Kitabı oku: «Die Fünf und Vierzig», sayfa 40
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Die Reisenden
Während dieses Unglück, der Vorläufer eines noch viel größeren Unglücks, in Erfüllung ging, kamen zwei Reisende auf vortrefflichen Pferden vom Perche in einer kühlen Nacht aus dem Thore von Brüssel und ritten in der Richtung von Mecheln vorwärts.
Sie marschirten neben einander, die Mäntel eingewunden und scheinbar ohne Waffen, abgesehen jedoch von einem flamändischen Messer, dessen messingnen Griff man am Gürtel von einem derselben glänzen sah.
Diese Reisenden ritten ihres Wegs, jeder seinem Gedanken folgend, demselben vielleicht, ohne ein Wort auszutauschen.
Sie hatten die Haltung und die Tracht der picardischen Kaufleute, welche damals einen beständigen Handel zwischen Frankreich und Flandern trieben, eine Art von Handelsreisenden, naive Vorläufer, streiche in jener Zeit die Arbeit von denen unserer Tage verrichteten, ohne zu vermuthen, daß sie der Specialität der großen Handelspropaganda nahe standen.
Wer sie auf der vom Monde beleuchteten Landstraße so friedlich hätte einhertraben sehen, würde sie für gute Leute gehalten haben, die es drängte, nach einer geziemenden Tagereise ein Bett zu finden.
Doch man hätte nur einige durch den Wind von ihrem Gespräche abgelöste Sätze hören müssen, wenn ein Gespräch zwischen ihnen stattfand, um diese irrige Meinung, die ihnen der ersten Anschein gab, nicht zu bewahren.
Und das seltsamste von allen Worten, das sie austauschten, war auch ihr erstes, als sie ungefähr eine halbe Meile von Brüssel entfernt sein mochten,.
»Madame,« sagte der stärkere zu dem schlankeren der beiden Gefährten, »Ihr habt in der That Recht gehabt diese Nacht aufzubrechen; wir gewinnen sieben Meilen durch unsern Marsch und kommen nach Mecheln gerade in dem Augenblick, wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Resultat des Handstreichs auf Antwerpen bekannt sein wird. Man wird sich dort in der ganzen Trunkenheit des Triumphes finden. In zwei Tagen kleiner Märsche, und, um auszuruhen, braucht Ihr nur kurze Etapen, in zwei Tagen kleiner Märsche, sage ich, erreichen wir Antwerpen und zwar ohne Zweifel zur Stunde, wo der Prinz von seiner Freude zurückgekommen sein und die Gnade haben wird, auf den Bodens zu schauen, nachdem er sich bis in den siebenten Himmel erhoben.«
Der Gefährte, der von dem andern Madame genannt wurde und sich ob dieser Benennung, trotz seiner Mannskleider, durchaus nicht entrüstete, erwiederte mit einer zu gleich ruhigen, ernsten und sanften Stimme:
»Mein Freund, glaubt mir, Gott wird müde sein, diesen elenden Prinzen zu beschützen, und ihn grausam schlagen; beeilen wir uns also, unsere Pläne in Ausführung zu bringen, denn ich gehöre nicht zu denjenigen, welche an das Fatum glauben, und ich denke, die Menschen haben frei über ihren Willen und über ihre Handlungen zu gebieten. Wenn wir nicht handeln und Gott handeln lassen, so war es nicht der Mühe werth, so schmerzlich bis auf diesen Tag zu leben.«
In diesem Augenblick pfiff ein eisiger Nordwest vorüber.
»Ihr schauert, Madame,« sagte der ältere von den Reisenden, »nehmt Euren Mantel.«
»Nein, Remy, ich danke; Du weißt, ich fühle weder mehr die Schmerzen des Körpers, noch die Qualen des Geistes.
Remy schlug die Augen zum Himmel auf und blieb in ein düsteres Nachdenken versunken.
Zuweilen hielt er sein Pferd an und wandte sich auf seinen Steigbügeln um, während ihm seine Gefährtin stumm wie eine Reiterstatue voran ritt.
