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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 22

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Zehntes Kapitel

Frau von Parabère gab mir Gelegenheit, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, nach Hause zurückzukehren. Sie ließ mich von einem schwachköpfigen alten Diener, den sie aus Mitleid in ihrem Dienste behielt, und der nur noch als Respectsperson zu gebrauchen war, in meine Wohnung zurückführen.

Meine Cousine sah mich übrigens kaum, mein Leben gefiel ihr nicht, Sie wollte nicht dafür verantwortlich sein und erwartete ungeduldig meinen Gemahl, um ihn zu bitten, mich anderswo einzumiethen.

Ich wußte, daß er nicht so bald zurückkehren werde. Da es mir in diesem Kloster durchaus nicht gefiel, so begann ich damit, Herrn Du-Deffand meinen Entschluß anzukündigen, eine Wohnung für mich zu nehmen.

Meine Freunde hatten ein ganz angenehmes Haus in einem abgelegenen Stadtviertel entdeckt, wo ich keine Nachbarn hatte, denn die Nachbarn sind die Plagen des Lebens. Wenn ich noch sähe, würde ich deshalb nicht hier bleiben. Aber eine Blinde! die sieht alle Welt an, einerlei, wo sie ist. Uebrigens habe ich nichts zu verbergen.

Ich schlief an jenem Tage einige Stunden; ich stand am Abend aus und war kaum angekleidet, als man mir die Gräfin Alexandrine von Tencin anmeldete. Ich habe schon einige Worte von ihr gesagt und will heute ihr Kapitel erschöpfen. Ich sah sie ziemlich oft, ohne sie zu lieben, wie es bei Allen, die sie kannten, der Fall war.

Frau von Tencin, die Schwester der Frau von Fériol, hatte viel von ihrer Schwester in ihrem Charakter, aber ihre Schönheit und ihr Geist waren von anderem Caliber. Die Gräfin Alexandrine behauptete einen hohen Platz in der Welt und herrschte auf seltsame Weise, ohne, wie schon bemerkt, geliebt und beachtet zu werden. Ihre Bosheit, die Wichtigkeit, womit sie ihr eigenes Leben und das ihres Bruders, des Cardinal Erzbischof von Lyon, leitete, ihre Gewandtheit und ihre Intrigue machten, daß man sie überall fürchtete.

Ich meinestheils suchte sie nicht auf. Ich hatte bemerkt, daß sie mich zum Reden zu bringen wünschte, um ihre Barke desto besser durch die Klippen zu lenken. Sie wußte, daß ich im Palais-Royal und in Sceaux bei den beiden Machthabern des Augenblicks sehr gut angeschrieben war; seitdem suchte sie mit mir anzuknüpfen. Ich konnte ihr in einem Augenblicke der Noth zu etwas nützlich sein.

Hatte sie mein Glück entdeckt? Hatte sie gewittert, daß irgend eine Gnade zu erlangen sei? Sie war ganz besonders bezaubernd. Was mich betraf, ich blieb nicht zurück, und ich kann Ihnen versichern, wir zeigten viel Geist.

Da sie mir wieder unter die Feder kommt, verlasse ich sie nicht mehr, und sie ist an der Reihe, mir zu sitzen; es ist eine gute Stelle, denn weniger Menschen Leben ist so stürmisch gewesen, wie das ihrige, das können Sie mir glauben. Ich kenne sie als Original durch ihre Neffen d'Argental und Pont-de-Veyle, die fast seit siebzig Jahren, während welcher wir neben einander ausgedauert, meine Freunde waren und noch sind. Es ist keine Bekanntschaft von einem Tage und man hat Zeit zu plaudern.

Louise Alexandrine von Tencin ist mit den reizendsten Eigenschaften und den abscheulichsten Fehlern geboren, die ein sterbliches Wesen nur haben kann.

Sie war schön, wohlgebildet und von außerordentlichem Geist; sie nahm nach Gefallen alle Masken und Gesichter an; sie hatte immer den Geist desjenigen, mit dem sie sich unterredete, weshalb sie ebenso viel Anhänger wie Zuhörer hatte.

Da sie die jüngste Tochter ihres Hauses war, wurde sie zur Nonne bestimmt und man brachte sie sehr früh in das Kloster Montfleury in der Nähe von Grenoble. Von diesem zarten Alter an hatte sie eine unerschütterliche Entschlossenheit und den festen Willen, sich nicht einsperren zu lassen.

