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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 20
Sechstes Kapitel
Ich hatte Hunger, ungeachtet meines Kummers; die Jugend verliert nicht ihre Rechte. Ich setzte mich mit den Landleuten an den Tisch. Meine Gegenwart genirte sie nicht; ich schien von bescheidenem Stande zu sein, ich war traurig und schweigsam. Nach einer Viertelstunde dachten sie nicht mehr daran, daß ich zugegen war. Sie begannen nach der beständigen Gewohnheit der Untergebenen von ihren Herren zu reden.
– Ja, sagte die Frau, dieses arme junge Fräulein ist sehr krank; unsere jungen Damen sind sehr besorgt für sie, und doch hört sie nicht auf zu weinen.
– Hast Du sie gesehen?
– Gewiß, ich habe sie gesehen, als man sie gestern Morgen hierher führte; sie ist sehr sanft und sehr hübsch.
Das Herz schlug in mir, ich begann keinen Zweifel mehr zu hegen! sie mußte es sein. Ich verdoppelte meine Aufmerksamkeit.
– Ist ihre Mutter da?
– Nein, nur ihre Schwester und eine alte Erzieherin; ihre Mutter ist nach dem Haag zurückgekehrt, um den Liebhaber zu verfolgen. Sie würde besser thun, sie zu verheirathen, denn früher oder später werden sie doch wieder zusammenkommen und sich doppelt strafbar machen, weil sie von Neuem ungehorsam sein müssen.
– Willst Du wohl schweigen und das nicht vor Deiner Tochter sagen!
– Mein Lieber, meine Tochter wird nie Widerspruch in ihrer Neigung erfahren, daher wird sie nicht daran denken, uns ungehorsam zu sein.
– Das arme junge Fräulein! fiel meine Freundin Groscheen ein, ich werde sie sogleich besuchen.
Ich hätte sie aus vollem Herzen umarmen mögen für diese Worte. Ich wartete ungeduldig bis zum Ende des Abendessens. Sobald man vom Tische aufgestanden war, führte ich Groscheen in den Garten und suchte ihr begreiflich zu machen, was vorging. Ihr verständiges Auge verschlang meine Worte.
– Es ist Ihre Geliebte! rief sie, die, welche Sie auf dem kleinen Wege beweinten, als ich Sie traf. Oh! ich werde zweimal so schnell zu ihr eilen, ich werde ihr sagen, daß Sie da sind und daß sie nicht verzweifeln soll, da Sie sie so sehr lieben.
Von diesem Augenblick an verstanden wir uns vortrefflich. Ich riß ein Blatt aus meiner Schreibtafel und schrieb einige Worte darauf, welche Groscheen zu besorgen übernahm, und von diesem Augenblick an faßte ich wieder Muth; ich hatte meine Geliebte auf so wunderbare Weise wiedergefunden, daß es mir unmöglich schien, sie jetzt noch wieder zu verlieren.
Der Brief wurde abgegeben und meine kluge Botin brachte mir die Antwort, die mir wie eine Gnade des Himmels vorkam. Sie würde Alles ertragen, da sie wisse, daß ich in ihrer Nähe und ihr ein Mittel zur Correspondenz geboten sei. Sie erwarte oft Briefe von mir und wolle mich von dem in Kenntniß setzen, was geschehen würde. Sie bat mich, in die Stadt zurückzukehren, um keinen Verdacht zu erregen, und gab mir die Versicherung, von jetzt an würde sie Muth haben, wenn wir unsere alten Pläne wieder aufnehmen wollten.
Ich gehorchte ihr in allen Punkten. Von unserer Vertrauten erfuhr ich, daß es noch einen Weg gebe, der mich sehr schnell zur Stadt führen würde, und ich beschloß, noch an dem Abend zurückzukehren, obgleich es schon beinahe zehn Uhr war; eine längere Abwesenheit würde zu Bemerkungen Veranlassung geben. Wir kamen überein, daß wir uns alle zwei Tage an einem verschiedenen Orte treffen wollten, um mir Nachricht von ihr zu geben – und Nachricht von mir zu erhalten, und daß meine schöne Freundin versuchen solle, mir so oft wie möglich zu schreiben.