Nach einem von diesen Halten, und als ihr Gefährte sie wieder eingeholt hatte, sagte sie:
»Du siehst Niemand mehr hinter uns?«
»Nein, Madame, Niemand.«
»Der Reiter, der uns in der Nacht in Valenciennes einholte und sich nach uns erkundigte, nachdem er uns so lange beobachtet hatte?«
»Ich sehe ihn nicht mehr.«
»Aber mir scheint, ich habe ihn gesehen, ehe wir Mons erreichten.«
»Und ich, Madame, ich weiß sicher, daß ich ihn gesehen habe, ehe wir nach Brüssel kamen.«
»Nach Brüssel, sagst Du?«
»Ja; doch er wird in letzterer Stadt angehalten haben.«
»Remy,« sprach die Dame, indem sie sich ihrem Gefährten näherte, als befürchtete sie, man könnte sie auf dieser öden Straße hören, »kam es Dir nicht vor, als gliche er…«
»Wem?«
»Seiner Haltung nach wenigstens, denn ich habe sein Gesicht nicht gesehen, dem unglücklichen jungen Mann.«
»Oh! nein, nein, Madame,« erwiederte Remy hastig, »nicht im Geringsten; wie hätte er überdies vermuthen sollen, daß wir Paris verlassen haben und uns auf dieser Straße befinden?«
»Woher wußte er, Remy, daß wir unsere Wohnung in Paris veränderten?«
»Nein, nein, Madame, er ist uns nicht gefolgt und hat uns nicht folgen lassen, und ich habe, wie ich Euch dort sagte, starke Gründe, zu glauben, daß er einen verzweifelten Entschluß gefaßt, doch nur sich allein gegenüber.«
»Ach! Remy, Jeder trägt seinen Theil Leiden auf dieser Erde; Gott erleichtere die dieses armen Kindes.«
Remy erwiederte mit einem Seufzer den Seufzer seiner Gebieterin, und sie setzten ihre Reise fort, ohne ein anderes Geräusch als das der Tritte ihrer Pferde auf der schallenden Straße.
So vergingen zwei Stunden.
In dem Augenblick, wo unsere Reisenden in Vilvorde einritten, drehte Remy lebhaft den Kopf um.
Er hatte den Galopp eines Pferdes bei der Biegung der Straße gehört.
Er hielt an, horchte, sah aber nichts.
Seine Augen suchten vergebens die Tiefe der Nacht zu durchdringen, doch da kein anderes Geräusch die feierliche Stille unterbrach, ritt er mit seiner Gefährtin in den Flecken ein
»Madame,« sagte er, »es wird bald Tag werden; wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, halten wir hier an; die Pferde sind müde und Ihr bedürft der Ruhe.«
»Remy,« entgegnete die Dame, »vergebens wollt Ihr mir verbergen, was Ihr empfindet, Remy, Ihr seid unruhig…«
»Ja, über Eure Gesundheit, Madame; glaubt mir, eine Frau vermag solche Strapazen nicht zu ertragen, und ich bin kaum selbst…«
»Thut, was Euch beliebt, Remy,« erwiederte die Dame.
»Nun, so reitet in dieses Gäßchen, an dessen Ende ich eine erlöschende Laterne erblicke; es ist das Zeichen woran man die Wirthshäuser erkennt: ich bitte, beeilt Euch.«
»Ihr habt also etwas gehört?«
»Ja, etwas wie den Hufschlag eines Pferdes. Wohl glaubte ich daß ich mich getäuscht habe; aber jeden Falls bleibe ich einen Augenblick zurück, um mich zu versichern, ob ich richtig oder falsch gehört.«
Ohne etwas zu erwiedern, ohne daß sie Remy von seinem Vorhaben abzubringen suchte berührte die Dame die Seiten ihres Pferdes, und dieses drang in das lange, gekrümmte Gäßchen.
Remy ließ sie an sich vorbeireiten, stieg ab und warf seinem Pferde den Zügel auf den Hals; es folgte natürlich dem seiner Gefährtin.
Er selbst wartete gebückt hinter einem riesigen Weichstein.
Die Dame stieß an die Schwelle des Wirthshauses, hinter dessen Thüre, nach der gastlichen Sitte in Flandern, eine Magd mit breiten Schultern und kräftigen Armen wachte oder vielmehr schlief.
Die Magd hatte schon den Tritt des Pferdes auf dem Pflaster des Gäßchens schallen hören, öffnete ohne schlechte Laune aufgewacht, die Thüre und empfing in ihren Armen den Reisenden oder vielmehr die Reisende.
Dann öffnete sie den zwei Pferden die weite, gewölbte Thüre, durch die sie, sobald sie einen Stall erkannten, hastig liefen.
»Ich erwarte meinen Gefährten,« sagte die Dame, »laßt mich zum Feuer sitzen, ich lege mich nicht eher nieder, als bis er gekommen ist.«
Die Magd bereitete den Pferden eine Streu, verschloß die Stallthüre, kehrte in die Küche zurück, näherte einen Schämel dem Feuer, putzte mit ihren Fingern das dicke Licht und entschlief wieder.
Mittlerweile lauerte Remy aus seinem Versteck auf den Reisenden, dessen Pferd er hatte galoppiren hören.
