Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 47
LXIV.
Was Herr de la Bauguyon, dem Hofmeister der Kinder von Frankreich, am Abend der Hochzeit von Monseigneur dem Dauphin begegnete
Die großen Ereignisse der Geschichte sind für den Romantiker, was die riesigen Berge für den Reisenden sind. Er betrachtet sie, er umwandert sie, er begrüßt sie im Vorübergehen, aber er übersteigt sie nicht.
So wollen wir die eindrucksvolle (Zeremonie der Hochzeit der Dauphine in Versailles betrachten, umwandern, begrüßen. Das Ceremoniel von Frankreich ist in einem solchen Falle die einzige Chronik, die man befragen muß.
In der That, nicht in den Herrlichkeiten des Versailles unter Ludwig XV., in der Beschreibung der Hofkleider, der Livreen, der priesterlichen Gewänder würde unsere Geschichte, die bescheidene Zofe, welche auf einem kleinen Nebenwege längs der großen Landstraße der Geschichte von Frankreich hingeht, etwas zu gewinnen finden.
Lassen wir die Ceremonie in den Strahlen der glühenden Sonne eines schönen Maitages sich vollenden, lassen wir die erhabenen Gäste in der Stille sich zurückziehen und sich die Wunder des Schauspiels, dem sie beigewohnt, erzählen und commentiren, und kehren wir zu unseren Ereignissen und zu unseren Personen zurück, welche historisch sicherlich einen Werth haben.
Der König, ermüdet durch die Vorstellung und besonders durch das Mittagsmahl, das lange gedauert hatte und nach dem Ceremoniel bei dem Hochzeitmahle des Herrn Dauphin, des Sohnes von Ludwig XIV., geordnet gewesen war, zog sich um neun Uhr in seine Gemächer zurück und behielt nur Herrn de la Bauguyon, den Hofmeister der Kinder von Frankreich, bei sich.
Dieser Herzog, ein großer Freund der Jesuiten, die er mit Hülfe des Ansehens von Madame Dubarry zurückzubringen hoffte, sah einen Theil seiner Aufgabe durch die Heirath des Herrn Herzogs von Berry beendigt.
Dies war nickt der härteste Theil, denn es blieb dem Herrn Hofmeister der Kinder von Frankreich noch die Erziehung des Herrn Grafen von Provence und des Herrn Grafen von Artois durchzuführen, von denen der eine damals fünfzehn, der andere dreizehn Jahre alt war. Der Herr Graf von Provence war mürrisch und unbezähmt; der Herr Graf von Artois unbesonnen und unbezähmbar: und dann war der Dauphin, abgesehen von seinen guten Eigenschaften, die ihn zu einem kostbaren Zögling machten, Dauphin, das heißt, die erste Person von Frankreich nach dem König. Herr de la Bauguyon konnte also viel verlieren, wenn er auf einen solchen Geist den Einfluß verlor, den vielleicht eine Frau zu erlangen im Begriffe war.
Von dem König zu bleiben aufgefordert, konnte Herr de la Bauguyon glauben, Seine Majestät begreife diesen Verlust und wolle ihn durch eine Belohnung entschädigen. Ist eine Erziehung vollendet, so belohnt man gewöhnlich den Hofmeister.
Dieser Umstand veranlaßte den Herrn Herzog de la Banguyon, einen sehr empfindsamen Menschen, seine Empfindsamkeit zu verdoppeln: während des ganzen Mahles sprach er mit seinem Sacktuch vor den Augen, um darzuthun, wie sehr er den Verlust seines Zöglings beklage. Sobald das Dessert vorüber war, schluchzte er; als er sich endlich aber allein fand, erhob er sich ruhiger.
Der Ruf des Königs zog abermals das Schnupftuch aus seiner Tasche und die Thräne aus seinen Augen.
»Kommen Sie, mein armer la Bauguyon,« sagte der König, indem er sich bequem auf einer Chaise longue niederließ, »kommen Sie, wir wollen plaudern.«
»Ich bin Eurer Majestät zu Befehl,« antwortete der Herzog.
»Setzen Sie sich, mein Liebster; Sie müssen müde seyn.«
»Mich setzen, Sire?«
»Ja, dorthin, ohne Umstände.«
Und Ludwig XV. bezeichnete dem Herzog ein Tabouret, das so stand, daß die Lichter gerade auf das Gesicht des Hofmeisters fielen, während sie das des Königs im Schatten ließen.
»Nun, lieber Herzog,« sagte Ludwig XV., »nun ist eine Erziehung vollendet.«
»Ja, Sire.« Und la Bauguyon seufzte.
»Eine schöne Erziehung, bei meiner Treue,« fuhr Ludwig XV. fort.
