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Kitabı oku: «Die Fünf und Vierzig», sayfa 39

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Einundzwanzigstes Kapitel
Franzosen und Flamänder

Im Augenblick, wo der ganze Rath das Stadthaus verließ und die Officiere sich an die Spitze ihrer Mannschaft stellten, um die Befehle des unbekannten Führers zu vollziehen, der von der Vorsehung selbst den Flamändern zugeschickt zu sein schien, erscholl ein langes kreisförmiges Geräusch, das die ganze Stadt zu umhüllen schien und faßte sich in einem einzigen gewaltigen Schrei zusammen.

Zu derselben Zeit donnerte die Artillerie.

Diese Artillerie überfiel die Franzosen mitten auf ihrem nächtlichen Marsch, und während sie selbst zu überrumpeln glaubten. Doch statt ihren Marsch aufzuhalten beschleunigte sie denselben.

Konnte man die Stadt nicht durch Ueberrumpelung und durch Ersteigung mit Sturmleitern nehmen, so konnte man doch, wie wir es den König von Navarra in Cahors haben machen sehen, den Graben mit Faschinen füllen und die Thore durch Petarden sprengen.

Die Kanonen auf den Wällen setzten ihr Feuer ununterbrochen fort, doch in der Nacht war ihre Wirkung beinahe nichts. Nachdem sie durch Geschrei das Geschrei ihrer Gegner erwiedert hatten, rückten die Franzosen in der Stille mit der ihnen beim Angriff eigenthümlichen glühenden Unerschrockenheit vor.

Doch plötzlich öffneten sich die Thore und Schlupfpforten, und von allen Seiten stürzen bewaffnete Leute hervor; nur ist es nicht das feurige Ungestüm der Franzosen, was sie belebt, sondern eine Art von schwerfälliger Trunkenheit, die den Krieger in seiner Bewegung nicht hemmt, wohl aber ihn massenhaft macht wie eine rollende Mauer.

Es waren die Flamänder, die in geschlossenen Bataillons, in gedrängten Gruppen vorrückten, über denen eine mehr geräuschvolle als furchtbare Artillerie fortwährend donnerte.

Nun entspinnt sich der Kampf Fuß an Fuß, das Schwert und das Messer schlagen aneinander, die Pike und die Degenklinge streifen sich, der Pistolenschuß und das Feuer der Büchsen erleuchten die von Blut gerötheten Gesichter.

Kein Schrei, kein Murren, keine Klage: der Flamänder schlägt sich mit Grimm, der Franzose mit Trotz. Der Flamänder ist wüthend, daß er sich zu schlagen hat, denn er schlägt sich weder, weil es sein Gewerbe ist, noch zu seinem Vergnügen. Der Franzose ist wüthend, weil man ihn angegriffen hat, während er angreifen wollte.

In dem Augenblick, wo man mit der Erbitterung, die wir vergebens zu schildern versuchen würden, handgemein wird, vernimmt man hastig auf einander folgende Schüsse auf der Seite von Sainte-Marie, und es erhebt sich über der Stadt ein Schein, wie ein Flammenbusch. Es ist Joyeuse, der die Barriere, welche die Schelde beschützt, forcirend eine Diversion machen und mit seiner Flotte bis in das Herz von Antwerpen eindringen wird.

Dies hoffen wenigstens die Franzosen.

Doch dem ist nicht so.

Von einem Westwinde, das heißt von dem bei einem solchen Unternehmen günstigsten Wind getrieben, hatte Joyeuse die Anker gelichtet und sich, die Admiralsgaleere an der Spitze, dieser Brise überlassen, die ihn trotz der Strömung fortführte. Alles war zum Kampf bereit; seine mit ihren Entersäbeln bewaffneten Soldaten standen auf dem Hintertheil. Seine Kanoniere waren mit angezündeten Lunten bei ihren Stücken, seine Mastwächter mit Granaten in den Mastkörben; die Elitematrosen endlich hielten sich mit Aexten bewaffnet bereit, aus die feindlichen Schiffe und Barken zu springen und Ketten und Seile zu durchhauen, um eine Oeffnung für die Flotte zu machen.

