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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 40
– Allen Spargel mit Sauce!'
Dies war Alles, was er in diesem Ereignisse sah, wovon er hätte ergriffen sein sollen.
Fontenelle hatte indessen sehr ernstliche Liebesverhältnisse, um welche Wenige wußten; das, mit welchem ich in Verbindung stand, ist fast ein Roman und währte mehrere Jahre. Ich habe seine Tochter gekannt, welche zu Chaillot in demselben Kloster Nonne war, worin sich die Tochter der Herzogin von Bern und des Herrn von Riom befand. Sie liebten sich und verließen einander nicht. Die Tochter Fontenelle's, das Fräulein von S., war zehn Jahre älter, als die andere, und doch beschützte diese sie. Der Herzog von Orleans hatte ihr eine gute Mitgift gesichert, unter der Bedingung, daß sie einfache Nonne würde und daß man sie zu nichts anhalte. Es war eine sehr schöne Person, als ich sie sah, sehr stolz auf ihre Geburt, durchaus nicht fromm, und wüthend, eingesperrt zu sein. Ehe wir zu ihr und zu dieser interessanten Anekdote kommen, müssen wir mit Fontenelle und seinen Liebesverhältnissen ein Ende machen, deren man ihn nicht für fähig gehalten.
Die Marquise von S. war eine schöne Frau, romantisch, und thöricht, und wohnte in der Provinz in einem schönen Schlosse mit ihrem Manne allein, der außerordentlich eifersüchtig war. Sie las Alles, was von einem Ende des Jahres bis zum anderen geschrieben wurde, und ganz besonders die Werke Fontenelle's, der zu jener Zeit noch jung war und noch jünger schien, als er war.
Diese Frau ließ ihr Gehirn arbeiten, setzte sich etwas in den Kopf, und siehe da, sie verliebte sich in Fontenelle, den sie nie gesehen hatte. Nur wenn man allein auf dem Lande wohnt, kann man solche Einfalle haben.
Sie wußte nichts Besseres zu thun, als ihm ohne Unterschrift zu schreiben, indem sie ihn zu antworten bat. Sie gab ihm die Adresse ihrer Amme, deren sie gewiß war. Er antwortete, bezaubert von dem Briefe, der sehr gut stylisirt war, und verlangte die Fortsetzung dieser Correspondenz, woran sie es nicht fehlen ließ. Der Verkehr wurde sehr lebhaft und der Marquis ließ sich ungeachtet seiner Eifersucht nichts davon träumen. Wer hätte dies auch denken sollen!
Nach zwei oder drei Monaten reichten die Briefe nicht mehr hin; die Liebe war eingestanden und von beiden Seiten wohl aufgenommen worden, und man wollte einander sehen.
Wie wollte man es machen? Fontenelle zauderte nicht. Er verkleidete sich als Colporteur und kam eines Abends auf dem Schlosse an, wo er um Gastfreundschaft bat, welche Leuten seines, Schlages, gegen die der Herr kein Mißtrauen hegte, gern bewilligt wurde; sonst nahm er Niemand auf. Der Colporteur bat um die Madame vorgestellt zu werden und ihr seine Waaren anbieten zu dürfen, was man auch sogleich bewilligte. Der Marquis war abwesend, und das war ein günstiger Zufall.
Die vertraute Amme ging, den Liebenden aufzusuchen, und führte ihn herein; er warf den Packen hin und stürzte sich der Marquise zu Füßen, sprach mit noch mehr Beredtsamkeit, als seine Briefe, und erhielt mit lebhafter Stimme die Geständnisse und Versprechungen, die er bereits empfangen.
Dies war ein Entzücken, und Alles, was darauf folgte; aber plötzlich hörte man einen Wagen und Pferde, und der Ehemann kam zurück. Man wurde unruhig, man wußte nicht, was man anfangen sollte; man wollte ihn hinausführen, aber anstatt dessen schloß man ihn in ein enges Cabinet ohne Fenster und ohne anderen Ausgang, als durch das Zimmer seiner Geliebten; aber man vergaß den Packen.
Der Mann kommt, wirft einen argwöhnischen Blick um sich, sieht seine Frau verwirrt und die Amme ebenfalls und bricht los. Die Marquise hatte so vollständig den Kopf verloren, daß sie kein Wort hervorbringen konnte, so heftig er sie auch schüttelte. Die Amme hatte mehr Geistesgegenwart und zog sie aus der Verlegenheit.