»Seine Majestät ist zu gut.«
»Und die Ihnen Ehre macht, Herzog.«
»Seine Majestät überhäuft mich.«
»Der Herr Dauphin ist, glaube ich, einer von den gelehrten Prinzen Europas?«
»Ich glaube, Sire.«
»Ein guter Historiker?«
»Sehr gut.«
»Ein vortrefflicher Geograph?«
»Sire, der Herr Dauphin zeichnet ganz allein Karten, welche ein Ingenieur nicht machen würde.«
»Er erreicht beinahe die Vollkommenheit?«
»Ah! Sire, das Compliment kommt nicht mir zu, denn ich habe ihn das nicht gelehrt.«
»Gleichviel, er weiß es?«
»Ausgezeichnet.«
»Und die Uhrmacherei, was für eine Geschicklichkeit!«
»Es ist wunderbar, Sire.«
»Seit sechs Monaten laufen alle meine Uhren einander nach wie die vier Räder eines Wagens, ohne sich einholen zu können. Nun! er allein ordnet sie.«
»Das gehört zur Mechanik, Sire, und ich muß abermals gestehen, daß ich keinen Antheil hieran habe.«
»Ja, aber die Mathematik, die Schifffahrt?«
»Oh! Sire, das sind Wissenschaften, zu denen ich allerdings den Herrn Dauphin immer angetrieben habe.«
»Und er ist stark darin. Eines Abends hörte ich ihn mit Herrn von Lapérouse von Grelingen35, von Brigantinen sprechen.«
»Lauter Marine-Ausdrücke, Sire.«
»Er spricht darüber wie Jean Bart.«
»Er ist allerdings sehr stark hierin.«
»Ihnen hat er Alles dies zu verdanken . . .«
»Eure Majestät belohnt mich über meine Verdienste, indem sie mir einen, wenn auch noch so kleinen, Antheil an dem kostbaren Nutzen zuschreibt, den der Herr Dauphin aus dem Studium gezogen hat.«
»In Wahrheit, Herzog, ich glaube, der Herr Dauphin wird wirklich ein guter König, ein guter Regent, ein guter Familienvater werden. Ah! sagen Sie mir, Herr Herzog,« fuhr der König mit einem besonderen Nachdruck auf diese Worte fort, »wird er ein guter Familienvater werden?«
»Ei, Sire,« erwiederte naiver Weise Herr de la Bauguyon, »da alle Tugenden im Keime in dem Herzen des Herrn Dauphin vorhanden sind, so nehme ich an, daß auch diese wie die anderen darin enthalten sein wird.«
»Sie verstehen mich nicht, Herzog,« versetzte Ludwig XV. »Ich frage Sie, ob er ein guter Familienvater sein werde.«
»Sire, ich muß bekennen, ich verstehe Eure Majestät nicht. In welchem Sinne legt sie mir diese Frage vor?«
»In dem Sinne, in dem Sinne . . . Sie haben die Bibel wohl gelesen, Herr Herzog?«
»Gewiß, Sire, ich habe sie gelesen.«
»Nun, Sie kennen die Patriarchen, nicht wahr?«
»Allerdings.«
»Wird er ein guter Patriarch sein?«
Herr de la Bauguyon schaute den König an, als ob er Hebräisch gesprochen hätte, und erwiederte, indem er seinen Hut zwischen den Händen drehte:
»Sire, ein großer König ist Alles, was er will.«
»Verzeihen Sie, Herr Herzog,« versetzte der König, »ich sehe, wir verstehen uns immer noch nicht ganz.«
»Sire, ich thue mein Möglichstes.«
»Ich will deutlicher sprechen: Sie kennen den Dauphin wie Ihr Kind, nicht wahr?«
»Oh! gewiß, Sire.«
»Seinen Geschmack?«
»Ja.«
»Seine Leidenschaften?«
»Oh! was seine Leidenschaften betrifft, Sire, das ist etwas Anderes, hätte Monseigneur gehabt, so wären sie von mir mit der Wurzel ausgerottet worden. Doch glücklicher Weise hatte ich nicht diese Mühe; Monseigneur ist ohne Leidenschaften.«
»Sie haben gesagt, glücklicher Weise?«
»Sire, ist es nicht ein Glück?«
»Er hat also keine?«
»Leidenschaften, nein, Sire.«
»Nicht eine?«
»Nicht eine, dafür stehe ich.«
»Nun, das ist es gerade, was ich befürchtete. Der Dauphin wird ein guter König, ein guter Regent, aber kein guter Patriarch sein.«
Sire, Sie haben mir keines Wegs befohlen, den Herrn Dauphin zum Patriarchat anzutreiben.«
»Und ich hatte Unrecht. Ich hätte daran denken sollen, daß er sich einmal verheirathen würde. Aber obgleich er keine Leidenschaften hat, verdammen Sie ihn doch nicht ganz und gar?«
»Ich?«
»Ich will damit sagen, Sie halten ihn nicht für unfähig, eines Tags zu bekommen?«
»Sire, ich befürchte …«
»Wie, Sie befürchten?«
»In der That, Eure Majestät spannt mich auf die Folter,« sagte mit kläglichem Tone der arme Herzog.
