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Kitabı oku: «Die Fünf und Vierzig», sayfa 36

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»Oh! Euch fortjagen! welches Wort habt Ihr da gesagt, Remy?«

»Wenn Ihr auf Eurem Entschluß beharrt,« fuhr der junge Mann fort, als ob sie nicht gesprochen hatte, »so weiß ich, was ich zu thun habe, und alle unsere unnütz gewordenen Studien werden für mich auf zwei Dolchstiche auslaufen; der eine trifft das Herz desjenigen, welchen Ihr kennt, der andere das meinige.«

»Remy! Remy!« rief Diana, indem sie einen Schritt gegen den jungen Mann that und gebieterisch ihre Hand über seinem Haupte ausstreckte, »Remy, sagt das nicht; das Leben desjenigen, welchen Ihr bedroht, gehört mir, mir, die ich es theuer genug bezahlt habe, um es ihm selbst zu nehmen, sobald der Augenblick, wo er es verlieren soll, gekommen sein wird; Ihr wißt, was geschehen ist, Remy, und das ist kein Traum, ich schwöre es Euch; an dem Tage, wo ich zu dem schon kalten Leibe von diesem niederkniete…«

Und sie deutete auf das Portrait.

»An diesem Tage, sage ich, näherte ich meine Lippen dieser Wunde, die Ihr offen seht, und diese Wunde zitterte und sprach zu mir:

»»Räche mich, Diana, räche mich.««

»Gnädige Frau.«

»Remy, ich wiederhole Dir, es war keine Illusion, es war kein Summen meines Fieberwahnsinns: die Wunde hat gesprochen. sie hat gesprochen, sage ich Dir, und ich höre sie noch murmeln:

»»Räche mich, Diana, räche mich.««

Der Diener neigte das Haupt.

»Mir also und nicht Euch kommt die Rache zu,« fuhr Diana fort, »überdies für wen und durch wen ist er gestorben? für mich und durch mich.«

»Ich muß Euch gehorchen, gnädige Frau,« erwiederte Remy, »denn ich war auch todt wie er. Wer hat mich aus der Mitte dieser Todten, mit denen der Boden bedeckt war, wegbringen lassen? Ihr. Wer hat meine Wunden geheilt, Ihr! Wer hat mich verborgen? Ihr, Ihr, die Hälfte der Seele desjenigen, für welchen ich so freudig gestorben war; befehlt also, und ich werde gehorchen, wenn Ihr mir nur nicht befehlt, daß ich Euch verlassen soll.«

»Es sei Remy, folgt also meinem Schicksal, Ihr habt Recht, nichts soll uns mehr trennen.«

Remy deutete auf das Portrait und sprach voll Energie:

»Wohl, er ist durch Verrath getödtet worden, durch Verrath muß er auch gerächt werden. Ah! ihr wißt Eines nicht, Ihr habt, Recht, die Hand Gottes ist mit uns; Ihr wißt nicht, daß ich in dieser Nacht das Geheimniß der Aqua tofana, dieses Giftes der Medicis, dieses Giftes von René, dem Florentiner, gefunden habe.«

»Oh! sprichst Du wahr?«

»Kommt und seht, edle Frau.«

»Aber Grandchamp, der wartet, was wird er sagen, wenn er uns nicht zurückkommen sieht, wenn er uns nicht mehr hört, denn nicht wahr, Du willst mich hinunter führen?«

»Der arme Greis hat sechzig Meilen zu Pferd zurückgelegt; er ist ganz gelähmt durch die Müdigkeit und schon auf meinem Bette entschlummert. Kommt!«

Siebzehntes Kapitel
Das Laboratorium

Remy führte die unbekannte Dame in ein anstoßendes Zimmer, drückte an einer unter einem Brette des Bodens verborgenen Feder und ließ eine Fallthüre spielen, welche sich im Zimmer bis an die Wand erhob.

Zudem sie sich öffnete, ließ diese Fallthüre eine finstere, steile, schmale Treppe erblicken; Remy trat zuerst darauf und reichte seine Faust Diana, die sich darauf stützte und hinter ihm hinabstieg.

Zwanzig Stufen dieser Treppe oder, besser gesagt, dieser Leiter führten in ein kreisförmiges, schwarzes feuchtes Gewölbe, das nichts Anderes enthielt, als einen Ofen mit einem ungeheuren Herd, einen viereckigen Tisch zwei Strohstühle und eine große Menge von Phiolen und blechernen Büchsen.