Sie warf sich auf die Knie und rief, sie sei allein schuldig und der Zorn ihres Herrn müsse auf sie fallen, und nicht auf ihr liebes Kind. Und dann gestand sie mit vielem Schluchzen und Thränen, daß sie einen Colporteur ungeachtet des ausdrücklichen Verbots eingelassen, und daß sie sich Putzsachen hätten auswählen wollen, als er eingetreten, und daß die Furcht vor seinem Zorn sie Beide in den Zustand versetzt, worin er sie gefunden.
Diese Erklärung beruhigte den Eifersüchtigen ein wenig, ohne ihm völlig zu genügen; er that Fragen, die ihnen Zeit ließen, sich zu erholen. Wo war dieser Colporteur? Was wollte er? Was war es für ein Mann? Man antwortete auf Alles und man wagte endlich, ihn erscheinen zu lassen.
– Für wen werde ich in den Augen dieses Mannes gelten, Madame? Sie spielen mit meinem Ruf. Uebrigens ist es mir sehr lieb, zu wissen, was in diesem Packen ist. Rufen Sie ihn.
Und man zog ihn aus dem Cabinet hervor. Glücklicherweise hatte er Alles gehört, glücklicherweise hatte er viel Geist und spielte die Komödie vortrefflich; glücklicherweise war der Packen wirklich mit Waaren gefüllt. Fontenelle trat mit bedächtiger Miene ein und sagte, er sei aus der Normandie, was auch mit der Wahrheit übereinstimmte, und was sein Dialect verrieth. Er zählte eine ganze Reihe erstaunlicher Erfindungen auf und endete damit, seine Waaren auszukramen und sie nach Art der Kaufleute in den Buden des Palais anzupreisen. Er spielte seine Rolle vortrefflich; der Ehemann wurde dadurch getäuscht, kaufte ihm seine Putzsachen ab und bezahlte sie ihm, was noch mehr war. Man hat sehr darüber gelacht.
So besuchte er diese Dame zwei Jahre lang, höchstens zwanzigmal im Jahre, bei Gefahren und unter Verkleidungen jeder Art. Einmal blieb er zwei Tage in eben diesem Cabinet und man zog ihn halb todt vor Kälte daraus hervor. Ein andermal konnte er ihr in einer Hecke nur die Hand küssen, während der Ehemann zu ihr hinübersprach. Sie liebten einander nur um so mehr.
Der Erfolg von dem Allen war eine Tochter, die man verbergen mußte, und es gelang mit Hilfe eines gefälligen Arztes, indem man eine Krankheit vorschützte, in Folge welcher sie vier oder fünf Monate das Bett hüten mußte. Sie war beständig unter dem Todesstreiche. Wenn der Ehemann die Sache entdeckt hätte, würde er sie bestimmt getödtet haben; es war einer von den Cavalieren von dem alten Felsen, die über das Kapitel der Ehre nicht scherzen und die niemals verzeihen.
Das Kind wurde von seiner Geburt an ins Kloster gebracht; eine Freundin ihrer Mutter nahm sie mit sich und erzog sie. Sie ist nie daraus hervorgegangen und ich habe sie gut gekannt. Fontenelle besuchte sie oft und verbarg ihr nicht, daß er ihr Vater sei; aber weder sie noch irgend sonst Jemand hat je den Namen der Marquise erfahren. Er bezeichnete sie nur mit diesem S. und fügte hinzu, daß dies nicht der rechte Anfangsbuckstabe sei. Das Geheimniß wurde wohl bewahrt. Die Dame starb jung und hat ihr Kind nicht gesehen.
Man nannte sie Schwester Josephine; sie war nicht hübsch, aber sie hatte allen Geist ihres Vaters und ich habe selten eine interessantere Unterhaltung gehört. Die Aebtissin und die Nonnen schätzten sie sehr. Sie erlangte mehr Macht durch ihre Verbindung mit der jungen Prinzessin, von der wir sogleich reden werden, und die eine andere Person war.
Fünfzehntes Kapitel
Die Frau Herzogin von Berry hatte, wie man weiß, diese Tochter aus ihrer wirklichen Ehe mit dem Grafen von Riom. Sie bat ihren Vater sehr, ihr zu erlauben, sie für rechtmäßig zu erklären, wovon er nie hören wollte, obgleich er ihr sonst nie etwas abschlug.