»Herr de la Bauguyon,« rief der König, welcher ungeduldig zu werden anfing, »ich frage Sie ganz deutlich, ob der Herr Herzog von Berry ein guter Gatte sein werde. Ich lasse die Befähigung zum Familienvater bei Seite und gebe den Patriarchen auf.«
»Sire, ich wüßte das Eurer Majestät nicht genau zu sagen.«
»Wie, Sie wissen es mir nicht genau zu sagen?«
»Nein, denn ich weiß es selbst nicht.«
»Sie wissen es nicht!« rief Ludwig XV. mit einem Erstaunen, das die Perrücke auf dem Haupte von Herrn de la Bauguyon wackeln machte.
»Sire, der Herr Herzog von Berry lebte unter dem Dache Eurer Majestät in der Unschuld des Kindes, das studirt.«
»Ei, mein Herr, dieses Kind studirt nicht mehr, es heirathet.«
»Sire, ich war der Hofmeister von Monseigneur.«
»Gerade deßhalb, mein Herr, Sie hätten ihn Alles lehren müssen, was er zu wissen braucht.«
Und Ludwig XV. warf sich, die Achseln zuckend, in seinen Stuhl zurück.
»Ich vermuthete es,« fügte er mit einem Seufzer bei.
»Mein Gott, Sire . . .«
»Sie kennen die Geschichte von Frankreich, nicht wahr, Herr de la Banguyon.«
»Sire, ich habe es stets geglaubt und werde fortfahren, es zu glauben, wenn mir nicht Eure Majestät das Gegentheil sagt.«
»Nun, so müssen Sie wissen, was mir am Tage vor meiner Hochzeit begegnet ist.«
»Nein, Sire, ich weiß es nicht.«
»Ah! mein Gott, Sie wissen also nichts?«
»Wenn Eure Majestät die Gnade haben wollte, mich über diesen Punkt, der mir unbekannt geblieben ist, zu belehren?«
»Hören Sie, und das mag Ihnen für meine zwei anderen Enkel zur Lection dienen, Herzog.«
»Ich höre, Sire.«
»Ich war auch, wie Sie den Dauphin erzogen haben, unter dem Dache meines Großvaters erzogen worden. Ich hatte Herrn von Villeroy, einen braven Mann, aber einen sehr braven Mann, gerade wie Sie, Herzog. Oh! wenn er mich öfter in die Gesellschaft meines Oheims, des Regenten, gelassen hätte: doch nein, die Unschuld des Studiums, wie Sie sagen, Herzog, machte, daß ich das Studium der Unschuld vernachläßigte. Ich heirathete indessen, und wenn ein König heirathet, Herr Herzog, so ist es wichtig für die Welt.«
»Ob! ja, Sire, ich fange an zu begreifen.«
»In der That, das ist ein Glück. Ich fahre also fort. Der Herr Cardinal ließ mich über meine Neigungen zum Patriarchat ausforschen. Meine Neigungen waren vollkommen null und ich war in dieser Hinsicht von einer Reinheit, daß man hätte befürchten sollen, die Krone von Frankreich werde auf das weibliche Geschlecht übergehen. Zum Glück zog der Herr Cardinal Herrn von Richelieu hierüber zu Rath; die Sache war delicater Natur, doch Herr von Richelieu war ein großer Meister m solchen Dingen. Herr von Richelieu hatte einen leuchtenden Gedanken. Es gab damals eine Demoiselle Lemaure oder Lemoure, ich weiß nicht mehr genau, welche bewunderungswürdige Bilder malte; man beauftragte sie mit einer Reihenfolge von Scenen, Sie begreifen?«
»Nein, Sire.«
»Wie soll ich das nennen? ländliche Scenen.«
»Also im Genre der Gemälde von Teniers?«
»Besser als das; urdingliche.«
»Urdingliche?«
»Natürliche. Endlich habe ich das Wort gefunden; Sie begreifen diesmal?«
»Wie!« rief Herr de la Bauguyon erröthend, »man wagte es, Eurer Majestät darzubieten . . .«
»Ei! wer spricht denn davon, daß man mir etwas dargeboten habe, Herzog!«
»Doch damit Eure Majestät sehen konnte . . .«
»Mußte meine Majestät schauen; das ist das Ganze.«
»Nun!«
»Nun! ich habe geschaut.«
»Und . . .«
»Und da der Mensch in seinem Wesen Nachahmer ist, so habe ich nachgeahmt.«
»Gewiß, Sire, das Mittel ist ganz vortrefflich, obgleich gefährlich für einen jungen Menschen.«
Der König schaute den Herzog de la Bauguyon mit dem Lächeln an, das man cynisch genannt hätte, wenn es nicht über den geistreichsten Mund der Welt geschwebt wäre.