Ich fand Herrn von Chateauneuf meinetwegen unruhig: man glaubte fast, daß ich mich in meiner Verzweiflung ertränkt habe. Wenn ich am folgenden Tage nicht erschienen.wäre, würde es der Madame Dunoyer übel ergangen sein; meine Freunde waren wüthend.
Man sprach von nichts mehr, ich setzte meine gewohnte Lebensweise fort, und man hoffte, daß ich die Sache vergessen würde. Es wurden mir viele Zerstreuungen vorgeschlagen; ich nahm sie an, wenn sie mich nicht verhinderten, mich zu meiner Schäferin zu begeben, die, wie ich Ihnen versichern kann, hübsch genug war, um die erste Rolle in meiner Liebesintrigue zu spielen.
Die Correspondenz dauerte fort; daß wir einander sehen sollten, daran war nicht zu denken; meine Infantin wurde zu strenge bewacht; sie konnte kaum wenige Worte mit Bleistift schreiben und unbemerkt meine Briefe lesen. Man bedurfte der Geduld, wir hatten sie; ich hatte weniger, als sie, obgleich sie mehr litt, als ich. Diese Leiden brachen mir das Herz, und sie verbarg sie mir noch.
Mein Vater schrieb mir, ich könne zurückkehren, er verlange nur, daß ich bei seinem Procurator erscheinen und mich beim Studium der Rechte anstrengen solle. Er wolle mich nicht verhindern, meinem Poetischen Berufe zu folgen, wenn ich das Eine mit dem Andern vereinen könne; er würde mir sogar das mir von dem Fräulein von Lenclos vermachte Geld zustellen, um mir Bücher dafür zu kaufen, unter der Bedingung, daß ich zugleich welche für seine Profession und für die kaufe, welche ich gewählt. Es war also nur ein Zugeständniß zu machen. Ich wollte in Holland bleiben; ich schlug es aus.
Die Zeit verging, Madame Dunoyer entdeckte nichts. Sie hielt mich vielleicht für resignirt und untreu und ließ ihre Tochter wieder nach dem Haag zurückkehren. Unsere Correspondenz würde dadurch gelitten haben, wenn Groscheen uns nicht zu Hilfe gekommen wäre. Sie bat ihre Herrin, sie mit sich in die Stadt zu nehmen. Diese schlug es ihr nicht ab, sie liebte dieses Kind, und sie gehörte zu denjenigen, welche den Ehrgeiz ermuthigen. Man säuberte, man kleidete sie, man brachte ihr einige Manieren bei und machte eine Soubrette aus ihr, nicht weniger rebellisch, als Lisette und Marton. Sie war mir näher, wir sahen uns öfter, und folglich wurden die Liebesbriefchen schneller besorgt. Es ging Alles sehr gut. Madame Dunoyer, die sich darauf verstand, fand ihre Tochter sehr ruhig und muthig, sie suchte den Grund und hatte keine Mühe, ihn zu entdecken.
Sie sollen urtheilen!
Diesmal wurde keine Gnade geübt. Meine Geliebte wurde genommen, fast ohne ihr Zeit zu lassen, sich anzukleiden, und zu einem Protestantischen Geistlichen gebracht, als ein abschreckendes Beispiel für die ganze Menge. Man schloß sie ein, mit dem Verbote, irgend Jemand zu sehen, weder ihre Schwester noch ihre Mutter; diese fürchtete, glaube ich, sich auch verleiten zu lassen und aufzuhören, sich selber treu zu sein.
Gegen mich zeigte sich Herr von Chateauneuf strenge, er erinnerte mich an das Versprechen, welches ich ihm gegeben, und stellte mir vor, daß ich meine Ehre verletzt habe, indem ich es nicht gehalten.
– Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, entgegnete ich; aber Ihr Herr Bruder, mein Pathe, hat mir oft wiederholt, daß in der Liebe ein gegebenes Wort nicht gelte, und als ich Ihnen dieses gab, hatte ich nicht die Absicht, es zu halten.
Er hatte mir nichts zu antworten, es war die Wahrheit. Er benachrichtigte mich indessen, ich müsse alle meine Unternehmungen einstellen, oder er würde sich nicht weiter um mich kümmern.
