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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 65

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Herr von Aiguillon begab sich geradezu nach dem Hotel von Herrn von Richelieu. Er fand nur Rafté.

Der Herr Marschall, sagte dieser, werde jeden Augenblick erwartet: irgend eine Zögerung der Post halte ihn an den Barrieren zurück.

Herr von Aiguillon beschloß zu warten, während er einige böse Laune gegen Rafté kundgab, denn er nahm die Entschuldigung als eine neue Niederlage.

Es war noch viel schlimmer, als ihm Rafté erwiederte: der Marschall würde, wenn er zurückkäme, in Verzweiflung sein, daß man Herrn von Aiguillon habe warten lassen; er dürfte überdies nicht in Paris schlafen, wie es Anfangs verabredet gewesen; ohne. Zweifel würde er nicht allein vom Lande zurückkommen und nur durch Paris fahren und dabei die Neuigkeiten von seinem Hotel mitnehmen. Herr von Aiguillon dürfte deshalb wohl daran thun, nach Hause zurückzukehren, wo ihn sodann der Marschall im Vorbeifahren einen Augenblick aufsuchen würde.

»Hören Sie, Rafté,« sagte Herr von Aiguillon, der während dieser dunklen Erklärung sehr düster geworden war, »Sie sind das Gewissen meines Oheims, antworten Sie als ehrlicher Mann. Man hintergeht mich, nicht wahr, und der Herr Marschall will mich nicht sehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Rafté, Sie sind oft für mich ein guter Rath gewesen, und ich konnte für Sie sein, was ich abermals sein werde, ein guter Freund; soll ich nach Versailles zurückkehren?«

»Herr Herzog, auf Ehre, Sie werden, ehe eine Stunde vergeht, den Besuch des Herrn Marschalls empfangen.«

»Da warte ich aber lieber hier, da er zurückkommen wird.«

»Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen, er werde vielleicht nicht allein kommen.«

»Ich verstehe  . . . und ich habe Ihr Wort, Rafté.«

Hienach entfernte sich der Herzog ganz träumerisch, aber mit einer so edlen und so anmuthigen Miene, daß das Gesicht des Marschalls, als er nach dem Abgang seines Neffen aus einem mit einer Glasthüre versehenen Cabinet hervorkam, gerade den Gegensatz davon bildete.

Der Marschall lächelte wie einer von jenen häßlichen Dämonen, welche Callot in seine Versuchungen eingestreut hat.

»Er vermuthet nichts, Rafté,« sagte er.

»Nichts, Monseigneur.«

»Wie viel Uhr ist es?«

»Die Stunde thut nichts zur Sache, Monseigneur, man muß warten, bis unser kleiner Anwalt vom Chatelet mich benachrichtigt hat. Die Commissäre sind noch beim Drucken.«

Rafté hatte noch nicht vollendet, als ein Kammerdiener durch eine geheime Thüre einen ziemlich fettigen, ziemlich häßlichen, ziemlich schwarzen Menschen, eine von jenen lebendigen Federn eintreten ließ, gegen welche Herr Dubarry eine so heftige Antipathie äußerte.

Rafté schob den Marschall ins Cabinet und ging diesem Menschen lächelnd entgegen,

»Ah! Sie sind es, Meister Flageot!« sagte er, »Ihr Besuch entzückt mich.«

»Ihr Diener, Herr von Rafté; nun, die Sache ist gethan.«

»Es ist gedruckt?«

»Und fünftausendmal abgezogen. Die ersten Proben laufen schon durch die Stadt, die andern trocknen.«

»Welch ein Unglück, lieber Herr Flageot, welche Verzweiflung für die Familie des Herrn Marschalls.«

Um sich des Antwortens, daß heißt des Lügens zu überheben, zog Herr Flageot aus seiner Tasche eine große silberne Dose, aus der er langsam eine Prise spanischen Taback schnupfte.

»Und was macht man hernach?« fuhr Rafté fort.