»Lassen wir die Gefahr für heute,« sagte er, »und kommen wir auf das zurück, was Ihnen noch zu thun übrig bleibt.«
»Ah!«
»Wissen Sie es?«
»Nein, Sire, und Eure Majestät würde mich glücklich machen, wenn sie es mir mittheilen wollte.«
»Nun wohl, so hören Sie: Sie suchen den Herrn Dauphin auf, der die letzten Complimente der Männer empfängt, während die Frau Dauphine die letzten der Frauen entgegennimmt.«
»Ja, Sire.«
»Sie versehen sich mit einem Handleuchter und nehmen den Herrn Dauphin bei Seite.«
»Ja, Sire.«
»Sie bedeuten Ihrem Zögling (der König sprach diese Worte mit einem besondern Nachdruck), Sie bedeuten Ihrem Zögling, sein Zimmer liege am Ende des neuen Corridors.«
»Zu dem Niemand den Schlüssel hat, Sire.«
»Weil ich ihn behalten habe, mein Herr; ich sah vorher, was heute geschieht, hier ist dieser Schlüssel.« Herr de la Bauguyon nahm ihn zitternd. Der König fuhr fort:
»Ihnen will ich wohl sagen, Herr Herzog, daß diese Gallerie ungefähr zwanzig Gemälde enthält, welche ich dahin habe bringen lassen.«
»Ah! Sire, ja, ja.«
»Ja, Herr Herzog, Sie umarmen Ihren Zögling, Sie öffnen ihm die Thüre des Corridors, Sie geben ihm den Leuchter in die Hand, Sie wünschen ihm eine gute Nacht und sagen ihm, er möge zwanzig Minuten brauchen, um die Thüre seines Zimmers zu erreichen; eine Minute für jedes Gemälde.«
»Ah! Sire, ich begreife.«
»Das ist ein Glück, gute Nacht, Herr de la Bauguyon.«
»Eure Majestät hat die Gnade, mich zu entschuldigen.«
»Nicht ganz, denn ohne mich hätten Sie schöne Dinge in meiner Familie gemacht.«
Die Thüre schloß sich hinter dem Herrn Hofmeister.
Der König bediente sich seiner besondern Glocke.
Lebel erschien.
»Meinen Kaffee,« sagte der König. »Ah! Lebel . . .«
»Sire.«
»Wenn Sie mir meinen Kaffee gegeben haben, gehen Sie Herrn de la Bauguyon nach, welcher mich eben verläßt, um dem Herrn Dauphin seine Huldigung darzubringen.«
»Ich gehe, Sire.«
»Warten Sie doch, damit ich Ihnen sage, warum Sie gehen sollen.«
»Es ist wahr, Sire; doch mein Eifer, Seiner Majestät zu gehorchen, ist so groß . . .«
»Sehr gut. Sie werden also Herrn de la Bauguyon folgen.«
»Er ist so angegriffen, so betrübt, daß ich seine Rührung für den Herrn Dauphin befürchte.«
»Und was soll ich thun, Sire, wenn er gerührt wird?«
»Nichts; Sie kommen nur und sagen es mir.«
Lebel stellte den Kaffee neben den König, der ihn langsam zu schlürfen anfing.
Dann verließ der historische Kammerdiener das Zimmer.
Eine Viertelstunde nachher erschien er wieder.
»Nun, Lebel?« fragte der König.
»Sire, Herr de la Bauguyon ging, Monseigneur am Arme haltend, bis in den neuen Corridor.«
»Gut, hernach?«
»Er kam mir nicht sehr gerührt vor, sondern machte im Gegentheil ganz begehrliche kleine Augen.« »Gut, hernach?«
»Er zog einen Schlüssel aus der Tasche und reichte ihn dem Herrn Dauphin, der die Thüre öffnete und den Fuß in den Corridor setzte.«
»Hernach?«
»Hernach gab der Herr Herzog seinen Leuchter Monseigneur in die Hand und sagte ganz leise zu ihm, doch nicht so leise, daß ich es nicht hätte hören können:
‚Monseigneur, das Hochzeitgemach ist am Ende dieser Gallerie, zu der ich Ihnen den Schlüssel zu übergeben habe. Der König wünscht, daß Sie zwanzig Minuten brauchen, um zu jenem Gemach zu gelangen.’
‚Wie?’ versetzte der Prinz, ‚zwanzig Minuten; man braucht kaum zwanzig Secunden.’