Er sah ihn aufmerksam horchend in den Flecken reiten; bei dem Gäßchen angelangt, erblickte der Reisende die Laterne und er schien zu zögern, ob er weiter reiten oder sich nach dieser Seite wenden sollte.
Er hielt zwei Schritte von Remy an, der auf seiner Schulter den Athem des Pferdes fühlte.
Remy legte die Hand an sein Messer.
»Er ist es,« brummelte er, »er folgt uns abermals… Was will er von uns?«
Der Reisende kreuzte seine Arme über seiner Brust, während sein Roß, den Hals ausgestreckt, angestrengt schnaufte.
Er sprach kein Wort; doch an dem Feuer seiner bald vorwärts, bald rückwärts, bald in das Gäßchen gerichteten Blicke war leicht zu erkennen, daß er sich fragte, ob er zurückkehren, vorwärts reiten, oder sich nach dem Wirthshause wenden sollte.
»Sie sind weiter geritten, folgen wir ihnen,« sagte er mit halber Stimme.
Und er ließ seinem Pferde wieder die Zügel und setzte seinen Weg fort.
»Morgen, schlagen wir eine andere Straße ein,« sagte Remy zu sich selbst.
Und er eilte seiner Gefährtin nach, die ihn ungeduldig erwartete.
»Nun« fragte sie ganz leise, »folgt man uns?«
»Niemand; ich täuschte mich; nur wir sind auf der Straße, und Ihr könnt in vollkommener Sicherheit schlafen.«
»Oh! ich habe keinen Schlaf, Remy, – Ihr wißt es wohl.«
»Aber Ihr werdet wenigstens zu Nacht essen, denn Ihr habt schon gestern nichts gegessen.«
»Gern, Remy.«
Man weckte die arme Magd, die auch diesmal mit demselben Aussehen guter Laune erwachte, wie das erste Mal, und, als sie hörte, wovon die Rede war, aus dem Speiseschrank ein viertel gesalzenes Schweinefleisch, einen kalten jungen Hasen und eingemachte Früchte zog, und sodann einen Krug schäumendes, geperltes Löwener Bier brachte.
Remy setzte sich zu seiner Herrin an den Tisch.
Diese füllte zur Hälfte ein Henkelglas mit dem Bier, benetzte sich die Lippen, brach ein Stück Brod, aß davon ein paar Bißchen, schob das Glas und das Brod von sich und legte sich auf ihren Stuhl zurück.
»Wie, Ihr eßt nicht, mein edler Herr?« fragte die Magd.
»Nein, ich bin satt und danke.«
Die Magd schaute sodann Remy an, der das von seiner Gebieterin gebrochene Brod aufhob, langsam verzehrte und hierauf ein Glas Bier trank.
»Und das Fleisch,« fragte die Magd, »Ihr eßt kein Fleisch, mein Herr?«
»Nein, mein Kind, ich danke.«
»Ihr findet es also nicht gut?«
»Ich bin überzeugt, daß es vortrefflich ist, aber ich habe keinen Hunger.«
Die Magd faltete die Hände, um das Erstaunen auszudrücken, in das sie diese seltsame Nüchternheit versetzte: ihre Landsleute pflegten sich auf der Reise nicht so zu benehmen.
Als Remy ein wenig Aerger in der Geberde der Magd wahrnahm, warf er ein Geldstück auf den Tisch.
»Oh!« sagte die Magd, »steckt Euer Geldstück wieder ein, ich müßte zu viel herausgeben… Eurer Beider Zeche macht nur sechs Deniers.«
»Behaltet das ganze Geldstück, meine Gute,« erwiederte die Reisende, »mein Bruder und ich sind allerdings mäßig, aber wir wollen darum Euren Gewinn nicht verringern.«
Die Magd wurde roth vor Freude, und dennoch befeuchteten zu gleicher Zeit Thränen des Mitleids ihre Augen, mit so schmerzlichem Tone waren diese Worte ausgesprochen worden.
