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Kitabı oku: «Die Holländerin», sayfa 8
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An dem Tage, an welchem diese beiden Briefe geschrieben worden, kam Herr Van-Dick fünf Minuten vor sechs Uhr in seine Wohnung zurück. Er machte einen Gang durch den Garten, dann trat er, als es sechs Uhr schlug, in den Speisesaal.
Auf dem Tische standen drei Couverts, im Saale aber war noch Niemand.
Herr Van-Dick zog die Glocke.
Ein Diener erschien.
– Man servire das Essen! sprach er.
Der Diener erschien wieder und brachte die Suppe.
– Wo ist Herr Tristan?
– In seinem Zimmer.
– Und Madame?
– In dem ihrigen.
– Man rufe sie!
Herr Van-Dick setzte sich zu Tische und aß.
Der Diener kam zurück.
– Madame hat keinen Hunger, sprach er.
– Und Herr Tristan?
– Auch nicht.
– So! Man gehe zu Herrn Tristan, fuhr der Holländer fort, und bitte ihn, er möge herabkommen und mir Gesellschaft leisten, ich äße nicht gern allein.
Einige Augenblicke später öffnete Tristan die Thür des Speisesaals.
– Sie haben keinen Hunger?
– Nein, mein Herr.
– Setzen Sie sich zu Tische, der Appetit wird schon kommen. Was fehlt Madame Van-Dick?
– Ich weiß es nicht.
– Gut. Setzen Sie sich.
Tristan nahm Platz.
Ein heftiger Zug an der Glocke, die von Euphrasias Zimmer ausging, ließ sich plötzlich vernehmen. Eine Minute später erschien Lotte.
– Herr, sprach sie, Madame verlangt nach Ihnen.
– Weshalb?
– Ich weiß es nicht.
– Ist sie krank?
– Nein, Herr!
– Man sage ihr, daß ich esse; nach Tische würde ich erscheinen.
Die Köchin entfernte sich.
– Ein schlechter Humor weht heute durch das Haus, sprach Herr Van-Dick. Haben Sie meine Frau nicht getröstet?
– Es scheint so.
– Aber was zum Teufel, Herr Tristan, fehlt Ihnen? Ihre Traurigkeit benimmt mir den Appetit.
– Wenn Sie gegessen haben, mein bester Herr Van-Dick, werde ich es Ihnen erzählen.
– Warum nicht jetzt?
– Weil —
– Ein triftiger Grund, ich begnüge mich damit.
In diesem Augenblicke trat Lotte wieder ein.
– Herr, Madame hat sogleich mit Ihnen zu reden.
– Man sage ihr, sie möge sich zu mir bemühen.
Wie man sieht, wollte Herr Van-Dick in Lotte’s Augen nicht scheinen, als ob er seiner Frau gehorche. Die Köchin entfernte sich.
– Die Frauen sind doch seltsame Geschöpfe, sprach der Kaufmann, indem er sich ein Stück von dem Braten abschnitt, sie begreifen nicht, daß man gerade das thut, was sie nicht wollen. Ich habe Hunger, und meine Frau, die nicht essen will, wird nicht ruhen, bis sie mich veranlaßt hat, vom Tische aufzustehen.
Tristan lächelte wie ein Mensch, der begreift, daß er wenigstens durch ein Lächeln auf das antworten muß, was man ihm sagt.
Lotte erschien zum dritten Male.
– Wird sie kommen? fragte Herr Van-Dick.
– Nein, Herr.
– Warum?
– Madame hat mich gefragt, ob Sie allein seien. Als ich ihr antwortete, daß Sie mit Herrn Tristan bei Tische säßen, trug sie mir auf, Ihnen zu sagen, sie wolle den Herrn Van-Dick allein sprechen und ließe ihn bitten, sich zu ihr zu bemühen. Herr Van-Dick zuckte die Achseln.
– Ich werde mich zurückziehen, sprach Tristan, indem er aufstand.
– O durchaus nicht, bleiben Sie! Um für den Abend Frieden zu haben, will ich zu ihr gehen. Mit dem Ausdrucke des Verdrusses warf der Leinwandhändler seine Serviette auf den Tisch.