‚Monseigneur,’ antwortete Herr de la Bauguyon, ‚hier erlischt meine Vollmacht, ich habe Ihnen keine Lectionen, sondern nur noch einen letzten Rath zu geben: schauen Sie die Wände rechts und links in dieser Gallerie wohl an, und ich stehe Eurer Hoheit dafür, daß sie den Zeitraum dieser zwanzig Minuten anwenden wird.’ «
»Nicht schlecht.«
»Hierauf machte Herr de la Bauguyon eine tiefe Verbeugung, stets begleitet von sehr glühenden Blicken, welche in den Corridor dringen zu wollen schienen; dann verließ er Monseigneur an der Thüre.«
»Und Monseigneur trat wohl ein?«
»Sire, sehen Sie das Licht in der Gallerie; seit wenigstens einer Viertelstunde spaziert es auf und ab.«
»Ah! ah! es verschwindet,« sprach der König, nachdem er einige Augenblicke nach den Scheiben geschaut hatte. »Mir gab man auch zwanzig Minuten, doch ich erinnere mich, nach fünf war ich bei meiner Frau. Ah! sollte man nicht vom Herrn Dauphin glauben, was man vom zweiten Racine sagte: ‚Es ist der kleine Sohn eines großen Vaters.’ «
LXV.
Die Hochzeitnacht des Herrn Dauphin
Der Dauphin öffnete die Thüre des Hochzeitgemaches, oder vielmehr des Vorzimmers, das vor demselben kam.
Die Erzherzogin erwartete ihn in einem langen, weißen Nachtgewande in dem vergoldeten Bette, das kaum durch das so leichte Gewicht ihres zarten, schwächlichen Körpers gesenkt wurde: und, seltsamer Weise, wenn man auf ihrer Stirne, durch die Wolke der Traurigkeit, die sie bedeckte, hätte lesen können, so würde man, statt der süßen Erwartung der Braut, die Angst des jungen Mädchens erkannt haben, das von einer von jenen Gefahren bedroht war, welche die nervigen Naturen in Vorgefühlen sehen und zuweilen mit mehr Muth ertragen, als sie dieselben vorhergefühlt haben.

Neben dem Bette saß Frau von Noailles.
Die Damen standen im Hintergrund, aufmerksam auf die Ehrendame, die ihnen den Rückzug befehlen würde.
Den Gesetzen der Etiquette getreu, erwartete diese unempfindlich die Ankunft des Herrn Dauphin.
Doch es geschah, als ob diesmal alle Gesetze der Etiquette und des Ceremoniels der Böswilligkeit der Umstände hätten weichen müssen, daß die Personen, welche den Herrn Dauphin in das Hochzeitgemach einzuführen hatten, weil sie nicht wußten, daß Seine Hoheit nach den Anordnungen von König Ludwig XV. durch den neuen Corridor kommen sollte, in einem andern Vorzimmer warteten.
Das Vorzimmer, wo der Herr Dauphin eingetreten, war leer, und da die Thüre, welche in das Schlafgemach ging, ein wenig offen stand, so konnte der Herr Dauphin sehen und hören, was sich in diesem Zimmer begab.
Er wartete, schaute heimlich und horchte verstohlen.
Die Stimme der Frau Dauphine erhob sich rein und harmonisch, obgleich ein wenig zitternd, und fragte:
»Wo wird der Herr Dauphin eintreten?«
»Durch diese Thüre, Madame,« antwortete die Herzogin von Noailles. Und sie bezeichnete die Thüre der gegenüber, wo sich der Herr Dauphin befand.
»Und was hört man durch jenes Fenster?« fügte die Dauphine bei; »man sollte glauben, es wäre das Rauschen des Meeres.«
»Es ist das Geräusch der zahllosen Zuschauer, welche beim Schimmer der Beleuchtung spazieren gehen und das Feuerwerk erwarten.«
»Beleuchtung?« versetzte die Dauphine mit einem traurigen Lächeln; »sie war diesen Abend nicht überflüßig, denn der Himmel ist sehr finster; haben Sie gesehen, Madame?«
In diesem Augenblick machte der Dauphin, des Wartens müde, sachte die Thüre auf, streckte seinen Kopf durch die Oeffnung und fragte, ob er eintreten könnte.
Frau von Noailles stieß einen Schrei aus, denn sie erkannte den Prinzen Anfangs nicht.
Durch die Gemüthsbewegungen, welche sie nach einander erfahren hatte, in jenen Nervenzustand versetzt, wo uns Alles erschreckt, faßte die Frau Dauphine Frau von Noailles beim Arm.
»Ich bin es, Madame,« sagte der Dauphin, »fürchten Sie sich nicht.«
»Aber warum durch diese Thüre?« fragte Frau von Noailles.
