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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 21
Achtes Kapitel
Der Wagen des Herzogs von Orleans wartete; es war ein einfacher Wagen ohne Wappen, worin er gewöhnlich bei seinen verliebten Ausflügen fuhr. Er war allein darin; Dies begegnete ihm oft, denn er machte sich gern von seiner Umgebung frei. Ich hatte auch keine Begleitung, denn es war verabredet, daß Frau von Parabère mich nach Hause schicken sollte. In eine Kapuze eingehüllt, in meinem kurzen indianischen Rock und meinem Mäntelchen von schwarzem Taffet glich ich in der That viel mehr einem Kammermädchen, als einer Marquise.
Der Prinz reichte mir die Hand und ließ mich zuerst einsteigen. Ich war so verwirrt, daß ich die Befehle nicht hörte, die er gab. Wir waren nahe beim Palais-Royal und weit von meiner Wohnung; ich konnte leicht bemerken, wohin er mich führte, aber ich gestehe, ich dachte nicht daran.
Der Regent sagte kein Wort zu mir. Um das Schweigen zu brechen, welches ich behauptete, machte er einige Bemerkungen über das Wetter und die Wärme, worauf ich nicht antwortete.
– Wohin befehlen Sie, daß ich Sie führe, Madame? sagte er.
– Zu meiner Wohnung, antwortete ich mit bewegter und unentschlossener Stimme.
– Das ist sehr entschieden! Sie verweigern mir die geringe Herablassung, um die ich Sie gebeten habe?
– Mein Gott, gnädigster Herr, was liegt Ihnen daran? Ich bin eine Fremde für Sie, ich habe nicht die Ehre der genauen Bekanntschaft Eurer königlichen Hoheit, es ist das dritte Mal, daß wir uns treffen; ich bin nur eine Frau aus der Provinz; sehr unwissend und sehr unbekannt mit den Gewohnheiten des Hofes, so daß ich Sie langweilen würde.
– Meinen Sie das, Madame?
– Gewiß, gnädigster Herr, meine ich das.
– Sie wissen nicht, welche Langeweile ich empfinde, ich sehe es wohl, oder vielmehr, es ist nicht Langeweile, sondern Traurigkeit.
– Sie traurig, gnädigster Herr?
– Ja, Madame, ich bin traurig, tief traurig in der Mitte der Orgien, der Vergnügungen, der leichten Liebesverhältnisse; ich bin traurig, ohne Freunde, ohne Vertrauen um mich her. Ich habe Augenblicke schrecklicher Entmuthigung, und dies ist einer der stärksten, den ich seit langer Zeit erfahren habe. Ich weiß nicht, warum ich Sie damit Plage; verzeihen Sie mir und gestatten Sie mir, meinem Lakai Ihre Adresse mitzutheilen.
Ich hatte große Lust zu diesen tête-à-tête und zu diesen vertraulichen Mittheilungen, aber ich wollte dazu gezwungen sein, und die Leichtigkeit, womit er darauf verzichtete, verletzte meine Eigenliebe, indem sie mir zeigte, wie wenig ihm daran gelegen war. Ich fühlte mich sehr verlegen.
– Gnädigster Herr, sagte ich furchtsam..'
– Madame —
– Ich bin wahrhaft betrübt über den Kummer Eurer Königlichen Hoheit, ich möchte —
– Mich trösten! aber Sie fühlen nicht den Muth dazu. Ich kenne diese Worte, ich habe sie schon oft genug gehört! Meine Geliebten und meine Königinnen verlassen mich, wenn ich in meiner schwarzen Laune bin, bis auf meine Tochter, die sie mir vorwirft. Wenn man am Hofe die Leute nicht amüsirt oder wenn man ihnen nichts giebt, ist man zu nichts weiter gut, als in einen Winkel zu gehen und seiner Traurigkeit nachzuhängen.
Ich wurde von diesen Klagen gerührt; man muß bedenken, daß ich zwanzig Jahr alt war, ein noch völlig ländliches Herz hatte und daß die Jugend ihre Rechte nicht verleugnet. Ich war in einer herrlichen Begeisterung.
– Ich, gnädigster Herr, werde Sie nicht verlassen, ich folge Ihnen.