Sie wurde vom Luxemburg nach Meudon gebracht, wo man ihr ein Haus kaufte, für sie, für ihre Amme und für einen Bedienten, den man ihr gab und den man unter den Befehl ihrer Gouvernante, der Madame Dumesnil, stellte. Sie war als Marie Philippine de Riom getauft und vollständig als solche erklärt worden. Dies konnte Niemand verhindern, nur war nicht von ihrer Mutter die Rede.
Der Herzog von Saint-Simon und andere ernste Hofleute, machten dem Regenten bemerklich, daß es ein, Scandal sei und daß er nicht zugeben dürfe, daß diese Quasi-Prinzessin sich vor den Augen der Welt unter dem Namen ihres Vaters einrichte; er müsse sie entfernen, um sie zu verhindern, zu reden, wenn es überhaupt möglich sei.
Er sagte es seiner Tochter, die darüber aufgebracht wurde und von nichts hören wollte.
Eines schönen Morgens wurde das kleine Mädchen entführt und die Amme mit ihr, und man wußte nicht, was aus ihr geworden. Die Herzogin von Bern hatte nur ein mittelmäßiges Mutterherz; sie ging wohl zu ihrem Vater, um zu weinen, aber im Grunde kümmerte sie sich nicht weiter darum, als er ihr gesagt hatte:
– Ich habe mich dazu verbindlich gemacht, sei ruhig, es wird ihr an nichts fehlen.
Sie war in der That ruhig. Es war nicht so mit Herrn von Riom. Dieses Kind war sein Glück, der lebende Beweis seiner Verbindung mit dem königlichen Hause. Er wollte es haben. Er quälte die Prinzessin und diese beschäftigte sich wieder mit der Sache. Sie wußte nicht, was man mit Marie Philippine angefangen hatte, und als sie ihren Vater auf's Aeußerste trieb, deutete er seinen Entschluß an.
Die Kleine wäre in einem sehr entfernten Kloster; er habe ihr eine Mitgift festgesetzt, wenn sie sie aber von dort zu entfernen suche, wenn sie sich im geringsten mit ihr beschäftige, würde er sie noch weiter wegschicken und sich nicht mehr um ihren Unterhalt bekümmern.
– Ebenso, fügte er hinzu, wird es mit allen Kindern sein, die Du noch in die Welt setzen wirst. Laß es Dir hiermit gesagt sein.
Diese Erklärung führte zu einer Scene, in welcher die Tochter zu ihrem Vater sagte:
– Ich weiß nicht, warum Sie meine Kinder verfolgen; sie sind doch gewisser von dem Blut der Bourbons, als der Abbé von Saint-Phar oder der Chevalier von Orleans.,
Es waren zwei natürliche Söhne ihres Vaters, wovon der letztere anerkannt worden.
Die Prinzessin starb kurze Zeit nachher. Der Regent war in Verzweiflung und wollte seine Enkelin umarmen. Er ließ sie in das Palais-Royal kommen und vertraute sie der Frau von Chelles an, die sie einige Zeit bei sich behielt und sie zum Andenken an ihre Schwester ganz behalten wollte. Man nahm sie im Alter von fünf Jahren wieder weg.
Es war zu spät, Philippine von Riom kannte ihre Geburt und der Stolz keimte in ihrem Herzen. Sie wurde nach Chaillot geführt, wo man ihr erklärte, daß sie den Schleier nehmen werde. Der Herzog von Orleans sah sie oft und noch am Morgen seines Todestages.
Das Kind hatte die Gewohnheit des Gehorsams und wagte nicht, sich zu widersetzen, aber als sie groß wurde, zeigte sie mehr Kühnheit. Sie wurde schön und geistreich, wie ihre Mutter, sie wurde coquett und begann ihren Schleier als Diadem zu ordnen.
– Ich gehöre dem,Hause von Frankreich an, sagte sie oft, ich bin eine Verwandte des Königs und es ist eine große Ungerechtigkeit, mich so einzuschließen; mit meinen Cousinen, den Prinzessinnen, ist es nicht so.