– Ist sie in ihrem Zimmer? fragte er, indem er an Lotte vorbeiging.
– Ich möchte wohl wissen, sprach Tristan bei sich selbst, als Herr Van-Dick und Lotte den Saal verlassen, was die gute Madame Van-Dick ihrem Manne sagen wird. Das ist nun das Resultat einer aufrichtigen Freundschaft, ohne den Brief zu rechnen, den sie für Wilhelm zur Post gesandt hat. Wie wird sie mich darin behandeln! Herr Van-Dick war zu seiner Frau gegangen. Sie ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, als er eintrat.
– Nun, was wollen Sie von mir? sprach er.
– Nicht übel, sprach die Dame, wenn man Sie sprechen will, muß man dreimal schicken.
– Beste Frau, ich hatte einen großen Hunger. Was Du mir sagen willst, ist wahrscheinlich nicht sehr dringend, darum zögerte ich ein wenig, den Tisch zu verlassen.
– Sehr artig!
– Wenn Du mich hast rufen lassen, um mir Grobheiten zu sagen, gehe ich wieder.
– Nein, mein Herr! Ich will nur sehen, ob Sie fähig sind, etwas zu thun, was mir angenehm ist.
– Rede, mein Kind, rede!
– Ich höre, daß Herr Tristan morgen dieses Haus verläßt.
– Tristan?
– Ja.
– Warum?
– Weil es mir gefällt,
– Wenn es mir aber gefällt, daß er bleibt? Herr Tristan ist ein liebenswürdiger junger Mann, den ich nur loben kann.
– So bleibt Ihnen die Wahl zwischen Ihrer Frau und ihm.
– Warum?
– Weil er mich beleidigt hat.
– Hat er vielleicht vergessen, Dir den Hof zu machen? sprach Herr Van-Dick, dem die Sache Spaß zu machen schien.
– Sind Sie vielleicht gekommen, um mir Impertinenzen zu sagen, mein Herr?
– Darf man denn nicht scherzen?
– Nein; in ernsten Sachen nicht.
– So! Was hat er Ihnen denn zu Leide gethan?
– Er hat Sie hintergehen wollen, mein Herr Gemahl!
– Wie so?
– Indem er mir seine Liebe gestand.
– Er liebt Dich?
– Ja, mein Herr!
– Und deshalb willst Du, daß er uns verlasse?
– Ja.
– Es ist das erste Mal, daß Dir das begegnet.
– Was wollen Sie damit sagen?
– Ich will damit sagen, daß ich sehr geduldig bin, indem ich Ihre Albernheiten anhöre, und daß Tristan nicht mehr Lust hat, Ihnen ein Liebesgeständniß zu machen, als mir.
Indem Herr Van-Dick diese Worte sprach, ordnete er zwei Vasen, die nicht in einer Linie fanden.
– So geben Sie diesem Manne Recht, entgegnete Euphrasia.
– Nein! Ich gebe Ihnen Unrecht, das ist Alles.
– Also dem ersten, besten, der da hergelaufen kommt.
– Tristan ist mir zugethan.
– Tristan ist ein Mensch, den Sie auf der Straße gefunden haben.
– Und mit dem ich sehr zufrieden bin, das versichere ich Sie!
– Der nicht weiß, wem er angehört.
– Um so mehr Grund, daß er hier bleibt.
– Gut, sprach Euphrasia im höchsten Zorne, das wollte ich wissen, mein Herr!
– So kann ich zurückkehren, um meine Mahlzeit zu vollenden?
– Ja; nur etwas muß ich Ihnen noch mittheilen.
– Und das wäre?
– Wenn morgen Nachmittag um vier Uhr Herr Tristan noch hier ist, verlasse ich morgen Abend das Haus.
– Nach Ihrem Gefallen.
– Und was ich wünschte, habe ich dabei in Erfahrung gebracht.
– Das ist?
– Daß Sie Ihrer Frau keine Achtung zu verschaffen wissen.
– Ist nicht meine Sache.
– Und wessen denn, wenn ich fragen darf?
– Die Sache Wilhelm’s.
– Unverschämter! rief Madame Van-Dick und Thränen der Wuth rannen über ihre Wangen.
