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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 48

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»Oh! vereinzelt würde er mich vielleicht auch nicht erschrecken; doch dieser Sturm an unserem Hochzeittage, erscheint er Ihnen nicht auch als ein furchtbares Vorzeichen in Verbindung mit denen, welche mich seit meinem Eintritt in Frankreich verfolgen?«

»Was sagen Sie, Madame,« rief der Dauphin unwillkührlich von einem abergläubischen Schrecken ergriffen, »Vorzeichen, sagen Sie?«

»Ja, ja, gräßliche, blutige!«

»Theilen Sie mir diese Vorzeichen mit, Madame; man gesteht mir im Allgemeinen einen vernünftigen, kalten Geist zu; vielleicht habe ich das Glück, die Vorzeichen, welche Sie erschrecken, zu bekämpfen und niederzuschlagen.«

»Mein Herr, die erste Nacht in Frankreich brachte ich in Straßburg zu; man quartierte mich in einem großen Zimmer ein und zündete Kerzen an, weil es finster geworden war; als man diese Kerzen angezündet hatte, zeigte mir ihr Schimmer eine von Blut triefende Wand. Ich hatte jedoch den Muth, mich der Wand zu nähern und diese rothen Tinten aufmerksamer zu betrachten. Die Mauer war mit einer Tapete überzogen, welche die Niedermetzelung der unschuldigen Kinder darstellte. Die Verzweiflung mit den trostlosen Blicken, der Mord mit flammenden Augen, der Blitz des Beiles oder des Schwertes, Thränen, Geschrei der Mütter, Seufzer des Todeskampfes schienen überall und durch einander aus diesen prophetischen Wänden hervorzubrechen, welche, je mehr ich sie anschaute, mir immer lebendiger vorkamen. Oh! vom Schrecken in Eis verwandelt, konnte ich nicht schlafen  . . . Und sagen Sie, sprechen Sie, war das nicht ein trauriges Vorzeichen?«

»Für eine Frau des Alterthums vielleicht, Madame, doch nicht für eine Prinzessin unseres Jahrhunderts.«

»Mein Herr, dieses Jahrhundert ist schwer an Unglück, meine Mutter hat es mir gesagt, wie der Himmel, der sich über unsern Häuptern entflammt, schwer ist an Schwefel, Feuer und Verheerung. Oh! darum habe ich so bange, darum erscheint mir jedes Vorzeichen als eine Verkündigung.«

»Madame, keine Gefahr kann den Thron bedrohen, den wir besteigen; wir Könige leben in einer Region oberhalb der Stürme, der Blitz ist zu unseren Füßen, und wenn er auf die Erde fällt, so sind wir es, die ihn schlendern.«

»Ach! ach! das ist es nicht, was man mir geweissagt hat, mein Herr.«

»Und was hat man Ihnen geweissagt?«

»Etwas Furchtbares, Gräßliches.«

»Man hat Ihnen prophezeit?«

»Oder vielmehr mich sehen lassen.«

»Sehen!«

»Ja, ich habe gesehen, gesehen, sage ich Ihnen, und dieses Bild ist in meinem Geiste geblieben, so tief geblieben, daß es keinen Tag gibt, an welchem ich nicht schaure, wenn ich daran denke, keine Nacht, wo ich es nicht im Traume wiedersehe.«

»Können Sie mir nicht sagen, was Sie gesehen? Hat man Stillschweigen von Ihnen gefordert?«

»Nichts hat man von mir gefordert?«

»So sprechen Sie, Madame.«

»Hören Sie, es läßt sich unmöglich beschreiben: es war eine Maschine über der Erde errichtet wie ein Schaffot, doch an diesem Schaffot waren zwei Pfosten wie die einer Leiter angebracht, und zwischen diesen zwei Pfosten glitt ein Messer, ein Hackmesser, ein Beil. Ich sah dies und sah seltsamer Weise auch meinen Kopf unter diesem Messer. Das Messer fiel zwischen den zwei Pfosten herab und trennte von meinem Leibe den Kopf, der auf die Erde rollte. Dies habe ich gesehen, mein Herr, dies habe ich gesehen.«

