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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 23
Als die Gräfin Alexandrine ihre höchsten Wünsche erreicht hatte, hütete sie sich wohl, ihre Freude sehen zu. lassen. Sie hielt an sich, sie zauderte, sie stellte sich, als lege sie sich ein schreckliches Opfer auf, indem sie ihren geliebten Zufluchtsort verließ, kurz, sie spielte eine so vollkommene Komödie, sie weinte so sehr, daß es keine Seele in Neuville gab, die sie nicht für die unglücklichste Person auf der Welt hielt und nicht ihre Aufopferung zum Besten des Hauses bewunderte.
Die Begleitung, die man ihr mitgab, war bescheiden, aber sie wollte nicht mehr. Eine einzige Kammerfrau und ein Lakai. Sie behielt sich vor, daß es künftig besser werden solle Von dem ersten Gasthause aus, wo sie übernachtete, schrieb sie an ihren Bruder, in Paris mit ihr zusammenzukommen; sie kannte sein Verdienst, sie wußte, was man von diesem Abbé erwarten konnte, der wenigstens ebenso sehr Intrigant war, wie sie, aber zugänglicher vom Herzen aus, um sich leiten zu lassen. Sie diente ihm als Schirm für seine Thorheiten, deren er sonst noch viel mehr würde begangen haben.
Der Abbé von Tencin war ein hübscher Junge; er besaß, wie Alexandrine, einen unvergleichlichen Zauber und Grazie. Frau von Fériol kam derselben bei weitem nicht gleich, und ihre andere Schwester hatte mehr Aehnlichkeit mit dem Cardinal und der Stiftsdame; es wurde ein hübscher Witz auf sie gemacht, den ich später mittheilen werde, dessen ich mich aber heute nicht erinnere. Ich werde d'Argental darnach fragen, sobald ich mit ihm zusammenkomme.
Der Abbé war ein Jahr älter als seine Schwester. Als er ihren Brief empfing, eilte er herbei, was um so schneller geschah, da sie ihn zu der Reise mit dem Stiftsgelde versehen hatte.
Es war eine große Freude für sie, sich wiederzusehen, denn sie liebten einander mit einer unvergleichlichen Freundschaft. Zuerst trafen sie gemächlich ihre Anordnungen nach ihrer Bequemlichkeit und dann hatten sie eine von jenen Unterredungen mit einander, welche die Zukunft entscheiden. Sie schwuren einander Beistand, gegenseitige Unterstützung, unbedingtes Vertrauen und vollständige Nachsicht. Sie kamen nicht nach Paris, um sich dort heilig sprechen zu lassen. Sie wußten vorher, um das Glück zu erhaschen, besonders wenn man von niederem Stande aufsteigt, dürfe man in den Mitteln nicht wählerisch sein.
Ihr Name war Guérin, Tencin war der Name eines kleinen Guts, und die Berühmtheit ihrer Familie war weder groß noch alt. Der Großvater soll Schlosser gewesen sein, und die Aufstrebendsten kamen bis zum Parlament von Grenoble, aber nicht weiter.
Es war also ein großes Unternehmen, bei solchen Vorgängen und so wenig Unterstützung besonders hoch zu gelangen; sie ließen sich indessen nicht zurückschrecken und thaten wohl daran.
Zwölftes Kapitel
Frau von Tencin machte gleich Anfangs vortreffliche Bekanntschaften, zuerst durch die Empfehlungsbriefe der Aebtissin, und dann durch ihre Schwester, die Frau von Fériol, die mit dem Marschall d'Uxelles auf sehr freundschaftlichem Fuße stand und gute Gesellschaft bei sich sah.
Sie gefiel sehr in Paris, wie in Monfleury und in Neuville; sie verbarg sich hier nicht und wollte im Gegentheil den Schleier ganz verbergen, um sich Theilnehmer zu machen. Man kann es sich vorstellen. Sie war jung, schön, gewandt, von verehrungswürdigem Geiste und geneigt, alle wohl zu empfangen, vorausgesetzt, daß sie ihr gefielen und daß sie ihr zu irgend etwas nützlich sein konnten.