Man rückte in der Stille vor. In Form eines Keils geordnet, dessen spitzigsten Winkel die Admiralsgaleere bildete, schienen die sieben Schiffe von Joyeuse ein über das Wasser hin gleitende Truppe riesiger Gespenster zu sein. Der junge Mann, dessen Posten auf seiner Quartbank war, hatte nicht hier bleiben können. Mit einer prächtigen Rüstung angethan, hatte er auf der Galeere den Platz des ersten Lieutenant eingenommen; er beugte sich über das Bugspriet und sein Auge schien die Nebel des Flusses und die Tiefe der Nacht durchdringen zu wollen.

Bald sah er durch diese doppelte Dunkelheit den Damm erscheinen, der sich düster quer durch den Fluß ausstreckte. Er schien öde und verlassen, lag in diesem Lande der Hinterhalte etwas Furchtbares in dieser Einsamkeit und Verlassenheit.

Man rückte indessen immer fort; man war ungefähr auf zehn Kabellängen von der Sperrung und in jeder Secunde kam man ihr näher, ohne daß noch einziges Wer da! an die Ohren der Franzosen geklungen hatte.

Die Matrosen sahen in dieser Stille nur eine Nachlässigkeit, über die sie sich freuten; vorsichtiger als die Anderen, vermuthete der junge Admiral eine List, über die er erschrak.

Endlich drang die Admiralsgaleere mitten in das Takelwerk der zwei Schiffe, welche das Centrum der Sperrung bildeten, trieb sie vor sich her, und schob in der Mitte diesen ganzen biegsamen Damm zurück, dessen Abtheilung durch Ketten mit einander verbunden waren, und der, indem er nachgab, ohne zu brechen, sich an die Flanken der Schiffe anlegend dieselbe Form annahm, welche diese Schiffe selbst boten.

Plötzlich und in dem Augenblick, wo die Axtträger Befehl erhielten, hinabzusteigen, um die Sperrung zu durchbrechen, klammerte sich, von unsichtbaren Händen geworfen, eine Menge von Schiffshaken an dem Takelwerk der französischen Schiffe an.

Die Flamänder kamen dem Manoeuvre der Franzosen zuvor, indem sie das thaten, was diese thun wollten.

Joyeuse glaubte, seine Feinde bieten ihm einen heftigen Kampf, und er nahm ihn an. Die von seiner Seite geworfenen Haken verbanden durch eiserne Knoten die feindlichen Schiffe mit den seinigen. Er riß eine Axt aus den Händen einen Matrosen, sprang zuerst auf dasjenige von den Schiffen, das er mit einer sichereren Fessel festhielt, und rief: »Entert! entert!«

Seine ganze Mannschaft folgte ihm, und Officiere und Matrosen stießen denselben Schrei aus; doch kein Schrei erwiederte den seinigen, keine Macht widersetzte sich seinem Angriff.

Man sah nur drei mit Menschen beladene Barken schweigsam, wie drei verspätete Seevögel, über den Fluß hingleiten.

Diese Barken entflohen mit kräftigen Ruderschlag, diese Vögel entfernten sich im schnellsten Fluge.

Die Angreifenden blieben unbeweglich auf den Schiffen, die sie ohne Kampf erobert hatten.

Es war dasselbe auf der ganzen Linie.

Plötzlich hörte Joyeuse unter sich ein dumpfes Brummen und ein Schwefelgeruch verbreitete sich in der Luft.

Ein Gedanke durchzuckte seinen Geiste er hob eine Luke auf: die Eingeweide des Schiffes brannten.

Im Augenblick erscholl der Ruf: »Auf die Schiffe! auf die Schiffe! auf der ganzen Linie.

