Kitabı oku: «Die Fünf und Vierzig», sayfa 7
Zehntes Kapitel
Der Panzermann
Pertinax hatte sehr Recht, die Abwesenheit seines Panzers zu beklagen, denn gerade zu dieser Stunde entäußerte er sich desselben auf immer durch die Vermittelung des seltsamen Lackeien, den wir so vertraulich mit seinen Herrn haben sprechen sehen.
Auf die von Madame Fournichon ausgesprochene magischen Worte: zehn Thaler, lief der Diener von Pertinax dem Händler in der That nach.
Da es schon Nacht war und der Alteisenhändler ohne Zweifel Eile hat, so war dieser schon etwa dreißig Schritte entfernt, als Samuel aus dem Gasthaus trat.
Samuel war genöthigt, dem Händler zu rufen.
Dieser blieb furchtsam stehen und warf einen durchdringenden Blick auf den Mann, der zu ihm kam.
»Was wollt Ihr, mein Freund« sagte er.
»Ei, bei Gott!« erwiederte der Lackei mit schlauer Miene, »ich will ein Geschäft mit Euch machen.«
»Nun, so wachen wir es geschwinde.«
»Ihr habt Eile?«
»Ja.«
»Oh! Ihr werdet mir, beim Teufel! doch Zeit lassen, zu schnaufen.«
»Allerdings, doch schnauft geschwinde, man erwartet mich.«
Der Eisenhändler hegte offenbar ein gewisses Mißtrauen gegen den Lackei.
»Wenn Ihr gesehen habt, was ich Euch bringe,« sagte dieser, »so werdet Ihr Euch Zeit nehmen, da Ihr mir ein Liebhaber zu sein scheint.«
»Und was bringt Ihr mir?«
»Ein herrliches Stück, ein Werk, womit… doch Ihr hört mich nicht.«
»Nein, ich schaue.«
»Was?«
»Ihr wißt also nicht, mein Freund,« sagte der Panzermann, »Ihr wißt nicht, daß der Waffenhandel durch ein Edict des Königs verboten ist?«
Und er warf unruhige Blicke umher.
Der Lackei hielt es für gut, sich den Anschein zu geben, als wüßte er nichts.
»Ich weiß nichts,« erwiederte er, »ich komme von Mont-de-Marsan.«
»Ah! das ist etwas Anderes.« sagte der Panzermann, den diese Antwort etwas zu beruhigen schien, »aber obgleich Ihr von Mont-de-Marsan kommt, wißt Ihr doch schon, daß ich mit Waffen handle,« fuhr er fort.
»Ja, ich weiß es.«
»Und wer hat es Euch gesagt?«
»Sandioux! das brauchte mir Niemand zu sagen, Ihr habt es so eben laut genug ausgerufen.«
»Wo dies?«
»Vor der Thüre des Gasthauses zum Schwerte des kühnen Ritters.«
»Ihr waret dort?«
»Ja.«
»Mit wem?«
»Mit einer Menge von Freunden.«
»Mit einer Menge von Freunden? Gewöhnlich ist kein Mensch in diesem Gasthause.«
»Dann müßt Ihr ihn sehr verändert gefunden haben?«
»In der That. Doch woher kommen alle diese Freunde?«
»Von Gascogne, wie ich.«
»Gehört Ihr dem König von Navarra?«
»Geht doch, wir sind Franzosen von Herz und Blut.«
»Ja, aber Hugenotten?«
»Katholiken, wie unser heiliger Vater der Papst, Gott sei Dank,« sprach Samuel, seine Mütze abnehmend, »aber es ist nicht hiervon die Rede, sondern von diesem Panzer.«
»Nähern wir uns ein wenig der Mauer, wenn es Euch beliebt, wir stehen hier gar zu entblößt auf der offenen Straße.«
Sie gingen mit einander einige Schritte aufwärts bis zu einem Hause von bürgerlichem Aussehen, an dessen Fensterscheiben man kein Licht erblickte.
Dieses Haus hatte seine Thüre unter einem Wetterdach, das einen Balcon bildete. Eine Steinbank war als einziger Zierrath an seiner Facade angebracht.
Es war dies zugleich das Nützliche und das Angenehme, denn es diente den Vorüberkommenden als Bügel, um auf ihre Maulthiere oder auf ihre Pferde zu steigen.
»Laßt einmal den Panzer anschauen,« sagte der Handelsmann, als sie unter dem Wetterdach standen.
»Hier ist er.«
»Wartet, man bewegt sich, glaube ich, in diesem Hause.«
»Nein, es ist gegenüber.«
Der Händler drehte sich um.
Gegenüber lag wirklich ein Haus von zwei Stockwerken, dessen zweites sich zuweilen flüchtig erleuchtete.
