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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 45

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Neuntes Kapitel

Ich habe gestern einige Kapitel von diesen Memoiren gelesen oder sie mir vielmehr von Pont-de-Veyle vorlesen lassen, unter anderen den Theil, wo ich von Fontenelle spreche. Er hat sich sehr über seine Geschichte mit der Marquise empört und hinzugefügt, daß das unmöglich sei, da alle Welt wisse, daß Fontenelle kein Herz habe und nie etwas geliebt. Er führte mir zum Beweise das Wort an, welches er zu Diderot gesagt, als dieser eines Tages vom Gefühl sprach.

– Was mich betrifft, mein Herr, ich habe seit achtzig Jahren das Gefühl zu der Ecloge verbannt.

Dies Alles ist wahr, und doch ist der poetische Umgang mit dieser Dame auch nicht weniger wahr. Es war das einzige Mal in seinem Leben, das gestehe ich zu, aber dennoch ist es eine Wahrheit, und das Kind auch, denn das Kind lebt und ist eine alte Nonne, Bei diesen Beweisen mußte Pont-de-Veyle mir freilich glauben.

– Ich hätte ihn nimmermehr so sehr für einen Dichter gehalten, fügte er zum Tröste hinzu, denn es ist Poesie und nicht mehr, vom Herzen ist bei dem Allen nicht die Rede.

– Ei! mein Lieber, antwortete ich ihm, Sie haben kein Herz, so viel ich weiß, Sie machen nicht einmal Anspruch daran. Hat Sie dies verhindert, in Ihrer Jugend Thorheiten zu begehen für Mädchen, die noch lange nicht so viel werth waren, wie die Marquise. Es ist immer in uns selber ein Winkel, dessen wir uns nicht rühmen, und der besser ist, als das Uebrige, kurz, ein Gefühl. Wenn Fontenelle sich im höchsten Grade zum Epigramm hinneigte, so hindert dies nicht, daß er auch ein wenig Gutes in sich haben sollte, und wäre es auch nur seine Erkenntlichkeit für seinen Onkel Corneille, der ihn erzogen, so führt doch dieses wenige Gute zu vielen Dingen,

Als Rousseau die Eremitage verließ, nachdem er sich heftig mit der philosophischen Coterie entzweit hatte, die er von allen Seiten angegriffen, ging er nach Montmorency, wo er von dem Marschall von Luxembourg, von der Marschallin besonders und von dem ganzen Adel Frankreichs, der in dieses köstliche Schloß kam, mit offenen Armen empfangen wurde. Er triumphirte über seine Gegner und vernichtete sie von seiner neuen Stellung aus. Keiner von ihnen wurde in diesen glänzenden und prächtigen Zirkel aufgenommen, worin er thronte und wo ich ihn sehr oft demüthig und dienstfertig sah. Will man einen Beweis davon?

Er hatte einen kleinen häßlichen schwarzen Hund, den er aus Haß gegen die großen Seigneurs »Duc« nannte. Er kläffte aus der Ferne gegen sie, wie dieser kleine Hund die Vorübergehenden ankläffte, ohne sich ihnen zu nähern. Als er in Montmorency war, machte er aus »Duc« »Turc«. Da ich ihn oft dieses spöttischen Namens sich hatte rühmen hören, so konnte ich nicht umhin, eines Tages vor aller Welt eine Bemerkung darüber zu machen. Er antwortete mir nicht. Er war nicht kühn gegen die Wahrheiten, welche laut ausgesprochen wurden, und im Allgemeinen hatte er erst eine Viertelstunde nach den Anderen Geist – zuweilen kam auch diese Viertelstunde niemals.

Er wurde genöthigt, beim Erscheinen seines savoyischen Vicars sein Asyl zu verlassen, und er floh nach der Schweiz, wo er, Gott sei Dank, noch Thorheiten und schlechte Handlungen genug beging, um von dort vertrieben zu werden. Von dort ging er in den Elsaß und kehrte endlich zu uns nach Paris zurück. Der Prinz von Conti empfing ihn im Tempel, er fürchtete nicht die Kothflecke und wollte um jeden Preis der Beschützer der Wissenschaften werden. Dort nahm ihn Herr Hume, der englische Geschichtschreiber, als grotesker Armenier verkleidet, und führte ihn mit sich nach England. Er blieb dort ebenso wenig, wie anderswo, und zum Theil aus denselben Gründen. Man mußte sehen, wie er gegen Herrn Hume handelte, weil er das Unrecht begangen, ihm Gutes zu thun! Damals schrieb Herr Walpole, der über diesen Mann aufgebracht war, den berühmten Brief des Königs von Preußen an Jean Jacques Rousseau. Dieser Brief wurde in der ganzen Welt bekannt, und versetzte Jean Jacques und, wie man sagte, auch den König der Philosophen in Wuth, Er ließ sie alle nach einander zu sich kommen, bis er dessen überdrüssig wurde. Dieser König hatte etwas von Jean Jacques an sich, er war ebenso wenig zufrieden und hatte einen Stolz, der ebenso schwer zu befriedigen war. Voltaire war neugierig auf seine Rechnung; sie verabscheuten einander einstimmig und schnitten einander im Herzen Gesichter.

