Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 56
»Ei, ei! wir sind schön betrogen,« sagte der Marschall zu Jean.
»Wohin gehen sie?«
»Nach Klein-Trianon, um über uns zu spotten.«
»Tausend Donner!« murmelte Jean, »Ah! verzeihen Sie, Herr Marschall.«
»Nun ist die Reihe an mir,« sagte dieser, »wir wollen sehen, ob mein Mittel mehr taugen wird, als das der Gräfin.«
LXXX.
Klein-Trianon
Als Ludwig XIV. Versailles gebaut und die Unbequemlichkeiten der Größe erkannt hatte, als er diese ungeheuren Säle voll von Leibwachen, diese Vorzimmer voll von Höflingen, diese Gänge und Entresols voll von Lackeien, Pagen und Tafeldeckern sah, sagte er sich, Versailles sei wohl das, was Ludwig XIV. habe daraus machen wollen, was Mansard, Le Brun und Le Notre daraus gemacht haben, der Aufenthaltsort eines Gottes, aber nicht die Wohnung eines Menschen.
Der große König, der in seinen verlorenen Augenblicken ein Mensch war, ließ sich sodann Trianon bauen, um zu athmen und sein Leben ein wenig zu verbergen. Doch das Schwert von Achilles, das Achilles ermüdet hatte, mußte ein unerträgliches Gewicht für einen winzigen Nachfolger sein.
Trianon, diese Verkleinerung von Versailles, erschien noch zu pomphaft für Ludwig XV., der sich von dem Architekten Gabriel das kleine Trianon, einen Pavillon von sechzig Quadratfuß, bauen ließ.
Links von diesem Gebäude errichtete man ein langes Viereck, ohne Charakter und ohne Zierrathen. Dies war die Wohnung der Leute vom Dienst und des Hofgesindes. Man zählte hier ungefähr zehn Herrenwohnungen und Platz für fünfzig Bedienten.
Dieses Gebäude kann man noch unversehrt sehen. Es besteht aus einem Erdgeschoß, aus einem Stockwerk und aus Dachkammern. Dieses Erdgeschoß wird beschützt durch einen gepflasterten Graben, der es vom Gebüsch trennt; alle Fenster desselben sind vergittert, wie die des ersten Stockes. Von Trianon aus gesehen, beleuchten diese Fenster eine lange Hausflur, der eines Klosters ähnlich. Acht bis neun Thüren in dieser Hausflur führen in die Wohnungen, welche alle aus einem Vorzimmer mit zwei Cabinets, das eine rechts, das andere links, und einem niedrigen Zimmer, oder sogar auch zwei, beleuchtet vom inneren Hof des Gebäudes, bestehen.
Unter diesem Stock sind die Küchen.
Im Dach die Bedientenzimmer.
Das ist Klein-Trianon.
Fügen wir eine Kapelle, zwanzig Klafter vom Schloß, bei, von der wir keine Beschreibung machen werden, weil wir kein Bedürfniß haben und weil dieses Schloß nur eine Haushaltung aufnehmen kann, wie man heut zu Tage sagen würde.
Die Topographie ist also folgende: ein Schloß, das mit seinen großen Augen auf den Park und den Wald sieht; links auf die Communs36 die ihm nur vergitterte Fenster, Fenster von Hausfluren, oder durch ein dichtes Geländer maskirte Küchen entgegenhalten.
Von Groß-Trianon, dem feierlichen Aufenthaltsorte von Ludwig XV., begab man sich nach dem kleinen durch einen Gemüsegarten, der die zwei Residenzen durch die Vermittlung einer hölzernen Brücke verband.
Durch diesen Gemüse- und Obstgarten, den La Quentinie gezeichnet und angepflanzt hatte, führte Ludwig XV. Herrn von Choiseul nach Klein-Trianon, nach der von uns erzählten anstrengenden Sitzung. Er wollte ihm die von ihm in dem neuen Aufenthaltsorte des Dauphin und der Dauphine eingeführten Verbesserungen zeigen.
Herr von Choiseul bewunderte Alles, deutete Alles mit dem Scharfsinn eines Höflings; er ließ sich vom König sagen, Klein-Trianon werde von Tag zu Tag schöner, reizender zu bewohnen; und der Minister fügte bei, dies sei für Seine Majestät das Familienhaus.
