Kitabı oku: «Die Fünf und Vierzig», sayfa 38
Zwanzigstes Kapitel
Monseigneur
Die Antwerpner schauten indessen nicht ruhig den feindlichen Vorkehrungen des Herzogs von Anjou zu, und Joyeuse täuschte sich nicht, wenn er ihnen allen möglichen schlimmen Willen zuschrieb.
Antwerpen war wie ein Bienenkorb, wenn der Abend kommt, ruhig und verlassen außen, voll Gesumme und Bewegung im Innern.
Die bewaffneten Flamänder machten Patrouillen in den Straßen, verrammelten ihre Häuser, verdoppelten die Ketten und schlossen Brüderschaft mit den Bataillons des Prinzen von Oranien, von denen schon ein Theil in Antwerpen in Garnison lag, während ein anderer Theil in Brüchen zurückkehrte, welche, sobald sie herein waren, sich in der Stadt zerstreuten.
Als Alles zu einem kräftigen Widerstand bereit war, kam der Prinz von Oranien an einem finsterem mondlosen Abend, ohne alles Gedränge, aber mit der Ruhe und Festigkeit in die Stadt, welche stets bei Ausführung seiner Entschlüsse, wenn diese einmal gefaßt waren, vorherrschten.
Er stieg im Stadthause ab, wo seine Vertrauten Alles zu seiner Aufnahme bereit hielten.
Hier empfing er alle Viertelsherren und Hauptleute der Stadt, ließ er die besoldeten Truppen die Revue passiren und versammelte sodann die vornehmsten Officiere um sich, um ihnen seine Pläne mitzutheilen.
Unter seinen Plänen stand am Festesten der, die Manifestation des Herzogs von Anjou gegen die Stadt zu benutzen, um mit ihm zu brechen. Mit dem Herzog von Anjou kam es dahin, wohin ihn der Schweigsame hatte führen wollen, und dieser sah zu seiner großen Freude den neuen Bewerber um die souveräne Gewalt sich wie die Anderen zu Grunde richten.
An demselben Abend, an dem der Herzog von Anjou sich, wie wir gesehen, zum Angriff anschickte, hielt der Prinz von Oranien, der seit zwei Tagen in der Stadt war, eine Berathung mit dem Commandanten des Platzes für die Bürger.
Bei jedem Einwurf, den der Gouverneur gegen den Offensivplan des Herzogs von Oranien machte, schüttelte der Prinz, als ob dieser Einwurf einen Verzug bei den Plänen herbeiführen müßte, den Kopf wie ein Mensch der über eine solche Unsicherheit erstaunt.
Doch bei jedem Kopfschütteln erwiederte der Commandant des Platzes:
»Prinz, Ihr wißt, daß dies eine verabredete Sache ist, daß Monseigneur kommen muß; erwarten wir also Monseigneur.«
Dieses magische Wort machte, daß der Schweigsame die Stirne faltete; doch während er die Stirne faltete um vor Ungeduld an den Nägeln kaute, wartete er.
Dann heftete Jeder seinen Blick auf eine Uhr mit schweren Schlägen und schien die Unruhe zu bitten, sie möge die Ankunft der so ungeduldig erwarteten Person beschleunigen.
Es schlug neun Uhr: die Ungewißheit war zu einer wirklichen Angst geworden; einige Wachen behaupteten, sie haben Bewegung im französischen Lager bemerkt.
Eine kleine Barke, so platt wie eine Waagschale, war auf der Schelde abgeschickt worden; minder unruhig über das, was auf der Landseite, als über das, was auf der Seite des Meeres vorging, wünschten die Antwerpner genaue Nachricht über die französische Flotte zu erhalten, aber die kleine Barke war nicht zurückgekehrt.
Der Prinz von Oranien stand auf, biß vor Zorn auf seine büffelledernen Handschuhe und sagte zu den Antwerpnern:
»Monseigneur wird Euch so lange warten lassen, meine Herren, daß Antwerpen genommen und verbrannt ist, wenn er ankommt: die Stadt wird dann beurtheilen können, welcher Unterschied in dieser Hinsicht zwischen den Spaniern und den Franzosen stattfindet.«
Diese Worte waren nicht geeignet, die Herren bürgerlichen Officiere zu beruhigen; sie schauten sich auch mit großer Bewegung an.