Ihr großer Ehrgeiz war, an den Hof zu gelangen, aber dazu war noch keine Aussicht vorhanden. Die Beweise ließen sich nicht liefern; glücklicherweise war das Stift von Neuville nicht das von Maubeuge oder das von Remiremont, sonst hätten alle Intriguen der Welt sie nicht dort einführen können. Die Stiftsdamen hätten sie lieber gesteinigt, als sie unter ihre Zahl aufgenommen.
In Ermangelung des Hofes oder wenigstens in Ermangelung von Versailles sah sie, was hier Besseres in Paris war. Außer dem Könige und den Prinzen wurde sie von den difficilsten Leuten als eine Person empfangen, mit der man sehr wohl verkehren könne, und sie benutzte es sehr bald.
Sie hatte nach einander ausgezeichnete und reiche Liebhaber, sie verlangte nichts für sich von ihnen, sondern Alles für ihren Bruder. Sie verschaffte ihm nach einander mehrere Pfründen und mehrere reiche Belohnungen. Der Abbé liebte das Geld sehr; sie gab nicht viel darauf. Nüchtern und ohne hervortretenden Geschmack für irgend etwas Anderes, als für die Freuden der Liebe, bedurfte sie nicht des Reichthums und that nichts, um denselben zu erlangen.
So ging Alles weiter bis zum Tode des verstorbenen Königs. Sie gabelten links und rechts Alles auf, was sie konnten, ohne einen bestimmten Zweck zu haben. Um diese Zeit warf die Gräfin Alexandrine ihre Angeln nach dem Regenten aus, und nach vielen Bemühungen und Bitten gelang es ihr, ihn zu sehen. Er fand sie schön, er fand sie angenehm und sagte es ihr, verlangte die Belohnung dafür, erhielt sie und dabei blieb es nach dem ersten Tage. Nicht als hätte sie die Verheißungen der Schönheit nicht alle gehalten, sondern weil sie die Ungeschicklichkeit beging, mit ihm von Staatsgeschäften zu sprechen, welche sie schon mit ihm in den Augenblicken zu leiten dachte, wo man nur von den Angelegenheiten der Liebe redet,
– Ich liebe die Frauen nicht, die mich so in meinem Alkoven befragen, sagte der Regent; wenn die Gräfin von Tencin wieder kommt, sage man ihr immer, daß ich im Staatsrath bin, und wäre es um zwei Uhr in der Nacht.
Ich bitte, sich vorzustellen, daß der Herzog von Orleans sich anderer Ausdrücke, als dieser, bediente; er nahm keine Rücksicht in solchen Fällen und wendete hübsche Ausdrücke an.
Diese Vertraulichkeit hatte also, zur großen Demütigung der Stiftsdame, die sich nicht darüber trösten konnte, keine weitere Folgen.
Die Regierung steckte ihr im Kopfe und ihre Pläne richteten sich auf den Abbé Dubois, diesen widerwärtigen Grasaffen, der, von allen möglichen Krankheiten heimgesucht, nur ein Scheinbild der Liebe sein konnte.
Er war weniger difficil, als sein Herr, und er ging in die Fuchsfalle. Es cursirten zu jener Zeit Gerüchte über die Gräfin, woraus man unglaubliche Wundergeschichten machte. Ich erinnere mich derselben nicht, ich habe sie unter meinen Papieren gesucht, aber nicht gefunden.
Dieser Umgang blieb ziemlich lange verborgen und wurde dann plötzlich bekannt. Frau von Tencin machte sich kühn zum Kanal der Gnade, sie stellte sich an die Spitze des Hauses des Ministers und dirigirte es. Ohne dort zu wohnen, brachte sie ihr Leben dort zu, entließ die Ueberlästigen und empfing die Günstlinge. Dubois ließ sie machen, und wenn man sich darüber wunderte, hatte er immer dieselbe Antwort;
– Während sie bei mir im Hause die Herrin macht, beherrscht sie mich selber nicht, und ich mache mich zum Vortheil Anderer von ihrer Herrschaft frei.
