Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 70
»Und nach meiner auch. Doch was verstehen Sie unter diesem Instrument?«
»Ich verstehe darunter eine Maschine kalt und unempfindlich wie das Gesetz selbst. Der mit der Bestrafung beauftragte Mensch bekommt Eindrücke bei dem Anblick von seines Gleichen und verfehlt oft seine Streiche, wie es bei Chalais und beim Herzog von Montmouth geschehen ist. Bei einer Maschine, zum Beispiel bei zwei Armen von Eichenholz, die ein Messer in Bewegung setzen würden, wäre dies nicht so.«
»Und Sie glauben, mein Herr, weil dieses Messer mit der Schnelligkeit des Blitzes zwischen der Base des Hinterhauptes und den Muskeln durchfahren würde, wäre der Tod augenblicklich und der Schmerz rasch?«
»Der Tod wäre ohne Widerspruch augenblicklich, da das Eisen mit einem Schlage die Nerven, welche die Bewegung geben, durchschneiden würde. Der Schmerz wäre rasch, weil das Eisen das Gehirn, das der Sitz der Gefühle ist, vom Herzen, welches der Mittelpunkt des Lebens ist, trennen würde.«
»Mein Herr,« sprach Balsamo, »die Todesstrafe der Enthauptung besteht in Deutschland.«
»Ja, aber durch das Schwert, und ich habe Ihnen gesagt, die Hand eines Menschen kann zittern.«
»Eine solche Maschine besteht in Italien: ein eichener Körper setzt sie in Bewegung und man nennt sie die Mannaja.«
»Nun?«
»Nun! mein Herr, ich Habe gesehen, wie vom Scharfrichter enthauptete Verbrecher ohne Kopf sich von dem Stuhle erhoben, auf dem sie saßen, fortwankten und zehn Schritte von da niederfielen. Ich habe Köpfe aufgehoben, welche an den Fuß der Mannaja rollten wie dieser Kopf, den Sie an den Haaren halten, vorhin vom Tisch hinabrollte, und als ich einem solchen Kopf den Namen ins Ohr sagte, mit den man ihn im Leben getauft hatte, sah ich seine Augen sich öffnen und sich in ihrer Höhle drehen, indem sie suchten, wer sie auf der Erde gerufen während dieses Uebergangs von der Zeit in die Ewigkeit.«
»Eine Nervenbewegung, nichts Anderes.«
»Sind die Nerven nicht die Organe der Empfindung?«
»Was schließen Sie daraus, mein Herr?«
»Ich schließe daraus, es wäre besser, wenn der Mensch, statt eine Maschine zu suchen, welche tödtete, um zu bestrafen, ein Mittel suchen würde, um zu strafen, ohne zu tödten. Diejenige Gesellschaft, welche dieses Mittel findet, wird, glauben Sie mir, die erleuchtetste und beste der Gesellschaften sein.«
»Abermals Utopien! stets Utopien!« rief Marat.
»Diesmal haben Sie vielleicht Recht,« sprach Balsamo; »die Zeit wird uns vielleicht erleuchten . . . haben Sie nicht vom Hospital gesprochen? . . . Gehen wir dahin!«
»Gehen wir!«
Und er hüllte den Kopf der jungen Frau in sein Taschentuch, dessen vier Ecken er sorgfältig zusammenknüpfte.
»Nun bin ich sicher, daß meine Kameraden nur das haben werden, was ich übrig lasse,« sagte Marat weggehend.
Man schlug den Weg nach dem Hotel-Dieu ein; der Träumer und der Wundarzt gingen nebeneinander.
»Sie haben diesen Kopf sehr kalt und sehr geschickt abgeschnitten, mein Herr,« sagte Balsamo; »sind Sie mehr bewegt, wenn es sich um Lebende, als wenn es sich um Todte handelt? Rührt Sie das Leiden mehr, als die Unbeweglichkeit? Sind Sie mitleidiger bei Körpern, als bei Leichnamen?«
»Nein, das wäre ein Fehler, wie es beim Henker ein Fehler ist, wenn er für Eindrücke empfänglich ist. Man tödtet eben so gut einen Menschen, wenn man ihm den Schenkel schlecht abschneidet, als wenn man ihm den Kopf schlecht abschlägt. Ein guter Wundarzt muß mit seiner Hand und nicht mit seinem Herzen operiren, obgleich er in seinem Herzen wohl weiß, daß er für ein Leiden von einem Augenblick Jahre des Lebens und der Gesundheit gibt. Das ist die schöne Seite unseres Gewerbes, Meister.«
»Ja, mein Herr, doch bei den Lebendigen finden Sie hoffentlich die Seele?«
»Ja, wenn Sie mit mir zugeben, daß die Seele die Bewegung oder das Empfindungsvermögen ist; ja, gewiß, ich finde sie, und zwar sehr beschwerlich, denn sie tödtet mehr Kranke, als mein Zergliederungsmesser tödtet.«
Man hatte die Schwelle des Hotel-Dieu erreicht. Sie traten in das Hospiz ein. Bald kam Balsamo, geführt von Marat, der seine düstere Bürde nicht abgelegt hatte, in den Saal der Operationen, wo sie den Oberwundarzt und die Zöglinge der Chirurgie fanden.