»Die Form, lieber Herr Rafté. Sicher des Abzugs und der Vertheilung, werden die Herren Commissäre unmittelbar in den Wagen steigen, der sie vor der Thüre der Druckerei erwartet, um den Spruch dem Herrn Herzog von Aiguillon mitzutheilen, welcher sich gerade, sehen Sie das Glück, nämlich das Unglück, Herr Rafté, in seinem Hotel in Paris befindet, wo man mit seiner Person wird sprechen können.«

Rafté machte eine ungestüme Bewegung, um auf einem Schrank einen ungeheuren Aktensack zu erreichen, den er Meister Flageot mit den Worten übergab:

»Hier sind die Aktenstücke, von denen ich sprach, mein Herr: Monseigneur der Marschall hat das größte Vertrauen zu Ihren Einsichten und überläßt Ihnen diese Angelegenheit, welche sehr vortheithaft für Sie sein muß. Ich danke Ihnen für Ihre guten Dienste bei diesem beklagenswerthen Conflict von Herrn von Aiguillon mit dem allmächtigen Parlament von Paris, meinen Dank für Ihren guten Rath.«

Und er schob Meister Flageot, der über seine Aktenlast entzückt war, sanft, aber mit einer gewissen Hast nach der Thüre des Vorzimmers.

Dann befreite er sogleich den Marschall aus seinem Gefängniß und sagte zu ihm:

»Vorwärts, gnädigster Herr, zu Wagen! Sie haben keine Zelt zu verlieren, wenn Sie der Vorstellung beiwohnen wollen. Lassen Sie Ihre Pferde rascher gehen, als die der Herren Commissäre.«

XCVII.
Worin nachgewiesen wird, daß der Weg zum Ministerium nicht mit Rosen bestreut ist

Die Pferde von Herrn von Richelieu gingen rascher, als die der Herren Commissäre, und der Marschall fuhr folglich zuerst in den Hof des Hotel Aiguillon.

Der Herzog erwartete seinen Oheim nicht mehr und schickte sich an, nach Luciennes zurückzufahren, um Madame Dubarry mitzutheilen, der Feind habe sich entlarvt; doch der Huissier, der den Marschall meldete, erweckte diesen entmuthigten Geist aus seiner Erstarrung.

Der Herzog lief seinem Oheim entgegen und nahm seine Hände mit einer Affectation von Zärtlichkeit, welche ganz daß Maaß der Furcht hielt, die er gehabt hatte.

Der Marschall gab sich hin wie der Herzog: das Gemälde war rührend. Man sah jedoch Herrn von Aiguillon den Augenblick der Erklärungen beschleunigen, während ihn der Marschall, so gut er konnte, verschob, indem er bald ein Gemälde, bald ein Bronze, bald ein Tapetenwerk anschaute, und sich dabei über eine tödtliche Müdigkeit beklagte.

Der Herzog schnitt den Rückzug seinem Oheim kurz ab, indem er ihn in einen Lehnstuhl einschloß, wie Herr von Billars den Prinzen Eugen in Marchiennes eingeschlossen hatte, und als Angriff zu ihm sagte:

»Mein Oheim, ist es wahr, daß Sie, der geistreichste Mann von Frankreich, mich schlecht genug beurtheilt haben, um zu glauben, ich treibe den Egoismus nicht für uns Beide?’’

Es ließ sich nicht mehr zurückweichen. Richelieu faßte seinen Entschluß.

»Was sagst Du da,« erwiederte er. »und worin siehst Du, daß ich Dich gut oder schlecht beurtheilt habe, mein Lieber?«

»Mein Oheim. Sie schmollen mit mir?«

»Ich, worüber?«

»Oh! keine solche Ausweichungen, Herr Marschall; Sie vermeiden mich, während ich Ihrer bedarf, damit ist Alles gesagt.«

»Auf Ehre, ich begreife nicht.«

»So will ich es Ihnen erklären. Der König wollte Sie nicht zum Minister ernennen, und da ich annahm, ich nämlich die Chevauxlegers, so vermuthen Sie, ich habe Sie verlassen, verrathen. Die liebe Gräfin, die Sie so sehr in ihrem Herzen trägt!«

Hier horchte Richelieu, doch nicht allein auf die Worte seines Neffen.