Sie liebte die Welt, sie bedurfte derselben; die Intrigue war schon ihr Leben, und kaum war sie in das Kloster eingetreten, als sie es völlig umkehrte. Die Nonnen empfanden Freundschaft für sie, oder wenigstens die jüngeren, wegen der seltsamen Lehre, die sie ihnen predigte, und wegen der Mittel, die sie beständig anzuwenden wußte, sie zu unterhalten.

Sie ließ von den Pensionärinnen und Postulantinnen Komödie spielen; sie organisirte Gesellschaften, wozu man die ganze Provinz einlud. Der Bischof, der Anfangs ein wenig widersetzlich war, billigte sie endlich, als Alexandrine ihm die Unschuld und die Nothwendigkeit derselben, um den Geist der jungen Nonnen zu beschäftigen, dargethan hatte.

– Dieses Kind, sagte er in seinem Enthusiasmus, wird eine Mutter der Kirche, ein wahres Licht werden, sie weiß Alles.

Sie wußte in der That Alles, ohne jemals viel gelernt zu haben; sie war sehr träge in den Studien und fand nur ihre Thätigkeit wieder, wenn es galt, sich Bewegung zu machen. Dieses Kloster verwandelte sich, sie brachte es zum Leben.

So blieb sie bis zum Alter von sechzehn Jahren. Frau von Tencin besuchte sie nach der Verheirathung ihrer Schwester mit dem Herrn von Fériol, indem sie ihr ankündigte, daß ihre zweite Schwester bald auf dieselbe Weise würde versorgt werden, und daß sie selber sich vorbereiten müsse, in drei Monaten den Schleier zu nehmen,

– Madame, versetzte die Novize, ich habe keine Lust dazu.

– Ei, meine Liebe, Du bist sehr ehrgeizig und Du wirft nirgends eine bessere Lage finden. Du wirft vor dem fünfundzwanzigsten Jahre Aebtissin werden. Welcher Mann würde Dir eine bessere Stellung verschaffen?

– Auch will ich keinen Mann, Madame.

– Was willst Du denn da? Willst Du ledig bleiben?

– Ich will Stiftsfräulein werden, Madame.

– Dein Vater will nicht davon hören, seine Pläne sind gefaßt. Seine beiden jüngsten Kinder sollen der Kirche geweiht sein. Dein Bruder und Du, ihr liebt einander sehr und könnt einander dienen.

Alexandrine hielt sich noch nicht für geschlagen, sie bat und flehte und beschwor ihre Mutter, es half Alles nichts. Sie ging sogar so weit, zu sagen, sie wolle ihr Gelübde am Altar verweigern; ihre Mutter lachte nur darüber und fragte sie, ob sie alle Beschwerden des Klosters ertragen wolle, ohne die Wohlthaten desselben zu ernten?

Dies brachte die künftige Nonne zum Nachdenken, sie verlangte noch zwei Monate zu reiflicherer Ueberlegung; man bewilligte sie ihr, sehr entschlossen, zu äußersten Mitteln zu greifen, wenn ihre Ueberlegung nicht günstig ausfallen sollte.

So jung Alexandrine war, sah sie doch unwillkürlich ein, daß, Zeit gewonnen zu haben, schon viel ist.

Der böse Geist beschützte sie; er führte einen jungen Beichtvater, Namens Fleuret, glaube ich, in die Abtei, der sehr heilig und fromm, aber ebenso einfältig wie heilig war, und das wollte nicht wenig sagen. Fräulein von Tencin hatte ihn in acht Tagen durchschaut und in ihm einen künftigen Beistand entdeckt.

Sie begann damit, ihn für sich zu interessiren, indem sie ihm ihre Leiden und Kämpfe anvertraute und vor seinen Augen eine Maske der Heuchelei annahm, die sie für ihn ebenso fromm und eifrig machte, wie er es selber war. Sie beklagte nur ihr Unglück, ihr Beruf führe sie nicht zum Kloster, sie würde sich nicht an dieses selbstsüchtige Leben gewöhnen können, ihr Herz habe das Bedürfniß, auf der Erde zu lieben, die Liebe zum Himmel könne es nicht ganz erfüllen.

Der gute Priester beklagte sie, bewunderte sie, hielt sie aufrecht in ihren Kämpfen, machte ganz laut bekannt, daß sie gezwungen werde, aber daß sie mit so gutem Herzen bete, daß sie mit so lautem Geschrei um den Beruf stehe, daß Gott nicht taub bleiben und ihr diese letzte Gnade gewähren werde, die unerläßlich zu ihrem Glücke sei, da sie doch ihre Gelübde ablegen müsse.

Die beiden Monate vergingen; Alexandrine protestirte noch immer; sie ging zum Altar und legte ihr Gelübde ab, für eine Andere wäre alles geschehen gewesen, für sie war es nur eine eitle Formalität, und sie hatte ihren Plan.