Es versteht sich von selbst, daß der vielgeliebte Bruder die ersten Kothflecke dieses Handels erhielt. Er bekam eine gute Abtei, wurde ausgewählt, um Law zu bekehren, und erhielt von ihm eine klingende Belohnung, die nach seinem Ausspruche Wünschenswerther war, als die besten Versprechungen, Das System fand ihn nicht unvorbereitet. Er hatte schon am folgenden Tage die ihm von seinem Neubekehrten gegebenen Obligationen in Gold verwandelt und hütete sich, andere zu kaufen.
Dubois ernannte ihn zum Botschafter bei'm Papst in Rom, von dem er den Cardinalshut erlangen wollte, und Herr von Tencin hatte auch für seine Rechnung nicht auf den Hut verzichtet. Der Jesuit Laffiteau und er reisten zusammen in diesem Auftrage ab.
Noch am Abend vor dieser Abreise wurden sie durch einen Befehl des Parlaments zurückgehalten. Herr von Tencin wurde des unrechtmäßigen Handels mit geistlichen Aemtern angeklagt, weil er eine Abtei für einen seiner Neffen wegstibitzt habe, aber Dubois schlug die Sache nieder, und ungeachtet seiner Verurtheilung, ungeachtet der Gegenwart des Prinzen von Conti, der ihn verhöhnte und ihn verhöhnen ließ, wurde Herr von Tencin dennoch abgeschickt, und Dubois wurde nichts desto weniger Cardinal und erster Minister und dazu noch Erzbischof von Cambrai. Deshalb sagte ich zu Frau von Tencin, als sie mich mit ihren großen Verlegenheiten quälte:
– Ei, Frau Gräfin, Sie nehmen eine recht erstaunte Miene an, sich als die Maitresse einer so großen Person, und noch dazu eines Erzbischofs zu sehen. Bei Leuten Ihres Gewandes und Ihrer Art wäscht eine Hand die andere.
Sie gehörten nämlich alle Beide der Kirche an und waren Beide Emporkömmlinge.
Dubois starb, Frau von Tencin beweinte ihn auf ihre Art, aber das Wunderlichste war, seine Leichenrede auf ihre Weise zu hören. Ihre Neffen ertheilten Berichte, wobei man sich hätte todt lachen können.
– Er ist todt, sagte sie, mit dem einen Auge weinend und mit dem anderen blinzelnd, er ist todt, indem er dem Teufel ein Schnippchen schlug, der ihn an der Thür erwartete und der ihn nach seinen Verdiensten belohnen wird. Nie hat dieser Mann etwas Anderes geliebt, als das Geld, er liebte sich selber nicht, aus Furcht, sich einer seiner Launen hinzugeben und seiner Börse zu schaden. Er log, stahl, war boshaft, grausam und ohne Herz, aber er hatte so viel Geist, daß er dies Alles auslöschen konnte, wenn es zum Vortheil seiner Thaler nöthig war.
– Und Sie, Madame, liebte er Sie?
– Er liebte mich nicht, und ich vergalt es ihm vollständig, das kann ich Ihnen versichern. Wir haben nicht versucht, einander zu täuschen.
– Warum beweinen Sie ihn denn da?
– Damit die Thoren glauben, daß ich ihn bedauere.
– Warum trennten Sie sich nicht mit einer gegenseitigen so rührenden Ueberzeugung? —
– Weil wir Niemand hätten finden können, zu dem wir besser gepaßt hätten. An meiner Stelle würde ihn eine sehr aufgeklärte Person verlassen haben, an seiner würde ein erster Minister eine weniger scharfsichtige Gesellschafterin gesucht haben.
Wenigstens that sie sich ein wenig mehr Zwang an, als er!
Dies war eine große Veränderung für die Gräfin Alexandrine. Sie kehrte wieder in das Privatleben zurück, wie Voltaire sagte, der sie nicht leiden konnte. Sie bewegt sich wie eine Säge, fügte er hinzu.