»Die Dauphine,« sagte er, »ist noch ein wenig scheu, wie alle junge Deutsche; sie spricht gut Französisch, doch sie hat Angst vor einem leichten Accent, der französischen Ohren die Oesterreicherin verräth. In Trianon wird sie nur Freunde hören und nur sprechen, wann es ihr beliebt.
»Daraus geht hervor, daß sie gut sprechen wird.«
»Ich habe schon bemerkt,« sagte Herr von Choiseul, »daß Ihre königliche Hoheit vollendet ist und nichts zu thun hat, um sich zu vervollkommnen.«
Unter Weges trafen die zwei Reisenden den Herrn Dauphin, der auf einer Wiese stand und die Höhe der Sonne maß.
Herr von Choiseul verbeugte sich sehr tief, und da der Dauphin nicht mit ihm sprach, so sprach er auch nicht.
Der König sagte laut genug, um von seinem Enkel gehört zu werden:
»Louis ist ein Gelehrter, und er hat sehr Unrecht, daß er sich mit den Wissenschaften den Kopf zerbricht, seine Frau wird darunter leiden.«
»Nein,« erwiederte eine sanfte Frauenstimme, die aus einem Gebüsche hervorkam.
Und der König sah die Dauphine auf sich zulaufen, welche mit einem Mann sprach, der mit Papieren, Cirkeln und Bleistiften beladen und vollgestopft war.
»Sire,« sagte die Prinzessin, »Herr Mique, mein Baumeister.«
»Ah!« rief der König, »Sie haben auch diese Krankheit, Madame?«
»Es ist eine Familienkrankheit, Sire.«
»Sie wollen bauen lassen?«
»Ich will diesen großen Park, in welchem sich Jedermann langweilt, ausstatten lassen.«
»Oho! meine Tochter, Sie sagen das sehr laut, der Dauphin könnte Sie hören.«
»Das ist eine zwischen uns verabredete Sache, mein Vater,« entgegnete die Prinzessin.
»Daß Ihr Euch langweilt?«
»Nein, sondern daß wir uns zu belustigen suchen.«
»Und Eure königliche Hoheit will bauen lassen?« fragte Herr von Choiseul.
»Ich will aus diesem Park einen Garten machen lassen, Herr Herzog.«
»Ah! der arme Le Notre,« rief der König.
»Le Notre war ein großer Mann, Sire, für das, was man damals liebte, doch nicht für das, was man jetzt liebt . . .«
»Was lieben Sie, Madame?«
»Die Natur.«
»Ah! wie die Philosophen.«
»Oder wie die Engländer.«
»Gut! sagen Sie das vor Choiseul, und Sie bekommen eine Kriegserklärung. Er wird die vier und sechzig Linienschiffe und die vierzig Fregatten von Herrn von Praslin, seinem Vetter, auf Sie loslassen.«
»Sire,« sagte die Dauphine, »ich lasse hier einen natürlichen Garten von Herrn Robert, dem geschicktesten Mann der Welt für solche Pläne, zeichnen.«
»Was nennen Sie natürliche Gärten?« fragte der König; »ich glaubte, Bäume und Blumen und selbst Früchte wie diejenigen, welche ich im Vorübergehen pflückte, wären natürliche Dinge.«
»Sire, Sie mögen hundert Jahre bei Ihnen spazieren gehen, und Sie werden nichts Anderes sehen, als gerade Alleen, oder in einem Winkel von fünf und vierzig Graden, wie der Herr Dauphin sagt, beschnittene Gebüsche, oder Bassins mit Rasen vermählt, welche wiederum mit Perspectiven, oder mit rautenförmig gepflanzten Baumgruppen oder mit Terrassen vermählt sind.«
»Nun, das ist also häßlich?«
»Das ist nicht natürlich.«
»Ah! dieses kleine Mädchen liebt die Natur,« sagte der König mit einer mehr jovialen als freudigen Miene. »Wir wollen sehen, was Sie aus meinem Trianon machen werden.«
»Flüsse, Wasserfälle, Brücken, Grotten, Felsen, Wälder, Schluchten, Häuser, Berge, Wiesgründe.«
»Für Puppen’?« fragte der König.
»Ach! Sire, für Könige, wie wir sein werden,« erwiderte die Prinzessin, ohne die Röthe zu bemerken, welche die Wangen ihres Großvaters bedeckte, und ohne wahrzunehmen, daß sie sich selbst eine finstere Zukunft weissagte.