»Ein reines Traumgebilde, Madame,« sprach der Dauphin, »ich kenne beinahe alle Werkzeuge, mit denen man den Tod gibt, doch dieses ist nicht vorhanden, beruhigen Sie sich also.«

»Ach!« erwiederte Marie Antoinette, »ich kann den abscheulichen Gedanken nicht vertreiben, und ich thue doch Alles, was ich vermag.«

»Es wird Ihnen gelingen, Madame,« versetzte der Dauphin, indem er sich seiner Gemahlin näherte; »von diesem Augenblick an steht an Ihrer Seite ein liebevoller Freund, ein beständiger Beschützer.«

»Ach! ach!« wiederholte Marie Antoinette, schloß die Augen und sank auf ihren Stuhl zurück.

Der Dauphin näherte sich abermals der Prinzessin und sie konnte der Hauch ihres Gemahls ihre Wange bestreifen fühlen.

In diesem Augenblick öffnete sich sachte die Thüre, durch welche der Dauphin eingetreten war, und ein neugieriger Blick, der Blick von König Ludwig XV. durchdrang den Halbschatten des weiten Gemaches, das nur zwei Kerzen, in Wellen über dem Vermeilleuchter hinfließend, erhellten.

Der alte König öffnete den Mund, ohne Zweifel, um seinem Enkel eine Ermuthigung zuzuflüstern, als ein unbeschreibliches Krachen im Palaste erscholl, diesmal begleitet von dem Blitze, der sonst immer dem Donner vorhergegangen war; zu gleicher Zeit stürzte sich eine Säule von weißer, grün gesprenkelter Flamme vor das Fenster, machte alle Scheiben zerspringen, und zerschmetterte eine unter dem Balcon liegende Statue; dann stieg sie nach einem furchtbaren Zucken zum Himmel auf und verschwand wie ein Meteor.

Die zwei Kerzen erloschen von dem Windstoße umhüllt, der in das Zimmer drang. Erschrocken, wankend, geblendet, wich der Dauphin bis an die Wand zurück, an der er angelehnt blieb.

Die Dauphine sank halb ohnmächtig auf die Stufen ihres Betpultes und blieb hier in der tödtlichsten Erstarrung begraben.

Zitternd glaubte Ludwig XV., die Erde wolle einen Abgrund unter ihm öffnen, und kehrte, gefolgt von Lebel, in seine öden Gemächer zurück.

Während dieser Zeit entfloh in der Ferne, wie eine Schaar erschrockener Vögel, das Volk von Versailles und Paris zerstreut durch die Gärten, auf den Landstraßen und durch das Gehölze, verfolgt in allen Richtungen von einem dichten Hagel, der die Blumen im Garten, das Blätterwerk im Walde, den Weizen auf den Feldern in Stücke zerschlug. Der Schiefer und die zarten Sculpturen an den Gebäuden wurden dem Werke der Verwüstung beigefügt.

Ihre Stirne in ihren Händen, betete die Dauphine schluchzend.

Der Dauphin schaute mit einem düsteren, unempfindlichen Gesichte das Wasser an, das durch die zerbrochenen Scheiben in das Zimmer rieselte und auf dem Boden in bläulichen Lachen die Blitze wiederstrahlte, welche mehrere Stunden lang ohne Unterlaß zuckten.

Dieses ganze Chaos entwirrte sich indessen am Morgen; auf kupferfarbigen Wolken hingleitend, enthüllten die ersten Strahlen des Tages die Verheerungen des nächtlichen Orkans vor den Augen.

Versailles war nicht mehr zu erkennen.

Die Erde hatte die Wasserfluth verschlungen; die Bäume hatten die Feuerfluth aufgezehrt; überall Koth und gekrümmte, zerbrochene, durch die Schlange mit dem brennenden Drucke, die man den Blitz nennt, versengte Stämme.

Ludwig XV., der nicht geschlafen hatte, so groß war sein Schrecken gewesen, ließ sich beim Frühroth von Lebel, welcher ihn nicht verlassen, ankleiden und kehrte durch dieselbe Gallerie zurück, wo beschämt bei dem blassen Schimmer des jungen Tages die uns bekannten Gemälde Grimassen schnitten, Gemälde, welche gemacht worden waren, um von Blumen, Kristallen und entflammten Candelabern umrahmt zu werden.