»Weil,« antwortete König Ludwig XV., der seinen cynischen Kopf ebenfalls durch die halbgeöffnete Thüre streckte, »weil Herr von Bauguyon, als wahrer Jesuit, sehr gut das Lateinische, die Mathematik und die Geographie versteht und nichts Anderes.«
In Gegenwart des Königs, der so unerwartet erschien, glitt die Frau Dauphine von ihrem Bette herab und stand nun aufrecht und in ihr großes Nachtgewand gehüllt, das sie von den Fußspitzen bis zum Hals so hermetisch verbarg, als die Stola eine römische Dame.
»Man sieht wohl, daß sie mager ist,« murmelte Ludwig XV. »Zum Teufel mit Herrn von Choiseul, der mir unter allen Erzherzoginnen gerade diese da wählt.«
»Eure Majestät mag bemerken,« sagte Frau von Noailles, »daß, was mich betrifft, die Etiquette streng beobachtet worden ist; nur von Seiten von Monseigneur dem Dauphin . . .«
»Ich nehme den Einbruch auf meine Rechnung,« versetzte Ludwig XV., »und das ist nur zu billig, insofern ich ihn habe begehen lassen. Doch da der Umstand, der dazu Anlaß gegeben, sehr ernster Natur ist, so hoffe ich, daß Sie mir vergeben werden.«
»Ich weiß nicht, was Eure Majestät damit sagen will.«
»Wir werden mit einander gehen, Herzogin, und ich erzähle Ihnen das. Nun sehen wir, wie diese Kinder sich niederlegen.«
Die Frau Dauphine entfernte sich einen Schritt vom Bett und faßte Frau von Noailles vielleicht noch mit mehr Schrecken als das erste Mal beim Arm.
»Oh! ich bitte, Madame,« sagte sie, »ich würde vor Scham sterben.«
»Sire,« sprach Frau von Noailles, »die Frau Dauphine bittet Eure Majestät, sie wie eine einfache Bürgerin zu Bette gehen zu lassen.«
»Teufel! Teufel! Sie fordern das, Frau Etiquette?«
»Sire, ich weiß wohl, daß es den Gesetzen des Ceremoniels von Frankreich entgegen ist; doch schauen Sie die Erzherzogin an.«
Marie Antoinette stand bleich an einem Stuhle, stützte sich mit ihrem starren Arme auf die Lehne und hätte einer Bildsäule des Schreckens geglichen, würde man nicht das leichte Klappern ihrer Zähne gehört haben, das den von ihrem Antlitz fließenden kalten Schweiß begleitete.
»Oh! ich will der Dauphine in diesem Punkte nicht widerstreben,« sagte Ludwig XV., der das Ceremoniel ebenso sehr haßte, als Ludwig XIV. ein glühender Anhänger desselben gewesen war. »Ziehen wir uns zurück, Herzogin. Ueberdies gibt es Schlösser an den Thüren, und das wird noch drolliger sein.«
Der Dauphin hörte diese letzten Worte seines Großvaters und erröthete.
Die Dauphine hörte ebenfalls, begriff aber nicht.
Ludwig XV. umarmte seine Söhnerin und ging hinaus, indem er die Herzogin von Noailles mit sich nahm und in jenes spöttische Gelächter ausbrach, das so traurig für diejenigen ist, welche die Heiterkeit des Lachenden nicht theilen.
Die übrigen Anwesenden entfernten sich durch die andere Thüre.
Die jungen Leute fanden sich allein.
Es trat ein kurzes Stillschweigen ein.
Endlich näherte sich der junge Prinz Marie Antoinette: sein Herz schlug gewaltig; er fühlte, wie der Brust, den Schläfen, den Arterien der Hände das empörte Blut der Jugend und der Liebe zuströmte.
Doch er fühlte auch seinen Großvater hinter der Thüre, und dieser cynische Blick, der bis in den hochzeitlichen Alkoven drang, vereiste abermals den seiner Natur nach sehr schüchternen und linkischen Dauphin.
»Madame,« sagte er, die Erzherzogin anschauend, »sollten Sie leiden? Sie sind sehr bleich, und es ist, als ob Sie zitterten.«
»Mein Herr,« antwortete sie, »ich verberge Ihnen nicht, daß ich eine seltsame Erschütterung empfinde; es muß ein schrecklicher Sturm am Himmel sein: der Sturm hat einen furchtbaren Einfluß auf mich.«
»Ah! Sie glauben, wir seien von einem Orkan bedroht?« sagte der Dauphin.
»Oh! ich bin dessen gewiß; sehen Sie, mein ganzer Körper zittert.«
Der Körper der armen Prinzessin schien wirklich unter elektrischen Schlägen zu beben.
In diesem Augenblick, als sollten ihre Vorhersehungen gerechtfertigt werden, erfüllte ein wüthender Windstoß, einer von jenen mächtigen Hauchen, welche die eine Hälfte der Meere auf die andere schleudern und verheerend über die Gebirge hinfahren, dem ersten Schrei des heranrückenden Sturmes ähnlich, das Schloß mit Lärmen, mit heftigem Gekrache und tiefer Bangigkeit.