Die Zahl ihrer Liebhaber vermehrte sich beständig, und das Glück des Abbé folgte ihrer Richtung. Sie sahen einander weniger, weil er viel reiste und die Gräfin sich nicht von Paris entfernte, da sie nicht anderswo hätte leben können. Sie ließ das Stift im Stiche und verschaffte sich ein Breve vom Papst, welches ihr gestattete, ein weltliches Leben zu führen.
Sie benutzte dieses Breve reichlich und ging bis an die äußerste Gränze der Erlaubniß.
Ich komme zu dem großen Abenteuer ihres Lebens, zu dem, worüber jede andere Frau vor Kummer und Scham gestorben wäre, zu der Geschichte dieses Unglücklichen La Frenaye, wovon wir alle Zeugen gewesen, und in die ich mich verwickelt fand, was mich sehr beunruhigte.
Wir müssen ein wenig in der Geschichte zurückgehen, um sie aufzuklären.
Der Abbé von Tencin war eben als Gehilfe des Cardinal von Bussy nach Rom abgereist, als die Gräfin ich weiß nicht bei welchem Schöngeist, denn sie war davon umgeben, den alten Egoisten Fontenelle traf, den sie, als sie anfing zu schreiben, zum Geliebten angenommen hatte, um einen Lobredner an ihm zu finden.
Sie hatte ihn lange nicht gesehen, sie war bezaubert von seinem Geiste, so wie von seiner Unterhaltung, und sie bat ihn sehr, sie zu besuchen, was er auch that.
Nach und nach verwandelte sich dieser Umgang und wurde zu einer Reihe von Abhandlungen, zu einem Austausch von Witzen und Scherzen, aber sie waren einander nöthig. In Abwesenheit ihres Bruders fand sie Niemand, der ihr so sehr zusagte.
Eines Tages plauderte Fontenelle mit ihr und theilte ihr mit, er kenne einen Mann, der ein Herz besitze, Mitglied des Staatsrats sei, sich leidenschaftlich in sie verliebt habe, und keinen andern Wunsch hege, als ihr den Hof zu machen,
– Nun, so führen Sie ihn zu mir, versetzte sie; ein Mann, der ein Herz hat, ist in dieser Zeit ein Wunder; es wird mir nicht leid sein, ihn zu sehen, um ihn genau zu beobachten.
– Es fehlt ihm nicht an Vermögen, er ist aus einer guten Richterfamilie; Sie können ihn wohl empfangen und ihn dem Cardinal vorstellen.
Dubois lebte damals noch.
Herr de la Frenaye, der erwähnte Mann, der ein Herz besaß, wurde eines schönen Tages vorgestellt und sehr gut empfangen. Er hatte wenig Geist, wenigstens von dem, welcher glänzt, er war ziemlich wohlgebildet, seine Manieren waren die eines Edelmannes, so mußte er wohl einiges Verdienst haben, denn Frau von Tencin, die sich darauf verstand, bewilligte ihm die Ehre ihrer Gunst und bewahrte sie ihm vier Jahre lang.
Ich möchte nicht beschwören, daß er sie allein genoß, und wir haben Gründe genug, das Gegentheil zu denken.
Dieser Umgang war von vielen Stürmen begleitet. La Frenaye war von heftiger Eifersucht. Er liebte seine Geliebte so sehr, daß er in seiner Wuth von nichts Anderem sprach, als sie zu tödten, und sich selber obendrein.
Er führte entsetzliche Scenen auf, wenn er einen Mann bei ihr fand, besonders seit dem Tode des Cardinal Dubois, wo er der alleinige Besitzer ihres Herzens zu sein glaubte.
Ich habe ihn immer für ein wenig wahnwitzig gehalten. Er kam oft zu mir, brachte einige Stunden damit zu, mir seine Leiden zu erzählen, und ich muß gestehen, daß er mich sehr langweilte. Ich konnte nicht begreifen, wie die Gräfin Alexandrine ihn so lange hatte dulden können.
Eines Morgens war er in meinem Zimmer, ich konnte mich nicht von ihm frei machen, und ich suchte ein Mittel, hinauszukommen, als man mir d'Argental anmeldete, der in meinem Boudoir geblieben war. Ich ergriff die Gelegenheit und stand auf, um zu ihm zu gehen.