– Bitte, bitte, rief Herr Van-Dick mit großer Kaltblütigkeit, wir wollen uns nicht überwerfen. Sie halten zu Wilhelm, ich halte zu Tristan. Es ist wahr, uns leiten nicht dieselben Beweggründe; die meinigen sind aber, um natürlicher zu sein, nicht schlechter. Um Ruhe zu erhalten, lasse ich Sie thun, was Ihnen beliebt. Aber um des Himmels willen zwingen Sie mich nicht Ihnen zu sagen, was ich mit geschlossenen Augen sehe. Bleibe ein Jeder von uns, wie er bisher immer gewesen ist und vor allen Dingen vermeiden wir Mittags um elf Uhr und Abends um sechs Uhr allen Streit, dies sind die Stunden, wo ich zu essen pflege. In der übrigen Zeit des Tages reizen Sie mich zum Zorn, soviel Sie wollen, ich autorisire Sie dazu.
– Schauderhaft!
– Gut, schauderhaft! Seit gestern sind Sie traurig, ich begreife diese Traurigkeit, denn sie fällt auf mich zurück, und das ist recht, denn ich habe ihn nach Brüssel geschickt. Ich selbst hätte dahin gehen sollen, nicht wahr? Ich habe aber nicht Lust zu reisen und halte die Commis nicht für Sie allein. Was Tristan anbetrifft —
– So verläßt er das Haus!
– Was Tristan anbetrifft, der mir lieb ist, so wird er bleiben. Ueberhaupt thun Sie am besten, wenn Sie mir weder von Ihrer Liebe noch von Ihrem Hasse reden. Wollen Sie mich zu Tische begleiten?
– O. welche Infamie! rief Euphrasia unter Thränen; aber ich werde mich rächen.
– Wollen Sie mich begleiten? Einmal, zweimal, dreimal? Ich empfehle mich Ihnen! Herr Van-Dick verließ das Zimmer seiner Frau und ging in den Speisesaal zurück, wo Tristan nicht ohne einige Aengstlichkeit auf das Resultat dieser Unterredung wartete.
Ruhig nahm der Holländer seinen Platz wieder ein, befestigte die Serviette unter seinem Kinn und wandte sich mit den Worten zu dem Diener:
– Man bringe das Geflügel!
Zweiter Band
1
– Ist Madame Van-Dick vielleicht krank? fragte Tristan, der, da er sich nichts vorzuwerfen hatte, gern wissen mochte, wie er sich in seiner Lage zu verhalten habe.
– Nein, antwortete der Kaufmann, sie ist nur übler Laune. Ein kleiner häuslicher Zwist, fügte er lächelnd hinzu, ist die Ursache.
– Verzeihung, sprach Tristan, sollte ich vielleicht diese Ursache herbeigeführt haben?
– Nun, da Sie es wissen wollen, ja; aber ein für alle Mal ja!
– Hat Ihnen Madame gesagt, wodurch ich ihr Mißfallen erregt?
– Ja.
– Und —?
– Sie behauptet, daß Sie ihr den Hof gemacht hätten.
– Ich schwöre Ihnen —
– Es bedarf Ihres Schwures nicht, denn ich weiß, daß sie lügt.
– Mein bester Herr Van-Dick, ich weiß, daß ich Ihnen viel zu danken habe, Sie haben für mich gethan, was der beste meiner Freunde nicht für mich gethan haben würde, und selbst in diesem Augenblicke geben Sie mir einen Beweis Ihres Vertrauens, der mich hoch ehrt und für den ich Ihnen mein ganzes Leben dankbar sein werde; ich glaube indeß, daß es wohlgethan ist, wenn wir uns trennen.
– Aus welchem Grunde?
– Weil ich Madame, ich weiß nicht, weshalb, mißfalle. Außerdem ist es auch vorauszusehen, daß sie beharrlich in Sie dringen wird, mich zu entlassen. Soll ich Ihnen nun für Ihre liebevolle Aufnahme eine ewige Unruhe bereiten? Ich zürne Ihnen nicht, Herr Van-Dick, das Andenken an Ihre Freundschaft wird stets in meinem Herzen leben, aber erlauben Sie mir, Ihrer Ruhe wegen, das Haus zu verlassen.