Die Krankenwärter brachten einen jungen Menschen, der in der vorhergehenden Woche von einem schweren Wagen niedergeworfen worden war, dessen Rad ihm den Fuß zermalmt hatte. Eine erste Operation, die man in der Eile an dem durch den Schmerz erstarrten Glied vorgenommen hatte, war ungenügend gewesen, das Uebel hatte sich rasch entwickelt und die Operation wurde dringend nothwendig.
Auf dem Schmerzenslager ausgestreckt, schaute der Unglückliche mit einer Bangigkeit, welche Tiger gerührt hätte, diese Bande von Hungrigen an, die auf den Augenblick seines Märtyrthums, auf seinen Todeskampf vielleicht, lauerten, um die Wissenschaft des Lebens zu studiren, ein wunderbares Phänomen, hinter dem sich das Phänomen des Todes verbirgt.
Er schien jeden von den Wundärzten, von den Zöglingen und Krankenwärtern um einen Trost, um ein Lächeln, um eine Freundlichkeit zu bitten; aber er begegnete überall nur der Gleichgültigkeit mit seinem Herzen, dem Stahl mit seinen Augen.
Ein Ueberrest von Wuth und Stolz machte ihn stumm. Er sparte alle seine Kräfte für die Schreie auf, die ihm bald der Schmerz entreißen sollte.
Doch als er auf seiner Schulter die obgleich gefällige, aber schwer lastende Hand des Wärters fühlte, als er fühlte, wie ihn die Arme der Gehülfen wie die Schlangen Laokoons umfaßten, als er die Stimme des Operateur sagen hörte: »Muth gefaßt!« da wagte es der Unglückliche, das Stillschweigen zu brechen und mit kläglicher Stimme zu fragen:
»Werde ich viel leiden?«
»Oh! nein, seien Sie unbesorgt,« antwortete Marat mit einem falschen Lächeln, das liebreich für den Kranken, ironisch für Balsamo war.
Marat sah, daß ihn Balsamo verstanden hatte, er näherte sich ihm und sagte:
»Das ist eine furchtbare Operation; der Knochen ist voll Sprünge und empfindlich, um Mitleid zu erregen. Er wird nicht an seinem Uebel, wohl aber am Schmerz sterben: so viel wird seine Seele bei diesem Lebendigen werth sein.«
»Warum operiren Sie ihn dann? warum lassen Sie ihn nicht ruhig sterben?«
»Weil es Pflicht des Wundarztes ist, die Heilung zu versuchen, selbst wenn ihm diese Heilung unmöglich scheint.«
»Und Sie sagen, er werde leiden?«
»Gräßlich.«
»Durch den Fehler seiner Seele?«
»Durch den Fehler seiner Seele, welche für seinen Körper zu zart ist.«
»Warum operiren Sie dann nicht an der Seele? Die Ruhe der einen wäre vielleicht die Heilung des andern.«
»Das habe ich auch gethan,« sprach Marat, während man den Patienten zu binden fortfuhr.