»Machen wir geschwinde,« sagte der Handelsmann, den Panzer betastend.
»Nicht wahr, der ist schwer?« versetzte Samuel.
»Alt, plump aus der Mode.«
»Ein Kunstgegenstand.«
»Sechs Thaler, wollt Ihr?«
»Wie, sechs Thaler, und Ihr habt dort zehn für ein altes, schadhaftes Bruststück gegeben?«
»Sechs Thaler, ja oder nein,« wiederholte der Handelsmann.
»Aber betrachtet doch diese getriebene Arbeit.«
»Was ist an der getriebenen Arbeit gelegen, wenn man nach dem Gewicht wieder verkauft?«
»Oh! Oh! Ihr handelt hier, und dort habt Ihr Alles gegeben, was man wollte.«
»Ich gebe noch einen Thaler mehr,« sagte der Händler voll Ungeduld.
»Gut,« erwiederte Samuel, »Ihr seid ein drolliger Bursche von einem Kaufmann. Ihr verbergt Euch, um Euren Handel zu treiben, »Ihr verletzt die Edicte des Königs, und feilscht mit ehrlichen Leuten.«
»Ruhig, ruhig, schreit nicht so.«
»Oh! ich fürchte mich nicht,« erwiederte Samuel, die Stimme erhebend. »Ich treibe keinen unerlaubten Handel und werde durch nichts veranlaßt, mich zu verbergen.«
»Stille, stille, und nehmt zehn Thaler.«
»Zehn Thaler? Ich sage Euch, daß das Gold allein so viel werth ist; ah! Ihr wollt Euch flüchtig machen?«
»Nein, nein! das ist ein wüthender Mensch.«
»Ah!, wenn Ihr Euch flüchtig macht, rufe ich nach der Wache!
Während er diese Worte sprach, erhob Samuel die Stimme dergestalt, daß er seine Drohung eben so gut hätte verwirklichen können.
Bei diesem Lärmen wurde ein kleines Fenster auf dem Balcon des Hauses geöffnet, dem gegenüber der Handel stattfand, und das Knarren, welches das Oeffnen dieses Fensters zur Folge hatte, hörte der Handelsmann mit Schrecken.
»Schon gut,« sagte er, »ich sehe, daß man Alles thun muß, was Ihr wollt, hier sind fünfzehn Thaler und geht Eures Wegs.«
»Das lasse ich mir gefallen, »sprach Samuel die fünfzehn Thaler einsackend.
»Das ist ein Glück.«
»Doch diese fünfzehn Thaler sind für meinen Herren,« fuhr Samuel fort, »und ich muß doch auch etwas für mich haben.«
Der Handelsmann schaute umher, und zog seinen Dolch halb aus der Scheide. Offenbar war es seine Absicht in die Haut von Samuel einen Riß zu machen, der ihn für immer von der Sorge befreit hätte, einen Panzer zu kaufen, um denjenigen zu ersetzen, welchen er verkauft hatte, aber Samuel hatte ein Auge so wachsam wie das eines Sperlings, der sich an den Trauben erlabt, und er sagte zurückweichend:
»Ja, ja, guter Kaufmann; ja, ich sehe Deinen Dolch, aber ich sehe auch etwas Anderes: jenes Gesicht auf dem Balkon, das Dich auch sieht.«
Bleich vor Schrecken, schaute der Händler in der von Samuel, bezeichneten Richtung, und sah in der That auf dem Balcon ein langes phantastisches Geschöpf, in einen Schlafrock von Katzenpelz gehüllt; dieser Argus hatte weder eine Sylbe, noch eine Geberde von der letzten Scene verloren.
»Vorwärts, Ihr macht aus mir, was Ihr wollt,« sagte der Handelsmann mit einem Gelächter dem des Schakals ähnlich, der seine Zähne zeigt, »hier ist noch ein Thaler mehr… und der Teufel erdroßle Euch,« fügte er ganz leise bei.
»Ich danke Euch,« sprach Samuel, »ein gutes Geschäft.«
Und er grüßte den Panzermann und verschwand mit einem Hohngelächter,
Der Handelsmann, der allein auf der Straße geblieben war, hob den Panzer von Pertinax auf und bemühte sich, ihn in den von Fournichon zu schieben.
Der Bürger schaute immer noch; als er den Handelsmann sehr ängstlich beschäftigt sah, sagte er:
»Mein Herr, es scheint, Ihr kauft Rüstungen.«
»Nein, mein Herr, erwiederte der unglückliche Handelsmann, »das geschieht nur so zufällig, und weil sich mir eine Gelegenheit geboten hat.«
»Dann bedient mich der Zufall wunderbar.«
»Worin, mein Herr?« fragte der Handelsmann.