In diesem Augenblick kam ein Spion, den man auf die Straße nach Mecheln geschickt hatte, und der bis Saint-Nicolas geritten war, zurück und meldete, er habe weder etwas gesehen noch gehört, was entfernt die Ankunft der erwarteten Person verkündigt hätte.
»Meine Herren,« rief der Schweigsame bei dieser Nachricht, »Ihr seht, wir würden vergebens warten; betreiben wir selbst unsere Angelegenheiten; die Zeit drängt und das Feld ist in keiner Hinsicht beschützt. Es ist gut, Vertrauen auf höhere Talente zu haben, aber Ihr seht, daß man sich vor Allem auf sich selbst verlassen muß.
»Berathen wir uns also.«
Er hatte noch nicht vollendet, als der Thürvorhang aufgehoben wurde; ein Diener der Stadt trat ein und sprach das einzige Wort, das in diesem Augenblick tausend andere werth zu sein schien:
»Monseigneur.«
In dem Tone dieses Mannes, in der Freude, die er bei Erfüllung seiner Pflicht als Huissier zu offenbaren sich nicht erwehren konnte, vermochte man die Begeisterung des Volkes und sein ganzes Vertrauen auf denjenigen zu setzen, welchen man mit dem unbestimmten und ehrfurchtsvollen Namen: Monseigneur! nannte.
Kaum war der Ton dieser vor Erschütterung bebenden Stimme erloschen, als ein Mann von hoher gebieterischer Gestalt, der mit der höchsten Anmuth den Mantel trug der ihn ganz umhüllte, in den Saal trat und diejenigen, welche sich hier fanden, höflich grüßte.
Doch mit dem ersten Blick fand sein stolzes, durchdringendes Auge den Prinzen mitten unter der Officieren heraus. Er ging gerade auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
Der Prinz drückte diese Hand herzlich und beinahe ehrfurchtsvoll.«
Sie nannten sich einander Monseigneur.
Nach diesem kurzen Austausch von Höflichkeiten legte der Unbekannte seinen Mantel ab.
Er trug ein Wamms von Büffelleder, tuchene Beinkleider und lange lederne Stiefel.
Er war mit einem langen Degen bewaffnet, der einen Theil, nicht seines Costume, sondern seiner Glieder zu bilden schien, so leicht spielte er an seiner Seite; ein kleiner Dolch stak in seinem Gürtel, neben dem eine mit Papieren gefüllte Ledertasche hing.
In dem Augenblick, wo er seinen Mantel abwarf, konnte man die erwähnten langen Stiefel ganz von Staub und Koth befleckt sehen.
Seine von dem Blute seines Pferdes gerötheten Sporen gaben nur noch einen düsteren Ton bei jedem Schritte von sich, den er auf den Platten machte.
Er nahm an der Rathstafel Platz und fragte:
»Nun, wie weit sind wir, Monseigneur?«
»Monseigneur,« antwortete der Schweigsame, »Ihr mußtet, als Ihr hierherkamet, sehen, daß die Straßen verrammelt sind.«
»Ich habe das bemerkt.«
»Und die Häuser mit Schießscharten versehen,« sagte ein Officier.
»Was das betrifft, so konnte ich es nicht sehen, doch es ist eine gute Vorsichtsmaßregel.«
»Und die Ketten verdoppelt,« sagte ein Anderer.
»Vortrefflich,« erwiederte der Unbekannte mit sorglosem Tone.
»Monseigneur billigt diese Vorkehrungen zur Vertheidigung nicht?« fragte eine Stimme, der Unruhe und Verdruß leicht anzumerken waren.
»Doch, doch,« sprach der Unbekannte, »aber ich glaube nicht, daß sie unter den Umständen, in denen wir uns befinden, sehr nützlich sind; sie ermüden die Soldaten und beunruhigen die Bürger. Ich denke, Ihr habt einen Angriffs- und Vertheidigungsplan?«
»Wir erwarteten Monseigneur, um ihm denselben mitzutheilen,« antwortete der Bürgermeister.
»Sprecht, meine Herren, sprecht.«
»Monseigneur ist ein wenig spät gekommen, und mittlerweile mußte ich handeln lassen,« fügte der Prinz bei.
»Und Ihr habt wohl gethan Monseigneur; man weiß überdies, daß Ihr, wenn Ihr handelt, gut handelt. Glaubt mir, ich habe meine Zeit auf dem Wege auch nicht verloren.«
Dann wandte er sich gegen die Bürger um.