»Sie werden also umstürzen; doch was wollen Sie erbauen?«
»Ich erhalte.«
»Ah! es ist noch ein Glück, daß Sie in diese Wälder und auf diese Flüsse Ihre Leute nicht als Huronen, als Eskimos und Grönländer versetzen lassen. Sie hätten da ein natürliches Leben, und Herr Rousseau würde sie die Kinder der Natur nennen . . . Thun Sie das, meine Tochter, und Sie werden von den Encyklopädisten angebetet.«
»Sire, meine Diener hätten zu kalt in diesen Wohnungen.«
»Wo werden Sie dieselben einquartieren, wenn Sie Alles zerstören? Nicht in den Palast; denn dort ist kaum Platz für Euch Beide.«
»Sire, ich behalte die Communs, so wie sie sind.«
Und die Dauphine bezeichnete die Fenster der Hausflur, die wir beschrieben haben.
»Was sehe ich?« sagte der König, indem er eine Hand in Form eines Lichtschirmes über die Augen hielt.
»Eine Frau, Sire,« sagte Herr von Choiseul.
»Ein Fräulein, das ich zu mir nehme,« erwiederte die Dauphine.
»Fräulein von Taverney,« bemerkte Choiseul mit seinem durchdringenden Blick.
»Ah!« rief der König, »Sie haben die Taverney hier?«
»Nur Fräulein von Taverney, Sire.«
»Ein reizendes Mädchen . . . Was machen Sie aus ihr?«
»Meine Vorleserin.«
»Sehr gut,« sprach der König, ohne mit dem Auge das vergitterte Fenster zu verlassen, durch welches ganz unschuldig und ohne zu vermuthen, daß man sie beobachtete, Fräulein von Taverney schaute.
»Wie bleich ist sie,« sagte Herr von Choiseul.
»Sie wäre beinahe am 31. Mai erstickt worden, Herr Herzog.«
»Wahrhaftig? Armes Mädchen!« sagte der König. »Dieser Herr Bignon verdiente, entlassen zu werden.«
»Sie ist wiederhergestellt,« bemerkte Herr von Choiseul sehr rasch.
»Gott sei Dank. Herr Herzog.« »Ah!« machte der König, »sie entflieht.«
»Sie wird Eure Majestät erkannt haben, und sie ist sehr schüchtern.«
»Sie haben sie schon seit längerer Zeit?«
»Seit gestern, Sire;« als ich mich hier einquartierte, ließ ich sie kommen.«
»Eine traurige Wohnung für ein hübsches Mädchen,« sagte Ludwig XV.; »dieser Teufel Gabriel war sehr ungeschickt: er dachte nicht daran, diese Bäume würden größer werdend das Gebäude verfinstern, und man würde nicht mehr hell darin sehen.«
»Oh! nein, Sire, ich schwöre Ihnen, daß das Gebäude erträglich ist.«
»Nicht möglich,« rief Ludwig XV. »Will Eure Majestät sich selbst versichern?« fragte die Dauphine, eifersüchtig, die Honneurs in ihrem Hause zu machen.
»Es sei. Kommen Sie, Choiseul.« »Sire, es ist zwei Uhr. Ich habe um halb drei Uhr einen Parlamentsrath, und es ist Zeit, nach Versailles zurückzukehren.«
»Gehen Sie, Herzog, gehen Sie, und schütteln Sie mir die Schwarzröcke. Dauphine, zeigen Sie mir die kleinen Wohnungen, wenn es Ihnen gefällig ist.«
»Kommen Sie, Herr Mique,« sagte die Dauphine zu ihrem Baumeister, »Sie werden Gelegenheit haben, einige Rathschläge von Seiner Majestät zu erhalten, die sich so gut auf Alles versteht.«
Der König ging voran, die Dauphine folgte ihm.
Sie stiegen die kleine Freitreppe hinauf, welche nach der Kapelle führte, wobei sie den Weg nach den Höfen auf der Seite ließen.
Die Thüre der Kapelle ist links, rechts die gerade einfache Treppe, welche nach der Flur der Wohnungen führt.
»Wer wohnt hier?« fragte Ludwig XV.