Und als einzige Bewohner eine Ziege ohne Geblöke und Vögel ohne Stimmen, welche an diesem dunklen, unterirdischen Orte die Gespenster der Thiere, mit denen sie Aehnlichkeit hatten, und nicht mehr die Thiere selbst zu sein schienen.

In dem Ofen erstarb ein Rest von Feuer, während ein dicker, schwarzer Rauch schweigsam durch eine in der Mauer angebrachte Röhre entfloh.

Ein auf den Herd gesetzter Destillirkolben ließ langsam und Tropfen für Tropfen eine goldgelbe Flüssigkeit filtriren.

Diese Tropfen fielen in eine zwei Finger dicke, aber zugleich vollkommen durchsichtige Phiole von weißem Glas, welche durch die Röhre des Destillirkolbens, die mit ihr in Verbindung stand, geschlossen war.

Diana stieg hinab und blieb mitten unter diesen Gegenständen von seltsamer Existenz und seltsamen Formen ohne Erstaunen und ohne Schrecken stehen; man hätte glauben sollen, die gewöhnlichen Eindrücke des Lebens könnten keinen Einfluß mehr aus die Frau üben, welche schon außerhalb des Lebens lebte.

Remy hieß sie durch ein Zeichen am Fuße der Treppe stehen bleiben; sie blieb stehen, wo er es haben wollte.

Der junge Mann zündete eine Lampe an, welche ein bleiches Licht auf alle die von uns genannten Gegenstände warf, die bis jetzt in der Finsterniß schliefen oder sich bewegten.

Dann näherte er sich einem in dem Gewölbe an einer von den Wänden gegrabenen Brunnen, der weder eine Brüstung noch einen Randstein hatte, befestigte einen Eimer an einen langen Strick, und ließ diesen Strick ohne Kloben in das Wasser hinab, das düster im Grunde dieses Trichters lag und ein dumpfes Platschen hören ließ; endlich zog er den Eimer voll von einem eiskalten und kristallhellen Wasser wieder herauf.

»Nähert Euch, gnädige Frau,« sprach Remy. Diana näherte sich.

In diese ungeheure Quantität Wasser ließ er einer einzigen Tropfen von der in der gläsernen Phiole enthaltenen Flüssigkeit fallen, und die ganze Wassermasse erhielt sogleich eine gelbe Farbe; diese Farbe verdunstete sodann, und nach Verlauf von zehn Minuten war das Wasser wieder so durchsichtig als zuvor.

Nur die Starrheit der Augen von Diana gab einen Begriff von der tiefen Aufmerksamkeit, die sie dieser Operation schenkte.

Remy schaute sie an.

»Nun?« fragte sie.

»Taucht nun,« antwortete Remy, »macht nun in dieses Wasser, das weder einen Geschmack, noch eine Farbe hat, taucht eine Blume, einen Handschuh, ein Sacktuch knetet mit diesem Wasser wohlriechende Seife, gießt davon in die Wasserkanne, aus der man schöpfen wird, um sich dir Zähne, das Gesicht und die Hände zu reinigen und Ihr werdet, wie man es vor Kurzem am Hofe von Carl IX. gesehen hat, die Blume durch ihren Wohlgeruch ersticken, den Handschuh durch seine Berührung vergiften, die Seife durch ihr Eindringen in die Poren tödten sehen. Gießt einen einzigen Tropfen von diesem reinen Oel auf den Docht einer Kerze oder einer Lampe, und die Baumwolle wird sich bis aus ungefähr einen Zoll damit schwängern, und eine Stunde lang wird die Kerze oder die Lampe den Tod ausströmen, um hernach so unschuldig zu brennen, als eine andere Lampe oder eine andere Kerze.«

»Ihr seid dessen, was Ihr sagt, sicher Remy?« fragte Diana.

»Ich habe alle diese Experimente gemacht, gnädige Frau; seht diese Vögel, die nicht mehr schlafen können und nicht fressen wollen, sie haben Wasser, diesem ähnlich, getrunken. Seht diese Ziege, welche mit demselben Wasser besprengtes Gras gefressen hat, sie haart sich und ihre Augen irren in den Höhlen; wir könnten sie immerhin der Freiheit, dem Lichte, der Natur zurückgeben, ihr Leben ist verurtheilt, wenn nicht diese Natur, der wir sie zurückgeben, ihrem Instinkte irgend eines von den Gegengiften enthüllt, welche die Thiere errathen und die Menschen nicht kennen.«

»Kann man diese Phiole sehen, Remy?« fragte Diana.