»Wir wissen, daß sich eine Bewegung im Lager der Franzosen vorbereitet,« sprach der Bürgermeister, »sie treffen Anstalten zu einem Angriff; doch da wir nicht wissen, von welcher Seite der Angriff stattfinden wird, so haben wir unsere Kanonen so aufgepflanzt, daß sie gleichmäßig auf der ganzen Ausdehnung des Walles vertheilt sind.«
»Das ist weise,« erwiederte der Unbekannte mit einem leichten Lächeln, wobei er verstohlen den Schweigsamen anschaute, der, obgleich ein Kriegsmann, schwieg und alle diese Bürger vom Krieg reden ließ.
»Dasselbe ist mit unsern bürgerlichen Truppen geschehen,« fuhr der Bürgermeister fort, »sie sind in doppelten Posten auf der ganzen Ausdehnung der Mauern vertheilt und haben Befehl, auf der Stelle nach dem Angriffspunkte zu eilen.«
Der Unbekannte antwortete nichts, er schien zu erwarten, daß der Prinz von Oranien ebenfalls spreche.
»Dann,« fügte der Bürgermeister bei, »doch es ist die Ansicht der Mehrzahl der Mitglieder des Rathes, die Franzosen können unmöglich etwas Anderes im Schilde führen, als eine Finte.«
»Und in welcher Absicht diese Finte?« fragte der Unbekannte.
»In der Absicht, uns einzuschüchtern und uns zu einem gütlichen Vergleich zu bringen, der die Stadt in die Hände der Franzosen liefern würde.«
Der Unbekannte schaute abermals den Prinzen von Oranien an; man hätte glauben sollen, er wäre Allem dem, was vorging, fremd, mit einer solchen Gleichgültigkeit, welche beinahe der Verachtung gleichkam, hörte er alle diese Worte an.
»Man hat jedoch diesen Abend Vorkehrungen zum Angriff zu bemerken geglaubt,« sagte eine unruhige Stimme.
»Verdacht ohne Gewißheit,« erwiederte der Bürgermeister, »ich habe selbst das Lager mit einem vortrefflichen Fernglas, das von Straßburg kommt, untersucht; die Kanonen schienen an den Boden genagelt; die Menschen schickten sich ohne irgend eine Bewegung zum Schlafengehen an und der Herr Herzog von Anjou gab ein Mittagsmahl in seinem Zelte.«
Der Unbekannte warf einen neuen Blick auf den Prinzen von Oranien; diesmal kam es ihm vor, als zöge ein leichtes Lächeln die Lippen des Schweigsamen zusammen, während seine Achseln mit einer kaum sichtbaren verächtlichen Bewegung dieses Lächeln begleiteten.
»Ei! meine Herren,« entgegnete der Unbekannte, »Ihr seid in einem völligen Irrthum begriffen; es ist kein heimlicher Angriff, was man in diesem Augenblick vorbereitet, sondern ein schöner Sturm, den Ihr auszuhalten habt.«
»Wahrhaftig?«
»Eure Pläne, so natürlich sie Euch vorkommen, sind unvollständig.«
»Aber, Monseigneur…« erwiederten die Bürger gedemüthigt, daß man an ihren strategischen Kenntnissen zu zweifeln schien.
»Unvollständig,« fuhr der Unbekannte fort, »insofern als Ihr einen Angriff erwartet und alle Eure Maßregeln für dieses Ereigniß genommen habt.«
»Allerdings.«
»Nun! diesen Angriff, wenn Ihr mir glauben wollt, meine Herren…«
»Vollendet, Monseigneur.«
»Werdet Ihr nicht abwarten, sondern machen.«
»Das gefällt mir« rief der Prinz von Oranien, »das heiße ich sprechen.«
»In diesem Augenblick,« fuhr der Unbekannte fort, welcher begriff, daß er nun eine Unterstützung beim Prinzen von Oranien finden würde, »in diesem Augenblick machen sich die Schiffe des Herzogs von Joyeuse segelfertig.«
»Woher wißt Ihr das?« riefen gleichzeitig der Bürgermeister und die andern Mitglieder des Raths.
»Ich weiß es,« erwiederte der Unbekannte.