»Du sagst mir, sie trage mich im Herzen, die liebe Gräfin?« fragte er.

»Und ich werde es beweisen.«

»Mein Theurer, ich bezweifle es nicht. Ich lasse Dich kommen, um mit mir am Rad zu treiben. Du bist jünger, folglich stärker; es gelingt Dir, ich scheitere; das ist in der Ordnung, und bei meiner Treue, ich begreife nicht, warum Du alle diese Bedenklichkeiten fassest; hast Du in meinen Interessen gehandelt, so billige ich es hundertmal; hast Du gegen mich gehandelt, nun! so werde ich Dir den Puff zurückgeben  . . . Verdient dies, daß man sich darüber erklärt?«

»Mein Oheim, in der That  . . .«

»Du bist ein Kind, Herzog. Deine Stellung ist herrlich: Pair von Frankreich, Herzog, Commandant der Chevauxlegers, in sechs Wochen Minister, mußt Du über jeder gemeinen Erbärmlichkeit stehen; der Erfolg spricht frei, mein liebes Kind. Nimm an  . . . ich liebe die Apologe  . . . nimm an, wir seien die zwei Maulthiere aus der Fabel  . . . Aber was höre ich denn da unten?«

»Nichts, mein Oheim, fahren Sie fort.«

»Doch, ich höre einen Wagen im Hof.«

»Mein Oheim, unterbrechen Sie sich nicht, ich bitte Sie; Ihre Rede interessirt mich über alle Maßen; ich liebe auch die Apologe.«

»Nun wohl, mein lieber, ich wollte Dir sagen, Du werdest im Glück nie den Vorwurf Dir gegenüber finden, nie den Aerger der Neidischen zu befürchten haben; doch wenn Du hinkst, wenn Du lahm gehst  . . . ah! Teufel! nimm Dich in Acht, von diesem Augenblick greift der Wolf an; doch siehst Du, ich sagte es Dir wohl, es ist Geräusch in Deinen Vorzimmern; man kommt ohne Zweifel, um Dir das Portefeuille zu überbringen. Die kleine Gräfin wird für Dich im Alkoven gearbeitet haben.«

Der Huissier trat ein.

»Die Herren Commissäre des Parlaments,« sagte er unruhig.

»Sieh!« machte Richelieu.

»Commissäre der Parlaments hier? Was will man von mir?« erwiederte der Herzog, wenig beruhigt durch das Lächeln seines Oheims.

»Auf Befehl des Königs!« sprach eine sonore Stimme am Ende des Vorzimmers.

»Oh! oh!« rief Richelieu.

Herr von Aiguillon stand ganz bleich auf und trat auf die Schwelle des Salon, um selbst die zwei Commissäre einzuführen, hinter denen zwei Huissiers mit unempfindlichen Gesichtern und dann eine Legion von erschrockenen Dienern erschienen.

»Was will man von mir?« fragte der Herzog mit bewegter Stimme.

»Haben wir die Ehre, mit dem Herrn Herzog von Aiguillon zu sprechen?« sagte einer von den Commissären.

»Ich bin der Herzog von Aiguillon, ja, meine Herren.«

Sogleich zog der Commissär mit einer tiefen Verbeugung aus seinem Gürtel eine Akte in guter Form, die er mit lauter und verständlicher Stimme vorlas. Es war der ausführliche und vollständige Spruch, der den Herzog von Aiguillon als ernstlich verdächtig und beschuldigt verschiedener Handlungen und Thatsachen, die seine Ehre befleckten, erklärte und ihn von seinen Functionen als Pair des Reiches suspendirte.

Der Herzog hörte diese Vorlesung. wie ein vom Blitz getroffener Mensch das Rollen des Donners hört. Er rührte sich nicht mehr als eine Bildsäule auf einem Piedestal und streckte nicht einmal die Hand aus, um die Abschrift des Spruches zu nehmen, die ihm der Commissär des Parlaments bot.

Es war der Marschall, der, ebenfalls stehend, aber munter und behende, das Papier nahm und den Gruß der Räthe erwiederte.