»Ja, Madame, denn die ganze Flüssigkeit hat sich in dieser Stunde zu Boden gesetzt; doch wartet.«

Remy trennte sie mit unendlicher Vorsicht von dem Destillirkolben; dann verstopfte er sie sogleich mit einem Pfropfen von weichem Wachs, den er auf der Oberfläche ihrer Mündung abplattete, und reichte, nachdem er diese Mündung noch mit einem Stück Wolle umwickelt hatte, das Fläschchen seiner Gefährtin.

Diana nahm es ohne die geringste Bewegung, hob es in die Höhe der Lampe und sagte, nachdem sie die dichte Flüssigkeit eine Zeit lang betrachtet hatte:

»Das genügt; wir wählen, wenn es Zeit sein wird, einen Strauß, Handschuhe, eine Lampe, Seife oder eine Wasserkanne. Hält die Flüssigkeit im Metall?«

»Sie zernagt es.«

»Aber dann wird dieses Fläschchen vielleicht zerbrechen?«

»Ich glaube nicht; seht, wie dick der Kristall ist; überdies können wir es in ein goldenes Gefäß einschließen, oder vielmehr einschachteln.«

»Ihr seid also zufrieden, nicht wahr, Remy?« fragte die Dame.

Und etwas wie ein bleiches Lächeln schwebte über die Lippen der Dame und gab ihr jenen Lebensreflex, den ein Mondstrahl den erstarrten Gegenständen verleiht.

»Mehr als je, gnädige Frau,« antwortete Remy, »die Bösen bestrafen heißt das heiligste Vorrecht Gottes üben.«

»Hört, Remy, hört!«

Und die Dame horchte.

»Habt Ihr ein Geräusch gehört?«

»Den Hufschlag von Pferden auf der Straße, wie mir scheint; Remy, unsere Pferde sind angekommen.«

»Das ist wahrscheinlich, gnädige Frau, und es ist ungefähr die Stunde, wo sie kommen sollen. Doch nun will ich sie wegschicken.«

»Warum?«

»Sind sie nicht unnöthig?«

»Statt nach Meridor zu gehen, Remy, gehen wir nach Flandern, behalte die Pferde.«

»Ah! ich verstehe.«

Und nun zuckte in den Augen des Dieners ebenfalls ein Blitz der Freude, der sich nur mit dem Lächeln von Diana vergleichen ließ.

»Aber Grandchamp,« fügte er bei, »was machen wir mit ihm?«

»Grandchamp bedarf der Ruhe, sage Ich Euch. Er wird in Paris bleiben und dieses Haus verkaufen, das wir nicht mehr brauchen. Ihr gebt die Freiheit allen diesen armen, unschuldigen Thieren, die Ihr aus Nothwendigkeit habt leiden lassen. Ihr habt es gesagt. Gott wird vielleicht für ihre Rettung sorgen.«

»Doch alle diese Oefen, diese Retorten, diese Destillirkolben?«

»Was liegt daran, wenn sie Andere nach uns finden, da sie hier waren, als wir das Haus kauften?«

»Aber diese Pulver, diese Säuren, diese Essenzen?«

»Ins Feuer damit, ins Feuer.«

»So entfernt Euch.«

»Ich!«

»Ja, oder nehmt wenigstens diese gläserne Maske.«

Remy reichte der Dame eine Maske, die sie vor ihr Gesicht band.

Er selbst drückte sich auf seinen Mund und auf seine Nase einen großen wollenen Pfropfen, setzte den Blasebalg in Bewegung, belebte die Flamme der Kohlen und schüttete, als das Feuer gehörig brannte, die Pulver darauf welche ein lustiges Geknister von sich gaben und theils in grünen Feuern aufzuckten, theils sich in schwefelblassen Funken verflüchtigten; dann goß er die Essenzen darauf, und statt die Flammen auszulöschen, stiegen diese tote Feuerschlangen mit einem Brummen, dem eines entfernten Donners ähnlich, in die Röhre auf.

Als Alles verzehrt war, sagte Remy:

»Ihr habt Recht, Madame, wenn nun einer das Geheimniß dieses Kellers entdeckt. wird er glauben ein Alchemist habe ihn bewohnt; heute verbrennt man noch die Zauberer, aber man achtet die Alchemisten.«

»Ei! wenn man uns verbrennen würde, so wäre dies, wie mir scheint, nur Gerechtigkeit, sind wir nicht Giftmischer!… und wenn ich an dem Tag, wo ich den Scheiterhaufen besteige, nur meine Ausgabe erfüllt habe, so widerstrebt mir diese Todesart nicht mehr, als irgend eine andere: die Mehrzahl der alten Märtyrer ist so gestorben.«

Remy machte eine Geberde der Beistimmung, nahm sodann seine Phiole aus den Händen seiner Gebieterin und packte sie sorgfältig wieder ein.