Ein Gemurmel des Zweifels durchzog wie ein Hauch die Versammlung; aber so leicht es auch war, streifte es doch an den Ohren des gewandten Kriegsmannes hin, der auf die Scene eingeführt worden war, um hier aller Wahrscheinlichkeit nach die erste Rolle zu spielen.
»Zweifelt Ihr daran?« fragte er mit der größten Ruhe und wie ein Mensch der gewohnt ist, gegen alle die Befürchtungen, gegen alle die Vorurtheile von Bürgern zu kämpfen.
»Wir zweifeln nicht daran, da Ihr es sagt, Monseigneur. Doch Eure Hoheit erlaube uns, ihr zu bemerken…«
»Sprecht.«
»Daß wenn dem so wäre…«
»Nun?«
»Wir Nachricht darüber hätten.«
»Durch wen?«
»Durch unsern Seespion.«
In diesem Augenblick trat ein Mensch, durch den Huissier geschoben, schwerfällig in den Saal ein, machte ehrfurchtsvoll ein paar Schritte auf den geglätteten Platten und ging halb auf den Bürgermeistern halb auf den Prinzen von Oraniens zu.
»Ah! ah!« sagte der Bürgermeister, »Du bist es, mein Freund.«
»Ich selbst, Herr Bürgermeister,« erwiederte der Eintretende.
»Monseigneur,« sprach der Bürgermeister, »dies ist der Mann, den wir auf Entdeckung ausgeschickt haben.«
Bei dem Wort Monseigneur, das nicht an den Prinzen von Oranien gerichtet war, machte der Spion eine Bewegung des Erstaunens und der Freude, und schritt hastig vor, um denjenigen besser zu sehen, welchen man mit diesem Titel bezeichnete.
Der Eintretende war einer von den flamändischen Seelauten deren Typus, als stark ausgeprägt, leicht erkennbar ist; viereckiger Kopf, blaue Augen, kurzer Hals und breite Schultern; er zerknitterte zwischen seinen dicken Händen seine feuchte Baumwollenmütze, und als er nahe bei den Officieren war, sah man, daß er eine breite Wasserspur auf den Platten zurückließ.
Seine schweren Kleider waren auch buchstäblich durchnäßt und triefend.
»Oh! oh! das ist ein Braver, der schwimmend zurückgekehrt ist,« sprach der Unbekannte, indem er den Matrosen mit der Gewohnheit der Autorität anschaute, die ihren Eindruck auf den Soldaten und den Diener nie verfehlt, weil sie zugleich den Befehl und die einschmeichelnde Freundlichkeit in sich schließt.
»Ja, Monseigneur, ja,« sprach der Matrose voll Eifer, »und die Schelde ist breit und reißend, Monseigneur.«
»Sprich, Goes, sprich,« fuhr der Unbekannte fort, der den Werth der Gunst wohl kannte, die er einem einfachen Matrosen dadurch zu Theil werden ließ, daß er ihn bei seinem Namen nannte.
Der Unbekannte schien von diesem Augenblick an, nur für Goes vorhanden zu sein, und dieser wandte sich auch an ihn, obgleich er von einem Andern abgesandt war und diesem Andern vielleicht von seinem Auftrag hätte Rechenschaft geben müssen, und sprach:
»Monseigneur, ich bin in meiner kleinsten Barke abgegangen; ich ruderte mit dem Losungswort durch die Sperrung, die wir mit Hilfe unserer Schiffe über die Schelde gezogen hatten, und fuhr bis zu diesen verdammten Franzosen. Ah! verzeiht, Monseigneur.«
Goes hielt inne.
»Immer zu,« sprach der Unbekannte lächelnd. »ich bin nur halb Franzose und werde folglich nur halb verdammt sein.«
»Also, Monseigneur, da Ihr mir zu verzeihen die Gnade habt…«
Der Unbekannte machte ein Zeichen mit dem Kopf. Goes fuhr fort:
»Während ich in der Nacht mit meinen in Linnen eingewickelten Rudern hinschiffte, hörte ich eine Stimme rufen:
»Holla, Barke, was wollt Ihr?«
Ich glaubte diese Aufforderung wäre an mich gerichtet und war im Begriff, dieses oder jenes zu antworten, als ich hinter mir schreien hörte:
»Admiralsbarke.«
Der Unbekannte schaute die Officiere mit einem Zeichen des Kopfes an, das wohl bedeutete: Was habe ich Euch gesagt?