»Sage mir, mein Kind,« fragte Remy, »gibt es einen Seitenweg von hier nach Mecheln?«
»Ja, mein Herr, aber er ist sehr schlecht; während es im Gegentheil, was der Herr vielleicht nicht weiß eine vortreffliche Landstraße gibt.«
»Ich weiß es; doch ich muß auf dem andern Weg reisen.«
»Mein lieber Herr, ich wollte Euch warnen; da Eure Gefährtin eine Frau ist, so wird für sie besonders der Weg doppelt schlecht sein.«
»Warum, meine Gute?«
»Weil in dieser Nacht viele Landleute durch die Gegend kommen, um gen Brüssel zu ziehen.«
»Gent Brüssel?«
»Ja, sie wandern für den Augenblick aus.«
»Warum wandern sie aus?«
»Ich weiß es nicht, es ist so der Befehl.«
»Der Befehl von wem? vom Prinzen von Oranien?«
»Nein, von Monseigneur.«
»Wer ist dieser Monseigneur?«
»Ah! bei Gott! Ihr fragt mich zu viel, mein Herr, ich weiß es nicht; es ist nur so viel gewiß, daß man auswandert.«
»Und wer sind die Auswandernden?«
»Die Bewohner des Landes, der Dörfer, der Flecken, welche weder Dämme noch Wälle haben.«
»Das ist seltsam,« sagte Remy.
»Wir selbst,« fuhr das Mädchen fort, »wir selbst brechen, sobald der Tag graut, auf, und eben so alle Leute des Fleckens. Gestern um elf Uhr hat man alles Vieh auf den Canälen und Seitenwegen gen Brüssel zu führen angefangen; deshalb muß der Weg, von dem ich spreche, zu dieser Stunde von Pferden, Karren und Menschen versperrt sein.«
»Warum nehmt Ihr nicht die Landstraße? Sie müßte Euch, wir mir scheint, einen leichteren Abzug gewähren.«
»Ich weiß es nicht; es ist der Befehl.«
Remy und seine Gefährtin schauten sich an.
»Doch nicht wahr, wir können weiter reisen, da wir nach Mecheln gehen?«
»Ich glaube wohl, wenn Ihr es nicht lieber wie Jedermann machen und gen Brüssel ziehen wollt.«
Remy schaute seine Gefährtin abermals an.
»Nein, nein, wir brechen auf der Stelle nach Mecheln auf,« rief die Dame; indem sie rasch aufstand, »habt die Güte und öffnet den Stall, meine Liebe.«
Remy stand wie seine Gefährtin auf und sprach leise:
»Gefahr für Gefahr; ich ziehe diejenige vor, welche ich kenne; überdies ist uns der junge Mann voran… und sollte er zufällig auf uns warten, nun so werden wir sehen.«
Und da die Pferde nicht einmal abgesattelt worden waren, so hielt er seiner Gefährtin den Steigbügel, schwang sich selbst in den Sattel und der Tagesanbruch fand sie an den Ufern der Dyle.
Dreiundzwanzigster Kapitel
Erklärung
Die Gefahr, der Remy trotzte, war eine wirkliche Gefahr, denn der Reisende der Nacht, nachdem er das Dorf hinter sich hatte und noch eine Viertelmeile weiter geritten war, sah wohl ein als er Niemand mehr erblickte, daß diejenigen, welchen er folgte, in dem Dorfe angehalten hatten.
Er wollte nicht mehr auf seinem Wege umkehren ohne Zweifel um seine Verfolgung so wenig als möglich absichtlich erscheinen zu lassen; doch er legte sich in einen Kleeacker nieder, wobei er zuvor sein Pferd in einen der tiefen Graben hinabsteigen ließ, welche in Flandern als Gehäge für die Grundstücke dienen.
In Folge dieses Manoeuvre war der junge Mann im Stand, Alles zu sehen, ohne gesehen zu werden.
Dieser junge Mann, man hat ihn schon erkannt, wie ihn Remy erkannt und wie es die Dame vermuthet hatte war Henri Du Bouchage, den ein seltsames Mißgeschick abermals in die Nähe der Frau brachte, die er zu fliehen geschworen hatte.
Nach seiner Unterredung mit Remy auf der Schwelle des geheimnisvoller Hauses, nach dem Verluste aller seiner Hoffnungen, war Henri in das Hotel Joyeuse zurückgekehrt, entschlossen, wie er sagte, ein Leben zu verlassen, das sich ihm bei seinem Morgenroth so elend zeigte, und als ein Edelmann von Herz, als guter Sohn. denn er hatte den Namen seines Vaters rein zu erhalten, entschied er sich zu dem glorreichen Selbstmord auf dem Schlachtfeld.
Man schlug sich nun in Flandern; der Herzog von Joyeuse, sein Bruder, befehligte ein Heer und konnte ihn eine Gelegenheit auswählen, das Leben gut zu verlassen. Henri zögerte nicht; er entfernte sich aus seinem Hotel am folgenden Tag, zwanzig Stunden nach der Abreise von Remy und seiner Gefährtin.
