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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 46
Elftes Kapitel
Wir waren von halb ein Uhr bis acht oder neun Uhr Abends völlig frei. In den ersten Tagen that sich Emilie Gewalt an, mir Gesellschaft zu leisten; ich sah, daß ihr dies nicht gefiel, ich beruhigte sie und gab sie ihren lieben Problemen wieder, in die sie völlig vernarrt war. Sie brachte die Tage und Nächte dabei zu. Diese Einsamkeit sagte mir indessen nicht zu, auch entfloh ihr Voltaire, der es wußte, um zu mir zu kommen, und wir hatten endlose Unterredungen, die mich entzückten.
Frau von Graffigny und Frau von Champbonin kamen zu mir, wenn er mich verließ; wir machten eine Promenade zu Fuß oder im Wagen und suchten die Zeit mit Lectüre hinzubringen.
An einem der ersten Abende nach meiner Ankunft gab uns Voltaire die magische Laterne zum Besten, Ich habe nie etwas Unterhaltenderes gesehen; er spielte den Savoyarden vortrefflich und legte den unnachahmlichen Geist hinein, der nur ihm eigen war. Wir sahen zuerst die ganze Coterie des Hofes, Herrn von Richelieu, seine Günstlinge und Andere; der König war noch nicht da, übrigens würde er nicht gewagt haben, ihn mit aufzuführen, aber hinsichtlich seines Helden that er sich keinen Zwang an.
Nachher kam die Geschichte des Abbé Desfontaines in allen ihren Einzelheiten, und es war eine Satire in dem Genre Juvenal's, ohne mehr Flor anzuwenden. Man sah den Abbé in seiner antiken Liebe, wie er wunderbare und seltsame Complimente vor Schornsteinfegern macht, die ihn mit aufgesperrten Augen anhören, ohne seine schöne Sprache zu verstehen. Man sah ihn dann zur Todesstrafe verurtheilt und von Voltaire gerettet, dem er zur Belohnung einen ebenfalls antiken Fußstoß gab, aber von Neben begleitet, die einen Tobten hatten erwecken können. Er endete damit, sich an seiner Laterne zu verbrennen, was ihm von Seiten seiner Schönen eine Viertelstunde des lauten Schreiens in dem Tone eines Schulmeisters zuzog, der seine Jungen schilt, und er sagte kein Wort.
Sie schwieg endlich, um uns die Hypothese eines gewissen Engländers über die Bewohner des Jupiter vorzulesen. Das Buch war lateinisch geschrieben, sie übersetzte es, indem sie es las, sowie die Ausdrücke der Geometrie und Berechnung und Alles, was man wollte, indem sie ein wenig inne hielt, aber nicht so lange, um den Sinn zu unterbrechen.
Man stelle sich diese Wissenschaft vor und was sie Unterhaltendes hatte.
Der Abbé von Breteuil, Großvikar von Sens und Bruder Emiliens, kam während meiner Anwesenheit in Cirey an, und sogleich führte man mich auf die Seite und bat mich, es Niemanden zu schreiben, da es in seiner doppelten Eigenschaft als Priester und Bruder etwas Entsetzliches wäre. Man hätte es nicht erwartet, aber sie liebten einander sehr, die schöne Emilie und er, und übrigens war er nicht scrupulös, es war ein Abbé von starkem Geist, sehr geneigt zur Philosophie und geneigt, die Meinungen seiner Schwester zu theilen.
Man wollte ihm eine Komödie aufführen, und ich sah »Boursoufle« wieder, diese schlechte Posse, die man uns ehemals bei der Herzogin von Maine vorgeführt hatte. Ich war völlig entschuldigt, keine Rolle zu übernehmen, wegen meiner Gesundheit und besonders wegen meines abnehmenden Gesichts. Das Uebel machte rasche Fortschritte; man quälte mich also nicht damit.
Madame du Chatelet trat ihre Rolle de la Cochonniere der kleinen du Chatelet ab, welche zwölf Jahre alt war. So ging es besser. Uebrigens verging die Zeit, oder vielmehr, um richtiger zureden, der Abend damit, zu plaudern und zu lachen und Vorlesungen zu halten. Voltaire erzählte vortrefflich, was zu erwähnen unnöthig ist, und der Abbé von Breteuil plauderte auch sehr drollig. Ich erinnere mich eines Vortrages, den er uns hielt, und welcher wirklich höchst unterhaltend war.
Die Gesandtin von Spanien, ich weiß nicht mehr welche, ich glaube indessen, es war die Marquise de las Minas, war eben nach Paris gekommen; sie war sehr häßlich und in keiner Hinsicht besonders reizend. Sie hatte die Frau von Brancas zur Freundin.