»Denkt Euch, daß ich gerade hier im Bereiche meiner Hand einen Haufen von altem Eisen habe, der mir lästig ist.«
»Ich sage nicht nein; aber für den Augenblick habe ich wie Ihr seht, Alles, was ich tragen kann.«
»Ich will es Euch immerhin zeigen.«
»Unnöthig, ich habe kein Geld mehr.«
»Das ist gleichgültig, ich gebe Euch Credit, Ihr seht mir aus wie ein vollkommen ehrlicher Mann.«
»Ich danke, doch man wartet auf mich.«
»Es ist seltsam, aber mir scheint, ich kenne Euch!« versetzte der Bürger.
»Mich!« erwiederte der Handelsmann, der vergebens einen Schauer zurückzudrängen suchte.
»Schaut doch diese Sturmhaube an,« sagte der Bürger, indem er mit seinem langen Fuß den bezeichneten Gegenstand vorschob, denn er wollte das Fenster nicht verlassen, aus Furcht, der Handelsmann konnte sich wegstehlen.
Und er hob die erwähnte Sturmhaube über den Balcon und in die Hand des Kaufmanns.
»Ihr kennt mich.« sagte dieser, »nämlich Ihr glaubt mich zu kennen.«
»Das heißt, ich kenne Euch, Seid Ihr nicht…«
Der Bürger schien zu suchen; der Händler wartete unbeweglich.
»Seid Ihr nicht Nicolas?«
Das Gesicht des Handelsmanns zersetzte sich gleichsam, man sah den Helm in seiner Hand zittern.
»Nicolas?« wiederholte er.
»Nicolas Truchou, Quincailleriehändler in der Rue de la Cossonnerie.«
»Nein, nein,« erwiederte der Handelsmann, der nun wieder lächelte und wie ein viermal glücklicher Mensch athmete.
»Gleichviel, Ihr habt ein gutes Gesicht, und es handelt sich darum, mir eine vollständige Rüstung abzukaufen: Panzer, Armschienen und Schwert.«
»Merket wohl auf, dieser Handel ist verboten.«
»Ich weiß es, Euer Verkäufer hat es so eben laut genug geschrieen.«
»Ihr habt es gehört?«
»Vollkommen; Ihr seid sogar im Geschäft weit gegangen, was mich auf den Gedanken brachte, mich mit Euch in Verbindung zu setzen; doch seid unbesorgt, ich werde Euch nicht mißbrauchen; ich weiß, was der Handel ist, denn ich bin selbst Kaufmann gewesen.«
»Ah! und was habt Ihr verkauft?«
»Was ich verkauft habe.«
»Ja.«
»Gunst.«
»Ein guter Artikel.«
»Ich habe auch mein Glück gemacht, und Ihr seht, daß ich ein wohlhabender Bürger bin.«
»Ich mache Euch mein Compliment.«
»Folge davon ist, daß ich meine Bequemlichkeit liebe, und all mein altes Eisen verkaufe, weil es mich belästigt.«
»Ich begreife das.«
»Hier sind auch noch Beinschienen. Ah! und dann die Handschuhe.«
»Aber ich brauche dies Alles nicht.«
»Ich auch nicht.«
»Ich werde nur den Panzer nehmen.«
»Ihr kauft also nur Panzer?«
»Ja.«
»Das ist drollig, denn Ihr kauft am Ende, um nach dem Gewicht wieder zu verkaufen, und Eisen ist Eisen.«
»Das ist wahr, doch seht Ihr, vorzugsweise…«
»Wie es Euch beliebt, kauft den Panzer, oder vielmehr, Ihr habt Recht, kauft gar nichts.«
»Was wollt Ihr damit sagen?«
»Ich will damit sagen, daß in Zeitläufen, wie die gegenwärtigen, Jeder seine Waffen braucht.«
»Wie, im vollen Frieden?«
»Mein lieber Freund, wenn wir im vollen Frieden wären, so würde man, beim Teufel! keinen solchen Handel mit Panzern treiben. Dergleichen Dinge sagt man mir nicht.«
»Mein Herr?«
»Und besonders so heimlich.««
Der Handelsmann machte eine Bewegung, um sich zu entfernen.
»Doch in der That,« sprach der Bürger, »je mehr ich Euch anschaue, desto sicherer bin ich, daß ich Euch kenne; nein – Ihr seid nicht Nicolas Truchou, aber ich kenne Euch dennoch.«
»Stille!«
»Und wenn Ihr Panzer kauft…«
»Nun?«
»So geschieht es wahrhaftig, um ein gottgefälliges Werk zu verrichten.«
»Schweigt.«
»Ihr entzückt mich,« sagte der Bürger und streckte über den Balcon einen ungeheuren Arm herab, dessen Hand in die Hand des Kaufmanns griff.