Aus Flandern angekommene Briefe kündigten einen entscheidenden Handstreich auf Antwerpen an. Henri schmeichelte sich, zu rechter Zeit anzukommen. Er gefiel sich in dem Gedanken, er würde wenigstens das Schwert in der Hand, in der Armee seines Bruders unter einer französischen Fahne sterben; sein Tod würde großen Lärmen machen und dieser Lärmen würde die Finsterniß durchdringen, in der die Dame des geheimnißvollen Hauses lebte.
Edle Thorheiten! glorreiche und düstere Träume! Henri nährte sich vier volle Tage mit seinem Schmerz, und besonders mit seiner Hoffnung, bald ein Ende zu erreichen.
Im Augenblick, wo er, ganz in seine Todesträume versunken, den spitzigen Glockenthurm von Valenciennes erblickte, und wo es acht Uhr in der Stadt schlug, gewahrte er, daß man die Thore zu schließen im Begriffe war; er gab seinem Pferde beide Sporen und hätte, über die Zugbrücke reitend, beinahe einen Reiter niedergeworfen, der den Gurt des seinigen festzog.
Henri war keiner von den unverschämten Adeligen, die Alles, was kein Wappenschild hat, mit den Füßen niedertraten. Er entschuldigte sich bei dem Mann, der sich bei dem Tone seiner Stimme umwandte und dann rasch wieder abwandte.
Fortgetragen durch den Eifer seines Pferdes, das er vergebens anzuhalten suchte, bebte Henri; als hätte er gesehen, was er nicht zu sehen erwartet.
»Oh! ich bin wahnsinnig,« dachte er, »Remy in Valenciennes, Remy, den ich vor vier Tagen in der Rue de Bussy gelassen habe; Remy ohne seine Gebieterin, denn er hatte einen jungen Menschen zum Gefährten, wie mir scheint. In der That, der Schmerz bringt mein Gehirn in Verwirrung, greift mein Gesicht an, so daß sich Alles, was mich umgibt, in die Form meiner unerschütterlichen Ideen kleidet.«
Und er ritt weiter und gelangte in die Stadt, ohne daß der Verdacht, der seinen Geist berührt hatte, darin nur einen einzigen Augenblick Wurzel faßte.
Bei dem ersten Stall, den er auf seinem Wege fand, hielt er an, warf den Zügel den Händen eines Stallknechtes zu, und setzte sich auf eine Bank vor der Thüre, indeß man sein Zimmer und sein Abendbrod bereitete.
Während er aber nachdenkend auf dieser Bank saß, sah er die zwei Reisenden, welche neben einander ritten, herbeikommen, und er bemerkte, daß derjenige, welchen er für Remy gehalten hatte, häufig den Kopf umwandte.
Der Andere hatte das Gesicht unter dem Schatten eines breitkrämpigen Hutes verborgen.
Remy erblickte, als er vor dem Wirthshause vorüber kam, Henri auf der Bank und wandte abermals den Kopf ab; aber gerade diese Vorsichtsmaßregel trug dazu bei, daß er erkannt wurde.
»Oh! diesmal täusche ich mich nicht,« murmelte Henri, »mein Blut ist kalt, mein Auge klar, meine Gedanken sind frisch; nachdem ich mich von einer ersten Sinnestäuschung erholt habe, bin ich ganz und gar meiner Herr. Eines und dasselbe Phänomen wiederholt sich, und ich glaube abermals in einem der Reisenden Remy zu erkennen.«
»Nein!« fuhr er fort, »ich kann nicht in einer solchen Ungewißheit verharren und ich muß ohne Verzug Aufklärung über meine Zweifel erhalten.«
Sobald Henri diesen Entschluß gefaßt hatte, stand er auf und ging auf der Straße der Spur der beiden Reisenden nach; doch waren diese schon in ein Haus eingetreten, oder hatten sie einen andern Weg gewählt. Henri erblickte sie nicht.
Er lief bis zu den Thoren; sie waren geschloßen.
Die Reisenden hatten also nicht hinaus können.
Henri trat in alle Gasthöfe ein, fragte, suchte und erfuhr endlich, man habe zwei Reisende sich nach einem unscheinbaren Wirthshause in der Rue du Beffroi wenden sehen.
Der Wirth wollte eben schließen, als Du Bouchage erschien.
Während dieser Mann, angelockt durch das gute Aussehen des jungen Reisenden, ihm sein Haus und seine Dienste anbot, tauchte Henri seine Blicke in das Innere der Eingangsstube, und konnte noch von der Stelle, wo er sich befand, oben auf der Treppe Remy gewahren, welcher unter der Beleuchtung der Lampe einer Magd hinaufstieg.
Seinen Gefährten konnte er nicht sehen; dieser war ohne Zweifel vorangegangen und schon verschwunden.
