Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 71
»Ah!« sagte Marat ironisch, »Sie werden es vielleicht dahin bringen, daß Sie in den Herzen lesen?«
»Warum nicht?«
»Dann werden Sie in die Brust des Menschen das kleine Fenster einsetzen, welches die Alten so sehr daran zu sehen wünschten.«
»Es bedarf dessen nicht, mein Herr; ich werde die Seele vom Leib absondern; und die Seele, diese reine, diese unbefleckte Tochter Gottes, wird mir alle die Schändlichkeiten dieser sterblichen Hülle nennen, die sie zu beleben verurtheilt ist.«
»Sie werden materielle Geheimnisse enthüllen?«
»Warum nicht?«
»Sie werden mir, zum Beispiel, sagen, wer mir meine Uhr gestohlen hat?«
»Sie erniedrigen die Wissenschaft zu einem traurigen Niveau, mein Herr; doch gleichviel, die Größe Gottes beweist sich eben so gut durch das Sandkorn, als durch den Berg, durch die Milbe, als durch den Elephanten. Ja, ich werde Ihnen sagen, wer Ihnen die Uhr gestohlen hat.«
In diesem Augenblick klopfte man schüchtern an die Thüre; es war die Haushälterin von Marat, welche, so eben zurückgekehrt, nach dem Befehl des jungen Wundarztes den Brief brachte.
CVII.
Die Portière von Marat
Die Thüre öffnete sich und Dame Grivette trat ein.
Diese Frau, die wir nicht zu schildern die Zeit gehabt haben, weil ihre Gestalt eine von denjenigen ist, welche der Maler auf den letzten Plan verbannt, so lange er derselben nicht bedarf, diese Frau schreitet nun auf dem beweglichen Gemälde dieser Geschichte vor und verlangt ihren Platz in dem ungeheuren Panorama, das wir vor den Augen unserer Leser zu entrollen unternommen haben; ein Panorama, in welches wir wenn unser Genie unserem Willen gleichkäme, Alles vom Bettler bis zum König, von Caliban bis zu Ariel, von Ariel bis zu Gott einrahmen würden.
Wir wollen es also versuchen, Frau Grivette zu schildern, die sich aus ihrem Schatten losmacht und auf uns zuschreitet.
Es war eine lange, dürre Creatur, gelb von Farbe, mit blauen, schwarz umgränzten Augen, ein furchtbarer Typus des Verfalls, dem in der Stadt unter den Verhältnissen der Armuth, beständiger Ohnmacht und körperlicher, wie sittlicher Entartung diese Geschöpfe unterliegen, welche Gott schön geschaffen hat, und die herrlich geworden wären in ihrer völligen Entwicklung, wie es in diesem Fall alle die Geschöpfe der Luft, des Himmels und der Erde sind, wenn der Mensch aus ihrem Leben nicht eine lange Hinrichtung gemacht hat, wenn er nämlich nicht ihren Fuß durch die Fessel und ihren Magen durch den Hunger oder mit einer Nahrung ermüdet hat, die beinahe ebenso unselig ist, als es nur immer der Mangel an aller Nahrung sein könnte.
So wäre die Portière von Marat eine schöne Frau gewesen, hätte sie nicht seit ihrem fünfzehnten Jahre einen erbärmlichen Winkel ohne Luft und ohne Licht bewohnt, hätte das Feuer ihrer natürlichen Instinkte, genährt durch diese Ofenwärme, oder durch eine eisige Kälte, mit Maaß gebrannt. Sie hatte lange, magere Hände, die durch den Faden der Nähterin von kleinen Einschnitten durchfurcht, durch das Seifenwasser des Waschhauses mit Sprüngen bedeckt, durch die Kohlengluth der Küche geröstet und gegerbt worden waren; doch dessen ungeachtet Hände, man sah es an der Form, nämlich an der unvertilgbaren Spur der göttlichen Muskel, Hände, die man königliche Hände genannt haben würde, hätten sie statt der Blasen des Besen die des Scepters gehabt.
Dieser arme menschliche Körper ist unleugbar nur das Aushängeschild unseres Gewerbes.
Der Geist, der über dem Körper erhaben war und folglich besser als dieser Widerstand geleistet hatte, wachte in dieser Frau wie eine Lampe; er beleuchtete gleichsam den Körper mittelst eines durchsichtigen Reflexes, und man sah zuweilen zu den trüben Augen einen Strahl des Verstandes, der Schönheit, der Jugend, der Liebe, alles dessen endlich, was es Herrliches in der menschlichen Natur gibt, aufsteigen.
Balsamo schaute lange diese Frau, oder vielmehr diese seltsame Natur an, welche übrigens bei dem ersten Anblick einem beobachtenden Auge aufgefallen wäre.