Alle diese Ideen schlugen Wurzel in ihrem Kopfe. Sie hegte, wie ich gesagt, eine große Freundschaft für Fontenelle's Tochter, und Beide erdichteten Romane und Abenteuer, die sich an dem Klostergitter die Nase zerbrachen.
Es sollte nicht immer so sein.
Man war nicht strenge gegen Philippine, besonders nicht, seitdem sie ihre Gelübde abgelegt hatte; man ließ sie in das Sprachzimmer kommen, wo die Damen ihre Gegenwart wünschten. Ich ging mit Frau von Parabère dorthin und so lernte ich sie kennen. Ihr Vater beunruhigte sich ihretwegen nicht, seitdem sie ihm nichts nützen konnte, doch kam er noch zuweilen zu ihr. Außer den Besuchen war sie von vielen Diensten entbunden und ging nur zur Messe, wenn es ihr gefiel, und konnte frei im Umkreise der Mauern des Klosters und des Gartens spazieren gehen.
Eines Tages unterhielt sie sich damit, eine kleine Treppe über dem Waschhause hinaufzuklettern, und entdeckte zu ihrer unaussprechlichen Freude, daß sie zu einem Boden führte, aus dessen unvergittertem Fenster sie eine Aussicht auf den Nebengarten hatte, wo sie ein prächtiges Haus bewunderte. Es war eine unvergleichliche Freude für sie, und jeden Tag benutzte sie ihre Freiheit und brachte Stunden lang damit zu, die freie Luft des kleinen Fensters zu athmen.
Das Haus war von einem jungen Cavalier bewohnt, der sehr schön, verwaist, reich, aber seltsam erzogen war. Sein Vater war früh gestorben, seine Mutter war untröstlich gewesen und hatte Jahrelang in dieser Zurückgezogenheit gelebt, ohne irgend Jemand bei sich zu sehen. Sie galt für todt, denn sie schrieb nicht an ihre nächsten Verwandten, und als sie starb, befand sich ihr Sohn ohne andere Erziehung, als die, welche ihm die Zärtlichkeit seiner Mutter gewährt hatte, völlig allein und außer Stande, seine Güter zu verwalten, da er vor der Welt nur den kleinen Raum kannte, wo er gelebt hatte.
Er war furchtsam, schwermüthig und wurde ein Menschenfeind. Er wies die wenigen Menschen, die sich für ihn interessirten, von sich zurück und lebte wie ein Einsiedler, ohne irgend etwas kennen zu lernen oder zu sehen, obgleich er unermeßlich reich war.
Auch er las Romane, auch er dachte an die Liebe, an das Glück, an die Freiheit, ohne das Mittel zu finden oder auch nur zu suchen, zu dem Allen zu gelangen.
Philippine hatte ihn schon seit mehreren Tagen gesehen, ehe er den Kopf zu ihr erhoben hatte. Endlich begegneten ihre Augen einander und er blieb wie geblendet stehen. Das arme Mädchen wurde bewegt und bezaubert und entfloh furchtsam.
Die ganze Nacht verging damit, an den schönen jungen Mann zu denken, welcher seinerseits nicht weniger an sie dachte. Am nächsten Morgen war er, sobald die Mette läutete, im Garten, die Nase in die Luft gerichtet, und sobald Philippine entfliehen konnte, lief sie auf den Zehen zu ihrem Fenster, streckte den Kopf aus und erblickte ihren Nachbar auf der Wache.
Dieser Anblick aus der Ferne war eine große Sache für Leute, die nicht wußten, wohin er führen konnte, und die allein ihrem Instinct folgten. Sie begannen also ein Verfahren, welches noch lange währte, und darin bestand, einander zu sehen, ohne daß sie gesehen sein wollten. Jeder wagte den Anderen anzusehen und zog sich dann hastig zurück.
Der Vicomte de la Valette gewährte Philippinen einen verweigerten Genuß. Sie vertraute der Schwester Josephine ihre Entdeckung an, indem sie sie mit sich führte, um ihre Meinung über den Werth der Eroberung zu hören. Ihre Meinung war durchaus günstig, aber die Tochter Fontenelle's glaubte, einige Vorstellungen über die Gefahr dieser Unterredungen und die Notwendigkeit, sie einzustellen, machen zu müssen.