Die den Zweigen entrissenen Blätter, die den Bäumen entrissenen Zweige, die von ihren Vasen geschleuderten Statuen, ein langes, unermeßliches Geschrei von hundert tausend in den Gärten zerstreuten Zuschauern, ein finsteres, durch die Gänge und Gallerien des Schlosses hinlaufendes Tosen und Brüllen bildeten in diesem Augenblick die wildeste und traurigste Harmonie, welche je an menschliche Ohren vibrirt hatte.
Auf das Brüllen und Tosen folgte ein klägliches Geklirre; dies kam von den Scherben, welche in tausend Stücke zerbrochen auf den Marmor der Treppen und der Karnieße fielen und dabei den gestoßenen, nervigen Ton von sich schleuderten, der ächzend durch den Raum hinfliegt.
Der Wind hatte mit demselben Stoße von dem Riegel einen von den schlecht verschlossenen Sommerläden gerissen, der an die Mauer geschlagen, wie der riesige Flegel eines Nachtvogels.
Ueberall, wo die Fenster im Schlosse offen standen, erloschen die Lichter, vernichtet durch diesen Windstoß, Der Dauphin näherte sich dem Fenster, ohne Zweifel, um den Laden wieder zu schließen, doch die Dauphine hielt ihn zurück.
»Oh! mein Herr, ich bitte,« sagte sie, »öffnen Sie dieses Fenster nicht, unsere Kerzen würden erlöschen und ich würde vor Angst sterben.«
Der Dauphin blieb stehen.
Man sah durch den Vorhang, den er zurückgezogen, die düsteren Gipfel der Bäume des Parkes, bewegt und gedreht, als ob der Arm eines unsichtbaren Riesen ihre Stämme inmitten der Finsterniß geschüttelt hätte.
Alle Beleuchtungen erloschen.
Da erblickte man am Himmel Legionen dicker, schwarzer Wolken, welche sich wirbelnd hinrollten, wie zum Angriff vorspringende Schwadronen.
Der Dauphin stand bleich am Fenster und stützte eine Hand auf den Riegel. Die Dauphine fiel einen Seufzer ausstoßend auf einen Stuhl zurück.
»Sie haben sehr bange, Madame?« fragte der Dauphin.
»Oh! ja, doch Ihre Gegenwart beruhigt mich. Oh! was für ein Sturm! was für ein Sturm, mein Herr! Alle Beleuchtung ist ausgelöscht.«
»Ja,« sagte Ludwig, »der Wind weht von Süd-Süd-West und das ist derjenige, welcher die heftigsten Orkane verkündigt. Wenn er so fortfährt, weiß ich nicht, wie man es machen wird, um das Feuerwerk abzubrennen.«
»Oh! mein Herr, für wen sollte man es abbrennen? Niemand wird bei einem solchen Wetter in den Gärten bleiben.«
»Ah! Madame, Sie kennen die Franzosen nicht, sie müssen ihr Feuerwerk haben; dieses wird herrlich sein; der Plan ist mir vom Ingenieur mitgetheilt worden. Ei! sehen Sie, ich täuschte mich nicht: sehen Sie die ersten Raketen.«
In der That, glänzend wie lange Feuerschlangen schossen die Verkündigungsraketen zum Himmel auf; doch zu gleicher Zeit, als hätte der Sturm diese brennenden Strahlen für einen Trotz gehalten, zuckte ein einziger Blitz, der jedoch den Himmel zu spalten schien, zwischen den Kunststücken durch und vermischte sein bläuliches Feuer mit dem rothen Feuer der Raketen.
»Wahrlich,« sprach die Erzherzogin, »es ist eine Ruchlosigkeit von den Menschen, so mit Gott zu kämpfen.«
Die Verkündigungsraketen waren dem allgemeinen Entzünden des Kunstfeuerwerks nur einige Sekunden vorhergegangen; der Ingenieur fühlte, daß er sich beeilen mußte, und legte das Feuer an die ersten Stücke, welche ein ungeheures Freudengeschrei begrüßte.
Doch der Sturm, als fände wirklich ein Kampf zwischen der Erde und dem Himmel statt, als beginge der Mensch, wie es die Erzherzogin gesagt hatte, eine Ruchlosigkeit gegen Gott, der erzürnte Sturm bedeckte mit seinem furchtbaren Brausen das Volksgeschrei, alle Katarakte des Himmels öffneten sich zu gleicher Zeit und ungeheure Regenströme stürzten von der Höhe der Wolken herab.
Der Wind hatte die Beleuchtung ausgelöscht, der Regen löschte das Feuerwerk aus.