»Sie haben seine Seele vorbereitet?«
»Ja.«
»Wie dies?«
»Wie man dies thut, durch Worte. Ich habe zur Seele, zum Verstand, zum Empfindungsvermögen, zu der Sache gesprochen, die den griechischen Philosophen zu den Worten veranlassen: ,Schmerz, du bist kein Uebel,’ und das ist die Sprache, die sich für diese Sache geziemt. Ich habe zu ihm gesagt: ,Sie werden nicht leiden.’ Es bleibt nun der Seele überlassen, nicht zu leiden; das geht sie an. Das bis jetzt bekannte Mittel, was die Fragen der Seele betrifft, ist die Lüge. Warum ist auch diese verteufelte Seele an den Körper gebunden! So eben, als ich diesen Kopf abschnitt, sagte der Körper nichts. Die Operation war jedoch schwer. Doch was wollen Sie! die Bewegung hatte aufgehört, das Empfindungsvermögen war erloschen, die Seele war entflogen, wie Ihr Spiritualisten sagt. Deshalb hat jener Kopf, als ich ihn abschnitt, nichts gesagt, deshalb ließ mich jener Körper, den ich enthauptete, machen, während dieser Körper, den die Seele noch bewohnt, allerdings nur noch auf kurze Zeit bewohnt, aber dennoch bewohnt, in einem Augenblick furchtbare Schreie ausstoßen wird. Verstopfen Sie Ihre Ohren, Meister. Verstopfen Sie dieselben, Sie, der Sie für diese Connexität der Seelen und der Körper empfindlich sind, welche stets Ihre Theorie todtschlagen wird, bis zu dem Tage, wo Ihre Theorie dazu gelangt ist, daß sie den Körper von der Seele absondert.«
»Und Sie glauben, es werde nie zu dieser Absonderung kommen?«
»Versuchen Sie es,« erwiederte Marat, »die Gelegenheit ist schön.«
»Wohl,« sprach Balsamo. »Sie haben Recht, die Gelegenheit ist schön, ich versuche es.«
»Ja, versuchen Sie es.«
»Ja.«
»Wie dies?«
»Dieser junge Mann soll nicht leiden, er interessirt mich.«
»Sie sind ein erhabener Meister,« entgegnete Marat, »doch Sie sind weder Gott der Vater, noch Gott der Sohn, und Sie werden diesen Burschen nicht zu leiden verhindern.«
»Und wenn er nicht litte, würden Sie an seine Heilung glauben?«
»Sie wäre möglicher, doch sie wäre nicht sicher.«
Balsamo warf auf Marat einen unbeschreiblichen Blick des Triumphes und stellte sich vor den jungen Mann, dessen angstvollen und schon in die Qualen des Schreckens getauchten Augen er begegnete.
»Schlafen Sie,« sagte er, nicht allein mit seinem Mund, sondern mehr noch mit seinem Blick, mit seinem Willen, mit der ganzen Wärme seines Blutes, mit dem ganzen Fluidum seines Körpers.
In diesem Augenblick fing der Oberwundarzt an, den kranken Schenkel zu befühlen und die Zöglinge auf die Itensität des Uebels aufmerksam zu machen.
Doch bei dem Befehl von Balsamo schwankte der junge Mann, der sich aufgesetzt hatte, einen Augenblick in den Armen der Gehülfen, sein Kopf neigte sich, seine Augen schloßen sich.
»Es ist ihm übel,« sagte Marat.
»Nein, mein Herr.«
»Sehen Sie denn nicht, daß er das Bewußtsein verliert?«
»Nein, er schläft.«
»Wie, er schläft?«
»Ja.«
Jedermann wandte sich gegen den fremden Arzt um, den man für einen Narren hielt.
Ein Lächeln der Ungläubigkeit schwebte über die Lippen von Marat.
»Ist es gewöhnlich, daß man während der Ohnmacht spricht?«
»Nein.«
»Nun, so befragen Sie ihn und er wird Ihnen antworten.«
»He! junger Mann!« rief Marat.
»Oh! Sie brauchen nicht so laut zu schreien,« sagte Balsamo. »Sprechen Sie mit Ihrer gewöhnlichen Stimme.«
»Sagen Sie uns ein wenig, was Sie haben.«
»Man hat mir zu schlafen befohlen, und ich schlafe,« antwortete der Patient.
Die Stimme war völlig ruhig und bildete einen seltsamen Contrast mit der Stimme, die man einige Augenblicke zuvor gehört hatte.
Alle Anwesenden schauten sich an.
»Nun binden Sie ihn los,« sagte Balsamo.
»Unmöglich,« erwiederte der Oberwundarzt, »eine einzige Bewegung, und die Operation kann mißlingen.«
»Er wird sich nicht rühren.«
»Wer gibt mir hierüber Gewißheit?«
»Ich und er. Fragen Sie ihn.«
»Kann man Sie frei lassen, mein Freund?«
»Man kann das.«
»Und versprechen Sie, daß Sie sich nicht rühren werden?«
»Ich verspreche es, wenn Sie mir befehlen.«
»Ich befehle es Ihnen.«
»Meiner Treue,« sagte der Oberwundarzt, »Sie sprechen mit einer solchen Sicherheit, mein Herr, daß ich den Versuch zu machen Lust habe.«
»Machen Sie ihn und fürchten Sie nichts.«
»Binden Sie ihn los,« rief der Oberwundarzt.
Die Gehülfen gehorchten.
Balsamo stellte sich zu den Häupten des Kranken und sprach:
»Von diesem Augenblick rühren Sie sich nicht mehr, wenn ich es nicht befehle.«
Eine auf einem Grabe liegende Bildsäule wäre nicht unbeweglicher gewesen, als es der Kranke bei dieser Ermahnung wurde.
Der Wundarzt nahm sein Messer; doch in dem Augenblick, wo er sich desselben bedienen wollte, zögerte er.
»Schneiden Sie, mein Herr, schneiden Sie, sage ich Ihnen,« sprach Balsamo mit der Miene eines inspirirten Propheten.
