Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.
Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 33
Fünfter Band
Erstes Kapitel
Der Arzt ließ sich nicht bitten. Es war noch dunkel genug, um ihn durch den Park hereinzuführen, ohne daß er von der Dienerschaft gesehen wurde, die übrigens sämmtlich vom Lande und stumpfsinnig genug und unfähig war, das zu erwähnen, was man verbergen wollte. Als er zu dem jungen Herzog geführt wurde, errieth er bald das Geheimniß. Er untersuchte die Wunde, erklärte sie für gefährlich, wollte aber vor der Abnahme des Verbandes keinen bestimmten Ausspruch thun.
Die Marquise warf sich ihm zu Füßen und bot ihm ihr ganzes Vermögen an, wenn er ihn rette.
– Bieten Sie es dem lieben Gott an, Madame, denn Gott allein kann Wunder thun, wenn es sein Wille ist. Gott und ich lassen uns unsere Dienste nicht bezahlen; aber was meine geringe Macht betrifft, die steht ganz zu Ihrer Verfügung, fürchten Sie nicht, dieselbe zu sehr in Anspruch zu nehmen.
Und mit ausgezeichneter Besonnenheit kehrte er zu seiner Carriole zurück, befahl seinem vertrauten Diener, der ihn fuhr, nach Hause zurückzukehren und nicht zu sagen, wo er ihn zurückgelassen, seiner Frau und allen Anderen anzukündigen, daß er einige Tage in Lyon bei einem Kranken bleiben werde; man dürfe seinetwegen nicht unruhig sein, er würde nicht schreiben, und zurückkehren, sobald es möglich sei.
Dann kehrte er wieder in das Zimmer der Marquise zurück, rieb sich die Hände und sagte:
– Jetzt, Madame, wenn Sie mich mit dem Verwundeten verbergen können, werde ich ihn nicht mehr verlassen.
– Ach! mein Herr, Sie sind mein Retter! Möge der Himmel Sie belohnen!
Von diesem Augenblick an blieben der Arzt, die Marquise, Julie und der Vicomte Tag und Nacht bei dem Herzog von Pecquigny. Der Vicomte zeigte eine solche Verzweiflung, er klagte sich mit solcher scheinbaren Wahrheit an, daß die Marquise keinen Verdacht zu hegen wagte. Uebrigens war ihr Geliebter nicht todt, und vielleicht mochte es gelingen, ihn zu retten; die Verzeihung oder vielmehr die Nachsicht wurde ihr leicht.
So vergingen fünf Wochen in abwechselnder Furcht und Verzweiflung. Der Herzog phantasierte fast die ganze Zeit, er erkannte Niemand, das Fieber verzehrte ihn, und obgleich der Wundarzt die Kugel mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit herausgezogen hatte, wich doch dieses Fieber nicht. Endlich ließ es nach unendlichen Schmerzen nach und es trat Ermattung und Schwäche ein. Indessen zeigte sich eine merkliche Besserung, und der Arzt sagte eines Tages zu dem Vicomte, der ihn befragte:
– Er wird vielleicht noch einige Monate leben, aber er ist ein verlorener Mann.
Als die Marquise ihn bessern sah oder wenigstens glaubte, daß er in der Besserung sei, überließ sie sich einer wahnsinnigen Freude. Als er sie wieder erkannte, als er ihren Namen aussprach, als er ihr zulächelte, glaubte sie im Himmel zu sein.
Sie versprach, ihm die Wahrheit zu verbergen und ihm seinen Mörder nicht zu nennen, weil er eine so tiefe Reue und Ergebenheit gezeigt. Sie erzählte ihm unbestimmt die Geschichte und beschuldigte einen ungeschickten Bedienten oder Wildschützen, der sich wohl gehütet, sich anzugeben. Er glaubte es.
Es wurde besser und besser mit ihm, die Kräfte kehrten ihm zurück, und sobald er sich im Stande sah, ein wenig länger zu plaudern, verlangte er eine besondere Unterredung mit dem Wundärzte, indem er die Marquise bat, sich nicht darüber zu beunruhigen.
Zweites Kapitel
Mein Herr, sagte er zu dem Arzte, die Sorgfalt, die Sie seit meiner Verwundung gegen mich anwenden, der edle und großmüthige Charakter, den Sie zu erkennen gegeben haben, machen, daß ich alles Vertrauen zu Ihnen hege; ich weiß, daß ich mich an einen Mann von Herz und Ehre wende, und ich fürchte nicht, mich frei auszusprechen.
– Sie beehren und überhäufen mich mit Ihrem Vertrauen.