Herr Walpole kehrte ruhig nach England zurück, ohne sich um Jean Jacques Rousseau's Widersprüche zu kümmern, der damals ganz allein stand und keine Verbindungen unter den Literaten hatte. Die Geschichte seiner Entzweiung mit dem Baron von Holbach, dem Letzten, der ihm geblieben, war drollig genug. Der Baron von Holbach hat sie selber bei mir erzählt, obgleich er selten kam.

Bei diesem Baron waren zum Diner Diderot, Saint-Lambert, Marmontel, ich weiß nicht, wer sonst noch, und ein verskünstelnder Pfarrer, der eine von ihm verfaßte Tragödie vorlesen wollte. Dieser Probe der Beredtsamkeit ging eine Abhandlung über die theatralischen Kompositionen voran, die sehr leicht in der Kürze zu wiederholen ist.

– Die Tragödie und die Komödie, sagte er, unterscheiden sich sehr leicht von einander. In der Tragödie handelt es sich um einen Mord, in der Komödie um eine Heirath. Man muß also wissen, ob man in der Komödie heirathen, ob man in der Tragödie tödten wird. Wird man heirathen? wird man nicht heirathen? Wird man tödten? wird man nicht tödten? Man wird heirathen, man wird tödten, das ist der erste Akt; man wird nicht heirathen, man wird nicht tödten, das ist der zweite Akt. Ein neues Ereigniß stellt sich dar, eine neue Erfindung zu tödten oder zu heirathen, das ist der dritte Akt; ein Hinderniß erhebt sich, welches verhindert zu heirathen oder zu tödten, und das ist der vierte Akt. Dies muß geendet werden, und im fünften Akt heirathet oder tödtet man, weil Alles ein Ende hat.

Es ist leicht zu begreifen, wie solche Erörterungen von einer solchen Versammlung aufgenommen wurden, man lachte, man verspottete den armen Mann, Jean Jacques allein hielt sich zurück und sagte kein Wort, er lachte und sprach nicht. Plötzlich stand er auf, lief auf den guten Mann zu, entriß ihm sein Heft, warf es auf den Boden und rief mit einem Ausdruck der Wuth:

– Alles, was Sie da sagen, hat keinen gesunden Verstand, Ihre Tragödie ist ein Unsinn, alle Welt hält sich hier über Sie auf; kehren Sie zu Ihrer Herde und zu Ihrer Pfarre zurück, das ist das Beste, was Sie thun können.

Darüber wurde der Pfarrer aufgebracht, sie sagten einander alle möglichen Beleidigungen und würden sich gewiß geschlagen haben, wenn man sie nicht daran verhindert hätte.

Rousseau reiste ab, wüthender, als der lächerlich gemachte Dichter, und seitdem wollte er keinen seiner alten Freunde wiedersehen, so zuvorkommend sie sich auch gegen ihn zeigten. Er beschuldigte sie aller seiner Leiden, deren er nur sich selber beschuldigen konnte, und er trommelte sie in seinen Schriften aus, mit großer Verstärkung von Verleumdungen und Bosheit, was für einen Feind sehr ungeschickt war, denn er durfte nur einfach die Wahrheit sagen, und er hätte sie so schon genug angeklagt. Freilich hätten sie es ihm wiedergeben können, und diese waren nicht besser, als jene.

Rousseau wurde überall vertrieben oder er verbannte sich selbst, bis er endlich einen Zufluchtsort in Crmenonville bei Herrn von Girardin, einem seiner fanatischen Bewunderer, fand. Man hatte zum Voraus ein kleines Haus für ihn angeordnet, und auf der Pappelninsel, wo man ihn nach seinem Wunsche begraben, fand sich ein Denkmal, dieser einfältigen Julie aus der »Neuen Heloise« errichtet, der langweiligsten Heldin, welche je eine Phantasie nach der Clarissa erdacht.