Philippinen fehlte es nicht an Gründen, dieses Urtheil umzustoßen. Sie versicherte, sie würde nicht dorthin zurückkehren, wenn ihre Freundin etwas dagegen einzuwenden habe, aber gewiß sei nichts Böses dabei, da man sie wider ihren Willen zur Nonne gemacht, und sie ihre Gelübde nur mit den Lippen ausgesprochen, und da ihr Herz und ihr Wille sie niemals genehmigt hätten.
Diderot hat aus dieser Geschichte die erste Idee zu seiner Abhandlung über die Religion geschöpft; er hat sie noch beträchtlich vermehrt, da die arme Philippine zu jenen gedankenvollen Personen gehörte, die nicht wissen, woran sie sich zu halten haben.
Sie verbarg sich von jetzt an vor ihrer Freundin, die sich wohl vorstellen konnte, was vorging, aber die Augen schloß, wie sie wenigstens fast zugestanden hat. Das junge Mädchen ging alle Tage auf diesen Boden und wurde endlich so kühn, daß sie lächelte und die Blumen annahm, die er ihr zuwarf; dann nahm sie einen Brief an, beantwortete ihn und sprach endlich mit ihm: sie erfuhr seinen Namen, sagte ihm den ihrigen, erzählte ihm ihr Unglück, ihren Wunsch, das Kloster zu verlassen, und auch ein wenig von der Liebe, die sie für ihn hegte. Sein Entzücken war außerordentlich; er kletterte endlich Abends zu diesem Fenster hinauf, und sie entfloh aus ihrer Zelle, um zu ihm zu gelangen. Sie plauderten ganze Nächte durch, er auf der Leiter und sie auf dem Boden; zu einander zu kommen, daran war nicht zu denken, denn das Fenster war zu eng und gestattete nur die Unterhaltung.
Was war zu machen? Die Verliebten konnten nicht dabei stehen bleiben, die Liebe hält nicht an, ehe sie befriedigt ist; sie erdachten die unsinnigsten Pläne, die ihnen ihre Jugend eingab. Philippine fand den rechten: er war kühn, aber er mußte gelingen, und er gelang auch.
Herr von Riom kam, wie gesagt, selten, aber er kam doch zuweilen, und jedesmal beklagte er dann mit ihr die Strenge, womit sie behandelt wurde, und sprach den Wunsch aus, sie in der Welt zu sehen.
Sie dachte daran, sich seinen Beistand zu verschaffen. Weit entfernt, fromm zu sein, war er einer der Ersten, der sich den freien Grundsätzen hingab, die später Mode geworden sind. Der Bruch der Gelübde war also eine Kleinigkeit für ihn, und Philippine wußte es wohl, denn sie hatte selber etwas von dieser Ansicht aufgefangen. Sie entschloß sich, ihm Alles zu sagen, ihn um seinen Beistand zu bitten und ihm zu erklären, wenn er sie verrathe, würde sie es nicht überleben.
Dieser Entschluß bewies zugleich ihre Unerfahrenheit und ihre Feinheit. Sie wagte Alles, denn wenn ihr Vater nicht ihr Mitschuldiger wurde, mußte er ihr Feind werden. Sie erwartete ihn ungeduldig. Sobald sie ihn erblickte, zog. sie ihn in einen Winkel des Sprachzimmers und erzählte ihm auf einen Zug ihr Abenteuer. Ungeachtet seines Cynismus und seiner Zuversichtlichkeit wurde Herr von Riom blaß.
– Du weißt nicht, was Du sprichst, meine Tochter. Was! Du willst das Kloster verlassen! mit diesem jungen Manne fortgehen! Das geht nicht an, oder Du bist verloren!
– Indessen wird es doch angehen, mein Herr, und Sie werden mir helfen, denn Sie wollen nicht meinen Tod, und wenn ich hier bleibe, bin ich noch um so mehr verloren, denn ich wiederhole Ihnen, es ist mein Tod!
Sechster Band
Erstes Kapitel
Das Blut kochte in den jungen Adern dieser engagirten Prinzessin.
Herr von Riom dachte nach: er betrachtete diese Schönheit in ihrer Blüthe, er hörte ihre Worte an, und er kannte diesen ungebändigten Charakter, den sie von ihrer Mutter hatte; er bewunderte und zitterte zu gleicher Zeit.
Die Wichtigkeit des Augenblicks flößte ihm einen Gedanken ein.