– Ich will Sie zuerst mit meinem Namen bekannt machen. Die Gründe, die mich bewogen haben, mich in diesem Schlosse, in diesem Zimmer zu verbergen, die Worte der Zärtlichkeit, welche der Marquise entfallen, haben Sie hinreichend mit denselben bekannt gemacht.
– Das ist wahr, mein Herr, aber ich erinnere mich derselben nicht mehr, davon können Sie sich überzeugt halten.
– Ich rechne darauf. Ich bin der Herzog von Pecquigny, Sohn des Herzogs von Chaulnes, ich wünsche die Wahrheit über meinen Zustand zu wissen, um die Mittel auszudenken, mich mit der größten Sicherheit für den Ruf meiner Freundin von hier zu entfernen.
– Ich will Ihnen Alles sagen, was ich Ihnen sagen muß, gnädigster Herzog, nach dem Gewissen eines rechtschaffenen Mannes und der Ergebenheit eines Herzens, welches noch nie Jemand getäuscht hat.
– Es ist gut, mein Herr, ich weiß, daß man meine Leute von meiner Seite in Kenntniß gesetzt hat, mich nicht zu erwarten, ich weiß, daß man so viel wie möglich die Gefahr meiner Abwesenheit abgewendet hat und daß mein Vater und alle die Meinigen nicht unruhig sind. Er glaubt mich bei einem Liebesunternehmen beschäftigt, wie es es in meinem Alter häufig der Fall ist.
– Sie sind sehr jung, gnädigster Herzog?
– Ich bin noch nicht vier und zwanzig Jahre alt, und es würde grausam sein, zu sterben, da ich so Vieles habe, um das Leben zu lieben. Indessen, Doctor, will ich die Wahrheit wissen und zwar bestimmt und ohne Umschweife. Werde ich durchkommen?
– Muß ich Ihnen Alles sagen, gnädigster Herzog? Verlangen Sie es?
– Ja, mein Herr, unbedingt. Und diese Frage ist eine genügende Vorbereitung. Ich warte.
– Bei großer Sorgfalt können Sie noch einige Monate leben, gnädigster Herzog; aber mehr können Sie nicht erwarten.
Der junge Herzog erblaßte und legte seine Hand auf die Brust. Der Arzt fürchtete, ihn schmerzlich berührt zu haben, und beeilte sich, ihn zu trösten.
– Fürchten Sie nichts, Doctor, ich bin stärker, als Sie denken. Aber ich denke an sie. Ich will nicht hier sterben, ich will nicht, daß sie zu Grunde gehe. Ich werde Ihres Beistandes bedürfen; Sie werden mir denselben nicht verweigern.
– Ganz zu Ihrem Befehle, gnädigster Herzog!
– Ich muß abreisen, nicht wahr?
– Ja, mein Herr.
– Sie müssen die Güte haben, mich zu begleiten, und Alles vorzubereiten, um mich zu meiner Familie zurückzuführen. Ich muß zu Hause erlöschen.
– Geben Sie Ihre Instructionen, mein Herr, und zählen Sie auf meine unbedingte Ergebenheit, wiederhole ich Ihnen.
Der junge Mann ordnete Alles mit Kaltblütigkeit und Scharfsicht an; er erklärte, er wolle in zwei Tagen abreisen und der Arzt solle ihn bis zum Schlosse Pecquigny begleiten, wo er sich ausruhen und von wo er seine Familie in Kenntniß setzen wollte. Auf diese Weise wurde die Marquise nicht compromittirt und Alles ging aufs Beste.
Der gute Wundarzt übernahm die Vorbereitungen; er miethete einen guten Reisewagen, den er an das Thor der kleinen Stadt kommen ließ und in welchem er und der Herzog fahren wollten; bis dorthin sollte der Wagen der Marquise, von dem Vicomte geführt, sie in der Nacht bringen. Auf diese Weise sollte Niemand im Schlosse etwas davon bemerken.
Die Marquisc gab sich seit dem Flintenschusse für krank aus; es wurde geglaubt, daß er um ihretwillen dablieb, jetzt, da sie hergestellt war, sollte er abreisen, und Alles war geschehen.
Die Trennung war schrecklich. Man ist so durch Ereignisse dieser Art gefesselt! Der Vicomte spielte seine Rolle vortrefflich. Von dem Arzte und von dem Herzoge selber von dem gefaßten Entschlüsse in Kenntniß gesetzt, fühlte er, daß der Augenblick gekommen sei, die Frucht seines Verbrechens zu pflücken, und er bereitete sich durch verdoppelte Heuchelei darauf vor. Die arme Frau wurde dadurch getäuscht.