Diese waren schon fern, als der Herzog noch in demselben Erstaunen verharrte.

»Das ist ein harter Schlag,« sagte Richelieu; »Du bist nicht mehr Pair von Frankreich, das ist demüthigend.«

Der Herzog wandte sich gegen seinen Oheim um, als ob er jetzt erst das Leben und den Gedanken wieder bekommen hätte.

»Du warst nicht hierauf gefaßt?« sagte Richelieu mit demselben Ton.

»Und Sie, mein Oheim?« entgegnete Aiguillon.

»Wie soll man vermuthen, das Parlament werde so hart auf den Günstling des Königs und der Favoritin einschlagen  . . . Diese Leute werden machen, daß man sie zu Staub zermalmt.«

Der Herzog setzte sich, die Hand auf seiner brennenden Wange.

»Siehst Du,« fuhr der alte Marschall, den Dolch tiefer in die Wunde drückend, fort, »wenn Dich das Parlament der Pairie entsetzt, weil Du zum Commandeur der Chevauxlegers ernannt worden bist, so wird es am Tage Deiner Ernennung zum Minister Deine Verhaftung decretiren und Dich zum Feuertod verurtheilen.«

Der Herzog hielt diesen furchtbaren Spott mit der Standhaftigkeit eines Helden aus; sein Unglück erhöhte ihn, es läuterte seine Seele.

Richelieu glaubte, diese Sündhaftigkeit wäre Unempfindlichkeit, Unverstand vielleicht, und die Stiche wären nicht tief genug gegangen.

»Da Du nicht mehr Pair bist,« sagte er, »so bist Du vielleicht weniger dem Haß dieser Schwarzröcke ausgesetzt  . . . flüchte Dich auf einige Jahre in die Dunkelheit. Siehst Du übrigens, die Dunkelheit, Deine Schutzwache, wird Dir zukommen, ohne daß Du es willst: Deiner Functionen als Pair entsetzt, gelangst Du schwieriger zum Ministerium, das wird Dich aus der Verlegenheit ziehen, während Du, wenn Du kämpfen willst, mein Freund  . . . Du hast Madame Dubarry für Dich, sie trägt Dich im Herzen und das ist eine solide Stütze.«

Herr von Aiguillon stand auf. Er gab dem Marschall nicht einmal einen Blick des Zornes für alle die Leiden zurück, die er ihn ausstehen ließ.

»Sie haben Recht, mein Oheim,« erwiederte er ruhig, »und Ihre Weisheit leuchtet in dieser letzten Ansicht durch. Die Frau Gräfin Dubarry, der Sie mich vorzustellen die Güte hatten, und der Sie so viel Gutes mit so viel Heftigkeit von mir sagten, daß Jedermann in Luciennes davon Zeugschaft leisten kann, die Frau Gräfin Dubarry wird mich vertheidigen. Sie liebt mich, Gott sei Dank, sie ist muthig und hat jede Gewalt über den Geist Seiner Majestät. Ich danke, mein Oheim, für Ihren Rath und flüchte mich in denselben, wie in einen Rettungshafen. Meine Pferde, Bourguignon, nach Luciennes!«

Der Marschall blieb gleichsam in einem untermalten Lächeln.

Herr von Aiguillon verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor seinem Oheim und entfernte sich aus dem Salon, wo er den Marschall sehr intriguirt und über Alles verwirrt durch die Erbitterung zurückließ, mit der er in dieses edle, lebendige Fleisch gebissen hatte.

Es lag einiger Trost für den alten Marschall in der tollen Freude der Pariser, als sie am Abend die zehn tausend Exemplare vom Spruch lasen, die man sich auf den Straße aus den Händen riß. Doch er konnte sich eines Seufzers nicht erwehren, als ihm Rafté Rechenschaft von seinem Abend abforderte.

Er erzählte ihm denselben jedoch, ohne etwas zu verschweigen.

»Der Stoß ist also parirt?« fragte der Secretaire.