– Sie sind ein Narr!
– Willigen Sie nicht ein?
– O durchaus nicht!
– Dann muß ich die Verantwortlichkeit dieser Trennung auf mich nehmen.
– Das verbiete ich Ihnen, mein bester Freund.
– In diesem Falle würden Sie meinetwegen stets belästigt werden.
– Nein.
– Madame Van-Dick wird Ihnen stets etwas zu sagen haben.
– Nein! .
– Eines schönen Tages werden Sie sich von dem Gesagten überzeugt halten, und anstatt als gute Freunde zu scheiden, trennen wir uns in einer gereizten Stimmung.
– Nein, nein und tausendmal nein! Sie kennen mich noch nicht, mein bester Tristan, ich besitze einen eisernen Willen. Sie bleiben bei uns, und meine Frau wird Ihnen zwar nicht verzeihen, weil sie Ihnen nichts zu verzeihen hat; aber sie wird sich besänftigen, und zwar aus dem Grunde, weil ich es will. Darum, mein Freund, vergessen Sie nicht, daß sich unter uns nichts geändert hat und daß Sie bei uns bleiben. Was werden Sie diesen Abend beginnen?
– Ich weiß es nicht.
– Gut, so bleiben Sie hier, ich muß ausgehen. Ich sage Ihnen im Voraus, daß meine Frau kommen und Frieden mit Ihnen schließen wird, wenn Sie es wollen.
– Das glaube ich kaum.
– Glauben Sie es nur, vorausgesetzt, daß Sie thun, was sie verlangt.
– Ich habe es immer gethan.
– Vielleicht auch nicht.
Tristan sah Herrn Van-Dick an, der, die Nase auf seinen Teller gerichtet, den eben ausgesprochenen Worten keine Absicht untergelegt zu haben schien.
– Nur eins, fuhr der Kaufmann fort, verbiete ich Ihnen zu thun.
– Und was?
– Daß Sie mich verlassen.
– Dieses ausgenommen —
– Haben Sie in Allem freies Spiel. Was auch immerhin geschehen wird, mag meine Frau zu Ihnen übertreten, oder Ihre Feindin bleiben, Sie können fest auf das zählen, was ich Ihnen vorhin gesagt habe.
– Danke!
– Ich gehe jetzt, um einen meiner Freunde zu besuchen, denselben, von dem ich Ihnen erzählte, daß er früher in Mailand wohnte, er ist von dort mit seiner Frau hierher gekommen.
– Ach, zu dem Doctor Mametin.
– Recht.
– Behandelt er unsern Eduard?
– Nein, er beschäftigt sich nicht mehr mit Medicin, er ist so alt, daß er kaum noch ausgehen kann.
– Ist seine Frau jung.
– Ja.
– Schön?
– Ja.
– Ah, Herr Van-Dick —!
– Sie täuschen sich; außerdem ist sie sehr klug und züchtig, und Mametin ist einer von den alten Freunden, die man nicht betrügt.
– Ich bin ganz Ihrer Meinung, die Frau eines Freundes muß man heilig halten.
– Pah! Je nachdem die Frau ist. Also auf Wiedersehen! Schließen Sie Frieden, wenn Sie können.
Herr Van-Dick reichte Tristan freundschaftlich die Hand und ging.
Unser Freund blieb im Saale, ergriff ein Buch und las; Madame Van-Dick verharrte aber in ihrem Grolle und erschien nicht. Daß Tristan darüber erfreut war, ist wohl unnütz anzuführen. Während der Zeit, welche er, ein Buch vor den Augen, im Saale zubrachte, dachte er über seine gegenwärtige Lage nach. Wäre er dem Triebe seines unabhängigen Charakters gefolgt, so würde er lieber das Haus verlassen haben, als mit Euphrasia einen Kampf zu unterhalten, welche, an ihrer Eigenliebe verletzt, dem Empfindlichsten, was eine Frau besitzt, früher oder später über ihn siegen konnte, denn sie war nicht wie andere Frauen und Herr Van-Dick nicht wie andere Männer. Er zog es indes vor, die Katastrophe ruhig abzuwarten, als sie zu beschleunigen. Wenn Tristan das Haus des Kaufmanns verließe, ohne zu wissen, was er beginnen sollte, so würden eine kleinen Ersparnisse, die ihm dieses unerwartete Zusammentreffen erlaubt hatte, bald aufgezehrt sein, und wenn nicht ein neues Abenteuer ihm zu Hilfe käme, so würde ihm nichts weiter übrig geblieben sein, als sich ein Pistol zu kaufen und die Geschichte aus dem Walde von Boulogne von Neuem anzufangen. Auch war er der Abenteuer müde, denn sie brachten ihm nichts weiter als eine augenblickliche Hilfe und blieben ohne ersprießliche Folgen für seine Lage. Was hätte auch unser Held zu erwarten gehabt? Seine Mutter war todt und seine Frau war verheirathet: wo, wann und wie? wußte er nicht, er zog es auch vor, stets darüber in Unwissenheit zu bleiben.