»In demselben Augenblick…« fuhr Goes fort, »und als ich umwendete wollte, fühlte ich einen furchtbaren Stoß; meine Barke sank unter; das Wasser bedeckte mir den Kopf; ich rollte in einen bodenlosen Abgrund; doch die Wirbel der Schelde erkannten in mir einen alten Freund und ich sah den Himmel wieder.
»Dies war ganz einfach die Admiralsbarke, welche, Herr von Joyeuse an Bord führend, über mich hingegangen. Gott allein weiß, warum ich nicht zermalmt oder ertränkt worden bin.«
»Ich danke, braver Geos, ich danke,« sagte der Prinz von Oranien, glücklich, als er wahrnahm, daß sich seine Vorhersehungen verwirklicht hatten, »gehe und schweige.«
Und den Arm ausstreckend, legte er ihm eine Börse in die Hand.
Doch der Matrose schien noch etwas Anderes zu erwarten; dies war der Abschied des Unbekannten.
Dieser machte ihm auch ein wohlwollendes Zeichen mit der Hand, und Goes entfernte sich, sichtbar mehr erfreut über dieses Zeichen, als er es über das Geschenk des Prinzen von Oranien gewesen war.
»Nun!« fragte der Unbekannte den Bürgermeister, »was sagt Ihr zu diesem Berichte? Zweifelt Ihr noch, daß sich die Franzosen segelfertig machen, und glaubt Ihr, um die Nacht an Bord zuzubringen, begebe sich Herr von Joyeuse aus dem Lager auf die Admiralsgaleere?«
»Ihr seid also ein Wahrsager, Monseigneur?« sprachen die Bürger.
»Nicht mehr als Monseigneur der Prinz von Oranien, der, wie ich fest überzeugt bin, in allen Dingen meiner Ansicht ist. Doch wie Seine Hoheit bin ich gut unterrichtet, und ich kenne besonders diejenigen, welche dort auf der andern Seite sind.«
Und er bezeichnete mit seiner Hand die Polders.
»Ich wäre somit,« fuhr er fort, »sehr erstaunt gewesen, wenn ich sie nicht in dieser Nacht hätte angreifen sehen… Haltet Euch also bereit, meine Herren, denn wenn Ihr ihnen die Zeit gönnt, werden sie Euch ernstlich anweisen.«
»Diese Herren werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich vor Eurer Ankunft, Monseigneur, gerade so zu ihnen sprach, wie Ihr nun sprecht.«
»Aber wie glaubt Monseigneur, daß die Franzosen angreifen werden?« fragte der Bürgermeister.
»Folgendes sind die Wahrscheinlichkeiten: die Infanterie ist katholisch, sie wird sich allein schlagen. Das heißt, sie wird nur auf einer Seite angreifen. Die Cavalerie ist calvinistisch und wird sich auch allein schlagen. Zwei Seiten. Die Marine gehört Herrn von Joyeuse, er kommt von Paris; der Hof weiß, in welcher Absicht er abgegangen ist, er wird seinen Antheil am Kampf und am Ruhm haben wollen. Drei Seiten.«
»Machen wir also drei Corps,« sagte der Bürgermeister.
»Macht eines, meine Herren, macht eines mit Allem was Ihr an besten Soldaten habt, und laßt diejenigen, an denen Ihr im offenen Felde zweifelt, zur Bewachung Eurer Mauern zurück. Mit diesem Corps unternehmet sodann einen kräftigen Ausfall in dem Augenblick, wo es die Franzosen am wenigsten erwarten werden. Sie glauben anzugreifen, man muß ihnen zuvorkommen und sie angreifen, wenn Ihr sie beim Sturm erwartet, so seid Ihr verloren, da die Franzosen beim Sturm nicht ihres Gleichen haben, wie Ihr, meine Herren, nicht Eures Gleichen habt, wenn Ihr im freien Feld die Zugänge Eurer Stadt vertheidigt.«
Die Stirne der Flamänder strahlte.
»Was sagte ich, meine Herren?« fragte der Schweigsame.
»Es ist eine große Ehre für mich,« sprach der Unbekannte, »wenn ich, ohne es zu wissen, derselben Ansicht gewesen bin, wie der erste Feldherr seines Jahrhunderts.«
Beide verbeugten sich höflich.