»Ja oder nein, Rafté; doch der Stoß ist nicht tödtlich und wir haben in Trianon etwas Besseres, was ich nicht einzig und allein gepflegt zu haben mir zum Vorwurf mache. Wir haben zwei Hasen gejagt, Rafté  . . . das ist eine große Thorheit  . . .«

»Warum, wenn man den guten nimmt?« erwiederte Rafté.

»Ei! mein Lieber, der gute, erinnere Dich dessen, ist stets derjenige, welchen man nicht genommen hat, und für den, welchen man nicht hat, würde man immer den andern, nämlich den, welchen man in seinen Händen hält, geben.«

Rafté zuckte die Achseln, und dennoch hatte Herr von Richelieu nicht Unrecht.

»Sie glauben, Herr von Aiguillon werde da herauskommen?« sagte er.

»Glaubst Du, daß der König herauskommt, Einfaltspinsel?«

»Oh! der König macht überall ein Loch; doch es handelt sich nicht mehr um den König, so viel ich weiß.«

»Wo der König durchkommt, wird auch Madame Dubarry durchkommen, welche so nahe am König hält  . . . Und wo Madame Dubarry durchgekommen ist, wird auch Herr von Aiguillon durchkommen. Doch Du verstehst Dich nicht auf Politik.«

»Monseigneur, das ist nicht die Ansicht von Meister Flageot.«

»Gut! was sagt dieser Meister Flageot? Und wer ist das vor Allem?«

»Es ist ein Anwalt, gnädigster Herr.«

»Hernach?«

»Nun! Herr Flageot behauptet, der König selbst werde sich nicht herausziehen.«

»Oh, oh! wer wird dem Löwen ein Hinderniß entgegenstellen?«

»Monseigneur, die Ratte wird es sein.«

»Meister Flageot also?«

»Er sagt, ja.«

»Und Du glaubst es?«

»Ich glaube immer einem Anwalt, der das Böse zu thun verspricht.«

»Wir werden sehen, Rafté, welche Mittel Meister Flageot besitzt.«

»Das sage ich mir auch, Monseigneur.«

»Komm zum Abendbrod, damit ich mich niederlegen kann. Es hat mich ganz umgedreht, sehen zu müssen, daß mein armer Neffe nicht mehr Pair von Frankreich ist und nicht Minister werden soll. Man ist Oheim, Rafté, oder ist es nicht.«

Herr von Richelieu seufzte ein wenig und lachte sodann.

»Sie haben doch wohl das, was man braucht um Minister zu sein.« sagte Rafté.

XCVIII.
Herr von Aiguillon nimmt sich seine Genugthuung

Am andern Morgen nach dem Tage, wo der furchtbare Spruch des Parlaments Paris und Versailles mit Lärmen erfüllt hatte, als Jedermann in großer Erwartung lebte, was die Folge dieses Spruches sein würde, sah Herr von Richelieu, der sich nach Versailles begeben und sein regelmäßig unregelmäßiges Lehen wieder begonnen hatte, Rafté einen Brief in der Hand haltend bei sich eintreten.

Der Secretaire roch an diesem Brief und wog ihn mit einer Unruhe ab, die sich rasch seinem Herrn mittheilte.

»Was ist das wieder, Rafté?« fragte der Marschall.

»Monseigneur, ich bilde mir ein, es ist etwas nicht sehr Angenehmes in diesem Briefe enthalten.«

»Warum bildest Du Dir das ein?«

»Weil der Brief von Herrn von Aiguillon ist.«

»Ah! ah!« machte der Herzog, »von meinem Neffen.«

»Ja, Herr Marschall; am Ende der Sitzung des königlichen Rathes kam ein Huissier der Kammer und brachte mir dieses Schreiben für Sie; seit zehn Minuten drehe ich es hin und her und kann mich nicht erwehren, eine schlimme Nachricht darin zu sehen.«

Der Herzog streckte die Hand aus.

»Gib,« sagte er, »ich bin muthig.«

»Ich bemerke Ihnen,« unterbrach ihn Rafté, »daß der Huissier, als er mir das Papier übergab, aus vollem Halse lachte.«

»Teufel! das ist beunruhigend; gib immerhin,« erwiederte der Marschall.