»Aber wer Teufels seid Ihr denn?« fragte dieser, der seine Hand wie in einem Schraubstock gepackt fühlte.
»Ich bin Robert Briquet, genannt der Schrecken des Schisma, Freund der Union und wüthender Katholik; jetzt erkenne ich Euch ganz genau.«
Der Handelsmann wurde wieder bleich.
»Ihr seid Nicolas… Grimbelot, Gerber zur Kuh ohne Knochen.«
»Nein, nein, Ihr täuscht Euch, Gott befohlen, Meister Robert Briquet; es hat mich ungemein gefreut, Eure Bekanntschaft zu machen.«
Hiernach drehte der Handelsmann dem Balcon den Rücken zu.
»Wie! Ihr geht?«
»Ihr seht es Wohl.«
»Ohne mir mein altes Eisen abzunehmen?«
»Ich habe, wie ich Euch sagte, kein Geld bei mir.«
»Mein Diener wird Euch folgen.«
»Unmöglich.«
»Was ist dann zu machen?«
»Bleiben wir, wie wir sind.«
»Alle Teufels ich werde mich wohl hüten, denn ich habe zu große Lust, Eure Bekanntschaft zu cultiviren.«
»Und ich, die Eurige zu fliehen,« entgegnete der Handelsmann, der sich diesmal darein ergab, lieber seine Panzer im Stiche zu lassen und Alles zu verlieren, als erkannt zu werden, und über Hals und Bein entfloh.
Aber Robert Briquet war nicht der Mann, der sich auf diese Art schlagen ließ; er schwang sich auf das Geländer seines Balcons, stieg auf die Straße hinab, beinahe ohne daß er zu springen nöthig hatte, und erreichte den Kaufmann in vier bis fünf Sätzen.
»Seid Ihr ein Narr, mein Freund,« sagte er, seine breite Hand auf die Schulter des armen Teufels legend, »wenn ich Euer Feind wäre, wenn ich Euch festnehmen lassen wollte, so brauchte ich nur zu schreien; die Wache kommt zu dieser Stunde durch die Rue des Augustins; aber nein, der Teufel soll mich holen, Ihr seid mein Freund, und nun erinnere ich mich ganz bestimmt Eures Namens.«
Diesmal brach der Handelsmann in ein Gelächter aus.
Robert Briquet stellte sich ihm gegenüber und sprach:
»Ihr heißt Nicolas Poulain und seid Lieutenant der Prevoté von Paris; ich erinnerte mich, daß ein Nicolas dabei war.«
»Ich bin verloren,« stammelte der Händler.
»Im Gegentheil Ihr seid gerettet! alle Teufel! Ihr werdet nie für die gute Sache thun, was ich zu thun beabsichtige.«
Nicolas Poulain entschlüpfte ein Seufzer.
»Auf, auf,« Muth,« sagte Robert Briquet, »faßt Euch; Ihr habt einen Bruder gefunden, den Bruder Briquet, nehmt einen Panzer, ich nehme die zwei andern, ich mache Euch ein Geschenk mit meinen Armschienen, mit meinen Beinschienen und gebe Euch meine Handschuhe in den Kauf; vorwärts, und es lebe die Union!«
»Ihr begleitet mich?«
»Ich helfe Euch diese Waffen tragen, welche die Philister besiegen müssen; zeigt mir den Weg, ich folge Euch.«
Die Seele des unglücklichen Lieutenants der Prevoté durchzuckte ein sehr natürlicher Blitz des Argwohns, aber er verschwand auf der Stelle wieder.
»Hätte er gestanden, daß er mich kenne, wenn er mich verderben wollte?« sagte er leise zu sich selbst.
Dann sprach er laut:
»Vorwärts also, da Ihr es durchaus so wollt, kommt mit mir.«
»Zum Leben und in den Tod,« rief Robert Briquet und drückte mit einer Hand die Hand seines Verbündeten, während er mit der andern triumphirend seine Eisenlast in die Luft hob.
Beide setzten sich in Marsch.
Nachdem sie zwanzig Minuten gegangen waren, kam Nicolas Poulain in den Marais; er war ganz in Schweiß gebadet, sowohl wegen der Schnelligkeit des Ganges, als durch das Feuer ihres politischen Gespräches.
»Welch einen Rekruten habe ich gemacht!« murmelte Nicolas Poulain, als er in geringer Entfernung von dem Hotel Guise stehen blieb.
»Ich vermuthete, meine Rüstung würde in diese Gegend kommen,« dachte Briquet.
