Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.
Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 39
– Ich werde nichts anhören, sagte er, als aus dem Munde der Frau Herzogin, und zwar in Ihrer Gegenwart, meine Herren.
Man stellte ihm vor, daß die Herzogin ihn nicht besuchen könne, und daß er auf diese Hoffnung verzichten müsse.
– Wie Sie wollen, meine Herren; aber dann werde ich nur meinen Richtern antworten, und alle Qualen der Welt würden mich nicht bewegen, anders als mit Ihnen zu reden.
Es blieb nichts weiter übrig, als die Herzogin herbeizuholen. Ungeachtet ihrer Stirn, die nicht erröthete, wußte sie nicht, welches Gesicht sie annehmen sollte, und wurde verwirrt. Der Abbé wurde es nicht, und sah sie fest an.
– Nun, Frau Herzogin, was soll ich jetzt sagen?
– Sagen Sie, was Sie wollen, mein Herr, versetzte sie, sich ein wenig fassend, aber mischen Sie mich gefälligst nicht in die Sache, und schweigen Sie von Allem, was mich angeht, sonst dürsten Sie es zu bereuen haben.
Der Abbé verlor den Muth nicht, und als sie noch andere Drohungen aussprach, erzählte er vor ihrem Manne und ihrem Schwager Alles, was sich zwischen ihnen zugetragen hatte, und fügte hinzu, er würde es vor ganz Frankreich wiederholen, und es liege ihm wenig daran, sich so gefährliche Feinde zu machen, wie sie es sein möchten, wenn er nur die Wahrheit bekannt mache.
Die Herren von Bouillon beriethen sich durch Blicke; der älteste konnte nicht reden, so sehr war er darniedergeschlagen; sein Bruder that es für ihn und bot dem Abbé Pouret Alles, was er wollte, für einen Widerruf an.
– Ich will nichts.
– Aber ein Vermögen, Abbé, ein Vermögen. Wir sind reich genug, um Ihr Glück zu machen.
– Was! ich sollte der ganzen Welt sagen, daß ich ein Fälscher und Verleumder bin! Nein, niemals, das ist unmöglich, mein Vater würde mich verfluchen.
– Sie können wahrscheinliche Entschuldigungen angeben, die nicht entehrend sind: eine Liebe zu dem Fräulein Lecouvreur, die Sie bewogen, diese Geschichte zu erfinden, um sich dann als ihren Retter hinzustellen und sich ihre Liebe zu verschaffen.
– Nein.
– Dann behaupten Sie, daß Sie von Sinnen gewesen.
– Ebenso wenig.
– Dann wählen Sie zwischen Ihrem Glück und der ewigen Gefangenschaft in der Bastille.
– Gnädigster Herr, Sie sind ein sehr großer Seigneur, aber ich habe Freunde, die mich nicht umkommen lassen werden. Der König ist gerecht und gut; er wird sie anhören.
Sie hatten gut reden; sie mochten thun, was sie wollten, er blieb unbeweglich.
– Sie haben Madame angehört, fügte er hinzu, um der Sache ein Ende zu machen. Sie wissen so gut wie ich, daß sie strafbar ist und daß ich unschuldig bin; bestrafen Sie sie nach Ihrem Gefallen; das geht mich nichts an, aber bestrafen Sie mich nicht. Wenn Sie mich frei lassen, will ich Ihnen zuschwören, Paris zu verlassen, in meine Provinz zurückzukehren, nie ein Wort von dieser Sache zu sprechen und nicht einmal den Namen der Frau Herzogin zu nennen. Wollen Sie es?
Sie antworteten ihm nicht und es war offenbar ihre Absicht, ihn bis zu seinem Tode gefangen zu halten; aber die Lecouvreur wachte. Als sie ihn nicht wiederkommen sah, schrieb sie an seinen Vater, er möge kommen, und sie wollten zusammen alle Thüren belagern, um ihm die der Bastille zu öffnen.
Der gute Mann kam. Der Cardinal rühmte sich, wie man wußte, seiner Gerechtigkeit gegen die Großen. Er ging gerade zu ihm und bat ihn ganz laut darum, als er aus der Messe des Königs kam und sich in der Galerie befand, wo es Alle hören konnten, die es wollten.
Es war ein kühner Schlag und er glückte vollkommen. An demselben Tage ließ Seine Eminenz den Herren von Bouillon sagen, wenn sie nicht wollten, daß der Proceß weiter geführt werde, so müßten sie den Abbé frei lassen, weil man ihn sonst nicht länger gefangen halten könne.