Das Haus des Herrn Van-Dick war demnach der einzige Hafen, der ihn vor den Stürmen und Wogen des Lebens, denen er augenscheinlich draußen preisgegeben war, schützen konnte. Es mußte also Alles geschehen, daß er bleiben konnte, wo er war. Der junge Eduard war neun Jahre alt, die Erziehung desselben sicherte ihm mindestens einen neunjährigen Aufenthalt im Hause und Herr Van-Dick hätte nach Ablauf dieser Frist den Mann nicht verlassen können, der die schönste Zeit seines Lebens der Erziehung seines Sohnes geopfert, er würde ihm jedenfalls eine Stellung geben, die ihm ein ruhiges Leben sicherte.
Unglücklicherweise war aber das Mittel, das Tristan zur Erreichung dieses Zweckes anwenden wollte, nicht dasselbe, was Madame Van-Dick gefunden hatte und, wie es schien, von Herrn Van-Dick gebilligt wurde. Was konnte auch bei Wilhelm’s Ankunft geschehen, wenn Tristan während der Abwesenheit desselben als Euphrasia’s Liebhaber fungiert hätte? Der Hauslehrer erinnerte sich aber des Eides, den er dem Handlungsdiener geschworen, und er beschloß, unter Herrn Van-Dick’s Protection Wilhelm’s Rückkehr ruhig abzuwarten. War er einmal wieder im Hause, so glaubte er annehmen zu können, daß Euphrasia ihren alten Umgang wieder fortsetzte und das, was zwischen ihr und Tristan vorgefallen, vergessen würde.
Als Tristan in seinen Betrachtungen bis zu diesem Punkte gekommen war, beschloß er sogleich an Wilhelm zu schreiben, ihn um Beschleunigung seiner Geschäfte und seiner Rückkehr zu bitten, und als Grund dieser Bitte einen Freundschaftsdienst, den er ihm leisten sollte, anzugeben, denn er wußte, daß dieses, verbunden mit dem Wunsche, Euphrasia wieder zu sehen, ein unfehlbares Mittel zur Beförderung seines Planes sei.
Es war bereits gegen zehn Uhr, und da er annahm, daß Madame Van-Dick nicht mehr sichtbar werden würde, ging er in sein Zimmer, schrieb an Wilhelm einen kurzen Brief, und überließ sich, eingewiegt von seinen Hoffnungen, einem ruhigen Schlafe, dem Lohne seines Kampfes und seiner guten Gesinnungen. Es war schon spät, als Tristan am nächsten Morgen erwachte. Eilig ließ er den Brief an Wilhelm zur Post besorgen und stieg in dem Augenblicke die Treppe hinab, als es elf Uhr schlug. Bei seinem Eintritte in den Speisesaal traf er Herrn Van-Dick an, der bereits mit dem Lesen der Zeitung beschäftigt war.
– Nun, fragte der Kaufmann, haben Sie Madame gestern Abend noch gesehen?
– Nein.
– Also immer noch Krieg?
– Es scheint so.
– So erwarten wir den Frieden. Wie geht es Ihnen?
– Gut.
– Das ist die Hauptsache. Tristan blickte nun auf den Tisch und gewahrte, daß er nur mit zwei Couverts besetzt war. – Teufel, dachte er, sollte ich schon exilirt sein? Die Köchin brachte die Schüsseln. Herr Van-Dick setzte sich zu Tische und gab Tristan ein Zeichen, seinem Beispiele zu folgen. Tristan setzte sich.