»Und daß er beifügte: ‚der Herr Herzog von Aiguillon empfiehlt, dem Herrn Marschall diese Botschaft auf der Stelle zu übergeben.’ «

»Schmerz! du kannst nicht verlangen, daß ich behaupte, du seist ein Uebel!« rief der alte Marschall, das Siegel mit fester Hand erbrechend.

Und er las.

»Ei! ei! Sie machen Grimassen,« sagte Rafté, der als Beobachter die Hände auf den Rücken legte.

»Ist es möglich!« murmelte Richelieu unter dem Lesen.

»Das ist ernst, wie es scheint?«

»Du siehst ganz entzückt aus?«

»Gewiß, ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe.«

Der Marschall las weiter.

»Der König ist gut,« sagte er nach einem Augenblick.

»Er ernennt Herr von Aiguillon zum Minister?«

»Noch etwas Besseres.«

»Oh! oh! was denn?«

»Lies und erkläre.«

Rafté las den Brief ebenfalls; er war eigenhändig vom Herzog geschrieben und in folgenden Worten abgefaßt:

»Mein lieber Oheim,

Ihr Rath hat Früchte getragen: ich habe meinen Kummer der vortrefflichen Freundin Ihres Hauses, der Frau Gräfin Dubarry, anvertraut, welche mein Geständniß in den Busen Seiner Majestät niederzulegen die Güte hatte. Der König war entrüstet über die Gewaltthätigkeit der Herren vom Parlamente gegen mich, der ich mich so getreulich seinem Dienste gewidmet habe, und noch in seinem Rath vom heutigen Tage hat Seine Majestät den Spruch des Parlaments cassirt und mich beauftragt, meine Functionen als Pair von Frankreich fortzusetzen; mein lieber Oheim. da ich weiß, welch ein großes Vergnügen Ihnen diese Nachricht bereitet. so überschicke ich Ihnen den Inhalt der Entscheidung, welche Seine Majestät heute im Rathe genommen hat. Ich habe sie durch einen Secretaire abschreiben lassen, und Sie erhalten Mittheilung davon vor irgend Jemand in der Welt.

Wollen Sie der Versicherung meiner zärtlichen Ehrfurcht glauben, mein lieber Oheim, und mich fortwährend mit Ihrer Gunst und Ihren guten Rathschlägen erfreuen.

»Herzog, von Aiguillon.«

»Er treibt noch obendrein sein Gespötte mit mir,« rief Richelieu.

»Meiner Treue, ich glaube es auch, Monseigneur.«

»Der König! der König! er wirft sich in das Wespennest!«

»Sie wollten gestern nicht glauben.«

»Ich habe nicht gesagt, er würde sich nicht hineinwerfen, Herr Rafté, ich habe gesagt, er würde sich herausziehen  . . . Du siehst aber, daß er sich herauszieht.«

»Das Parlament ist unleugbar geschlagen.«

»Und ich auch.«

»Für den Augenblick, ja.«

»Für immer! Gestern halte ich ein Vorgefühl, und Du tröstetest mich so sehe, daß mir nothwendig Unannehmlichkeiten zustoßen mußten.«

»Gnädigster Herr. Sie lassen sich ein wenig zu früh entmuthigen, wie mir scheint.«

»Meister Rafté, Sie sind ein Dummkopf. Ich bin geschlagen und werde die Buße bezahlen. Sie begreifen vielleicht nicht Alles, was Unangenehmes für mich darin liegt, daß ich zu dieser Stunde das Gelächter von Luciennes bin: der Herzog verspottet mich in den Armen von Madame Dubarry, Mademoiselle Chon und Herr Jean Dubarry, verhöhnen mich, und der Neger stopft sich voll mit Bonbons und schlägt mir dabei ein Schnippchen. Alle Teufel! ich habe einen guten Charakter, doch diese ganze Geschichte macht mich wüthend.« »Wüthend, Monseigneur?« »Ich habe das Wort gesagt, wüthend.« »Dann hätten Sie nicht thun sollen, was Sie gethan haben,« erwiederte philosophisch Rafté.