Jeder stieg hastiger hinauf, als er herabgestiegen war; Joyeuse der zuerst herabgesprungen, stieg zuletzt hinauf.

In der Sekunde, wo er die Wand seiner Galeere erreichte, sprengte die Flamme das Verdeck des Schiffes, das er verließ.«

Dann wirbelten wie aus zwanzig Vulkanen Flammen empor; jede Barke, jede Schlupe, jeden Boot war ein Krater; die französische Flotte schien von ihren höheren Verdecken herab einen Feuerschlund zu beherrschen.

Es wurde Befehl gegeben, das Takelwerk abzuhauen, die Ketten zu durchbrechen, die Haken zu zerschmettern; die Matrosen stürzten in die Taue mit der Geschwindigkeit von Menschen, welche überzeugt sind, daß ihre Rettung von der Eile abhängt.

Aber die Arbeit war ungeheuer; vielleicht hätte man die von den Feinden auf die französische Flotte geworfenen Haken losgemacht; doch es blieben noch diejenigen, welche von der französischen Flotte auf die feindlichen Schiffe geworfen worden waren.

Plötzlich hörte man ein zwanzigfaches Donnern; die französischen Schiffe zitterten in ihrem Gebälke, ächzten in ihrer Tiefe.

Es waren die Kanonen, die den Damm vertheidigten, und bis an die Mündung geladen und von den Antwerpnern verlassen, von selbst losgingen, wie sie das Feuer erreichte, und Alles, was sich in ihrer Richtung fand, ohne Verstand zertrümmerten, aber immerhin zertrümmerten.

Die Flammen stiegen wie riesige Schlangen an den Masten hinauf umschlangen die Rahen und leckten dann mit ihren spitzigen Zungen an den kupfernen Flanken der französischen Schiffe.

Joyeuse, mit seiner herrlichen mit Gold damascirten Rüstung, glich, ruhig und mit gebieterischer Stimme seine Befehle mitten unter diesen Flammen vertheilend, einem von den fabelhaften Salamandern mit Millionen von Schuppen, welche bei jeder Bewegung. die sie machten, einen Funkenstaub ausschüttelten.

Doch bald wurde das Gekrache heftiger, niederschmetternder; es donnerten nicht mehr die Kanonen, sondern die Pulverkammern fingen Feuer, die Schiffe selbst flogen in Trümmer.

So lange er die tödtlichen Bande, die ihn mit seinen Feinden verknüpften, zu sprengen hoffte, kämpfte Joyeuse noch er hatte keine Hoffnung mehr, daß es ihm gelingen würde; die Flamme hatte die französischen Schiffe erreicht, und bei jedem Schiffe, welches sprang, fiel ein Feuerregen, dem Bouquet eines Kunstfeuerwerks ähnlich, auf das Verdeck herab.

Nur war dieses Feuer das griechische, das unversöhnliche Feuer, das sich mit dem vermehrt, was die andern Feuer auslöscht, und seine Beute bis in die Tiefe des Wassers verzehrt.

Die Antwerpner Schiffe hatten zerspringend die Dämme durchbrochen; aber die französischen Schiffe fielen, statt ihren Weg fortzusetzen, selbst ganz in Flammen ab und rißen einige Trümmer des zerfressenden Branders nach, der sie mit seinen Flammenarmen gepackt hatte.

Joyeuse begriff, daß kein Kampf mehr möglich war; er befahl, alle Boote auszusetzen und am linken Ufer zu landen.

Der Befehl wurde den andern Schiffen mit Hilfe eines Sprachrohres mitgetheilt; diejenigen, welche, ihn nicht hörten, hatten instinktartig denselben Gedanken.

Die ganze Mannschaft wurde bis auf den letzten Matrosen eingeschifft, ehe Joyeuse das Verdeck seiner Galeere verließ.

Seine Kaltblütigkeit schien Jedermann Kaltblütigkeit zu verleihen, jeder von seinen Seeleuten hatte seine Axt oder seinen Entersäbel in der Faust.