Die Portière trat also, den Brief in der Hand haltend, ein und sprach mit einer süßlichen Stimme, mit der Stimme eines alten Weibes, denn die zur Armuth verurtheilten Frauen sind mit dreißig Jahren alt:
»Herr Marat, hier ist der Brief, den Sie verlangt haben.«
»Es ist nicht der Brief, was ich zu haben wünschte, sondern Sie wollte ich sehen,« sagte Marat.
»Wohl! Ihre Dienerin, Herr, Marat, hier bin ich,« Frau Grivette machte einen Knix. »Was wünschen Sie?«
»Ich wünsche etwas über meine Uhr zu erfahren.« antwortete Marat, »Sie vermuthen es wohl.«
»Ah, bei Gott! ich kann nicht sagen, was aus Ihrer Uhr geworden ist. Ich habe sie gestern den ganzen Tag an ihrem Nagel am Kamin hängen sehen.«
»Sie täuschen sich, sie war gestern den ganzen Tag in meiner Tasche; erst um sechs Uhr Abends, da ich ausging, da ich mich unter eine große Menschenmenge begab und befürchtete, man könnte sie mir stehlen, legte ich sie unter den Leuchter.«
»Wenn Sie Ihre Uhr unter den Leuchter gelegt haben, so muß sie noch dort sein.«
Und die Portière hob mit einer geheuchelten Treuherzigkeit, von der sie nicht vermuthete, sie wäre so mächtig verrätherisch, von den zwei Leuchtern, welche auf dem Kamin standen, gerade denjenigen auf, unter dem Marat seine Uhr verborgen hatte.
»Ja, das ist wohl der Leuchter,« sagte der junge Mann, »aber wo ist die Uhr?«
»In der That, sie ist nicht mehr hier.«
»Haben Sie dieselbe nicht hierhin gelegt, Herr Marat?«
»Aber wenn ich Ihnen sage . . .«
»Suchen Sie wohl.«
»Oh! ich habe wohl gesucht,« erwiederte Marat mit einem zornigen Blick.
»Sie werden sie verloren haben.«
»Aber wenn ich Ihnen sage, daß ich sie gestern selbst hier unter diesen Leuchter gelegt habe.«
»Dann wird Jemand hereingekommen sein,« sagte Frau Grivette, »Sie empfangen so viele Menschen, so viele Unbekannte.«
»Ausflüchte! Ausflüchte!« rief Marat, der sich immer mehr erhitzte; »Sie wissen wohl, daß gestern Niemand hereingekommen ist. Nein, nein, meine Uhr hat denselben Weg genommen, wie der silberne Knopf von meinem letzten Stock, wie der Ihnen wohlbekannte kleine silberne Löffel wie mein Messer mit zwei Klingen! Man bestiehlt mich, Frau Grivette, man bestiehlt mich, Ich habe Vieles ertragen doch das werde ich nicht ertragen, nehmen Sie sich in Acht!«
»Aber mein Herr,« entgegnete Frau Grivette, »wollen Sie mich zufällig beschuldigen?«
»Sie müssen meine Sachen bewachen?«
»Ich habe nicht allein den Schlüssel.«
»Sie sind die Portière.«
»Sie geben mir einen Thaler monatlich und möchten gern von zehn Dienstboten bedient werden.«
»Es liegt mir nichts daran, ob ich gut oder schlecht bedient werde, aber es liegt mir viel daran, daß man mich nicht bestiehlt.«
»Mein Herr, ich bin eine ehrliche Frau!«
»Eine ehrliche Frau, die ich dem Polizeicommissär übergeben werde, wenn meine Uhr in einer Stunde nicht wieder gefunden ist.«
»Dem Polizeicommissär?«
,Ja.«
»Dem Polizeicommissär eine ehrliche Frau, wie ich bin?«
»Eine ehrliche Frau, eine ehrliche Frau?«
»Ja, und über die nichts zu sagen ist, verstehen Sie?«
»Genug, Frau Grivette.«
»Ah! ich vermuthete schon, als Sie ausgingen, Sie hätten mich im Verdacht.«
»Ich habe Sie im Verdacht seit dem Verschwinden meines Stockknopfes.«
»Nun wohl! ich werde Ihnen auch etwas sagen, Herr Marat.«
»Was?«
»Daß ich mich während Ihrer Abwesenheit berathen habe.«
»Mit wem?«
»Mit meinen Nachbarn.«
»Worüber?«
»Darüber, daß Sie mich im Verdacht haben.«
»Ich hatte Ihnen aber noch nichts gesagt.«
»Ich sah es wohl.«
»Und die Nachbarn? Ich bin begierig, zu erfahren, was die Nachbarn gesagt haben.«
»Sie haben gesagt, wenn Sie mich im Verdacht hätten, und wenn Sie unglücklicher Weise Ihren Verdacht irgend Jemand mittheilen würden, so müßten Sie bis zum Ende gehen.«
»Nun!«
»Nämlich beweisen, daß die Uhr genommen worden ist.«
»Sie ist genommen worden, da sie hier war und nicht mehr hier ist.«
»Ja, aber durch mich, durch mich genommen, verstehen Sie. Vor dem Gericht muß man Beweise haben; man wird Ihnen nicht auf das Wort glauben, Herr Marat . . . Sie sind nicht mehr als wir, Herr Marat.«
Balsamo schaute ruhig, wie immer, dieser ganzen Scene zu. Er sah, daß Marat, obgleich sich seine Ueberzeugung nicht geändert hatte, seinen Ton herabstimmte.