»Freund,« sprach Nicolas Poulain, sich mit einer tragischen Miene gegen Briquet umwendend, »ehe wir in des Löwen Höhle eintreten, lasse ich Euch eine letzte Minute der Ueberlegung; es ist noch Zeit, zurückzukehren, wenn Ihr nicht stark in Eurem Gewissen seid.«
»Bah!« erwiederte Briquet, »ich habe andere Dinge gesehen. Et non intremuit modulla mea,« declamirte er. »Ah! verzeiht, Ihr versteht das Lateinische vielleicht nicht.«
»Ihr versteht es?«
»Wie Ihr seht.«
»Wissenschaftlich gebildet, kühn, kräftig, reich, welch ein Fund!« sagte Poulain zu sich selbst. »Vorwärts, laßt uns eintreten.«
Und er führte ihn zu der riesigen Pforte des Hotel Guise, die sich bei dem dritten Schlage des bronzenen Klopfers öffnete.
Der Hof war voll von Wachen und Männern, die denselben, in Mäntel gewickelt, wie Gespenster durchliefen.
Es war kein einziges Licht im Hotel.
Acht gesattelte und gezäumte Pferde warteten in einem Winkel.
Bei dem Lärmen des Hammers wandte sich die Mehrzahl dieser Leute um, welche eine Art von Spalier bildeten, um die Ankömmlinge zu empfangen.
Nicolas Poulain, neigte sich an das Ohr eines Portier, der die kleine Thüre halb geöffnet hielt, und nannte ihm seinen Namen.
»Und ich bringe einen guten Kameraden,« fügte er bei.
»Geht vorbei, meine Herren,« sprach der Portier.
»Bringt dies in die Magazine,« sagte Poulain und übergab einer Wache die drei Panzer nebst dem Eisenwerk von Robert Briquet.
»Gut, es ist ein Magazin hier,« sagte dieser zu sich selbst, »es kommt immer besser; Pest! welch ein Organisirer seid Ihr, Herr Prevot.«
»Ja, ja, man hat Verstand,« erwiederte Poulain stolz lächelnd, »doch kommt, daß ich Euch vorstelle.«
»Nehmt Euch in Acht,« sprach der Bürger, »ich bin außerordentlich schüchtern. Man dulde mich, mehr will ich nicht; wenn ich meine Proben abgelegt habe, werde ich mich, wie der Grieche sagt, allein durch meine Thaten vorstellen.«
»Wie es Euch beliebt,« antwortete der Lieutenant der Prévôté, »erwartet mich also hier.«
Und er ging und drückte der Mehrzahl der Spaziergänger die Hand.
»Auf was warten wir noch?« fragte eine Stimme.
»Auf den Herrn,« antwortete eine andere Stimme.
In diesem Augenblick trat ein Mann von hoher Gestalt in das Hotel; er hatte die letzten von den geheimnißvollen Spaziergängern ausgetauschten Worte gehört.
»Meine Herren,« sagte er, »ich komme in seinem Namen.«
»Ah! das ist Heer von Mayneville,« rief Poulain.
»Ich bin hier im Lande von Bekannten,« sagte Briquet zu sich selbst, indem er eine Grimasse studierte, die ihn völlig entstellte.
»Meine Herren, wir sind nun vollzählig, berathen wir uns,« sprach die Stimme, die sich zuerst hatte hören lassen.
»Ah! Gut!« sagte Briquet zu sich selbst, »nun sind es zwei: dieser ist mein Anwalt, Meister Marteau.
Und er veränderte seine Grimasse mit einer Leichtigkeit, durch die er bewies, wie sehr er mit physiognontischen Studien vertraut war.
»Gehen wir hinauf!« sprach Poulain.
Herr von Mayneville ging voran, Nicolas Poulain folgte; die Männer in den Mänteln kamen nach Nicolas Poulain und Robert Briquet nach den Männern in den Mänteln.
Alle stiegen die Stufen einer äußeren. nach einem Gewölbe ausmündenden Treppe hinauf.
Robert Briquet stieg wie die Andern, murmelte aber dabei:
»Doch der Page, wo des Teufels ist der Page?«
Elftes Kapitel
Abermals die Ligue
In dem Augenblick, wo Robert Briquet hinter den Andern die Treppe hinaufstieg, wobei er sich eine ziemlich anständige Verschwörermiene gab, bemerkte er, daß Nicolas Poulain, nachdem er mit mehreren seiner geheimnißvollen Gefährten gesprochen hatte, an der Thüre des Gewölbes wartete.
»Das geschieht meinetwegen,« sagte Briquet zu sich selbst.
Der Lieutenant der Prevoté hielt wirklich seinen Freund an, als er eben die furchtbare Schwelle zu überschreiten im Begriff war.
»Ihr werdet es mir nicht verargen,« sprach er zu ihm, »aber die meisten von unseren Freunden kennen Euch nicht, und wünschen Auskunft über Euch zu haben, ehe sie Euch zum Rath zulassen.«
»Das ist nur zu billig,« erwiederte Briquet, »und Ihr wißt, daß meine natürliche Bescheidenheit diese Einwendung schon vorhergesehen hatte!«
»Ich lasse Euch Gerechtigkeit widerfahren, Ihr seid ein ganzer Mann,« sagte Poulain.