Ehe er das Ufer des Flusses erreicht hatte, sprang die Admiralsgaleere in die Luft und beleuchtete auf der einen Seite die Silhouette der Stadt und auf der andern den ungeheuren Horizont des Flusses, der sich, immer weiter werdend, auf dem Meer verlor.

Mittlerweile hatte die Artillerie der Wälle ihr Feuer eingestellt; nicht als hätte sich die Muth des Kampfes vermindert, sondern im Gegentheil, seitdem die Franzosen und Flamänder handgemein geworden waren, konnte man nicht mehr auf die Einen schießen, ohne auf die Andern zu schießen.

Die calvinistische Cavalerie hatte ebenfalls Wunder verrichtend angegriffen; vor dem Schwerte ihrer Reiter öffnet sie, unter den Hufen ihrer Pferde zermalmt sie; aber die verwundeten Flamänder schlitzen den Pferden mit ihren breiten Messern den Bauch auf.

Trotz dieser glänzenden Cavaleriecharge, gerathen die französischen Colonnen ein wenig in Unordnung, und sie behaupten sich nur noch, statt vorzurücken, während aus den Thoren der Stadt unablässig frische Bataillons hervorkommen, die sich auf die Armee des Herzogs von Anjou werfen.

Plötzlich vernimmt man einen gewaltigen Lärmen beinahe unter den Mauern der Stadt; der Ruf »Anjou! Anjou! Frankreich! Frankreich!« erschallt auf den Flanken der Antwerpner, und ein furchtbarer Stoß erschüttert diese ganze eng geschlossene Masse.

Joyeuse ist es, der diese Bewegung verursacht; seine Matrosen sind es, die diese Schreie ausstoßen, fünfzehn hundert mit Aexten und kurzen Säbeln bewaffnete Leute fallen, angeführt von Joyeuse, dem man ein herrenloses Pferd gebracht hat, plötzlich über die Flamänder her; sie haben ihre in Flammen stehende Flotte und zweihundert verbrannte oder ertränkte Kameraden zu rächen.

Sie stellten sich nicht in Schlachtordnung, sondern sie stürzten auf die erste Gruppe los, die sie an ihrer Sprache und ihrer Tracht als feindlich erkannten.

Niemand handhabte besser als Joyeuse sein langes Schlachtschwert; sein Faustgelenk drehte sich wie ein stählernes Rad und jeder Hieb spaltete einen Schädel, jeder Stoß durchbohrte einen Mann.

Die flamändische Gruppe, über die Joyeuse herfiel, wurde verzehrt wie ein Getreidekorn durch eine Legion von Ameisen.

Trunken durch diesen ersten Sieg, drangen die Matrosen vorwärts.

Während sie Terrain gewannen, verlor die calvinistische Cavalerie allmälig, umhüllt von diesen Menschenströmen; doch die Infanterie kämpfte fortwährend Leib an Leib mit den Flamändern.

Der Prinz hatte den Brand der Flotte wie einen entfernten Schein erschaut, er hatte den Donner der Kanonen und das Krachen der zerspringenden Schiffe gehört, ohne etwas Anderes zu ahnen, als einen erbitterten Kampf der sich auf dieser Seite natürlich durch den Sieg von Joyeuse endigen müßte; er konnte unmöglich glauben, einige flamändische Schiffe stritten mit einer französischen Flotte.

Er erwartete daher jeden Augenblick eine Diversion durch Joyeuse, als man ihm plötzlich meldete, die Flotte sei zerstört und Joyeuse und seine Matrosen griffen mitten unter den Flamändern an.

Nun erfaßte den Prinzen eine große Unruhe: die Flotte war der Rückzug und folglich die Sicherheit der Armee.

Der Herzog schickte an die calvinistische Reiterei den Befehl ab, eine neue Charge zu versuchen, und die erschöpften Reiter und Pferde sammelten sich, um sich abermals aus die Antwerpner zu stürzen.