Er hatte sich an diesem schönen Orte mit seiner Therese, die Madame Rousseau geworden war, eingerichtet. Er hatte sie geheirathet, um den Vorstellungen seiner alten Freunde nachzugeben. Sie leisteten ihm dadurch einen ausgezeichneten Dienst; ein Mann von Geist hatte sich bis zu seiner Köchin herabgelassen! Viard sagt mir, daß sie in zweiter Ehe einen Gärtner heirathen will. Vortrefflich! da hat sie der Sache die Krone aufgesetzt!

Rousseau botanisirte an diesem zurückgezogenen Aufenthaltsorte und wollte Niemand sehen, höchstens seine Gäste. Er liebte einen kleinen Knaben von zehn Jahren, ihren Sohn, und führte ihn oft mit sich. Eines Morgens hatte er ihn auch wie gewöhnlich bei sich und spazierte überall umher, ohne ein Wort zu sprechen. Er hatte diese Gewohnheit bei Madame Dupin in Chenonceaux angenommen, wo er in Frankreich damit anfing, die Stelle eines Secretairs zu vertreten. Da ich von der Madame Dupin rede, von der erwähnte man mir ein hübsches Wort von ihrer Schwiegertochter, der Frau von Chenonceaux, einer der intimsten Freundinnen des Jean Jacques; für sie hat er die Emilie geschrieben.

Beim Tode ihres Mannes verhandelte ihre Schwiegermutter mit ihr das ihr zukommende Wittwengeld und nahm die Sache sehr genau. Frau von Chenonceaux ist eine geborene Rochechouart. Nachdem eine Summe festgesetzt worden war, fügte Madame Dupin hinzu:

– Dies muß Ihnen genügen, da Sie nicht die Absicht haben, an den Hof zu gehen.

– Madame, versetzte die Andere, wenn es Personen gibt, die man bezahlt, um zu Hofe zu gehen, so gibt es andere, die man bezahlt, um nicht dorthin zu gehen.

Rousseau botanisirte also in den Wäldern, als er sich unpäßlich fühlte; er kehrte nach Hause zurück, und nach einer Unterredung mit der interessanten Therese fühlte er sich völlig krank. Diese ließ Jemand vom Schlosse rufen. Frau von Girardin eilte herbei, aber er bat sie, ihn mit seiner Frau allein zu lassen. Dann klagte er über Kolik, verlangte, daß man ein Fenster öffne, betrachtete die Natur und die Sonne, indem er einige Bemerkungen darüber machte, und rief dann aus:

– Gott! Wesen aller Wesen!

Und er sank in Theresens Arme zurück, die ihn fallen ließ, da sie nicht vorbereitet war, ihn zu unterstützen; man hob ihn auf, er drückte ihr die Hand und Alles war zu Ende mit ihm.

Er starb in demselben Jahre mit Voltaire, und nur wenige Monate nach ihm. Diese beiden Gegner sind fast zu gleicher Zeit gegangen, ihre Rechenschaft abzulegen. Was ich nicht begreife, ist die Empfindelei des Herrn und der Frau von Girardin und einer Menge von Gaffern für das Grab dieses Mannes. Man hat ihn, wohl verstanden, ohne Priester auf der Pappelninsel begraben, die man das Elysium getauft hat, und welche jetzt ein Wallfahrtsort ist. In hundert Jahren von jetzt an stelle ich mir vor, daß einige Fanatiker seiner Lehre sich aufmachen werden, um sein Grab aufzusuchen und dort mehr oder weniger unschuldige Opfer darzubringen, aber wir, seine Zeitgenossen, wir, die wir ihn gekannt haben, wir, die wir den abscheulichen Charakter dieses Wehrwolfs, dieses Verleumders der Frauen gekannt haben, wir werden nicht seinem Schatten nachlaufen!

Dieser Mann hatte nur Eins, nämlich einen bezaubernden Styl und eine bewundernswürdige Gewandtheit, die Einbildungskraft zu verführen. Seine Heloise ist als das gefährlichste Buch angekündigt worden, als ein Gift, wovor sich die jungen Mädchen und Frauen besonders hüten müßten. Es ist nach meinem Verständniß und dem fast aller Personen einer der verderblichsten, der einschläferndsten Romane, welche die Phantasie erschaffen hat.