Eines Tages kehrte sie nach Hause zurück und fragte einige Personen, die sie zum Diner bei sich hatte, wer eine junge Dame wäre, die ihr in einer Karosse, mit einem Herrn auf dem Vordersitze, begegnet sei. Sie schilderte sie so genau, daß man die Herzogin von Modena erkennen mußte, die sich damals in Paris aufhielt, nachdem sie ihren Gemahl und ihr Herzogthum verlassen. Man fügte hinzu, daß sie wegen der Würde ihres Ranges einen Cavalier mit sich genommen habe.
Am folgenden Tage ging die Gesandtin zur Frau von Brancas und sagte zu ihr in Gegenwart von zwei oder drei Damen, deren Gesicht man sich vorstellen kann:
– Madame, Sie sind meine Freundin; sagen Sie mir doch gefälligst, wie viele Männer muß ich wegen der Würde meines Ranges haben?
Voltaire erzählte uns auch die Schnitzer seines Kammerdieners, welcher seine Verse wieder abschrieb. So hatte er zum Beispiel das Portrait der schönen Agnes aufgefaßt und wiederholte er es mit Wohlgefälligkeit so:
Am Kopfe glänzen zwei und dreißig Zähne,
Zwei große Augen, schwarz, von gleicher Weiße,
Sie zieren einen schönen rothen Mund,
Der sich von einem Ohr zum andern zieht.
In einem andern Verse hatte ein Greis des Reimes wegen blaue Haare bekommen.
Es war beständig so; aber er hatte eine bewundernswürdige Geduld und wurde nicht aufgebracht.
Man nannte Herrn du Chatelet, Frau von Champbonin und ihren Sohn die Kutscher, weil sie um zwölf Uhr dinirten, wenn die Anderen ihren Kaffee einnahmen. Der Eheherr schlief wie ein Siebenschläfer, wenn er von der Tafel kam; man wurde nicht von ihm belästigt, das war schon viel. Er soupirte regelmäßig mit uns, sagte kein Wort, außer um zwischen Emilien und Voltaire den Frieden wieder herzustellen, und dann ging er in sein Zimmer, um sich zur Ruhe zu begeben. Dieser Mann, ganz beschäftigt, zu essen, bildete er einen auffallenden Kontrast zu ätherischen Geistern, die nicht aßen und nur von ihrer reinen Essenz lebten.
Dieser Mann mußte in der That eine wahre Null sein, um die Stellung anzunehmen, die man ihm eingeräumt hatte.
Wir erhielten natürlich die Vorlesung der »Jungfrau von Orleans«, wenigstens von fünf oder sechs Gesängen, und zwar in Gegenwart des Abbé von Breteuil, der sich sehr gut dabei benahm. Ich will mich nicht mit einem literarischen Urtheil über dieses Gedicht unterhalten, welches alle Welt kennt, wie ich. Voltaire las es Jedem vor, der es hören wollte, er setzte Copien davon in Umlauf und gerieth dann in Wuth über das, was man davon sprach. Er hatte das Eigene, daß er die Anderen seiner Fehler beschuldigte,
Madame du Chatelet war nicht immer delicat hinsichtlich der Mittel, sich von Dingen zu unterrichten. So zahlte man freilich in Cirey kein Briefporto, aber man konnte auch nicht ganz gewiß sein, daß die Briefe nicht entsiegelt waren. Die arme Frau von Graffigny erfuhr es auf ihre Kosten; man öffnete ihre Correspondenz mit einem ihrer Freunde, dem Herrn Devaux., Secretair des Königs Stanislaus in Lunéville, und man fand einigen Spott darin über die Dame und ihr vornehmes Wesen; man fand einige Kritiken der Kleinheiten des großen Mannes darin, und man machte ihr eine entsetzliche Scene oder quälte sie auf abscheuliche Weise; sie mußte auf die verleumderischen Beschuldigungen antworten, sie wurde als Spion behandelt und tausend schlechter Streiche dieser Art beschuldigt
Man sagte, sie habe Abschriften von der »Jungfrau« verbreitet, was falsch war, aus dem besten Grunde, weil sie keine hatte. Man hatte diese Lüge ausgedacht, indem man einen Satz in dem Briefe dieses Freundes las und unrichtig auslegte, welcher sich auf dieses Gedicht bezog.