Mitten unter dem Gemenge hörte man die Stimme von Herrn von Joyeuse rufen: »Haltet fest, Herr von Saint-Aignan, Frankreich! Frankreich!«

Und wie ein Mäher, der ein Kornfeld angreift, schwang er sein Schwert in der Luft, ließ es niedersinken und legte zu seinen Füßen seine Menschenernte; der schwache Günstling, der zarte Sybarite schien mit seinem Panzer die fabelhafte Stärke des nemäischen Herkules angethan zu haben.

Und die Infanterie, welche diese den Lärmen beherrschende Stimme hörte, die dieses die Nacht erleuchtende Schwert erblickte, die Infanterie faßte wieder Muth und kehrte mit neuer Anstrengung, wie die Reiterei, in den Kampf zurück.

Da aber ritt der Mann, den man Monseigneur nannte, auf einem schönen Rappen aus der Stadt.

Er trug eine schwarze Rüstung, nämlich Helm, Armschienen, Panzer und Beinschienen von polirtem Stahl, und es folgten ihm fünfhundert Reiter auf vortrefflichen Pferden, die der Prinz von Oranien zu seiner Verfügung gestellt hatte.

Der Reiter mit den schwarzen Waffen eilte dahin, wo das größte Gedränge stattfand; das war der Ort, wo Joyeuse mit seinen Matrosen kämpfte.

Die Flamänder erkannten ihn, traten vor ihm auf die Seite und riefen freudig: »Monseigneur! Monseigneur!« Joyeuse und seine Matrosen fühlten, wie der Feind auf die Seite wich, sie hörten dieses Geschrei und fanden sich plötzlich dieser neuen Truppe gegenüber, welche unversehens und wie durch einen Zauber vor ihnen erschien.

Joyeuse trieb sein Pferd gegen den schwarzen Reiter, und Beide trafen mit einer finsteren Erbitterung zusammen.

Bei dem ersten Zusammenschlagen ihrer Schwerter entwickelte sich eine Garbe von Funken.

Auf die Festigkeit seiner Rüstung und auf seine Gewandtheit in der Fechtkunst vertrauend, führte Joyeuse mächtige Streiche, welche geschickt parirt wurden. Zu gleicher Zeit traf ihn das Schwert seines Gegners auf die volle Brust, glitt auf dem Panzer hin, drang durch den Zwischenraum der Rüstung ein; und es spritzten ein paar Tropfen Blut aus seiner Schulter.

»Ah!« rief der junge Admiral, als er die Spitze des Schwertes fühlte, »dieser Mann ist ein Franzose, mehr noch, er hat das Fechten unter demselben Meister gelernt wie ich.«

Bei diesen Worten sah man, wie der Unbekannte sich abwandte und sich auf einen andern Punkt zu werfen suchte.

»Wenn Du ein Franzose bist, so bist Du ein Verräter,« tief ihm Joyeuse zu, »denn Du kämpfst gegen Deinen König, gegen Dein Vaterland, gegen Deine Fahne.«

Der Unbekannte antwortete nur, indem er sich umwandte und Joyeuse wüthend angriff.

Aber diesmal war Joyeuse gewarnt und wußte, mit welchem geschickten Degen er es zu thun hatte. Er parirte hinter einander drei bis vier Streiche, die mit eben so viel Geschicklichkeit als Wuth, mit eben so viel Kraft als Stärke geführt wurden.

Der Unbekannte machte nun eine Bewegung des Rückzugs.

»Halt,« rief ihm der junge Mann zu, »seht, was man thut, wenn man sich für sein Vaterland schlägt; ein reines Herz und ein redlicher Arm genügen, um Einen Kopf ohne Helm, eine Stirne ohne Visir zu beschützen.«

Und er riß die Agraffen seines Helmes auf, schleuderte ihn weit von sich und entblößte seinen edlen, schönen Kopf, dessen Augen von Kraft, Stolz und Jugend glänzten.

