion ihrer Mutter zu sein, um sie weder in dieser noch in jener Welt zu sehen.
Sie begreifen den Eindruck, den diese schönen Reden auf unsere Horcherin machten. Die Verliebten sind unbesonnen, besonders in diesem Alter, In uns selber verloren, gaben wir uns nicht einmal die Mühe, den Kopf umzuwenden. Wir wußten nicht mehr, daß andere Wesen, als wir beide, auf der Welt wären. Wir sollten unsere Unbesonnenheit theuer bezahlen.
Madame Dunoyer gab nichts zu erkennen. Man kehrte zu ihr zurück, um zu Abend zu speisen. Sie war so unterhaltend, so angenehm wie gewöhnlich. Die Gesellschaft ging erst spät auseinander, Sie beehrte mich mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit und sprach lange Zeit mit mir. Sie befragte mich über meine Familie, über die Absichten meines Vaters mit mir und über die Wahrscheinlichkeit, mich wieder mit ihm auszusöhnen.
– Oh! Madame, antwortete ich, die Sache wird sich nicht so leicht ordnen lassen, mein Vater will einen Procurator aus mir machen; ich liebe dagegen nur die Poesie, für welche er eine tiefe Verachtung zu empfinden behauptet. Ich werde nicht nachgeben, er auch nicht, und der Himmel weiß, was aus dem Allen werden wird.
– Was, Ihr Herr Vater wird nicht nachgeben, ist das gewiß?
– Wenigstens wird n sich so lange wie möglich halten, und wenn er sich besänftigt, so wird es nur nach vielen Bitten und unendlichen Schwierigkeiten geschehen.
– Verzeihen Sie mir diese Dreistigkeit; das Interesse, welches ich an Ihnen nehme, ist die einzige Entschuldigung dafür. Kann ich nichts für Sie thun? Ich habe mächtige Freunde, ohne daß es das Ansehen hat, Es würde mich glücklich machen, Ihnen beizustehen und mein Vaterland mit noch einem großen Dichter mehr auszustatten.
– Ach Madame, sollte ich ein großer Dichter werden? Ich weiß es nicht. Was ich zum Beispiel weiß, ist, daß ich ein schlechter Procurator werden würde.
– Sie haben wunderbare Anlagen zur Poesie; es ist unmöglich, daß es Ihnen nicht glücken sollte. In allen diesen Fallen rechnen Sie auf mich, ich werde Ihnen immer zu Diensten stehen.
Ich errieth nicht, woher diese Gefälligkeit kam, indessen war der Blick nicht gut; ich witterte einen Fallstrick, und es kam mir der Gedanke, das Fräulein zu benachrichtigen; ihre Mutter bewachte uns so gut, daß kein Mittel vorhanden war, zu ihr zu gelangen, und daß ich mich entfernen mußte, ohne ein Wort mit ihr gewechselt zu haben.
Als wir alle draußen waren, entfernten sich die Damen. Das Geräusch ließ allmälig im Hause nach, meine Geliebte hatte sich eben zur Ruhe gelegt, sie hörte eine Thür aufgehen und erblickte ein Licht. Ihre Mutter trat mit zornigen Blicken herein, näherte sich dem Bette des armen Kindes und ging ohne Vorbereitung und ohne Zaudern gerade aufs Ziel los:
– Gieb mir den Schlüssel zu Deinem Koffer, sagte sie.
– Warum, Madame?
– Weil ich darin nachsuchen will und ich, wie ich glaube, ein Recht dazu habe.
– Es ist nichts in meinem Koffer, Versichere ich Ihnen,
– Es ist das darin, was ich darin sehen will, und was ich gewiß darin finden werde, der Beweis von Deinen hübschen Plänen. Gib schnell.
– Welche Pläne, Madame? fuhr sie zitternd fort.
– Ich weiß Alles, sage ich Dir, rede darum nicht weiter; Dein Galan ist noch nicht so weit, wie er denkt, und ich will diesen Schreiberjungen lehren, minderjährige Fräulein von Stande zu entführen!
An den Druck gewöhnt, hätte Fräulein Dunoyer jeden anderen Umständen nachgegeben, aber es handelte sich um unsere Liebe, und sie widersetzte sich.
– Sie werden diese Schlüssel nicht erhalten, Madame, es ist ein Mißbrauch Ihrer Macht.