Der Herzog von Pecquigny kam glücklich zu Hause an; man erdachte eine Geschichte von Räubern in den Cevennen, um seine Wunde zu erklären. Der Arzt wurde reichlich belohnt, mit tausend zärtlichen Grüßen an die Marquise entlassen und besonders beauftragt, ihr alle ihre Hoffnungen zu lassen, damit sie wenigstens einige Monate in Ruhe leben könne. Die arme Frau war guter Hoffnung, und das war keine geringe Sorge.
Der Vicomte entfaltete alle Fähigkeiten seines Geistes und seines doppelten Charakters. Er war sorgfältig, er war freundlich und liebenswürdig, er erhielt von ihrem Vertrauen den Bericht über Alles, was geschehen war, über ihre Stellung, ihre Verlegenheiten und ihre Befürchtungen; er erbot sich, ihr beizustehen, ihren Fehler und die Folgen desselben zu verbergen – kurz, Alles, was ein ergebener Freund Uneigennütziges und Zärtliches thun kann.
Die Marquise verabredete mit Julien und deren Manne, daß sie das Kind, welches zur Welt kommen werde, für das ihrige ausgeben sollten, daß sie es als ihren Schützling zu sich kommen lassen und es auf ihre Kosten erziehen wolle. Auf diese Weise würde sie das Glück der Mutterliebe haben, ohne den Gefahren derselben ausgesetzt zu sein.
Julie gab eine Schwangerschaft vor, sie zeigte sich in Lyon bei ihren Bekannten, kehrte dann zu ihrer Freundin zurück und blieb bis zu ihrer Entbindung dort.
Das Fräulein von Lespinasse kam in diesem Schlosse zur Welt, und gerade an dem Tage ihrer Geburt starb ihr Vater in Pecquigny. Man taufte das kleine Mädchen in Lyon; ich habe ihren Taufschein erhalten und besitze ihn noch.
Man verbarg der Frau von Albon das Unglück, welches sie betroffen hatte, bis sie im Stande war, es zu ertragen, ohne zu sterben. Der Vicomte übernahm nebst Julien und dem Doctor diesen traurigen Auftrag. Er warf sich zu ihren Füßen, spielte eine Rolle der Reue und des tiefen Gefühls und gelobte ihr, sein Leben zu weihen, um einen so großen Fehler wieder gut zu machen.
Die Unglückliche schwebte fast einen Monat zwischen Leben und Tod, sie stieß ein entsetzliches Geschrei aus und die Gegenwart ihrer Tochter allein konnte sie beruhigen. Die gute Julie liebte sie, als wenn sie wirklich ihr Kind gewesen wäre. Die erste Kindheit verging ruhig genug zwischen den beiden Müttern.
Der Vicomte wartete, bis die ersten Augenblicke des Schmerzes vorüber waren, und dann veränderte er seinen Plan. Die Leidenschaft, die er verborgen hatte, zeigte sich von Neuem; sie zeigte sich vielleicht heftiger, aber auch unterwürfiger, thätiger und ergebener. Frau von Albon wurde nicht mehr davon gerührt, als früher. Sie konnte kaum seine Gegenwart ertragen, er verursachte ihr Entsetzen, das Blut ihres Geliebten erhob sich zwischen ihnen, und Alles, was sie vermochte, war, ihn einige Augenblicke zu erdulden, ohne ihm die Galle, die ihr Herz erfüllte, ins Gesicht zu schleudern.
Aber als er die Verwegenheit hatte, noch von seiner verhaßten Liebe zu reden, als er sie mit Thränen bat, ihn anzuhören und ihn auch zu lieben, da war sie nicht mehr Herrin ihrer selbst, sagte ihm ihre Gedanken, verbannte ihn aus ihrer Gegenwart und schwur ihm zu, daß sie lieber tausendmal sterben, als ihn noch einmal anhören wolle.
Herr von Saint-Luc wurde wüthend und that sich keinen Zwang mehr an; er zeigte ihr den Haß, den er verborgen hatte; ohne sein Verbrechen zu gestehen, freute er sich über den unwillkürlichen Schuß, der ihn gerächt. Er bedrohte sie mit dem größten Unglück und ließ ihr vier und zwanzig Stunden Zeit, um ihre Entscheidung zu widerufen.
– Bedenken Sie sich wohl; wenn Sie bei ihrer Weigerung beharren, wenn Sie mich aus Ihrer Gegenwart verbannen, so sollen Sie und Ihre Tochter mein Opfer werden. Ich werde Sie verfolgen, bis ich Sie zu Grunde gerichtet habe, und meine Rache wird sich von nichts hemmen lassen!