In diesem Augenblick klopfte man an die Hausthür.

»Es sind Eure Leute, Madame, Ihr habt Euch nicht getäuscht. Steigt rasch wieder hinauf und antwortet, während ich die Fallthüre schließe.«

Die Dame gehorchte.

Einer und derselbe Gedanke lebte so sehr in diesen beiden Körpern, daß es schwer gewesen wäre, zu sagen wer von Beiden den Andern unter seiner Herrschaft hatte.

Remy stieg hinter ihr hinauf, drückte an der Feder, und das Gewölbe schloß sich wieder.

Diana fand Grandchamp an der Thüre; durch das Geräusch aufgeweckt, war er hinabgegangen, um zu öffnen.

Der Greis war nicht wenig erstaunt, als er die nahe bevorstehende Abreise seiner Gebieterin erfuhr, welche ihm dieselbe mittheilte, ohne ihm zu sagen, wohin sie ging.

»Grandchamp, mein Freund,« sprach sie, »Remy und ich gehen, um eine Pilgerfahrt zu vollbringen, die wir längst gelobt; Ihr werdet mit Niemand von dieser Reise sprechen und meinen Namen keinem Menschen offenbaren.«

»Oh! ich schwöre es Euch, gnädige Frau,« sagte der alte Diener, »aber man wird Euch doch wiedersehen?«

»Gewiß, Grandchamp, gewiß; sieht man sich nicht immer wieder ist es nicht in dieser Welt, doch wenigstens in jener? Doch, Grandchamp, dieses Haus wird uns unnütz.«

Diana zog aus einem Schranke ein Bündel Papiere.

»Hier sind die Urkunden, die das Eigenthum constatiren. Ihr werdet das Haus vermiethen oder verkaufen. Habt Ihr in einem Monat weder einen Miethsmann, noch einen Käufer gefunden, so verlasst Ihr es ganz einfach und kehrt nach Meridor zurück.«

»Und wenn ich einen Käufer finde, gnädige Frau, um wieviel soll ich es verkaufen?«

»Macht den Preis, wie Ihr wollt.«

»Dann bringe ich das Geld nach Meridor.«

»Ihr behaltet es für Euch, mein alter Diener.«

»Wie, gnädige Frau, eine solche Summe!«

»Allerdings. Bin ich Euch das nicht für Eure guten Dienste schuldig, Grandchamp? Und dann, habe ich nicht außer meiner Schuld gegen Euch die meines Vaters zu bezahlen?«

»Doch ohne einen Vertrag, ohne eine Vollmacht kann ich nichts thun, gnädige Frau.«

»Er hat Recht« sagte Remy.

»Findet ein Mittel,« sprach Diana.

»Nichts kann einfacher sein. Dieses Haus ist auf meinen Namen gekauft worden, ich verkaufe es an Grundchamp, der es auf diese Art an wen er will wiederverkaufen kann.«

»Thut das.«

Remy nahm eine Feder und schrieb unten an den Kaufvertrag den Wiederverkauf.

»Nun lebt wohl,« sprach die Dame von Monsoreau zu Grandchamp, der sich ganz bewegt fühlte, daß er allein in diesem Hause bleiben sollte, »lebt wohl, Grandchamp, laßt die Pferde vorführen, während ich die Vorbereitungen beendige.«

Diana ging wieder in ihr Zimmer hinauf, schnitt mit einem Dolche die Leinwand des Portraits aus, rollte es zusammen, hüllte es in ein Stück Seide und legte die Rolle in die Reisekiste.

Der leere, gähnende Rahmen schien noch beredeter als zuvor alle Schmerzen zu erzählen, die er gehört hatte.

Das übrige Zimmer behielt, sobald das Portrait herausgenommen war, keine Bedeutung mehr und wurde ein ganz gewöhnliches Zimmer.

Als Remy die zwei Kisten mit Gurten festgebunden hatte, schaute er zum letzten Mal in die Straße hinaus, um sich zu überzeugen, daß Niemand außer dem Führer darin verweile; dann half er seiner bleichen Gebieterin zu Pferde steigen und sagte ganz leise zu ihr:

»Ich glaube, dieses Haus wird das letzte sein, worin wir so lange geblieben sind.«

»Das vorletzte, Remy, erwiederte die Dame mit ihrer ernsten, eintönigen Stimme.