Daß der Proceß fortgesetzt werde, wünschten sie freilich nicht; die öffentliche Meinung sowohl, die der Vornehmen wie der Geringen, war ihnen entgegen. Uebrigens ließ ihnen die Entschlossenheit des Abbé keine Hoffnung übrig, und sie konnten nur erwarten, daß er Alles sagen würde. Sie mußten also wohl gestatten, daß man ihm die Freiheit wieder gab.
Frau von Bouillon wendete ihre Hinterlist an; sie wußte ihre Mörder zu finden und rechnete darauf, sich ihrer zu bedienen, um diesem Unglücklichen Schweigen aufzuerlegen. Während der zwei Monate, wo sein Vater in Paris blieb, sagte ihm Niemand etwas; aber er beging den Fehler, nicht fortzugehen, und vierzehn Tage später verschwand er, ohne daß es möglich war, ihn ungeachtet aller Nachsuchungen wieder zu finden.
Dreizehntes Kapitel
Das Fräulein Lecouvreur war untröstlich darüber, und der Graf von Sachsen ebenfalls. Dieser genirte sich nicht, die Herzogin laut für eine Giftmischerin und Mörderin zu erklären; er suchte es so zu machen, daß die Herren von Bouillon davon in Kenntniß gesetzt wurden, da er hoffte, daß sie ihn zum Zweikampf fordern würden. Begreiflicherweise thaten sie dies nicht, denn wie konnten die Neffen und Erben des Herrn von Turenne eine solche Sache vertreten!
Die Zeit verging; man fand Bouret nicht wieder. Die Lecouvreur war beständig auf ihrer Hut, da sie sich überzeugt hielt, daß der Versuch früher oder später erneuert werden würde, worin sie sich indessen täuschte.
Diese Lehren sind zu gut, als daß man sich ihnen von Neuem aussetzen sollte, wenn man sie einmal empfangen hat, und Frau von Bouillon war von ihrem Schwager benachrichtigt worden, wenn sie wieder anfangen würde, es ihr nicht so hingehen und man mit ihr kurzen Proceß machen würde, um ihrem Namen die Schande des Henkers zu ersparen.
Die Herzogin wurde dennoch überall nicht weniger gut empfangen; man fürchtete sie und scherzte darüber, denn in Frankreich scherzt man über Alles, und benannte gewisse Anisplätzchen mit ihrem Namen. Man machte Gaukelmännchen zum Neujahrstage, welche die Zunge herausstreckten und Phiolen in den Händen hielten und die man Spielzeug à la Bouillon nannte.
Und als der Polizeilieutenant die Händler rufen ließ, um sie darüber zur Rede zu stellen, antworteten sie sehr unschuldig und mit vielem Respect, da die Frau Herzogin sehr in der Mode sei, so hätten sie gedacht, daß ihr Name ihrer Industrie Glück bringen würde. Was war dabei zu machen?
Einige Monate später spielte die Lecouvreur Roxane: sie war sehr schön darin. Frau von Bouillon applaudirte in ihrer Loge auf dem Theater mit Affectation. Am Ende, während des kleinen Stücks, kleidete sich die Schauspielerin um, und ihre anerkannte Nebenbuhlerin ließ ihr sagen, sie wünsche sie zu sehen und ihr ihr Compliment zu machen.
– Was soll das bedeuten? rief Roxane. Wiegt die Loge der Frau Herzogin ihr Gewicht an Arsenik auf, wie das Zimmer der Boisin?
– Gehen Sie nicht hin, sagte der Graf von Sachsen, der zugegen war.
– Ueberbringen Sie der Frau Herzogin meinen unterthänigsten Respect, versetzte Adrienne, und bitten Sie sie, meine Entschuldigung anzunehmen; ich bin nicht angezogen, und kann mich so nicht präsentiren.
Der Bote ging mit diesen Worten, die eine ehrliche Weigerung enthielten, fort., Frau von Bouillon hielt sich nicht für geschlagen. Es kam ein zweiter Abgesandter, welcher beauftragt war, ihr diesmal anzukündigen, daß die Frau Herzogin die Lecouvreur in ihrem Negligé empfangen wolle, und daß sie vorher keine Toilette machen solle.
Eine neue Verlegenheit; aber auch darauf wußte sie sich herauszuwickeln.
– Danken Sie gefälligst der Frau Herzogin, und sagen Sie ihr, wenn sie nachsichtig genug sei, mir zu verzeihen, so in ihre Nähe zu kommen, so würde mir doch das Publicum nicht verzeihen. Um ihr indessen zu gehorchen, werde ich die Ehre haben, mich ihr in den Weg zu stellen und sie zu begrüßen, wenn sie hinausgeht.