»Sie haben mich dazu angetrieben, mein Herr Secretaire.«

»Ich?«

»Ja. Sie.«

»Ei! was liegt mir daran, ob Herr von Aiguillon Pair von Frankreich ist, oder nicht ist, frage ich Sie. Monseigneur? Ihr Neffe thut mir keinen Eintrag, wie mir scheint.«

»Herr Rafté, Sie sind ein Unverschämter.« »Das sagen Sie mir seit neun und vierzig Jahren, gnädigster Herr.«

»Und ich werde es Ihnen wiederholen.«

»Nicht neun und vierzig Jahre, das beruhigt mich.«

»Rafté, so nehmen Sie meine Interessen?«

»Die Interessen Ihrer kleinen Leidenschaften, Herr Herzog, nein, niemals  . . . Obgleich Sie ein Mann von Geist sind, begehen Sie doch Albernheiten, die ich einem Pedanten, wie ich bin, nicht verzeihen würde.«

»Erklären Sie sich, Herr Rafté, und wenn ich Unrecht habe, werde ich es zugestehen.«

»Sie bedurften gestern einer Rache, nicht wahr? Sie wollten die Demüthigung Ihres Neffen sehen. Sie wollten ihm gleichsam den Spruch des Parlaments überbringen und die Zuckungen und Bebungen Ihres Opfers anschauen, wie Herr von Crebillon, der Sohn, sagt. Ei! Herr Marschall, dergleichen Schauspiele bezahlt man theuer; solche Befriedigungen kosten viel  . . . Sie sind reich, bezahlen Sie, Herr Marschall, bezahlen Sie.«

»Was hätten Sie an meiner Stelle gethan, lassen Sie hören, mein Herr Schöngeist?«

»Nichts  . . . ich hätte gewartet, ohne ein Lebenszeichen von mir zu geben.«

Ein Knurren des Marschalls war dessen Antwort.

»Nun,« fuhr Rafté fort, »das Parlament war gehörig von Ihnen beohrfeigt, um zu thun, was es gethan hat; als der Spruch gefällt war, boten Sie Ihre Dienste Ihrem Neffen an, der nichts vermuthet hatte.«

»Das war schön und gut, und ich gebe zu, daß ich Unrecht hatte; doch dann hätten Sie mich warnen sollen.«

»Ich, das Vollbringen des Schlimmen verhindern! Sie nehmen mich für einen Andern, Herr Marschall; Sie wiederholen gegen Jedermann, ich sei Ihre Creatur, Sie haben mich dressirt, und Sie wollen, ich soll nicht entzückt fein, wenn ich eine Albernheit begehen oder ein Unglück kommen sehe! . . . Stille doch!«

»Es wird also ein Unglück geschehen, Herr Zauberer?«

»Welches?«

»Sie werden hartnäckig sein, und Herr von Aiguillon wird das Gelenk zwischen dem Parlament und Madame Dubarry fassen; an diesem Tag wird er Minister, und Sie werden verbannt  . . . oder in der Bastille sein.«

Der Marschall warf aus Wuth den ganzen Inhalt seiner Tabaksdose auf den Teppich.

»In der Bastille!« rief er, die Achseln zuckend: »ist Ludwig XV. Ludwig XIV.?«

»Nein; doch Madame Dubarry wird, durch Herrn von Aiguillon verdoppelt, Frau von Maintenon an Stärke gleichkommen. Nehmen Sie sich in Acht, ich kenne heut zu Tage keine Prinzessin von Geblüt, die Ihnen Bonbons und den Gänsepfeffer dahin, bringen wird.«

»Das sind genug Vorzeichen,« erwiederte der Marschall nach langem Stillschweigen  . . . »Sie lesen in der Zukunft; doch sprechen Sie von der Gegenwart, wenn’s beliebt?«

»Der Herr Marschall ist zu weise, als daß man ihm Rachschläge geben könnte.«

»Sprich doch, alter Bursche, willst Du auch meiner spotten?«

»Merken Sie wohl auf, Herr Marschall, Sie verwechseln die Data; einen Menschen, der vierzig Jahre vorüber ist, nennt man nicht mehr Bursche, und ich bin sieben und sechzig.«