– Im Ernst?
– In vollem Ernst. Ich würde mir Vorwürfe machen, Sie in dem Zustande zu lassen, worin Sie sich befinden.
– Sie haben Recht. Ich würde allein bleiben, denn Dubois selber würde in dem Zustande, worin ich bin, nicht allein arbeiten wollen, er nennt dies meine Tage der Verfinsterung und behauptet, daß ich nichts verstehe.
Er stand auf, rief seinen Leuten durch den Wagenschlag etwas zu und mein Loos war entschieden.
Indessen fuhren wir noch immer weiter und mußten nach meiner Berechnung angekommen sein. Ich machte gegen den Prinzen eine Bemerkung darüber.
– Wir gehen nicht in das Palais-Royal, versetzte er.
– Und wohin denn, gnädigster Herr?
– Zu einer kleinen Wohnung, die ich neben der Abtei Longchamfts besitze, wohin ich mich zuweilen flüchte und die nur Wenige kennen. Ihre Handlung der Menschenliebe darf Ihnen nicht schaden und man muß Sie im Palais-Royal nicht sehen. Es ist ein übel berüchtigter Ort, wo eine Person wie Sie nicht dem Gelächter und den Bemerkungen der Müßigen und Boshaften ausgesetzt sein darf.
Ich dankte Seiner Hoheit, wie es meine Pflicht war. Es war von seiner Seite ein Zeichen der Achtung und ich verdiente es trotz meiner Unbesonnenheit. Was waren Unbesonnenheiten zu jener Zeit! Man hätte heilig gesprochen werden können, wenn man nichts Schwereres auf dem Gewissen gehabt hätte.
Von diesem Augenblick an wurde die Unterredung vertraut und ohne Anmaßung fortgeführt. Der Prinz befragte mich über meine Familie, über meine Pläne, über meine Wünsche, über Herrn Du-Deffand und seine Fähigkeiten. Ich antwortete ihm nicht wie dem Regenten von Frankreich, sondern wie einem Freunde, und er benahm sich auf eine Weise gegen mich, wogegen die strengste Tugend 'nichts hätte einwenden können. Ich machte eine unwillkürliche Anspielung auf den schmeichelhaften Respect, den er mir bezeigte.
– Sie haben weder den verstorbenen König, noch Monsieur, meinen Vater, gekannt, sonst würden Sie sich weniger über mein Benehmen wundern. Nie bezeigten Männer den Frauen einen tieferen Respect und eine vollkommenere Rücksicht. Ludwig der Vierzehnte grüßte selbst die Gärtnerinnen im Parke zu Marseilles, und zwar vor dem ganzen Hofe, welchen er nöthigte, auch dasselbe zu thun. Man hat mich von meiner Kindheit an belehrt, daß die erste Eigenschaft eines Cavaliers gerade dieser Respect und diese Rücksicht gegen Ihr Geschlecht sei. So viel ich weiß, ist keine Dame von Stande anders von mir behandelt worden, als ich es heute thue, es sei denn, daß sie mir die Erlaubniß dazu gegeben.
Diese Erklärung verbannte jeden Verdacht und jede Befürchtung; ich fühlte mich vollkommen unbefangen und bezaubert von der Wahl, die ich trotz der Stimme der Klugheit getroffen. Der Prinz erschien mir als ein Tugendheld, den man entsetzlich verleumdet.
Die Zeit verging schnell aus dem Wege und wir kamen an. Man hielt vor dem Gitterthor eines Gartens an, wo geklingelt wurde. Der Wagen fuhr ein; ein Mann und eine Frau traten vor den Wagenschlag und grüßten sehr unterwürfig,
– Ist hier etwas zu essen? fragte der Regent in herablassendem Tone.
– Ein Abendessen ist völlig bereit, gnädigster Herr; wir sind nie unvorbereitet.
Wir stiegen aus; ich behielt meine Kaputze auf, der Wagen und die Leute verschwanden unter einem Gewölbe. Es blieben nur der Mann und die Frau zurück, von welchen ich gesprochen habe. Der Herzog von Orleans reichte mir die Hand.