Madame du Chatelet bereitete ihr ganz leise eine Scene, worin man sich wie Fischweiber schalt und fast bis zu Faustschlägen kam, und ihr den Brief vorhielt, ohne sich im geringsten zu geniren, daß sie ihn geöffnet, was indessen keine schöne,Handlung war. Es war ihr eine beklagenswerthe Heftigkeit eigen, und Voltaire ebenfalls; es folgte daraus, daß sie einander gegenseitig unglücklich machten, aber sie war es viel mehr, als er. Er brach nicht eher los, als bis man ihn mit Füßen getreten; dann freilich schonte er nichts mehr.
Dabei fällt mir eine Scene ein, wovon ich bei der Frau von Luxembourg Zeuge war, und die ich nie vergessen habe.
Madame du Chatelet galt mit Recht für sehr unfähig in der Poesie, die ernsten Geister geben gewöhnlich nichts darauf. Sie wollte Alles wissen und Alles umfassen. Sie machte oder ließ sich folgende Verse für die Tochter der Marschallin. machen und trug sie ihr beim Souper vor:
Um dich zu preisen, schöne Madelon,
Bedarfs für mich der Unterweisung nicht;
Doch ohne die Apostel zu verachten,
Sind alle Tage, wo ich dich erblicke,
Tage für mich von Festlichkeit,
Worüber jene ich gar oft vergesse.
Man applaudirte sehr. Voltaire war nicht da; seit einigen Tagen zankten sie mit einander. Als er ankam, war man bei Tafel; er war in noch üblerer Laune. Emilie zeigte ihm die Verse, er las sie und sagte, als er sie ihr zurückgab:
– Sie sind nicht von Ihnen.
Sie waren indessen nicht so göttlich, daß sie sie am Ende nicht hätte gemacht haben können.
Sie wurde aufgebracht und antwortete ihm ich weiß nicht welche Grobheit, wovon er sich beleidigt fühlte.
– Sie hätten sie wenigstens besser machen lassen sollen, denn man wird mich beschuldigen, Ihr Nachhelfer zu sein, und ich kann eine solche Plattheit nicht auf mich kommen lassen.
Die Schöne erwiderte noch drohender, als vorher; der Zank, die Drohungen und die Heftigkeit steigerten sich noch und sie verwundete ihn aufs Empfindlichste; er nimmt ein Messer, welches er wie die Helden seiner Tragödien schwingt, und ruft, indem er sich zu ihr wendet:
– Sieh mich nicht so an mit Deinen wilden und schielenden Blicken! —
Und wir waren da, und wir hörten Alles, und wir waren Zeugen dieser Scene! Eine Frau und ein Mann von diesem Verdienst konnten sich so weit vergessen?
Im Ganzen war ihr Leben eine Hölle, dieses irdische Paradies von Cirey, worüber man Wunder geschrieben, war mit Teufeln und mit Qualen angefüllt. Wenn sie nicht gestorben wäre, weiß ich nicht, wie dies geendet haben möchte; auch bedauerte sie Voltaire, als die ersten Augenblicke vorüber waren, nur in Worten. Es war leicht, in seinen Thränen die Freude, frei zu sein, ohne sich den Kosten eines vollständigen Bruches ausgesetzt zu haben, und die durch Saint-Lambert verletzte Selbstliebe zu sehen, dem er nicht verzieh, obgleich er ihm Complimente machte und ihn seinen höchst liebenswürdigen Tibull nannte. Voltaire war gut und vortrefflich, aber er besaß feinen Stolz; wenn man den verletzte, konnte man gewiß sein, bis in sein Herz zu dringen und ihn oft zu lähmen. Daher seine Kleinlichkeit, die seiner so unwürdig war, wenn er von den Zwergen angegriffen wurde.
Während meines Aufenthalts in Cirey sah ich die Bekanntschaft dieses lieben Saint-Lambert beginnen, der sich damals in Lunéville bei dem Könige Stanislaus aufhielt und ein großer Freund der armen Graffigny war, mit der er in Correspondenz stand. Er wünschte zu kommen, Voltaire wünschte nichts Besseres, die schöne Emilie zauderte, sie fürchtete die Zudringlichen und floh die Gesellschaft, Er mußte versprechen, wie wir in seinem Zimmer bleiben und sie in ihren Arbeiten nicht stören zu wollen, Er kam in der That, ich war schon abgereist, er kam zu seinem Unglück nur zu früh, und sie verließen einander nicht wieder.
Sie hatte in ihren Gärten diese Verse geschrieben, für deren vollkommene Aechtheit ich nicht einstehen kann, obgleich ihre Unterschrift darunter war:
Die Ruhe und ein Lieblingsstudium,
Nur wenig Bücher, der Langweil'gen wenig,
Ein lieber Freund in meiner Einsamkeit,
Das ist mein Loos, es ist ein glückliches.