»Ich entferne mich also, sehr glücklich, an einem Abend so viele brave Vertheidiger der katholischen Union gesehen zu haben.«
»Soll ich Euch zurückführen?«
»Nein, ich danke, es bedarf dessen nicht.«
»Man könnte Euch Schwierigkeiten machen; doch man erwartet mich anderswo.«
»Habt Ihr nicht ein Losungswort, um hinauszukommen; ich würde Euch nicht daran erkennen, das wäre nicht klug, Meister Nicolas.«
»Doch wohl.«
»Nun, so gebt es mir.«
»Im Ganzen, da Ihr hereingekommen seid…«
»Und da wir Freunde sind…«
»Es sei! Ihr braucht nur Parma und Lothringen zu sagen.«
»Und der Pförtner wird mir öffnen?«
»Auf der Stelle.«
»Sehr gut, ich danke. Geht zu Euren Geschäften, ich kehre zu den meinigen zurück.«
Nicolas Poulain trennte sich von seinem Gefährten und begab sich wieder zu seinen Collegen.
Briquet machte ein paar Schritte, als ob er in den Hof hinabgehen wollte, blieb aber, sobald er die erste Stufe der Treppe erreicht hatte, stehen, um die Oertlichkeit zu erforschen.
Das Resultat seiner Beobachtungen war, daß sich das Gewölbe parallel mit der äußeren Mauer hinzog, die es durch ein großes Wetterdach beschirmte. Offenbar mündete dieses Gewölbe gegen einen unteren Saal, bestimmt für die geheimnißvolle Versammlung, aus, zu der zugelassen zu werden Briquet nicht die Ehre gehabt hatte.
Was ihn in dieser Annahme bestärkte, welche bald zur Gewißheit wurde, war der Umstand, daß er ein Licht an einem vergitterten Fenster erscheinen sah, das in dieser Mauer angebracht und durch eine Art von hölzernen Trichter beschützt war, wie man sie heut zu Tage an den Fenstern der Gefängnisse oder der Klöster anwendet, um die Aussicht abzuschneiden und nur das Einströmen der Luft und den Anblick des Himmels zu gewähren.
Briquet dachte, dieses Fenster wäre das des Versammlungssaales, und wenn man bis zu demselben gelangte könnte, so wäre der Ort günstig zur Beobachtung, und an diesen Beobachtungsposten gestellt, könnte das Auge leicht die übrigen Sinne ersetzen.
Es war nur die Schwierigkeit, an diesen Ort zu gelangen und sich daran festzustellen, ohne gesehen zu werden. Briquet schaute umher.
Es waren im Hofe die Pagen mit ihren Pferden, die Soldaten mit ihren Hellebarden und der Pförtner mit seinen Schlüsseln; im Ganzen lauter rüstige und hellsichtige Leute.
Zum Glück war der Hof sehr groß und die Nacht sehr schwarz.
Die Pagen, welche die Vertrauten unter dem Gewölbe hatten verschwinden sehen, bekümmerten sich überdies um nichts mehr, und der Pförtner, welcher wußte, daß seine Thüren wohl verschlossen waren, und daß man ohne das Losungswort nicht hinauskommen konnte, war nur bemüht, sein Bett für die Nacht zu machen und einen hübschen Flaschenkessel gewürzten Wein zu bereiten, den er am Feuer lau erhielt.
Es finden sich in der Neugierde eben so energische Anstachelungen, als in den Strömungen jeder Leidenschaft. Das Verlangen, zu wissen, ist so groß, daß es mehr als ein Leben eines Neugierigen verzehrt hat.
Briquet war bis jetzt zu gut unterrichtet worden, als daß er nicht eine Vervollständigung dessen, was er erfahren, hätte wünschen sollen. Er warf einen zweiten Blick umher und glaubte, geblendet durch das Licht, das dieses Fenster auf die Gitterstangen zurückfallen ließ, in dem Wiederschein ein Appellzeichen und in den so glänzenden Stangen eine Aufforderung an seine kräftigen Glieder zu erkennen.
Hiernach entschlossen, seinen Trichter zu erreichen, schlüpfte Briquet längs dem Vorsprung hin, welcher von der Freitreppe, die er als Ornament fortzusetzen schien, nach diesem Fenster zulief, und folgte der Mauer, wie es nur eine Katze oder ein Affe hätte thun können, indem er sich mit den Händen und den Füßen an den aus der Mauer selbst ausgehauenen Zierrathen festhielt.