Ehe noch die vier und zwanzig Stunden um waren, schrieb ihm die Marquise die Worte:
»Ich verbiete Ihnen, wieder bei mir einzutreten, und was Ihre Drohungen betrifft, wenn Sie feig genug sind, sie auszuführen, wird Gott nicht gestatten, daß die Unschuld unterliege, und ich setze mein ganzes Vertrauen auf ihn.«
Herr von Saint-Luc antwortete nicht. Er verließ das Schloß auf der Stelle.
Zwei Monate lebte die kleine Familie dort, ohne etwas zu hören. Die armen Frauen fingen an, frei zu athmen; sie hofften, daß Gott, den sie angerufen, das Herz ihres Feindes gerührt habe, und sie dankten ihm aus allen Kräften dafür, als in dem Augenblick, wo sie es am wenigsten erwarteten, ein ungewohntes Geräusch ihnen irgend ein neues Ereigniß verkündete.
Das Zimmer der Marquise ging auf den Park hinaus und es war weit von dem großen Hofe, weit von der Dienerschaft und von der Bewegung des Hauses. Die Thür wurde gewaltsam geöffnet und der Marquis von Albon trat mit zornigem Gesichte hinein; er begrüßte seine Frau und wendete sich dann zu Julien.
– Madame Lespinasse, tragen Sie Ihr Kind fort, ich muß mit der Marquise sprechen. In zwei Stunden reise ich wieder ab.
Allein geblieben und zitternd, wagte die Marquise nicht, ihre Augen zu erheben. Die ersten Worte ihres Mannes erschreckten sie noch mehr.
– Ich weiß Alles, Madame, sagte er.
– Mein Gott!
Sie brach in Thronen aus und fiel ihm zu Füßen.
– Stehen Sie auf und hören Sie mich an. Ich komme nicht in der Absicht hierher, wie Sie vermuthen. Sie haben mich immer gehaßt, Sie haben mich immer verkannt. Man hat uns gegen einander aufzubringen gesucht und mich in diesem Falle zum Werkzeuge einer Rache machen wollen, die ich glücklicherweise errathen habe und die ich, wie Sie sich überzeugt halten können, nicht unterstützen werde.
– Sie sind sehr gut, mein Herr.
– Ich bin nicht gut, ich bin nur gerecht. Ich weiß, was ich werth bin und was Sie werth sind; ich weiß, wenn Sie mich auch nicht geliebt haben, so haben Sie doch lange den Verführungen widerstanden, die Sie umgaben. Sie unterlagen endlich, wie man mir gesagt hat, und ich habe eben den Beweis davon gesehen.
– Mein Herr!
– Fürchten Sie nichts für Ihr Kind, Madame, es soll ihm nichts zu Leide geschehen. Ich werde thun, als sei ich mit seinem Dasein unbekannt, aber unter Bedingungen, welche zu erfüllen Sie mir schwören müssen.
– Befehlen Sie, mein Herr, ich werde gehorchen.
– Ihre Tochter kann leben, Ihre Tochter kann in Ihrer Nähe bleiben, aber ich will nicht, daß sie die Rechte der meinigen und ihres Bruders benachteilige, ich will, daß mein Name nur von meinen Kindern geführt werde, ich will, daß mein und Ihr Vermögen ihnen gehöre.
– Was! mein Herr, das meinige auch?
– Ja, Madame, das Vermögen der Marquise von Albon muß dem Vicomte und dem Fräulein von Albon gehören; sonst würde dies zu beleidigenden Vermuthungen Veranlassung geben – vor welchen wir freilich nicht gesichert sind, die wir aber, so viel an uns ist, vermeiden, indem wir so handeln.
– Es ist grausam.
– O nein. Die Frau Marquise von Albon kann einen Schützling haben und ihm Wohlthaten erweisen; sie kann ihm geben, was sie will, Niemand wird etwas dagegen zu sagen haben; Sie verstehen mich.
– Ja, mein Herr.
– Das ist noch nicht Alles Sie werden mit mir die Acte hier unterzeichnen, indem Sie bezeugen, daß wir kein anderes Kind, als unseren Sohn und das Fräulein von Albon haben, daß jedes andere, welches darauf Anspruch macht, von uns für unrechtmäßig oder für untergeschoben erklärt wird. Man muß an die Zukunft denken.
– Ich werde unterzeichnen.
– Es ist gut, Madame. Für jetzt sein sie ruhig, leben Sie, wo Sie wollen, thun Sie, was Ihnen gefällt. Sie werden nicht mehr von mir reden hören, ich werde Sie nie wiedersehen. Ich lasse Ihnen die freie Verfügung über das, was Ihnen gehört – das heißt, über die Revenuen. Die Verfügung über die Kapitalien behalte ich mir vor, und Sie werden sie gefälligst nicht anrühren. Leben Sie glücklich, wenn Ihnen das möglich ist, und gestehen Sie sich selber, wenn auch nicht mir zu, daß ich nicht so böse bin, wie Ihr Haß es zu glauben vorgab. Adieu.
Er reiste ab, wie er gekommen war, ohne eine Antwort oder einen Dank zu erwarten. Die Marquise blieb bestürzt, niedergeschlagen, sie hatte nicht einmal die Kraft, Madame Lespinasse zu antworten, die zu ihr gelaufen kam, sobald sie ihren Mann abreisen hörte.
– Ah! rief sie endlich, ich habe meine Tochter beraubt, um ihr das Leben zu retten, um sie in meiner Nähe zu behalten; ich hätte sie vertheidigen, ich hätte mich weigern müssen, er würde sie mir nicht entrissen haben. Ich bin ein Feigling.
– Sie konnten es nicht, liebe Schwester. Er würde mich von hier vertrieben und uns getrennt haben, er würde Sie vielleicht weit weggeführt haben, und Sie würden Ihre Tochter nie wiedergesehen haben, die man uns leicht entführt hätte, so daß wir uns nicht beklagen können. Denken Sie sich überdies einen Proceß unter solchen Umständen! Nein, Alles ist so am Besten, und wir sind nur zu glücklich, mit solchen Opfern frei zu sein. Der Vicomte hat uns ohne Zweifel verrathen und er hatte sich noch eine andere Rache vorgesetzt. Wir müssen auf unserer Hut sein, es wird dabei nicht bleiben.
– Herr von Albon hat sich großmüthig gezeigt, das weiß ich wohl, indessen ist mein armes Kind jetzt eine Bettlerin. Ich werde nicht zugeben, daß Du um ihretwillen Deinen beiden Sühnen Unrecht thuest; was bleibt ihr denn da?
Die Waise wurde also von ihrer Geburt an vom Unglück betroffen, und das Unglück hat sie immer verfolgt, das muß ich gestehen.
Frau von Albon kehrte einige Jahre später nach Lyon zurück, um ihre Schutzbefohlene erziehen zu lassen, die sie abgöttisch liebte. Anfangs lebte sie zurückgezogen, dann sah sie sich ein wenig weiter um, kam endlich in die Gesellschaft und nahm nach und nach ihren Platz in der Welt wieder ein.
Das Fräulein von Lespinasse wuchs bei ihr heran. Die Gesundheit der Marquise wurde nie wieder so stark wie vor ihrem Unglück. Obgleich noch jung, fühlte sie, daß sie bald sterben würde, und die Zukunft ihrer Tochter quälte sie sehr. Herr von Albon hatte die Sache so gut angeordnet, daß sie ihr nur dreihundert Franken Renten geben konnte. Es wurde ihr sogar verboten, ihr ihre Diamanten zu hinterlassen, wie sie es beabsichtigte.
Das Fräulein von Albon hatte schon seit mehreren Jahren meinen Bruder geheirathet, als ihre Mutter sich ihrem Tode näherte. Diese schrieb ihr, zu kommen; sie sahen einander sehr wenig. Meine Schwägerin war sehr strenge, sehr hochmüthig, sie hatte ein sehr trockenes Herz; sie hatte kein Mitleid oder Nachsicht mit Fehlern, und der Marquise war es nicht unbekannt.
Indessen wollte sie sie doch sehen und mit ihr sprechen, sie wollte ihr das Kind ihrer Liebe empfehlen und das Geschick desselben in ihre Hände niederlegen, indem sie sich auf ihre Großmuth verließ, da es kein anderes Mittel gab. —
Frau von Vichy folgte dem Rufe der Sterbenden, und als sie bei ihr eintrat, fand sie das Fräulein von Lespinasse allein neben ihrem Bette.
Drittes Kapitel
Frau von Albon streckte ihrer Tochter die Arme entgegen, welche sich ohne große Gemüthsbewegung in dieselben warf. Sie war keine Frau, die viel dergleichen empfand.
– Meine Tochter! meine Tochter! rief die Mutter, Du bist gekommen, ich danke Dir. Gott segne Dich für diese gute Handlung!
– Es ist meine Pflicht.
Diese trockene Antwort brach der armen Frau das Herz und würde ihr die Hoffnung genommen haben, wenn eine Mutter sie je verlieren könnte.
– Ich habe mit Dir reden wollen, ich habe Deinen Händen das Kind übergeben wollen, welches ich erzogen habe und welches mir so lieb ist. Du versprichst mir, sie bei Dir aufzunehmen, nicht wahr?
– Ich muß Ihnen gehorchen, Madame.
Immer sprach die Pflicht und niemals die Neigung.
– Es ist ein vortreffliches Herz, meine Tochter hat einen erhabenen Verstand; Du wirst mit ihr zufrieden sein, Du wirst sie lieben.
– Gewiß, Madame, wenn ich sie kenne, um Ihnen zu gehorchen.
Die Sterbende sah ein, daß ihre arme Tochter gerade ihrem Elend entgegenging, wenn es ihr nicht gelang, dieses Herz zu rühren. Sie zog sie zu sich hin und umarmte sie.
– Mein Kind, sagte sie zu ihr, höre mich an. Ich will Dir ein Geständniß ablegen, indem ich Dich um Verzeihung bitte und Dich anstehe, Deine Mutter nicht eines so grausam abgebüßten Fehlers anzuklagen.
– Es ist nicht an mir, meine Mutter, Sie jemals anzuklagen; ich habe weder das Recht noch die Neigung dazu und ich werde Sie mit dem Respect, den ich Ihnen schuldig bin, anhören.
Frau von Albon seufzte. Dieses Eis konnte sie nicht brechen.
– Dieses Kind, meine Julie, Julie von Lespinasse, ist meine Tochter, Deine Schwester —
– Madame —
– Es ist nicht an mir, mich zu rechtfertigen und Deinen Vater zu beschuldigen – seine Güte gegen mich und gegen sie seit ihrer Geburt würde mir den Wunsch dazu nehmen, wenn ich gleich das Recht dazu hätte. Ich habe seit zwanzig Jahren und länger Alles gelitten, was man nur leiden kann, ich habe alle meine Thränen vergossen, ich habe meine Tochter in dem Respect Deiner Familie und in ehrenvollen Grundsätzen erzogen. Noch einmal, Du wirst mit ihr zufrieden sein. Willst Du mir versprechen, sie zu Dir zu nehmen?
– Ich verspreche es Ihnen, meine Mutter; indessen will ich Sie nicht täuschen. Das Fräulein wird nicht auf dem Fuße der Gleichheit stehen, sie wird dort weder wie eine Schwester noch wie eine Freundin sein.
– Erfahren Sie also, Madame, versetzte die Marquise, von dieser Härte verletzt, erfahren Sie also, wenn sie wollte, könnte sie ebenso gut stehen, sie dürfte nur ein Wort sagen, und ich auch.
– Ich habe die von meinem Vater und von Ihnen unterzeichnete Acte, Madame.
– Julie hat den auf meinem Sterbebette unterzeichneten Widerruf, Madame; sie hat die Briefe des Vicomte de Saint-Luc, der ihr anbietet, ihr ihren rechten Namen beilegen zu lassen; sie hat den zwischen den Lespinasses und mir abgeschlossenen Vertrag, der den zu jener Zeit begangenen Betrug bestätigt, um ihre Geburt zu verbergen. Dies Alles ist vollkommen in der Ordnung und bei einem sehr redlichen Notar niedergelegt, der weit von hier wohnt – sie und ich wissen allein, an welchem Orte. Ich werde das Geheimniß mit ins Grab nehmen, und ich überlasse es ihr, nach Bedürfniß darüber zu verfügen.
Frau von Vichy hatte dies nicht vorausgesehen und veränderte ihr Benehmen.
– Mein Gott! liebe Mutter, Sie verstehen mich nicht.
– Ich wünschte Dich nicht zu verstehen, meine Tochter. Das Wichtige ist, daß Du mich in diesem Augenblick verstehst und weißt, was ich wünsche. Meine Tochter, Deine Schwester wird allein auf der Welt bleiben, ich hinterlasse sie Dir, ich vertraue sie Dir an, mache sie glücklich, vertritt meine Stelle bei ihr, bereite ihr ein freundliches Loos, wenn Du es kannst, und ich werde Dich von der anderen Welt aus segnen, wo ich Euch Beide erwarte.
– Meine Mutter!
– Ja, neige Dein Ohr zu meinen Worten und behalte sie. Mein geliebtes Kind hat von mir nur eine lebenslängliche Rente von dreihundert Franken erhalten, mehr habe ich ihr nicht geben können – wie ich gestehen muß, in der Hoffnung, daß Du mein scheinbares Unrecht gegen sie wieder gut machen werdest. Jetzt sage ich es ihr hier in Deiner Gegenwart, wenn Du Dein Versprechen und meine Empfehlungen vergissest, so beschwöre ich sie, nicht zu vergessen, was sie hören wird, und was Du hören wirst, wie sie.
Das Fräulein von Lespinasse kniete neben ihrer Mutter nieder.