Sie widersetzte sich in der Art, daß es deutlich wurde, wie sehr man sie gezwungen und wie sehr sie den Stand verabscheue, den man ihr aufgedrungen.

Indessen gab sie das größte Beispiel der Andacht; sie erfüllte ihre Pflichten so, daß sie ihre Gefährtinnen erbaute und laut wegen ihrer guten Aufführung gelobt wurde.

Der Abbé Fleuret erklärte sie für einen Engel, er wußte in der Welt nichts mit ihr zu vergleichen, die berühmtesten Heiligen und Märtyrer kamen ihr nicht gleich.

Ohne es zu bemerken, ohne die Absicht zu haben, ohne es sich träumen zu lassen, kam er dahin, sich nur mit ihr zu beschäftigen. Er hörte fast täglich ihre Beichte und empfing das Geständniß ihres erschreckten Gewissens. Sie beschuldigte sich so leichter Unvollkommenheiten, daß er sie selbst wegen ihrer Delicatesse tadelte. Alles erschreckte sie, Alles flößte ihr Mißtrauen ein.

Nach und nach wurde sie traurig, sie fing an zu fasten und ihren Körper zu kasteien; zugleich wurde ihre Beichte seltener, was die Nonnen sehr in Erstaunen setzte. Jedesmal, wenn sie sich den Sacramenten näherte, geschah es mit Furcht, sie hörte sogar auf zu communiciren, und als man sie über den Grund befragte, antwortete sie:

– Ich bin nicht würdig, den Besuch des Erlösers zu empfangen.

Die Erfahrensten erklärten, daß sie ohne Zweifel große Kämpfe zu erdulden habe, daß sie den Verlust des Umganges mit der Welt bedauere, und daß man ihre Bedenklichkeiten nicht mit Gewalt zu beseitigen suchen dürfe.

Was den Abbé Fleuret betraf, der sie fast nicht mehr sah, dessen Leben war entfärbt und er starb fast vor Sehnsucht, den Grund von dem Allen zu erfahren.

Er suchte sie eines Morgens auf, als sie in einer der heiligen Jungfrau geweihten und am Ende des Parks belegenen Kapelle betete. Als sie ihn erblickte, erbebte sie und ließ den Kopf sinken.

– Meine Schwester, sagte er zu ihr, ich will Sie nicht stören; aber ich bin gewiß, Sie bedürfen meiner und ich bin gekommen.

Nach augenblicklichem Bedenken stand sie auf und gab ihm die Versicherung, daß sie sich völlig wohl befinde und daß sie keines Menschen bedürfe, wohl aber des Schutzes Gottes und der Gebete der ganzen Welt.

– Ich bin unvollkommen, fügte sie hinzu, Sie wissen es besser, als irgend sonst. Jemand, mein Vater, und gegenwärtig befinde ich mich in einer Zeit der Dürre, wo ich mich den Sacramenten nicht nähern kann, wo die Betrachtung mir sogar gewissermaßen unmöglich ist, ich muß also schweigen und mich demüthigen.

– Sie müssen sich ohne Zweifel demüthigen, aber Sie dürfen nicht schweigen, im Gegentheil müssen Sie reden, mit mir, Ihrem geistlichen Lehrer, mit mir, der ich den Befehl habe, Sie in den Hafen des Heils zu führen. Sie leiden, irgend ein böser Gedanke bemächtigt sich Ihrer, Sie fliehen Ihren Gott, während Sie sich in seine Arme werfen sollten, ich bringe Ihnen sein Wort, ich bringe Ihnen Muth. Gestehen Sie Alles und hören Sie mich an.

Alexandrine ließ sich lange bitten, sie begann, dann hielt sie inne, darauf begann sie wieder von Neuem und dann hielt sie nochmals inne.

– Ich werde es nimmermehr können!. rief sie endlich.

– Sie müssen den Willen haben, versetzte der arme Mann, von seinem Eifer und einem unbekannten Gefühl angetrieben, welches sein Herz ohne sein Wissen erfüllte, es handelt sich nur darum, zu wollen.

– Ich kann es nicht, ich will nicht mit Ihnen davon reden, mein Vater; aber dies muß ein Ende nehmen, ich würde daran sterben und zwar schuldig sterben, ich werde Ihnen schreiben.

– Bald?

– Noch diesen Abend, das verspreche ich Ihnen; jetzt lassen Sie mich, ich beschwöre Sie, gestatten Sie mir, mich zu sammeln.