Ich fand ihn erhitzt, mit verwirrtem Kopfe und in unglaublichem Zustande. Die Thür war offen geblieben.
Ah! Madame, haben Sie meine Tante gesehen? fragte er mich.
– O nein, antwortete ich, eben so erstaunt über die Frage, wie über die Art, in der sie ausgesprochen wurde.
– Ich suche sie überall, meine gute, liebe Tante – Sie sehen mich verwirrt, weil ich ihr nachgelaufen bin, und ich muß sie doch wiedersehen.
– Was giebt es denn so Dringendes? Was haben Sie ihr zu sagen? Hat sich irgend etwas bei Ihrer Frau Mutter zugetragen? Sie haben eine' sehr freudige Miene.
– Ob ich freudig bin! ich will es meinen. Meine Tante ist diesen Morgen so gütig, so reizend, so liebenswürdig für mich gewesen.
– Und was hat sie Ihnen denn gethan, mein armer d'Argental?
– Ich will es Ihnen sagen, ich werde es nur Ihnen sagen; aber ich muß es sagen, oder ich werde davon ersticken.
Ich wurde so neugierig und interessirte mich so dafür, daß ich La Frenaye in meinem Zimmer vergaß; ich setzte mich zu d'Argental nieder und befragte ihn hastig.
Der Jüngling erzählte mir entzückt, daß er seine Tante liebe; es wäre nicht Liebe, sondern eine lebhafte Freundschaft, und er habe nie gewagt, es ihr zu sagen, weil sie ihm zu viel Respect einflöße. Endlich am Morgen, als er zum Frühstück zu ihr gegangen, habe er den Muth gehabt, ihr sein Herz zu öffnen, um ihren Rath anzuhalten, sie zu bitten, für ihn eine Führerin und Freundin zu sein, da ihm der Charakter seiner Mutter nicht verspreche, in ihr zu finden, was er suche.
Frau von Tencin hätte ihm mit reizender Grazie geanwortet, wäre von seiner Bitte entzückt gewesen und habe es übernommen, ihm in allen Dingen zu rathen, und gesagt, daß sie ihn häufig, wie sie das Recht habe, als Tante und als Freundin zu sehen hoffe.
D'Argental war so entzückt, so glücklich, daß er ihr sehr schlecht dankte, daß er nicht wußte, was er denken sollte, und später, als wieder zu sich kam, suchte er sie bei allen seinen Freunden, um ihr seine Erkenntlichkeit zu bezeugen.
Es war sehr unschuldig, und ich sah kein Wort daran zu tadeln.
Mitten unter diesen Mittheilungen meines jungen Freundes hörte ich die Thür meines Zimmers auf solche Weise schließen, daß wir fast auf den Rücken gefallen wären. Ich erinnerte mich dann, daß er da war, und mir fiel auch seine entsetzliche Eifersucht ein.
– Ah! rief ich, wir werden die Ursache irgend eines Unglücks sein – La Frenaye hat Alles gehört.
– Mein Gott, Madame, ich laufe zu meiner Tante.
– Hüten Sie sich davor. Das Mittel wäre schlimmer, als das Uebel. Die Gräfin wird sich schon allein aus der Verlegenheit zu helfen wissen; sie hat zu viel Verstand, um Furcht vor diesem Burschen zu empfinden.
– Es ist gleich, ich bin unruhig.
– Es ist keine Ursache dazu vorhanden, sage ich Ihnen. Sie wird mit einigen Strafpredigten, einigen Drohungen, einigen in die Luft abgefeuerten Pistolen davon kommen, und das Alles wird ihn besänftigen.
Der junge Mann verließ mich auf der Stelle; dessenungeachtet möchte ich nicht behaupten, daß er nicht ein wenig in seine Tante verliebt war, ohne es sich träumen zu lassen, denn obgleich d'Argental die Demoiselles und die Schauspielerinnen besuchte, hatte er doch eine seltene Reinheit der Gefühle bewahrt.