»Welches wird das andere sein?«

»Das Grab, Remy.«

Achtzehntes Kapitel
Was in Flandern Monseigneur Franz von Frankreich, Herzog von Anjou und von Brabant, Graf von Flandern machte

Unsere Leser mögen uns nun erlauben, den König im Louvre, Heinrich von Navarra in Cahors, Chicot auf dem Wege und die Dame von Monsoreau auf der Straße zu verlassen, um in Flandern den kürzlich zum Herzog von Brabant ernannten Herzog von Anjou aufzusuchen, dem wir den Großadmiral von Frankreich Anne Daigues, Herzog von Joyeuse, haben zu Hilfe senden sehen.

Achtzig Meilen von Paris, gegen Norden, schwebten der Lärmen französischer Stimmen und die Fahne von, Frankreich über einem französischen Lager am Ufer der Schelde.

Es war Nacht: in einem ungeheuern Kreis geordnete Feuer begrenzten den vor Antwerpen so breiten Fluß und spiegelten sich in seinem tiefen Wasser.

Die gewöhnliche Einsamkeit der Polders mit dem düsteren Grün wurde von dem Wiehern der französischen Pferde gestört.

Von den Wällen der Stadt herab sahen die Schildwachen im Feuer der Bivouaks die Muskete der französischen Schildwachen wie einen flüchtigen fernen Blitz glänzen, den die Breite des zwischen das Heer und die Stadt geworfenen Flusses ebenso harmlos machte, als jenes Wetterleuchten, das an einem schönen Sommerabend am Horizont zuckt.

Dieses Heer war das des Herzogs von Anjou.

Was es hier machen wollte, müssen wir wohl unsern Lesern erzählen. Es wird vielleicht nicht sehr belustigend sein, doch sie werden uns zu Gunsten eines beinahe unerläßlichen Vorworts verzeihen.

Diejenigen von unsern Lesern, welche die Güte hatten ihre Zeit damit zu verlieren, daß sie in der Königin Margot und in der Dame von Monsoreau blätterten, kennen schon den Herrn Herzog von Anjou, diesen neidischen, selbstsüchtigen, ehrgeizigen und ungeduldigen Prinzen der, so nahe beim Thron geboren, den ihm jedes Ereigniß immer näher zu bringen schien, nie mit Resignation hatte abwarten können, bis ihm der Tod einen Weg frei machte.

So sah man, wie er Anfangs nach dem Thron von Navarra unter Karl IX. trachtete, sodann nach dem von Karl IX. selbst, und endlich nach dem von Frankreich welchen sein Bruder Heinrich, der König von Polen, inne hatte, dem zwei Kronen zugefallen waren, zum großen Neide seines Bruders, der nicht eine hatte erwischen können.

Kurze Zeit hatte er sodann seine Augen England zugewendet, das von einer Frau regiert wurde, und um den Thron zu bekommen, hatte er die Frau zu heirathen begehrt, obschon sich diese Frau Elisabeth nannte und zwanzig Jahre älter war als er.

In diesem Punkte hatte ihm das Schicksal zuzulächeln angefangen, wenn man überhaupt eine Heirath mit der stolzen Tochter von Heinrich VIII. ein Lächeln des Schicksals nennen kann. Derjenige, dem es in seinem ganzen Leben bei seinen übereilten Wünschen nicht einmal gelungen war, seine eigene Freiheit zu vertheidigen, der seine Günstlinge La Mole und Coconnas hatte tödten sehen oder tödten lassen, der Bussy, den Bravsten von seinen Edelleuten, geopfert… Alles ohne irgend einen Nutzen für seine Erhöhung und mit einem großen Schaden für seinen Ruhm, dieser Zurückgestoßene des Glückes, sah sich zugleich von den Gunstbezeugungen einer bis dahin für jeden sterblichen Blick unzugänglichen Königin überhäuft und von einem ganzen Volke zu der ersten Würde auserkoren, die dieses Volk übertragen konnte.

Flandern bot ihm eine Krone und Elisabeth hatte ihm ihren Ring gegeben.

Wir sind nicht so anmaßend, Geschichtschreiber sein zu wollen; werden wir es zuweilen, so geschieht es, wenn die Geschichte zum Niveau des Romans herab oder vielmehr wenn der Roman zum Niveau der Geschichte hinaufsteigt; dann tauchen wir unsere Blicke in das fürstliche Dasein des Herzogs von Anjou, das, beständig an dem erhabenen Wege von Königreichen hinlaufend, voll von jenen bald glänzenden, bald düsteren Ereignissen ist, die man gewöhnlich nur bei königlichen Existenzen wahrnimmt.

Entwerfen wir daher mit einigen Worten die Geschichte dieser Existenz.