»So zwar,« fuhr die Portière fort, »daß ich, wenn Sie meiner Ehrlichkeit nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn Sie mir nicht Genugthuung und Ehrenerklärung geben, daß ich den Polizeicommissär aufsuchen werde, wie es mir unser Hauseigenthümer so eben gerathen hat.«
Marat biß sich auf die Lippen. Er wußte, daß ihn hiebei wirklich eine Gefahr bedrohte. Der Hauseigenthümer war ein reicher alter Kaufmann, der sich von den Geschäften zurückgezogen. Er wohnte im dritten Stock und die Scandalchronik des Quartiers behauptete, er habe zehn Jahre früher die Portière, welche damals Köchin bei seiner Frau war, sehr begünstigt.
Marat aber, der häufig geheimnißvolle Besuche hatte; Marat, ein ziemlich wenig geordneter junger Mann; Marat, der gewissermaßen im Verborgenen lebte; Marat, den Leuten der Polizei etwas verdächtig, wollte nicht einen Handel mit dem Polizeicommissär bekommen, der ihn in die Hände von Herrn von Sartines gebracht hätte, welcher es gar sehr liebte, die Papiere von jungen Leuten, wie Marat, zu lesen, und die Urheber dieser schönen Schriften in die Häuser der Ueberlegung zu schicken, die man Vincennes, die Bastille, Charenton und Bicêtre nannte.
Marat stimmte also seinen Ton herab; doch in demselben Maß, in dem er den selbigen herabstimmte, stimmte die Portière den ihrigen hinauf. Dadurch erfolgte, daß diese nervige, hysterische Frau wie eine Flamme aufloderte, die einen Luftzug gefunden hat.
Drohungen, Schwüre, Schreie, Thränen, Alles wandte sie an: es war ein Sturm.
Da dachte Balsamo, es wäre nun Zeit, in’s Mittel zu treten; er machte einen Schritt gegen diese Frau, welche drohend mitten im Zimmer stand, streckte zwei Finger gegen ihre Brust aus und sprach, nicht mit den Lippen, sondern mit seinen Augen, mit seinem Geist, mit seinem ganzen Willen ein Wort aus, das Marat nicht hören konnte.
Sogleich schwieg Frau Grivette; sie wankte, verlor das Gleichgewicht, ging, die Augen furchtbar weit aufgesperrt, rückwärts und fiel auf das Bett, ohne ein Wort zu sprechen.
Bald schloßen und öffneten sich ihre Augen; doch diesmal, ohne daß man den Augenstern sah; ihre Zunge bewegte sich krampfhaft; der Rumpf rührte sich nicht, und dennoch zitterten ihre Hände, als würden sie vom Fieber geschüttelt.
»Oh! oh!« sagte Marat, »wie der Verwundete im Hospital.«
»Ja.«
»Sie schläft also?«
»Stille!« erwiederte Balsamo.
Dann sich an Marat wendend, sprach er:
»Mein Herr, das ist der Augenblick, wo Ihr ganzer Unglaube aufhören wird; heben Sie diesen Brief auf den die Frau brachte und sich entschlüpfen ließ, als sie fiel.«
Marat gehorchte.
»Nun?« fragte er.
»Warten Sie.«
Und er nahm den Brief aus den Händen von Marat und fragte die Schlafende:
»Wissen Sie, von wem dieser Brief kommt?«
»Nein, mein Herr.«
Balsamo näherte den geschlossenen Brief dieser Frau.
»Lesen Sie ihn für Herrn Marat, der zu wissen wünscht, was er enthält.«
»Sie kann nicht lesen.« sprach Marat.