Oben auf der Treppe blieb Remy stehen. Als er ihn diesmal bestimmt erkannte, gab der Graf einen Ausruf von sich und beim Tone der Stimme des Grafen wandte sich Remy um.
Bei seinem Gesichte, das durch die Narbe, die es durchzog, so merkwürdig war, bei seinem Blicke voll Unruhe blieb Henri kein Zweifel mehr, und zu sehr erschüttert, um sogleich einen Entschluß zu fassen, entfernte er sich, indem er sich mit furchtbar beklommenem Herzen fragte, warum Remy seine Gebieterin verlassen, und warum er sich allein auf derselben Straße wie er befinde.
Wir sagen allein, weil Henri Anfangs dem zweiten Reiter gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
Seine Gedanken rollten von Abgrund zu Abgrund.
Am andern Morgen, zur Stunde der Oeffnung der Thore, da er den beiden Reisenden von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen zu können glaubte, war er sehr erstaunt, als er erfuhr, die zwei Unbekannten haben in der Nacht vom Gouverneur die Erlaubniß erhalten. die Stadt zu verlassen, und man habe für sie, gegen alle Gewohnheit, die Thore geöffnet.
Auf diese Art und da sie gegen ein Uhr Morgens aufgebrochen waren, hatten sie sechs Stunden vor Henri voraus.
Diese sechs Stunden mußte er einbringen. Henri setzte sein Pferd in Galopp und erreichte und überholte die Reisenden in Mons.
Er sah abermals Remy, doch diesmal hätte Remy ein Zauberer sein müssen, um ihn zu erkennen. Henri hatte seine Soldatenkasake angezogen und ein anderes Pferd, gekauft.
Das mißtrauische Auge des guten Dieners vereitelte indessen beinahe diese Combination, und jeden Falls hatte der Gefährte von Remy, durch ein einziges Wort aufmerksam gemacht, Zeit, sein Gesicht abzuwenden, so daß es Henri auch diesmal nicht gewahren konnte.
Doch der junge Mann verlor den Muth nicht; er fragte im ersten Wirthshaus, das den Reisenden ein Asyl gab, und da er seine Fragen mit einer unwiderstehlichen Hilfsmacht begleitete, so erfuhr er endlich, der Gefährte von Remy sei ein schöner, aber sehr trauriger, in sich gekehrter nüchterner junger Mann, der nie von Müdigkeit spreche.
Henri bebte, ein Blitz erleuchtete seinen Geist.
»Sollte es nicht eine Frau sein?« fragte er.
»Es ist Möglich,« erwiederte der Wirth, »gegenwärtig kommen viele junge Frauen so verkleidet hier durch, um sich zu ihren Liebhabern bei der Armee in Flandern zu begeben, und da es im Stande von uns Wirthen liegt, nichts zu sehen, so sehen wir nichts.«
Diese Erklärung brach Henri das Herz. War es nicht wahrscheinlich, daß Remy seine als Reiter verkleidete Gebieterin begleitete?
Verhielt es sich so, so sah Henri nur Aergerliches in diesem Abenteuer.
Remy log also, wenn er von ihrem ewigen Beweinen sprach; die Fabel von einer vergangenen Liebe, welche seine Gebieterin für immer in Trauer gekleidet, hatte er also erfunden, um einen überlästigen Wächter zu entfernen.
»Desto besser,« sagte Henri zu sich selbst, mehr niedergebeugt durch diese Hoffnung, als er es je durch seine Verzweiflung gewesen war, »desto besser, dann wird ein Augenblick kommen, wo ich mich dieser Frau nähern und ihr alle diese Ausflüchte vorwerfen kann, die diejenige welche ich in meinem Geiste und in meinem Herzen so hoch gestellt, bis zu dem Niveau der gemeinen Alltäglichkeit erniedrigen; ich, der ich mir die Idee eines beinahe göttlichen Geschöpfes gemacht habe, werde sodann, wenn ich diese so glänzende Hülle einer ganz gewöhnlichen Seele von Nahem sehe, vielleicht mich selbst von dem Firste meiner Illusionen, von der Höhe meiner Liebe herabstürzen.«
Und der junge Mann raufte sich die Haare aus und zerriß sich die Brust bei dem Gedanken, er wurde vielleicht eines Tages diese Liebe und diese Illusionen, die ihn tödteten, verlieren, so wahr ist es, daß ein todtes Herz mehr Werth hat, als ein leeres Herz.
So stand es mit ihm, er träumte über die Ursache, welche zugleich mit ihm diese zwei für sein Dasein so unerläßlichen Personen nach Flandern hatte treiben können, als er sie in Brüssel einreiten sah.
Wir wissen, wie er ihnen fortwährend folgte.