»Noch Niemand, Sire.«
»Es steckt ein Schlüssel in der Thüre.«
»Ah! es ist wahr, Fräulein von Taverney meublirt sich und richtet sich heute ein.«
»Hier?« fragte der König, die Thüre bezeichnend.
»Ja. Sire,«
»Und sie ist zu Hause? Dann treten wir nicht ein.«
»Sire, sie ist so eben hinabgegangen; ich habe sie unter dem Wetterdach des kleinen Hofes der Küchen gesehen.«
»Dann zeigen Sie mir ihre Wohnung als Muster.«
»Nach Ihren Wünschen,« erwiederte die Dauphine.
Und sie führte den König in das einzige Zimmer, dem ein Vorzimmer und zwei Cabinets vorangingen.
Einige schon geordnete Meubles, Bücher, ein Clavier erregten die Aufmerksamkeit des Königs, besonders aber ein ungeheurer Strauß von schönen Blumen, den Fräulein von Taverney schon in einen japanesischen Topf gestellt hatte.
»Ah!« sagte der König, »was für schöne Blumen! Und Sie wollen Ihren Garten verändern? Wer Teufels liefert Ihren Leuten solche Blumen? . . . Behält man auch noch für Sie?«
»In der That, es ist ein schöner Strauß. Der Gärtner versieht Fräulein von Taverney damit.«
»Wer Ist Gärtner hier?«
»Ich weiß es nicht, Sire. Herr von Jussieu besorgt mir das.«
Der König betrachtete mit neugierigem Auge die ganze Wohnung, schaute auch nach dem Aeußeren, in die Höfe, und entfernte sich sodann.
Seine Majestät durchwanderte den Park und kehrte nach Groß-Trianon zurück; es erwarteten den König seine Equipagen zu einer Jagd im Wagen, von drei bis sechs Uhr Abends.
Der Dauphin maß immer noch die Sonne.
LXXXI.
Die Verschwörung knüpft sich wieder an
Während der König, um Herrn von Choiseul ganz zu beruhigen und selbst nicht seine Zeit zu verlieren, so in Trianon, in Ermattung der Jagd, spazieren ging, war Luciennes der Mittelpunkt einer Versammlung erschrockener Verschwörer, welche in aller Hast mit ausgebreiteten Flügeln bei Madame Dubarry ankamen, wie Vögel, welche das Pulver des Jägers gerochen haben.
Jean und der Marschall von Richelieu hatten, nachdem sie sich lange in der schlimmsten Laune angeschaut, zuerst ihren Flug genommen.
Die Anderen waren die gewöhnlichen Günstlinge, welche eine sichere Ungnade der Choiseul angelockt hatte, die über die Rückkehr der Gnade erschrocken waren und, da sie den Minister nicht mehr unter ihrer Hand fanden, um sich an ihn anzuhängen, maschinenmäßig nach Luciennes zurückkehrten, um zu sehen, ob der Baum noch fest genug wäre, daß man sich an ihm anklammem könne.
Madame Dubarry hielt nach den Anstrengungen ihrer diplomatischen Arbeit und dem trügerischen Triumphe, der dieselbe gekrönt hatte, Siesta, als die Carrosse von Richelieu mit dem Lärmen und der Geschwindigkeit eines Orkans bei ihr ankam.
»Frau Dubarry schläft!« sagte Zamore, ohne sich stören zu lassen,
Jean gab Zamore einen so gewaltigen Fußtritt, den er gerade auf den breitesten Stickereien seines Gouverneurrockes anbrachte, daß der Neger auf dem Boden fortrollte.
Zamore stieß ein durchdringendes Geschrei aus.
Chon lief herbei.
»Sie schlagen den Kleinen schon wieder, grober Geselle,« sagte sie.
»Und ich vernichte Sie selbst, wenn Sie nicht auf der Stelle die Gräfin wecken,« rief Jean mit flammenden Augen.
Doch es war nicht nöthig, die Gräfin zu wecken: bei dem Geschrei von Zamore, bei dem Lärmen der Stimme von Jean, ahnet sie ein Unglück und lief, in ein Nachtgewand gehüllt, herbei.
»Was gibt es?« fragte sie ganz erschrocken, als sie sah, daß sich Jean der Länge nach auf einem Sopha ausgestreckt hatte, um die Aufregung seiner Galle zu beschwichtigen, und daß der Marschall ihr nicht einmal die Hand küßte.