– Ich weigere mich nicht, Dir zu dienen, meine Tochter, nur muß ich es auf nützliche Weise thun können, und darum verlange ich wenigstens einen Monat zum Nachdenken. Den wirst Du mir wohl bewilligen, nicht wahr?
– Einen Monat! das ist lange, mein Herr, ich sterbe vor Ungeduld.
– Es ist sehr wenig, wenn es gelingen soll, und es wird mir gelingen, bewillige mir nur diese Zeit.
Sie ließ sich viel bitten, endlich willigte sie unter der Bedingung ein, daß ihr Vater sie oft besuche, mit ihr spreche und ihr Rechenschaft von den Fortschritten ihrer Wünsche ablegen solle. Darauf verließ der Graf sie und ging gerade zum Präsidenten Henault, dem Secretair der Befehle der Königin, vor dem Ihre Majestät viel Achtung hatte, und den sie gern anhörte. Er erzählte ihm die ganze Geschichte und bat ihn, sie Ihrer Majestät mitzutheilen und zu versuchen, ihren Schutz in dieser Sache zu erlangen.
Er machte ihm begreiflich, daß dieses Kind ihm allein angehöre, und daß es im königlichen Hause durchaus seine Verlegenheit herbeiführen könne, und wenn es an einen reichen und vornehmen Herrn verheirathet wäre, könne es dem Blute, welches in seinen Adern fließe, keine Schande machen.
Der Präsident ging ausdrücklich nach Versailles, um die Königin davon in Kenntniß zu setzen und ihr den Wunsch des Herrn von Riom vorzutragen. Die gute und fromme Fürstin hörte ihn an und stieß laute Ausrufungen aus,
– Nonne wider Willen! das darf nicht sein, das können wir nicht zugeben. Man wird sich nach diesem Herrn erkundigen; wenn sie für einander passen, wird man leicht den Erlaß ihrer Gelübde erhalten und sie verheirathen. Mein Gott! dieses Kind hat ein Verbrechen begangen und wird vielleicht ohne Gnade verdammt werden. Ich will sogleich mit dem Könige davon reden.
Sie that es. Ludwig der Fünfzehnte wußte um das Dasein dieses jungen Mädchens, er hatte sich ihretwegen nicht beunruhigt, als er dies Alles aber erfuhr, ging er auf die Ansichten der Königin ein und billigte sie vollständig. Er wollte überdies eine kleine Komödie spielen, und in Folge dessen wurden Befehle ertheilt. Der Graf Von Riom erhielt dieselben durch die Vermittelung des Präsidenten und ging sogleich zu seiner Tochter.
Er kündigte ihr an, daß Alles bereit sei, und daß am folgenden Abend oder vielmehr in der folgenden Nacht eine Leiter an die Klostermauer gelegt werden solle, daß der Vicomte auf der andern Seite warten und sie zusammen abreisen würden. Die Freude war unermeßlich, Sie lief zu ihrem Fenster und warf ein Billet hinaus, welches schnell aufgehoben wurde; sein Entzücken war gleich groß.
Alles geschah, wie man gesagt hatte, nur als Philippine die letzte Stufe heruntergestiegen war, fand sie anstatt des Vicomte einen Polizeidiener mit einem Verhaftsbefehl versehen, der sie anhielt, sie in eine Kutsche steigen ließ und sie fortführte, ohne ihr weitere Erklärungen zu geben. Der Wagen rollte eine lange Zeit weiter und hielt vor einer kleinen Pforte an, wo man sie aussteigen ließ und eine ziemlich steile Treppe hinaufführte, und endlich in ein Zimmer geleitete, wo eine bejahrte Dame, die sehr gut zu sein schien, ihrer wartete. Die Kleine hatte nur einen Schrei, um zu fragen, was man von ihr wolle, und was aus dem Vicomte geworden sei. Man antwortete ihr nicht; sie gerieth in heftige Wuth und wurde fast wahnsinnig, so daß man sie die ganze Nacht bewachen mußte.
Am Morgen bat man sie, sich ein weißes Kleid und einen Schleier anlegen zu lassen, welche nicht ihrem Orden angehörten, indem man hinzufügte, daß sie eine große Person sehen werde, von der ihr Schicksal abhängig sei. Sie hatte viel Mühe, einzuwilligen; man gab ihr die Versicherung, daß es das einzige Mittel sei, sich dem Vicomte zu nähern, und dann gehorchte sie. So gekleidet, war sie wahrhaft schön und glich Zug für Zug dem Regenten.