– Wirklich! ich habe nicht das Recht, ich, Deine Mutter, die Briefe Deines Liebhabers von Dir zu verlangen, besonders da Du daran denkst. Deinen Namen zu entehren und morgen mit diesem elenden Dichter zu entfliehen? Wenn Du mir diese Schlüssel nicht gibst, werde ich die Schlösser erbrechen, und auf alle Fälle wirft Du nicht aus diesem Zimmer gehen, dafür stehe ich Dir.
Sie bemerkte auf einem Stuhle die Taschen ihrer Tochter. Eine ungeschickte Bewegung dieser, welche den Arm darnach ausstreckte, zeigte ihr, daß sich dann der Gegenstand des Streites befand, und sie ergriff lebhaft diese unglücklichen Taschen, die mein Geschick verändern sollten.
Ach! diese Schlüssel waren in der That da. Die Koffer wurden geöffnet, das Kind rang verzweiflungsvoll, die Hände und stieß ein lautes Geschrei aus. Man war in dem Hause daran gewöhnt, und Niemand beunruhigte sich darüber. Die Mutter durchsuchte Alles, bemächtigte sich meiner umfangreichen Correspondenz, worin ausführlich unser Fluchtplan enthalten war, nach der gewöhnlichen Inconsequenz eines Verliebten von achtzehn Jahren.
Ich war also in den Händen dieser bösen Frau, die mich ernstlich beunruhigen und mich an den Galgen bringen konnte, denn strenge genommen war ihre Tochter minderjährig und der Mädchenraub klar bewiesen, denn ich hatte nichts verborgen. Sie brachte zwei Stunden damit zu, die Unglückliche von ihrer Macht zu überzeugen, so wie von dem, was geschehen werde; dann entfernte sie sich, nahm die Briefe mit und schloß ihr Opfer ein, welches von jetzt an mehr als je ihrer Macht anheim gefallen war.
Während dieser Zeit ließ ich mir nicht dergleichen träumen, betrachtete aus meinem Fenster, auf meine Ellenbogen gestützt, die schöne Nacht, bewunderte den Mond und gab mich einer poetischen und verliebten Begeisterung hin; ich träumte endlich mit meiner Phantasie und meinem Herzen. Ich legte mich nicht nieder, ich erwartete die Morgenröthe, aufrecht gehalten von einer Ungeduld, die Sie wohl begreifen können; dieser Tag sollte der schönste meines Lebens sein, meine liebliche Schäferin sollte mir gänzlich und auf immer gehören.
Ich machte die reizendsten Vorbereitungen: ich besorgte meine Toilette mit der größten Aufmerksamkeit, ich pflückte alle Blumen des Gartens, um ein Bouquet daraus zu bilden: sie liebte sie so sehr! Ich brachte meine hübschesten Kostbarkeiten, meine neuesten Kleider zusammen. Ich wollte nicht, daß ihr Blick auf diese kleinen Mantelsäcke falle, die zu unserer Flucht eingepackt waren, ohne darüber erfreut zu sein. Es war ein köstlicher Augenblick.
Dann ging ich, nach unserer Chaise zu sehen, mich noch der Pferde, der Postillone zu versichern. Ich fürchtete den geringsten Aufschub, das unbedeutendste Hinderniß; übrigens beschäftigte ich mich immer mit ihr. Die Zeit verging, noch eine Stunde, und ich sollte zu ihr kommen, und ich konnte sie wenigstens erwarten. Ich wanderte um ihr Haus herum. Alles war geschlossen, ihre Fenster, so wie die anderen: es verursachte mir eine entsetzliche Herzensqual und eine schlimme Ahnung. Indessen wagte ich nicht, mich zu erkundigen, aus Furcht, etwas Uebles zu erfahren.
Ich kehrte noch zum letztenmal in meine Wohnung zurück, um an Herrn von Chateauneuf zu schreiben; ich glaubte gewiß nicht mehr zurückzukehren. Ich saß an meinem Tische, als ziemlich gebieterisch an meine Thür geklopft wurde.
Mein erster Gedanke war, nicht zu antworten, es war vielleicht ein Lästiger, der mich zurückhalten würde. Man verdoppelte das Klopfen, und ich mußte wohl öffnen; ich erkannte die Stimme meines Beschützers.
– Beeile Dich, mein Kind, sagte er zu mir; es handelt sich um eine wichtige Sache.
Gleich Allen, welche lieben, dachte ich nur an meine Liebe; ich sah sie bedroht, und beeilte mich, meinen dienstwilligen Freund einzuführen. Welche wichtige Sache konnte ich in der That außer den Plänen meines Herzens haben? Diesmal irrte ich mich nicht.