Zum dritten Male seit dem vorhergehenden Tage, öffnete Ludwig XV. die Thüre des Hochzeitgemaches und schauerte, als er auf dem Betpulte zurückgeworfen, bleich, mit Augen so geröthet wie die der erhabenen Madonna von Rubens die zukünftige Königin von Frankreich erblickte deren Schmerzen der Schlaf endlich unterbrochen hatte, und deren weißem Gewand die Morgendämmerung mit religiöser Ehrfurcht eine Azurtinte verlieh.

Im Hintergrunde des Zimmers auf einem Stuhle, der an der Wand lehnte, ruhte, die Füße mit den seidenen Schuhen in eine Wasserlache ausgestreckt, der Dauphin von Frankreich, eben so bleich als seine Gemahlin und wie diese den Schweiß des Alps auf der Stirne.

Das Hochzeitbett war wie es der König am Abend zuvor gesehen hatte.

Ludwig XV. runzelte die Stirne, ein Schmerz, den er nie zuvor empfunden, durchzuckte diese von der Selbstsucht vereiste Stirne.

Er schüttelte den Kopf, stieß einen Seufzer ans und kehrte in seine Gemächer zurück, düsterer und erschrockener vielleicht zu dieser Stunde, als er es in der Nacht gewesen war!

LXVI.
Die Feste der Place Louis XV

An dem darauf folgenden 30sten Mai, nämlich zwei Tage nach der furchtbaren Nacht, nach einer Nacht voll von Vorzeichen und Verkündigungen, wie Marie Antoinette gesagt hatte, feierte Paris ebenfalls das Hochzeitfest seines zukünftigen Königs; die ganze Bevölkerung wandte sich nach der Place Louis XV., wo das Feuerwerk abgebrannt werden sollte, diese Vervollständigung jedes großen öffentlichen Festes, die der Pariser schäkernd hinnimmt, während er derselben nicht entbehren kann.

Der Platz war gut gewählt, sechsmal hundert tausend Zuschauer konnten hier nach Belieben kreisen. Um die Reiterstatue von Ludwig XV. hatte man kreisförmig Gerüste errichtet, so daß der Anblick des Feuers allen Zuschauern des Platzes gestattet war, indem man dieses Feuer zehn bis zwölf Fuß über der Erde erhob.

Die Pariser kamen ihrer Gewohnheit gemäß gruppenweise und suchten lange die besten Stellungen, ein unangreifbares Vorrecht der Zuerstgekommenen. Die Kinder fanden Bäume, die ernsten Männer Weichsteine, die Frauen die Geländer der Gräben und die in freier Luft von zigeunerartigen Speculanten errichteten beweglichen Gerüste, wie man sie bei allen Pariser Festen findet, da eine reiche Einbildungskraft jeden Tag die Speculation zu verändern gestattet.

Gegen sieben Uhr sah man mit den ersten Neugierigen einige Abteilungen von Bogenschützen anlangen.

Der Beaufsichtigungsdienst geschah nicht durch die französischen Garden, denen das Bureau der Stadt das von dem Marschall Obersten Herzog von Biron verlangte Geschenk von tausend Thalern nicht bewilligen wollte.

Dieses Regiment war zugleich gefürchtet und beliebt bei der Bevölkerung, bei der jedes Glied dieses Corps für einen Cäsar und für einen Mandrin galt. Furchtbar auf dem Schlachtfelde, unerbittlich in Erfüllung ihrer Functionen, hatten die französischen Garden in Friedenszeiten und außer dem Dienst einen schrecklichen Banditenruf; in Uniform waren sie schön, muthig, unnahbar, und ihre Evolutionen gefielen den Frauen und machten Eindruck auf die Männer. Aber frei vom Dienst, als einfache Privatleute unter der Menge zerstreut, wurden sie der Schrecken von denjenigen, deren Bewunderung sie am Tage zuvor erregt, und verfolgten diejenigen, welche sie am andern Tage beschützen sollten.

