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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 24
Vierzehntes Kapitel
Dieser Gegenstand war eine Pistole, diesmal sehr gut geladen und gespannt. Frau von Tencin beunruhigte sich nicht darüber, sie hielt die Sache nicht für ernster, als gewöhnlich.
– Sehen Sie sie wohl an, fuhr er fort, es ist meine Rettung. Ich habe nur eine; ich habe nur eine nehmen wollen, denn wenn ich noch eine genommen, hätte ich dem Verlangen nicht widerstehen können, Sie mit mir zu nehmen, wohin ich gehe.
– Ich danke Ihnen, ich befinde mich ganz wohl hier.
– Sie werden sich bald nicht mehr so wohl befinden, denn Sie werden ein trauriges Schauspiel sehen. Adieu, Undankbare, Boshafte, Verworfene! Adieu! Sie tödten mich; Sie haben mich elend gemacht, und ich kann diesem Unglück nicht widerstehen. Sein Sie verflucht, Sie, Ihre Liebhaber, Ihr Bruder und Alles, was Sie lieben.
Als er diese Worte beendete, setzte er sich die Pistole vor die Stirn, und ehe Frau von Tencin den Argwohn haben konnte, daß er diesmal im Ernst sprach, schoß er sich eine Kugel durch den Kopf, so daß sie bespritzt wurde.
Man kann nicht sagen, was sich darauf begab. Diese Frau, die kein Herz besaß, die diesen Unglücklichen nie geliebt hatte; diese Frau, die vor allen Dingen die Verlegenheiten und Hindernisse aus ihrem Leben entfernen wollte; diese Frau mußte, als der erste Augenblick vorüber war, an die Folgen denken, welche aus dieser schrecklichen Katastrophe entstehen mußten. Sie war Anfangs überrascht, erschrocken, dann unruhig um ihrer selbst willen; Schmerz und Bedauern fanden sich nicht ein. Vielleicht war sie sogar entzückt, von diesem Eifersüchtigen befreit zu sein. Die Art, wie es geschehen war, mißfiel ihr allein.
Sie würde lange an derselben Stelle und in demselben Zustande geblieben sein und die Leiche angestarrt haben, ohne sie zu sehen, wären nicht ihre Leute, beunruhigt von dem Pistolenschusse und bekannt mit der beständigen Wuth La Frenaye's, hastig herbeigeeilt. Sie blieben von diesem Schauspiele ergriffen stehen; und als sie ihre Herrin ebenso unbeweglich wie ihren Liebhaber sahen, hielten sie sie für todt, wie ihn, und begannen ein schreckliches Geschrei auszustoßen.
In einigen Minuten war das Zimmer mit Menschen angefüllt, dieses bevölkerte Stadtviertel gerieth bald in Aufregung, und man ging, die Justiz herbeizuholen, die sich nicht bitten ließ, zu kommen.
Da fanden nur Thränen, Erstaunen, Fragen statt; man wollte diesen entstellten Körper wegnehmen, man wollte die Gräfin entfernen, die wie vernichtet dalag, und nicht im Stande war, sich zu bewegen; man wollte ihr andere Kleider anlegen und diese schrecklichen Spuren beseitigen; man überhäufte sie mit Fragen, man beklagte sie, man beschuldigte sie, sie antwortete nicht, vertheidigte sich nicht und gab keine Erklärung; es war ein Wesen ohne Bewegung und Willen. Diese Soldaten, dieses Volk, diese Frauen, die sie umgaben, diese Berührung mit der Canaille, dieser üble Geruch von dem Blut und von so vielen Personen in einem kleinen geschlossenen Zimmer, die Aufregung, die Furcht, alle diese vereinten Empfindungen drangen auf ihr Herz ein, und sie befand sich übel.
Unter dem Herzen, unter dem physischen Herzen wenigstens, verstehe ich dieses Herz, welches sich erhebt, wenn es von einer ungewohnten Sache afficirt wird, von dem anderen ist nicht die Rede, und ich will nicht, daß man mich beschuldigt zu lügen.
Die vertraute Kammerfrau der Gräfin, als sie sich allein diesem Abenteuer gegenüber sah, hatte glücklicherweise die Geistesgegenwart, den Erzbischof und Frau von Fériol rufen zu lassen. Ich befand mich bei dieser Letzteren, und wir eilten dorthin.