»Ja, aber Sie können lesen?«
»Gewiß.«
«Nun, so lesen Sie ihn, und sie wird ihrerseits lesen, nach Maßgabe, wie sich die Worte Ihrem Geiste einprägen.«
Marat entsiegelte den Brief und las, während Frau Grivette, stehend und bebend unter dem allmächtigen Willen von Balsamo, nach Maßgabe, wie Marat sie selbst las, folgende Worte wiederholte:
»Mein lieber Hypokrates,
Appelles hat sein erstes Portrait gemacht; er hat es um fünfzig Franken verkauft; man verspeist heute die fünfzig Franken in der Schenkstube der Rue Saint-Jacques. Bist Du dabei?
Es versteht sich, daß man einen Theil davon vertrinkt.
Dein Freund L. David.«
Dies war wortgetreu, was sich in dem Brief geschrieben fand.
Marat ließ das Papier fallen.
»Nun!« sagte Balsamo, »Sie sehen, daß Frau Grivette auch eine Seele hat, und daß diese Seele wacht, wenn sie selbst schläft.«
»Und zwar eine seltsame Seele,« sprach Marat, »eine Seele, welche lesen kann, während es der Leib nicht kann.«
»Weil die Seele Alles vermag, weil die Seele durch die Ueberlegung reproduciren kann. Versuchen Sie es, sie diesen Brief lesen zu lassen, wenn sie wieder erwacht ist, wenn nämlich der Körper die Seele mit seinem Schatten umhüllt hat, und Sie werden sehen.«
Marat blieb ohne Wort; seine ganze materialistische Philosophie empörte sich in ihm, fand aber keine Erwiederung.
»Wir wollen nun zu dem übergehen, was Sie am meisten interessirt,« fuhr Balsamo fort, »nämlich zu dem, was aus Ihrer Uhr geworden ist.«
»Frau Grivette,« sprach Balsamo, »wer hat die Uhr von Herrn Marat genommen?«
Die Somnambule machte eine Geberde heftigen Leugnens und sagte:
»Ich weiß es nicht.«
»Sie wissen es vollkommen,« erwiederte Balsamo, »und Sie werden es auch sagen.«
Dann mit einem noch stärkeren Willen:
»Sprechen Sie, wer hat die Uhr von Herrn Marat genommen?«
»Frau Grivette hat die Uhr von Herrn Marat nicht gestohlen. Warum glaubt Herr Marat, sie habe ihm seine Uhr gestohlen?«
»Wenn sie es nicht ist, wer hat die Uhr gestohlen, sagen Sie?«
»Ich weiß es nicht.«
»Sie sehen,« sagte Marat, »das Gewissen ist eine undurchdringliche Zufluchtstätte.«
»Wohl! da Sie nur noch diesen letzten Zweifel haben, mein Herr, so sollen Sie überzeugt werden,« sprach Balsamo.
Dann sich gegen die Portière umwendend:
»Sagen Sie es, ich will es haben.«
»Ah! ah!« rief Marat, »verlangen Sie nicht das Unmögliche.«
»Sie haben gehört,« sprach Balsamo, »ich sagte, ich wolle es haben.«
Unter dem Ausdruck dieses gebieterischen Willens fing die unglückliche Frau nun an, wie wahnsinnig die Hände und Arme zu verdrehen; ein Beben, dem der Epilepsie ähnlich, durchlief ihren ganzen Leib; ihr Mund nahm einen häßlichen Ausdruck der Angst und der Schwäche an; sie warf sich zurück, erstarrte wie in einer schmerzhaften Convulsion und fiel auf das Bett.
»Nein, nein,« sagte sie, »ich will lieber sterben.«
»Wohl!« rief Balsamo mit einem Zorn, der die Flamme aus seinen Augen springen machte, »Du wirst sterben, wenn es sein muß, aber Du wirst sprechen . . . Dein Stillschweigen und Deine Hartnäckigkeit wären für uns hinreichende Anzeichen; doch für einen Ungläubigen bedarf es eines unwidersprechlichen, unverwerflichen Beweises. Sprich, ich will es haben, wer hat die Uhr genommen?«
Die Nervenaufreizung hatte den höchsten Grad erreicht; Alles, was die Somnambule an Kraft und Macht besaß, reagirte gegen den Willen von Balsamo; unartikulirte Schreie kamen aus ihrem Mund, ein röthlicher Schaum befranste ihre Lippen.
»Sie wird einen epileptischen Anfall bekommen,« sagte Marat.
»Befürchten Sie das nicht, es ist der Dämon der Lüge, der in ihr haust und nicht heraus will.«
Dann wandte sich Balsamo gegen die Frau, warf ihr Alles ins Gesicht, was seine Hand an Fluidum fassen konnte, und sagte:
»Sprich, wer hat die Uhr genommen?«
»Frau Grivette,« antwortete die Somnambule mit kaum verständlicher Stimme.