– Befehlen Sie, meine Mutter, ich werde gehorchen,
– Wenn Deine Schwester Dich nicht behandelt, wie sie Dich behandeln sollte, wenn Du bei ihr nicht wie zu Hause, wie bei mir bist, so nimm Deine Rechte wieder in Anspruch, mein Kind, achte nicht auf mich, und die Sorge für meinen Ruf halte Dich nicht zurück, ich würde ihn tausendmal Deinem Glück opfern, denn Du bist mir das Liebste auf der Welt.
– Madame ist Ihre Tochter, wie ich, meine Mutter, antwortete das Fräulein von Lespinasse ungeschickt.
– Ja, sie ist meine Tochter, und ich liebe sie und werde sie ebenso lieben, wie Dich, wenn sie mich lieben will, wenn sie will, daß ich ruhig sterbe und daß ich sie sterbend segne. Sie umarme Dich, mein liebes Kind, und sie sage zu mir: Meine Mutter, dieses junge Mädchen ist meine Schwester, sie ist Ihre Tochter, und ich schließe Sie Beide in mein Herz ein und bin glücklich. Willst Du es, liebe Gräfin?
Frau von Vichy hatte eine gute Regung. Welches war der Antrieb dazu? Ich weiß es nicht, aber sie hatte sie. Vielleicht erhoben sich der Notar, das Testament, die Mittheilung und Alles, was daraus erfolgen konnte, als Gespenster vor ihr, um sie in die Arme ihrer Mutter und ihrer Schwester zu führen; so viel ist aber gewiß, daß sie schöne Versprechungen gab, so daß Frau von Albon zufrieden und entzückt über die Einigkeit starb, die zwischen ihren beiden Töchtern herrschte, und daß sie an das künftige Glück des verwaisten Kindes glaubte, welches sie zurückließ.
Gleich nach ihrem Tode beeilte sich Frau von Vichy, das Fräulein von Lespinasse nach Chamrond zu führen. Sie stand Anfangs auch in guten Verhältnissen mit meinem Bruder und acht Tage lang ging Alles aufs Beste. Die Nachbarn nahmen Aergerniß an der Neuangekommenen und die Muthmaßungen begannen. Man verfehlte nicht, dem Herrn und der Frau von Vichy darüber zu berichten, und von jetzt an bemächtigte sich ihrer die Furcht. Man hatte in Lyon schon viel darüber gesprochen; sie fürchteten böse Rathschläge und die schrecklichen Folgen eines Processes, dessen Ausgang keinen Augenblick zweifelhaft sein konnte.
Sie entschieden, daß das Fräulein von Lespinasse sie nie verlassen, daß sie sich nie verheirathen, daß sie unter ihrer Abhängigkeit bleiben solle, und daß sie alle Mittel der Milde und der Strenge anwenden wollten, um sie zu bewegen, die verwünschten Papiere zu vernichten.
In Folge dessen gingen Beide eines schönen Morgens zu ihr, theilten ihr mit, was vorging, und fragten sie, welchen Weg sie einschlagen würde, um den für die Frau von Albon nachtheiligen Muthmaßungen Einhalt zu thun.
– Ich werde abreisen, Madame, mich in ein Kloster zurückziehen, und man wird nicht mehr von mir reden hören.
– Das ist es nicht, Fräulein, im Gegentheil dürfen Sie uns nicht verlassen, Sie dürfen den boshaften Menschen nicht das Recht geben, über einen Ruf, der für Sie theuer und geehrt sein muß, ihre Glossen zu machen. Es bedarf nur eines Vorwandes wegen Ihres Aufenthalts bei mir, und ich will Ihnen diesen Vorwand liefern, wenn Sie ihn annehmen wollen.
– Welchen, Madame?
– Wir haben drei Kinder; sie kommen in das Alter, wo sie unterrichtet werden müssen; willigen Sie ein, ihre Gouvernante zu werden?
Das Fräulein von Lespinasse wurde roth; sie wagte nicht, es auszuschlagen, und wollte es auch nicht annehmen. Dieser Vorschlag empörte sie nach den ihrer Mutter gemachten Versprechungen und nach den Liebkosungen, womit man sie überhäuft hatte. Sie in ein dienendes Verhältnis setzen zu wollen, sie, die Schwester der Gräfin – sie, welche den Ruf und das Vermögen ihrer Mutter in ihren Händen hatte!
– Sein Sie ruhig, mein Fräulein, man wird für Ihr Geschick sorgen, Sie werden ein beträchtliches Gehalt bekommen.
– Ah! Madame, fiel sie unwillig ein.