Ich antwortete mit vollem Herzen, ich danke ihm sehr, ich müsse in der That auf meine Unternehmungen verzichten, da Fräulein Dunoyer mir geraubt sei; aber ich könne nicht länger im Haag bleiben, ich würde vor Kummer sterben, da ich zugleich ihr so nahe und so fern sei, und ich wolle meinen Vater bitten, mich nach Amerika abreisen zu lassen, da er mir die Erlaubniß verweigere, in mein Vaterland zurückzukehren.
Mein Beschützer spottete meiner und gab mir die Versicherung, daß ich mich trösten würde, ohne so weit zu gehen; ich würde besser thun, nicht zu warten, um es zu beweisen. Es würde verlorene Zeit sein, und ich würde es später bereuen.
Ich habe es noch nicht bereut.
Ich gefiel mir im Gegentheil in meinem Bedauern und in meiner Melancholie; ich dachte viel nach, ich prüfte die Eindrücke meines Geistes und meines Herzens, und dieses Studium ist mir nicht unnütz gewesen. Ich wurde eines schönen Morgens durch einen unerwarteten Schlag erweckt.
Madame Dunoyer hatte einen seltsamen Racheplan angewendet. Sie brachte meine Briefe an ihre Tochter zusammen, ordnete sie auf ihre Weise und ließ sie drucken. Es ist das erste meiner Werke, welches im Druck erschienen ist.
Die Folge davon war, daß ganz Europa diese Intrigue erfuhr, und daß ich als Verführer hingestellt wurde – ich, der schüchternste Liebhaber in der ganzen Welt.
Im Haag entstand fast eine Empörung gegen mich, man hätte mich gesteinigt in den Salons, wenn ich dort erschienen wäre.
Meine erste Bewegung war, mich zu vertheidigen und die Wahrheit in das rechte Licht zu stellen. Herr von Chateauneuf hielt mich davon ab. Er stellte mir vor, wenn ich den Scandal aufrühre, würde ich ihn nur noch auffallender machen, ich müsse nur diese Briefe verleugnen und für falsch erklären, ohne irgend Jemand zu beleidigen, indem ich meine Gegnerin aufforderte, die Originale aufzuzeigen.
Ich gab eine sehr gemessene Erklärung in der Gazette de Hollande ab. Ich richtete sie an den Redactcur, indem ich Madame Dunoyer nicht erwähnte und mich stellte, als gebe ich nicht einmal zu, daß sie sich darin habe mischen können. Der Brief beruhigte meine Gegner ein wenig, das heißt, meine Ankläger, denn Madame Dunoyer hätte nur eine völlige Unterwürfigkeit und demüthige Entschuldigung von meiner Seite beruhigen können. Mein Vater ließ mir sagen, ich könne wieder zu ihm kommen; ich ließ mich nicht bitten, aus einem Lande zu gehen, wo ich so viel gelitten hatte, und wo ich keine Hoffnung mehr hegte.
Seitdem habe ich Fräulein Dunoyer nicht wiedergesehen, und ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.
Dies war die erste Liebe Voltaire's; ich habe gedacht, daß es interessant sein würde, sie bekannt zu machen, da die Erzählung in der Welt nicht sehr verbreitet ist und man sich aus diesem Gesichtspunkte nicht mit ihm beschäftigt.
– Haben Sie noch andere Geliebten gehabt? fragte ihn Frau von Parabère, neugierig wie ein junges Kätzchen.
– Was das betrifft, Madame, deren habe ich mehrere gehabt. Zuerst die Henriade, dann den Oedipus, dann die Bastille, dann die Frau Marschallin von Villars, die ich angebetet und die meine Liebe niemals erwiedert hat. Ich habe eine neue Reise nach Holland gemacht mit der vortrefflichen Frau von Rupelmonde, die ich nicht anbetete und die mich liebte. Ich habe mich mit vielen Werken beschäftigt, ich habe tausend Pläne im Kopfe, und ich bin entschlossen, in diesem Jahrhundert noch etwas zu werden, und wäre es auch nur, um Madame Dunoyer zu bestrafen, weil sie mich nicht als Schwiegersohn angenommen.
Ich glaube in der That, die Dunoyer, wenn sie es erlebt hat, muß oft bereut haben, daß sie ihre Tochter einer so bedeutenden Partie entzogen hat.