– Mein Kind, sagte Herr von Chateauneuf, Du hast einen großen Leichtsinn begangen, und Du setzest mich in eine beträchtliche Verlegenheit.
– Wie, mein Herr?
– Ist es möglich, daß ein Junge von Geist, wie Du, sich in eine so lächerliche Lage versetzen kann? Du liebst ein junges Mädchen, Du willst sie entführen, und Du begehst die Thorheit, ihr zu schreiben, um der Familie Waffen gegen Dich in die Hände zu geben!
– Was meinen Sie, mein Herr? fragte ich zitternd.
– Du weißt gut genug, was ich sagen will. Dein hübscher Plan ist fehlgeschlagen, die Mutter hat Alles entdeckt; sie hat diesen Morgen ihre Tochter auf's Land geführt, um Dir zu entgehen; und danke Gott, der Dich von einer hübschen Thorheit errettet.
Die Thränen traten mir in die Augen, ich hielt sie aus Scham zurück.
– Höre mich also an, und laß uns versuchen, Dich aus der Verlegenheit zu ziehen, denn Du bist in ein Wespennest gerathen. Ich bin genöthigt, Dir das anzudeuten, noch zu glücklich, diese Anordnung treffen zu können. Entweder mußt Du Holland verlassen, oder jedes Verhältniß mit dem Fräulein Dunoyer aufgeben. Schwöre, daß Du sie nicht wiedersehen willst, daß Du nicht suchen wirst, ihr zu schreiben, und daß Du sie endlich gänzlich vergessen willst.
Ich wurde roth, blaß und grün, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und antwortete nicht.
– Denke daran, mein Freund, fuhr mein Mentor fort, ohne meine Dazwischenkunft würde man Dich wenigstens mit den Galeeren bedroht haben. Du bist in den Händen einer Intrigantin, einer Frau von böser Gesinnung, die Dich zu Grunde richten kann, wenn sie ihren Vortheil darin sieht, oder wenn Du sie dazu nöthigst, denke daran, wiederhole ich Dir.
Ich stotterte, ich weiß nicht recht, was ich sagte. Ich sah nur Eins; meine arme Freundin war wieder unter dieses schwere Joch gerathen. Ich schauderte bei dem Gedanken an die schlechte Behandlung, der sie ausgesetzt war, ich dachte nicht an mich; die Drohungen erschreckten mich nicht. Ich hatte Alles hingegeben, selbst meine Freiheit, um ihr Ruhe zu verschaffen; Sie sehen also, Frau Marquise, daß ich glühend liebte.
Herr von Chateauneuf hielt mir auf solche Weise eine Strafpredigt von länger als einer Stunde. Ich hatte Zeit, mich zu fassen, und ich bedachte, daß das Wichtigste sei, den Ort nicht zu verlassen, daß ein Versprechen, während man mir mit den Galeeren drohte, nichts bedeute; ich versprach also, meine Freundin nicht wieder zu sehen, und erhielt die Erlaubniß, dazubleiben
Aber welcher Schmerz, als ich allein war, als ich die Größe meines Verlustes übersehen konnte! Alles, was mich umgab, war mir verhaßt. Diese Vorbereitungen, die ich mit solcher Wonne gemacht hatte, diese Blumen, die noch so frisch waren, dieser angefangene Brief, dies Alles waren so viele Vorwürfe, selbst Gewissensbisse! Ohne mich, ohne meine unglückliche Liebe würde das arme Mädchen nicht in dieses Uebermaß des Kummers gerathen sein, jetzt würde man sie doppelt quälen, und ich konnte mich nicht darüber trösten.
Ich hatte die Erlaubniß erhalten, nicht zu erscheinen, ich nahm meinen Hut und eilte aufs Land, doch mied ich diese Orte, welche Zeugen von so vieler Freude, von so vielen gescheiterten Hoffnungen gewesen. Ich kam auch am Abend nicht nach Hause. Gott ist mein Zeuge, ich hatte nicht die Absicht, meine Freunde aufzusuchen, ich wußte nicht, wohin man sie geführt hatte, es wäre von meiner Seite Thorheit und Unvernunft gewesen, daran zu denken, sie wiederzusehen.
Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch – ich hatte in einer Meierei geschlafen, wo mir auf mein ehrliches Gesicht Gastfreundschaft bewilligt wurde – am folgenden Morgen bei Tagesanbruch setzte ich nach einem leichten und frugalen Mahl meinen Weg fort.