So unerklärlich auch dieser Einfall war, begab sich die Schauspielerin an den verabredeten Ort und erwartete diese stolze Feindin, die sie hatte tödten wollen. Diese Zusammenkunft war auffallend. Die Freunde der Lecouvreur hielten sich ein wenig zurück, alle bereit, ihr zu Hilfe zu kommen, wenn es nöthig sei. D'Argental war da nebst dem Grafen von Sachsen und viele Andere.
– Ah! mein Herz, wie wünsche ich Ihnen Glück, sagte die Herzogin, sich ihr mit sehr liebenswürdiger Miene nähernd, Sie waren erhaben, man kann nichts Schöneres sehen. Wie gut sie die Eifersucht ausdrücken!
– Es ist eine böse Leidenschaft, Madame, die oft weiter führt, als man nur will, versetzte Adrienne mit heiterer Miene, das werden Sie zugestehen, wie ich es zugestehe, nachdem ich eben Atalide habe erdrosseln lassen.
Der Pfeil traf sicher, sie wußte es aber zu verbergen, und das Gesicht war nicht weniger offen.
– Sie sind die Erste in Ihrem Genre, mein Fräulein; man hat eine Leidenschaft nie so gut ausgedrückt. Fahren Sie so fort zu unserem Vergnügen und Ihrem Ruhm, und rechnen Sie auf meinen Schutz.
Mehr wurde nicht zwischen ihnen gesprochen und sie ging weiter. Jedesmal, wenn die Lecouvreur spielte, nahm Frau von Bouillon ihre Loge ein und applaudirte mit Begeisterung. D'Argental erzählte uns, daß man bei der Schauspielerin sehr darüber lache und sie die Officiantin des Satan nenne, wegen der Plätzchen, die sie im Auftrage des Teufels bereitet.
Einige Zeit darauf sollte Adrienne die Jokaste in Voltaire's Oedipus spielen. D'Argental und Pont-de-Veyle kamen, mich zu fragen, ob ich mit ihnen, mit Frau von Parabère und Fräulein Aissé dorthin gehen wolle. Ich willigte ein, denn ich liebe das Schauspiel sehr.
Es ist eine lange und schwierige Rolle. D'Argental versicherte uns beim Eintreten, er habe sie eben auf dem Theater verlassen, sie sei am Morgen ein wenig unpäßlich gewesen, doch fühle sie sich jetzt kräftig und aufgelegt, und wir würden mit ihr zufrieden sein.
In der That fing sie vortrefflich an, sie hatte einen herrlichen Ausdruck und wurde sehr beklatscht; Frau von Bouillon war wie immer auf ihrem Posten und applaudirte mehr als irgend sonst Jemand.
Um die Mitte des zweiten Acts begann sie schwächer zu werden. Von Zeit zu Zeit wurde sie blaß und ihr Gesicht zog sich krampfhaft zusammen.
– Ach! sagte ich zu Frau von Parabère, sie scheint zu leiden.
– Es ist wahr, sie thut mir sehr leid, sagte Fräulein Aissé.
Als das Stück zu Ende ging, schien das Uebel zuzunehmen, und wir schickten d'Argental ab, um uns Nachricht zu bringen. Er kehrte nicht zurück.
– Sie ist offenbar krank, sagte Pont-de-Veyle, als das Stück zu Ende war.
Wie groß war unser Erstaunen, als wir sie in dem kleinen Stücke »der Florentiner,« worin sie bezaubernd war, wieder erscheinen sahen. Hübsch, lebhaft, geistreich wie ein glückliches Mädchen beim besten Befinden, beruhigte uns dies vollkommen.
Man muß wissen, daß die Lecouvreur seit dem Streite mit Frau von Bouillon in Paris zu einer Heldin geworden war, und daß sich alle Welt für sie interessirte.
D'Argental ließ uns sagen, wir sollten ihn nicht erwarten; seine Freundin habe während der Tragödie einen entsetzlichen Ruhranfall gehabt und reines Blut von sich gegeben: sie wäre schon völlig ermattet gewesen, habe aber doch in dem kleinen Stücke wieder erscheinen wollen, damit man nicht wie das letzte Mal sage, daß sie vergiftet sei.
– Jetzt ist sie wie todt, so sehr ist sie erschöpft, fügte d'Argental's Lakai hinzu, und mein Herr hat sie nebst dem Herrn Grafen von Sachsen und dem Herrn von Voltaire nach Hause geführt; sie werden wahrscheinlich die Nacht dort zubringen, und sie wird morgen früh vielleicht nicht mehr am Leben sein.