Ich meines Theils würde mich vor diesem glücklichen Loose wohl gehütet haben, nachdem ich es in der Nähe geprüft.
Man spielte nicht Komödie, da es Herrn von Breteuil vielleicht ein wenig zu spät eingefallen war, daß man in der Welt davon sprechen würde. Man zeigte uns die Marionetten, woran sich Voltaire wie ein Kind amüsirte. Er wiederholte ohne Aufhören, indem er lachte, bis ihm die Thränen in die Augen kamen:
– Dieses Stück ist vortrefflich! ich möchte es geschrieben haben!
Das Theater war ziemlich klein und weniger hübsch, als die Theile des Schlosses, die man für sie angeordnet hatte. Die Decoration stellte ein Palais mit Säulen und Orangenbäumen zwischen jeder derselben dar. Den Hintergrund bildete eine Loge mit Sammet überzogen, und der Balkon, worauf man sich stützte, war auch mit Sammet bedeckt. Dies war nicht schön; indessen konnte man dort auch etwas Anderes, als Marionetten spielen, und der Beweis davon ist, daß man nach der Abreise des Abbé von Breteuil dort »Zaire«, »der verlorne Sohn« und »der Geist des Widerspruchs« spielte, so viel ich wenigstens gehört habe, denn ich war nicht mehr dort.
Frau von Graffigny war im höchsten Grade des Schmerzes zugegen. Ihre Trennung von ihrem Manne hatte ihr alle Hilfsquellen genommen, so daß sie ohne Geld war und nicht wußte, wohin sie gehen sollte. Sie mußte also die Beleidigungen und das undelicate Benehmen der schönen Emilie ertragen, welcher diese Lage nicht unbekannt war, und die deshalb nur um so barbarischer wurde.
Um der Sache die Krone aufzusetzen, erhielt das arme Geschöpf noch in Cirey von ihrem Liebhaber Desmarets die Gewißheit, daß er sie nicht mehr liebe, daß er nicht mehr mit ihr leben wolle und daß sie nicht länger auf ihn rechnen könne. Ich habe dies Alles später in Paris erfahren, wo ich sie wiederfand und wo es ihr nach all ihrem Schmerze gelang, einen gewissen Namen in den Wissenschaften zu erlangen, als sie die peruvianischen Briefe herausgegeben hatte. Es ist ein bemerkenswerthes Werk vermöge der Leidenschaft, die sie geschildert hat, und vermöge der Art, wie es geschrieben ist. Man, sieht, indem man es liest, daß die Verfasserin geliebt und gelitten hat.
Voltaire hatte, wie ich nicht genug wiederholen kann, ein vortreffliches Herz, er hatte nur Verkehrtheiten des Geistes und der Eitelkeit. Er hat tausend Beweise von dieser vollkommenen Güte gegeben. Hier ist noch eins.
Gelehrte hatten auf Befehl des Königs und auf seine Kosten eine Reise nach Lappland gemacht. Der Secretair des Herrn Clairault, Einer von ihnen, hatte den Muth, sich in eine Lappländerin zu verlieben und ihr die Ehe zu versprechen; er vergaß, dieses Versprechen zu halten, und war bald nur zu sehr von dem zufrieden gestellt, was er erlangt hatte. Man ist beharrlich in der Nähe des Pols, wie es scheint, und das Fräulein kam mit ihrer Schwester in Paris an, um die Erfüllung des nicht gehaltenen Versprechens zu verlangen. Aber der Mann seinerseits hielt sich gut, er weigerte sich so beharrlich, daß man darauf verzichten mußte.
Man bemühte sich dann, eine kleine Summe für sie zusammenzubringen und sie als Entschädigung und Tröstung in ein Kloster eintreten zu lassen. Voltaire nahm die Sache nicht so; er machte sich auf, er gab und ließ geben, und mit großer Mühe erhielt er für die Unglücklichen eine Art von Mitgift, die sie in den Stand setzte, in ihr Vaterland zurückzukehren und sich dort zu verheirathen, was ihnen ohne Zweifel ein besserer Trost schien, als das Kloster. Als Madame du Chatelet diese Frage mit ihm verhandelte und das Kloster auf Kosten der Ehe rühmte, sagte er:
– Ich möchte Sie wohl dort sehen.
– Ei, mein Herr, bin ich denn so gut bezahlt, um die Ehe zu preisen? Sie vergessen Herrn du Chatelet.
. – Undankbare! antwortete er ihr in einem jener eigenthümlichen Töne, die er anzunehmen wußte und die Alles zugleich sagten.