Ich ging auf einem blühenden Pfade, mit Rasen und Gänseblümchen besetzt, weiter, und ein kleiner Bach, der ihm folgte, murmelte zu meiner Linken. Ich war allein, und hielt meine Thränen nicht zurück; mein Herz, von tausend verschiedenen Empfindungen erfüllt, liebte mit der Fülle meiner Unerfahrenheit und mit dem Uebermaß meiner Phantasie. Dies gleicht Mascarille's Erzählung, aber ich muß mittheilen, was ich empfand, und es lag ein wenig Begeisterung in meinen Eindrücken, wie ich es bei denen eines jungen Dichters immer der Fall ist.
Plötzlich machte mich eine Stimme erbeben; ich erhob den Kopf und erblickte auf der andern Seite des Baches eine hübsche Bäuerin, die am Ufer saß und Schafe hütete. Sie sprach mit ihrem Hunde, indem sie mich ansah, und sprach von mir, weshalb ich ihre Meinung verstand,
– Geh, mein lieber Fidel, geh zu diesem jungen Herrn, welcher weint. Frage ihn, was er bedarf; wenn wir nichts für ihn thun können, frage ihn, ob er bei uns ausruhen will. Er wird es Dir nicht abschlagen, Dir, mein guter Hund, mit Deinen schönen sprechenden Augen.
Die Bäuerin wendete diese Worte nicht an, wie Sie sich vorstellen können, aber dies war es, was sie sagte. Ich blieb stehen und sah sie auch an. Der Hund hatte schon den Fluß übersprungen und ging um mich herum, indem er tausend Liebkosungen gegen mich anwendete.
– Antworten Sie Fidel, mein junger Herr, fuhr das gute Mädchen fort, und schonen Sie uns beide nicht: ich kann einen Menschen nicht weinen sehen, ohne geneigt zu sein, ihn zu trösten.
Diese Anrede wurde in holländischer Sprache gehalten, welche ich verstand, ohne aber darauf antworten zu können. Ich rief meine Sprachlehre zu Hilfe und versuchte ihr begreiflich zu machen, daß ich ein Fremder sei, daß ich meine Geliebte beweine und daß ich nichts bedürfe, indem ich ihr für ihr Mitleid dankte. Sie hörte mich an, ohne sich über mich zu belustigen: 'im Gegentheil, als sie erfuhr, daß ich einen Liebesschmerz habe, bewog sie mich, über den Bach zu kommen und mich zu ihr zu setzen.
Ich ließ mich nicht lange bitten. Fidel folgte mir. Das gute Mädchen fragte mich, wendete die Aufmerksamkeit ihres Herzens an, um meine Antworten zu hören: und endlich, halb plaudernd, halb träumend, blieb ich bis zum Abend da.
Die Stunde kam, wo sie ihre Heerde nach Hause treiben mußte. Sie machte mir den Vorschlag ihr zu folgen, gab mir die Versicherung, daß man mich bei ihr gut aufnehmen würde, daß ich sogar ins Schloß gehen könne, welches von Franzosen bewohnt werde, die bei der Aufhebung des Edicts von Nantes ausgewandert; man würde entzückt sein, einen Landsmann zu sehen.
Ich wußte nicht, wohin der Zufall, mich geführt hatte; als ich dieses Haus nennen hörte, wurde es mir dunkel vor den Augen. Ich hatte diese Protestanten bei Madame Dunoyer getroffen, deren Freunde sie waren; sie ging oft dorthin und vielleicht hatte man meine Geliebte hierher geführt. Dieser Umstand legte mir die äußerste Klugheit auf. Ich nahm das Anerbieten an, doch ließ ich mich vorher bitten, dann setzte ich das Verhör fort; aber in einer andern Richtung.
Die Schäferin wußte nichts, wenn etwas zu wissen war, sie war seit dem vergangenen Abend nur sehr kurze Zeit zu Hause gewesen; ich versicherte mir indessen, daß sie mir helfen würde, und ich folgte ihr, indem ich versuchte, sie mehr und mehr für mich zu interessiren.
Wir kamen bei anbrechender Nacht an. Man war schon bereit, zu Abend zu essen. Sie stellte mich ihrem Vater, dem Pächter dieses Meierhofs, vor, er empfing mich gut, bat mich, Platz zu nehmen, und fragte nicht mehr.
Man ist mißtrauischer in Frankreich.