»Und wann hat sie sie genommen?«
»Gestern Abend.«
»Wo war sie?«
»Unter dem Leuchter.«
»Und was hat sie damit gemacht?«
»Sie hat sie in die Rue Saint-Jacques getragen.«
»An welchen Ort der Rue Saint-Jacques?«
»In Nro. 29.«
»In welchen Stock?«
»In den fünften.«
»Zu wem?«
»Zu einem Schustergesellen.«
»Wie heißt er?«
»Simon.«
»Wer ist dieser Mensch?«
Die Somnambule schwieg.
»Wer ist dieser Mensch?«
Die Somnambule schwieg.
»Wer ist dieser Mensch?« wiederholte Balsamo.
Dasselbe Stillschweigen.
Balsamo streckte seine mit Fluidum geschwängerte Hand gegen sie ans, und durch diesen furchtbaren Angriff vernichtet, hatte die Unglückliche nur noch die Kraft, zu murmeln:
»Ihr Liebhaber.«
Marat stieß einen Schrei des Erstaunens aus.
»Stille,« sagte Balsamo; »lassen Sie das Gewissen reden.«
Da wandte er sich abermals an die völlig zitternde und mit Schweiß übergossene Frau und fragte:
»Und wer hat Frau Grivette diesen Diebstahl gerathen?«
»Niemand. Sie hob zufällig den Leuchter auf, sah die Uhr, und der Teufel führte sie in Versuchung.«
»Geschah es aus Noth?«
»Nein, denn sie hat die Uhr nicht verkauft.«
»Sie hat sie also verschenkt?«
»Ja.«
»An Simon?«
Die Somnambule machte eine Anstrengung.
»An Simon.«
Dann bedeckte sie ihr Gesicht mit ihren beiden Händen und vergoß einen Strom von Thränen.
Balsamo warf einen Blick auf Marat, der mit offenem Mund, die Haare in Unordnung, die Augenlider weit aufgesperrt, dieses furchtbare Schauspiel betrachtete.
»Nun, mein Herr,« sagte er, »Sie sehen endlich den Kampf der Seele mit dem Körper. Sie sehen das Gewissen bezwungen wie in einer Schanze, die es für uneinnehmbar hielt. Sie sehen, daß Gott nichts in dieser Welt vergessen hat, und daß er Alles in Allem ist. Leugnen Sie also nicht mehr das Gewissen, leugnen Sie nicht mehr die Seele; leugnen Sie nicht mehr das Unbekannte, junger Mann! leugnen Sie besonders den Glauben nicht, der die höchste Macht ist; und da Sie Ehrgeiz haben, studiren Sie, Herr Marat; sprechen Sie wenig und denken Sie viel, und lassen Sie sich nicht verleiten, leichtsinnig ihre Oberen zu beurtheilen. Leben Sie wohl, es ist Ihnen durch meine Worte ein sehr weites Feld geöffnet; durchforschen Sie dieses Feld, das Schätze enthält. Gott befohlen! Glücklich, sehr glücklich, wenn Sie den Dämon des Unglaubens, der in Ihnen ist, besiegen können, wie ich den Dämon der Lügen, der in dieser Frau ist, überwunden habe.«
Und er entfernte sich nach diesen Worten, welche die Röthe der Scham dem jungen Mann in die Wangen steigen machten.
Marat dachte nicht einmal daran, von ihm Abschied zu nehmen.
Nachdem er sich aber von seinem tiefen Erstaunen ein wenig erholt hatte, gewahrte er, daß Frau Grivette noch auf seinem Bette schlief.
Dieser Schlaf kam ihm gräßlich vor. Marat würde eine Leiche auf seinem Bette vorgezogen haben, und hätte auch Herr von Sartines ihren Tod auf seine Weise erklären sollen.
Er schaute diese verdrehten Augen, diese Zuckungen an, und bekam bange.
Seine Angst nahm noch zu, als sich der lebendige Leichnam erhob, seine Hand ergriff und zu ihm sagte:
»Kommen Sie mit mir, Herr Marat.«
»Wohin?«
»In die Rue Saint Jacques.«
»Warum?«
»Kommen Sie, kommen Sie; er befiehlt mir, Sie zu führen.«
Marat, der auf einen Stuhl gesunken war, stand auf.
Da öffnete Frau Grivette, immer noch schlafend, die Thüre und ging die Treppe hinab, wie es ein Vogel oder eine Katze gethan hätte, nämlich indem sie kaum die Stufen streifte.
Marat folgte ihr; er befürchtete, sie könnte fallen und beim Fallen den Hals brechen.
Als sie unten an die Treppe gekommen war, schritt sie über die Thürschwelle und ging durch die Straße, stets gefolgt von dem jungen Mann, den sie so bis an das Haus und zu dem bezeichneten Speicher führte.
Sie klopfte an die Thüre; Marat fühlte, wie sein Herz so gewaltig schlug, daß er glaubte, man müßte es hören.