Als sie bereit war, holte man sie ab und führte sie durch endlose Gänge, einige dunkel, andere hell, bis sie zu einem sehr großen ganz vergoldeten Zimmer kam, dann wieder zu einem, welches noch mehr ausgeschmückt war, wo sie einen sehr schönen einfach gekleideten jungen Mann ohne Ordenskleidung fand, der eine Bewegung der Ueberraschung machte, als er sie erblickte.
– Ah! welche Aehnlichkeit, sagte er.
Philippine sah ganz erstaunt aus.
– Mein Fräulein, sagte der Unbekannte, Sie haben sich eines wahren Verbrechens schuldig gemacht. Keine Nonne, die ihr Gelübde bricht und entflieht, hat keine Verzeihung zu hoffen, und der Rest ihres Lebens muß in Reue vergehen.
– Mein Leben wird nicht lange währen, wenn es so ist, mein Herr.
– Man wird Sie überwachen, mein Fräulein.
– Ich weiß nicht, wer Sie sind, mein Herr, aber Sie sind kein Priester, und ich darf in dieser Sache nur mit höheren Geistlichen verhandeln; man führe mich vor sie. Leben Sie wohl.
– Noch einen Augenblick, mein Fräulein. Sie sind also die Tochter des Grafen von Riom.
– Ich bin die Tochter der Frau Herzogin von Berry, Enkelin des Regenten und Cousine des Königs.
– Wenn Sie es auch nicht sagten, würde man Sie leicht erkennen, wenn man Ihre Frau Mutter gesehen hat.
– Wenn Sie davon überzeugt sind, mein Herr, müssen Sie mich nicht wie die Anderen behandeln. Ich weiß und fühle, wer ich bin. Aus thörichten Staatsgründen hat man mich seit meiner Geburt eingesperrt und mich nicht einmal durch die Ecke eines aufgehobenen Vorhanges die Welt sehen lassen, welcher ich angehöre, und ich will sie sehen oder sterben.
– Das ist freilich der Geist Ihrer Mutter, mein Fräulein, Sie haben ihn auch in Ihren Augen. Sie würden also den lieben, der Ihnen Ihre Freiheit wiedergäbe, der Sie in die Arme des Vicomte führte und der Sie auf Ihre Art glücklich sein ließe?
– Ach, mein Herr, der würde im eigentlichen Sinne mein Vater sein, als der, welcher mich verrathen hat.
Der Fremde lächelte, streckte seine Hand nach der Klingel aus und hielt dann inne.
– Und sagen Sie mir, wo Sie zu leben wünschen und ob Sie den Hof lieben würden?
– Nein, mein Herr. Die Tochter der Frau Herzogin von Berry könnte dort nicht an ihrem Platze sein; sie will keinen anderen einnehmen und nie dorthin gehen. Der Vicomte und ich werden in der Provinz und im Auslande wohnen.
– Gut, sehr gut!
– Er wird also kommen? rief sie.
– Der Fremde nickte lächelnd mit dem Kopfe.
– Und wir werden einander nicht mehr verlassen?
– Sind Sie denn genug bestraft?
– Ach, mein Herr, ich war so unglücklich!
Dieses Wort war eine vollständige Rechtfertigung; auf ein gegebenes Signal öffnete sich die Thür und der Vicomte trat herein, während zu der anderen eine sehr geschmückte Dame mit sehr sanfter Miene hereinkam. Der wohlwollende Herr näherte sich ihr, reichte ihr mit sehr respectvoller Miene die Hand und führte sie zu einem Lehnsessel, wo sie Platz nahm; die Liebenden hatten nur Augen, um einander anzusehen.
– Madame, Sie haben gewünscht, unser junges Paar zu sehen, Sie haben sich mit ihrem Glück beschäftigen wollen, erlauben Sie mir also, Ihnen Ihre Schützlinge vorzustellen, ehe man sie zu ihrer Bestimmung fortschickt. Fräulein von Riom und Herr von Salette, begrüßen Sie die Königin.
Die Kinder waren sehr bestürzt, und machten eine ziemlich linkische Verbeugung; Philippine zeigte noch immer einen Anflug von Stolz.