Da aber nun die Stadt in ihrem alten Grolle gegen diese Nachtschwärmer, gegen diese Stammgäste der Spielhäuser einen Grund fand, den französischen Garden die tausend Thaler nicht zu geben, so schickte sie nur ihre eigenen bürgerlichen Bogenschützen unter dem scheinbaren Vorwande jedoch, daß bei einem Familienfeste, wie das, welches sich eben vorbereitete, der gewöhnliche Wächter genügen müßte.

Man sah nun die beurlaubten französischen Garden sich unter die von uns angeführten Gruppen mischen und in ihrer Eigenschaft als Schildbürger alle die kleinen Unordnungen veranlassen, die sie mit dem Kolben, mit den Füßen und dem Ellenbogen, ja sogar mit der Verhaftung unterdrückt haben würden, wenn ihr Anführer, ihr Cäsar Biron, das Recht gehabt hätte, sie an diesem Abend Soldaten zu nennen.

Das Geschrei der Frauen, das Murren der Bürger, die Klagen der Handelsleute, deren kleines Backwerk und Lebkuchen man gratis verspeiste, bereiteten einen falschen Tumult vor dem wahren Tumult, der natürlich statt haben mußte, wenn sechsmal hundert tausend Neugierige auf diesem Platze versammelt waren, und sie belebten die Scene so, daß gegen acht Uhr Abends auf der Place Louis XV. die Darstellung eines großen Gemäldes von Teniers mit französischen Grimassen zu erwarten war.

Nachdem die Pariser Straßenjungen, zugleich die eifrigsten und die trägsten der bekannten Welt, sich aufgestellt oder aufgehißt hatten, nachdem die Bürger und das Volk Posto gefaßt, kamen die Wagen des Adels und der Finanzen.’

Es war kein Weg vorgeschrieben worden, sie mündeten also ohne Ordnung durch die Rues de la Madeleine und Saint Honoré aus und brachten nach den neuen Gebäuden diejenigen, welche Einladungen für die Fenster und Balcons des Gouverneur erhalten hatten, von wo aus man das Feuerwerk vortrefflich sehen mußte.

Diejenigen Leute mit Wagen, welche keine Einladungen erhalten hatten, ließen ihre Carrossen an der Wendung des Platzes und mischten sich zu Fuß, ihre Bedienten voran, in die bereits geschlossene Menge, welche jedoch stets Jedem, der ihn zu erobern weiß, Platz läßt.

Es war seltsam anzuschauen, mit welcher Scharfsichtigkeit diese Neugierigen in der Nacht ihren Marsch durch jede Ungleichheit des Bodens zu unterstützen wußten. Die sehr breite, aber noch nicht vollendete Straße, welche Rue Royale genannt werden sollte, war da und dort von tiefen Gräben durchschnitten, an deren Rand man Schutt und Graberde aufgehäuft hatte. Jede von diesen kleinen Erhabenheiten hatte ihre Gruppe, ähnlich einer höheren Welle inmitten dieses menschlichen Meeres.

Von Zeit zu Zeit stürzte die Welle, durch die anderen Wogen gestoßen, unter dem Gelächter der Menge nieder, welche sich noch nicht so sehr zusammendrängte, daß Gefahr bei solchen Stürzen gewesen wäre, und daß nicht diejenigen, welche gefallen waren, sich hätten wieder erheben können.

Gegen neun Uhr fingen alle bis dahin divergirende Blicke an, dieselbe Richtung zu nehmen, und hefteten sich nach dem Gerüste des Feuerwerks. Nun begannen die beständig spielenden Ellenbogen alles Ernstes die Unantastbarkeit des Terrainbesitzes gegen die unabläßig sich wiederholenden Angriffe zu behaupten.

Dieses Kunstfeuerwerk, eine Erfindung von Ruggieri, war bestimmt, mit dem in Versailles von dem Ingenieur Torré ausgeführten Feuerwerk zu rivalisiren, eine Rivalität, die der Sturm an jenem Abend leicht gemacht hatte. Man wußte in Paris, daß man in Versailles wenig Nutzen von der königlichen Freigebigkeit, welche fünfzig tausend Franken für dieses Feuerwerk bewilligt, gehabt hatte, da der Regen bei den ersten Raketen das Feuer ausgelöscht, und da das Wetter am Abend des 31sten Mai schön war, so genoßen die Pariser zum Voraus den ihnen gesicherten Triumph über ihre Nachbarn, die Versailler.