Wenn ich hundert Jahre lebte, und man gibt mir die Versicherung, daß ich sie erlebe, würde ich dieses Schauspiel nicht vergessen. Wie es scheint, hatte Frau von Tencin Feinde unter dieser Menge, denn sie wollten das Haus nicht verlassen und schrien, man müsse sie sogleich in das Chatelet führen, denn sie habe diesen Mann ermordet. Einige Andere vertheidigten sie, und ungeachtet der Unwahrscheinlichkeit, ja der Unmöglichkeit der Thatsache muß ich gestehen, daß sie weniger zahlreich waren.
Die Gegenwart des Erzbischofs beruhigte sie ein wenig oder that ihnen wenigstens Zwang an. Sie schwiegen, aber ihre Blicke sprachen, und sie waren sehr drohend. Ich bin vor der Menge nicht tapfer, ich wäre gern weit entfernt gewesen, indessen behauptete ich meine Fassung,
– Was gibts denn? fragte Herr von Tencin mit stolzer Miene; was bedeutet dieses Gerücht? Es ist ein Unglück in diesem Hause geschehen; respectiren Sie es und entfernen sich.
Sie blieben.
– Ich werde Gewalt brauchen lassen, verstehen Sie mich? Frau von Tencin muß sich von diesem entsetzlichen Schrecken erholen, stören Sie ihre Ruhe nicht mehr. Ein Wahnwitziger, von ihrer Tugend zurückgewiesen, hat sich zu ihren Füssen getödtet; es ist ein großer Gegenstand der Trauer, aber kein Gegenstand des Scandals.
Bei den Worten die Tugend der Frau von Tencin erscholl, ungeachtet der ernsten Veranlassung, ein lautes Lachen aus allen Winkeln des Saales. Herr von Tencin wurde fast davon in Verlegenheit gesetzt, indessen ließ er sich nicht ganz außer Fassung bringen.
Die Justiz schritt zu der Entfernung der Leiche, die Menge folgte, blieb aber vor der Thür stehen und vermehrte sich von den Vorübergehenden; es war ein Aufstand in dem Stadtviertel. Die drohendsten Bemerkungen wurden über die Gräfin und ihre Familie ausgesprochen. Man hörte sie sogar laut sagen:
– Sie ist eine Mörderin; aber es wird ihr nichts geschehen, sie ist eine alte Maitresse dieses alten Grasaffen Dubois. Ah! wenn es Jemand von uns wäre, würde der Grèveplatz nicht Galgen und der Henker nicht Stricke genug haben.
Dies fing schon damals an; und welche Fortschritte haben die Herren Philosophen im Raisonniren dieses Volk machen lassen, welches bald gar nicht regiert sein wollte. Es ist sehr einleuchtend, wenn Gott sich nicht thätig einmischt, so ist die Monarchie verloren.
Wir blieben sehr lange bei der Gräfin, um eine Art von Rath zu halten.
– Es ist kein Augenblick zu verlieren, sagte Frau Fériol, mein Bruder, handle Deinerseits, ich werde meinerseits handeln. Ich werde den Marschall aufsuchen und ihn zu dem Herzog schicken, es ist wichtig, daß er von uns in Kenntniß gesetzt werde, ehe er von einer andern Seite irgend etwas erfährt, denn die Verleumdungen werden so schnell verbreitet.
– Und ich, fügte d'Argental hinzu, ich will zu Frau von Prie laufen, wir müssen Sie in diesem Falle für uns haben.
– Ich weiß nicht, was ich will, versetzte der Erzdischof. Meine Schwester, meine arme Schwester! welch' ein entsetzliches Unglück!
– Es ist keine Veranlassung zu klagen, fügte ich hinzu, erlauben Sie mir zu sagen. Wenn ich in irgend etwas nützen kann, so verschonen Sie mich nicht.
Man schickte mich zu dem Herzog von Luynes, von welchem ich eine seltsame Antwort erhielt:
– Wenn Sie nicht mit diesen Leuten verkehrten, Madame, würden Sie keine solche Unannehmlichkeiten haben, und nicht genöthigt sein, für eine solche Intrigantin, wie diese Nonne, die ihr Gewand abgelegt hat, zu bitten. Seit langer Zeit haben Frau von Luynes und ich darauf verzichtet, Ihnen Vorstellungen zu machen, aber wir werden uns in nichts mischen und uns weder um Sie noch um Ihre Freunde bekümmern. Sie hätten mit uns m Gesellschaften gehen können, zu welchen Ihre Geburt Sie berechtigt, Sie haben diese Gaukler vorgezogen, tragen Sie die Strafe dafür, ich beklage Sie nicht.