Statt mit der Stimme zu antwortete oder das gegebene Beispiel zu befolgen, stieß der Reiter mit der schwarzen Rüstung ein dumpfes Gebrülle aus und erhob sein Schwert über diesem entblößten Haupt.

»Ah!« rief Joyeuse, während er parirte, »ich sagte es wohl, Du bist ein Verräther und sollst als Verräther sterben.«

Und ihn hart bedrängend, versetzte er ihm hinter einander zwei bis drei Stöße mit der Schwertspitze, von denen einer durch eine Oeffnung des Helmvisirs eindrang.

»Oh! ich werde Dich tödten,« sagte der junge Mann, »und Dir den Helm entreißen, der Dich beschützt und so gut verbirgt, und dann am ersten Baum aufhängen den ich an der Straße finde.

Der Unbekannte wollte einen Gegenstoß thun, als ein Cavalier, der eben zu ihm herangeritten war, sich an sein Ohr neigte und zu ihm sagte:

»Monseigneur, kein Scharmützel mehr, Eure Gegenwart ist dort ersprießlicher.«

Der Unbekannte folgte mit den Augen der von der Hand des Andern angegebenen Richtung und sah die Flamänder vor der calvinistischen Cavalerie zögern.

»In der That,« sagte er mit düsterem Tone, »dort sind diejenigen, die ich suchte.«

In diesem Augenblick fiel eine Woge von Reitern über die Matrosen von Joyeuse her, welche müde, ohne Unterlaß mit ihren Riesenwaffen zu schlagen, den ersten Schritt rückwärts machten.

Der schwarze Reiter benützte diese Bewegung, um im Gemenge und in der Dunkelheit zu verschwinden…

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Eine Viertelstunde nachher wichen die Franzosen auf allen Punkten und suchten sich zurückzuziehen, ohne zu fliehen.

Herr von Saint-Aignan ergriff alle Maßregeln, um von seinen Leuten einen Rückzug in guter Ordnung zu erlangen.

Doch eine neue Treppe von fünfhundert Pferden und zweitausend Mann Fußvolk rückte ganz frisch aus der Stadt hervor und fiel über die schon ermattete und im Rückmarsch begriffene Armee her. Es waren die alten Banden des Prinzen von Oranien, die nach und nach gegen den Herzog von Alba, gegen Don Juan, gegen Requesens und gegen Alexander Farnese gestritten hatten.

Da mußte man sich entschließen, das Schlachtfeld zu verlassen und seinen Rückzug zu Land zu nehmen. da die Flotte, auf die man eintretenden Falles rechnete, zerstört war.

Trotz der Kaltblütigkeit der Führer, trotz der Tapferkeit der Mehrzahl, begann eine Flucht in gräßlicher Unordnung.

In diesem Augenblick fiel der Unbekannte mit seiner Reiterei über die Flüchtlinge her und traf abermals bei der Nachhut Joyeuse mit seinen Matrosen von denen er zwei Drittel auf dem Schlachtfelde zurückgelassen hatte.

Der junge Admiral ritt sein drittes Pferd, da ihm die andern getödtet worden waren. Sein Schwert war zerbrochen und er hatte aus den Händen eines verwundeten Matrosen eine von den gewichtigen Enteräxten genommen; die er mit derselben Leichtigkeit um sein Haupt schwang, mit der nur ein Schleuderer seine Schleuder schwingen konnte.

Von Zeit zu Zeit wandte er sich um und machte Fronte, jenen Keilern ähnlich, die sich nicht zur Flucht entschließen können und in Verzweiflung gegen den Jäger zurückkehren.

Die Flamänder, welche gemäß der Ermahnung desjenigen, den sie Monseigneur nannten, ohne Panzer kämpften, waren leicht und behende in der Verfolgung und gaben der Armee von Anjou nicht eine Sekunde Rast.