Wir hatten also Voltaire angehört, und die Zeit wurde uns durchaus nicht lang. Wir waren im Begriff, uns zu trennen, als die Flügelthüren des Pavillon sich öffneten und einer von den Thürstehern: »Seine königliche Hoheit den Regenten« anmeldete.
Siebentes Kapitel
Frau von Parabère stand mit einer raschen Bewegung auf, als hätte eine Schlange sie gestochen. Voltaire und d'Argental hielten sich zurück, verbeugten sich tief und waren sehr verlegen, dort gefunden zu werden. Ich blieb an meinem Platze stehen, denn ich glaubte nichts mit Allem, was vorgehen würde, zu thun zu haben. Der Regent bemerkte die Störung, die er verursachte.
– Ich störe Sie vielleicht? fragte er.
– Vielleicht, gnädigster Herr, versetzte Frau von Parabère, wenigstens erwartete man Sie nicht.
– Und Sie, Madame, fügte der Prinz hinzu, indem er sich zu mir wendete, störe ich Sie denn auch?
– Durchaus nicht, gnädigster Herr, wir hörten dem Herrn von Voltaire zu.
– Nun, kann ich ihm nicht auch zuhören?
– Herr von Voltaire war im Begriff, sich zu entfernen, Herr von Argental auch, und wir —
– Was liegt daran, ich halte sie nicht zurück, versetzte der Prinz mit dem liebenswürdigsten Lächeln des Verabschiedens.
Sie ließen es sich nicht zweimal sagen, und sich nochmals verneigend, gingen sie hinaus.
Frau von Parabère sah ihnen nach, so lange sie sie noch sehen konnte, dann wendete sie sich mit einer langsamen und graziösen Bewegung zu dem Prinzen und fragte ihn, was er zu einer solchen Stunde bei ihr wolle.
Dieser befand sich in leichter Verlegenheit und affectirte einen Scherz.
– Was ich hier will, Madame? Ich will hier, was ich seit mehreren Jahren hier gewollt habe – ich will mit Ihnen zu Abend speisen und plaudern, wenn Sie einwilligen.
– Wir haben bereits zu Abend gespeist, gnädigster Herr; man wird Ihnen serviren, wenn Sie es wünschen; was das Plaudern betrifft, so bin ich nicht im Zuge; aber Madame Du-Deffand wird meine Stelle einnehmen.
– Mein Gott! Marquise, welche Veränderung! Was! Sie haben schon zu Abend gespeist – so früh? Was, Sie weigern sich, zu plaudern, und noch dazu mit Philipp von Orleans?
– Mit Philipp von Orleans werde ich es noch weniger, als mit jedem Anderen, gnädigster Herr.
– Und warum?
– Wenn Eure Hoheit kein Gedächtniß haben, so erinnere ich mich doch.
– Groll! Ei, Marquise, dies ist nicht gut. Wir sind wenigstens alte Freunde, wenn nicht noch mehr.
– Das noch weniger, als irgend etwas, gnädigster Herr.
– Wirklich?
– Und Sie müssen wissen, die Freundschaft verbindet sich mit der Achtung. Ohne Achtung keine Freundschaft, und ich achte Sie nicht; also kann ich nicht Ihre Freundin sein.
Der Regent wurde roth und gerieth von Neuem in Verlegenheit.
– Man sagt dergleichen nicht vor Zeugen, Madame.
– Madame Du-Deffand war zugegen, als ich es Ihnen zuerst gesagt habe, gnädigster Herr, übrigens fürchte ich die Zeugen nicht, und ich werde es Ihnen vor der ganzen Erde sagen.
– Dann nehmen Sie an, Madame, daß ich nicht gekommen bin, und erlauben Sie, daß ich, ohne länger zu verweilen, in das Palais Royal zurückkehre.
– Nach Ihrem Gefallen, gnädigster Herr. Ich habe die Ehre, Eure königliche Hoheit zu begrüßen, und Sie hinaus zu geleiten, wie es meine Pflicht ist.
Der Prinz brach in ein lautes Lachen aus.
– Ei! das war gut gespielt! Sie sind köstlich in Ihrem Zorn, aber wir wollen uns nicht so trennen.
– Ich bitte Sie um Verzeihung, gnädigster Herr, wir werden uns trennen.