Wie Marat, wie der Kranke, wie alle Welt beherrscht, näherte der Oberwundarzt den Stahl dem Fleisch.
Das Fleisch zischte, aber der Kranke stieß keinen Seufzer aus, machte keine Bewegung.
»Was ist Ihre Heimath, mein Freund?« fragte Balsamo.
»Ich bin Bretagner, mein Herr,« antwortete der Kranke lächelnd.
»Und Sie lieben Ihr Land?«
»Oh! mein Herr, es ist so schön!«
Der Wundarzt machte während dieser Zeit die kreisförmigen Einschnitte, durch die man bei Amputationen den Knochen bloß zu legen anfängt.
»Haben Sie Ihre Heimath jung verlassen?« fragte Balsamo.
»Mit zehn Jahren, mein Herr.« Die Einschnitte waren gemacht, der Wundarzt legte die Säge an den Knochen.
»Mein Freund,« sagte Balsamo, »singen Sie mir doch das Lied, das die Salzsieder von Batz singen, wenn sie nach vollbrachtem Tagewerk nach Hause kehren. Ich erinnere mich nur des ersten Verses:
»Meinem schaumbedeckten Salze . . .«
Die Säge schnitt in den Knochen ein.
Doch bei der Aufforderung von Balsamo lächelte der Kranke und fing an, melodisch, langsam, in Extase, wie ein Liebender oder wie ein Dichter zu singen:
Meinem schaumbedeckten Salze,
Meines Teiches Himmelbau,
Und dem heiß durchglühten Torfe,
Meinem Weizen auf der Au;
Meinem Vater, meiner Gattin,
Meinen Kindern liebereich;
Meiner Mutter Grabesschlummer
Unter duftendem Gesträuch;
Allen Heil, da bin ich wieder,
Heil! mein Tag, er ist vollbracht,
Und das Fest folgt nach der Arbeit,
Lieb’ nach kurzer Trennungsnacht.
Das Bein fiel auf das Bett, während der Kranke noch sang.
CVI.
Der Leib und die Seele. (Fortsetzung.)
Jeder schaute den Patienten mit Erstaunen, den Arzt mit Bewunderung an.
Einige sagten, Beide seien Narren.
Marat übertrug diese Meinung in das Ohr von Balsamo.
»Der arme Teufel hat durch die Angst den Geist verloren,« sagte er; »deshalb leidet er nicht mehr.«
»Ich glaube nicht,« erwiederte Balsamo, »und weit entfernt, den Geist verloren zu haben, würde er uns, dessen bin ich sicher, wenn ich ihn befragte, soll er sterben, den Tag seines Todes, soll er leben, die Zeit sagen, die seine Wiedergenesung dauern wird.«
Marat war bereit, die allgemeine Meinung zu theilen, nämlich die Meinung, daß Balsamo eben so verrückt sei, als der Patient.
Der Wundarzt unterband indessen eifrig die Arterien, aus denen das Blut in Wellen entströmte.
Balsamo zog aus seiner Tasche einen Flacon, goß auf einen Pfropfen von Charpie einige Tropfen von dem Wasser, das der Flacon enthielt und bat den Oberwundarzt, diese Charpie auf die Arterien zu legen.
Der Oberwundarzt gehorchte mit einer gewissen Neugierde.
Dies war einer der berühmtesten Praktiker jener Zelt, ein wahrhaft in die Wissenschaft verliebter Mann, der keines ihrer Geheimnisse zurückwies und für den der Zufall nur der Gutgenug des Zweifels war.
Er drückte den kleinen Pfropf auf die Arterie, welche bebte, kochte und das Blut nur noch Tropfen für Tropfen herausließ.
Nun konnte er die Arterie mit der größten Leichtigkeit unterbinden.
Alsbald erhielt Balsamo einen wahren Triumph, und Jeder fragte ihn, wo er studirt habe und von welcher Schule er sei.
»Ich bin ein deutscher Arzt von der Göttinger Schule und habe selbst die Entdeckung gemacht, die Sie hier sehen. Ich wünsche jedoch, meine Herren und theure Collegen, daß diese Entdeckung noch ein Geheimniß bleibe, denn ich habe große Angst vor dem Scheiterhaufen, und das Parlament von Paris dürfte sich vielleicht noch einmal für das Vergnügen, einen Zauberer zum Feuertod zu verurtheilen, entscheiden.«
Der Oberwundarzt blieb ganz träumerisch.
Marat träumte und dachte nach.
Er nahm jedoch zuerst wieder das Wort und sprach:
»Sie behaupteten so eben,« sagte er, »wenn Sie diesen Menschen über die Folge der Operation befragten, so würde er sicherlich antworten, obgleich diese Folge noch in der Zukunft verborgen sei?«
»Ich behaupte es noch!,« sprach Balsamo.