Ein Mann war im Speicher; er öffnete, und Marat erkannte in diesem Mann einen Arbeiter von fünf und zwanzig bis dreißig Jahren, den er zuweilen in der Loge seiner Portière gesehen hatte.
Als er Frau Grivette, gefolgt von Marat, erblickte, wich er zurück.
Doch die Somnambule ging gerade auf das Bett zu, schob ihre Hand unter das magere Kopfkissen und zog die Uhr hervor während der Schuster Simon, bleich vor Schrecken, nicht ein Wort zu sprechen wagte und mit irrem Auge alle, auch die geringsten Geberden dieser Frau verfolgte, die er für wahnsinnig hielt.
Kaum hatte sie die Hand von Marat berührt, dem sie die Uhr zurückgab, als sie einen tiefen Seufzer ausstieß und murmelte:
»Ich erwache, ich erwache.«
Alle ihre Nerven spannten sich in der That ab, wie ein vom Block gelassenes Kabel; ihre Augen nahmen wieder den Lebensfunken an, und da sie sich Marat gegenüber, die Hand in seiner Hand und noch die Uhr, den unverwerflichen Beweis des Verbrechens, haltend, fand, stürzte sie ohnmächtig auf den Boden des Speichers nieder.
»Sollte das Gewissen wirklich bestehen?« fragte sich Marat, während er den Zweifel im Herzen und die Träumerei in den Augen das Zimmer verließ.
CVIII.
Der Mensch und seine Werke
Während Marat so gut angewendete Stunden hinbrachte und über das Gewissen und das doppelte Leben philosophirte, war ein anderer Philosoph in der Rue Plastrière damit beschäftigt, daß er Stück für Stück seinen vorgehenden Abend wieder aufbaute und sich befragte, ob er wirklich ein so großer Schuldiger sei, oder ob er es nicht sei. Die Arme weich auf den Tisch gestützt, den Kopf schwer auf die linke Schulter geneigt, dachte Rousseau nach.
Er hatte weit geöffnet vor sich seine politischen und philosophischen Bücher Emile und den Contrat social . . . Von Zeit zu Zeit, wenn es der Gedanke erforderte, bückte er sich, um in diesen Büchern, die er auswendig wußte, zu blättern.
»Ah! guter Gott,« sagte er, als er einen Satz von Emile über die Freiheit des Gewissens las, »das sind mordbrennerische Phrasen. Gerechter Himmel, welche Philosophie! Ist je in der Welt ein Brandstifter, wie ich, erschienen?«
»Wie!« fügte er die Hände über sein Haupt erhebend bei, »ich habe solche Schreie gegen den Thron, den Altar und die Gesellschaft ausgestoßen . . .
Ich wundere mich nicht, wenn einige düstere, gedrängte Leidenschaften ihren Nutzen aus meinen Sophismen gezogen und sich auf den Pfaden verirrt haben, die ich ihnen mit rhetorischen Blumen bestreute. Ich bin ein Störer der Gesellschaft gewesen . . .«
Er stand sehr bewegt auf und ging dreimal in seinem kleinen Zimmer auf und ab. Dann sprach er:
»Ich habe nachtheilig von den Leuten der Gewalt geredet, welche die Tyrannei gegen die Schriftsteller üben. Ich Narr, ich Barbar, der ich war! diese Leute haben hundertmal Recht.
Was bin ich, wenn nicht ein für den Staat gefährlicher Mensch? Mein Wort, hinausgeschleudert, um die Massen zu erleuchten, – das nahm ich mir wenigstens zum Vorwand, – mein Wort, sage ich, ist eine Fackel, welche das ganze Weltall in Brand stecken wird.
Ich habe Reden über die Ungleichheit der Lebensverhältnisse, Projecte über allgemeine Verbrüderung und Erziehungspläne ausgestreut, und ich ernte Leidenschaften des Uebermuths so wilder Art, daß sie die Richtung der Gesellschaft völlig umkehren, innere Kriege, im Stande die Welt zu entvölkern, und so rohe Sitten, daß sie die Civilisation um zehn Jahrhunderte zurückweichen machen würden . . . Oh! ich bin ein sehr großer Verbrecher.«
Er las abermals eine Seite von seinem Vicaire Savoyard.
»Ja, das ist es: Vereinigen wir uns, um uns mit unserem Glück zu beschäftigen . . . Ich habe es geschrieben! Geben wir unsern Tugenden die Stärke, welche Andere ihren Lastern geben. Ich habe das abermals geschrieben.«
Und Rousseau geberdete sich verzweifelter als je.