– Der König ist zu gut, antwortete Marie Leczinska, sich so mit meinen Wünschen zu beschäftigen,
und ich bin sehr glücklich, mich in Übereinstimmung mit ihm zu finden, um eine gute Handlung auszuführen.
– Der König! riefen sie zu gleicher Zeit.
– Er selber.
– Ah! Sire, fügte das junge Mädchen hinzu, verzeihen Sie mir, aber —
– Aber Sie sind die Tochter der Herzogin von Berry, und Sie wollen nicht, daß man daran zweifle. Sie verdienen eine Strafe, aber Sie haben sie erhalten durch die Furcht, die man Ihnen verursacht hat; jetzt werden Sie sogleich mit dem Vicomte verheirathet werden, nicht in unserer Gegenwart, nicht in, der Kapelle des Schlosses, wie Sie es verstanden zu haben scheinen, denn das geht nicht an, aber die Frau Gräfin von Brionne wird Sie Beide nach Paris führen und man wird Ihre Verbindung in der Kapelle ihres Hotels einsegnen.
– Und hier ist die Dispensation von Ihren Gelübden, mein Fräulein, fuhr die Königin fort; Sie sind frei; danken Sie Gott, der Ihnen ein Verbrechen erspart hat.
– Sie werden später auf Ihr Landgut gehen und wohin es Ihnen gefallen wird; meine Wohlthaten werden Sie begleiten, doch unter der Bedingung, daß der Name Ihrer Mutter nicht von Ihnen ausgesprochen werde. Es gibt Dinge, die vergessen werden müssen, und die Mißheirathen königlicher Personen geboren offenbar zu dieser Anzahl. Wohl verstanden, ich will Sie nicht verletzen, sondern nur aufklären.
Er richtete einige wohlmeinende Worte an den Vicomte und bot ihm eine Anstellung an, die er ausschlug; dann als sie sich trennen wollten, reichte er dem jungen Mädchen ein hübsches gesticktes Portefeuille, bat um die Erlaubniß, sie umarmen zu dürfen, und sagte mit der bewundernswürdigen Miene, die nur ihm eigen ist:
– Meine Cousine, hier ist Ihre Mitgift. Philippine, die dies sehr übel aufnahm und deren Stolz dem der Prinzessin glich. die wir alle gekannt haben, legte das Portefeuille auf den Kamin und trat zurück,
– Sire, sagte sie, Sie haben mir verboten, Ihre Cousine zu sein, ich habe also keine Mitgift von Ihnen anzunehmen, übrigens nimmt mich Herr von Salette nicht des Geldes wegen, und ich danke Ihnen.
Ludwig der Fünfzehnte blieb fast bestürzt stehen. Die gute Königin faßte Philippinens Hand, überreichte ihr mit ihrer Dispensation ein paar prächtige Armbänder und sagte zu ihr:
– Sie werden wenigstens das Portrait Ihres Vaters und Ihrer Mutter nicht ausschlagen, wenn ich es Ihnen anbiete.
Es war das des Königs und das ihrige, von glänzenden Diamanten umgeben. Philippinens Herz wurde von so vieler Gnade und Güte gerührt: sie küßte also Marie, Leczinska weinend die Hand.
– Ich bin also allein ausgenommen? versetzte der König; man wird mir Alles verweigern?
– Nein, Sire, ich nehme und gebe meinem Vater.
Sie reichte ihm die Wange hin und nahm selber das Portefeuille, welches sie vorher zurückgewiesen hatte.
Frau von Brionne wurde nach dieser kleinen Scene gerufen, die Liebenden wurden ihr von dem Könige und der Königin wie ihre Kinder anvertraut. Sie führte sie mit sich, man verheirathete sie, wie es verabredet war, und sie reisten in die Bretagne zu der Besitzung des Vicomte ab, von wo sie nicht mehr zurückkehrten. Die Vicomtesse starb an ihrem ersten Kinde, welches auch nicht am Leben blieb; ihr Mann verschwand von der Scene, und ich kann nichts weiter von ihm sagen.
Ludwig der Fünfzehnte hatte angenehme Züge in seinem Charakter, den man sehr verleumdet hat. Uebrigens liebte er den Regenten sehr, welcher sich immer gut gegen ihn benommen hatte, und er mußte sich glücklich fühlen, seiner Enkelin seine Erkenntlichkeit zu beweisen.