Ich erfuhr später von Frau von Tencin, was aus dieser Unterredung hervorging und welche schreckliche Folgen sie hatte.
Dreizehntes Kapitel
Frau von Tencin war eben nach Hause gekommen, als Herr de la Frenaye erschien. Seine Blässe, das Zittern seiner Stimme verkündete einen Sturm; sie war daran gewöhnt und erschrak nicht darüber. Sie fragte ihn in sehr ruhigem Tone, mit wem er es zu thun habe?
Er sank auf den ersten Stuhl nieder und blieb fast ohne Bewußtsein dort sitzen. Die Gräfin näherte sich ihm und wiederholte seine Frage.
– Was ich habe, Madame, was ich habe? – Sie wagen, mich darnach zu fragen?
– Nun ja, ich frage darnach, ich werde immer darnach fragen. Sie sind entweder wahnsinnig oder krank.
– Ich bin weder wahnsinnig noch krank, Madame; ich bin endlich aufgeklärt worden. Ich kenne Sie, ich habe das Geständniß aus dem Munde Ihres Mitschuldigen gehört.
– Welches Mitschuldigen?
– Oh! diese Frechheit! Sie haben also mehrere, da Sie nach dem Namen fragen?
Frau von Tencin brach in ein lautes Lachen aus.
– Das ist grotesk komisch – niedrig komisch, und ich will nicht mehr davon hören; ich nehme es nicht zurück, Sie sind entschieden wahnwitzig.
Der arme Mann war es offenbar, und er bewies es, aber dieser Ausbruch war noch nicht der vollständige Ausbruch. In dem Augenblick, als sie es am wenigsten erwartete, unterbrach er sich, um von ihr seine Taschenpistolen zurückzufordern, die er ihr geliehen hatte,
– Ah! die will ich Ihnen sogleich zurückgeben. Sie ging zu ihrem Bureau, wo sie sie eingeschlossen hatte, und überreichte sie ihm.
– Sie geben sie mir? Sie fürchten nicht, daß ich davon Gebrauch mache, Madame? versetzte er mit erneuerter Wuth.
– Und gegen wen?
– Gegen Ihren Neffen, gegen diesen kleinen d'Argental, der die Kühnheit hat, Sie zu lieben, und dessen Liebe Sie anzunehmen die Schändlichkeit haben.
Die Gräfin lachte noch stärker.
– Oh! mein Neffe! mein Neffe! es handelt sich um meinen Neffen! meinen Neffen wollen Sie tödten? Es ist bewundernswürdig! in Wahrheit ich konnte nicht weniger von Ihrer Güte und Vernunft erwarten.
Er erhob die Pistole in die Luft. Frau von Tencin ein nahm die andere, indem sie neben ihm stand, und erhob sie gleichfalls, aber ohne eine feindliche Absicht, denn die Waffen waren nicht geladen.
– Ah! Madame, Sie wollen mich ermorden, wie Sie versucht haben, Herrn von Nocé zu ermorden, ich sehe es wohl. Sie haben mehrere Liebhaber vergiftet die dem Cardinal mißfielen; ich hätte beinahe dasselbe Schicksal gehabt, ich bin demselben durch ein Wunder entgangen, man hatte es mir gesagt, und ich glaubte es nicht, jetzt aber zweifle ich nicht daran.
Die Gräfin wurde aufmerksam bei dieser Beschuldigung; dennoch war es nicht das erstemal, daß dieselbe zu ihr gelangte, und sie war deshalb schon ein wenig unruhig gewesen.
Ein unglücklicher Zufall wollte, daß mehrere Personen am folgenden oder zweiten Tage nach einem Mittagessen bei ihr gestorben waren. Diese Personen waren Dubois verdächtig, und man verfehlte nicht, ihn zu beschuldigen. In diesem Jahrhundert sind die Vergiftungen in der Mode; wegen der geringsten Veranlassung hat man Jemand in Verdacht und überführt ihn.