Ueberdies erwartete Paris viel mehr von der alten Popularität von Ruggieri als von dem neuen Rufe von Torré.

Weniger launenhaft und unbestimmt, als der seines Collegen, verhieß der Plan von Ruggieri pyrotechnische Bestrebungen der ausgezeichnetsten Art: die Allegorie, die Königin dieser Epoche, vermählte sich mit dem anmuthigsten architektonischen Style; das Gerüste stellte den alten Tempel Hymens vor, der bei den Franzosen an Jugend mit dem Tempel des Ruhmes wetteifert; er war getragen von einer riesigen Colonnade und umgeben von einer Brüstung, an deren Ecken Delphine mit weit aufgesperrtem Rachen nur das Signal erwarteten, um Flammenströme auszuspeien. Den Delphinen gegenüber erhoben sich majestätisch und auf ihren Urnen die Loire, die Rhone, die Seine und der Rhein, dieser Fluß, den wir hartnäckig französisch naturalisiren, trotz aller Welt und sogar, wenn wir den neueren Liedern unserer Freunde, der Deutschen, glauben dürfen, gegen seinen eigenen Willen, alle vier, wir sprechen von den Flüssen, alle vier, sagen wir, bereit, statt ihrer Wasser das blaue, das weiße, das graue und das rosenfarbige Feuer in dem Augenblick auszugießen, wo sich die Colonnade entflammen sollte.

Andere Kunststücke sollten sich in demselben Augenblick entzünden und riesige Blumentöpfe auf der Terrasse des Palastes von Hymen bilden.

Auf demselben Palaste endlich, der so verschiedene Dinge zutragen bestimmt war, erhob sich eine leuchtende Pyramide, welche in der Weltkugel endigte; diese Weltkugel, nachdem sie dumpf geblitzt, sollte wie ein Donnerschlag in einer Masse farbiger Girandolen losbrechen. Was den Strauß, das von der Pflicht gebotene und so wichtige Stück betrifft, daß der Pariser ein Feuerwerk nur nach dem Strauße beurtheilt, so hatte ihn Ruggieri von dem Körper der Maschine getrennt; er war auf der Seite des Flusses nach der Statue in einer ganz mit Reservestücken vollgepfropften Bastei angebracht, so daß der Blick durch diese Erhöhung von drei bis vier Klaftern gewinnen mußte, welche den Fuß der Garbe auf ein Piedestal stellte.

Dies sind die Einzelnheiten, von denen Paris in Anspruch genommen wurde; seit vierzehn Tagen sahen die Pariser mit großer Bewunderung Ruggieri und seine Gehülfen in der Finsterniß ihrer Gerüste umhergehen und mit seltsamen Geberden von Zeit zu Zeit stille stehen, um ihre Lunten zu befestigen und ihr Zündkraut zu sichern.

Der Augenblick, wo die Laternen auf die Terrassen des Gerüstes gebracht wurden, ein Augenblick, der das baldige Entzünden verkündigte, hatte auch eine lebhafte Sensation bei der Menge zur Folge und einige Reihen der Unerschrockensten wichen zurück, was eine lange Schwankung bis zu den äußersten Enden der Menge hervorbrachte.

Die Wagen kamen fortwährend an und begannen sich des Platzes selbst zu bemächtigen. Die Pferde stützten ihre Köpfe auf die Schultern der letzten Zuschauer, welche über diese gefährlichen Nachbarn unruhig zu werden anfingen. Bald häufte sich hinter den Wagen die stets wachsende Menge an, so daß die Wagen, hätten sie zurückweichen wollen, dies nicht mehr konnten, da sie sich in dieser compacten und stürmischen Ueberschwemmung eingezwängt fanden. Da sah man mit der Kühnheit des Parisers, der erobert, welche nur ein Seitenstück in der Langmuth des Parisers hat, der sich erobern läßt, da sah auf Felsen, französische Garden, Arbeiter und Lackeien steigen.