»Es gibt, es gibt,« sagte Jean, »es gibt beim Teufel Immer noch den Choiseul.«
»Wie!’
»Ja, tausend Donner! mehr als je.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Der Herr Graf Dubarry hat Recht.« sprach Richelieu; »es gibt mehr als je den Herzog von Choiseul.«
Die Gräfin zog aus ihrem Busen das Briefchen des Königs.
»Und dieses?« sagte sie lächelnd.
»Haben Sie genau gelesen, Gräfin?« fragte der Marschall.
»Ich denke, ich kann wohl lesen, Herzog,« erwiederte Madame Dubarry.
»Ich zweifle nicht daran, Madame; wollen Sie mir erlauben, auch zu lesen?«
»Oh! gewiß; lesen Sie.«
Der Herzog nahm das Papier, entfaltete es langsam und las:
»Morgen werde ich Herrn von Choiseul für seine Dienste danken. Ich mache mich förmlich hiezu anheischig.
»Ludwig.«
»Ist das klar?« sagte die Gräfin. »Vollkommen klar,« erwiederte der Marschall mit einer Grimasse.
»Nun! wie?« rief Jean.
»Nun! morgen werden wir den Sieg haben, noch ist nichts verloren.«
»Wie, morgen! Der König hat mir das gestern unterzeichnet. Morgen ist folglich heute.«
»Verzeihen Sie, Madame,« entgegnete der Herzog, »da kein Datum dabei steht, so wird morgen stets der Tag sein, der auf denjenigen folgt, wo Sie Herrn von Choiseul abgesetzt sehen wollen. Es ist in der Rue de la Grange-Batelièce, hundert Schritt von meinem Hause, eine Schenke, auf deren Schild in rothen Buchstaben die Worte geschrieben stehen: ‚Hier gibt man morgen Credit. Morgen ist nie.’ «
»Der König hat sich über uns lustig gemacht,« rief Jean wüthend.
»Das ist unmöglich,« murmelte die Gräfin niedergeschagen; »eine solche Ueberlistung ist unwürdig.«
»Oh! Madame, Seine Majestät ist sehr jovial,« sagte Richelieu.
»Er soll es mir bezahlen, Herzog,« sprach die Gräfin im Ton des Zorns.
»Gräfin, man darf deshalb dem König nicht grollen; man darf Seine Majestät nicht des Betrugs oder der List anklagen, nein, der König hat gehalten, was er versprochen hatte.«
»Oh! gehen Sie,« machte Jean mit einem mehr als gemeinen Drehen der Schulter.
»Was hat er versprochen?« rief die Gräfin, »dem Choiseul zu danken.«
»Das ist es gerade, Madame; ich habe Seine Majestät positiv Herrn von Choiseul für seine Dienste danken hören. Das Wort hat zweierlei Sinn; hören Sie wohl, in der Diplomatie nimmt Jeder denjenigen, welchen er vorzieht. Sie haben den Ihrigen gewählt, der König hat den seinigen gewählt. Auf diese Art ist das Morgen nicht einmal mehr im Streit. Ihrer Ansicht nach mußte der König heute sein Versprechen halten; er hat es gehalten. Ich, der ich mit Ihnen rede, habe den Dank selbst angehört.«
»Herzog, ich glaube, es ist nicht die Stunde, um zu scherzen.«
»Glauben Sie zufällig, ich scherze, Gräfin? Fragen Sie den Grafen Jean.«
»Nein, bei Gott! nein, wir scherzen nicht, der Choiseul ist diesen Morgen umarmt, mit Schmeicheleien und Einladungen vom König überhäuft worden, und zu dieser Stunde gehen Beide in den Trianons Arm in Arm spazieren.«
»Arm in Arm!« wiederholte Chon, die ins Cabinet geschlüpft war und ihre weißen Arme wie ein neues Modell der verzweifelten Niobe emporhob.
»Ja, ich bin hintergangen worden,« sprach die Gräfin, »doch wir werden sehen. Chon, man muß vor Allem meine Jagdequipage abbestellen, ich werde nicht gehen!«
»Gut!« sagte Chon.
»Einen Augenblick Geduld,« rief Richelieu, »keine Uebereilung, kein Schmollen . . . Ah! verzeihen Sie, Gräfin, ich erlaube mir, Ihnen einen Rath zu geben; verzeihen Sie.«
»Thun Sie es immerhin, unumwunden, Herzog. Ich glaube, Ich verliere den Kopf, Sehen Sie, wie das ist: man will nicht Politik treiben und an dem Tag, wo man sich darein mischt, wird man von der Eitelkeit köpflings hineingerissen . . . Sie sagen also . . .«
»Daß Schmollen nicht vernünftig ist. Hören Sie, Gräfin. Die Lage der Dinge ist schwierig. Wenn der König entschieden an den Choiseul hält, wenn er seiner Dauphine einen Einfluß gestattet, wenn er Ihnen so gerade ins Gedicht entgegenhandelt, so müssen Sie . . .«
»Nun!«
»So müssen Sie noch liebenswürdiger werden, als Sie sind, Gräfin. Ich weiß wohl, daß dies nicht möglich ist; aber das Unmögliche wird am Ende Nothwendigkeit in unserer Lage: thun Sie das Unmögliche.«
Die Gräfin dachte nach.
»Denn,« fuhr der Herzog fort, »denn, wenn der König am Ende die deutschen Sitten annehmen würde . . .«
»Wenn er tugendhaft würde!« rief Jean von einem Schrecken erfaßt.
»Wer weiß, Gräfin.« sagte Richelieu. »Die Neuheit ist etwas so Anziehendes.«
»Oh! was das betrifft,« entgegnete die Gräfin mit einem gewissen Zeichen der Ungläublichkeit, »ich glaube das nicht.«
»Man hat noch außerordentlichere Dinge gesehen, Madame, und das Sprüchwort vom Teufel, der Einsiedler geworden ist . . .«
»Man müßte also nicht schmollen.«
»Man müßte es nicht.«
»Aber Ich ersticke vor Zorn.«
»Ich glaube es, bei Gott! wohl: ersticken Sie, Gräfin, doch der König, das heißt, Herr von Choiseul soll es nicht bemerken; ersticken Sie für uns, athmen Sie für sie.«
»Ich sollte also auf die Jagd gehen?’
»Das wäre sehr geschickt.«
»Und Sie, Herzog?«
»Oh! ich, und mußte ich der Jagd auf allen Vieren folgen, ich werde ihr folgen.«
»In meinem Wagen also!« rief die Gräfin, um zu sehen, welches Gesicht ihr Verbündeter machen würde.
»Gräfin,« erwiederte der Herzog mit einer Ziererei, welche seinen Aerger verbarg, »das ist eine so große Ehre . . .«
»Daß Sie es ausschlagen, nicht wahr?«
»Ich? Gott behüte mich.«
»Merken Sie wohl auf, Sie werden sich compromittiren.«
»Er gesteht es zu, er hat die Keckheit, es zu gestehen?« rief Madame Dubarry.
»Gräfin! Gräfin! Herr von Choiseul wird es mir nie verzeihen.«
»Sind Sie denn schon so gut mit Herrn von Choiseul?«
»Gräfin! Gräfin! ich werde mich mit der Frau Dauphine entzweien.«
»Ist es Ihnen lieber, wenn wir den Krieg Jedes seinerseits führen, jedoch ohne das Resultat zu theilen? Noch ist es Zeit. Sie sind nicht compromittirt und können sich noch aus dem Bündniß zurückziehen.«
»Sie mißkennen mich, Gräfin,« sagte der Herzog indem er ihr die Hand küßte. »Haben Sie mich am Tage Ihrer Vorstellung zögern sehen, als es sich darum handelte, ein Staatskleid, einen Friseur und einen Wagen für Sie zu finden? Heute werde ich eben so wenig zögern. Oh! ich bin muthiger als Sie glauben, Gräfin.«
»Abgemacht also. Wir gehen Beide auf die Jagd, und das wird für mich ein Vorwand sein, Niemand zu sehen, Niemand zu hören und mit Niemand zu sprechen.«
«Nicht einmal mit dem König?«
»Im Gegentheil, ich werde ihm Niedlichkeiten sagen, die ihn in Verzweiflung bringen sollen.«
»Bravo! das ist guter Krieg.«
»Aber Sie, Jean, was machen Sie, lassen Sie hören; kommen Sie ein wenig aus Ihren Kissen hervor, in denen Sie sich lebendig vergraben, mein Freund.«
»Was ich mache, wollen Sie wissen?«
»Ja, es wird uns vielleicht zu etwas nützen.«
»Nun, ich denke.«
»Woran?«
»Daran, daß in diesem Augenblick alle Liederdichter der Stadt und des Parlaments uns nach allen möglichen Melodien verarbeiten; daß die Nouvelles à la main uns zerstückeln wie Fleisch zu Pasteten; daß der Gazetier cuirassé nach uns zielt, wo der Panzer eine Blöße gibt, daß das Journal des Observateurs uns bis in das Mark der Knochen beobachtet; kurz, daß wir morgen in einem Zustand sein werden, um selbst bei einem Choiseul Mitleid zu erregen.«
»Und was schließen Sie daraus?« fragte der Herzog.