Als diese Nachricht bekannt wurde, war das Wort Gift in jedem Munde. Man schickte von allen Seiten zu der Thür der Lieblingsschauspielerin, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, und Frau von Bouillon häufiger, als die Anderen. Endlich weigerten sich ihre Bedienten, dorthin zu gehen, weil die Menge sie ohne Gnade todtschlagen wolle, und ihre Herrin war genöthigt, sich verborgen zu halten, sonst würde es ihr übel ergangen sein. Sie erschien lange nicht wieder im Theater, sonst würde man sie hinausgejagt haben.
Die Lecouvreur hatte Convulsionen, was sonst bei dieser Krankheit nicht gewöhnlich ist. Endlich ging es besser, und man glaubte sie gerettet. D'Argental kam, es uns in der Hast und ganz freudig zu sagen.
– Das liebe Geschöpf hat ihr Testament vor vier Monaten gemacht, denn sie erwartete diesen Anfall. Ich bin ihr Testamentsvollstrecker, und wenn Gott sie uns genommen hätte, hätte ich nicht berücksichtigt, was die Welt darüber sagen würde, und es angenommen.
– Sie hätten wohlgethan, mein Herr, der Wille der Tobten ist heilig. Aber hat sie denn wirklich Gift bekommen?
– Die Aerzte leugnen es. Sylva und Bierac sind einstimmig. Gegen Sylva habe ich einiges Mißtrauen, weil er Hofmann ist; aber Bierac's Geradheit ist bekannt, und er behauptet, daß bei ihrem Uebel Alles natürlich zugeht.
– Man verbreitet, daß sie durch ein Lavement vergiftet worden, ehe sie die Bühne betreten.
– Das ist falsch, übrigens müssen wir sagen, Gott allein weiß es. Der Graf von Sachsen flößte uns Mitleid ein; er hat sie keinen Augenblick verlassen, auch Voltaire nicht, und ich kehre zu ihr zurück. Gort sei Dank! sie ist gerettet, sonst weiß ich nicht, was wir mit dem Grafen hätten anfangen sollen.
Sie war durchaus nicht gerettet, sie starb denselben Abend in dem Augenblick, wo man es am wenigsten erwartete; sie erlosch wie eine Kerze, so daß man glaubte, sie schlafe, und es nicht bemerkte. Sie hatte ihren Kopf auf Voltaire's Schulter gelegt. Ihr Geliebter faßte ihre Hand und fand sie kalt. Er stieß einen entsetzlichen Schrei aus und rief:
– Sie ist todt! sie ist todt!
Man mußte ihn mit Gewalt von der Leiche wegziehen, und länger als sechs Wochen war er wie wahnsinnig.
Man öffnete dieses schöne Mädchen und fand die Eingeweide vom Brande zerfressen. Voltaire war zugegen. Er versichert und schwört in allen Sprachen, daß sie nicht vergiftet worden, daß es Verleumdungen sind, und daß das Haus Bouillon bereit ist, ihn zu unterstützen. Man verlangte es nicht, aber die Herzogin hütete sich klüglich, zu erscheinen, und sie that wohl daran.
D'Argental war, wie er mir angekündigt hatte, ihr Testamentsvollstrecker: er vertheilte die Vermächtnisse und erhielt für seinen Antheil eine herrliche antike Melpomene, die irgend ein Engländer von den in Athen angestellten Ausgrabungen mitgebracht, und welches ein vortreffliches Stück war.
Dabei blieb die Sache. Wie ich gesagt habe, war der Abbé Bernis im Seminar, und fast noch ein Kind, hatte ihn seine Feldschule zu den Priesterinnen der Venus geführt, bis man ihn von Neuem einsperrte, und endlich kam er, wie wir ihn gesehen haben, als zerlumpter Abbé daraus hervor und machte kleine Verse.
Man hatte nicht mehr von Bouret reden hören. Der Abbé von Bernis bewahrte die Erinnerung an ihn, und als er mächtig geworden war, begann er diesen jungen Mann aufzusuchen. Frau von Bouillon war todt, und man dachte an dies Alles nicht mehr. War dieser Unglückliche ermordet worden? Brachte er sein Leben im Gefängnisse hin? Er erzählte dem Könige und der Frau von Pompadour die Geschichte; er interessirte sie dafür und es wurde der Befehl gegeben, in allen Gefängnissen Frankreichs nachzusuchen.
Man begann mit der Bastille, als dem nächsten, und man fand in einem Zimmer des dunkelsten Thurmes einen Mann, der nur mit einer Nummer bezeichnet war, der sich seit beinahe zwanzig Jahren dort befunden, und dessen Signalement, sowie dessen Zeit der Verhaftung genau mit der dieses Abbé Bouret übereinstimmte; nur war es nicht derselbe Name.