Die Beleuchtung der Boulevards warf von ferne ihren rothen Schimmer auf die Köpfe der Tausende von Neugierigen, unter denen das Bajonnet eines bürgerlichen Bogenschützen, funkelnd wie ein Blitz, eben so selten erschien, als es die auf einem abgemähten Felde stehen gebliebenen Aehren sind.

An den Seiten der neuen Gebäude, heut zu Tage das Hotel Grillon und das Garde-Meuble der Krone, hatten die Wagen der Eingeladenen, zwischen denen man vorsichtiger Weise keinen Gang frei gelassen, drei Reihen gebildet, welche sich von einer Seite des Boulevard bis zu den Tuilerien, von der andern des Boulevard bis zur Rue des Champs-Elysées ausbreiteten, indem sie eine Windung machten, wie eine dreimal auf sich selbst zusammengerollte Schlange.

Längs diesen dreifachen Reihen von Carrossen sah man, wie Gespenster am Ufer des Styx, diejenigen Eingeladenen umherirren, welche die Wagen ihrer Vorgänger das große Thor zu erreichen verhinderten; ganz betäubt durch das Geräusch, ängstlich darauf bedacht, besonders was die völlig in Atlaß gekleideten Frauen betrifft, das staubige Pflaster zu vermeiden, stießen sie an die Wogen des Volkes, das sie wegen ihrer Zartheit verspottete, suchten einen Durchgang zwischen den Rädern der Wogen und den Füßen der Pferde, und schlüpften, wie sie eben konnten, bis zum Orte ihrer Bestimmung, ein Ziel, um das man sie eben so sehr beneidete, als um einen Hafen im Sturme.

Eine von diesen Carrossen kam gegen neun Uhr, das Feuerwerks bestimmten Stunde, um sich ebenfalls Bahn bis zur Thüre des Gouverneur zu brechen. Doch diese schon seit einiger Zeit streitig gemachte Anmaßung war in diesem Augenblick mindestens verwegen, wenn nicht unmöglich geworden. Es hatte sich eine vierte Reihe, die drei ersten verstärkend, zu bilden angefangen, und die Pferde, welche dazu gehörten, wurden, von der Menge bedrängt, von munter wüthend und schleuderten rechts und links Fußtritte aus, welche bereits Unfälle zur Folge gehabt, die sich in dem Geräusch und in der Menge verloren.

An den Federn dieses Wagens hängend, der sich seine Bahn durch die Menge gebrochen, marschirte ein junger Mensch, der alle Hinzukommenden zurückschob, die es versuchten, sich der Wohlthat einer Locomotive zu bemächtigen, die er zu seinen Gunsten confiscirt zu haben schien.

Als der Wagen anhielt, warf sich der junge Mann auf die Seite, jedoch ohne die beschützende Feder loszulassen, an der er sich immer noch mit einer Hand anklammerte. Er konnte also durch den offenen Kutschenschlag das belebte Gespräch der Gebieter des Wagens hören.

Der Kopf einer weiß gekleideten und nur mit einigen natürlichen Blumen frisirten Frau neigte sich aus dem Schlage. Sogleich rief eine Stimme:

»Andrée, Du bist doch ein wahres Landmädchen, neige Dich nicht so hinaus, oder alle Teufel! Du läufst Gefahr, von dem ersten vorübergehenden Bauernlümmel geküßt zu werden. Siehst Du nicht, daß unser Wagen mitten unter diesem Volke ist, als wäre er mitten im Fluße? Wir sind im Wasser, meine Liebe, und zwar im schmutzigen Wasser, und wollen uns nicht damit benetzen.«

Der Kopf des jungen Mädchens zog sich in den Wagen zurück.

»Von hier aus sieht man nichts, mein Herr,« sagte sie, »wenn nur unsere Pferde eine halbe Wendung machen könnten, wir würden durch den Schlag sehen und wären beinahe so gut, als am Fenster des Gouverneur.«

»Drehe, Kutscher,« rief der Baron.