Der wackere Mann gehorchte; er hatte viel erlangt und war glücklich.

Alexandrine zeigte sich an dem Abende nicht, sie blieb in ihrer Zelle oder in der Kapelle, wozu sie die Erlaubnis, hatte. Diejenigen von den Nonnen, welche sie bemerkten, erschraken über ihre Blässe und fügten hinzu, sie wäre gewiß krank.

Die Priorin stieg zu ihr hinauf, um sich zu überzeugen. Sie fand sie schreibend, und als sie diesen Brief zu sehen verlangte, wozu sie das Recht hatte, antwortete diese:

– Ich schreibe an meinen Beichtvater.

Bei diesem Worte mußte jede Nachforschung eingestellt werden, der Brief wurde beendet, dieser Brief, wovon ich die Abschrift habe, und den ich hier mittheilen will. Man wird daraus die Gräfin Alexandrine kennen lernen, besonders wenn ich die wenigen Zeilen am Ende hinzufüge, die an ihren Neffen Pont-de-Veyle gerichtet sind, der sie um diese Abschrift gebeten hatte.

Frau von Tencin leugnete diese Schlechtigkeiten nicht, da es ihr nicht schaden konnte; sie machte einen ziemlich guten Handel mit sich selber in dieser Art und gab sich nicht die Mühe, sich zu verstellen. Sie gab sehr wenig auf die öffentliche Meinung; der einzige Ruf, den sie vermeiden wollte, war der der Ungeschicklichkeit. Außerdem erlaubte sie, daß man Alles an ihr herabsetzte, nur nicht ihren Geist.

Dies also ist der Brief:

»Sie wollen wissen, was mich bewegt und mich quält, mein ehrwürdiger Vater, und es ist meine Pflicht, es Ihnen zu sagen, ich bin Ihnen ein schmerzliches und grausames Geständniß schuldig, ein Geständniß, welches mich tödtet, und welches ich Ihnen dennoch unmöglich länger verbergen kann. Ohne Sie, ohne den Schutz des Himmels habe ich nichts weiter zu thun, als zu sterben, denn ich bin unwürdig zu leben. Gott und Sie, das ist meine Hoffnung. Ach! ich bin eine große Sünderin, ich bin eine, elende Kreatur, ich weiß nicht, wie ich Ihnen entdecken soll, was ich auf dem Herzen habe, noch auch, welches strafbare Gefühl wider meinen Willen und allen meinen Anstrengungen zum Trotz mein Leben beherrscht.

»Ich habe alle Mittel, mich zu heilen, angewendet, außer einem einzigen, und es ist das, welches ich von Ihnen verlange, und welches Sie für mich erlangen können. Es ist ein äußerstes Mittel, es ist der Höhenpunkt meiner Wünsche, und Sie werden es mir nicht abschlagen.

»Ich bin nicht für das religiöse Leben geschaffen, mein Vater, jeder weiß es, Sie haben häufig das Geständniß meiner Kämpfe und Schmerzen gehört und wissen, was ich erduldet habe, seitdem der Wille meiner Eltern mich zum Kloster verurtheilt hat. Ich habe gebeten und gesteht, ich habe meine Mutter auf den Knieen beschworen.

»Man hat es gewollt, ich habe gehorcht, ich habe meine Gelübde ausgesprochen. Seitdem hat sich ein unaufhörlicher Gedanke meines Gehirns bemächtigt und eine einzige Neigung beherrscht mein Herz. Meine Eltern haben mich aus dem Hause vertrieben, um mich in die Arme Gottes zu werfen. Ich liebe meine Eltern nicht mehr und ich liebe auch Gott nicht.

»Ich liebe einen Mann und diesen Mann darf ich nicht lieben; dieser Mann ist nicht frei, denn wir gehören beide dem Kloster an, und indem ich ihn liebe, begehe ich ein Verbrechen.

»Ich weine vergebens, ich leide, ich sterbe. Diese Liebe ist stärker, als meine Kräfte, stärker, als mein Wille. Sie zieht mich nicht nur zu meinem Untergange, sondern auch zu meinem Unglücke hin, denn dieser Mann liebt mich nicht und wird mich niemals lieben; dieser Mann ist ein Heiliger, von den Pflichten seines hohen Amtes durchdrungen, und sein frommer Blick hat sich nie vom Himmel auf die Erde niedergesenkt.

»Sie wollen diese schreckliche Wahrheit wissen, hier ist sie, mein Vater, hier ist sie, wie Gott sie sieht. Die Gefahr ist schrecklich und dieser Gefahr können Sie mich entziehen, Sie können es, wenn Sie an meine Leiden und an die Folgen derselben denken wollen.

»Ich muß dieses Kloster verlassen, ich muß es, bei der Gefahr, in diesem Leben unglücklich und in dem künftigen Leben verdammt zu sein. Wenn Sie den Eifer für das Haus des Herrn besitzen, werden Sie mich meinen Qualen entziehen und mich dorthin versetzen, wo ich leben sollte, Sie werden mich von der Schande und dem Elend, die meiner warten, befreien.

»Ich habe Vertrauen zu Ihnen, mein Vater; ich öffne Ihnen meine Seele, da ich weiß, daß Ihre Güte so groß ist, wie Ihre Tugend; ich sage Ihnen, was Sie allein auf der Welt nicht wissen sollten, weil sie aus diesem Geständnis) den nothwendigen Willen zu meiner Rettung schöpfen werden.

»Ich warte und dulde; wenn Sie zögern, werde ich nicht mehr kämpfen können, ich werde unterliegen und ich werde nicht allein unterliegen. Der Unschuldige wird zu der Schuldigen kommen, meine Stimme, von meinen Thränen gemildert, wird ihn zu mir hinziehen; mein Herz, von meinen Krämpfen und meiner Verzweiflung gebrochen, glauben Sie, mein Vater, daß es dem widerstehen wird? Ich bin achtzehn Jahre alt und ich bin schön; er weiß es noch nicht, aber er wird es erfahren, er wird es sehen, wenn ich ihm sagen werde, daß ich ihn liebe!

»Der böse Geist regiert mich, er ist es, der meine Feder führt, er treibt mich zu diesem Abgrunde hin, in den ich unfehlbar fallen werde, wenn Ihre rettende Hand sich nicht gegen mich ausstreckt. Haben Sie Mitleid mit meinem Schmerze und meinen Befürchtungen, retten Sie mich, retten Sie mich, und Gott wird es Ihnen vergelten!

»Ich verlange nicht wieder in die Welt einzutreten, ein Ordensstift wird sich öffnen, mich aufzunehmen: aber wenigstens werde ich nicht mehr zu diesem Schweigen, zu diesen Mauern, zu diesem lebendigen Grabe verurtheilt sein; aber wenigstens wird sich mir das Leben aus der Ferne zeigen, ich werde das Echo desselben hören, wenn ich mich auch nicht in den Strudel werfen kann, der mich entzückt und berauscht, und dann werde ich vielleicht vergessen.«

Unter diesen Worten stand von der Hand der Stiftsdame geschrieben:

»Sie begreifen wohl, mein liebes Kind, daß ich kein Wort davon wirklich meinte, wenigstens nicht für ihn, und daß, wenn ich Lust hatte. wieder in die Welt einzutreten, ein armer Priester, ein elender Abbé, wie dieser, mir höchstens als Werkzeug dienen konnte.«

Diese Gräfin Alexandrine war ein elendes Geschöpf, welches mir immer einen entsetzlichen Widerwillen eingeflößt hat. Ich bin gewiß keine Frömmlerin und würde es in meiner Umgebung nicht sein können. Man gestattet nicht, daß ein Priester sich mir nähere, selbst in dem Kloster, welches ich bewohne, anders als zu der gewöhnlichsten Unterhaltung.

Zuweilen habe ich Lust, mich ihren Spöttereien zu entziehen und in den Schooß dieser Religion zurückzukehren, in welcher ich geboren bin und welcher meine Mutter und meine Tante mit so vieler Andacht gedient haben. Ich will nicht als Heidin sterben; der Tod wird nur durch diese göttliche Hand entwaffnet, welche die Hoffnung trägt und uns sanft von den Gütern dieses Lebens losmacht. Ich habe Aissé sterben sehen, sie ist im Himmel. Ich habe böse und gottlose Menschen sterben sehen; sie sind in der Hölle, und ich will nicht mit ihnen dorthin gehen.

Frau von Tencin war eine gewandte Person; man sagt, daß sie auch großen Schrecken empfunden hat. Bei den berühmtesten Philosophen war dies der Fall. Und hat Voltaire nicht communicirt, als man ihn mit den Teufeln, ihren Hörnern und Schwänzen erschreckten.

Elftes Kapitel

Es ist leicht, sich den Schrecken dieses guten, furchtsamen Priesters vorzustellen, als er einen solchen Brief las. Er sah nicht recht ein, daß es sich um ihn handelte, obgleich die Epistel um so klarer war, da sie keinen anderen Mann sah, außer dem Sacristan oder dem Bischof von Grenoble, einem Greise von mehr als achtzig Jahren. Er erbebte vom Kopf bis zu den Füßen, denn als er sein Gewissen prüfte, entdeckte er, daß er sehr nahe daran war, diese strafbare Liebe zu theilen, wenn er ihr nicht sogar schon zuvorgekommen war.

Es war für ihn ein Donnerschlag, er wurde krank davon und erschien vierzehn Tage lang nicht im Kloster. Sein erster Gedanke war, sein Amt niederzulegen und um einen Nachfolger zu bitten. Wiederholte Briefe in demselben Styl bestärkten ihn in diesem Gedanken: Man muß die Gefahr fliehen, wenn man ihr nicht unterliegen will.

Später hatte er einen anderen Gedanken, nämlich, daß sein Gewissen ihm nicht gestatte, ein verirrtes Schaf in der Klostergemeinschaft zu lassen, welches nicht nur völlig untergehen, sondern auch die anderen zu Grunde richten könne; Sie verlangte aus dem Kloster zu gehen, ihre Gelübde waren erzwungen, das wußte er, er konnte seinen geistlichen Vorgesetzten Zeugniß darüber ablegen, ohne das Geheimniß der Beichte zu verletzen, sie hatte es ihm gesagt und es wohl tausendmal wiederholt. Nachdem er nachgedacht hatte, faßte er seinen Entschluß und begann seine Schritte zu thun.

Mehr wollte die Schöne nicht. Er sah sie einmal, um es ihr anzukündigen; dann ging er nach Grenoble und schwur, er würde nicht nach Monfleury zurückkehren, wenn sie nicht herausgelassen werde.

Der Bischof war ein heiliger Mann, noch sehr scharfsichtig, ungeachtet seines hohen Alters; er bekleidete sein Bisthum seit dreißig Jahren und kannte alle seine Pfarrkinder. Er hörte die Vorstellungen des Abbé Fleuret an und ging selber, um das Fräulein von Tencin zu befragen. Nachdem er sie gesehen und angehört hatte, sah er wohl ein, daß ihr Beruf sie anderswo hinführe, daß sie eine schlechte Nonne abgeben und vielleicht irgend einen Scandal in der Kirche herbeiführen würde.

In Folge dessen übernahm er es, eine Veränderung der Observanz zu bewirken, die nur mit den Lippen ausgesprochenen Gelübde aufzuheben oder sie vielmehr in die elastischen Gelübde der Stiftsdamen zu verwandeln, welche Allem gleichen, nur nicht dem religiösen Leben.

In einigen Monaten war die Sache gemacht. Die Augustinerschwester wurde in die Gräfin Alexandrine von Tencin, Stiftsdame des Stifts von Neuville, welches zu jener Zeit am wenigsten gesucht war, verwandelt.

Man kann sich vorstellen, mit welcher Freude diese neue Gräfin ihren Schleier zu den Wolken fliegen ließ. Sie sagte ihren Gefährtinnen mit allen Zeichen der Zärtlichkeit Lebewohl; sie spielte schon köstlich Komödie und' beauftragte sie mit Grüßen und Danksagungen an den lieben Beichtvater, dem sie die Gnade verdanke, nicht länger einem Verbrechen ausgesetzt zu sein, aber sie schrieb ihm nicht, er war zu ihren Plänen nicht nöthig, er war ein Werkzeug, welches sie zerbrechen und von sich werfen konnte.

Es gelang ihr Alles im Leben, und sie begann jetzt ihr Spiel.

Nachdem sie einige Wochen in ihrer Familie zugebracht hatte, wurde sie von ihrem Bruder, dem Abbé von Tencin, in ihr Kapitel geführt. Sie liebte ihren Bruder, wie es natürlich war, und dies war vielleicht das einzige lobenswerthe Gefühl, welches sie im Leben gezeigt, und wir wollen ihr diesen einzigen Ruhm nicht rauben. Sie wurde dennoch d'Alembert's Mutter und ich habe es diesem oft wiederholt, wenn er sich damit brüstete. Die Philosophen sind immer eitel.

Frau von Tencin hatte viele Liebhaber, ich will es nicht leugnen, aber ihre Kinder starben in der Wiege, ich bezeuge es, und folglich verleugnete sie sie nicht. Ich will ihre Geschichte mittheilen, so gut ich sie weiß, man kann sie später nach Gefallen angreifen oder vertheidigen, nur bitte ich, Gerechtigkeit anzuwenden.