Sie hatte indessen die Geistesgegenwart, ihn reden zu lassen und sich nicht zu vertheidigen. Sie hörte ihn zu Milde an und schloß ihm mit ihren Liebkosungen den Mund, Er widersetzte sich ihr nie und er verehrte sie so abgöttisch, daß er völlig den Verstand davon verlor.
Sie besänftigte ihn durch ein Wort, bis seine Eifersucht von Neuem begann und er sein unsinniges Geschrei fortsetzte.
Was mir in dem Allen nicht gefällt, ist, daß die Gräfin beträchtliche Summen bis zu vierzig- und fünfzigtausend auf einmal bei sich hatte deponiren lassen. Es konnte nicht für sie sein, sie liebte das Gold nicht, und machte sich nichts daraus, es war also für ihren Bruder. Andererseits indessen ist durch ein Billet, wovon ich hier die Abschrift mittheilen werde, bewiesen, daß der Erzbischof (denn er war jetzt bereits Erzbischof von Embrun) ihr Geld borgte. Dieser ganze Theil der Geschichte ist ziemlich dunkel.
D'Argental, der außer Athem bei seiner Tante ankam, wurde nicht zu ihr gelassen. Die Diener, die an diese Scenen gewöhnt waren, ließen Niemand ein, wenn dieselben stattfanden. Nichts war bekannter, als dieser vertraute Umgang, man sprach überall davon, und Voltaire lachte tagelang darüber. Er war in ausgezeichnetem Grade ein Affe und copirte La Frenaye's Wuth. Er hatte sogar darüber eine Parodie des Wahnsinns des Orest in Versen gemacht, die sich nach seinem Tode unter seinen Papieren finden muß: er hat sie aus Rücksicht für seine lieben Engel, die d'Argental, nicht herausgegeben.
Dabei verblieb die Sache und einige Tage ging Alles gut.
Plötzlich zeigte der Liebende eine auffallende Traurigkeit, er ging mit gekreuzten Armen ganz allein in den dunklen Alleen der Tuillerien, er sprach laut, zeigte die Faust, redete eingebildete Wesen an, so daß er die Aufmerksamkeit der Gärtner erregte, welche den Oberaufseher besonders auf ihn aufmerksam machten, und dieser ihn besonders überwachte.
Als er zu der Gräfin Alexandrine kam, stieß er häufig Ausrufungen aus wie:
– Sie wollen es? Dies wird übel werden! Oder auch:
– Sie lieben ihn. Unglückliche!
– Wen denn? fragte sie,
– Ihr Herz antwortet für mich, ich habe nicht nöthig, ihn zu nennen.
Sie wohnte damals in der Rue St. Honoré nahe beim Palais Royal.
Eines Abends kam er ziemlich spät zu ihr, es war im Monat April; es war herrliches Wetter und es herrschte eine frühzeitige Wärme. Er machte ihr den Vorschlag, am folgenden Tage zu den Wiesen von Saint Gervais zu gehen, um Veilchen zu pflücken und die Lilien wachsen zu sehen.
– Nein, antwortete sie, ich liebe das Land in dieser Jahreszeit nicht, es ist kalt, es sind weder Blumen noch Früchte da, man weiß nicht, wo man sich hinsetzen soll, Moos und Gras sind noch nicht hervorgekommen. Reden Sie mir vor dem Monat Mai nicht von Ihren Idyllen.
– Sie wollen es nicht?
– Nein.
– Sie haben etwas Anderes zu thun?
– Durchaus nichts.
– Jemand zu empfangen?
– Niemand.
– Ich kann also kommen?
– So viel Sie wollen.
– Da werde ich kommen, zweifeln Sie nicht daran.
– Kommen Sie.
Nur erinnern Sie sich an Ihre Worte und vergessen Sie sie nicht, Gräfin. Ich werde zurückkehren, um Sie abzuholen, wenn das Wetter schön ist.
– Warum wollen Sie sich diese Mühe geben, ich werde nicht gehen.
– Hören Sie mich zu Ende. Ich werde kommen, um Sie abzuholen, und wenn Sie es mir noch verweigern, nun – nun so werden Sie sehen, was daraus erfolgen wird.