Man befragte ihn, was man bisher noch nie gethan hatte; er war vergessen worden und Niemand wollte seine Rechtfertigung hören. Zuerst fragte man ihn, wer er sei, und er antwortete:
– Der Abbé Bouret, der arme Abbé Bouret, der Unschuldigste der Menschen, und verurtheilt, ohne gehört zu werden.
Man ließ ihn seine Geschichte erzählen. Er wurde als der Abbé Bouret anerkannt und nach weiteren Erkundigungen entdeckte man, daß der Verhaftsbefehl einen anderen Namen enthielt, daß man den armen Abbé ergriffen und in dieses Gefängniß geworfen. Indessen war der Befehl gegeben worden, ihn zu schonen, ihn nicht zu quälen, und ihm zu bewilligen, was ihm nothwendig sei. Man brachte ihn in ein Zimmer und nicht in einen Kerker, man gab ihm gute Nahrung, man gestattete ihm, zu lesen und Bücher aus der Bibliothek zu nehmen, unter der Bedingung, daß er Alles zeige, was er schreibe, und daß die verlangten Bücher durch die Hände des Gouverneurs gingen.
Außer der Freiheit hatte er Alles, und er durfte mit Niemand sprechen. Der arme Mann verlangte jeden Augenblick, daß man ihn verhöre, daß man ihn nicht dort sterben lasse, ohne ihm zu sagen, warum. Man hörte ihn nicht an, er gehörte zu den geheimen Gefangenen und bekam eine Nummer.
Man stattete dem Könige und der Frau von Pompadour über dieses Verhör Bericht ab; man erzählte es dem Abbé von Bernis, der seinen alten Freund erkannte und dringend bat, ihn in Freiheit zu setzen.
Der König gab auf der Stelle den Befehl dazu. Der Abbé Bouret wurde in Freiheit gesetzt, man führte ihn aus der Bastille; vor der Thür war er wie versteinert und wußte nicht, was werden sollte. Seine Ueberraschung war außerordentlich groß, als er die Karosse eines Fürsten der Kirche erblickte, deren Tritt niedergeschlagen war, und als ein Lakai sich ihm, den Hut unter dem Arme, näherte und ihn respectvoll bat, sich die Mühe zu geben, einzusteigen, da Seine Eminenz warte.
– Ich? rief Bouret, ich bin es nicht, Sie irren sich.
– Nein, Herr Abbé, Seine Eminenz erwartet Sie, kann ich Ihnen versichern. Sehen Sie nur, wie ungeduldig er Ihnen zuwinkt.
Der Abbé ging, seine Füße fortschleppend, mit tiefen Verbeugungen auf die Karosse zu.
– Ei! komm doch, Abbé, man hat viel Mühe, Dich zu haben; Du liefest ehemals schneller auf der sandigen Ebene, als Du Meuchelmörder auf den Fersen zu haben glaubtest.
Er erhob den Kopf, und ungeachtet der zwanzig Jahre und des rothen Gewandes erkannte er den Abbé von Bernis.
– O Himmel! rief er, indem er seinen Hut fallen ließ.
– Ich bin es selber, mein Freund, und mit Gottes Hilfe habe ich Dich in Deinem Loche ausgewittert. Wir werden einander nicht wieder verlassen. Ich nehme Dich mit nach Venedig, wohin ich als Gesandter gehe, und vorher will ich Dich Seiner Majestät vorstellen, der keine Ahnung von der Ungerechtigkeit hatte, die man in seinem Namen begangen.
– Du willst mich gegen die Bouillon beschützen? – Ah! Verzeihung, Eure Eminenz, Verzeihung —
– Wir sind gute Freunde, alte Freunde, Bouret, und nichts von Eminenz, wenn wir allein sind.
Er nahm ihn mit und hat ihn noch bei sich.
Es ist gewiß ein schöner Zug von dem Abbé von Bernis, den ich habe anführen wollen, um ihn bekannt zu machen.
Vierzehntes Kapitel
Einer der wunderlichen literarischen Freunde des Abbé Bernis, vor seiner Größe, war der gute Panard, mit dem man sich nicht so viel beschäftigt hat, wie er es verdiente. Es war ein seltsames Geschöpf, welches ich sehen wollte, als ich von ihm hatte reden hören, sowie seinen Pylades Galet, welches die beiden seltsamsten, dem Trunke ergebenen Dichter von ganz Paris waren.