– Aber, mein Fräulein, ich habe meiner Mutter versprochen, Ihnen eine Zukunft zu sichern, diese scheint mir die beste. Sie werden unsere Kinder erziehen, und dann wird es ganz einfach sein, daß Sie bei uns bleiben.
Nach vielem Zaudern und vielen Schwierigkeiten entschloß sich das Fräulein von Lespinasse endlich.. Was konnte sie auch thun? wie konnte sie sich widersetzen, ohne den Schild gegen sie zu erheben, ohne Schande über ihre Mutter zu bringen und ihre Rechte geltend zu machen.
Sie begann also die Erziehung ihrer Neffen, und es war keine leichte Aufgabe, denn sie waren sehr verdorben, sehr eigenwillig und von einer Bosheit, um einen Heiligen ins Verderben zu stürzen. Ihre Eltern stellten sich ihren guten Absichten entgegen und vereitelten, was sie unternahm.
Indessen beharrten sie bei ihrer persönlichen Freundlichkeit gegen sie, sie stellten sich, als ob sie alle mögliche Sorgfalt an sie verschwendeten, machten ihr kleine Geschenke und stellten sie ihren Freunden als eine Person dar, die sie sehr schätzten. Sie ließ sie machen und erwies ihnen wieder so viel Freundlichkeit, wie sie konnte.
Der Todestag der Frau von Albon kam; man feierte eine Messe in der Schloßkapelle, die ganze Hausgenossenschaft in Trauer war dabei zugegen; das Fräulein von Lespinasse, in ihren Schmerz versunken, sah nichts und weinte, so lange die Ceremonie dauerte, wodurch die Muthmaßungen noch verstärkt und der Zorn und die Unruhe meines Bruders noch erhöht wurden.
Als sie nach Hause gekommen waren, nahm Frau von Vichy sie mit sich in ihr Zimmer, wo sie einander weinend umarmten – das Fräulein von Lespinasse mit Aufrichtigkeit; bei der Anderen waren es Krokodillsthränen.
– Meine liebe Julie, sagte sie zu ihr.
– Madame —
– Es ist heute ein Jahr, gerade um diese Stunde, als wir unsere Mutter ins Grab senkten; ich habe ihr versprochen, Sie glücklich zu machen, ich glaube mein Versprechen erfüllt zu haben, nicht wahr?
Die Lespinasse wagte nicht, es zu leugnen: sie nickte nur mit dem Kopfe.
– Mein Fräulein Schwester, wenn ich mein Versprechen gehalten habe, denken Sie denn nicht daran, das Ihrige zu halten?
– Welches, Madame?
– Das, welches Sie meiner verehrten Mutter ablegten, und welches ihr nach der Entfernung ihres Beichtvaters einen ruhigen Tod verschaffte.
– Ich weiß nicht, was Sie sagen wollen, Madame.
– Wie, erinnern Sie sich nicht mehr, daß sie allein mit mir sprechen wollte, daß sie länger als eine halbe Stunde mit mir allein blieb und dann in meiner Gegenwart zu Ihnen sagte: »Heute über ein Jahr wird Deine Schwester Dir unsere Unterredung mittheilen, meine Tochter?«
– Das ist wahr, aber ich kenne den Gegenstand, sie hat mir ihn sogleich mitgetheilt, und ich weiß nicht, daß von einem Versprechen von meiner Seite die Rede war.
– Sie haben meiner Mutter zugeschworen, wenn ich Sie glücklich machte, diese elenden Papiere zu vernichten, die ihre und meines Vaters Schande beweisen, und die Erfüllung dieses Versprechens ist es, die ich von Ihnen verlange.
– Ich!
– Ja, erinnern Sie sich dessen nicht mehr?
– Ich kann mich dessen nicht erinnern, Madame, weil es nicht wahr ist.
– Sie leugnen es! Sie leugnen die Worte meiner Mutter, Ihrer Wohlthäterin.
– Ich erkenne die Worte Ihrer Mutter, meiner Mutter an, aber hören Sie, weshalb sie ausgesprochen wurden. Frau von Albon empfahl mich Ihnen ganz besonders an; die mütterliche Besorgniß machte, daß sie die Zukunft fürchtete, indem sie sie mit der Vergangenheit verglich. Sie fügte hinzu, wenn Sie Ihr Wort hielten, wenn wir uns nach Verlauf eines Jahres an ihrem Grabe darstellten, würde sie in unserer Mitte sein und uns segnen, das war Alles, Madame.
– Also, Fräulein, haben Sie die Absicht, ihre geliebte Asche zu stören, eingebildete Rechte geltend zu machen und eine Familie zu zerrütten, die Sie achten sollten?