– Kommen Sie, Madame, und verzeihen Sie die Art, wie Sie empfangen werden, man erwartete uns nicht.
– Wir warten immer, gnädigster Herr, entgegnete der Castellan ein wenig pikirt.
– Dann ist es nicht nöthig, um Nachsicht zu bitten, es ist weder im Palais-Royal, noch bei den reichsten Traiteurs ein Koch, der so geschickt ist, wie Du, meine gute Nanette.
– Und nicht alle Welt ißt aus meiner Küche, gnädigster Herr; Sie führen nicht Ihre Puppen und schamlosen Frauenzimmer hierher, Sie wissen wohl, daß ich dergleichen nicht will, obgleich Sie diesen Abend —
Ein Blick auf mein phantastisches Kostüm und meine Zwickelstrümpfe vollendete den Satz.
– Niemals. Nanette, Hast Du eine größere und ehrenvollere Dame bedient; sei darum ruhig.
– Vortrefflich! Uebrigens sah ich es wohl.
Diese Nanette war die Milchschwester des Prinzen, welcher er dieses kleine reizende Haus nebst guten Renten gegeben, unter der Verpflichtung, ihn immer zu empfangen, wenn er kommen würde. Nanette sprach so offen mit ihm, wie der alte Kammerdiener im Palais-Royal. Sie hatte das Amt mit der Klausel übernommen und noch eine nach ihrer Art hinzugefügt. Sie wollte durchaus nichts von Puppen und schamlosen Frauenzimmern wissen, nichts von Orgien und Gelagen, nur ein stilles Abendessen sollte hier stattfinden, wobei niemals mehr als zwei oder drei Personen zugegen sein sollten; auch nahm sie sich heraus, dieselben wählen zu wollen.
Die Diener und der ganze Troß aus dem Palais-Royal, wie Nanette sich ausdrückte, waren aus diesem Hause verbannt. Man schickte sie zu einer ausdrücklich zu diesem Zwecke errichteten Bedientenherberge. Nanette und ihr Mann servirten allein bei der Tafel.
Sie liebte den Prinzen mit sehr lebhafter, aufrichtiger und uneigennütziger Zärtlichkeit. Sie verbarg ihm nichts, und wenn er die Wahrheit hinsichtlich der öffentlichen Meinung oder über einen Act seiner Regierung wissen wollte, wendete er sich an sie.
Als eine streng rechtschaffene Frau hielt sie ihm Strafpredigten über seine Sitten und besonders über die Aufführung der Herzogin von Berry, worüber sie nicht schweigen konnte.
– Wenn ich eine Tochter von der Art hätte, sagte sie, so würde ich sie einsperren lassen, und wäre sie zehnmal Prinzessin; sie verdient es noch um so mehr, denn sie ist ihrem Hofe ein gutes Beispiel schuldig.
Der Regent ließ den Kopf sinken, ohne zu antworten, so sehr fühlte er die Richtigkeit ihrer Vorstellungen.
Nanette tadelte selbst Madame, denn sie sagte, sie hätte Ordnung in ihre Familie bringen müssen.
– Ach! wenn meine Mutter noch lebte, glauben Sie, Madame, daß sie dies Alles geduldet und Philipp nicht gehörig den Kopf zurecht gesetzt hätte? Man kann ihm wohl einige Geliebten nachsehen, weil er eine Frau hat, die einem Kanape gleicht und die nur der Kissen bedarf, um sich auszustrecken und einzuschlafen; übrigens ohne Herabsetzung des verstorbenen Königs, unseres Herrn, zu sprechen, war sie vielleicht wohl gebildet, um seine Tochter zu sein, das will ich nicht sagen, aber seine Mutter, o nein! Und wenn ich Monsieur gewesen wäre, wenn ich Sie, wenn ich Philipp gewesen wäre, hätte ich mir nimmermehr diese Beleidigung gefallen lassen. Wenn er sie ein wenig täuscht, thut er nicht unrecht. Nur nichts von diesen Wüstlingen und schamlosen Weibern. Kann er sich denn nicht anders amüsiren?