Von der Art war die Nachsicht und Menschenliebe meines frommen Oheims. Meine Tante war besser, sie hätte mich nicht so empfangen. Sie hat fortwährend mit mir verkehrt und mich bis zum Tode unterstützt, wofür ich ihr vielen Dank schuldig bin.
Das Erste, was die Leute des Königs thaten, war, La Frenaye's Papiere zu durchsuchen. Man fand zuerst einen an den Erzbischof adressirten und in folgenden Ausdrücken abgefaßten Brief, den man unter den Beweisstücken des Processes finden kann.
Er ist wie von einem Schuhflicker geschrieben; für eine Frau von so viel Geist war es ein drolliger Liebhaber.
»Mein Herr, es ist mir sehr leid, zu sterben, ohne im Stande zu sein, Sie zu bezahlen. Ich habe die äußersten Anstrengungen gemacht, um Ihnen das zu bezahlen, was ich Ihnen bezahlt habe. An dieser Unfähigkeit ist Ihre Schwester Schuld. Nachdem ich seit drei Jahren vor ihrer beiderseitigen Dienerschaft wie in einem Liebeshandel gelebt, hat sie sich meines ganzen Vermögens bemächtigt, mein Vertrauen gemißbraucht, indem ich Alles unter ihren Namen stellte, hat sie mich in die grausame Notwendigkeit versetzt, umzukommen. Wenn Sie die Strafe Gottes vermeiden wollen, schicken Sie sie in ihr Kloster zurück, aus welchem sie gewiß nicht auf ordnungsmäßigem Wege befreit worden ist.«
Neben diesem wunderlichen und unzusammenhängenden Briefe befand sich ein Testament, welches gerade das Gegentheil sagte. Hier der Anfang. Ich werde nichts von den Angelegenheiten der Erbschaft erwähnen, wovon Niemand je etwas verstanden hat.
»Auf die Ankündigungen und Drohungen, die ich seit langer Zeit von Frau von Tencin erhalten habe, mich zu ermorden oder mich ermorden zu lassen, und was ich vor einigen Tagen sogar geglaubt habe, daß sie es ausführen würde, weil sie eine von meinen Taschenpistolen abgeborgt hat, welche ich ihr zu geben den Muth gehabt habe, und da sie, so viel ich bestimmt weiß, Alles gethan hat, was sie konnte, um Herrn von Nocé ermorden zu lassen, und da ihr Charakter sie zu dem größten Verbrechen fähig macht, so habe ich geglaubt, daß die Vorsicht, mein Testament zu machen, wie es hier folgt, sehr angemessen sei.«
Weiter unten sagte er:
»Diese Elende ist so verworfen, daß die Erinnerung an sie mich schaudern macht. Die öffentliche Verachtung, Frevelthaten, grausame Handlungen, dies Alles ist zu schwach, um auszudrücken, was ich erlebt habe. Aber ihr großer Haß ist davon hergekommen, daß ich sie überrascht habe, als sie mir vor einem Jahre mit ihrem alten Liebhaber Fontenelle untreu geworden, und daß ich entdeckt habe, wie sie ein neues Liebesverhältniß mit ihrem Neffen d'Argental angefangen.
Ich ende damit, die Gerechtigkeit des Herzogs und des Siegelbewahrers anzuflehen. Sie dürfen nicht zugeben, daß diese Unglückliche ihr schändliches Leben noch länger fortsetze. Sie ist in das Kloster Monfleury in der Nähe von Grenoble eingetreten; man muß sie nöthigen, dorthin zurückzukehren, um dort ihre Sünden abzubüßen.«
Man sieht ein, daß man nach ähnlichen Beweisen nicht dabei stehen bleiben durfte, sondern daß man den Proceß fortsetzen mußte.
Ehe der Marschall und Herr von Tencin handeln konnten, wurde die Gräfin in ihrem Hause in unserer Gegenwart verhaftet.
Ich entfernte mich, aber d'Argental wollte seine Tante begleiten, und man wagte nicht, ihn daran zu verhindern. Sie war nicht überführt, sie war nur angeklagt, und man konnte sie nicht mit der äußersten Strenge behandeln. Der Criminalrichter erwartete sie im Chatelet mit La Frenaye's Leiche.
Man ließ sie geradezu in den Saal eintreten, worin dieselbe sich befand. Sie wußte es nicht, und als sie sie erblickte, stieß sie einen entsetzlichen Schrei aus und wurde ohnmächtig in den Armen ihres Neffen, der die Richter für Barbaren erklärte.
Man brachte sie wieder zu sich, stellte ihr einen Lehnsessel hin und bezeugte ihr einige Rücksicht, aber ohne diesen schrecklichen Gegenstand aus ihren Augen zu entfernen. So blieb sie vier Stunden. Man befragte sie auf alle mögliche Weise, richtete die umständlichsten Fragen über ihr vergangenes Leben an sie, und ging sogar so weit, sie zu befragen, wie viele Liebhaber sie gehabt und ob es wahr sei, wie La Frenaye es behaupte, daß sie mit Fontenelle und ihrem hier gegenwärtigen Neffen ein Liebesverhältniß gehabt habe?
D'Argental stand auf und war gerade daran, den Degen zu ziehen. Zwei Gerichtsdiener hielten ihn zurück.
– Verhalten Sie sich ruhig, junger Mann, sagte der Criminalrichter, und beleidigen Sie das Gericht nicht. Zu dem, was wir thun, haben wir volles Recht.
D'Argental schwieg, beruhigte sich aber nicht, wie man sich leicht denken kann, da die Sitzung nicht angenehm für ihn war, der seine Tante so zärtlich liebte.
Als das Verhör geendet war, fühlte sich die Gräfin völlig erschöpft. Man trennte sie von ihrem Neffen und führte sie ins Gefängniß, an den Ort, wo man in Chatelet die Verbrecher unterbringt. Sie wurde davon erschreckt und brachte eine entsetzliche Nacht zu. Man mußte einen Arzt holen, was ihre Feinde nicht verfehlten auszulegen, als ob die Gewissensbisse sie tödteten.
Fünfzehntes Kapitel
Indessen waren Ihre Freunde thätig und ließen dem Herzog und dem Parlament, welches sich durchaus mit der Sache beschäftigen wollte, keinen Augenblick Ruhe.
Der Erzbischof brachte es durch viele Bitten und Thränen, denn er ging überall hin, um zu weinen, dahin, daß man sie in die Bastille brachte; es war eine Verbesserung, und man hielt sie nicht mehr unter den großen Verbrechern vom Bürgerstande gefangen, die für den Grèveplatz bestimmt waren.
Sie blieb dennoch in strenger Haft; es war verboten, sie zu besuchen, man konnte nicht bis zu ihr gelangen, und selbst die Briefe kamen nicht an sie. Man versuchte ihr einige Leckerbissen zukommen zu lassen, aber sie erhielt sie nicht.
Man kann sich nicht vorstellen, was sie bei dieser Absonderung litt, sie wäre beinahe wahnsinnig geworden. Sie, an die große Gesellschaft, an Geist, an eine so süße Schmeichelei, welche sie umgab, gewöhnt, man begreift leicht, was sie empfinden mußte, ohne die Unruhe wegen der Zukunft zu rechnen.
Niemand glaubte indessen an einen Mord, man dachte viel Böses von ihr, aber selbst ihre Feinde sahen ein, daß sie sich anders dabei benommen haben würde. Man mordet nicht mit der Gewißheit, dafür gestraft zu werden und die Frucht seines Verbrechens nicht zu ernten, wenn nicht eine wilde Leidenschaft vorherrscht, und Frau von Tencin war nicht leidenschaftlich.
Dennoch mußte eine Untersuchung stattfinden, weshalb sie mehrere Monate im Gefängnisse blieb. Endlich kam die Sache vor den Staatsrath. La Frenaye wurde noch im Tode verurtheilt, Frau von Tencin von der Beschuldigung freigesprochen und La Frenaye's Testament feierlich für nichtig erklärt.
Der Erzbischof besuchte seine Schwester nach dem Urteilsspruche und acht Tage lang wurde ihr Haus nicht leer. Ich war eine der Ersten, die zu ihr eilten; ich hatte lebhaften Antheil an ihrer Verhaftung genommen und dann wollte ich ihr Gesicht sehen. Man sagte, sie sei so verändert und habe so gealtert, daß ich mich auch davon zu überzeugen wünschte.
Sie war groß, sie hatte von Natur einen langen Hals, sie war mager und trocken; als sie aber aus dem Gefängniß kam, war sie ein Skelett. Sie war zu jener Zeit beinahe fünfundvierzig Jahre alt, und man sah es ihr nicht an, nach ihrem Abenteuer schien sie sechzig zu sein.
Sie bemerkte mich schon aus der Ferne und rief mir entgegen:
– Ah, meine liebe Marquise, es ist aus damit, ich habe mein letztes Wort gesagt.
– Warum das? Sie haben noch Geist genug, so daß die Unterhaltung Ihnen gestattet sein muß.
– Ah, meine Königin, ich bin stumm, und will nicht mehr von diesen Leuten reden hören. Ich will für meinen Bruder, für meine Freunde, für die Wissenschaften leben; übrigens weiß ich nicht mehr, ob es Männer auf der Welt gibt.
– Ich glaube es wohl, Madame, und doch —
– Sie sind sehr jung und finden mich sehr alt, um noch an die Galanterie zu denken, Sie meinen, ich sollte damit zu Ende sei. Ah! die Zeit vergeht auch für Sie; Sie werden bald auf dem Punkte sein, wo ich bin, und dann erfahren, daß man sich niemals zu alt hält, um zu gefallen.
– Ich glaube es nicht, Madame.
– Sie werden es sehen, ich bin auch wie Sie gewesen. Ein Schleier zieht sich über die Spiegel.
So plauderten wir lange und ich fand sie sehr entmuthigt. Sie hielt Wort und beschäftigte sich nur noch mit ihren Romanen.
Sie war von dieser Zeit an bis an ihren Tod in alle Intriguen verwickelt und dessen ungeachtet bei Hofe gut angeschrieben. Unter dem Hofe verstehe ich die Minister und die Gesellschaften, denn beim Könige und der Königin hatte sie keinen zutritt. Es war keine Aussicht, daß sie dahin gelangen würde, bei ihren Proben und besonders bei ihrem Rufe. Zwei solche waren zu viel.
Sie hatte eine Correspondenz und eine Freundschaft, worauf sie viel gab, mit dem Papst Benedict dem Dreizehnten glaube ich. Er schickte ihr sein Portrait und sie zeigte Allen, welche kamen, seine Briefe; darum wurde sie aber dennoch nicht heilig gesprochen,
Sie hatte Voltaire zum beständigen Feinde, der ihr keinen guten Faden ließ und sie wie eine Orange abschälte.
– Doch würde ich noch eine Gabel nehmen, fügte er hinzu; ich würde sie nicht mit den Fingerspitzen anrühren.
Ich glaube schon gesagt zu haben, daß jedes von Beiden einen verschiedenen Grund von diesem Hasse angab. Sie behauptete, er habe ihr den Hof gemacht und sie habe seine Huldigungen zurückgewiesen. Er dagegen versicherte, daß er nicht daran gedacht habe, und daß gerade das Gegentheil der Fall gewesen. Man bestrafe ihn wegen dieser Gleichgültigkeit, und man habe sie noch viel mehr deshalb bestraft. Die Gräfin, versicherte er, habe ihre Zeit in der Bastille dazu benutzt, ihn bei dem Regenten und bei Dubois als den Verfasser von: »Ich habe gesehen« zu denunciren.
– Es ist um so schlimmer von ihrer Seite, da sie die Wahrheit wußte; sie hat die Bosheit der Oenone und nicht die der Phädra angewendet; sie hat nicht die Leidenschaft dieser Unglücklichen zur Entschuldigung. Sie ist trocken am Körper, trocken am Herzen, trocken an Phantasie; es ist ein Pergament, auf dem man nichts lesen kann, und welches die Ratten angefressen haben.
Ihr Bruder, der in der That als Gehilfe des Cardinal von Bussy in Rom gewesen war, kehrte später in der Eigenschaft eines Geschäftsträgers zurück. Er besorgte dort nicht nur die Geschäfte Frankreichs, sondern zuerst die des Cardinal Dubois, seines Patrons, und dann seine eigenen.