Die Gräfin Alexandrine war zu gewandt, sich in ihrem Stift nicht so zu benehmen, um sich das Wohlwollen und die Freundschaft Aller zu erwerben. Wie in Monfleury fing sie damit an, sie zu unterhalten, indem sie sich zugleich sehr regelmäßig zeigte und der Kritik keinen Raum ließ. Da war keine Stiftsdame, die nicht für sie eingenommen war und ihr Lob verkündete.

Man schrieb an ihre Eltern, man schrieb an den Bischof von Grenoble, der sie empfohlen hatte, man dankte ihm für das kostbare Geschenk, welches er dem Stift gemacht, und man bat ihn, auch jetzt seinen Einfluß anzuwenden, daß die Neueingetretene bald zur vollen Hebung komme, die gewöhnlich nur in Folge des Alters oder des hohen Verdienstes ertheilt wurde.

Nicht als hätte sie es verlangt, Frau von Tencin strebte nicht nach so niedrigen Dingen, sie hatte andere Pläne. Sie ließ sie machen; sie zeigte eine sehr lebhafte Erkenntlichkeit und wurde noch bezaubernder. Sie beobachtete strenge die Regeln und kündigte laut an, sie habe ihr Kloster nicht verlassen, um ein freieres Leben zu führen, sondern weil sie sich nicht für vollkommen genug hielt zur genauen Beobachtung der strengen Gesetze des heiligen Augustin. Ich glaube wenigstens, daß die Abtei von Monfleury die Regel des heiligen Augustin angenommen hatte.

So brachte sie oft ganze Stunden in der Kirche zu, Gott weiß, woran sie dachte. Sie beschämte durch ihre Handlungen die anderen Stiftsfräulein, die ein wenig weltlich waren, wie sie es alle sind, aber ohne sich eine Kritik oder eine Bemerkung zu erlauben.

Während dieser Zeit grub sie ihre Mine, ohne daß man es erwartete. Frau von Tencin dachte nicht daran, ihr Leben in Neuville zuzubringen, da hätte sie nur das Gefängniß vertauscht; sie sah vor sich Paris mit allen seinen Intriguen, seinem Glanze und seinen Abenteuern; man mußte dorthin gelangen, und zwar auf angemessene Weise. Ihre Mutter würde sie nicht dorthin geschickt haben, und vor allen Dingen hätte sie ihr nicht die Mittel, dort zu leben, verschaffen können.

Die Gräfin Alexandrine schlich sich ganz leise in das Vertrauen der Aebtissin ein, sie schmeichelte ihr und liebkoste sie auf solche Weise, daß sie nicht ohne sie sein konnte und daß sie ihr ihr ganzes Vertrauen schenkte. Sie kündigte ihr an, daß sie sie zu ihrem Secretair annehme und daß sie in dieser Eigenschaft an der Berathung Antheil nehmen werde.

Mit zwanzig Jahren! Dies war ein Triumph, den man noch nicht erlebt hatte. Sie zeigte nur Erkenntlichkeit und blieb bescheiden, so daß sich Niemand dadurch verletzt fühlte, sondern im Gegentheil noch mehr für sie eingenommen wurde.

Sie ließ sich loben und sich ihre Gunst verzeihen.

Seitdem sie mit den Angelegenheiten bekannt war, ging sie darauf ein und bemächtigte sich so vollständig derselben, daß sie sie alle leitete. Ihr gutes Glück wollte, daß das Stift mit einem benachbarten Gutsherrn über gewisse Vorrechte im Streit war, welche die Stiftsfräulein nicht aufgeben wollten. Die Sache wurde in Lyon, aber auch und ganz besonders in Paris vor dem Rathe des Königs verhandelt.

Frau von Tencin behauptete, die Sache werde nicht gut vertheidigt und geführt, und sie zeigte Briefe, welche klar wie der Tag bewiesen, daß sie verloren sein würde, wenn man sie auf diese Weise weiter führe.

– Es müßte Jemand dort sein, des sich ausschließlich mit diesem Proceß beschäftigte, sagte sie furchtsam.

– Ohne Zweifel, antwortete man; aber wer?

– Ah! es ist schwierig.

– Ich weiß nicht, warum die Stifte keine Bevollmächtigten bei Seiner Majestät haben, denn wir sind doch gewissermaßen eine Macht. Wir haben Vasallen, wir haben wichtige Interessen am Hofe.

– Es ist ein Gedanke, der wohl der Ueberlegung bedarf.

– Ich fordere Sie auf, Madame, zu bedenken, welche Wichtigkeit das Stift von Neuville dadurch erlangen würde.

– Sie haben Recht.

– Wir müssen eine Person erwählen, um die Frau Aebtissin und das Stift zu vertreten, und die uns auf jede Weise Ehre macht.