»Ich schließe daraus, daß ich nach Paris eilen werde, um etwas Charpie und nicht wenig Salbe für alle unsere Wunden zu kaufen. Geben Sie mir Geld, Schwesterchen.«
»Wie viel?« fragte die Gräfin.
»Eine Kleinigkeit, zwei bis dreihundert Louis d’or.«
»Sie sehen, Herzog,« sagte die Gräfin, indem sie sich an Richelieu wandte, »ich bezahle schon die Kriegskosten.«
»Das ist der Anfang des Feldzugs, Gräfin; säen Sie heute, und Sie werden morgen ernten.«
Die Gräfin zuckte die Achseln mit einer unbeschreiblichen Bewegung, ging auf ihr Chiffonnier zu, öffnete es, zog eine Hand voll Kassenbillets hervor und gab diese, ohne zu zählen, Jean, der sie, ebenfalls ohne zu zählen, einen schweren Seufzer ausstoßend, einsackte.
Dann stand Jean auf, streckte sich und reckte die Arme wie ein von Müdigkeit niedergedrückter Mensch, und machte ein paar Schritte im Zimmer.
»So ist es,« sagte er, auf den Herzog und die Gräfin deutend, »diese Leute werden sich auf der Jagd belustigen, während Ich nach Paris galoppire; sie werden hübsche Cavaliere und hübsche Frauen sehen, während ich häßliche Papierkratzer-Gesichter anschauen muß. Ich bin offenbar der Hund des Hauses.«
»Bemerken Sie wohl, Herzog,« sagte die Gräfin, »er wird sich nicht im Geringsten mit uns beschäftigen; die Hälfte meiner Billets gibt er irgend einem lustigen Mädchen, und den Rest verliert er in einem Spielhaus. Das wird er thun. Und dabei brüllt und heult der Elende! Gehen Sie, Jean, ich verabscheue Sie.«
Jean plünderte drei Confectbüchsen, die er in seine Taschen leerte, stahl von einer Etagère ein chinesisches Figürchen, das Augen von Diamanten hatte, und ging sich aufblähend ab, verfolgt von dem nervigen Geschrei der Gräfin.
»Ein reizender Junge,« sagte Richelieu mit dem Ton, den ein Schmarotzer annimmt, um eines von den furchtbaren Kindern zu loben, auf das er in der Stille alle Donnerwetter herabruft; »er ist Ihnen theuer, sehr theuer, nicht wahr, Gräfin?«
»Wie Sie sagen, Herzog, er hat mir sein Wohlwollen geschenkt, und das trägt ihm jährlich drei bis viermal hundert tausend Livres ein.«
Die Pendeluhr schlug.