»Nun, so wollen wir sehen.«
»Wie heißt dieser arme Teufel?«
»Er heißt Havard,« antwortete Marat.
Balsamo wandte sich gegen den Patienten um, dessen Mund noch die letzten Noten seines Liedes wie klagend trällerte.
»Nun, mein Freund,« fragte er, »was weissagen Sie über den Zustand dieses armen Havard?«
»Was ich über seinen Zustand weissage?« erwiederte der Kranke; »warten Sie, ich muß von der Bretagne, wo ich war, nach dem Hotel-Dieu zurückkehren, wo er ist.«
»Ganz richtig: treten Sie ein, schauen Sie ihn an, und sagen Sie mir die Wahrheit über ihn.«
»Oh! er ist krank, sehr krank: man hat ihm das Bein abgeschnitten.«
»In der That?« sagte Balsamo.
»Ja.«
«Und die Operation ist gut gelungen?«
»Vortrefflich; aber . . .«
Das Gesicht des Kranken verdüsterte sich.
»Aber . . .« versetzte Balsamo.
»Aber.« fuhr der Kranke fort, »er hat eine schreckliche Prüfung durchzumachen . . . Das Fieber.«
»Und wann wird es kommen?«
»Diesen Abend um sieben Uhr.«
Alle Anwesenden schauten sich an.
»Und dieses Fieber?« fragte Balsamo.
»Oh! es wird ihn sehr krank machen; er wird jedoch diesen ersten Anfall überwinden.«
»Sie sind dessen sicher?«
»Oh! ja.«
»Aber nach diesem ersten Anfall wird er gerettet sein?«
»Ach! nein,« sprach der Verwundete seufzend.
»Das Fieber wird also wiederkommen?«
»Oh! ja, und furchtbarer als je; armer Havard,« fuhr er fort, »armer Havard, er hat eine Frau und Kinder.«
Und seine Augen füllten sich mit Thränen.
»Seine Frau soll also Witwe, seine Kinder sollen also Waisen werden?« fragte Balsamo.
»Warten Sie! warten Sie!«
Er faltete die Hände.
»Nein, nein,« sagte er.
Sein Gesicht klärte sich in einem erhabenen Glauben auf.
»Nein, seine Frau und seine Kinder haben so viel gebetet, daß sie Gnade für ihn von Gott erhielten.«
»Er wird also genesen?«
»Ja.«
«Sie hören, meine Herren.« sprach Balsamo, »er wird genesen.«
»Fragen Sie ihn, in wie viel Tagen,« sagte Marat.
»In wie viel Tagen?«
»Ja, Sie haben gesagt, er würde die Wandlungen und die Zelt seiner Wiedergenesung angeben.«
»Sehr gern frage ich ihn hierüber.«
»So thun Sie es.«
»Und wann glauben Sie, daß Havard geheilt ist?« fragte Balsamo.
»Oh! die Wiedergenesung wird lange dauern, warten Sie: einen Monat, sechs Wochen, zwei Monate; er ist vor fünf Tagen hereingekommen und wird zwei Monate und vierzehn Tage nach seinem Eintritt wieder hinauskommen.«
»Und zwar geheilt?«
»Ja.«
»Aber,« sagte Marat, »unfähig, zu arbeiten und folglich seine Frau und seine Kinder zu ernähren?«
Havard faltete abermals die Hände.
»Oh! Gott ist gut, und Gott wird hiefür sorgen.«
»Und wie wird Gott sorgen?« fragte Marat. »Da ich heute gerade im Zuge des Lernens bin, so möchte ich auch dies erfahren.«
»Gott hat an sein Bett einen wohlthätigen Mann geschickt, der Mitleid mit ihm bekommen und gesagt hat: ,Ich will, daß es dem armen Havard an nichts fehle.’ «
Alle Anwesenden schauten sich an; Balsamo lächelte.
»In der That, wir wohnen einem seltsamen Schauspiel bei,« sagte der Oberwundarzt, während er zugleich die Hand des Kranken ergriff, seine Brust untersuchte und seine Stirne befühlte; »dieser Mensch träumt.«
»Sie glauben?« sagte Balsamo. Und er schleuderte dem Kranken einen Blick voll Macht und Energie zu und sprach:
»Erwachen Sie, Havard.«
Der junge Mann öffnete die Augen nicht ohne Anstrengung und schaute mit einem tiefen Erstaunen alle Anwesenden an, welche, zuvor drohend, nun harmlos für ihn geworden waren.
»Nun!« sagte er mit schmerzlichem Ton, »man hat mich also noch nicht operirt? Man wird mich also abermals leiden lassen?«
Balsamo nahm rasch das Wort. Er befürchtete eine Erschütterung des Kranken.