Nach dem Fehler Juliens und nach der Flucht des Saint-Preux, ist er nicht mehr lesbar. Es sind ganz nackte Declamationen und Thesen wie von einem Lehrstuhle. Man bedarf der Wuth des philosophischen Geistes, um damit zu Ende zu kommen. Ich erkläre, daß die durch die »Neue Heloise« verlornen Mädchen dieser nicht bedurften, um zu Grunde zu gehen, sie waren es gewiß schon vorher, und ich werde dieses Werk zu lesen geben, um von den Romanen abzuschrecken; eine Predigt würde ebenso gut sein, wäre nicht der Styl, welchen sehr Wenige zu erreichen versuchen werden, und besonders den sehr Wenige erreichen werden.

Von allen Philosophen ist Rousseau derjenige, den ich am wenigsten unterstütze, weil er entschieden ein böser Mensch ist, der predigt, was er nicht thut, und selbst böse Dinge predigt; ein Beweis ist, was er zu diesem Vater sagte, der sich hoch in seiner Achtung zu stellen dachte und sich rühmte, seinen Sohn in den Grundsätzen des »Emil« zu erziehen:

– Um so schlimmer für Sie, mein Herr, und für Ihren Herrn Sohn, antwortete der Lehrer, Ich bin unglücklicherweise nicht fromm, wie man weiß, so sehr ich auch oft gewünscht habe, es zu sein, ich habe nicht die nöthigen Eigenschaften dazu, aber ich hasse den zur Schau getragenen Unglauben, kurz, ich hatte Alles was nicht wahr ist, und die Philosophen sind besonders nicht wahr. In einer gewissen Epoche meines Lebens, ohne gerade ihre Lehren eingesogen zu haben, hatte ich, was man eine philosophische Lebensweise nennt, und ich wollte besonders, daß sie consequent mit sich selber wären. So erschien mir Voltaire, der in Ferney beichtete und communicirte, als eine Anomalie, und ich konnte mich nicht enthalten, es ihm zu schreiben; er nahm es sehr übel, aber ich habe nie meine Gedanken verbergen können.

Voltaire stand in jeder Hinsicht weit über seiner Schule, die ich seine Livree nannte. Er hatte einen unvergleichlichen Geist, er war mit einer Welt in Berührung gekommen, welche die Anderen aus der Ferne betrachteten, und wenn sie dort zugelassen wurden, war es in der Eigenschaft von Meerkatzen und seltenen Thieren. Man bat immer mit großem Vergnügen die Männer von Talent jeder Art in die gute Gesellschaft aufgenommen, weil diese versucht haben, sich angenehm zu machen; was die eigentlichen Philosophen betrifft, das ist eine andere Sache, sie sind alle lästig und langweilig. Gewiß sind Diderot und d'Alembert höhere und kräftigere Geister; d'Alembert hat überdies eine unbestrittene Heiterkeit und Lebhaftigkeit, aber er wußte nicht zu leben, und es hat mich oft gekränkt, ihn so zu sehen. Was den Marquis von Condorcet, diese Amphibie, betrifft, von dem man mir nicht spricht, den habe ich nie leiden können.

Zehntes Kapitel

Viard hat die Bemerkungen über meine Reise von Cirey wiedergefunden, und ich mache mir ein Fest daraus, sie wiederzuerzählen. Ich befand mich zu derselben Zeit mit der Frau von Graffigny, der Verfasserin der peruvianischen Briefe, dort. Diese arme Frau ist höchst unglücklich gewesen; man verheirathete sie an einen Mann, der sie schlug, der sie mehrmals beinahe getödtet hätte, und von dem sie endlich gerichtlich getrennt wurde, nachdem sie mehrere Jahre mit heroischer Geduld gelitten hatte. Er war Kammerherr des Herzogs von Lothringen, was ihn nicht verhinderte, ins Gefängniß geworfen zu werden und darin zu sterben. Er hatte ich weiß nicht wen geschlagen und einen seiner Bedienten halb erdrosselt.

Frau von Graffigny war nicht reich, sie war im Gegentheil sehr arm und in jeder Hinsicht unglücklich. Sie rächte sich dafür, indem sie Leopold Desmarets, den Sohn eines Musikers und Lieutenants des Regiments Heudicourt, liebte. Dies war nicht genügend, aber es brachte ihr einigen Trost; die Liebe tröstet sehr, wenn sie nicht außerordentlich betrübt.