Galet war ein wassersüchtiger Specereihändler, der sein ganzes Leben damit zubrachte, zu trinken und zu singen, Wortspiele und triviale Scherze zu machen. Er kümmerte sich nicht mehr um den Tod, als um eine leere Flasche, und als er fast schon in den letzten Zügen lag, hörte er nicht auf zu lachen und zu scherzen.
Er ging in den Tempel, als er bankrott gemacht hatte, und man sprach selbst bei dem Prinzen von Conti von ihm. Als der Geistliche kam, um ihm die letzte Oelung zu geben, sagte er:
– Sie kommen meine Stiefel zu schmieren; aber es ist unnütz, denn ich gehe zu Wasser ab.
Er schickte zu gleicher Zeit diese Verse, welche zu jener Zeit alle Welt sang:
Mt diesen Versen sei zufrieden,
Ich machte Dir noch mehr hienieden,
Und mehr, als man Apostel zählt;
Doch, lieber Collé, g'rade jetzt
Erwartet mich der Sensenmann,
Der mich als Beute ausgewählt.
Und dieser Mann starb eine Viertelstunde später, nachdem er den letzten Vers dieses Couplet geschrieben, und indem er seinem Kameraden zulachte.
Dies erinnert mich an den alten Vicomte de Celles, als er dem Tode nahe war, und den ich eine Stunde vorher, als er mich darum gebeten, besucht hatte. Er führte beständig Witze und Scherzreden im Munde, und sah in seinem Bette wie ein Gespenst aus; ich sah wohl, daß er nicht wieder aufkommen würde, wollte ihm aber doch Hoffnung geben.
– Muth gefaßt, mein Herr, dies wird nichts zu bedeuten haben, Sie werden darüber wegkommen.
– Ja, wenn nicht darunter weg.
Dies waren seine letzten Worte.
Mit Ponard war es noch anders, er dachte durchaus an nichts auf dieser Welt. Die Vergangenheit, die Zukunft, Nahrung und Wohnung, das Alles bekümmerte ihn nicht.
– Das geht meine Freunde an, sagte er.
In der Thai beschäftigten sich auch seine Freunde damit.
Marmontel hat mir erzählt, wenn er zu der Zeit als er den Merkur gehabt, einige Verse gewollt, so habe er sich an Panard gewendet und sie von ihm verlangt, welcher ihm dann geantwortet:
– Suchen Sie in meiner Perrückenschachtel.
Dort hinein warf er sie, nachdem er sie im Wirthshause geschrieben, und oft waren Weinflecke darauf. Als man ihm eine Bemerkung darüber machte, antwortete er:
– Es ist das Siegel des Genies.
Einige von seinen Chansons sind reizend. Alle waren bei Tafel improvisirt, und er vergaß sie nachher wieder. Nach seinem Tode hat man sie gesammelt.
Als er seinen Freund Galet verlor, war er lange Zeit sehr traurig, und als man mit ihm von seinem Schmerze sprach, antwortete er:
– Ah! er ist freilich sehr tief und lebhaft! ein Freund von dreißig Jahren, mit dem ich mein Leben hinbrachte! auf der Promenade, im Schauspiel, im Wirthsdause, immer bei einander! Ich habe ihn verloren, ich werde nicht mehr mit ihm singen und trinken. Er ist todt, ich bin allein auf der Welt, ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Sie wissen, daß er im Tempel gestorben ist?
Und darüber brach er in Thränen aus.
– Ich bin gegangen, um auf seinem Grabe zu weinen und zu seufzen. Und welch ein Grab! Sie haben ihn unter eine Dachtraufe gelegt, ihn, der, seit er zur Vernunft gekommen, kein Glas Wasser getrunken.
Man ließ diesen guten Panard zuweilen zu den vornehmen Damen kommen, wo man ihn zum Souper einlud, indem man ihn täuschte, um das Vergnügen zu haben, ihn anzuhören. Die arme Frau von Mailly, die so gern trank, wettete zur Zeit ihrer Gunst mit dem Könige, daß sie Panard täuschen und ihn zu Tische einladen wolle. Der König war sehr neugierig, zu erfahren, wie sie, sich dabei benehmen würde. Wenn er den Namen der Gräfin gehört hätte, würde er sich aus dem Staube gemacht haben, denn er scheuete die feinen Manieren wie das Wasser.
Sie verkleidete sich eines Tages mit Frau von Vintimille, wie ich von dieser letzteren gehört habe, und da gingen sie, Panard in einer Schenke an der Barrière von Maine aufzusuchen, wo er seinen Hof hielt. Sie hatten Herrn von Richelieu bei sich, der einen Verkäufer aus den Hallen in seinen Sonntagskleidern, und Paris-Duvernay, der einen Kohlenhändler vorstellte. Die Damen selber hätte man bei ihrer Korpulenz wohl für zwei Fischhändlerinnen halten können.