»Es ist unmöglich, Herr Baron,« antwortete der Kutscher, »ich müßte zehn Personen zermalmen.«

»Ei, bei Gott! zermalme sie.«

»Oh! mein Herr,« sprach Andrée.

»Oh! mein Vater!« sagte Philipp.

»Wer ist der Baron da, der die armen Leute zermalmen will?« riefen einige drohende Stimmen.

»Parbleu! ich bin es,« sprach der Baron, indem er sich aus dem Wagen hervorneigte und dabei ein schräge über die Brust laufendes großes, rothes Ordensband zeigte.

In jener Zeit respectirte man noch die großen Ordensbänder und sogar die großen rothen Ordensbänder; man brummte aber auf einer absteigenden Tonleiter.

»Warten Sie, mein Vater, ich will aussteigen und sehen, ob es möglich ist, durchzukommen,« sagte Philipp.

»Nimm Dich in Acht, mein Bruder, Du setzest Dich der Gefahr aus, todtgeschlagen zu werden, hörst Du das Gewieher der Pferde?«

»Du kannst wohl sagen das Gebrülle,« versetzte der Baron. »Wir wollen aussteigen, Philipp, sage den Leuten, sie sollen auf die Seite treten, damit wir durchkommen können.«

»Ah! Sie kennen Paris nicht mehr, mein Vater,« entgegnete Philipp. »Diese Gebietermanieren waren ehemals gut, doch heute dürften sie nicht durchdringen, und Sie möchten doch wohl nicht gern Ihre Würde gefährden, nicht wahr, mein Vater?«

»Wenn aber diese Bursche erfahren, wer ich bin?«

»Mein Vater,« erwiederte Philipp lächelnd, »wenn Sie der Dauphin selbst wären, würde man sich Ihretwegen nicht stören lassen; das befürchte ich besonders in diesem Augenblicke, denn das Feuerwerk wird sogleich beginnen.«

»Dann werden wir nichts sehen,« sagte Andrée verdrießlich.

»Das ist bei Gott Dein Fehler,« erwiederte der Baron, »Du hast zwei Stunden zu Deiner Toilette gebraucht.«

»Mein Bruder, könnte ich nicht Deinen Arm nehmen und mich mitten unter diese Leute stellen?« sagte Andrée.

»Ja, ja, meine kleine Dame,« sprachen mehrere Stimmen, gerührt durch die Schönheit von Andrée; »ja, kommen Sie, Sie sind nicht dick und man macht Ihnen Platz.«

»Willst Du, Andrée?« fragte Philipp.

»Gewiß,« erwiederte Andrée und sprang leicht und ohne den>Tritt zu berühren aus dem Wagen.

»Es sei,« sagte der Baron; »doch ich, der ich mich den Teufel um das Feuerwerk bekümmere, ich bleibe hier.«

»Gut, bleiben Sie, sprach Philipp; »wir entfernen uns nicht, mein Vater.«

Die Menge, stets achtungsvoll, wenn keine Leidenschaft sie aufreizt, stets achtungsvoll vor der erhabenen Königin, welche man die Schönheit nennt, die Menge öffnete sich vor Andrée, und ein guter Bürger, mit seiner Familie Besitzer einer Steinbank, ließ seine Frau und seine Tochter etwas auf die Seite treten, daß Andrée einen Platz bei ihnen fand.

Philipp stellte sich zu den Füßen seiner Schwester und diese stützte eine ihrer Hände auf seine Schulter.

Gilbert war ihnen gefolgt und verschlang, vier Schritte von den jungen Leuten stehend, Andrée mit seinen Augen.

»Bist Du gut hier, Andrée?« fragte Philipp.

»Vortrefflich,« antwortete das Mädchen.

»So geht es, wenn man schön ist,« versetzte lächelnd der Vicomte.

»Ja, ja, schon, sehr schön,« murmelte Gilbert.

Andrée hörte diese Worte; doch da sie ohne Zweifel aus dem Munde eines Menschen aus dem Volke kamen, bekümmerte sie sich nicht mehr darum, als ein indischer Gott sich um die Huldigung bekümmert, die ihm ein armer Paria zu Füßen legt.

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06 aralık 2019
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