»Das ist also verabredet,« fuhr der Unbekannte fort, »Ihr macht einen wüthenden Ausfall auf die Infanterie und die Cavalerie. Ich hoffe, Euere Officiere werden diesen Ausfall so führen, daß Ihr die Belagernden zurückwerft.«
»Aber ihre Schiffe, ihre Schiffe,« sagte der Bürgermeister, »sie werden unsere Sperrung forciren, und, da der Wind Nordwest ist, in zwei Stunden in der Stadt sein.«
»Ihr habt selbst sechs alte Schiffe und dreißig Barken in Sainte-Marie, eine Stunde von hier, nicht wahr? Das ist Eure Seebarricade, das ist Eure Kette, die die Schelde schließt.«
»Ja, Monseigneur, so ist es. Woher kennt Ihr alle diese Einzelheiten?«
Der Unbekannte lächelte.
»Ich kenne sie, wie Ihr seht,« sagte er, »dort ruht das Schicksal der Schlacht.«
»Dann muß man unsern braven Seeleuten Verstärkung schicken,« sprach der Bürgermeister.
»Im Gegentheil, Ihr könnt noch über vier hundert Mann verfügen, welche dort waren; zwanzig verständige, brave, ergebene Leute werden genügen.«
Die Antwerpner rissen die Augen weit auf.
«Wollt Ihr die ganze französische Flotte auf Kosten Eurer sechs alten Schiffe und Eurer dreißig alten Barken zerstören?« fragte der Unbekannte.
»Hm!« machten die Antwerpner, indem sie sich einander anschauten, »unsere Schiffe und Barken sind nicht so gar alt.«
»Nun, so schätzt sie, man wird Euch ihren Werth bezahlen.«
»Seht,« sagte ganz leise der Schweigsame zum Unbekannten, »das sind die Menschen, mit denen ich jeden Tag zu kämpfen habe. Oh! wären nur die Ereignisse, so hätte ich sie längst überwunden.«
»Sprecht, meine Herren,« sagte der Unbekannte, in dem er seine Hand an seine lederne Tasche legte, welche, wie gesagt, ganz vollgepfropft war, »schätzt geschwinde; Ihr sollt in Wechseln auf Euch selbst bezahlt werden, die Ihr hoffentlich gut finden werdet.«
»Monseigneur,« sagte der Bürgermeister, nachdem er sich einen Augenblick mit den Viertelsherren, den Zehnern und den Hundertern berathen hatte, »wir sind Kaufleute und keine Männer vom hohen Adel, Ihr müßt uns also ein gewisses Zögern vergeben, denn seht Ihr, unsere Seele ist nicht in unserem Körper, sondern in unseren Comptoirs. Doch es gibt gewisse Umstände, wo wir für das allgemeine Beste Opfer zu bringen wissen. Verfügt also über unsere Schiffe, wie es Euch gut dünkt.«
»Meiner Treue, Monseigneur,« sagte der Schweigsame, »Ihr wißt das gut zu machen, ich hätte sechs Monate gebraucht, um von ihnen zu erlangen, was Ihr in zehn Minuten erreicht habe.«
»Ich verfüge also über Eure Sperrung, doch hört, wie ich darüber verfüge.
»Die Franzosen, den Admiral an ihrer Spitze, werden den Durchgang zu forciren suchen. Ich verdopple die Ketten der Sperrung, indem ich ihnen genug Länge lasse, daß die Flotte mitten zwischen Eure Barken und Eure Schiffe einzufahren kommt. Dann schleudern von Euren Barken und Euren Schiffen die zwanzig Braven, die ich zurückgelassen Schiffshaken, und wenn sie diese Schiffshaken geworfen haben, entfliehen sie, nachdem sie zuvor Eure mit entzündbaren Stoffen beladene Sperrung in Brand gesteckt.«
»Und Ihr versteht,« rief der Schweigsame, »die ganze französische Flotte verbrennt.«
»Ja, die ganze,« sprach der Unbekannte, »dann kein Rückzug mehr zur See, dann kein Rückzug mehr durch die Polders, denn Ihr laßt die Schleusen von Mecheln, von Berchem, von Lier, von Düffel und von Antwerpen los. Zuerst von Euch zurückgetrieben, dann von Euren durchbrechenden Dämmen verfolgt, von allen Seiten umhüllt, von der unerwarteten, stets wachsenden Fluth, von dem Meer, das nur eine Strömung und keine Gegenströmung haben wird, werden die Franzosen ertränkt, vernichtet sein.«
Die Officiere stießen einen Freudenschrei aus.