Die Vorstädter spotteten sehr über den winzigen Herzog, der schlank und mächtig wie ein Petitmaitre unter seinem weißen Hute einherstolzirte. Sie fragten ihn, wie viele Säcke er zugleich aufheben könne, und da er es nicht übel nehmen konnte, so nahm er den Scherz sehr gut auf.
– Ich bin nur der Aushelfer, antwortete er, und werde mich bessern.
– Mein Junge, bei solchen Werkzeugen, wie diese, sagte Einer von diesen wackeren Leuten, indem er eine von den Händen des Herzogs zwischen seine Finger nahm, kann man nur Perrückenmacher oder Damenfriseur werden.
– Nun gut! da will ich Perrückenmacher werden.
– Topp! wenn Du noch keinen Herrn Hast, so will ich Dir einen verschaffen. Ich habe einen wackeren Bruder, der im gekrönten Hühnchen die Barte wegmacht, der sucht einen Lehrling; paßt Dir das?
– Das will ich meinen, daß es mir paßt. Und wo ist dieses gekrönte Hühnchen?
– Hier ganz in der Nähe, zum Henker! laß uns ein Glas Wein trinken, und dann wollen wir gehen.
– Nun ja – aber ich habe da mein Cousine bei mir, die mit mir hierher gekommen ist, da wir nicht in diesem Stadtviertel wohnen, um hier Jemand zu suchen.
– Wer ist das? Ich kenne hier Jedermann.
– Es ist der Versemacher Panard.
– Ich will Euch zu ihm führen, es ist mein bester Freund, wir trinken alle Tage zusammen, der wackere Mann und ich.
Er faßte sie bei der Hand und führte sie an das andere Ende des Saales, wo Panard sang und trank. Der Vorstädter rief ihm zu:
– Panard, man verlangt Dich.
– Wer denn?
– Diese Damen und diese Seigneurs, fügte er mit Nachdruck hinzu, ohne sich träumen zu lassen, daß er es so gut getroffen.
– Was wollen sie von mir?
– Monsieur Panard, sagte Frau von Mailly, welche näher trat, wir haben Ihre Chansons gelesen und gesungen, und kommen ausdrücklich von Versailles, um Sie zu sehen und mit Ihnen zu Mittag zu speisen.
– Ist das wahr?
– Ja, vollkommen wahr.
– Ihr habt keinen verdorbenen Geschmack, meine Kleinen, und Ihr versteht Euch darauf. Und Ihr wollt, daß wir zusammen zu Mittag speisen, wann und wo?
– Nun, heute, und wo Sie wollen.
– Hier also. Laßt mich nur machen, wir haben hier einen Wein, der des königlichen Kellers würdig ist. Ihr werdet zahlen?
– Das versteht sich von selbst.
– Und Ihr werdet nicht blos zusehen wollen, das versteht sich auch von selbst; Ihr sollt schon etwas Gutes für Euer Geld haben, da könnt Ihr ruhig sein.
Dann ging Panard mit ihnen hinaus und führte sie in eine Art Cabinet, welches auf einen hübschen Garten hinausging. Es befanden sich dort wackelige Bänke, ein durchlöcherter Tisch und Alles gehörig mit Wein befleckt, das heißt mit dem Wein, welchen diese ehrlichen Leute von Kirschen und tausend Ingredienzen fabriciren. Der Geruch war nicht auszuhalten; Frau von Mailly hielt sich gut, aber Frau von Vintimille konnte es nicht ertragen und ging in den Garten.
Herr von Richelieu hätte sich auch gern derselben Schwäche hingegeben, und er machte den Vorschlag, im Freien zu speisen, was mit Acclamation angenommen wurde. Der wackere Mann war da wie zu Hause, alle Leute kannten ihn und er bestellte das Festin als Stammgast, und die Weine, als wenn er Kellermeister wäre. Der Einführer nahm natürlich auch an dem Feste Theil.
Panard war bezaubernd, er trank um einen Gendarmen zu beschämen, er improvisirte Couplets und Madrigale und wiederholte die Schlußreime, welche die ganze Schenke im Chor sang; es war ein Lärm, wovon diese Damen bezaubert waren, und den sie gern den Soupers bei Hofe vorgezogen hätten. Ich hätte mich nicht entschließen können, an diesen Partien Theil zu nehmen; ich verabscheue diese Vergnügungen und liebe nur den delicaten Geist.