Sie ging an demselben Tage wie ich oder vielleicht am folgenden nach Cirey und übernahm es, für mich aufzuzeichnen, was sich bei diesem Besuche Bemerkenswerthes zutrage; ich litt schon zu sehr an den Augen, um zu schreiben. Dies sind ihre Aufzeichnungen, die Viard aufbewahrt hat, und welchen wir folgen werden. Es war, so viel kann ich versichern, ein drolliges Haus und drollige Leute.

Madame du Chatelet liebte mich nicht; ich hatte, wie man weiß, ihr Portrait entworfen, und es stimmte nicht mit der Wahrheit überein. Die schöne Emilie liebte die schmeichelhaften Portraits und fand sie niemals wahr genug, wenn sie es nicht waren. Wir waren aus Politik bei einander; sie redeten mich mit honigsüßen Worten und zuckersüßem Lächeln an, aber ich wußte, woran ich mich halten konnte.

Voltaire hegte eine wahrhafte Achtung für mich, dies reichte für sie hin, mich zu verabscheuen; Alles verletzte sie, und wenn sie sich nicht mit ihren alten Freunden entzweite, so wie mit Thiriot, Formont und d'Argental, so war es, weil sie nicht damit zu Stande kommen konnte.

Ich kam auf sehr schlechten Wegen in der Nacht an. Man erwartete mich nicht mehr zu dieser Stunde; indessen bei dem Geräusch meiner Postillone kam Madame du Chatelet im Nachtkamisol heraus und Voltaire kurz nach ihr. Neide empfingen mich mit übermäßiger Freude; sie waren nur von einer Seite aufrichtig.

– Ah! Madame, rief er, sind Sie denn wirklich da! Da wird es etwas zu plaudern geben!

– Man sollte denken, daß wir gar nicht plauderten, fuhr sie in lebhaftem Tone fort.

– Mit Ihnen, Madame, versetzte er, ist man immer im Himmel, mit Madame Du-Deffand steigt man wieder zur Erde herab, und das schadet nicht, man bedarf dessen zuweilen, und wäre es auch nur, um seine Flügel auszuruhen.

– Madame ist ermüdet, fiel die Andere ein, um die Unterredung zu unterbrechen; sie wird mir erlauben, sie in ihr Zimmer zu führen, sie bedarf der Ruhe.

– Und ich mache mir den Vorwurf, Ihre Ruhe gestört zu haben, aber es war nicht von mir abhängig, früher anzukommen. Ich hätte in Ihren ausgefahrenen Wegen vier- oder fünfmal beinahe meinen Wagen zerbrochen.

Voltaire scherzte über die Wege dieses Landes, indem er auf einer ziemlich steilen Treppe zu der zweiten Etage hinaufstieg; er begleitete mich mit einem Leuchter, seine und meine Leute trugen meine Koffer, es war eine seltsame Procession in diesem Schlosse und zu dieser Stunde.

Er führte mich mit vielen Entschuldigungen in eine Halle; es war wohl nöthig, denn ich war nie so schlecht logirt, auch war es das beste Zimmer, die anderen waren vollkommene Kojen,

– Unsere Besuchszimmer sind noch nicht in Ordnung, sagte die Nymphe Emilie zu mir, man kann nicht Alles zugleich thun. Wenn Sie wieder zu uns kommen, werden wir Sie besser empfangen.

Es zog sehr durch die Spalten der Thüren und Fenster, die wie in den alten Häusern in drei Theile getheilt waren. Die Wände waren mit gewirkten Teppichen bedeckt, worauf Personen von allen Arten dargestellt waren, einige reich gekleidet, andere als Hirten und Bauern. Die Nische war mit schonen Stoffen versehen wie in allen Zimmern; es sind die Kleider der Großmütter der Madame du Chatelet oder der verwittweten Damen von Breteuil.

Das Mobiliar war auch sehr alt und nur gerade das nothwendige vorhanden, dabei war ein Vorzimmer, ein Cabinet und eine Garderobe, das war Alles, und ich will nicht von dem Kamin sprechen, worin man eine ganze Familie hätte unterbringen können.

Die Aussicht ist von dieser Seite nicht besonders schön, ein Berg schließt sie völlig aus und man würde sich sehr bald hier langweilen. Uebrigens – und ich schreibe Frau von Graffigny wörtlich ab – ist Alles, was nicht zu den Zimmern der Dame und des Herrn von Voltaire gehört, von einer widerwärtigen Nachlässigkeit.