Er sah seinen Bruder Heinrich III. in Verlegenheit bei seinem Streite mit den Guisen; und verband sich mit den Guisen; bald aber bemerkte er, daß diese keinen andern wirklichen Zweck hatten, als den, an die Stelle der Valois auf den Throne von Frankreich zu treten.

Er trennte sich sodann von den Guisen, doch diese Trennung fand, wie man gesehen, nicht ohne einige Gefahr statt, und Herr von Salcède, der auf der Grève gerädert wurde, diente zum Beweis für das Gewicht, das die Herren von Lothringen auf die Freundschaft von Herrn von Anjou legten.

Ueberdies waren seit langer Zeit Heinrich III. die Augen aufgegangen, und der Herzog von Alencon hatte sich ein Jahr vor der Epoche, wo diese Geschichte beginnt, nach Amboise zurückgezogen.

Damals geschah es, daß die Flamänder die Arme nach ihm ausstreckten. Müde der spanischen Herrschaft, decimirt durch das Proconsulat des Herzogs von Alba, getäuscht durch den falschen Frieden von Don Juan von Oesterreich, der diesen Frieden benützte, um Namur und Charlemont wieder zu nehmen, hatten die Flamänder Wilhelm von Nassau, Prinz von Oranien, zu sich berufen und zum Generalgouverneur von Brabant gemacht.

Ein Wort über diesen Mann, der einen so großen Platz in der Geschichte einnimmt, bei uns aber nur wie eine flüchtige Erscheinung vorüberziehen wird.

Wilhelm von Nassau, Prinz von Oranien, war damals fünfzig bis ein und fünfzig Jahre alt; ein Sohn von Wilhelm von Nassau, genannt der Reiche, und von Juliane von Stollberg, ein Vetter von Renatus von Nassau, der bei der Belagerung von Saint-Dizier starb und von dem er seinen Titel als Prinz von Oranien erbte, hatte er noch ganz jung, in den strengsten Grundsätzen der Reformation aufgezogen, seinen Werth gefühlt und die Größe seiner Sendung ermessen.

Diese Sendung, die er vom Himmel empfangen zu haben glaubte, der er sein ganzes Leben hindurch treu blieb, und für welche er als ein Märtyrer starb, war die Gründung der Republik Holland, welche er auch wirklich gründete.

In früher Jugend wurde er von Karl V. an seinen Hof berufen. Karl V. verstand sich auf die Menschen; er wußte Wilhelm richtig zu beurtheilen, und oft fragte der alte Kaiser, der in seiner Hand die gewichtigste Weltkugel hielt, die je eine kaiserliche Hand getragen hatte, den Knaben über die kitzelichsten Materien der Politik der Niederlande um Rath. Mehr noch, der junge Mann war kaum vier und zwanzig Jahre alt, als ihm Karl V., in Abwesenheit des hochberühmten Philibert Emmanuel von Savoyen, das Commando der Armee in Flandern übertrug. Wilhelm zeigte sich würdig dieser Hochachtung, er hielt den Herzog von Nevers und Coligny, zwei der größten Feldherrn ihrer Zeit, im Schach und befestigte unter ihren Augen Philippeville und Charlemont; am Tag, wo Karl V. der Regierung entsagte, war es Wilhelm von Nassau, auf den er sich stützte, um die Stufen des Thrones herabzusteigen, und ihn beauftragte er, Ferdinand die kaiserliche Krone zu überbringen, auf welche Karl V. freiwillig Verzicht geleistet hatte.

Dann kam Philipp II., und obgleich Karl V. seinem Sohn Wilhelm als seinen Bruder zu betrachten empfahl fühlte dieser doch bald, daß Philipp II. einer von den Fürsten war, die keine Familie haben wollen. Nun befestigte sich in seinem Geist der große Gedanke der Befreiung von Holland und der Emancipation von Flandern, ein Gedanke, den er vielleicht ewig in seinem Innern verschlossen hätte, wäre nicht dem alten Kaiser, seinem Freund und seinem Vater, die Idee gekommen, den Königsmantel mit der Mönchskutte zu vertauschen. Auf den Antrag von Wilhelm verlangten die Niederlande die Entlassung der fremden Truppen; es begann der erbitterte Kampf von Spanien, das die Beute, die ihm entgehen wollte, festzuhalten suchte; es gingen über dieses unglückliche, stets zwischen Frankreich und das deutsche Reich gestellte Volk das Vicekönigthum von Margarethe von Oesterreich und das blutige Proconsulat des Herzogs von Alba. Es organisirte sich der zugleich politische und religiöse Kampf, zu dem die Protestation des Hotel Luxembourg, welche die Aufhebung der Inquisituon in den Niederlanden verlangte, den Vorwand bot. Es erschien die Procession von vier hundert mit der größten Einfachheit gekleideten Edelleuten, die zu zwei und zwei vorüberzogen und am Fuße des Thrones der Statthalterin den Ausdruck des in dieser Protestation enthaltenen allgemeinen Wunsches niederlegten; damals und beim Anblick der so ernsten und so einfach gekleideten Leute entschlüpfte Verlaimont, einem der Räthe der Herzogin das Wort  G u e u x  das, von den flämischen Edelleuten aufgenommen, fortan in den Niederlanden die patriotische Partei bezeichnete, welche bis dahin keine eigene Benennung gehabt hatte.16