»Durch meinen Fehler,« sagte er, »sind also die Brüder den Brüdern gegenübergestellt; eines Tags wird eines von diesen unterirdischen Gewölben von der Polizei überfallen werden, man wird das ganze Nest der Leute ausnehmen, welche geschworen haben, sich im Fall eines Verraths aufzufressen, und es wird sich einer finden, der frecher ist als die Andern und aus seiner Tasche mein Buch zieht und spricht:
,Worüber beklagt Ihr Euch? Wir sind die Adepten von Herrn Rousseau; wir machen einen Cursus der Philosophie.’ Oh! wie wird da Voltaire lachen! Es ist nicht zu befürchten, daß sich dieser Höfling in solche Wespennester steckt!«
Der Gedanke, Voltaire würde über ihn spotten, brachte den Genfer Philosophen in einen gewaltigen Zorn.
»Ich ein Verschwörer!« murmelte er, »ich werde offenbar kindisch, bin ich nicht in der That ein Verschwörer!«
Er war so weit, als Therese eintrat, ohne daß er es sah. Sie brachte das Frühstück.
Sie bemerkte, daß er aufmerksam ein Stück von seinen Réveries d’un solitaire las.
»Gut,« sagte sie, indem sie geräuschvoll die heiße Milch auf das Buch selbst stellte, »mein Hoffärtiger beschaut sich in seinem Spiegel. Der Herr liest seine Bücher. Herr Rousseau bewundert sich.«
»Ruhig, Therese.« sprach der Philosoph. »Geduld, laß mich, ich lache nicht.«
»Oh! ja, das ist herrlich, nicht wahr?« rief sie, ihn verspottend . . . »Sie versetzen sich in Extase! Wie viel Eitelkeit, wie viele Fehler haben doch die Schriftsteller, und uns armen Frauen lassen sie so wenig hingehen! Wenn es mir einfällt, mich in meinem Spiegelchen zu beschauen, zankt der Herr und nennt mich gefallsüchtig.«
Sie fuhr in diesem Tone fort, ihn zum Unglücklichsten der Menschen zu machen, als wäre Rousseau hiezu nicht schon sehr reich von der Natur begabt gewesen.
Er trank seine Milch, ohne sein Brod einzutunken.
Er wiederkäute.
»Gut, Sie denken nach,« sagte sie; »Sie wollen abermals ein Buch voll nichtswürdiger Dinge machen . . .«
Rousseau bebte.
»Sie träumen von Ihren idealen Frauen,« sprach Therese, »und Sie werden ein Buch schreiben, das die jungen Mädchen nicht zu lesen wagen, – oder gar Entweihungen, die durch die Hand des Henkers verbrannt werden.«
Der Märtyrer schauerte, Therese hatte den rechten Fleck getroffen.
»Nein,« erwiederte er, »ich werde nichts mehr schreiben, was arge Gedanken veranlassen könnte . . . ich will im Gegentheil ein Buch machen, das alle ehrliche Leute mit freudigem Entzücken lesen sollen.«
»Oh! oh!« rief Therese, während sie die Tasse wegnahm, »das ist unmöglich, Ihr Geist ist voll von unzüchtigen Dingen . . . Kürzlich erst hörte ich Sie eine Stelle aus ich weiß nicht was lesen, und Sie sprachen von Frauen, die Sie anbeten . . . Sie sind ein Satyr! ein Magier!«
Der Ausdruck Magier war eine der abscheulichsten Schmähungen aus dem Wörterbuch von Therese: dieser Ausdruck machte Rousseau stets schauern.
»Ruhig, ruhig, meine liebe Freundin,« sagte er; »Sie werden gewiß zufrieden sein . . . Ich will schreiben, ich habe ein Mittel gefunden, die Welt zu regeneriren, ohne bei den Veränderungen, welche stattfinden werden, das Leiden eines einzigen Menschen zu veranlassen. Ja, ja, diesen Plan werde ich zur Reife bringen. Großer Gott! keine Revolution, meine gute Therese, keine Revolution!«
»Gut, wir werden sehen,« sagte Therese; »horch! man läutet.«
Therese kam einen Augenblick nachher mit einem hübschen jungen Mann zurück, den sie im ersten Zimmer zu warten bat.
Sie trat dann wieder bei Rousseau ein, der sich schon mit einem Bleistift Noten machte, und sagte.
»Schließen Sie alle diese Abscheulichkeiten rasch ein. Es will Sie Jemand besuchen.«
»Wer ist es?«
»Ein Herr von Hofe.«
»Er hat Ihnen seinen Namen nicht genannt?«
»Ah! was wollen Sie denn, empfange ich etwa Unbekannte?«
»So sagen Sie. wer es ist.«
»Herr von Coigny.«
»Herr von Coigny!« rief Rousseau; »Herr von Coigny, der Cavalier von Seiner königlichen Hoheit dem Dauphin!«
»Das muß so sein: ein reizender Junge, ein sehr liebenswürdiger Mann.«
»Ich komme, Therese.«
Rousseau warf eiligst einen Blick in den Spiegel, stäubte seinen Rock aus, wischte seine Pantoffeln ab, die nichts Anderes waren, als alte, durch den Gebrauch zerfressene Schuhe, und trat in das Speisezimmer, wo ihn der Cavalier erwartete.