Ich war in Cirey, als diese Geschichte mit den Lappländerinnen und diese Verhandlung vorging. Wir lasen den Tempel von Gnidos, und ich erinnere mich, daß ich in Bezug darauf zu ihm sagte:
– Bah! es ist die Offenbarung der Galanterie. Herr von Montesquieu erfuhr den Ausspruch und war darüber sehr aufgebracht gegen mich, bis wir uns erklärt hatten.
Madame du Chatelet hatte eine sehr schöne Stimme, doch sang sie schlecht, weil sie mit Anmaßung sang und die Augen in die Luft aufschlug, was sie nicht verschönerte. Im Ganzen war es eine Frau, welche die Natur mit ernsten, aber nicht mit angenehmen Eigenschaften versehen hatte. Sie war Voltaire in dem Sinne nützlich, daß er bei ihr und mit ihr sich Ideen und Manieren aneignete, welche nicht die der anderen Philosophen waren. Er verlor dort das bürgerliche Benehmen und die Kleinlichkeit der Gesellschaft, ohne dadurch die Kleinlichkeit des Geistes zu verlieren.
Ich verließ Cirey, nachdem ich dieses Innere in der Nähe gesehen hatte und nur mäßig erbaut war von dem, was ich gesehen. Ich hätte nicht dort leben mögen. Ich konnte Madame du Chatelet nicht begreifen, eine solche Partie ergriffen zu haben und sie so schlecht aufrecht zu halten. An ihrer Stelle, wenn ich diese Verbindung mit Voltaire angefangen hätte, würde ich die Sache aus einem höheren Gesichtspunkte betrachtet und ihn auf andere Weise behandelt haben. Eine Furie für ihren Geliebten zu werden, und noch dazu in einem solchen Falle, das heißt wenig geistreich handeln. Man macht ihn unglücklich und man ist noch unglücklicher, als er. Es ist ein Unglück, welches man vielleicht wünschen kann, aber es ist noch gewisser, man fühlt besser, weil man liebt.
Ich hegte eine wahrhafte Bewunderung für Voltaire und eine wahre Zuneigung. Er hatte eine Leichtfertigkeit in allen Dingen, aber seine Freundschaft war zuverlässig; an d'Alemberts Stelle würde er mich nicht verlassen haben, wie es dieser zur Zeit meiner Entzweiung mit seiner Geliebten gethan. Er ist jetzt allein, wie eine Nachteule in seinem Winkel des Louvre, während er, wenn er mir treu geblieben wäre, mein Haus bis zu seinem Tode als das seine hätte ansehen können. Man hat es nicht gewollt.
Zwölftes Kapitel
Ich komme zu dem Augenblick meiner Bekanntschaft mit Herrn Walpole. Ueber einen Umstand werde ich schnell dahingehen und nur sehr wenig davon reden, obgleich er von der traurigsten Wichtigkeit für mich war – und das ist meine Blindheit. Ich hatte meine Partei ergriffen, aber erinnere mich nicht gern der Zeit, wo ich sie noch nicht ergriffen hatte; es ist ein Schmerz, dem ich ausweiche; es bleiben mir außerdem noch viele andere. Indem ich einen Blick auf mein Leben werfe, sehe ich viel Unglück und Kummer, Fehler, die ich nicht leugne, durch den Tod oder die Vergessenheit unterbrochene Neigungen; so ist von meinen beiden Freundinnen Frau von Flamarens, das vollkommenste Geschöpf, welches ich je gekannt habe, gestorben. Frau von Rochefort, die dies nicht völlig war, lebt noch; sie hat mich verlassen, und ich habe mich darüber trösten müssen, sie hat mich mehr als verlassen, sie hat mich verrathen, und unter welchen Umständen!
Der Mann, den ich am meisten geliebt habe, war zuerst Larnage, er war mir nichts weiter, als was ich gesagt habe, und ich sah ihn endlich nicht mehr, obgleich er mir dasselbe Gefühl bewahrt hatte, und mir zuweilen schrieb. Er war im äußersten Grade grausam und selbst ein wenig wahnsinnig, wie ich versichern kann; er hatte seine Stellung als natürlicher Sohn eines für rechtmäßig erklärten Prinzen verkannt und unaufhörlich gefragt, warum man ihn nicht für rechtmäßig erkläre, wie seinen Vater. Er machte so viel Aufhebens davon, daß man ihn aus Sceaux verbannte; er langweilte die Herzogin von Maine, was für sie ein Majestätsverbrechen war. Der Herzog von Maine ließ ihm seine Pension, so langer er lebte, und er starb kurze Zeit nach dem Prinzen. Ich erhielt einen Brief von ihm und sein Vermächtniß, einen sehr schönen Ring, den er von seinem hohen Vater hatte, welcher ihn von Ludwig dem Vierzehnten oder von Frau von Maintenon erhalten. Ich habe ihn noch und ich trage ihn immer, ich hinterlasse ihn in meinem Testamente dem Herrn Walpole.