Man verließ mich, ich schlief wie eine Wahnsinnige in der Zwangsjacke, ohne daran zu denken, daß ich in einem Tempel sei, und noch dazu in dem des Idols des Jahrhunderts. Am folgenden Morgen erwachte ich spät, und Herr du Chatelet ließ mir sein Compliment überbringen und mich um Entschuldigung bitten, daß er nicht selber komme, da er das Podagra habe. Ich ließ ihm antworten, ich winde ihn besuchen, wenn ich hinunterkomme, doch ließ man mir wiedersagen, er würde es nicht zugeben, doch würde er sich beim Kaffee einfinden, den man um elf Uhr in der Gallerie einnehmen würde.

Welch ein seltsamer Ehemann, und welche seltsame Rolle spielte er dort!

Madame du Chatelet kam im Zitzkleide und Schürze von schwarzem Taffet, ihr schwarzes Haar zu einem Wulst aufgebunden und in Locken, wie die der kleinen Kinder herunterfallend, zu mir herauf, Voltaire folgte ihr gepudert und prunkend wie in Paris oder Sceaux. Er fing sogleich von d'Argental und den beiden Kindern der Lecouvreur an, deren Vormundschaft er übernommen hatte. Er fragte mich, ob ich sie gesehen habe und was Pont-de-Veyle und unsere übrigen Freunde von diesen Cherubim sagten. Ich wußte in Wahrheit nichts davon, man hatte seit langer Zeit nicht davon gesprochen, aber er dachte an Alles, selbst an die vergessenen Dinge.

Er bot mir galant den Arm und führte mich zu der Gallerie, während Madame du Chatelet voranging.

– Ist Ihnen unsere Einrichtung passend, Madame? fragte sie mich. Von elf bis zwölf Uhr trinken wir Kaffee mit Naschwerk. Man dinirt nicht und man soupirt um acht Uhr oder zuweilen später. Wenn Sie in der Zwischenzeit etwas bedürfen sollten, so sind immer kalte Speisen servirt, aber wir, die wir arbeiten, wir essen nicht, denn es beschwert den Geist.

Ich habe das Souper immer mehr, als alle anderen Mahlzeiten geliebt; ich nahm also ihren Vorschlag an.

Wir hatten in der Gesellschaft noch eine wohlbeleibte Cousine Voltaire's, nämlich Frau von Champbonin, Sie war fast immer in Cirey, da sie ein kleines Haus in der Nachbarschaft hatte. Diese Frau hatte wenig Vermögen, und Voltaire hatte zu seiner Zeit ihren Sohn an Madame Mignot verheirathen wollen, aber diese zog Herrn Denis und seinen lächerlichen Namen vor. Man weiß, daß er Commissair des Regiments der Champagne war.

Voltaire bewohnte einen Flügel, der mit dem Hause in Verbindung stand und dessen Eingang gemeinschaftlich war.

Er hatte zuerst ein kleines ziemlich einfaches Zimmer, welches als Vorzimmer diente und zuerst zu seinem eigentlichen Zimmer führte, welches ganz mit karmoisinrothem Sammet ausgeschlagen und mit goldenen Franzen versehen war, die Nische, die Wände und Alles, wenigstens für den Winter. Im Sommer war Alles mit chinesischem Tastet mit gestickten Figuren ausgeschlagen. Das Tafelwerk, die Spiegel, die Gemälde nahmen viel mehr Platz ein, als die Tapeten; man konnte es den ganzen Tag ansehen.

Was da von Porzellangeschirren und Kunstwerken und Verzierungen im chinesischen Geschmack war, läßt sich nicht sagen, reizende Landseen, künstliche Wanduhren und alle möglichen Erfindungen dieser Art. Auf einem Tische befand sich ein offenes Kästchen, mit glänzendem Silbergeschirr angefüllt, daneben ein Juwelenkästchen, gleich dem einer jungen Dame, mit zwölf bis fünfzehn Ringen mit Diamanten und geschnittenen Steinen versehen.

Mit dem Zimmer stand die Gallerie in Verbindung, die etwa vierzig Fuß lang war; auf der einen Seite befanden sich die Fenster, die durch Consolen und Fußgestelle mit indischem Lack überzogen, getrennt waren, und auf welchen Venus und Herkules standen.