Doch es war nicht nöthig, daß er sich beeilte. Niemand wäre ihm zuvorgekommen, das Erstaunen aller Anwesenden war zu groß.
»Mein Freund,« sagte er, »beruhigen Sie sich; der Herr Oberwundarzt hat an Ihrem Bein eine Operation vorgenommen, welche allen Anforderungen Ihrer Lage Genüge leistet. Es scheint, mein armer Junge, Sie sind ein wenig schwach von Geist, denn Sie sind vor dem ersten Angriff ohnmächtig geworden.«
»Oh! desto besser,« sagte heiter der Bretagner, »ich habe nichts gefühlt, mein Schlaf ist sogar sanft und erquickend gewesen. Welch ein Glück, man wird mir das Brin nicht abschneiden!«
Doch in dieser Sekunde richtete der Unglückliche seine Blicke auf sich selbst: er sah das Bett voll Blut, er sah sein verstümmeltes Bein.
Er stieß einen Schrei aus und wurde diesmal wirklich ohnmächtig.
»Befragen Sie ihn nun, und Sie werden sehen, ob er antwortet,« sprach Balsamo kalt zu Marat.
Dann führte Balsamo den Oberwundarzt, während die Krankenwärter den unglücklichen jungen Mann wieder in sein Bett trugen, in eine Ecke des Zimmers und sprach zu ihm:
»Mein Herr, Sie haben gehört, was Ihr armer Kranker gesagt hat?«
»Ja, er würde genesen.«
»Er hat auch noch etwas Anderes gesagt: er hat gesagt, Gott würde sich seiner erbarmen und ihm die Mittel schicken, um seine Frau und seine Kinder zu ernähren.«
»Nun?«
»Nun, mein Herr, er hat die Wahrheit über diesen Punkt, wie über den andern gesprochen; nur übernehmen Sie es, der Vermittler der Mildthätigkeit zwischen dem Kranken und Gott zu sein: hier ist ein Diamant, der ungefähr einen Werth von zwanzigtausend Livres hat; wenn Sie unsern Kranken geheilt sehen, verkaufen Sie den Edelstein und übergeben Sie ihm das Geld; mittlerweile aber, da die Seele, wie sich Ihr Zögling, Herr Marat, geäußert hat, einen großen Einfluß auf den Körper ausübt, sagen Sie Havard, sobald er wieder zum Bewußtsein gelangt ist, sagen Sie ihm, seine Zukunft und die seiner Kinder sei gesichert.«
»Aber, mein Herr,« erwiederte der Wundarzt, der den Ring, welchen ihm Balsamo bot, anzunehmen zögerte, »wenn er nicht geheilt wird?«
»Er wird geheilt werden!«
»Auch muß ich Ihnen einen Empfangsschein geben.«
»Mein Herr! . . .«
»Nur unter dieser Bedingung nehme ich ein Juwel von diesem Werthe an.«
»Machen Sie es, wie es Ihnen beliebt, mein Herr.«
»Ihr Name, wenn ich fragen darf?«
»Graf von Fönix.«
Der Wundarzt ging in ein anstoßendes Zimmer, während Marat, verwirrt, vernichtet, aber noch gegen die Augenscheinlichkeit, gegen die Unleugbarkeit kämpfend, sich Balsamo näherte.
Nach Verlauf von fünf Minuten kehrte der Wundarzt zurück; er hielt in seiner Hand ein Papier, das er Balsamo übergab.
Es war in folgenden Worten abgefaßt:
»Ich habe von dem Herrn Grafen von Fönix einen Diamant erhalten, dessen Werth er selbst auf zwanzigtausend Livres anschlägt, um den Preis desselben einem Manne Namens Havard an dem Tag zu übergeben, wo er das Hotel-Dieu verlassen wird.
Den 15. Sept. 1771.
Guillotin. D.M.«
Balsamo grüßte den Doctor, nahm den Empfangschein und ging gefolgt von Marat hinaus.
»Sie vergessen Ihren Kopf,« sagte Balsamo, für den die Zerstreutheit des jungen Zöglings der Chirurgie ein Triumph war.
»Ah! es ist wahr,« sagte dieser.
Und er hob seine traurige Bürde auf.
Sobald sie auf der Straße waren, gingen Beide sehr rasch und ohne ein Wort zu sprechen; als sie in die Rue des Cordeliers kamen, stiegen sie mit einander die steile Treppe hinauf, welche in die Mansarde führte.
Vor der Loge der Portière, wenn überhaupt das Loch, das sie bewohnte, den Namen einer Loge verdient, war Marat, der das Verschwinden seiner Uhr nicht vergessen hatte, stehen geblieben und hatte nach Frau Grivette gefragt.