Etwas wie ein Gewissensvorwurf oder wenigstens wie ein Zweifel erfaßte das Herz des Unbekannten diesem großen Unglück gegenüber.

»Genug, meine Herren, genug,« sagte er in französischer Sprache zu seinen Leuten, »sie sind diesen Abend von Antwerpen vertrieben und werden in acht Tagen aus Flandern vertrieben sein; verlangen wir nicht mehr vom Gott der Heere.«

»Ah! es war ein Franzose, es war ein Franzose,« rief Joyeuse, »ah! ich hatte es vermuthet, Verräther. Ah! sei verflucht und möchtest Du den Tod der Verräther sterben.«

Diese wüthende Verwünschung schien den Mann zu entmuthigen, den tausend gegen ihn erhobene Schwerter nicht hatten einschüchtern können; er wandte sein Pferd, und der Sieger floh beinahe eben so schnell, als die Besiegten.

Doch dieser Rückzug eines Einzigen änderte nichts am Angesicht der Dinge: die Furcht ist ansteckend, sie hatte die ganze Armee ergriffen, und unter dem Gewichte eines wahnsinnigen Schreckens fingen die Soldaten an in Verzweiflung zu fliehen.

Die Pferde belebten sich trotz der Müdigkeit, denn auch sie schienen unter dem Einfluß der Angst zu stehen; die Mannschaft zerstreute sich, um Zufluchtsorte zu suchen: in einigen Stunden war die Armee nicht mehr im Zustande einer Armee vorhanden.

Dies war der Augenblick, wo nach dem Befehle von Monseigneur die Dämme sich öffneten und die Schleusen aufgezogen wurden. Von Lier bis Termond, von Haesdonk bis Mecheln, schickte jeder kleine Fluß, vergrößert durch seine Beiflüße, jeder überströmende Canal sein Contingent an wüthendem Wasser auf das Plattland.

Als die flüchtigen Franzosen, nachdem sie ihre Feinde ermüdet, Halt zu machen anfingen, als sie endlich die Antwerpner nach ihrer Stadt, gefolgt von den Soldaten des Prinzen von Oranien, zurückkehren sahen, als diejenigen, welche unversehrt dem Blutbade in der Nacht entgangen waren, sich gerettet glaubten und einen Augenblick athmeten, die Einen unter Gebeten die Anderen unter Gotteslästerungen, da entfesselte sich zur selben Stunde ein neuer, blinder, unbarmherziger Feind gegen sie, mit der Schnelligkeit des Windes, mit dem Ungestüm des Meeres; doch so nahe über ihrem Haupte die Gefahr schwebte, hatten die Flüchtlinge doch noch keine Ahnung von dem neuen Ungewitter, das sie zu umhüllen anfing.

Joyeuse hatte seinen auf achthundert Mann zusammengeschmolzenen Matrosen den Einzigen, welche noch eine gewisse Ordnung behaupteten, einen Halt befohlen.

Keuchend, ohne Stimme, nur noch durch drohend Geberden sprechend, versuchte es der Graf von Saint-Aignan, sein zerstreutes Fußvolk wieder zu sammeln.

An der Spitze der Flüchtlinge, auf einem vortrefflichen Pferde reitend und begleitet von einem Bedienten, der ein anderes an der Hand hielt, jagte der Herzog von Anjou fort und fort, ohne daß er an irgend etwas zu denken schien.

»Der Elende hat kein Herz,« sagten die Einen.

»Der Tapfere ist herrlich in seiner Kaltblütigkeit,« sagten die Anderen.

Einige Stunden der Ruhe von zwei bis sechs Uhr sollten dem Fußvolk wieder die erforderliche Kraft geben, um die Flucht fortzusetzen.

Nun fehlte es an Lebensmitteln.

Die Pferde schienen noch mehr abgemattet als die Menschen, sie schleppten sich nur mit Mühe fort, denn sie hatten seit dem vorhergehenden Tag nichts mehr gefressen.