Ich habe von Larnage gesprochen, und von ihm handelte es sich in meinen Gedanken nicht gleich Anfangs, sondern vielmehr von Formont. Man erinnert sich, wie wir mit einander im Gehölze von Ville d'Avray Bekanntschaft machten. Es währte lange, bis ich ihn wiedersah, und eines schönen Tages führte Voltaire ihn mir wieder zu. Er hatte mir gefallen, ich sprach oft von ihm, er erinnerte sich auch meiner, ich war frei, ich war unbeschäftigt und ich langweilte mich.
Von dem ersten Tage an zeigte er seine Galanterie, ich wies ihn nicht zurück, er gefiel mir, ich wiederhole es, und das war schon viel.
Ich weiß nicht, ob die ganze Welt mir gleicht, aber ich billige oft etwas Seltsames.
Es gibt Leute, die mir gefallen, und die ich nicht liebe; meine Vernunft sagt mir, ich soll sie nicht lieben, sie verdienen nicht ein solches Gefühl, und doch suche ich sie auf; wenn sie gegenwärtig sind, bin ich zufrieden, sie bezaubern mich wie die Schlangen; ich empfinde sogar etwas, was der Zärtlichkeit nahe kommt; ihr Geist oder ihre Unterhaltung machen, daß ich ihren Charakter vergesse, und wenn sie fort sind, tadle ich mich wegen dieser Schwäche, ich verwünsche dieses Andenken, welches mir lästig wird, bis ich sie wiedersehe und wieder von ihnen eingenommen werde.
Es gibt dagegen andere Personen, deren vortreffliche Eigenschaften ich kenne, die vollkommen sind, die mir täglich Beweise der Aufopferung geben und die ich liebe, wie ich wenigstens glaube; ich liebe sie mit meinem Verstande, mit meinem Nachdenken, wenn nicht mit meinem Herzen. Indessen liegt etwas in ihrer Stimme, in ihren Geberden, in ihrem Gesichte – als ich noch nicht blind war – besonders in ihrem Geiste, was mich abstößt und was mir unangenehm ist. Endlich liebe ich sie sehr, wenn ich sie nicht sehe; was das Gegentheil von den Anderen ist.
Ich sage zuweilen zu Frau von Choiseul:
– Sie wissen, daß Sie mich lieben, aber Sie fühlen es nicht.
So handle ich gegen solche Leute.
Formont gehörte viel mehr zu der ersten, als zu der zweiten Classe. Er besaß mehr eigenthümlichen Reiz, als wahres Verdienst. Die Liebe kann sehr wohl ohne Achtung bestehen, was man auch davon sagen möge, und man liebt oft mit Leidenschaft das, was man verachtet. Man vergleiche »Manon Lescaut,« dieses unsterbliche Buch, dem man nicht alle Gerechtigkeit, die es verdient, hat widerfahren lassen und wovon man so wenig spricht.
Ich liebte also Formont und er liebte mich sehr, vor wie nach seiner Verheirathung. Er ging nach Rouen, um seine Frau zu besuchen, blieb eine Zeitlang bei ihr und kehrte dann zurück. Dies währte so lange, wie wir einander gefielen, oder wie Viard's Cousine sagte, so lange wir einander rupften. Eines schönen Tages fühlten wir, wie der Groll kam; wir würden uns erzürnt haben, wenn wir darauf bestanden, zu behaupten, daß wir einander anbeteten; als Mann von Geist benachrichtigte mich Formont davon. Ich hatte Lust, es auch zu thun, wir verstanden uns, ohne etwas zu sagen, und als ich seinen Brief erhielt, fiel mir ein, daß ich ihm gerade dasselbe geschrieben. Er wurde mein intimster und liebster Freund und nahm bei mir seinen Platz neben dem Präsidenten Henault ein, mit dem Unterschiede, daß ich diesen nie wirklich geliebt habe. Er interessirte mich ehemals nur, dann mißfiel er mir und langweilte mich, aber ich behielt ihn aus Gewohnheit, so lange er kam, im Kaminwinkel.
Pont-de-Veyle, der seit langer Zeit den Galanten um mich herum spielte, benutzte den Wechsel Formont's und bereitete uns Beiden eine lange Freundschaft, welche eben durch seinen Tod erloschen ist. Ich bin jetzt sehr allein; außer Herrn Walpole, den ich fast nie sehe, da das Meer zwischen uns fließt, bleibt mir nichts übrig.