Ein Kind von sieben bis acht Jahren, bleich, kränklich, schmächtig, antwortete ihm mit seiner kreischenden Stimme ,
»Mama ist ausgegangen: sie hat gesagt, wenn der Herr zurückkäme, sollte man ihm diesen Brief geben.«
»Nein, mein kleiner Freund,« erwiederte Marat, »sage ihr, sie soll ihn mir selbst bringen.«
»Gut, mein Herr.«
Hienach gingen Marat und Balsamo weiter.
»Ah!« sagte Marat indem er Balsamo einen Stuhl bezeichnete und selbst auf einen Schämel fiel, »ich sehe, daß der Meister schöne Geheimnisse hat.«
»Ich bin vielleicht tiefer als ein Anderer in das Vertrauen der Natur und Gottes eingedrungen,« erwiederte Balsamo.
»Oh!« rief Marat, »wie sehr beweist die Wissenschaft die Allmacht des Menschen, und wie muß man stolz darauf sein, daß man Mensch ist.«
»Das ist wahr, und Arzt, müßten Sie beifügen.«
»Ich bin auch stolz auf Sie, Meister,« sprach Marat.
»Und dennoch,« entgegnete Balsamo lächelnd, »dennoch bin ich nur ein armer Arzt der Seelen.«
»Oh! sprechen wir nicht mehr hievon, mein Herr, Sie haben das Blut des Verwundeten durch materielle Mittel aufgehalten.«
»Ich glaubte, meine schönste Kur wäre die, daß ich ihn zu leiden verhindert habe; es ist wahr, Sie versicherten mich, er wäre ein Narr.«
»Er war es sicherlich einen Augenblick.«
»Was nennen Sie Narrheit? Ist es nicht eine Abstraction der Seele?«
»Oder des Geistes,« erwiederte Marat.
»Streiten wir nicht mehr hierüber; die Seele dient mir, das Wort zu nennen, das ich suche. Sobald die Sache gefunden ist, liegt mir wenig daran, wie Sie sie nennen.«
»Ah! dann sind wir in unserer Ansicht verschieden, mein Herr; Sie behaupten die Sache gefunden zu haben und nicht mehr das Wort zu suchen; ich behaupte, daß Sie Beides mit einander suchen, das Wort und die Sache.«
»Wir werden sogleich hierauf zurückkommen. Sie sagten also, die Narrheit sei eine augenblickliche Abstraction des Geistes?«
»Sicherlich.«
»Eine unwillkührliche, nicht wahr?«
»Ja . . . ich habe einen Narren in Bicêtre gesehen, der in sein eisernes Gitter biß und dabei rief: ,Koch, deine Fasanen sind gut, aber sie sind schlecht zubereitet.’ «
»Aber Sie geben doch zu, daß diese Narrheit wie eine Wolke am Geist vorübergeht, und daß der Geist, wenn diese Wolke vorübergegangen ist, seine erste Klarheit wieder annimmt?«
»Das geschieht beinahe nie.«
»Sie haben aber doch unsern Amputirten bei vollkommener Vernunft nach seinem Narrenschlaf gesehen.«
»Ich habe es gesehen, aber nicht begriffen, als ich es sah; das ist ein ausnahmsweiser Fall, eine von jenen Seltsamkeiten, welche die Hebräer Wunder nannten.«
»Nein, mein Herr,« sprach Balsamo, »es ist einzig und allein die Abstraction der Seele, die doppelte Trennung der Materie und des Geistes: der Materie, einer trägen Sache, eines Staubes, der zum Staub zurückkehren wird; der Seele, eines göttlichen Funken, der einen Augenblick in die Blendlaterne eingeschlossen ist, die man den Körper nennt, und der, ein Sohn des Himmels, nach dem Falle des Körpers wieder zum Himmel zurückkehren wird.«
»Also haben Sie einen Augenblick die Seele aus dem Leib gezogen?«
»Ja, mein Herr, ich habe ihr befohlen, den elenden Ort zu verlassen, wo sie war; ich habe sie aus dem Schlund des Leidens gezogen, wo sie der Schmerz zurückhielt, um sie in die reinen, freien Regionen wandern zu lassen. Was ist dann dem Wundarzt geblieben? Was Ihrem Zergliederungsmesser blieb, als Sie der todten Frau den Kopf nahmen, den Sie hier haben, nichts als träges Fleisch, Materie, Thon.«
»Und in wessen Namen haben Sie so über diese Seele verfügt?«
»Im Namen desjenigen, welcher alle Seelen mit einem Hauch geschaffen hat: Seelen der Welten, Seelen der Menschen . . . im Namen Gottes.«
»Sie leugnen also den freien Willen?«
»Ich,« sagte Balsamo; »was thue ich denn in diesem Augenblick? Ich zeige Ihnen einerseits den freien Willen, andererseits die Abstraction. Ich lege Ihnen einen Sterbenden vor Augen, der allen Schmerzen überlassen ist; dieser Mensch hat eine stoische Seele, er geht der Operation entgegen, er fordert sie heraus, er erträgt sie, aber er leidet. Dies in Betreff des freien Willens. Wenn ich aber an diesem Sterbenden vorübergehe, ich, der Abgesandte Gottes, ich, der Prophet, ich, der Apostel, und wenn ich, vom Mitleid für diesen Menschen als für meines Gleichen ergriffen, durch die Macht, die mir Gott verliehen hat, die Seele aus seinem leidenden Körper nehme, so wird dieser blinde, träge, unempfindliche Körper für die Seele ein Schauspiel, das sie fromm und barmherzig von der Höhe ihrer durchsichtigen Sphäre herab betrachtet. Haben Sie Havard nicht gehört?