Hätten die Pagen und die Soldaten in der Dunkelheit diese phantastische Silhouette sehen können, wie sie mitten an der Mauer ohne einen scheinbaren Stützpunkt hinglitt, so würden sie sicherlich ein Geschrei über Zauberei erhoben haben, und mehr als einer unter den Bravsten hätte seine Haare sich sträuben gefühlt.
Aber Robert Briquet ließ ihnen nicht Zeit, seine Zauberei zu sehen.
Bald berührte er die Stangen, klammerte sich daran an und kauerte sich zwischen die Stangen und den Trichter, so daß er von außen nicht gesehen werden konnte und von innen durch das Gitter maskirt war.
Briquet hatte sich nicht getäuscht, er wurde reichlich für seine Bemühungen und für seine Kühnheit belohnt, als er diesen Punkt erreicht hatte.
Sein Blick umfaßte wirklich einen großen Saal, der durch eine eiserne Lampe mit vier Schnäbeln beleuchtet und mit Rüstungen aller Art gefüllt war, worunter er, gut suchend, sicherlich seine Armschienen und sein Bruststück hätte entdecken können.
Was an Piken, Stoßdegen, Hellebarden und Musketen, theils aufgehäuft, theils in Bündeln zusammengestellt, vorhanden war, hätte genügt, um vier starke Regimenter zu bewaffnen.
Briquet schenkte indessen weniger Aufmerksamkeit der herrlichen Anordnung dieser Waffen, als der Versammlung, welche beauftragt war, davon Gebrauch zu machen oder sie zu vertheilen. Seine glühenden Augen durchdrangen das dicke und mit einer fetten Lage von Rauch und Staub überzogene Glas, um die Gesichter von Bekannten unter den Visieren oder Capucen zu erkennen.
»Oh! Oh!« sagte er, »das ist Meister Crucé, unser Empörer… Hier sehe ich unsern kleinen Brigard, den Gewürzkrämer an der Ecke der Rue des Lombards; dort steht Meister Leclerc, der sich Bussy nennen läßt, es jedoch sicherlich nicht gewagt hätte, zur Zeit, wo der wahre Bussy noch lebte, eine solche Ruchlosigkeit zu begehen. Ich muß einmal diesen Meister in den Waffen von ehedem fragen, ob er den geheimen Stoß kenne, an dem einer von meinen Bekannten, ein gewisser David, in Lyon, gestorben ist. Pest, das Bürgerthum ist großartig vertreten, aber der Adel… Ah! Herr von Mayneville, Gott verzeihe mir! er drückt Nicolas Poulain die Hand: das ist rührend, man schließt Brüderschaft. Ah! Ah! Herr von Mayneville ist also ein Redner. Er nimmt die erforderliche Stellung, um eine Rede zu halten. Seine Geberde ist angenehm und er verdreht die Augen sehr überzeugend.»
Herr von Mayneville hatte in der That eine Rede begonnen.
Robert Briquet schüttelte den Kopf, während Herr von Mayneville sprach, nicht als hätte er ein Wort von der Rede verstehen können, sondern er legte seine Geberden und die der Versammlung aus.
»Er scheint mir seine Zuhörer nicht ganz zu überzeugen; Crucé schneidet ihm eine Grimasse; Lachapelle-Marteau wendet ihm den Rücken zu und Bussy-Leclerc zuckt die Achseln. Auf, auf, Herr von Mayneville, sprecht, schwitzt, schnauft, seid beredt, alle Teufel… Oh! Das gefällt mir… das Auditorium belebt sich… Oh! Oh, sie nähern sich einander, sie drücken sich die Hand; man wirft die Hüte in die Luft, Teufel!«
Briquet sah, doch er konnte, wie gesagt, nicht hören; aber wir, die wir im Geiste den Verhandlungen der stürmischen Versammlung beiwohnen, wir wollen dem Leser sagen, was vorging.
Zuerst beklagten sich Crucé, Marteau und Bussy bei, Herrn von Mayneville über die Unthätigkeit des Herzogs von Guise.
Marteau nahm in seiner Eigenschaft als Anwalt das Wort.
»Herr von Mayneville,« sagte er, »Ihr kommt im Auftrag des Herrn Herzogs Heinrich von Guise? Wir danken. Und mir empfangen Euch als Botschafter, aber die Gegenwart des Herzogs selbst ist für uns unerläßlich. Nach dem Tode seines glorreichen Vaters hat er, in einem Alter von achtzehn Jahren, alle gute Franzosen dem Plane einer Union beitreten lassen und uns Alle unter diesem Banner eingereiht. Unserem Schwure gemäß haben wir unsere Personen bloßgestellt und unser Vermögen geopfert für den Sieg dieser heiligen Sache. Und nun schreitet er trotz unserer Opfer nicht vorwärts, entscheidet sich nicht. Nehmt Euch in Acht, Herr von Mayneville, die Pariser werden müde werden; ist aber Paris einmal müde, was wird man in Frankreich machen? Herr von Guise sollte dies bedenken.«
Diese Rede erhielt die Beistimmung aller Liguisten, und Nicolas Poulain zeichnete sich besonders durch seinen eifrigen Beifall aus.