Geradezu befanden sich zwei große Glasschränke, der eine mit Büchern, der andere mit physikalischen Instrumenten angefüllt, zwischen beiden ein sehr bequemer Ofen, unter dem Fußgestell der Statue des Amor mit der berühmten Inschrift:

 
Wer du auch bist, sieh' hier deinen Herrn:
Er ist's, er war's oder wird es sein.
 

Die Gallerie war getafelt und gefirnißt, die Füllungen und die Windschirme waren von indischem Papier, wie in dem Zimmer. Ich bewunderte eine Menge Porzellan, Ofenschirme, chinesische Figuren und endlich eine Thür, die gleich der einer Grotte aus Muscheln bestand und in den Garten hinausführte. Die Sitze waren abscheulich, was mich nicht wunderte. Voltaire hat immer ebenso gut auf einer Bank wie auf einer Bergère gesessen.

Die Zimmer der, Madame du Chatelet, um sogleich mit der Beschreibung zu Ende zu sein, waren viel hübscher und viel sorgfältiger ausgeschmückt, als die Voltaire's. Das Schlafzimmer war getäfelt und gelb angestrichen und mit blaßblauen Streifen versehen. Die Nische war mit köstlichem indischen Papier eingerahmt. Das Bett und alle Möbeln bis auf das Hundehäuschen waren mit blauem Moire überzogen, und das Holz des Lehnsessels, die Schränke und das ganze Mobiliar gelb gebalzt, wie das Tafelwerk.

Eine Glasthür führte zu der Bibliothek, die ein wahres Kleinod war. Die Spiegel, die Gemälde von Paul Veronese, nichts fehlte hier.

Das Boudoir war ein Wunder, Himmelblau – mit der Farbe der Urania – tapezirt, war der Plafond von Martin gemalt und das Täfelwerk von Watteau. Es waren da die fünf Sinne, dann »Die Gänse des Bruder Philipp«, »der genommene und zurückgegebene Kuß« und dann die drei Grazien. Die Eckschränke, von Martin lackirt, waren mit kostbaren Sachen überladen, unter anderen befand sich dort ein Schreibzeug von Ambra, welches der König von Preußen, von Versen begleitet, der oben erwähnten Urania zugeschickt hatte. Von diesem Boudoir gelangte man durch eine Glasthür auf eine Terrasse, von welcher man eine bewundernswürdige Aussicht hatte.

Zur Seite befand sich eine getäfelte Garderobe, leinwandgrau angestrichen und mit Marmor gepflastert. Und die Schmucksachen, die Tabaksdosen, von Gold, von Schildpatt und Edelsteinen, und die Uhren, die Etuis und die Weberschiffchen, die Diamanten, die Ohrgehänge und Edelsteine, und das Alles, oder doch zum größten Theil, kam von Voltaire, denn die du Chatelets waren nicht reich, und ich erstaunte über diese Pracht, da ich Madame du Chatelet ehemals in dürftigen Umständen gekannt hatte. Frau von Graffigny schilderte mir das Alles so deutlich, daß mir das Wasser in den Mund kam und ich bedauerte, es nicht sehen zu können.

Was bei Tafel auffiel, war die Menge Silbergeschirr von jeder Art und Schönheit, lieber dem Kamin in der Gallerie, mir gegenüber, als wir bei Tafel waren, befand sich das Portrait der Madame du Chatelet mit ihren Attributen als Muse und schöne Frau, wenn sie das Eine oder das Andere war. Sie erzählte sehr ausführlich in Voltaire's Gegenwart, der die Ausrufungen durch seine Geberden verstärkte, von den Geschenken des Königs von Preußen, und von der Art, wie man seinen Abgesandten empfangen. Friedrich war damals noch Kronprinz. Man sprach hernach von den Büchern, die unser Freund vorbereitete. Es waren ihrer mehrere, welche die schöne Emilie ihm fortzusetzen verbot, aus Gründen, die ich nicht mehr weiß und die sich auf die kleinen Ereignisse der Epoche bezogen. Es geschah auch, wohl verstanden, um ihre Macht zu zeigen und vor den Augen Aller kund zu geben, daß sie ihn an der Nase herumführte.

Am ersten Tage schenkte man mir und der Frau von Graffigny einen Newton, denn man mußte durchaus von der Astronomie, Mathematik, und Allem, was dazu gehört, reden, und Madame du Chatelet brachte ihren Freund zum Schweigen, wenn er sich zu ausführlich über die Poesie verbreitete, und wiederholte uns ihre Algebra, ihre Berechnungen, ihre Maschinen und ihre Erörterungen.