– Ist das Ihr fester Entschluß?
– Mein fester und unerschütterlicher.
– Adieu also, Madame.
– Adieu, gnädigster Herr.
– Ich soll allein gehen? Sie wollen mir nicht einmal auf einige Stunden aus Mitleid und Menschenliebe Gesellschaft leisten, ich bin traurig und in Verlegenheiten verwickelt und habe keinen Freund diesen Abend, um mich zu trösten.
– Sie haben hundert Freunde, gnädigster Herr, rufen Sie sie. Rufen Sie Ihre Geliebten, Frau von Sabran, Frau von Tencin, Frau von Phalaris und viele andere, deren Namen mir nicht einfallen, ich habe diese Litanei vergessen.
Ich hätte es wie Voltaire und d'Argental machen mögen, ich hatte den Einfall, es zu versuchen und zu verschwinden, ohne ein Wort zu sagen. Ich stand leise auf, da ich dachte, man achte nicht auf mich, und schlich zur Thür.
Aber Frau von Parabère wurde es gewahr und rief mich zurück.
– Wohin gehen Sie? sagte sie.
– Ich will nach Hause, antwortete ich ihr verlegen. Es scheint mir, als wäre es Zeit dazu.
– Noch einen Augenblick, ich bitte Sie.
– Da ich vertrieben werde, biete ich Ihnen einen Platz in meinem Wagen an; zu dieser Stunde wird Sie Niemand sehen, und Sie werden mir einen wahren Dienst erweisen, wenn Sie mich nicht allein zurückkehren lassen.
– Sie wollen die Marquise mit in das Palais Royal nehmen?
– Warum nicht, wenn es ihr recht ist.
– Ich widersetze mich dem nicht.
– Ist es wirklich wahr?
– O! vollkommen wahr.
– Einen Augenblick, gnädigster Herr, fiel ich ein, wie es scheint, verfügt man ohne meine Erlaubniß über mich; es handelt sich nicht um die Zustimmung der Parabère, sondern um die meinige,
– Meine liebe Freundin, Sie sollten dorthin gehen, um sich zu unterrichten, aber Sie werden morgen nicht dorthin zurückkehren. Es ist ganz gut, den Herrn Regenten einmal zu sehen, dann bewahrt man eine hübsche Erinnerung von ihm.
– Sie machen die Honneurs meiner Person, Madame, lassen Sie Madame Du-Deffand sich selber unterrichten.
– Ich verhindere sie nicht daran; im Gegentheil wette ich nur, daß sie es nicht wollen wird. Sie ist eine Frau von Geist, gnädigster Herr.
– Bin ich denn ein Thor nach Ihrer Meinung, Madame?
– Das sage ich nicht; aber Sie sehen, daß sie nicht spricht.
– Das Schweigen ist also ein Beweis von Geist?
– Es gibt Personen, die ein sprechendes Schweigen haben; und hüten Sie sich, die Marquise gehört zu dieser Zahl.
– Antworten Sie nicht, Madame? Sollten Sie unerbittlich sein, wie Frau von Parabère? Es würde nur Menschenliebe sein, mich zu vertheidigen.
– Gnädigster Herr, ich habe Veranlassung genug, mich selber zu vertheidigen.
– Nehmen Sie sich in Acht, meine Liebe, das heißt die Gefahr eingestehen.
– Gefahr! und wovon fürchten Sie Gefahr, Madame?
– Gnädigster Herr, anstatt dieser thörichten Frage hätten Sie diese Worte nicht aussprechen lassen sollen,
– Ei, Marquise, Sie spotten meiner und möchten mich mehr verwickeln, als es mir gefällt.
– Ei, meine Königin, scherzen wir nicht und hören Sie mich an. Sie sind allein, Sie sind frei, Sie kommen nach Paris, Sie haben einen einfältigen Gemahl, den wir weit fortgeschickt haben, um Sie und uns von ihm frei zu machen. Sie haben mehr Geist, als irgend eine von uns, benutzen Sie den Umstand, thun Sie, was keine von uns zu thun geneigt gewesen ist, gehen Sie mit diesem guten Prinzen, der sich diesen Abend langweilt, leisten Sie ihm zwei Stunden Gesellschaft, ohne ihn anders als einen Gast anzusehen, geben Sie ihm zu erkennen, wer Sie sind, und was eine Person von ihrem Verdienste zu bedeuten hat, die nichts von ihm verlangt und ihm nichts bewilligen will. Es wird eine Originalität in Ihrem und seinem Leben sein; ich wünschte sehr an Ihrer Stelle zu sein. Ich würde nicht zaudern, dafür stehe ich Ihnen. Sie werden von Philipp von Orleans erhalten, was noch keine von ihm erhalten hat.