Formont ist zuerst gestorben, und ich habe ihn von ganzem Herzen bedauert.
Dann der Präsident.
Dann endlich Pont-de-Veyle.
Ich weiß, daß man in dieser Beziehung eine einfältige Geschichte erzählt, ich will sie in ihrer ganzen Wahrheit berichten.
Pont-de-Veyle war krank, und ich ließ mich dreimal täglich nach seinem Befinden erkundigen; zugleich ging ich ebenso oft zu ihm und verließ ihn selten.
Eines Tages war ich unpäßlich, so daß ich nicht ausgehen konnte; die Dervieux war bei dem Chevalier, wir waren immer dort, die Eine oder die Andere, was die Sorgfalt d'Argental's und seiner Familie nicht verhinderte. Ich hatte noch eine zweite Dienerin, die sehr einfältig war, die erst seit einigen Tagen in meinen Dienst getreten war; dieser hatte die Dervieux, da sie nicht wußte, was sie damit anfangen sollte, meinen alten Hund zu besorgen übergeben, der nach zurückgelegten vierzehn Jahren im Sterben lag. An diesem Tage war man dennoch übereingekommen, daß sie alle zwei Stunden gehen und die Dervieux nach Pont-de-Veyle's Befinden fragen und mir Nachricht darüber bringen solle.
Das Fräulein von Sommery kam an und fragte mich, wie es gehe. Es war gerade die Stunde, sich darnach zu erkundigen. Ich klingelte diesem Mädchen und sie kam.
– Nun, sagte ich, wie geht es?
– Ich weiß nicht, Madame.
– Wie, Sie wissen es nicht! aber gehen Sie sogleich zu ihm und kehren Sie schnell zurück. Mein Gott, mein Fräulein, fuhr ich fort, man ist sehr unglücklich, mit solchen einfältigen Personen zu thun zu haben. Dieses Geschöpf hat nichts zu thun und vergißt doch Alles.
Sie kam ganz außer Athem zurückgelaufen.
– Madame, es geht sehr gut mit ihm.
– Ah! desto besser!
– Er befindet sich viel besser als gestern.
– Sie haben ihn gesehen?
– Madame, er lag auf einem Kanape und hat mich erkannt.
– Wirklich?
– Ja, Madame, sobald er mich erkannte, wedelte er mit dem Schwanze,
– Was sagen Sie denn da, Mademoiselle?
– Nun ja, Madame, ich bringe Ihnen Nachrichten von Medor.
Sie hatte gemeint, es handle sich um den Hund! Anstatt über diese Verwechselung zu lachen, die gewiß lächerlich war, hat man behauptet, daß dieses Mädchen nicht habe glauben können, daß ich mit einem Freunde beschäftigt sei, da ich so egoistisch wäre, und daß sie auf meinen geheimen Wunsch geantwortet habe. Es sind übrigens die Beweiner des Fräulein von Lespinasse, die mir diesen Ruf bereiten.
Dies ist noch nicht Alles, man hat mir noch etwas Anderes zugeschrieben. Die Philosophen sind unerbittlich gegen die, welche sie kennen und sie nicht lieben.
An Pont-de-Veyle's Todestage hätte ich bei Madame Marchais zu Abend gespeist und denen, die mir von diesem traurigen Ereigniß gesprochen, geantwortet:
– Ach, er ist diesen Abend um sechs Uhr gestorben, sonst würden Sie mich nicht hier sehen.
– Dies wäre ebenso unempfindlich wie einfältig gewesen. Wenn man mir das Erstere zugeschrieben, würde man nicht gesagt haben, daß ich das Andere wäre. Wenn ich meinen alten Freund nicht bedauert hätte, würde ich mich wenigstens gestellt haben, als beweine ich ihn, und ich würde mich nicht damit gerühmt haben. Je weniger ich gefühlt hätte, desto mehr Aufhebens würde ich davon gemacht haben. Die Wahrheit ist folgende:
Ich habe nicht bei Madame Marchais soupirt, und jener Steinmarder Laharpe hat es erzählt. Ich war dorthin eingeladen. Ich schrieb an Madame Marchais, um mich zu entschuldigen, und sagte zu ihr, als sie mich einige Tage später besuchte, was ich von jener Verzweiflung denke, die in einem Tage vorüber sei.