Frau von Parabère, Frau von Sabran, keine von den eigentlichen Geliebten des Prinzen, noch die Herzogin von Berry hatten einen Fuß in dieses Retiro, so hieß dieses Haus, gesetzt. Der Prinz kam am häufigsten mit ernsten Männern hierher, zuweilen führte er seltene Ausnahmen hierher, die er auszeichnen wollte. Niemals verletzte er das Versprechen, welches er Nanette gegeben hatte. Der Cardinal Dubois ganz besonders war davon ausgeschlossen. Er war der besondere Gegenstand des Hasses der guten Frau; sie beschuldigte ihn, den Prinzen zu Grunde gerichtet und ihm die Thüre vor der Nase geschlossen zu haben.
Ich wurde durch mehrere Zimmer von hoher Eleganz, wenn auch von großer Einfachheit, in einen köstlichen Speisesaal geführt, der mit duftenden Blumen und reizenden Vögeln angefüllt war, die, von dem hellen Lichte getäuscht, wie am hellen Tage sangen.
Es war mir zum Ersticken, und ich warf Kapuze und Mantel ab. Nanette erwartete diesen Augenblick, um mich anzusehen. Ein Ausdruck der Traurigkeit verbreitete sich über ihr Gesicht.
– Ach! sagte sie, Sie sind sehr jung, mein liebes Kind, Es ist Zeit, auf dem Wege anzuhalten – gehen Sie nicht weiter.
Der Herzog von Orleans fing an zu lachen, doch war es vielleicht ein etwas erzwungenes Lachen.
– Es ist nicht so, wie Du denkst, Nanette. Madame ist eine Freundin, nicht mehr.
– Um so mehr Ursache, auf dem Wege anzuhalten. Als wenn ich nicht wüßte, wohin solche Freundschaften führen? Sehen Sie, wohin Sie gekommen sind, Philipp, da Ihre wahren Freunde Sie im Verborgenen besuchen müssen, indem Sie sich der üblen Nachrede aussetzen, um sich anderswo nicht noch mehr derselben auszusetzen. Ich wette, daß diese wackere Dame nicht in's Palais-Royal geht?
Ich antwortete nicht, ich wollte es dem Regenten überlassen, nach seinem eigenen Gefallen zu antworten. Nach zwei oder drei ziemlich zweideutigen Aussprüchen entließ er Nanette und befahl ihr, das Abendessen aufzutragen.
Als wir allein waren, entschuldigte er von Neuem gegen mich die Freiheiten dieser guten Frau und die Art, wie sie auch mit mir spreche.
– Aber was wollen Sie sagen? Es ist eine alte Freundin, und die Freunde sind so selten in unserer Lage, daß wir nicht recht wissen, wie wir sie bewahren sollen.
Ich war weit entfernt, irgend etwas übel zu nehmen, und ich hätte diesem guten Prinzen, für den ich mich jeden Augenblick mehr interessirte, viel Freunde wie diese gewünscht.
Neuntes Kapitel
Das Abendessen wurde wie durch einen Zauber servirt, und es war eine von jenen bewundernswürdigen Mahlzeiten, die unter dem Zauberstabe einer Fee hervorgegangen zu sein scheinen. Es war nicht der Luxus und die Pracht eines Palastes, es war mehr. Da war Krystall und Porzellan ohne Gleichen, wovon die Formen zerbrochen und den Künstlern verboten war, Copien abzugeben. Da war keine Vergoldung und das Silbergeschirr einfach, aber von wunderbar gutem Geschmack.
Die Gerichte waren nicht zahlreich, man servirte deren nur vier. Ich berührte die Speisen nur mit den Lippen, denn ich hatte keinen Hunger. Der Regent aß mit ziemlich gutem Appetit und seine Beschäftigung war sichtbar. Nanette verfehlte nicht, es ihm zu sagen.
– Es fehlt Ihnen etwas, Philipp, Sie leiden.
– Nanette, entgegnete er lächelnd, ich habe meine Launen und meine Stunden der Traurigkeit.
– Ah! ich weiß es. Ei! Madame ist eine wahre Freundin, da Sie sie an einem solchen Tage hierher führen.
Sie plauderte während der ganzen Mahlzeit mit uns. Als Alles zu Ende war und man das Obst aufgestellt, zog sich Nanette zurück und wir blieben allein.