In Brüssel zog Henri ernste Erkundigungen über den Feldzugsplan des Herrn Herzogs von Anjou ein.
Die Brüsseler waren zu feindselig gegen den Herzog von Anjou gestimmt, um einen Franzosen von Rang gut zu empfangen; sie waren zu stolz auf den günstigen Erfolg, den die Sache der Nation erlangt hatte, denn es war schon ein günstiger Erfolg, Antwerpen die Thore einem Prinzen schließen zu sehen, den Flandern zu seinem Regenten berufen hatte; sie waren zu stolz, sagen wir, über diesen Erfolg, um sich das Vergnügen zu versagen, ein wenig diesen Edelmann zu demüthigen, der von Frankreich kam und sie mit dem reinsten Pariser Accent befragte, ein Accent der damals dem belgischen Volke so lächerlich schien.
Henri bekam von da an ernstlich bange über diesen Feldzug, von dem sein Bruder einen so großen Theil führte, und er beschloß dem zu Folge seinen Marsch gen Antwerpen zu beschleunigen.
Es war für ihn eine unsägliche Ueberraschung, als er Remy und seine Gefährtin, welches Interesse sie auch haben mochten, nicht von ihm erkannt zu werden, hartnäckig dieselbe Straße verfolgen sah, der er folgte.
Dies war ein Beweis, daß Beide nach demselben Ziele strebten.
Beim Ausgange des Fleckens war Henri, im Klee verborgen, wo wir ihn gelassen, diesmal wenigstens gewiß dem jungen Mann, der Remy begleitete, ins Gesicht schauen zu können.
Hier würde er zur Kenntniß in allen seinen Ungewißheiten kommen und denselben ein Ende machen.
Da geschah es, daß er, wie gesagt, seine Brust zerriß, so sehr hatte er bange, die Chimäre zu verlieren, die sein Inneres verzehrte, die ihn aber mittlerweile, bis sie ihn tödtete, tausend Leben leben ließ.
Als die zwei Reisenden vor dem jungen Mann vorüber ritten, den sie entfernt nicht hier verborgen wähnten, war die Dame beschäftigt, ihre Haare zu glätten, die sie im Wirthshaus aufzuknüpfen nicht gewagt hatte.
Henri sah sie, erkannte sie und fiel beinahe ohnmächtig in den Graben, wo sein Roß friedlich weidete.
Die Reisenden ritten vorüber.
Oh! da bemächtigte sich der Zorn des Grafen, der so gut, so geduldig war, so lange er bei den Bewohnern des geheimnißvollen Hauses die Rechtschaffenheit zu sehen geglaubt hatte, die er selbst übte.
Doch nach den Betheurungen von Remy, nach den heuchlerischen Tröstungen der Dame bildete diese Reise oder vielmehr dieses Verschwinden einen Verrath gegen den Mann, der so hartnäckig, aber zugleich so ehrfurchtsvoll diese Thüre belagert hatte.
Als der Schlag, der Henri getroffen, ein wenig geschwächt war, schüttelte der junge Mann seine schönen blonden Haare, wischte er sich seine mit Schweiß bedeckte Stirne ab, und stieg wieder zu Pferde, entschlossen, keine von den Vorsichtsmaßregeln mehr zu nehmen, welche ihm ein Ueberrest von Ehrfurcht gerathen hatte, und er begann den Reisenden sichtbar und mit entblößtem Antlitz zu folgen.
Kein Mantel, keine Kapuze mehr, kein Zögern in seinem Marsche, die Straße gehörte ihm wie den Andern; er bemächtigte sich derselben ruhig und regelte den Schritt seines Pferdes nach dem der zwei Pferde, welche vorangingen.
Er war entschlossen, weder mit Remy, noch mit dessen Gefährtin zu reden, sondern sich nur von ihnen erkennen zu lassen.
Oh! ja, ja!« sagte er zu sich selbst, »wenn ihnen nur noch ein Theilchen Herz bleibt, so wird meine Gegenwart, obgleich durch den Zufall herbeigeführt, nichtsdestoweniger ein blutiger Vorwurf für die Leute ohne Treu, und Glauben sein, die mir das Herz nach ihrer Lust zerreißen.«
Er hatte nicht fünfhundert Schritte hinter den zwei Reisenden gemacht, da gewahrte ihn Remy.
Als ihn Remy so überlegt, so erkennbar die Stirne hoch und entblößt herbeireiten sah, wurde er unruhig.
Die Dame bemerkte es und wandte sich um.
»Ah!« sagte sie, »ist das nicht der junge Mann, Remy?«
Remy versuchte es noch einmal, sie von der Fährte abzubringen und zu beruhigen.