Dieser hatte sich nicht gesetzt. Er betrachtete mit einer gewissen Neugierde die getrockneten Pflanzen, welche Rousseau auf Papier geklebt und in Rahmen von schwarzem Holz aufbewahrt hatte.
Bei dem Geräusch der Glasthüre wandte er sich um und fragte mit einer äußerst höflichen Verbeugung:
»Habe ich die Ehre, mit Herrn Rousseau zu sprechen?«
»Ja, mein Herr,« antwortete der Philosoph mit einem verdrießlichen Ton, welcher indessen eine gewisse Bewunderung für die merkwürdige Schönheit und Eleganz seines Besuches nicht ausschloß.
Herr von Coigny war in der That einer der liebenswürdigsten und schönsten Männer Frankreichs. Für ihn war ohne Zweifel die Tracht jener Zeit ersonnen worden . . . um die Feinheit und Rundung seines vollkommenen Beines glänzen zu lassen, um in ihrem ganzen anmuthigen Umfang seine breiten Schultern und seine tiefe Brust zu zeigen, um seinem so gut gestellten Kopf die majestätische Miene, seinen Händen die Weiße des Elfenbeins zu verleihen.
Diese prüfende Beschauung befriedigte Rousseau, der das Schöne als wahrer Künstler überall bewunderte, wo er es fand.
»Mein Herr,« fragte er, »was steht zu Dienst?«
»Man hat es Ihnen wohl gesagt,« erwiederte der Kavalier, »ich bin der Graf von Coigny. Ich füge dem bei, daß ich im Auftrage der Frau Dauphine komme.«
Rousseau verbeugte sich ganz roth; Therese betrachtete in einer Ecke des Speisezimmers, die Hände in den Taschen, mit wohlgefälligen Augen den schönen Boten der größten Prinzessin Frankreichs.
»Was verlangt Ihre königliche Hoheit?« sagte Rousseau. »Aber nehmen Sie doch einen Stuhl, mein Herr, wenn es Ihnen beliebt.«
Rousseau setzte sich selbst. Herr von Coigny nahm einen Strohstuhl und ahmte ihn nach.
»Hören Sie, mein Herr, wie sich die Sache verhält. Als Seine Majestät kürzlich in Trianon speiste, offenbarte sie einige Sympathie für Ihre Musik, welche reizend ist. Seine Majestät sang Ihre besten Melodien; die Frau Dauphine, die Seiner Majestät in allen Dingen zu gefallen sucht, dachte, es wäre für den König ein Vergnügen, eine Ihrer komischen Opern in Trianon auf dem Theater darstellen zu sehen . . .«
Rousseau machte eine tiefe Verbeugung.
»Ich komme also, mein Herr, um Sie im Auftrag der Frau Dauphine zu bitten . . .«
»Oh! mein Herr,« unterbrach ihn Rousseau, »meine Erlaubniß hat hiebei nichts zu thun. Meine Stücke und die damit verbundenen Arietten gehören dem Theater, das sie zur Darstellung gebracht hat. Sie müssen sie von den Komödianten verlangen, und I. K. H. die Frau Dauphine wird hiebei nicht mehr Hindernisse finden, als bei mir. Die Komödianten werden sehr glücklich sein, vor Seiner Majestät und dem ganzen Hof zu spielen.«
»Das ist es nicht gerade, was ich mir von Ihnen zu erbitten beauftragt bin, mein Herr,« entgegnete Herr von Coigny. »I. K. H. die Frau Dauphine will dem König eine vollständigere und seltenere Unterhaltung geben. Sie kennt alle Ihre Opern, mein Herr . . .«
Eine abermalige Verbeugung von Rousseau.
»Und sie singt sie sehr gut.«
Rousseau kniff sich die Lippen.
»Das ist viel Ehre,« stammelte er.
»Da nun,« fuhr Herr von Coigny fort, »da nun mehrere Damen des Hofes vortreffliche Tonkünstlerinnen sind und zum Entzücken singen, da mehrere Cavaliere sich ebenfalls mit einem gewissen Erfolg mit der Musik beschäftigen, so soll die Oper, welche die Frau Dauphine unter den Ihrigen auswählen würde, von dieser Gesellschaft von Cavalieren und Damen, deren Hauptpersonen Ihre K. Hoheiten wären, vorgetragen und gespielt werden.«