– Nun, sagte der Prinz ein wenig gestärkt durch die guten Speisen und den vortrefflichen Wein, den er getrunken hatte, Sie sehen, Madame, ein Abendessen mit diesem so unternehmenden und so ausschweifenden Regenten ist nicht gerade schrecklich. Sie werden hinausgehen, wie Sie gekommen sind, und ohne ein einziges Wort oder Geberde, die Sie hätten beleidigen können.
– Das ist wahr, gnädigster Herr.
– Lassen Sie die Zeit kommen, Madame, und Sie werden sehen, ob meine Vorhersagung nicht erfüllt werden wird. Ich habe Sie beobachtet, ich habe Sie angehört, und ich verstehe mich auf die Menschen. Unsere Gattung hat kein Geheimniß für mich; wenn man mich täuscht, so geschieht es, wenn ich getäuscht sein will, das heißt, ich lasse mich aus Trägheit und Langeweile täuschen.
– Wie haben Sie Zeit, sich zu langweilen, gnädigster Herr?
– Es ist, als wenn Sie einen Kranken fragten: Wie haben Sie Zeit, zu leiden?
– Indessen —
– Indessen habe ich alle Beschäftigungen der Königswürde, alle Vergnügungen, die ich wünsche, nicht wahr?
– Ohne Zweifel.
– Nun, Madame, ich nehme die Vergnügungen, um die Beschäftigungen der Königswürde zu vergessen, und die Beschäftigungen der Königswürde, um mich von den Vergnügungen zu erholen: Dies Alles tödtet mich.
Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und verweilte so einige Secunden.
– Ja, ich würde von ganzem Herzen Alles darum geben, was ich besitze, um mit meinen Kindern, als Kinder, wie ich sie wünsche, mit einer geliebten Frau und einigen Freunden auf einem abgelegenen Landsitze fern vom Geräusch und Glanz zu wohnen. Ich wollte redlich und ruhig in meiner Familie, in Frieden mit Gott, mit meinem Pfarrer und meinen Nachbarn leben, ohne zu wissen, daß es auf der Welt Könige und Minister, Ehrgeiz und ehrgeizige Menschen, Streit und Kriege giebt. Das ist das wahre Paradies, wovon ich träume, und welches ich verurtheilt bin niemals kennen zu lernen.
– Man ahnt dies nicht, gnädigster Herr.
– Nein, man ahnt dies nicht, Niemand weiß, was ich bin, nicht einmal die, welche mir am nächsten stehen, denn sie würden meiner spotten, wenn sie errathen könnten, was ich denke. Ein Einziger hat das Bewußtsein davon im tiefsten Herzen, und er verachtet mich wegen dessen, was er Niedrigkeit des Geistes nennt, das ist Dubois. Darum weiß er mich so gut zu führen und Alles bei mir zu benutzen.
Ich hörte diesen armen Prinzen an und beklagte ihn sehr. Er hatte etwas vollkommen Gutes und wirklich Anziehendes an sich, obgleich er keineswegs schön war. Seine Klagen rührten mich und ich versuchte sie zu mildern; er hörte mich an, indem er mit zweifelhafter Miene den Kopf schüttelte.
– Es ist noch nicht Alles. Ich würde vielleicht ein Mittel für meine Langeweile finden können, wenn ich mich ernstlich mit den Geschäften befaßte, wenn ich nicht zu gleicher Zeit an meinen Ruhm und an den meines Vaterlandes denke; aber ich bedarf der Freunde, Madame, ich bedarf der aufrichtigen Zuneigung, ich habe das Bedürfniß eines Herzens, welches mir wahrhaft angehört, und es sind nicht meine Theilnehmer des Vergnügens, es sind nicht meine falschen Geliebten, die meine Thränen trocknen werden, da ich sie nicht mehr verhindern kann, zu fließen.
Wenn die gute Aissé an meiner Stelle gewesen wäre und nicht ihren Chevalier geliebt hätte, würde sie eine mitleidige Neigung für diesen armen Regenten gefaßt haben, welcher mehrmals nach einander in erschüttertem Tone wiederholte:
– Niemand liebt mich! Niemand liebt mich!