Um ihr gefällig zu sein, ging Voltaire darauf ein, bis die Langeweile sich völlig seiner bemächtigte, und dann zog er sich durch einen Scherz aus der.Sache. Seine Schöne war sehr unwissend in allen Dingen, außer in der Geometrie; sie that Fragen, welche den ruhigsten Ernst hätten zum Lachen bringen können, und er antwortete ihr mit einer wunderbaren Freundlichkeit.

Einmal sagte sie uns, sie wäre krank und wolle sich zu Bette begeben. wir sollten nur in ihr Zimmer gehen, wo uns Voltaire »Merope« vorlesen würde.

– Aber dazu, fügte sie hinzu, muß er seine Kleidung wechseln, ich würde ihn nicht so gekleidet bei mir dulden können.

Er scheint mir indessen ganz gut so. Er trägt schöne Wäsche, schöne Spitzen und es fehlt ihm durchaus nichts.

– Ohne zu rechnen, Madame, daß ich krank bin, ist dieser Rock wattirt, die andern sind es nicht, ich habe ihn ausdrücklich angezogen; wenn ich ihn wechsele, werde ich drei Wochen lang husten müssen.

Emilie verzog den Mund bei der Antwort und behauptete, daß er ihr entgegen handeln wolle. Er gab nach und rief seinen Kammerdiener, der sich nicht im Schlosse befand. Wir athmeten wieder auf, und man glaubte ihn befreit, aber durchaus nicht, denn sie bestand noch weiter darauf. Er sollte selber gehen, er sollte sich bemühen, weil es nicht anders sein könne. Endlich bemächtigte sich seiner die Ungeduld, er warf ihr sehr lebhaft einige englische Worte hin und ging in sein Zimmer. Als sie zu ihm schickte, ließ er antworten, er habe die Kolik und würde nicht kommen.

– Ach! Madame, sagte sie zu mir, gehen Sie zu ihm und beruhigen Sie ihn.

Ich fand Voltaire bei seiner Cousine; er war sehr guter Laune, lachte viel und dachte weder an uns noch an die Kolik.

Als er mich sah, neckte er mich mit Formont und dem Präsidenten, wir erzählten uns heiter Anekdoten, kurz, wir plauderten unbefangen, ohne uns um Probleme zu kümmern, als wir Herrn du Chatelet erscheinen sahen, der, von seiner Frau abgeschickt, zu uns kam.

– Lassen Sie uns dorthin gehen, Madame, seufzte der Sclave.

Wir gingen in der That dorthin, aber er setzte sich in einen Winkel und begann zugleich wieder mit seiner Kolik und seiner Verdrießlichkeit.

Herr du Chatelet blieb nicht da, sondern entfloh. Die erbitterte englische Conversation begann darauf wieder, und nach einigen Minuten heftiger Entgegnungen nahm er »Merope« und las uns zwei Akte daraus vor. Alles Bittere, was die Kritik aussprechen konnte, wurde jetzt von der Dame gegen ihn gerichtet, sie sagte ihm Dinge, die er von einem Anderen nicht erduldet hätte, und worin etwas Wahres lag. Ich suchte ihn zu vertheidigen, und das Hübsche von der Sache war, daß er sich gegen mich wendete.

Der Sturm endete damit, daß sie gegenseitig mit einander schmollten, was am folgenden Tage vergessen war, um wieder zu beginnen.

Herr du Chatelet benahm sich bei dem Allen mit einer Ruhe, einer Stille und Zahmheit, wovon man keinen Begriff hat, wenn man es nicht gesehen hat. Beim Anfang des Streites sagt? er feierlich zu mir:

– Da sehen Sie, wie das anfängt, sie wollen es nicht anders; Madame du Chatelet macht diesem armen Voltaire das Leben sehr schwer, ohne zu rechnen, daß sie ihm in den Kopf gesetzt, ein Newton sein zu wollen, macht sie, daß er eine Menge thörichter Dinge sagt, die eines Mannes von seinem Geist und seiner Bedeutung unwürdig sind. Sie haben nicht den gesunden Menschenverstand, man glaubt, daß ich es nicht bemerke, aber ich sehe Alles.

Da mußte er seltsame Tableaux sehen, und er besaß eine übermenschliche Geduld. Was denkt man davon?

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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