Er ließ sich nach einander zum Erzbischof von Embrun, Erzbischof von Lyon und endlich zum Cardinal ernennen. Er hielt ein Concil in Embrun gegen den Bischof von Senezy und er setzte alle Federn der Zeitungsschreiber in Bewegung,
Er drängte sich in die dichtesten Geschäfte ein; er schrieb wenig und wollte nur zwei Dinge: viel Geld haben und erster Minister werden.
Das Erstere erlangte er, und war im Begriff, das Letztere zu erlangen. Der Cardinal Fleury stellte sich, als wollte er ihn zu seinem Nachfolger ernennen, doch geschah es nur, um ihn dem Könige im Voraus verleidet zu machen und ihn zu verhindern, dazu zu gelangen. Ich habe nie einen Affen, eine alte Frau, einen Schüler oder einen Procurator gesehen, der boshafter und verschlagener war, als dieser achtzigjährige Cardinal. Ich glaube, er hat bis in die dritte Generation seine Feinde vorausgesehen und ihnen Schranken entgegengestellt.
Ich habe immer meinen Verkehr mit Herrn von Tencin selbst nach dem Tode seiner Schwester fortgesetzt und wir werden ihn zur Zeit des Fräulein von Lespinasse wiederfinden.
Ich bin zu einem Augenblick meines Lebens gekommen, wovon schmerzlich zu erzählen ist. Indessen führten fast alle dieses Leben; man hätte mehr Muth und Tugend bedurft, als ich hatte, um dem Strome zu widerstehen, der uns fortriß. Ich will mit den Tencins ein Ende machen, und ein Abenteuer erzählen, welches uns gemeinschaftlich betraf, und dessen Folgen für mich fortdauerten, während es für sie nur die Dauer eines unerwarteten Eindrucks hatte. Indessen wird es, um den Charakter Beider zu schildern, als letzter Pinselstrich dienen.
Es war die Rede von einem wunderbaren Schlosse, von einem Finanzpächter gegen Ende seines Lebens für eine Geliebte erbaut, die er zu haben vorgab, und die nie etwas Anderes für ihn war, als ein Hausschild. Er vergoldete sie von allen Seiten; so machten es diese Finanzpächter, und die Umgebungen von Paris waren von ihren Thorheiten voll.
Dieses Schloß, welches in einem köstlichen Winkel des Waldes von Senart lag, hatte unermeßliche Summen gekostet. Man hatte künstliche Wasserleitungen, Springbrunnen, Wasserfälle i ad kleine Flüsse, ja selbst einen See angelegt. Die Bäume waren herrlich; dies glich einem jener verborgenen Schlösser in den Feenmärchen, wo man Prinzessinnen einschließt, die von bösen Zauberern verfolgt werden.
Herr von Tencin hatte Lust, ein Landgut zu besitzen; dieses war zu verkaufen, weil die Gottheit sich mit ihrem Wohlthäter entzweit, und seine Wohlthaten verschwendet hatte, so daß sie der Willkür ihrer Gläubiger Preisgegeben war.
Samuel Bernhard weigerte sich, ihr beizustehen, und verhinderte sie nicht, das Paradies zu verkaufen. Man ging aus Neugierde dorthin, selbst wenn man nichts dort zu thun hatte, und es kam in die Mode, dieses Wunder anzusehen. Das, Hübsche von der Sache, um die Vergleichung mit dem Feenschlosse zu beenden, ist, daß Alles wie auf einen Schlag mit dem Zauberstabe verschwand. Der alte Banquier kaufte es unter der Hand wieder und ließ Alles, was er erbaut hatte, dem Boden gleich machen. Man sah keine Spuren mehr davon.
Frau von Tencin und der Erzbischof kamen, mir eines Tages den Vorschlag zu machen, diesen schönen Ort zu besuchen, und ich willigte gern ein. Wir fuhren in der Carosse des Erzbischofs ab, der Niemand weiter bei sich hatte, als einen gewissen Abbé d'Aillan, seinen Kaplan, eine Art von Marionette, den er überall mitnahm, und der, sobald er sich niedergesetzt hatte, einschlief. Nichts konnte bequemer sein, und es war, als wenn er ihn ausdrücklich bestellt hätte.