Die Wette wurde gewonnen und der König zahlte sie galant und königlich. Herr von Richelieu war der passendste Mann auf der Welt zu solchen Thorheiten. – Nach ihm oder vielmehr zu gleicher Zeit mit ihm hat seine Tochter sie fortgesetzt. Man hat viele Dinge von ihr erzählt, die vielleicht nicht wahr sind. Was ich gewiß weiß, ist ihre Liebe zu dem Grafen von Gisors, dem Sohne des Marschall von Belle-Isle, dem liebenswürdigsten und schönsten Herrn des Hofes. Diese Liebe hatte ein trauriges Ende, denn der Graf wurde bei der Armee getödtet. Frau von Egmont konnte sich nicht darüber trösten und man konnte ihr seitdem keine ernstlichen Galanterien beilegen.
Ich werde mich nicht damit unterhalten, im Einzelnen von dem Marschall von Richelieu zu reden; es giebt keine Schrift jener Zeit, die nicht von seinen Werken und Thaten voll ist. Er ist sechzig Jahre lang überall unentbehrlich gewesen. Ich habe ihn gekannt, wie alle, und habe ihn nie geliebt oder geachtet. Er besaß nur Geist, Ehrgeiz, Intrigue, sowie viel Kühnheit und natürliche Tapferkeit. Was das Herz, die Gesinnungen und die Großmuth betrifft, so ist es nicht nöthig, etwas davon zu sagen, das waren versiegelte Briefe. Ich rede wie von der Vergangenheit, und doch lebt er noch und wird noch lange leben. Er ist ein Jahr älter, als ich, und ich bin gewiß, daß er mich begraben wird. Er hat sich eben wieder verheirathet oder ist im Begriff, es zu thun, ich weiß nicht genau, ob die Sache abgeschlossen ist, man hat mir nur davon erzählt.
Ein Mann, von dem ich noch wenig gesagt habe, und von dem ich doch sprechen will, ist Fontenelle. Ich sah ihn oft und liebte ihn, weil er ein guter Unterhalter war. Man behauptete, daß er Egoist sei, daß er nichts für irgend Jemand thue, und daß er sich nur dadurch erhalten habe, daß er den Anderen so viel weggenommen, wie er gekonnt.
Als der Sohn einer Schwester der beiden Corneille, behauptete er eine hohe Verehrung und Bewunderung für seinen Onkel, den großen Tragiker, und eine tiefe Verachtung für seinen Nebenbuhler zu hegen. Auch war Racine der Gegenstand seines Hasses, es ist nicht zu viel gesagt, daß er ihn haßte.
Fontenelle besaß viel Geist und zwar von der besten Art. Seine Philosophie glich nicht der unserer lieben Philosophen von Profession, er tadelte wenig und strebte nach der Vollkommenheit Anderer, unter der Bedingung, daß es nicht zu viel toste, sie zu erlangen.
Wenn er nicht viel für seine Freunde that, so unternahm er auch nichts gegen sie; und das ist schon viel in dieser Zeit. Die berühmte Geschichte von dem Spargel, wovon man so viel gesprochen hat, ist vollkommen wahr. Er erklärte sie, indem er behauptete, er habe die Krankheit nicht für so ernstlich gehalten; ich weiß aber nicht, ob es eine Entschuldigung ist,
Er war in seinem Hause bei der Mittagstafel mit einem seiner Freunde, der ein ebenso großer Gourmand war, wie er, und das wollte nicht wenig sagen, denn Fontenelle war einer der unterrichtetsten Gourmands, die ich gekannt habe; wir haben uns oft über den Küchenzettel unterhalten. Es war zur Zeit, wo es noch wenig Spargel gab und wo man ihn nur schwer haben konnte, und die beiden Esser wollten sich daran nach Gefallen gütlich thun. Nur herrschte eine kleine Verschiedenheit. des Geschmacks zwischen ihnen: Fontenelle wollte den Spargel mit einer Sauce, und sein Freund wollte ihn mit Oel. Um sich zu vereinigen, beschloß man, die eine Hälfte auf die eine und die andere auf die andere Weise zu bereiten.
In dem Augenblicke, als man sich zu Tische setzte, wurde der Freund Fontenelle's – ich weiß seinen Namen nicht nur, sondern habe ihn auch auf der Zunge – erst roth, dann blaß, dann wieder roth und fiel wie ein Bleiklotz hin; man stürzt auf ihn zu, man ruft um Hilfe, man versichert, daß er todt ist und nicht wieder zu sich kommen wird; wahrend dieser Zeit geht Fontenelle in die Küche und ruft der Köchin zu:
