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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 64

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XCV.
Wie, was den Einen Freude bereitet, den Andern zur Verzweiflung gereicht

»Guten Morgen, mein Fräulein, ich bin es,« sagte Nicole mit einem heiteren Knix, welcher jedoch bei der Kenntniß, die dieses Mädchen von dem Charakter seiner Gebieterin hatte, nicht ganz von Unruhe frei war.

»Sie hier! und durch welchen Zufall?« sagte Andrée, die ihre Feder niederlegte, um dem Gespräch, das sich so entspann, besser folgen zu können.

»Das Fräulein vergaß mich und ich bin gekommen.«

»Wenn ich Sie vergaß, Mademoiselle, so hatte ich meine Gründe hiezu. Wer hat Ihnen erlaubt, zu kommen?«

»Der Herr Baron ohne Zweifel, mein Fräulein, antwortete Nicole, indem sie mit ziemlich unzufriedener Miene die schönen schwarzen Augbrauen zusammenzog, die sie der Großmuth von Herr Rafté zu verdanken hatte.

»Mein Vater braucht Sie in Paris und ich brauche Sie hier nicht. Sie können zurückkehren, mein Kind.«

»Oh! das Fräulein hat gar keine Anhänglichkeit,« sagte Nicole. »Ich glaubte dem Fräulein mehr gefallen zu haben  . . . Man liebe doch, daß man es einem auf diese Art zurückgibt!« fügte Nicole philosophisch bei.

Und ihre schönen Augen strengten sich ganz gewaltig an, um eine Thräne an ihre Augenlider zu ziehen.

Es lag genug Herzlichkeit und Empfindung in dem Vorwurf, um das Mitleid von Andrée rege zu machen.

»Mein Kind,« sprach sie, »man bedient mich und ich kann mir nicht erlauben, das Haus der Frau Dauphine mit einem Mund mehr zu überladen.«

»Gut! als ob dieser Mund so groß wäre!« sagte Nicole mit einem reizenden Lächeln.

»Gleichviel, Nicole, Deine Gegenwart hier ist unmöglich.«

»Wegen der Aehnlichkeit?« fragte das Mädchen, »Sie haben also mein Gesicht nicht angeschaut, mein Fräulein?«

»Du kommst mir in der That verändert vor.«

»Ich glaube es wohl; ein schöner Herr, derjenige, welcher Herrn Philipp einen Grad verschafft hat, kam gestern zu uns, und als er sah, daß der Herr Baron traurig war, weil er Sie ohne Kammerfrau lassen sollte, meinte er, nichts wäre leichter, als mich von weiß in schwarz zu verwandeln. Er nahm mich mit. ließ mich frisiren, wie Sie mich sehen, und hier bin ich.«

Lächelnd erwiederte Andrée:

»Du liebst mich also sehr, da Du Dich um jeden Preis in Trianon einschließen willst, wo ich beinahe gefangen bin?«

Nicole warf einen raschen, aber verständigen Blick umher.

»Dieses Zimmer ist nicht heiter,« sagte sie, »doch Sie bleiben nicht beständig hier?«

»Ich, allerdings,« erwiederte Andrée, »doch Du?«

»Nun, ich?«

»Du wirst nicht in den Salon zur Frau Dauphine gehen; Du wirst weder Spiel, noch Spaziergang, noch Cercle haben; Du, die Du immer hier bleiben wirst, läufst Gefahr, vor Langweile zu sterben.«

»Oh!« sagte Nicole, »es wird wohl ein Fensterchen geben, und man wird wohl ein Winkelchen dieser Welt, und wäre es nur durch den Rahmen einer Thüre, sehen können. Sieht man, so kann man gesehen werden  . . . Das ist Alles, was ich brauche.«

»Ich wiederhole Dir, Nicole, nein; ich kann Dich nicht ohne einen ausdrücklichen Befehl aufnehmen.«

»Von wem?«

»Von meinem Vater.«

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Ja, es ist mein letztes.«

Nicole zog aus ihrem Koller den Brief des Baron von Taverney.

»Gut,« sagte sie, »da meine Bitten und meine Ergebenheit keine Wirkung hervorbringen, so wollen wir sehen, ob die Empfehlung, die ich Ihnen hier übergebe, mehr Macht hat.«

Andrée las den Brief, welcher also abgefaßt war:

»Ich weiß, und man bemerkt, meine liebe Andrée, daß Du in Trianon nicht den Staat hältst, welchen zu halten Dein Rang gebieterisch vorschreibt; Du solltest zwei Kammerfrauen und einen Bedienten haben, wie ich zwanzig tausend Livres Rente; doch da ich mich mit tausend Livres begnüge, so ahme mich nach und nimm Nicole, welche für sich allein so viel werth ist, als alles Gesinde, das Dir nothwendig wäre.

Nicole ist behende, verständig und ergeben; sie wird rasch den Ton und die Manieren der Oertlichkeit annehmen; Du wirst besorgt sein müssen, ihren guten Willen, nicht anzustacheln, sondern ihm Fesseln anzulegen. Behalte sie also und glaube nicht, daß ich ein Opfer bringe. Solltest Du das glauben, so erinnere Dich, daß Seine Majestät, welche die Güte hatte, an uns zu denken, als sie Dich sah, bemerkte, – ein guter Freund hat mir dies anvertraut, – es fehle Dir an Toilette und Repräsentation. Bedenke dies wohl; es ist von hoher Wichtigkeit.

Dein wohlgewogener Vater.«

Dieser Brief versetzte Andrée in eine schmerzliche Verlegenheit.

Sie sollte also bis in ihre neue Wohlfahrt durch eine Armuth verfolgt werden, welche sie allein nicht als einen Mangel fühlte, während ihr Alles dieselbe als einen Flecken vorwarf.

Sie war im Begriff, ihre Feder im Zorn zu zerstoßen und den angefangenen Brief zu zerreißen, um dem Baron irgend eine schöne philosophische Tirade voll von Uneigennützigkeit zu erwiedern, welche Philipp mit beiden Händen unterschrieben hätte.

Doch es kam ihr vor, als sähe sie das ironische Lächeln des Barons, wenn er ihr Meisterwerk lesen würde, und sogleich verschwand ihr ganzer Entschluß. Sie begnügte sich also, dem Baron durch einen Paragraph zu antworten, den sie den Neuigkeiten beifügte, welche sie ihm von Trianon meldete.

»Mein Vater,« fügte sie bei. »Nicole erscheint in diesem Augenblick und ich nehme sie auf Ihren Wunsch an; was Sie mir aber über dieselbe geschrieben haben, bringt mich in Verzweiflung. Sollte ich minder lächerlich mit diesem kleinen Dorfmädchen als Kammerfrau sein, als ich es allein unter diesen Reichen des Hofes war? Nicole wird unglücklich sein, wenn sie mich gedemüthigt sieht, sie wird mir schlechten Dank dafür wissen, denn die Diener sind stolz oder demüthig für sich, je nach dem Luxus oder der Einfachheit ihrer Gebieter. Was die Bemerkung Seiner Majestät betrifft, mein Vater, so erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß der König zu viel Geist besitzt, um mir meine Unmacht, die große Dame zu spielen, zu verargen, und daß Seine Majestät überdies zu viel Herz hat, um meine Armuth wahrzunehmen oder zu kritisiren, statt sie in einen Wohlstand zu verwandeln, zu dem Ihr Name und Ihre Verdienste in Aller Augen berechtigen würden.«

Dies war die Antwort des Mädchens, und man muß gestehen, daß diese reine Unschuld, daß dieser edle Stolz sehr leicht gegen die Schlauheit und die Verdorbenheit ihrer Versucher Recht hatte.

Andrée sprach nicht mehr von Nicole. Sie behielt sie, so daß diese – sie wußte warum – auf der Stelle ein kleines Bett in dem Cabinet rechts, das auf das Vorzimmer ging, aufschlug und sich ganz winzig, ganz luftig, ganz zart machte, um in keiner Hinsicht ihre Gebieterin durch ihre Gegenwart in diesem bescheidenen Winkel zu belästigen; man hätte glauben sollen, sie wolle das Rosenblatt nachahmen, das die persischen Gelehrten auf ein Gefäß voll Wasser fallen ließen, um zu zeigen, man könne noch etwas beifügen, ohne den Inhalt überströmen zu machen.

Andrée ging gegen ein Uhr nach Trianon ab. Nie war sie rascher und reizender angekleidet gewesen. Nicole hatte sich übertroffen: Gefälligkeiten, Aufmerksamkeiten und Bestrebungen, nichts hatte bei ihrem Dienste gefehlt.

Als Fräulein von Taverney weggegangen war, fühlte sich Nicole Herrin des Platzes und nahm eine genaue Revue vor. Alles unterlag ihrer Untersuchung, von den Briefen bis zum letzten Flitterkram der Toilette, vom Kamin bis zum geheimsten Winkel der Cabinets.

Und dann schaute sie durch das Fenster, um die Luft der Nachbarschaft ein wenig zu prüfen.

Unten ein geräumiger Hof, wo die Reitknechte die Luxuspferde der Frau Dauphine striegelten. Reitknechte, pfui doch! Nicole wandte den Kopf ab.

Rechts eine Reihe von Fenstern auf der Höhe des Fensters von Andrée. Einige Köpfe erschienen daran, Köpfe von Kammerjungfern und Bohnern. Nicole ging verächtlich zu einer andern Untersuchung über.

Gegenüber hielt der Musikmeister in einem großen Zimmer mit Choristen und Instrumentisten eine Probe zu einer Messe für den heiligen Ludwig.

Während Nicole ausstäubte, trällerte sie zu ihrer Belustigung auf ihre Weise, so daß der Musikmeister sich zerstreute und die Choristen unverschämt falsch sangen.

Doch dieser Zeitvertreib genügte nicht lange für die Eitelkeit von Mademoiselle Nicole; als Meister und Schüler sich gehörig gestritten und getäuscht hatten, ging die kleine Person zur Revue des oberen Stockwerks über. Alle Fenster waren geschlossen, überdies waren es Mansarden.

Nicole fing wieder an auszustäuben; doch einen Augenblick nachher war eine von diesen Mansarden offen, ohne daß man hatte sehen können, durch welchen Mechanismus, denn Niemand erschien.

Jemand hatte indessen dieses Fenster geöffnet; dieser Jemand hatte Nicole gesehen und blieb nicht, um sie anzuschauen: das war ein sehr unverschämter Jemand.

So dachte wenigstens Nicole; um es nicht zu verfehlen, das Gesicht eines Unverschämten zu studiren, kehrte auch Nicole, welche so gewissenhaft studirte, bei dem geringsten Gang, den sie im Zimmer von Andrée machte, hartnäckig zu dem Fenster zurück, um einen Blick nach der Mansarde zu werfen, nämlich nach diesem offenen Auge, das den Respect gegen sie verfehlte, indem es sie in Ermangelung der Augensterne seines Blickes entbehren ließ. Einmal glaubte sie zu bemerken, man sei entflohen, als sie sich genähert: dies war nicht glaublich und sie glaubte es auch nicht.

Ein anderes Mal erhielt sie hierüber beinahe Sicherheit, da sie den Rücken des Flüchtigen gesehen, der durch eine schnellere Rückkehr, als er sie erwartet, überrascht worden war.

Da bediente sich Nicole einer List: sie verbarg sich hinter dem Vorhang und ließ dabei das Fenster weit offen, um keinen Verdacht zu erregen.

Sie wartete lange, doch endlich erschienen schwarze Haare, dann furchtsame Hände, welche einen vorsichtig geneigten Körper stützten, und endlich zeigte sich deutlich und ganz offen das Gesicht: Nicole wäre beinahe rückwärts gefallen und zerkrümpelte völlig den Vorhang.

Es was das Gesicht von Herrn Gilbert, der oben aus dieser Mansarde herabschaute.

Als Gilbert den Vorhang zittern sah, begriff er die List und erschien nicht wieder.

Mehr noch, das Fenster der Mansarde schloß sich.

Kein Zweifel, Gilbert hatte Nicole gesehen, er war erstaunt gewesen, er hatte sich von der Gegenwart dieser Feindin überzeugen wollen, und war, als er sich selbst entdeckt sah, voll Unruhe und Zorn entflohen.

So wenigstens erklärte sich Nicole die Scene.

Gilbert hätte in der That lieber den Teufel als Nicole gesehen; er schmiedete sich tausend Schrecknisse aus der Ankunft dieser Aufpasserin. Er hatte einen alten Sauerteig der Eifersucht gegen sie: sie wußte sein Geheimniß vom Garten der Rue Coq-Héron.

Gilbert entfloh voll Unruhe, nicht allein voll Unruhe, sondern voll Zorn, und indem er sich vor Wuth in die Finger biß.

»Was liegt mir nun,« sagte er zu sich selbst, »was liegt mir nun an der albernen Entdeckung, auf die ich so stolz war!  . . . Mag Nicole dort einen Liebhaber haben, das Uebel ist geschehen, und man wird sie deshalb hier nicht wegschicken, während sie, wenn sie sagt, was ich in der Rue Coq-Héron gethan habe, machen kann, daß man mich aus Trianon wegschickt. Ich habe Nicole nicht in den Händen, Nicole hat mich in den Hängen. Oh! Wuth!«

Und die ganze Eitelkeit von Gilbert diente als Aufstachlungsmittel für seinen Haß und machte all sein Blut mit einer unerhörten Heftigkeit kochen.

Es kam ihm vor, als hätte Nicole durch ihren Eintritt in dieses Zimmer mit einem teuflischen Lächeln alle die glücklichen Träume daraus vertrieben, welche Gilbert von seiner Mansarde jeden Tag mit seinen Wünschen, mit seiner glühenden Liebe und mit seinen Blumen dahin sandte. Hatte Gilbert zu viel zu denken, um sich bis dahin mit Nicole zu beschäftigen, oder hatte er diesen Gedanken durch den Schrecken entfernt, den sie ihm einflößte? Das werden wir nicht entscheiden. Mit Gewißheit aber können wir versichern, daß der Anblick von Nicole für ihn eine wesentlich unangenehme Ueberraschung war.

Er fühlte wohl, es würde sich der Krieg zwischen ihm und Nicole früher oder später erklären; doch da Gilbert ein kluger und politischer Mann war, so sollte dieser Krieg nach seinem Willen nicht eher beginnen, als bis er im Stande wäre, ihn gut und energisch zu führen.

Er beschloß also, den Todten nachzumachen, bis ihm der Zufall eine günstige Gelegenheit geben würde, aufzuerstehen, oder bis Nicole aus Schwäche oder aus Bedürfniß einen Schritt gegen ihn wagte, durch den sie ihre Vortheile verlieren würde.

Deshalb hielt er sich, ganz Auge, ganz Ohr für Andrée, aber ohne Unterlaß vorsichtig, wachsam auf dem Laufenden über die inneren Angelegenheiten des ersten Zimmers vom Corridor, ohne daß ihm Nicole ein einziges Mal in den Gärten zu begegnen im Stande war. Zum Unglück von Nicole war diese nicht vorwurfsfrei, und wäre sie es auch für die Gegenwart gewesen, so fand sich doch in ihrer Vergangenheit ein Stein des Anstoßes, über den man sie stolpern machen konnte.

Dies geschah nach Verlauf von acht Tagen.

Gilbert, der am Abend, der in der Nacht lauerte, erblickte endlich durch das Gitter eine Hutfeder, die ihm nicht unbekannt war. Diese Feder plauderte zu Nicole von den unaufhörlichen Zerstreuungen, denn es war die von Herrn Beausire, welcher dem Hofe folgend von Paris nach Trianon ausgewandert war.

Lange Zeit spielte Nicole die Grausame, lange ließ sie Herrn Beausire in der Kälte schnattern, oder in der Hitze zerschmelzen, und diese Tugend brachte Gilbert in Verzweiflung; eines Abends jedoch, da Herr Beausire ohne Zweifel die Gränzen der mimischen Eloquenz überschritten und die Ueberredung gefunden hatte, benützte Nicole den Augenblick, wo Andrée im Pavillon mit Frau von Noailles speiste, um in den Hof hinabzugehen, und mit Herrn Beausire zusammenzukommen, der seinem Freund, dem Stallaufseher, ein kleines irländisches Pferd dressiren half.

Vom Hof ging man in den Garten, und vom Garten in die schattige Allee, welche nach Versailles führt.

Gilbert folgte dem Liebespaar mit der wilden Freude eines Tigers, der eine Spur wittert. Er zählte ihre Schritte, ihre Seufzer, lernte auswendig, was er von ihren Worten hörte, und man muß glauben, daß er mit dem Resultat sehr zufrieden war, denn am andern Morgen zeigte er sich frei von allem Zwang, wohlüberlegt und trällernd an seiner Mansarde, ohne daß er mehr von Nicole gesehen zu werden befürchtete, sondern im Gegentheil mit einer Miene, als trotzte er ihrem Blick. Diese stopfte an einem gestickten seidenen Fäustling ihrer Gebieterin; bei dem Lärmen seines Singens schaute sie empor und erblickte Gilbert.

Ihre erste Kundgebung war ein gewisses verächtliches Mundverziehen, das gar sauer aussah und auf eine Stunde nach ihrer feindseligen Stimmung roch  . . . Doch Gilbert hielt diesen Blick und diese Miene mit einem seltsamen Lächeln aus und legte so viel Herausforderndes in seine Haltung und seine Art und Weise zu singen, daß Nicole den Kopf senkte und erröthete.

»Sie hat mich begriffen,« sagte Gilbert; »das ist Alles, was ich wünschte.«

Seitdem sing er immer wieder dasselbe Manoeuvre an, und es war nun Nicole, welche zitterte; sie kam so weit, daß sie sich eine Zusammenkunft mit Gilbert wünschte, um ihr Herz von der Last zu erleichtern, das die ironischen Blicke des jungen Gärtners darauf geworfen hatten.

Gilbert bemerkte, daß man ihn suchte. Er konnte sich in dem kleinen trockenen Husten, der beim Fenster ertönte, wenn ihn Nicole in seiner Mansarde wußte, er konnte sich im Hin- und Hergehen des Mädchens im Corridor nicht täuschen, wenn es vermuthen durfte, er würde herabkommen oder hinaufgehen.

Einen Augenblick war er sehr glücklich durch diesen Triumph, den er ganz und gar seiner Charakterstärke und seinem Geist des Benehmens zuschrieb. Nicole lauerte so scharf auf ihn. daß sie ihn eines Tags seine Treppe hinaufsteigen sah; sie rief ihm, aber er antwortete nicht.

Nicole trieb ihre Neugierde und ihre Furcht noch weiter; sie zog eines Abends ihre hübschen Pantoffeln mit den hohen Absätzen, eine Erbschaft von Andrée, aus und wagte sich zitternd und rasch in den Dachstuhl, in dessen Hintergrund man die Thüre von Gilbert erblickte.

Es war noch hell genug, daß der Letztere, von dem Herannahen des Mädchens unterrichtet, Nicole deutlich durch die Spalten der Bretter unterscheiden konnte.

Sie klopfte an seine Thüre, wohl wissend, daß er im Zimmer war.

Gilbert antwortete nicht.

Es war dies indessen eine gefahrvolle Versuchung für ihn. Er konnte nach seinem Gefallen diejenige demüthigen, welche zu ihm kam. um sich seine Vergebung zu erbitten. Er war allein, glühend und schauernd jede Nacht bei der Erinnerung an Taverney, das Auge an die Thüre gedrückt, die bezaubernde Schönheit dieses wollüstigen Mädchens verschlingend; übermäßig aufgereizt durch die vorläufige Empfindung seiner Eitelkeit, erhob er schon die Hand, um den Riegel zu ziehen, den er mit seiner gewöhnlichen Vorsicht und Umsicht vorgeschoben hatte, um nicht überrascht zu werden.

»Nein,« sagte er zu sich selbst, »nein, es ist nur Berechnung bei ihr; aus Furcht und aus Interesse will sie mich bitten. Sie würde also etwas dabei gewinnen; wer weiß, was ich verlöre?«

Und auf diese Betrachtung hin, ließ er seine Hand wieder an seiner Seite herabfallen. Nicole aber entfernte sich, die Stirne faltend, nachdem sie zwei oder dreimal ein die Thüre geklopft hatte,

Gilbert bewahrte sich also alle seine Vortheile; Nicole verdoppelte ihre List, um die ihrigen nicht gänzlich zu verlieren. Endlich beschränkten sich so viele Pläne und Gegenminen auf folgende Worte, welche die zwei kriegführenden Parteien eines Abends vor der Thüre der Kapelle, wo sie der Zufall zusammenführte, austauschten:

»Ah! guten Abend, Herr Gilbert; Sie sind also hier?«

»Ei! guten Abend, Mademoiselle Nicole; Sie sind also in Trianon?«

»Wie Sie sehen, als Kammerjungfer des Fräuleins.«

»Und ich als Gärtnergehülfe.«

Hienach machte Nicole Gilbert einen schönen Knix, dieser grüßte sie wie ein Mann von Hof, und sie trennten sich.

Gilbert stieg in seine Wohnung hinauf und stellte sich, als ginge er seines Wegs.

Nicole kam aus ihrer Wohnung herab und setzte ihren Weg fort; nur kehrte Gilbert leise um und folgte Nicole, denn er dachte, sie würde wieder Herrn Beausire aufsuchen.

Unter dem Schatten der Allee wartete wirklich ein Mann; Nicole näherte sich ihm; es war schon zu düster, daß Gilbert Herrn Beausire erkennen konnte, und der Mangel der Feder machte ihn so neugierig, daß er Nicole nach ihrer Wohnung zurückkehren ließ und dem Unbekannten vom Rendezvous bis zum Gitter von Trianon folgte.

Es war nicht Herr Beausire, sondern ein Mann von einem gewissen Alter, mit der Tournure eines vornehmen Herrn und einem trotz vorgerückter Jahre lebhaften Gang; als sich ihm Gilbert, der mit einer großen Unverschämtheit beinahe unter seiner Nase vorüberging, näherte, erkannte er den Herzog von Richelieu.

»Pest!« sagte er, »nach dem Gefreiten der Marschall von Frankreich! Mademoiselle Nicole steigt im Grad.«

XCVI.
Die Parlamente

Während alle diese untergeordneten, unter den Linden und in den Blumen von Trianon ausgebrüteten Intriguen ein ziemlich belebtes Dasein für die Milben dieser kleinen Welt bildeten, öffneten die großen Intriguen der Stadt als drohende Stürme ihre weiten Flügel über dem Pallaste der Themis, wie Herr Jean Dubarry mythologischer Weise seiner Schwester schrieb.

Die Parlamente, ein entarteter Ueberrest der alten französischen Opposition, hatten unter der launenhaften Hand von Ludwig XV. wieder Luft geschöpft; doch seitdem war ihr Protector, Herr von Choiseul, gefallen; sie fühlten die Gefahr herannahen und schickten sich an, sie durch so energische Maßregeln, als es die Umstände erlaubten, zu beschwören.

Jede große allgemeine Erschütterung entzündet sich durch eine persönliche Frage, wie die großen Schlachten von ganzen Heeren mit den Gefechten vereinzelter Blänkler beginnen.

Seit Herr de la Chalotais, Herrn von Aiguillon um den Leib fassend, den Kampf der dritten Partei gegen die Feudalität persönlich gemacht hatte, beharrte der öffentliche Geist hiebei und duldete es nicht, daß die Frage verrückt wurde.

Der König aber, den das Parlament von Bretagne und von ganz Frankreich unter eine Sündfluth von mehr oder minder unterwürfigen und kindlichen Vorstellungen getaucht hatte, der König hatte in Folge des Einflusses von Madame Dubarry der Feudalität gegen die dritte Partei durch die Ernennung von Herrn von Aiguillon zum Commandeur seiner Chevauxlegers Recht gegeben.

Herr Jean Dubarry hatte sich ganz richtig darüber ausgedrückt, es war ein harter Backenstreich für die lieben und getreuen Herren Räthe vom Parlamentshof.

Wie würde dieser Backenstreich aufgenommen werden? Dies war die Frage, die sich der Hof und die Stadt jeden Morgen bei Sonnenaufgang stellten.

Die Leute vom Parlament sind geschickte Leute, und da, wo viele Andere in Verlegenheit gerathen, sehen sie klar.

Sie fingen damit an, daß sie sich unter sich über die Anwendung und das Resultat des Backenstreichs verständigten, wonach sie, als es sich bestimmt herausgestellt hatte, daß der Backenstreich gegeben und empfangen worden war, folgenden Entschluß faßten:

Der Parlamentshof wird sich über das Benehmen des Exgouverneur der Bretagne berathen und sofort seine Ansicht aussprechen.

Doch der König parirte den Schlag dadurch, daß er den Pairs und Prinzen das Verbot einschärfte, sich in den Palast zu begeben, um irgend einer Herrn von Aiguillon betreffenden Berathung beizuwohnen; diese Herren gehorchten buchstäblich.

Entschlossen, seine Sache selbst abzumachen, erließ das Parlament nun einen Spruch, in welchem es erklärte, daß der Herzog von Aiguillon verdächtig und beschuldigt verschiedener Handlungen und Thatsachen, welche seine Ehre besteckten, von seinen Functionen als Pair suspendirt werde, bis er sich durch ein vom Pairshof in den Formen und mit allen durch die Gesetze und Ordonanzen des Königreichs, welche nichts ergänzen könne, vorgeschriebenen Feierlichkeiten ausgesprochenes Urtheil völlig von den seine Ehre besteckenden Anklagen und Verdachtsgründen gereinigt habe.

Doch ein solcher Spruch im Parlamentshof vor den Interessirten gegeben und in die Register eingetragen war noch nichts, es bedurfte der Oeffentlichkeit, des allgemeinen Bekanntwerdens; es bedurfte jenes Scandals, den das Lied in Frankreich zu erheben nie sich scheut, wodurch das Lied souverän wird und Menschen und Ereignisse beherrscht. Man mußte diesen Bescheid zur Macht des Liedes emportreiben.

Paris wollte nichts Anderes, als sich bei dem Scandal betheiligen; wenig geneigt für den Hof, wenig für das Parlament, erwartete dieses in beständiger Aufwallung begriffene Paris einen guten Stoss zum Lachen, als Uebergang von all den Gegenständen der Thränen, die man ihm seit hundert Jahren lieferte.

Der Spruch war also in gehöriger Form abgefaßt; das Parlament ernannte Commissäre, um ihn vor ihren Augen drucken zu lassen. Man zog zehn tausend Exemplare davon ab, deren Vertheilung in einem Augenblick angeordnet war.

Wonach, da den Formen gemäß der Hauptbetheiligte von dem, was der Parlamentshof mit ihm machte, unterrichtet werden mußte, ebendieselben Commissäre sich nach dem Hotel des Herrn Herzogs von Aiguillon begaben, der zu einer gebieterischen Zusammenkunft so eben in Paris eingetroffen war. Diese Zusammenkunft hatte keinen andern Zweck, als eine nothwendig gewordene, offene und unumwundene Erklärung zwischen dem Herzog und dem Marschall, seinem Oheim.

Durch die Thätigkeit von Rafté hatte ganz Versailles in einer Stunde den edlen Widerstand des alten Herzogs gegen die Befehle des Königs in Beziehung auf das Portefeuille von Herrn von Choiseul erfahren. Durch Versailles erfuhr ganz Paris und ganz Frankreich dieselbe Neuigkeit, so daß sich Herr von Richelieu seit einiger Zelt auf den Schild der Volksthümlichkeit erhoben sah, von wo aus er Madame Dubarry und selbst seinem theuren Neffen politische Grimassen machte.

Diese Stellung war nicht gut für den bereits schon sehr unpopulären Herrn von Aiguillon. Der Marschall, so verhaßt beim Volk, aber gefürchtet, weil er der lebendige Ausdruck des unter Ludwig XV. so geachteten und so achtenswerthen Adels war; der Marschall, so veränderlich, daß man ihn, nachdem er eine Partei erwählt hatte, ohne Schonung darüber herfallen sah, wenn es die Umstände erlaubten, oder wenn ein Witz daraus entspringen konnte, Richelieu, sagen wir, war ein ärgerlicher Freund, um ihn zu behalten, um so mehr, als die schlimmere Seite seiner Feindschaft darin bestand, daß er an sich hielt, um das zu machen, was er Ueberraschungen nannte.

Der Herzog von Aiguillon hatte seit seiner Zusammenkunft mit Madame Dubarry zwei Blößen am Panzer. Da er errieth, was Alles Richelieu an Groll und Rachgier unter der scheinbaren Gleichheit seiner Laune verbarg, so that er, was man im Falle eines Sturmes thun muß: er zersprengte die Wettersäule mit Kanonenschüssen, überzeugt, die Gefahr wäre minder groß, wenn man sich ihr entgegenwerfen würde.

Er bemühte sich also, seinen Oheim überall aufzusuchen, um eine ernste Unterredung mit ihm zu pflegen; doch nichts war so schwierig, seitdem der Marschall seinen Wunsch gewittert hatte.

Es begannen Märsche und Gegenmärsche; sobald der Marschall seinen Neffen von fern erblicke, schoß er ihm wie einen Pfeil ein Lächeln zu, und umgab sich sogleich mit Leuten, welche jede Verbindung unmöglich machten; er trotzte so dem Feinde wie in einer uneinnehmbaren Festung.

Der Herzog von Aiguillon zersprengte die Wettersäule.

Aber Rafté, der an seinem kleinen Fenster im Hotel, das auf den Hof ging, Schildwache stand, erkannte die Livree des Herzogs und benachrichtigte seinen Herrn.

Der Herzog drang bis in das Schlafzimmer des Marschalls; er fand hier Rafté, der mit einem ganz von Vertraulichkeit angeschwollenen Lächeln die Indiscretion beging, diesem Neffen zu erzählen, sein Oheim habe die Nacht außerhalb des Hotels zugebracht.

Herr von Aiguillon biß sich auf die Lippen und nahm einen guten Rückzug.

Sobald er zu Hause war, schrieb er an den Marschall und bat ihn um eine Audienz.

Der Marschall konnte vor einer Antwort nicht zurückweichen. Er konnte, wenn er antwortete, die Audienz nicht verweigern, und wenn er die Audienz bewilligte, wie sollte er eine gute Erklärung verweigern? Herr von Aiguillon glich zu sehr jenen höflichen, artigen Raufern, welche ihre schlimmen Absichten unter einer bewunderungswürdigen Freundlichkeit verbergen, ihren Mann unter Verbeugungen auf den Kampfplatz führen und hier ohne Barmherzigkeit niederstechen.

Der Marschall war nicht eitel genug, um sich eine Illusion zu machen, er kannte die ganze Stärke seines Neffen. Einmal ihm gegenüber, würde ihm dieser Widersacher entweder eine Verzeihung oder eine Einräumung entreißen. Richelieu aber verzieh nie, und Einräumungen einem Feinde gegenüber sind stets Todfehler in der Politik.