Wenn Havard von sich selbst sprach, sagte er: ,Dieser arme Havard!’ er sagte nicht mehr ich; diese Seele hatte in der That nichts mehr mit dem Körper zu schaffen, sie, die auf halbem Weg zum Himmel war.«
»Doch demnach ist der Mensch Nichts mehr,« sprach Marat, »und ich kann nicht mehr zu den Tyrannen sagen: ,Ihr habt Macht über meinen Leib, doch Ihr vermögt nichts über meine Seele.’ «
»Ah! nun gehen Sie von der Wahrheit zu den Sophismen über; mein Herr, ich habe Ihnen schon gesagt , daß dies Ihr Fehler ist. Gott leiht die Seele dem Körper, es ist wahr; doch es ist darum nicht minder wahr, daß, so lange die Seele diesen Körper besitzt, zwischen ihnen eine Einigkeit, ein Einfluß des einen auf das andere, eine Suprematie der Materie über die Idee oder der Idee über die Materie stattfindet, je nachdem Gott in Absichten, die uns unbekannt sind, gestattet hat, daß der Körper König oder die Seele Königin sein soll; doch es ist nicht minder wahr, daß der Hauch, der den Bettler belebt, so rein ist, als der, welcher den König sterben macht. Das ist das Dogma, das Sie predigen müssen, Sie, der Apostel der Gleichheit. Beweisen Sie die Gleichheit der zwei geistigen Wesen, da Sie die Gleichheit mit Hülfe alles dessen, was in der Welt geheiligt ist, wie die heiligen Bücher und die Traditionen, die Wissenschaft und der Glaube, feststellen können. Was liegt Ihnen an der Gleichheit zweier Materien, mit der Gleichheit der Körper fliegen sie nur vor den Menschen; mit der Gleichheit der Seele fliegen sie vor Gott. So eben sagte Ihnen dieser arme Verwundete, dieses unwissende Kind aus dem Volk in Beziehung auf sein Uebel Dinge, welche keiner unter den Aerzten zu sagen gewagt hätte. Warum dies? Weil seine Seele, für den Augenblick von den Fesseln des Körpers entbunden, über der Erde schwebte und von oben herab ein Geheimniß sah, das uns unsere Undurchsichtigkeit entzieht.«
Marat drehte seinen Todtenkopf auf dem Tisch hin und her und suchte eine Antwort, die er nicht fand.
»Ja,« murmelte er endlich, »ja, es ist etwas Uebernatürliches darunter.«
»Natürliches, im Gegentheil, mein Herr, hören Sie auf, übernatürlich Alles das zu nennen, was aus den Functionen und der Bestimmung der Seele entspringt. Natürlich sind diese Functionen; bekannt, das ist etwas Anderes.«
»Uns unbekannt, Meister, müssen diese Functionen keine Geheimnisse für Sie sein. Den Peruanern fremd, war das Pferd den Spaniern, die es gezähmt hatten, wohl bekannt.«
»Es wäre hochmüthig von mir, zu sagen: ich weiß. Ich bin demüthig, mein Herr, und sage: ich glaube.«
»Und was glauben Sie?«
»Ich glaube, daß das Gesetz der Welt, das erste, das mächtigste von allen, das des Fortschrittes ist. Ich glaube, daß Gott Alles nur mit dem Zweck der Wohlfahrt oder der Sittlichkeit geschaffen hat. Nur geht, da das Leben dieser Welt unberechnet und unberechenbar ist, der Fortschritt langsam. Unser Planet zählte nach der Aussage der Schriften sechzig Jahrhunderte, als die Druckerei erfunden wurde, um wie ein ungeheurer Leuchtthurm die Vergangenheit zu bescheinen und die Zukunft aufzuklären: mit der Druckerei keine Dunkelheit, keine Vergessenheit mehr; die Druckerei ist das Gedächtniß der Welt. Wohl! Guttenberg hat die Druckerei erfunden, und ich habe das Vertrauen wieder gefunden.«