– Wird Madame bei Tische erscheinen? fragte der Hausherr.
– Nein, Herr! antwortete die Köchin.
– Warum ist nur für zwei Personen gedeckt?
– Weil Madame in ihrem Zimmer essen will.
– Allein?
– Nein, Herr, mit einer Freundin.
– Gut; so essen wir. Also immer noch offene Fehde?
– Und ich trage die Schuld, antwortete Tristan.
– Sie wird sich beruhigen, tragen Sie keine Sorge. Während des Essens sprachen die beiden Männer über andere Sachen. Nach demselben begann Herr Van-Dick:
– Eduard befindet sich jetzt besser, ich glaube, Sie können heute den Unterricht wieder beginnen. Gehen Sie zu ihm und geben Sie dem kleinen Taugenichts Beschäftigung. Auf Wiedersehen, Freund!
Tristan stieg die Treppe hinan und klopfte an Eduard’s Zimmerthür. »Herein!« war die Antwort und der überraschte Hauslehrer erkannte Euphrasia’s Stimme. Unentschlossen stand er einen Augenblick da, dann aber öffnete er.
Madame Van-Dick und ihre Freundin saßen am Bette des Knaben. Eine hohe Röthe überzog Madame Van-Dick’s Gesicht, als die Tristan erblickte.
– Was wünschen Sie, mein Herr? fragte sie.
– Madame, ich komme zunächst, um mich nach dem Befinden dieses Kindes zu erkundigen.
– Es geht ihm gut, mein Herr! Diese Worte sprach die Dame in einem Tone, der andeutete: »Jetzt können Sie gehen.«
– Es geht ihm also gut? entgegnete der Lehrer.
– Ja, mein Herr!
– Dann kann ich wohl den Unterricht wieder beginnen?
– Wer hat Ihnen Befehl ertheilt, hierher zu kommen?
Bei dieser impertinenten Phrase ward Tristan roth bis über die Ohren; kaltblütig gab er indeß zur Antwort:
– Niemand, Madame, denn Niemand hat das Recht, mir Befehle zu ertheilen; aber Herr Van-Dick, der, wie ich glaube, der Vater dieses Kindes ist, hat mich ersucht, ihm seine Lektion zu ertheilen.
– So sagen Sie Herrn Van-Dick, daß ich mich dem widersetze. Tristan grüßte und verließ Euphrasia und ihre Freundin, welche durch Blicke und Geberden. Madame Van-Dick begreiflich zu machen suchte, daß eine solche Unterhaltung vor Zeugen nicht statthaft sei.
Vor Zorn weinend kehrte Tristan zu Herrn Van-Dick zurück und theilte ihm mit, was vorgefallen.
– Gut, antwortete dieser. Wollten Sie wohl die Güte haben, Herr Tristan, und jene Briefe beantworten? Gehen Sie in Wilhelm’s Kabinet und leisten Sie mir diesen Dienst. Es ist vielleicht eine langweilige Arbeit, aber Sie sehen ja, daß es nicht meine Schuld ist; meine Frau will durchaus, daß Sie Wilhelm’s Stelle einnehmen.
Mit der gleichgültigsten Miene von der Welt reichte der Kaufmann dem Hauslehrer die in Rede stehenden Briefe.
Auch am Abend war der Tisch nur für zwei Personen gedeckt.
– Wo ist Madame? fragte Herr Van-Dick.
– In ihrem Zimmer, antwortete Lotte.
– Man sage ihr, daß sie zu Tische komme.
– Madame will allein essen, sprach die zurückkehrende Magd.
– Gut, so verbiete ich, daß hier für sie gedeckt werde. Fort!
Herr Van-Dick und Lotte wechselten unbemerkt einen Blick. Von Seite des Kaufherrn schien er zu sagen: »Bist Du zufrieden?« und von Seite der Köchin: »Ohne Sorge, es wird geschehen!«
Die beiden Männer setzten sich zu Tische. Kaum hatten sie Platz genommen, so ward eine Klingel so heftig gezogen, daß es schallend durch das Haus tönte.