»Ah! welch ein Unglück!« sagte der Dauphin, »das Feuerwerk ist gescheitert.«
»Ei, mein Herr,« versetzte traurig Marie Antoinette, »schlug nicht Alles fehl seit meiner Ankunft in Frankreich?«
»Wie so, Madame?«
»Haben Sie Versailles gesehen?«
»Allerdings, Madame. Gefällt Ihnen Versailles nicht?«
»Oh! doch, Versailles würde mir gefallen, wenn es heute wäre, wie es Ihr erhabener Ahnherr Ludwig XIV. hinterlassen hat. Doch in welchem Zustande haben wir Versailles gefunden? Ueberall Trauer, Ruine. Oh! ja, ja, der Sturm setzt sich wohl in Einklang mit dem Feste, das man mir bereitet. Ist es nicht passend, daß ein Orkan kommt, um unserem Volke das Elend unseres Palastes zu verbergen? Wird die Nacht nicht günstig und willkommen sein, welche diese Alleen voll Gras, diese Gruppen schlammiger Tritonen, diese Bassins ohne Wasser und diese verstümmelten Statuen verbirgt? Oh! ja, ja, wehe Südwind; brülle Sturm; häuft euch auf, ihr dicken Wolken; verbergt vor aller Augen den seltsamen Empfang, den Frankreich einer Tochter der Cäsaren an dem Tage bereitet, wo sie ihre Hand in die Hand seines zukünftigen Königs legt!«
Sichtbar verlegen, denn er wußte nicht, wie er diese Vorwürfe und besonders diese seinem Charakter so ferne exaltirte Schwermuth erwidern sollte, stieß der Dauphin ebenfalls einen langen Seufzer aus.
»Ich mache Ihnen Kummer,« sagte Marie Antoinette, »doch glauben Sie nicht, daß der Stolz aus mir spricht; oh! nein, nein, dem ist nicht so. Warum hat man mir nicht dieses so lachende, so schattige, so blühende Trianon allein gezeigt, dessen Gebüsche leider der Sturm mitleidlos entblättert, dessen Wasser er trübt? ich hätte mich mit dem reizenden Neste begnügt; doch diese Trümmer erschrecken mich, sie widerstreben meiner Jugend, und dennoch wie viele Trümmer wird dieser gräßliche Orkan noch machen!«
Ein neuer Windstoß, noch furchtbarer als der erste, erschütterte den Palast. Die Prinzessin stand erschrocken auf.
»O mein Gott! sagen Sie mir, ob uns keine Gefahr droht, sagen Sie es mir, ich sterbe vor Angst!«
»Es ist keine Gefahr, vorhanden, Madame. Terrassenförmig gebaut, kann Versailles den Blitz nicht anziehen. Wenn er fiele, würde er wahrscheinlich auf die Kapelle fallen, die ein spitziges Dach hat, oder auf das kleine Schloß, das hervorragende Stellen bietet. Sie wissen, daß die Spitzen das elektrische Fluidum anziehen und daß die platten Körper im Gegentheil dasselbe zurückstoßen.«
»Nein!« rief Marie Antoinette, »ich weißes nicht, ich weiß es nicht.«
Ludwig nahm die Hand der Erzherzogin, eine eisige, zitternde Hand.
In diesem Augenblick überströmte ein bleicher Blitz das Gemach mit seinem grünlichen mit Violet durchmischten Scheine. Marie Antoinette stieß einen Schrei aus und drängte den Dauphin zurück.
»Aber, Madame, was gibt es denn?« fragte er.
»Oh!« sagte sie, »Sie kamen mir bei dem Schimmer dieses Blitzes bleich, entstellt, blutig vor. Ich glaubte ein Gespenst zu sehen.«
»Das war der Wiederschein des Schwefelfeuers, und ich kann Ihnen erklären . . .«
Ein furchtbarer Donnerschlag, dessen Echos sich stöhnend verlängerten, bis sie, auf dem Höhenpunkte angelangt, sich in der Ferne zu verlieren anfingen, ein furchtbarer Donnerschlag schnitt die wissenschaftliche Erläuterung, welche der junge Mann phlegmatisch seiner königlichen Gemahlin geben wollte, kurz ab.
»Auf, Madame,« sagte er nach kurzem Stillschweigen, »Muth gefaßt, ich bitte Sie; überlassen wir diese Angst dem großen Haufen: die physische Bewegung ist eine von den Bedingungen der Natur. Wir dürfen nicht mehr darüber erstaunen, als über die Ruhe, nur folgen sich die Ruhe und die Bewegung; die Ruhe wird durch die Bewegung gestört, die Bewegung wird durch die Ruhe wieder abgekühlt. Im Ganzen ist das nur ein Sturm, Madame, und ein Sturm ist eine von den allernatürlichsten und häufigsten Erscheinungen der Schöpfung. Ich weiß also nicht, warum man darüber erschrecken sollte.«