Ich habe gesagt, daß der wahre Schmerz von Dauer ist, daß er wenig an den Gewohnheiten ändert, weil er durch diesen Wechsel selber erlöschen würde, ich habe gesagt, daß man an dem Tage, wo man einen Freund verliere, ebenso gut in Gesellschaft gehen könne, wenn Anstand und Geschicklichkeit es nicht verböten. Ich habe gesagt, daß, die, welche am meisten schrien am schnellsten, vergessen würden, und da ich gewiß bin, Recht zu haben, werde ich meine Worte nicht zurücknehmen.
Jetzt sieht man, welches außer Herrn Walpole, den ich brieflich liebe, meine Freunde und Freundinnen sind, die, welche alle Sonntage bei mir soupiren, ohne die anderen Tage und besonders den Mittwoch zu rechnen. Da sind die Marschallin von Luxembourg, die Marschallin von Mirepoix, Herr und Frau von Caraman, Frau von Valentinois, Frau von Forcalquier, Herr und Frau von Choiseul, die Damen von Boufflers, Frau von Layallière, und was die Männer betrifft, die gehen und kommen, unter denen ist kein vertrauter Freund. Ich sehe alle Fremden, man stellt sie mir vor, selbst wenn sie es nicht verlangen. Ich bin in dieser Hinsicht eine Macht geworden; mein Salon von Samt Joseph zählt in der Welt, und die öffentliche Meinung beunruhigt sich damit, was man dort spricht.
Indessen habe ich leider keine Freunde mehr.
Ich will zur Frau von Rochefort und zu dem Streiche zurückkehren, den sie mir gespielte
Sie war wie alle meine Gäste, und mehr als sie mit meinem Verhältniß mit Formont bekannt, sie wußte, wie viel ich von ihm hielt, sie wußte, daß ich mich nie von ihm hatte trennen wollen, aber sie wußte, daß ich wie alle Frauen unseres Zeitalters das Lachen und die Huldigungen liebte und einen zahlreichen Hof um mich zu haben wünschte.
Es lebte in Paris ein Schwede, der Graf von Kreuze, den ich oft sah. Sie bildete sich ein, daß er mir gefalle, und daß ich wohl ein geheimes Verhältniß mit ihm haben könne. Sie beneidete mich nämlich Formont's wegen, wenigstens habe ich es immer geglaubt, und sie versuchte, uns zu trennen, indem sie ihm sagte, daß ich ihn täusche. Glücklicherweise glaubte Formont nur mir, glücklicherweise hatte er eine redliche Seele und empörte sich über diese Achselträgerei. Das Erste, was er that, war, mir Alles zu erzählen.
Von dem Tage an sah ich Frau von Rochefort nicht wieder, ohne Erklärungen und ohne Beleidigungen sah sie den Grund ein und fragte nicht darnach.
In diesem Augenblicke finde ich ein Portrait Pont-de-Veyle's, von Herrn Walpole geschrieben, wieder, welches von treffender Wahrheit ist.
Es wird vollenden, was ich von diesem armen Chevalier gesagt habe; ich befehle Viard, es abzuschreiben, und dann werden wir nicht weiter von ihm reden.
»Herr von Pont-de-Veyle ist der Verfasser des »bestraften Thoren«, des »Selbstgefälligen« so wie des »Grafen von Comminges«, fälschlich der Frau von Tencin zugeschrieben, welcher er das Stück freilich gegeben hatte, der »Belagerung von Calais« und des »Unglücks der Liebe«. Man stelle sich ihn indessen nicht als einen besonders liebenswürdigen Greis vor, er kann es sein, aber et ist es selten. Er besitzt noch ein anderes Talent, welches sehr verschieden und sehr unterhaltend ist, nämlich die Kunst zu parodiren. Er ist einzig in diesem Genre, er kann Worte zu Tanzmelodien componiren; er hat unter anderen einer dieser Tanzmelodien die Fabel von Daphnis und Chloe angepaßt, und sie noch zehnmal unschicklicher gemacht, aber er ist so alt und singt seine Parodien so gut, daß man ihn selbst in den besten Gesellschaften anhört. In den Charakteren des Tanzes besonders, welchen er die Worte angepaßt hat und welche alle Nuancen der Liebe ausdrücken, gelingt es ihm am besten. Aber er hat nicht das geringste Talent, die Unterhaltung zu beleben, er spricht nur selten anders als über ernste Gegenstände und selbst dann nur wenig. Er ist bizarr, mürrisch und voll Bewunderung für sein eigenes Vaterland, als das einzige, wo man seine Verdienste beurtheilen könne Seine Miene und sein Blick sind kalt und abstoßend, aber wenn man ihn bittet zu singen, oder wenn man seine Werke lobt, da glänzen sogleich seine Augen und seine Züge erheitern sich.