Wir plauderten ganz heiter auf dem Wege. Diese Promenade nach dem »Paradiese« war hinlänglich besucht, so daß ein Gastwirth hier wohl ein Zelt ausschlagen und vortreffliche Geschäfte hätte machen können, wenn er den Besuchern zu essen gegeben. Das Wetter war vortrefflich; es war sehr heiß. Wir hatten eine Menge Obst bei uns. Dubois schickte der Gräfin jeden Morgen vortreffliche Früchte.
Sie und ihr Bruder genirten sich nicht sehr vor mir; indessen waren sie sehr besorgt wegen dessen, was zwischen mir und dem Regenten vorgegangen war. Sie vermutheten irgend ein Einverständnis und da der Abbé für nichts zählte, weil er den Schlummer des Gerechten schlief, so hatten sie einander das Wort gegeben, während der kleinen Reise meine Beichte zu hören.
Ich sah den Herzog von Orleans zuweilen insgeheim, wenigstens was mich betraf, denn ich glaube nicht, daß er sich genirte. Ich hatte mich geweigert, bei irgend einem Souper zu erscheinen, und irgend Jemand zu sehen, und außer der Frau von Parabère hatte ich durchaus Niemand eingestanden, was sich zugetragen hatte. Unter ihren übrigen Eigenschaften hatte Frau von Parabère die einer unbedingten Verschwiegenheit. Ich war ihrer gewiß, auch beschuldigte ich Niemand, als den Herzog von Orleans, als ich sah, daß mein Abenteuer bekannt geworden war. Ich wollte es um keinen Preis gestehen; dieses Gerücht machte der Sache ein Ende.
Dahin kam es nach meiner Spazierfahrt zu dem Paradiese, Larnage, der durch diese Vertraulichkeit mit Seiner Hoheit zurückgedrängt worden war, und der doch nicht aus meinem Herzen gekommen war, kehrte in mein Gedächtniß zurück. Ich empfand starke Versuchungen, ihn zurückzurufen; ich that es. Er antwortete mir in einem sehr respectvollen und. zugleich sehr leidenschaftlichen Briefe, weigerte sich aber, mich zu sehen. Er litt an einer Art von Hypochondrie, die Alles in seinem Leben schwarz erscheinen ließ.
»Ich kann nicht zu Ihnen kommen, Madame, bei einer ähnlichen Gemüthsstimmung, Sie würden das erste Opfer davon sein; ich würde Sie langweilen, und ich weiß, wie sehr Sie die Langeweile fürchten. Man darf mich nicht beschuldigen, ich bin keiner so schrecklichen Ideen und widersinnigen Urtheile fähig, wie man mir zuschreibt. Ich liebe Sie noch immer mit derselben Leidenschaft; es scheint mir nur, daß Sie diese Liebe nicht verdienen, wie ich es ehemals glaubte. Verzeihen Sie mir, daß ich so zu Ihnen rede; ich leide. Ich werde zu Ihnen gehen, wenn ich geheilt bin, wenn Sie mich zu der Zeit empfangen wollen.«
Ich war keine Frau, ihm Gewalt anzuthun; ich nahm es an, und es war ein Unglück. Wenn er zurückgekehrt wäre, hätte er mich durch seine Gegenwart und Unterhaltung vielleicht verhindert, mich zu zerstreuen. Ich langweilte mich; daher kommen alle meine Narrheiten. Voltaire wiederholte es oft:
– Die Langeweile bringt alle Narrheiten der Frauen und alle Ausschweifungen der Männer hervor.
Ich begann den Kampf gegen diese alte Feindin, die mich so oft besiegt hat, mit welcher ich leben muß, und die ich nie selber habe besiegen können! Dieser ewige Kampf wird so lange wie mein Leben währen, ich werde ihn nicht beseitigen. Die Langeweile ist meine Herrin, seitdem ich mich kenne. Dies führt mich zuweilen zu philosophischen Gedanken über das, was wir nicht wissen; es ist unmöglich, daß nicht noch sonst etwas Anderes dabei sein sollte, und daß die Seele hienieden ihr letztes Wort sagt.
Kehren wir jetzt zu meinem Besuche im »Paradiese« und zu dem zurück, was darauf folgte. Herr Walpole wird sagen, wenn er dies liest, daß ich capricenhaftig bin; ich weiß nicht, wo er diesen Hund von Wort aufgefischt hat.