Sie marschirten auch am Schweif der Armee.

Man hoffte Brüssel zu erreichen, das dem Herzog angehörte, und wo man zahlreiche Parteigänger zählte; doch war man nicht ohne Unruhe über seinen guten Willen; man hatte auch einen Augenblick auf Antwerpen rechnen zu können geglaubt, wie man auf Brüssel zählen zu dürfen glaubte.

In Brüssel, nämlich kaum acht französische Meilen von dem Orte, wo man sich befand, würde man die Truppen verproviantiren und ein vortheilhaftes Lager beziehen, um den unterbrochenen Feldzug wiederzubeginnen, sobald man den Augenblick für geeignet hielte.

Die Trümmer, die man zurückbrachte, sollten als Kern für eine neue Armee dienen.

Noch zu dieser Stunde sah Niemand den furchtbaren Augenblick vorher, wo der Boden unter den Füßen der unglücklichen Soldaten sinken, wo Wasserberge niederstürzen und über ihren Häuptern hinrollen, wo die Ueberreste so vieler Braven, von dem schlammigen Gewässer fortgetragen, bis in das Meer gewälzt oder auf dem Wege niedergeworfen werden sollten, um die Felder Brabants zu düngen…

Der Herzog von Anjou ließ sich Frühstück in der Hütte eines Bauern zwischen Heboken und Heckhout bringen.

Die Hütte war leer, die Bewohner hatten sich schon am vorhergehenden Abend geflüchtet; das von ihnen am Tag zuvor angezündete Feuer brannte noch im Kamin.

Die Soldaten und Officiere wollten ihren Führer nachahmen und zerstreuten sich in den genannten zwei Flecken; aber sie sahen mit einem Erstaunen, in das sich Schrecken mischte, daß alle Häuser verlassen waren und daß die Einwohner ihre Mundvorräthe beinahe gänzlich Mitgenommen hatten.

Der Graf von Saint-Aignan suchte auf gut Glück wie die Andern; die Sorglosigkeit des Herzogs von Anjou in der Stunde, wo so viele Brave für ihn starben, widerstrebte seinem Geiste, und er entfernte sich vom Prinzen.

Er gehörte zu denjenigen. welche sagten:

»Der Elende hat kein Herz.«

Er durchsuchte für seine Rechnung zwei bis drei Häuser, die er leer fand; er klopfte an die Thüre des vierten, als man ihm sagte, auf zwei Meilen in der Runde, das heißt in dem Kreise des Landes, den man inne hatte, seien alle Häuser so.

Bei dieser Nachricht runzelte Saint-Aignan die Stirne und machte seine gewöhnliche Grimasse.

»Vorwärts, meine Herren. vorwärts,« sagte er zu den Officieren.

»Aber wir sind zu müde, wir sterben vor Hunger General,« entgegneten sie.

»Ja, aber Ihr lebt, und wenn Ihr eine Stunde länger hier bleibt, seid Ihr todt; vielleicht ist es jetzt schon zu spät.«

Herr von Saint-Aignan konnte nichts bestimmt bezeichnen, aber er ahnte eine große unter dieser Verödung verborgene Gefahr.

Man brach auf.

Der Herzog stellte sich an die Spitze Herr von Saint-Aignan behielt das Centrum und Joyeuse übernahm die Nachhut.

Doch es trennten sich von der Gruppe noch zwei bis drei tausend Mann, entweder durch ihre Wunden geschwächt oder durch die Strapazen zu sehr abgemattet, und legten sich verlassen trostlos, von einer finsteren Ahnung ergriffen, im Grase oder am Fuße der Bäume nieder.

Beil ihnen blieben die demontirten Reiter, deren Pferde sich nicht fortschleppen konnten oder auf dem Marsche verwundet worden waren.

Es waren kaum noch um den Herzog von Anjou drei tausend hinreichend kräftige und kampffähige Soldaten versammelt.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
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