»Es ist nur eine Schwierigkeit hierbei,« sagte der Prinz.
Welche, Monseigneur?« fragte der Unbekannte.
»Man hätte einen ganzen Tag nöthig, um die verschiedenen Befehle an die verschiedenen Städte zu expedieren, und wir haben nur eine Stunde.«
»Eine Stunde genügt,« erwiederte derjenige, welchen man Monseigneur nannte.
»Aber wer wird die Flottille benachrichtigen?«
»Sie ist benachrichtigt.«
»Durch wen?«
»Durch mich. Hätten sich diese Herren geweigert, mir sie zu geben, so würde ich sie ihnen abgekauft haben.«
»Aber Mecheln, Lier, Düffel?«
»Ich bin durch Mecheln und Lier gekommen und habe einen sichern Agenten nach Düffel geschickt. Um elf Uhr sind die Franzosen geschlagen, um Mitternacht ist die Flotte verbrannt, um ein Uhr sind die Franzosen in vollem Rückzug begriffen, um zwei Uhr durchbricht Mecheln seine Dämme, öffnet Lier seine Schleusen, schleudert Düffel seine Canäle aus ihrem Bett; dann wird allerdings die Ebene ein wüthender Ocean werden, der Häuser, Felder Waldungen, Dörfer ersäuft, zugleich aber auch, ich wiederhole es, die Franzosen ersäufen wird, und zwar so, daß nicht einer von ihnen nach Frankreich zurückkehrt.«
Diese Worte wurden mit Bewunderung, beinahe mit Schrecken aufgenommen; dann brachen die Flamänder in einen Beifallssturm aus.
Der Prinz von Oranien machte zwei Schritte gegen den Unbekanntem reichte ihm die Hand und sprach:
»So ist also Alles von uns aus bereit, Monseigneur.«
»Alles,« antwortete der Unbekannte. »Und seht, auf Seiten der Franzosen ist, glaube ich, auch Alles bereit.«
Und er deutete mit dem Finger auf einen Officier, der eben den Thürvorhang aufhob.
»Eure Hoheiten und meine Herren, »sprach der Officier, »man meldet uns so eben, daß die Franzosen auf dem Marsch sind und gegen die Stadt vorrücken.«
»Zu den Waffen!« rief der Bürgermeister.
»Zu den Waffen!« wiederholten die Anwesenden.
»Wartet einen Augenblick, meine Herren,« unterbrach sie der Unbekannte mit seiner männlichen und gebieterischen Stimme, »Ihr vergeßt, mich Euch eine letzte Ermahnung geben zu lassen, die noch wichtiger ist, als alle anderen.«
»Thut das! thut das!« riefen alle Stimmen.
»Die Franzosen sollen überfallen werden, es wird also kein Kampf, es wird ein Rückzug, eine Flucht werden; um sie zu verfolgen, müßt Ihr leicht sein. Die Panzer herab, alle Wetter! Eure Panzer sind es, in denen Ihr Euch nicht rühren könnt, durch die Ihr alle Schlachten, in denen Ihr unterlegen seid, verloren habt. Eure Panzer herab, meine Herren.«
Und der Unbekannte zeigte seine breite Brust, welche nur durch ein Koller von Büffelleder beschützt war.
»Wir werden uns bei den Streichen wiedersehen, meine Herren Kapitäne,« fuhr der Unbekannte fort, »mittlerweile begebt Euch auf den Rathausplatz, wo Ihr Eure Leute aufgestellt findet. Wir folgen Euch dahin.«
»Ich danke Euch, Monseigneur, sprach der Prinz zu dem Unbekannten, »Ihr habt zugleich Belgien und Holland gerettet.«
»Prinz, Ihr seid zu gütig,« erwiederte dieser.
»Wird sich Eure Hoheit herbeilassen, das Schwert gegen die Franzosen zu ziehen?« fragte der Prinz.
»Ich werde es so einrichten, daß ich den Hugenotten gegenüber kämpfe,« erwiederte der Unbekannte, indem er sich mit einem Lächeln verbeugte, um das ihn sein düsterer Gefährte beneidet hätte, und das Gott allein verstand.