– Noch eine Scene und neue Drohungen!
– Sie werden sehen, sage ich Ihnen. Leben Sie wohl. Er ging fort und sie hielt ihn nicht zurück, er langweilte sie. Am Abend kamen ihre gewohnten Gäste, man war sehr heiter, Fontenelle unter Anderen war blendend.
La Frenaye trat ein, ohne mit irgend Jemand zu sprechen, er grüßte die Gräfin kaum und begab sich in einen Winkel. Man achtete nicht auf ihn; eine angenehme Verhandlung fand zwischen d'Argental und dem Verfasser »der Welten« statt. Sie scharmützelten eine Stunde nach besten Kräften. Frau von Tencin hörte ihnen mit Vergnügen zu.
La Frenaye durchschritt den Kreis. Ich war dabei; ich sehe ihn noch; er ging gerade auf seine Geliebte zu und sagte in unbeschreiblichem Tone zu ihr:
– Theilen Sie doch den Preis aus, Madame, das Tournier ist für Sie geschehen.
Jeder sah ihn an, man verstand ihn nicht, man erinnerte sich erst später daran. Nach einem Augenblick sprach Jemand den Namen des Grafen de Nocé aus, La Frenaye redete diese Person an.
– Er ist noch immer sehr krank, nicht wahr? fragte er.
– Verzeihen Sie mein Herr, er befindet sich vortrefflich.
– Es ist unmöglich, er sollte todt sein.
Man brach in ein lautes Lachen aus.
– Lachen Sie immerhin, fuhr er fort, wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Nach dem bescheidenen Abendessen, welches uns die Gräfin gab, entfernte man sich, und La Frenaye führte mich bis zu meinem Wagen.
– Leben Sie wohl, Madame, sagte er zu mir, als er mich verließ. Ich denke, ich werde Sie nicht so bald wiedersehen.
– Sie reisen ab?
– Ja, ich reise ab.
– Auf lange?
– Auf eine große Reise, die wir alle machen werden.
– Ach, mein Gott! noch immer Ihre Ideen!
– Madame, ich habe diesen Morgen den Todesstreich empfangen, und diesen Abend wieder einen, ich bin zweimal getroffen worden; Sie werden sehen, was geschehen wird. Kommen Sie morgen nicht in diese Wohnung, es ist der letzte Beweis der Freundschaft, den ich Ihnen gebe.
– Ich werde im Gegentheil hierher kommen.
– Da haben Sie es sich selber zuzuschreiben. Leben Sie wohl.
Und er verließ mich, ohne einen Gruß.
Ich kehrte in meine Wohnung zurück und dachte nicht mehr daran.
Am folgenden Tage nahm ich mir vor, zu der Gräfin zu gehen und mit ihr darüber zu lachen und zu plaudern. Ich bekam Besuch und war daher nicht frei; ich hatte selber damals viele Beschäftigungen und Kummer. Vielleicht, wenn ich meinen Plan hätte ausführen können, wäre das Unglück nicht geschehen.
Frau von Tencin war allein; das Wetter war sehr schön, wie am Tage zuvor. Pont-de-Veyle und seine Mutter waren bei guter Zeit gekommen; sie wollten nach Meudon zu Frau von Coatqueen gehen, und Frau von Tencin weigerte sich, ihnen zu folgen; sie war unwillkürlich ungeduldig wegen dieses Wahnsinnigen.
Gegen zwei Uhr kam er.
– Madame, sagte er düsterer und wilder, als gewöhnlich, ist es Ihnen gefällig, heute auf die Wiesen von Saint Gervais zu gehen?
– Nein, nicht mehr, als gestern.
– Da lieben Sie mich nicht. Ich war dessen gewiß, ich kann nicht daran zweifeln, und mein Plan ist gewählt.
– Welcher?
– Sie werden es erfahren, Madame, aber vorher müssen Sie wissen, daß meine Vorsichtsmaßregeln genommen sind, und daß dies Alles auf Sie zurückfallen wird.
Indem er diese Worte sagte, zog er einen Gegenstand aus der Tasche.