»Halb ein Uhr, Gräfin,« sagte der Herzog; »zum Glück sind Sie beinahe angekleidet; zeigen Sie sich ein wenig Ihren Höflingen, welche glauben könnten, es sei Sonnenfinsterniß, und steigen wir dann schnell in den Wagen; Sie wissen, wie die Jagd geht?«
»Es wurde gestern zwischen Seiner Majestät und mir verabredet, man sollte sich nach dem Wald von Marly begeben und mich im Vorüberfahren mitnehmen.«
»Oh! ich bin sicher, der König hat nichts am Programm verändert.«
»Lassen Sie nun Ihren Plan hören, Herzog, denn die Reihe ist an Ihnen.«
»Madame, ich habe gestern sogleich an meinen Neffen geschrieben, der übrigens, wenn ich meinen Ahnungen glauben darf, schon unter Weges sein muß,«
»Herr von Aiguillon?«
»Ich würde mich sehr wundern, wenn er sich nicht morgen mit meinem Briefe kreuzte, und wenn er nicht morgen, oder spätestens übermorgen hier wäre.«
»Und Sie rechnen auf ihn?«
»Er, Madame, er hat Ideen.«
»Gleichviel, wir sind sehr übel daran, der König würde wohl am Ende nachgeben, doch er hat eine so furchtbare Angst vor den Geschäften.«
»Somit?«
»Somit befürchte ich, er wird nie einwilligen, Herrn von Choiseul zu opfern.«
»Soll ich offenherzig mit Ihnen sprechen, Gräfin?«
»Gewiß.«
»Nun, ich glaube es auch nicht. Der König wird hundert Streiche wie der von gestern machen; Seine Majestät hat so viel Witz. Sie, Gräfin, Sie werden es nicht wagen, seine Liebe durch eine unbegreifliche Halsstarrigkeit zu verlieren.«
Während er diese Worte sprach, schaute der Marschall Madame Dubarry fest an.
»Verdammt! darüber muß man nachdenken.«
»Sie sehen wohl, Gräfin, daß Herr von Choiseul für eine Ewigkeit da ist: um ihn aus seiner Stelle zu vertreiben, brauchte man nichts Geringeres als ein Wunder.«
»Ja, ein Wunder,« wiederholte Jean.
»Und leider verrichten die Menschen keine mehr,« sagte der Herzog.
»Oh!« entgegnete Madame Dubarry, »ich kenne einen, der noch verrichtet.«
»Sie kennen einen Menschen, der Wunder thut, Gräfin?«
»Meiner Treue, ja!«
»Und Sie haben mir das nicht gesagt?«
»Ich denke in diesem Augenblick erst daran, Herzog.«
»Halten Sie diesen Burschen für fähig, uns aus der Klemme herauszuziehen?«
»Ich halte ihn zu Jeglichem fähig.«
»Oh! oh! und welches Wunder hat er bewerkstelligt? sagen Sie mir das ein wenig, Gräfin, damit ich nach der Probe urtheilen kann.«
»Herzog,« sprach Madame Dubarry, indem sie sich Richelieu näherte und unwillkührlich ihre Stimme dämpfte, »es ist ein Mann, mit dem ich vor zehn Jahren auf der Place Louis XV. zusammentraf, wo er mir sagte, ich würde eines Tags Königin von Frankreich werden.«
»In der That, das ist wunderbar, und dieser Mann wäre im Stande, mir zu prophezeien, ich werde eines Tags als erster Minister sterben.«
»Nicht wahr?«
»Oh! ich zweifle nicht einen Augenblick daran. Wie heißt er?«
»Ah! das weiß ich nicht.«
»Er hat Ihnen seine Adresse nicht gegeben?«
»Nein, er sollte selbst kommen und seine Belohnung holen.«
»Was hatten Sie ihm versprochen?«
»Alles, was er fordern würde.«
»Und er ist nicht gekommen?«
»Nein.«
»Gräfin, das ist viel wunderbarer, als seine Weissagung. Wir müssen diesen Menschen offenbar haben.«
»Aber wie sollen wir das machen?«
»Sein Name, Gräfin, sein Name?«
»Er hat zwei.«
»Gehen wir nach der Ordnung zu Werk: der erste?«
»Der Graf von Fönix.«
»Wie, der Mann, den Sie mir am Tage Ihrer Vorstellung gezeigt haben?«
»Ganz richtig.«
»Jener Preuße?«
»Jener Preuße.«
»Oh! Ich habe kein Vertrauen mehr, alle Zauberer, die ich kennen lernte, hatten Namen, welche in i oder in o endigten.«
»Das kommt vortrefflich, Herzog; sein zweiter Name endigt nach Ihrem Gefallen.«
»Wie heißt er?«
»Joseph Balsamo.«
»Haben Sie kein Mittel, ihn wiederzufinden?«
»Ich will darüber nachdenken. Ich glaube, ich weiß Einen, der ihn kennt.«
»Gut. Beeilen Sie sich, Gräfin. Es ist drei Viertel auf ein Uhr.«
»Ich bin bereit. Meinen Wagen.«
Zehn Minuten nachher fuhren Madame Dubarry und der Herr Herzog von Richelieu nach dem Sammelplatz der Jagd.