Ich war freilich geneigt, von diesem unerwarteten Unglück ein wenig gerührt zu werden und zu versuchen, es in Freude zu verwandeln; aber ein tiefes Gefühl ist niemals meine Sache gewesen. Fortgerissen von der Empfindsamkeit meines Alters, wo die Nerven so leicht erschüttert werden, faßte ich Mitleid und konnte nicht umhin, es zu zeigen. Der Regent war kein Mann, der meine Eindrücke verkennen konnte. Er täuschte sich darin, wie ich mich selber täuschte, und einige Stunden lang glaubte er das Gegenmittel gegen seinen Schmerz gefunden zu haben, so wie ich sehr aufrichtig glaubte, aus meine r Erinnerung die Hindernisse meiner Vergangenheit und die Chimären meiner Zukunft verbannt zu haben.
Ich muß gestehen, ich war sehr glücklich darüber, und der Prinz war es noch mehr, als ich. Er fühlte lebhafter und suchte seit langer Zeit jene Gottheit seines Lebens, um sie zu verehren.
Ich werde Ihnen nicht erzählen, was vorging und was wir in diesen Augenblicken der Täuschung zu einander sagten. Er wurde, um mir zu gefallen, ein Held, der Unsterblichkeit würdig, er verbesserte Alles, er befreite uns von den Mißbräuchen, er verbannte seine bösen Rathgeber und bildete eine wunderbare Rathsversammlung. Ich hörte ihm zu, ich billigte seine Gedanken, ich vervollständigte sie noch. Der Tag drang schon lange durch die Falten der Vorhänge und verdunkelte den Glanz der Lampen, doch dachten wir nicht daran. Nanette kam, um uns daran zu erinnern.
– Sie müssen abfahren, gnädigster Herr, sagte sie; dies ist der Augenblick Ihres Schlummers, und Ihre Leute müssen kommen, Sie in Ihrem Bette zu wecken.
– Ach! es ist wahr, Nanette, Du weißt nicht, von was Du uns entreißest.
– Gnädigster Herr, ich denke an Ihre Gesundheit. Madame kann den ganzen Tag schlafen, wenn es ihr gut dünkt; aber Sie! Es muß Alles bei Ihrer Gewohnheit bleiben, und ich will nicht, daß man Sie vollends tödte. mein armer Philipp; ich will wenigstens nicht dazu helfen.
Was mich betrifft, ich war in diesem Augenblicke ganz bestürzt; er schien mir aus einem Traume zu kommen, und ich dachte daran, welche Folge derselbe haben werde, als der Herzog von Orleans meine Hand faßte und mich, als Nanette sich entfernt hatte, in leidenschaftlichem Tone fragte:
– Wohin soll man Sie führen, mein Engel?
Was sollte ich antworten? Wohin sollte ich gehen? Es schien mir, als dürfe ich das Haus meines Gatten und meiner Cousine nach dieser unsinnigen Nacht nicht mehr betreten. Larnages Gespenst erhob sich vor mir und warf mir nach einander die Gelübde hin, die an dem Morgen in einem bezauberten Walde ausgesprochen worden. Ich hatte einen Augenblick der Unbesonnenheit und Thorheit, ich glaubte, daß ich den Kopf verlieren würde, und ich fand kein Wort zu antworten, denn dieses Wort wäre vielleicht eine Härte gewesen.
– Ich frage Sie, schöne Marquise, schöner tröstender Engel, wo Sie von jetzt an wohnen wollen? begann er wieder.
– Bei mir, gnädigster Herr, bei mir.
– Bei Ihnen freilich; doch wo wird dieses bei Ihnen sein? Wählen Sie, Frankreich ist groß und steht ganz zu Ihrer Verfügung.
Ich fühlte mich verletzt und zog meine Hand zurück, die er noch in der seinigen hielt.