»Ich denke nicht, Madame,« erwiederte er, »so weit ich es der Kleidung nach beurtheilen kann, ist es ein wallonischer Soldat, der sich ohne Zweifel nach Amsterdam begibt und über den Kriegsschauplatz zieht, um Abenteuer zu suchen.«
»Gleichviel, ich habe bange, Remy.«
»Beruhigt Euch gnädige Frau, wäre dieser junge Mann der Graf Du Bouchage gewesen, so würde er uns schon angeredet haben; Ihr wißt, wie beharrlich er war.«
»Ich weiß auch, daß er ehrfurchtsvoll war, denn ohne diese Ehrfurcht würde ich Euch einfach gesagt haben, entfernt ihn, Remy, und ich hätte mich dann nicht mehr darum bekümmert.«
»Ei! Madame, wenn er so ehrfurchtsvoll war, so wird er wohl seine Ehrfurcht bewahrt haben, und Ihr werdet, angenommen, er sei es, nicht mehr von ihm auf der Straße von Brüssel nach Antwerpen, als in der Rue de Bussy zu befürchten haben.«
»Mag das so sein,« fuhr die Dame fort, indem sie abermals hinter sich schaute, »wir sind nun in Mecheln, wechseln wir die Pferde, wenn es sein muß, um rascher zu marschiren, aber eilen wir, nach Antwerpen zu kommen.«
»Dann sage ich im Gegentheil, gehen wir nicht nach Mecheln hinein, unsere Pferde sind von guter Race reiten wir bis zu jenem Flecken, den man dort links erblickt; er heißt, glaube ich, Villebrock; auf diese Art vermeiden wir die Stadt, das Gasthaus, die Fragen, die Neugierigen, und sind weniger verlegen, die Pferde und die Kleider zu wechseln, wenn zufällig die Nothwendigkeit ein Wechseln gebietet.«
»Vorwärts, Remy, also gerade auf den Flecken zu.«
Sie wandten sich nach links und kamen auf einen kaum gebahnten Pfad, der jedoch sichtbar nach Villebrock führte.
Henri verließ die Landstraße auf derselben Stelle wie sie, schlug denselben Pfad ein wie sie und folgte ihnen stets in gleicher Entfernung.
Die Unruhe von Remy offenbarte sich in seinen schiefen Blicken, in seiner ungleichen Haltung, in der bei ihm zur Gewohnheit gewordenen Bewegung, mit einer Art von Drohung rückwärts zu schauen und plötzlich sein Pferd zu spornen.
Diese verschiedenen Symptome entgingen begreiflicher Weise seiner Gebieterin nicht.
Sie kamen nach Villebrock.
Von den zwei hundert Häusern, aus denen der Flecken bestand, war nicht eines bewohnt; einige vergessene Hunde, einige verlorene Katzen liefen scheu in dieser Einsamkeit umher, wobei die einen mit langem Geheule nach ihren Herren riefen, während die anderen leichtfüßig flohen, und wenn sie sich in Sicherheit glaubten, anhielten, um ihre bewegliche Schnauze unter der Querleiste einer Thüre oder im Luftloche eines Kellers zu zeigen.
Remy klopfte an zwanzig Orten an: er sah nichts und wurde von Niemand gehört.
Henri, der ein an die Schritte der Reisenden gebundener Schatten zu sein schien, hielt vor dem ersten Hause des Fleckens an, klopfte an die Thüre dieses Hauses, aber eben so fruchtlos als diejenigen, welche ihm vorangingen, und da er nun vermuthete, der Krieg sei die Ursache dieser Desertion, so wartete er, um sich wieder auf den Marsch zu begeben, sobald die Reisenden aufgebrochen wären.
Dies thaten sie, nachdem ihre Pferde das Korn gefrühstückt hatten, das Remy in der Kiste eines verlassenen Wirthshauses fand.
»Madame,« sagte Remy sodann, »wir sind weder mehr in einem ruhigen Land, noch in einer gewöhnlichen Lage; es es geziemt sich nicht, daß wir uns wie Kinder der Gefahr preisgeben. Wir werden sicherlich auf eine Bande Franzosen oder Flamänder stoßen, abgesehen von den spanischen Parteigängern, denn in der seltsamen Lage, in der sich Flandern befindet, müssen hier Straßenläufer von allen Arten, Abenteurer von allen Ländern wuchern; wäret Ihr ein Mann. so würde ich anders mit Euch sprechen; doch Ihr seid eine Frau. Ihr seid jung. Ihr seid schön, Ihr lauft eine doppelte Gefahr für Euer Leben und für Eure Ehre.«