– Es ist wahr, versetzte einfach der Prinz.
– Fürchten Sie nichts. Sie kennen ihn nicht, er ist ein vollkommener Cavalier auf seine Art, er wird nur sein, was Sie wollen, er wird Ihnen kein Wort sagen, welches Sie nicht anhören können; ich kenne keinen respectvolleren Mann, wenn man ihm Respect einflößt.
– Madame, Sie thun mir zu viel Ehre an, jetzt schmeicheln Sie mir, nachdem Sie mir eben noch Beleidigungen gesagt.
– Ich bin phantastisch, und sage nicht zwei Minuten nach einander dasselbe, das wissen Sie wohl. Es scheint mir originell, Sie Beide diesen Abend einander gegenüberzustellen, ich bin neugierig morgen zu erfahren, was eine Unterredung zwischen Ihnen Beiden unter den Umständen, in welchen wir uns befinden, hervorgebracht hat. Wenn Sie geistreich sind, werden Sie darin übereinkommen, daß ich Recht habe, und Sie werden sich beeilen, sogleich zu gehen, um desto länger bei einander zu sein.
Ich konnte mir nicht den Grund erklären, weshalb Frau von Parabère mich fast wider meinen Willen zu diesem gefährlichen Zwiegespräch schicken wollte. Ich sah sie fest an, und es schien mir, als ob sie die Wahrheit rede und keinen Rückhalt habe; ihr Auge war frei. Dieses seltsame Geschöpf ist nie richtig beurtheilt worden; sie war weniger verderbt, als man vermuthete, die Laune war ihre Führerin oder vielmehr ihre Herrin. Sie hatte zuweilen Augenblicke bewundernswürdiger Vernunft, sie hatte Verstand und Tact; in der folgenden Minute brachte sie eine Reihe von Tollheiten zu Tage, so daß man sie für das Irrenhaus reif hätte erklären mögen.
Der Regent hörte sie fast ohne zu antworten an, er bestand nicht darauf, verlangte nichts von mir und nie in meinem Leben war ich verlegener. Ich hatte große Lust, nachzugeben, große Lust, in der Nähe und mit aller Gemächlichkeit diesen Prinzen zu sehen, von dem man so viel sprach, und andererseits hielt mich die Scham mächtig zurück.
Frau von Parabère errieth meine Gedanken, sie hatte einen Blitz ihres vermittelnden Tacts.
– Sie wollen mich nicht anhören, sagte sie; wir wollen also nicht mehr davon reden. Verweigern Sie diesem armen Prinzen doch nicht die Genugthuung, Sie haben das Ansehen einer Grisette von Pontneuf, und das Einzige, was die Lakaien denken werden, ist, daß er eine von meinen Mädchen entführt hat.
Der Regent fing an zu lachen; ich lachte auch ein wenig; dieses Lachen zog uns Beide aus der Verlegenheit.
Ich hatte mein Kostüm vergessen, und der Herzog von Orleans hatte so viel guten Geschmack, es nicht zu bemerken; ich erröthete bei diesem Gedanken. Aber zu gleicher Zeit eröffnete mir die Marquise einen Ausweg, den ich zu benutzen beabsichtigte, so wenig man mir auch helfen möchte. Zuerst nahm ich den Vorschlag der Begleitung an; es war ein erster Schritt, aber keine Verbindlichkeit, es stand mir immer frei, nicht weiter zu gehen. Die große Thorheit! Die große Inconsequenz! Ich weiß es wohl, aber zu dieser Zeit kann sich Niemand einen Begriff machen, wie unser Gehirn unter der Regentschaft beschaffen war, und von den Lockungen, welche die ganze Atmosphäre erfüllten, und welchen selbst die Klügsten nicht widerstanden.