– Sie nehmen es mir übel; Sie verstehen mich nicht. Da Sie es von jetzt an sind, die mein Leben erhält, da Sie es sind, die mich groß, stark und unverletzlich macht für alle Laster wie für jedes Unglück, so dürfen Sie mich nicht verlassen. Ich muß Sie jeden Augenblick sehen, ich muß Sie um Rath fragen, ich muß bei Ihnen den Muth finden, dessen ich bedarf, und wenn Sie sich entfernen, so ist der Teufel sehr boshaft und mächtig; die Gewohnheit ist alt, und sie wird im Geleite des Schmerzes und der Schmach zurückkehren,
– Indessen, gnädigster Herr, kann ich nicht – Und er hatte, gleich mir, mit dem Tage seinen Traum entfliehen sehen, und er verstand mich.
– Ah! Sie bereuen! ah! Sie lieben mich nicht! rief er in erschüttertem Tone. Ich hätte es wissen, ich hätte mich nicht auf ihr jugendliches Alter und auf ihr leichtes Herz verlassen sollen; ich bin zu unglücklich, und bestimmt, es immer zu sein.
Ich war wieder zu mir gekommen; es schien mir grausam, ihn noch zu täuschen; indessen versuchte ich es. Ich fand einige sanfte Worte, einige gerührte Blicke wieder. Er machte es wie ich, er versuchte daran zu glauben; wir bemerkten Beide vollkommen, daß unsere Worte und Blicke falsch waren, aber wir hüteten uns, es zu gestehen, das wäre zu schmerzlich gewesen.
– Lassen Sie mich, um dieses Abenteuer zu schließen, zur Frau von Parabère fahren, sagte ich. Ich will mich nicht vor ihr verbergen und werde dort ein Mittel finden. in meine Wohnung zu gelangen, ohne den Argwohn zu erregen, daß ich anderswo gewesen, als bei ihr.
Der Prinz machte keine Bemerkung. Diese Bitte zeigte ihm meine bestimmten Ansichten. Indem ich meinen Fehler verbarg, sollte derselbe doch nicht wiederholt, oder wenigstens nicht regelmäßig wiederholt werden. Unsere herrlichen Pläne scheiterten an meinem Entschlusse. Jetzt, da er sich nicht mehr langweilte, war es ihm vielleicht nicht leid und vielleicht fand er die Rolle Karl VII. bei Agnes Sorel schwer auszuführen.
Nanette ließ die Leute zurückkommen, und ich fuhr, noch immer in meine Kapuze gehüllt, in dem Wagen ab, der mich dorthin gebracht hatte. Der Regent sah mir aus dem Fenster nach, es war sein letzter guter Gedanke, der mit mir sich entfernte.
Ein anderer Wagen führte ihn weg und er setzte sein gewohntes Leben fort. Vielleicht kommt ihm die Erinnerung an diese Nacht mit Gewissensbissen zurück. Am folgenden Tage schickte er mir durch Nanettens Mann sein Portrait, nicht wie er damals war, sondern im Alter von sechzehn Jahren, in dem Alter aller Verheißungen seiner Schönheit, seines Geistes und seines Herzens. Ich war ihm dankbar für diese Delicatesse. Er hat mir nie etwas Anderes gegeben; freilich würde ich damals auch nichts Anderes angenommen haben.
Als Frau von Parabère mich ankommen sah, sprach sie nur die Worte aus:
– Ich dachte es mir.
Sie war noch im Bette, aber man führte mich zu ihr, denn sie hatte dazu den Befehl zurückgelassen. Sie hörte meine Irrfahrten an, ohne mich zu unterbrechen oder die Augenbraunen zu bewegen.
Ich erwartete, sie sehr überrascht zu sehen.
– Ich kenne das, antwortete sie mir. Es giebt Bestrebungen zum Guten, die Mitleiden erregen, wenn man sieht, wie er wieder zurückfallt. Die, welche diesen Mann verdorben haben, sind außerordentlich strafbar, und ich hoffe, Gott wird den Grasaffen Dubois wegen dieser Schändlichkeit auf ewig zu allen Teufeln schicken.
– Was! Sie haben ihn also auch so gesehen? fragte ich.
– Ich und viele Andere. Das nennt man seine Rückkehr zur Jugend.
Ich muß gestehen, ich wurde dadurch tief gedemüthigt; ich glaubte allein mit diesem Schauspiel begünstigt zu sein. Meine einzige Gunst war das Retiro gewesen. Und auch das ist noch fraglich.