»Gleichviel  . . . ziehe mich da heraus, und zwar geschwinde, geschwinde.«

»Durch einen Rath?«

»Durch was Du willst.«

»Es ist noch nicht Zeit.«

»Du scherzest offenbar.«

»Gefiele es Gott!  . . . Wenn ich scherzte, so wären die Umstände scherzhafter Natur, und leider sind sie dies nicht.«

»Wie ist es mit dieser Niederlage  . . . es ist nicht Zeit?«

»Nein, Monseigneur, es ist nicht Zeit. Wenn die Eröffnung des königlichen Bescheids nach Paris gelangt wäre, dann etwa  . . . Wollen wir einen Courier an den Herrn Präsidenten d’Aligre abschicken?«

»Daß man noch mehr über uns spottet.«

»Welche lächerliche Eitelkeit, Herr Marschall, Sie konnten machen, daß ein Heiliger den Kopf verlöre  . . . Lassen Sie mich meinen Plan einer Landung in England vollenden und tauchen Sie vollends in Ihre Portefeuille-Intrigue, da das Geschäft halb abgemacht ist.«

Der Marschall kannte die schwarze Laune von Herrn Rafté; er wußte, daß der Secretaire, wenn sich einmal seine Melancholie erklärt hatte, nicht mehr mit eisernen Stangen zu berühren war.

»Ruhig, schmolle mir nicht,« sagte er, »und wenn ich Dich nicht verstehe, so mache Dich verständlich.«

»Monseigneur will also, daß ich ihm einen Plan des Benehmens vorzeichne.«

»Gewiß, da Du behauptest, ich wisse mich nicht selbst zu benehmen.«

»Wohl, es sei, hören Sie.«

»Ich höre.«

»Gut,« sprach Rafté mit mürrischem Tone, »Sie schicken an Herrn d’Aligre den Brief von Herrn von Aiguillon und fügen den vom König in seinem Rath gefaßten Bescheid bei. Sie warten, bis sich das Parlament hierüber versammelt und berathen hat, was augenblicklich geschehen wird; wonach Sie in Ihre Carrosse steigen und Ihrem Anwalt, Meister Flageot, einen kleinen Besuch machen werden.«

»Wie beliebt!« rief Richelieu, den dieser Name wie am Tage vorher aufspringen machte. »Abermals Herr Flageot; was Teufels hat Meister Flageot in dem Allem zu schaffen, und was werde ich bei einem Meister Flageot thun?«

»Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen, Monseigneur, Meister Flageot sei Ihr Anwalt.«

»Nun, und hernach?«

»Wenn er Ihr Anwalt ist, hat er Aktenpäcke  . . . Prozesse von Ihnen, Sie erkundigen sich nach Ihrem Prozeß.«

»Morgen?«

»Ja, Herr Marschall, morgen.«

»Aber das ist Ihr Geschäft. Herr Rafté.«

»Nein, nein  . . . Wenn Herr Flageot ein einfacher Papierkratzer wäre, gut, dann könnte ich mit ihm als mit meines Gleichen verhandeln; doch da von morgen an Meister Flageot ein Attila, eine Geißel der Könige, nicht mehr, nicht minder ist, so ist ein Herzog und Pair, ein Marschall von Frankreich, nicht zu viel, um mit diesem Allmächtigen zu verhandeln.«

»Dies Alles ist seltsam, oder spielen wir Komödie?«

»Sie werden morgen sehen, ob es ernst ist, Monseigneur.«

»Aber sage mir doch, was mir bei Deinem Herrn Flageot begegnen wird?«

»Ich würde darüber sehr ärgerlich werden;  . . . Sie würden mir morgen beweisen wollen, Sie haben Alles zum Voraus errathen  . . . Guten Abend, Herr Marschall. Erinnern Sie sich an Folgendes: ein Courier an Herrn d’Aligre sogleich, ein Besuch bei Herrn Flageot morgen. Ah! die Adresse. Der Kutscher weiß sie, er hat mich seit acht Tagen oft genug dahin geführt.«

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06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
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