Von diesem Anblick fing Wilhelm an die Rolle zu spielen, welche aus ihm einen der größten politischen Schauspieler machte, die es in der Welt gegeben. Beständig geschlagen in dem Kampf gegen die niederschmetternde Macht von Philipp II., erhob er sich beständig wieder und immer stärker nach seinen Niederlagen, immer eine neue Armee aufbringend, welche das verschwundene, das in die Flucht geschlagene, oder das vernichtete Heer ersetzte, erschien er, so oft er sich zeigte, als ein Befreier begrüßt.

Inmitten dieser Alternativen von moralischen Siegen und physischen Niederlagen, wenn man so sagen darf vernahm Wilhelm in Mons die Nachricht von der Schlächterei in der Bartholomäusnacht.

Das war eine furchtbare Wunde, die beinahe in’s Herz der Niederlande ging; Holland und derjenige Theil von Flandern, welcher calvinistisch war, verloren durch diese Wunde das beste Blut ihrer natürlichen Verbündeten, der Hugenotten in Frankreich.

Wilhelm antwortete auf diese Nachricht, wie es seine Gewohnheit war, durch einen Rückzug; von Mons wich er bis an den Rhein zurück, um die Ereignisse abzuwarten.

Selten fehlt es edlen Sachen an Ereignissen.

Plötzlich verbreitete sich eine Nachricht, die man unmöglich erwarten konnte.

Einige Seegeusen, es gab Seegeusen und Landgeusen, überließen sich durch conträren Wind in den Hafen getrieben, als sie sahen, daß ihnen kein Mittel blieb, die hohe See wieder zu erreichen, dem Abfalle der Wellen und eroberten, von der Verzweiflung fortgerissen, die Stadt, welche schon Galgen errichtet hatte, um sie zu hängen.

Nachdem die Stadt genommen war, vertrieben sie die spanischen Garnisonen aus der Umgegend, und als sie unter sich keinen Mann erkannten, der stark genug war, um den Succeß, den sie dem Zufall zu danken hatten, fruchtbar zu machen, riefen sie den Prinzen von Oranien, und Wilhelm eilte herbei; es war ein großer Schlag zu thun; man mußte ganz Holland gefährdend, jede Versöhnung mit Spanien unmöglich machen.

Wilhelm erließ eine Ordonnanz, welche den katholischen Cultus aus Holland verbannte, wie der protestantische Cultus aus Frankreich verbannt war.

Bei diesem Manifest begann der Krieg wieder: der Herzog von Alba schickte gegen die Empörer seinen eigenen Sohn, der ihnen Zutphen, Narden und Harlem nahm; doch diese Niederlage schien, weit entfernt, die Holländer zu beugen, ihnen nur neue Kraft zu geben; es fand eine allgemeine Schilderhebung statt; Alles ergriff die Waffen, von der Zuydersee bis zur Schelde; Spanien hatte einen Augenblick Angst, rief den Herzog von Alba zurück und gab ihm als Nachfolger Don Louis de Requesens, einen der Sieger in der Schlacht bei Lepanto.

Da eröffnete sich für Wilhelm eine neue Reihenfolge von Unglücksfällen: Ludwig und Heinrich von Nassau, welche dem Prinzen von Oranien Hilfstruppen zuführten, wurden von einem der Generale von Don Louis bei Nimwegen überfallen, geschlagen und getödtet; die Spanier drangen in Holland ein, belagerten Leyden und plünderten Antwerpen.

Die Lage der Dinge war eine verzweifelte, als der Himmel zum zweiten Mal der entstehenden Republik zu Hilfe kam. Requesens starb in Brüssel. Da geschah es, daß alle Provinzen, durch ein einziges Interesse verbunden, einstimmig am 8. Nov. 1576, nämlich vier Tage nach der Plünderung von Antwerpen, den unter dem Namen des Frieden von Gent bekannten Vertrag errichteten und unterzeichneten, durch welchen Vertrag sie sich anheischig machten, einander gegenseitig zur Befreiung des Landes von der Knechtschaft der Spanier und der anderen Fremden beizustehen.