Herr von Mayneville antwortete einfach:
»Meine Herren, wenn sich nichts entscheidet, so ist es der Fall, weil nichts reif ist. Ich bitte Euch, prüft die Lage der Dinge: der Herzog und sein Bruder, der Cardinal, sind zur Beobachtung in Nancy. Der Eine bringt ein Heer auf die Beine, bestimmt, die Hugenotten in Flandern im Zaume zu halten, welche der Herr Herzog von Anjou auf uns werfen will, um uns zu beschäftigen; der Andere entsendet Eilboten auf Eilboten an die ganze Christlichkeit Frankreichs und an den Papst, um die Union adoptiren zu lassen. Der Herzog von Guise weiß, was Ihr nicht wißt, meine Herren: daß das alte schlecht gebrochene Bündniß zwischen dem Herzog von Anjou und dem Bearner demnächst wieder geschlossen werden wird. Es handelt sich darum, Spanien auf der Seite von Navarra zu besetzen und es zu verhindern, uns Waffen und Geld zu schicken. Der Herr Herzog von Guise will aber, ehe er irgend Etwas thut und besonders ehe er nach Paris kommt, im Stande sein, die Ketzerei und die Usurpation zu bekämpfen. Doch in Ermangelung von Herrn von Guise haben wir Herrn von Mayenne, der sich vervielfacht als General und als Rath und den ich jeden Moment erwarte.«
»Das heißt,« unterbrach ihn Bussy, und dies war der Augenblick, wo er die Achseln zuckte, »das heißt, Eure Prinzen sind überall, wo wir nicht sind, und nie, wo wir sie nöthig haben. Was macht zum Beispiel Frau von Montpensier?«
»Mein Herr, Frau von Montpensier ist diesen Morgen in Paris eingetroffen.«
»Und Niemand hat sie gesehen?«
»Doch, mein Herr?«
»Wer?«
»Salcède.«
»Oh! Oh!« rief die ganze Versammlung.
»Sie hat sich also unsichtbar gemacht?« sagte Crucé.
»Nicht ganz, aber ich hoffe ungreifbar.«
»Und woher weiß man, daß sie hier ist?« fragte Nicolas Poulain. »Ich denke nicht, daß Salcède es Euch gesagt hat.«
»Ich weiß, daß sie hier ist«« antwortete Mayneville, »weil ich sie bis zur Porte Saint-Antoine begleitet habe.«
»Ich habe sagen hören, die Thore seien geschlossen worden,« unterbrach ihn Marteau, der gierig nach einer Gelegenheit haschte, um wieder eine Rede anzubringen.
»Ja, mein Herr,« erwiederte Mayneville mit seiner ewigen Höflichkeit, aus der ihn kein Angriff herausbringen konnte.
»Wie hat sie sich dann dieselben öffnen lassen?«
»Auf ihre Weise.«
»Ah! sie hat die Macht, sich die Thore von Paris öffnen zu lassen,« sagten die Liguisten, eifersüchtig und argwöhnisch, wie es die Kleinen immer sind, wenn sie sich mit den Großen verbünden.
»Meine Herren»,« sprach Mayneville, »es ging diesen Morgen an dem Thor von Paris etwas vor, was Ihr nicht zu kennen oder wenigstens nur unbestimmt zu wissen scheint. Man hatte Befehl gegeben, nur diejenigen durch die Barriere zu lassen, welche sich durch eine Einlaßkarte ausweisen würden. Von wem mußte diese Karte unterzeichnet sein? Ich weiß es nicht. Vor uns kamen zur Porte Saint-Antoine fünf oder sechs Männer, von denen vier ziemlich schlecht gekleidet waren und aussahen; sie waren mit den nothwendigen Karten versehen und zogen uns vor der Nase vorüber. Einige erschienen mit der unverschämten Aufgeblasenheit von Leuten, die sich in einem eroberten Lande glauben. Wer sind diese Menschen? was für Karten sind das? antwortet uns. Ihr Herren von Paris, Ihr, deren Aufgabe es ist, Alles zu wissen, was die Angelegenheiten Eurer Stadt betrifft.«
So machte sich Mayneville vom Angeklagten zum Ankläger, was die große Kunst des Redners ist.
»Karten… unverschämte Leute… ausnahmsweise Zulassungen bei den Thoren von Paris… oh! Oh! Was soll das bedeuten?« fragte Nicolas Poulain ganz träumerisch.