– Wir werden etwas Neues erfahren, sprach der Kaufmann.
– Ich bin untröstlich, antwortete Tristan.
– Sie wird einer Lection bedürfen.
Lotte trat ein.
– Herr, sprach sie, Madame will essen.
– Gieb ihr nichts.
– Ist geschehen.
– Nun?
– Madame sagt, daß sie das Recht habe zu befehlen.
– Bleibe in Deiner Küche.
– Und daß sie mich aus dem Hause werfen wolle.
– Fürchte nichts.
– Wenn aber Madame wieder klingelt?
– So antworte nicht.
Ein abermaliges Läuten ertönte.
– Soll ich hinaufgehen? fragte der Diener, der sich im Saale befand.
– Nein. Du, Lotte, geh und sieh nach den Kartoffeln, Du weißt, mein Kind, daß ich sie weich gern esse. Lotte konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.
Die Glocke ertönte zum dritten Male.
– Ich werde die Glocke mit Papier ausfüllen lassen, sprach Herr Van-Dick.
Tristan wußte nicht mehr, was er antworten sollte.
– O das Ding ist noch nicht aus, sprach Euphrasia’s Gatte. Wir erleben heute noch etwas.
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Thür mit einer solchen Heftigkeit aufgerissen wurde, daß Tristan erschreckt auf einem Stuhle zusammenfuhr.
Madame Van-Dick, mit Shawl und Hut angethan, trat ein.
Man erfinde eine fabelhafte Röthe, und man hat die ihrer Wangen.
– Nun, mein Herr, sprach sie zu ihrem Manne, haben Sie nun genug meine Galle angeregt?
– Ich, Madame? fragte Herr Van-Dick mit der ruhigsten Miene von der Welt.
– Ja, Sie!
– Wodurch habe ich Ihr Mißfallen mir zugezogen?
– Dadurch, daß Sie mir diesem Menschen gegenüber Unrecht geben.
Die zornige Euphrasia zeigte auf Tristan.
– Zunächst, meine theure Euphrasia, betragen Sie sich gegen diesen Herrn artig, oder ich muß Sie ersuchen, sich in Ihr Zimmer zurückzuziehen.
– Das heißt mit andern Worten, mich zur Thür hinauswerfen.
– Ganz recht.
– Ist es nicht schon genug, mir die Nahrung zu weigern?
– Warum essen Sie nicht mit uns?
– Weil ich nicht will!
– Und ich will nicht, daß Lotte Ihnen den Tisch auf Ihrem Zimmer decke.
– Man weiß, warum.
– Und warum?
– Weil sie Ihre Mätresse ist.
– Dann ist es sehr natürlich, daß ich ihr die Arbeit erspare.
– Wie unmoralisch! Sie wollen nicht, daß man mir das Essen auf mein Zimmer bringe? Sie wollen mich zwingen, mit Leuten zu leben, die ich nicht kenne, die ich verabscheue?
– Ja!
– Gut, mein Herr! Von heute ab haben Sie keine Frau mehr?
– Machen Sie mir keine vergebliche Freude, theure Euphrasia! Sie wollen also wirklich gehen?
– Ja, mein Herr!
– Und werden nie zurückkehren?
– Gott soll mich bewahren!
– Glückliche Reise!
– Wie, Sie lassen mich gehen?
– Sie wollen es ja.
– Gut; ich weiß jetzt, was mir zu thun bleibt! Madame Van-Dick ging der Thür zu. Herr Van-Dick rief sie zurück.
– Was wollen Sie? fragte die Gattin.
– Sie wollen nicht wiederkommen?
– Nie! Nie!
– Nun gut, so nehmen Sie den Hausschlüssel mit denn, kommen Sie nach zehn Uhr zu Hause, liegt. Alles im Schlafe und Niemand wird Ihnen öffnen.
Nach diesen Worten ergriff Herr Van-Dick Tristan’s Arm und sprach zu ihm:
– Kommen Sie, wir wollen im Garten eine Cigarre rauchen.
Madame Van-Dick verließ rache schnaubend das Haus; aber sei es Zufall oder Vorsicht – sie hatte einen Hausschlüssel in ihrer Tasche.