– Irgend ein Würdenträger der Kirche müßte es sein.

– Nein; Eine von uns; man besorgt seine Angelegenheiten immer selber am besten.

– Und wer sollte es sein?

– Ah! ich weiß nicht.

– Wir haben mehrere von unseren Damen beurIaubt, aber nicht eine derselben vereint in sich die nöthigen Eigenschaften.

– Die erste ist Verstand.

– Dann Mäßigung.

– Dann Tact.

– Dann Schönheit, die nichts verdirbt.

– Und die regelmäßigste Aufführung.

– Aber das ist eine Vollkommenheit, die Sie verlangen, meine Damen! schloß die Aebtissin.

Jede gab ihre Meinung ab und mischte ihr Wort ein, mit Ausnahme der Frau von Tencin, die, seitdem sie die Sache vorgeschlagen, ein völliges Schweigen behauptete und nur beobachtete.

– Und Sie, Gräfin Alexandrine? fragte die Aebtissin, Sie schweigen, welches ist Ihr Gedanke?

– Ich denke, daß Sie Recht haben, Madame, und daß diese Damen eine unmögliche Vollkommenheit verlangen,

– Nein, versetzte eine ältere Dame, wir werden sie finden, ohne weit zu gehen.

– Und wer soll es denn sein?

– Sie, Frau von Tencin.

– Ich!

Und sie erröthete vor Freude, endlich das Ziel ihrer Wünsche erreicht zu haben; man hielt diese Röthe für Bescheidenheit.

– Gewiß, fuhr die Aebtissin fort; nur weiß ich nicht, wie wir sie entbehren sollen?

Ein tiefer Seufzer wurde rings im Kreise gehört und antwortete auf diese Frage.

– Meine Damen, Sie setzen mich in Verwirrung; Sie thun mir zu viel Ehre an, ich bin nicht würdig —

– Sie sind aller Lobsprüche und jeder Ehre würdig. Es ist abgemacht, Sie werden uns vertreten.

– Wie soll ich wissen —

Sie ließ sich acht Tage lang bitten, indem sie wiederholte, es sei für sie ein zu ernstes Opfer, sie hasse die Welt, sie wolle in der Zurückgezogenheit leben – kurz, sie wendete die Ausflüchte des Stolzes und der Heuchelei an, die man immer beseitigen läßt und die immer glücken.

Wenn sich in einer zahlreichen Gesellschaft ein verderbtes und geistreiches Wesen findet, wird es die anderen leiten und das Geheimniß entdecken, – sich Bewunderung zu verschaffen. Die loyalen Menschen, die dem ersten Impulse folgen, bringen es zu nichts auf der Erde und in der Gesellschaft, wie sie heutiges Tages beschaffen ist. Ich beurtheile es nach mir selber und nach dem, was ich gesehen habe. Bei den seltenen Gelegenheiten in meinem Leben wo ich mich von meinem Herzen fortreißen ließ, wurde ich immer von ihm bethört, und selbst in meiner Neigung für Herrn Walpole, der deshalb von einem Ende des Jahres bis zum anderen Händel mit mir sucht, und zwar, weil ich ihn zu sehr liebe.

Er wird dies erst nach meinem Tode sehen, auch liegt mir nichts daran, gescholten zu werden, ich werde nicht mehr da sein, um es zu hören.

Ich habe Niemand so sehr geliebt, wie ihn, dafür kann ich einstehen. Ich empfand diese Regungen nicht für Formont, für den Präsidenten Hénault, für Pont-de-Veyle, noch für irgend einen Anderen. Es ist wohl der Mühe werth, eine fast achtzigjährige blinde Greisin zu sein und solche Gefühle zu haben.

Kehren wir zu Frau von Tencin zurück, die dergleichen nie gehabt hat, weder jung noch alt.

Es wurde also bestimmt, daß sie nach Paris abreisen solle, als Vertreterin des Stifts, daß sie direct mit der Frau Aebtissin und dem Stiftungsrath correspondiren, daß sie gänzliche Vollmacht haben, daß sie eine ziemlich beträchtliche jährliche Entschädigung haben solle, um die Würde ihrer Stellung aufrecht zu halten, daß sie jedes Jahr zurückkehren solle, um ihre Rechenschaft abzulegen und neue Instructionen zu einer Jahreszeit entgegenzunehmen, die ihr am gelegensten scheinen würde. Es wurde ihr volles Vertrauen und volle Freiheit bewilligt und man machte ihr die schmeichelhaftesten Complimente über das, was man von ihr erwartete.

Türler ve etiketler

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06 aralık 2019
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930 s. 1 illüstrasyon
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