Er stellte sich also beim Empfang des Briefes von Aiguillon, als hätte er Paris auf mehrere Tage verlassen.

Rafté, den er über diesen Punkt um Rath fragte, sprach seine Ansicht dahin aus:

»Wir sind auf dem Weg, Herrn von Aiguillon zu Grunde zu richten. Unsere Freunde in den Parlamenten machen das Geschäft ab. Kann Herr von Aiguillon, der dies vermuthet, Ihrer vor der Explosion habhaft werden, so wird er Ihnen das Versprechen entreißen, ihm im Falle eines Unglücke beizustehen, denn Ihre Empfindlichkeit ist eine von denjenigen, welche Sie nicht laut vor einem Familieninteresse können geltend machen; weigern Sie sich im Gegentheil, so geht Herr von Aiguillon, nennt Sie seinen Feind, schreibt Ihnen das Uebel zu, und er geht erleichtert, wie man es immer ist, so oft man die Ursache des Uebels gefunden hat, wenn auch das Uebel nicht geheilt ist.«

»Das ist vollkommen richtig,« erwiederte Richelieu, »doch ich kann mich nicht ewig verbergen. Wie viele Tage vor der Explosion?«

»Sechs, gnädigster Herr.«

»Ist das sicher?«

Rafté zog aus seiner Tasche einen Brief von einem Rath im Parlament. Dieser Brief enthielt nur folgende zwei Zellen:

»Es ist entschieden, daß der Spruch gefällt werden soll. Donnerstag wird die letzte von dem Gerichtscollegium anberaumte Frist sein.«

»Dann ist nichts einfacher,« sagte der Marschall. »Schicke dem Herzog seinen Brief mit einem Billet von Deiner Hand zurück,«

»Herr Herzog!«

» ‚Sie werden die Abreise des Herrn Marschalls nach *** erfahren haben. Diese Luftveränderung ist von dem Arzt des Herrn Herzogs, der ihn ein wenig ermüdet findet, als unerläßlich errachtet worden. Wenn Sie, wie ich nach dem glaube, was Sie mir kürzlich zu sagen mich beehrten, den Herrn Marschall zu sprechen wünschen, so kann ich Sie versichern, daß Donnerstag Abend der Herr Herzog, von *** zurückkehrend, in seinem Hotel in Paris schlafen wird, wo Sie ihn unfehlbar finden.’ «

»Und nun,« fügte der Marschall bei, »nun verbirg mich irgendwo bis Donnerstag.«

Rafté befolgte pünktlich diese Instruction. Das Billet wurde geschrieben und abgesandt. Das Versteck war bald gefunden, nur ging der Herr Herzog von Richelieu, der sich ungemein langweilte, eines Abends aus, um Nicole in Trianon zu sprechen. Er wagte nichts, oder er glaubte nichts zu wagen, da er wußte, daß der Herr Herzog von Aiguillon im Pavillon von Luciennes war.

Aus diesem Manoeuvre ging hervor, daß Herr von Aiguillon, wenn er etwas vermuthete, wenigstens dem Schlag, von dem er bedroht war, nicht zuvorkommen konnte, da ihm der Degen seines Feindes entging, dem er hätte müssen begegnen können.

Die Frist von Donnerstag befriedigte ihn, er reiste an diesem Tag von Versailles in der Hoffnung ab, endlich diesen ungreifbaren Widersacher zu treffen und zu bekämpfen.

Es war, wie gesagt, an dem Tag, wo das Parlament seinen Spruch erlassen hatte.

Eine noch dumpfe, aber für den Pariser, der das Niveau seiner Wellen so gut kennt, verständliche Gährung herrschte in den großen Straßen, durch welche der Wagen von Herrn von Aiguillon fuhr.

Man schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, denn er war so vorsichtig, in einem Wagen ohne Wappen mit zwei Grauschimmeln zu fahren, als ob es sich um ein Liebesabenteuer handelte.

Er sah wohl da und dort geschäftige Leute, die sich ein . Papier zeigten, es unter vielen Gesticulationen lasen und in Gruppen wirbelten, wie Ameisen um ein Stückchen Zucker, das zur Erde gefallen ist; doch es war dies die Zeit der harmlosen Bewegungen: das Volk gruppirte sich so wegen einer Getreidetaxe, wegen eines Artikels der holländischen Zeitung, wegen eines Verses von Voltaire, oder wegen eines Liedes gegen die Dubarry oder gegen Herrn von Maupeou.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
Telif hakkı:
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