Don Juan erschien wieder und mit ihm das Unglück der Niederlande. In weniger als zwei Monaten waren Namur und Charlemont genommen.

Die Flamänder erwiederten diese zwei Niederlagen dadurch, daß sie den Prinzen von Oranien zum Generalgouverneur von Brabant ernannten.

Don Juan starb ebenfalls. Gott sprach sich offenbar zu Gunsten der Freiheit der Niederlande aus. Alexander Farnese folgte ihm in seiner Stelle.

Es war dies ein gewandter Fürst von einnehmenden Manieren, mild und stark zugleich, ein großer General und ein großer Politiker; Flandern zitterte, als es sich zum ersten Male von dieser honigsüßen Stimme, statt als Rebellin behandelt zu werden, Freundin nennen hörte.

Wilhelm sah ein, Farnese würde für Spanien mit seinen Versprechungen mehr thun, als Alba mit seinen Hinrichtungen gethan hatte.

Er ließ die Provinzen am 29. Januar 1579 die Union von Utrecht unterzeichnen, welche die Grundlage des öffentlichen Rechtes von Holland war.

Damals geschah es, daß er, befürchtend, er könnte den Befreiungsplan, für den er seit fünfzehn Jahren kämpfte, nicht mehr allein ausführen, dem Herzog von Anjou die Souveränität der Niederlande unter der Bedingung anbieten ließ, daß er die Privilegien der Holländer und Flamänder, sowie ihre Gewissensfreiheit respektiren würde.

Dies war ein furchtbarer Schlag für Philipp II., den er dadurch erwiederte, daß er auf den Kopf von Wilhelm einen Preis von 25, 000 Thalern setzte.

Die im Haag versammelten Generalstaaten erklärten sodann Philipp II. als der Souveränität der Niederlande entsetzt und verordneten, daß der Eid der Treue sofort ihnen, statt dem König von Spanien geleistet werden sollte.

In diesem Augenblick traf der Herzog von Anjou in Belgien ein, und er wurde von den Flamändern mit dem Mißtrauen empfangen, mit dem sie alle Fremde begleiteten. Doch die von dem französischen Prinzen versprochene Unterstützung war ihnen zu wichtig, als daß sie ihm nicht, scheinbar wenigstens, eine gute und achtungsvolle Aufnahme bereitet haben sollten.

Aber das Versprechen von Philipp II. trug seine Früchte: mitten unter den Empfangsfeierlichkeiten ging ein Schuß auf der Seite von Wilhelm von Oranien los, er wankte, man glaubte ihn auf den Tod verwundet; doch Holland bedurfte seiner noch.

Die Kugel des Mörders war nur durch die beiden Backen gedrungen. Derjenige, welcher geschossen hatte, war Jean Jaureguy, der Vorläufer von Balthasar Gérard, wie Jean Chatel der Vorläufer von Ravaillac sein sollte.

Von allen diesen Ereignissen war Wilhelm eine düstere Traurigkeit geblieben, welche nur selten ein Lächeln erhellte. Flamänder und Holländer achteten diesen Träumer, wie sie einen Gott geachtet hätten, denn sie fühlten daß in ihm, in ihm allein ihre Zukunft lag, und wenn sie ihn erblickten, wie er in seinen weiten Mantel gehüllt, die Stirne durch den Schatten seines Filzhutes verschleiert, den Ellenbogen in seiner linken Hand, das Kinn auf seiner rechten Hand, einherschritt, so traten die Männer auf die Seite und die Mütter zeigten ihn mit einem gewissen religiösen Aberglauben ihren Kindern und sagten mit leiser Stimme zu ihnen:

»Siehe, mein Sohn, das ist der Schweigsame.«

Die Flamänder hatten also, auf den Vorschlag von Wilhelm, Franz von Valois zum Herzog von Brabant und Grafen von Flandern, das heißt zum souveränen Fürsten ernannt.

Dies hielt Elisabeth nicht ab, ihm Hoffnung auf ihre Hand zu lassen… im Gegentheil, sie betrachtete diese Verbindung als ein Mittel, mit den Calvinisten von England die von Flandern und von Frankreich zu verbinden; die weise Elisabeth träumte vielleicht von einer dreifachen Krone.

16.Gueux in seiner ursprünglichen Bedeutung Bettler, sodann Geusen der im Jahr 1565 zur Abschaffung der Inquisition gestiftete Bund niederländischer Edelleute.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
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951 s. 2 illüstrasyon
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