Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 78
»Nein, bei Gott! ich will es sogleich abmachen. Du bist ein sparsames Mädchen, Nicole, und das wird Dir Glück bringen.«
Wonach Richelieu die versprochene Summe sowohl in Kassenbillets als in ganzen und in halben Louis d’or voll machte.
»Hier, ist es so?« sagte er.
»Ich glaube wohl. Nun fehlt mir noch die Hauptsache, gnädigster Herr.«
»Der Saft?«
»Ja, der Herr Herzog hat ohne Zweifel ein . . . Flacon?«
»Ja, ich habe den meinigen, den ich immer bei mir trage.«
Nicole lächelte.
»Und dann,« sagte sie, »dann schließt man Trianon jeden Abend und ich habe keinen Schlüssel.«
»Aber ich, ich habe einen, als erster Cavalier.«
»Ah! wahrhaftig.«
»Hier ist er.«
»Wie sich das Alles glücklich macht,« sagte Nicole; man sollte glauben, es wäre eine Reihenfolge von Wundern. Nun Gott befohlen, Herr Herzog.«
»Wie, Gott befohlen?«
»Gewiß, ich werde den Herrn Herzog nicht mehr sehen, da ich während des ersten Schlafes von Fräulein Andrée aufbreche.«
»Das ist richtig, Gott befohlen. Nicole.«
Und ins Fäustchen lachend, verschwand Nicole in der Dunkelheit, welche immer dichter zu werden anfing.
»Es gelingt mir abermals,« sprach Richelieu, »doch in der That, es ist, als fände mich das Glück allmälig zu alt, und als diente es mir wider seinen Willen. Ich bin von dieser Kleinen geschlagen worden; aber gleichviel, wenn ich nur die Schläge zurückgebe.«
CXIX.
Die Flucht
Nicole war ein gewissenhaftes Mädchen. Sie hatte das Geld von Herrn von Richelieu empfangen, sie hatte es zum Voraus empfangen, man mußte dieses Vertrauen dadurch erwiedern, daß man es verdiente.
Sie lief geraden Wegs nach dem Gitter, wo sie zwanzig Minuten vor acht Uhr, statt um halb acht Uhr ankam.
An die militairische Disciplin gewöhnt, war Herr von Beausire ein pünktlicher Mann: er wartete seit zehn Minuten.
Seit zehn Minuten hatte auch ungefähr Herr von Taverney seine Tochter verlassen, und sobald Herr von Taverney weggegangen, war Andrée allein geblieben. Diese aber hatte, sobald sie allein, ihre Vorhänge geschlossen.
Gilbert betrachtete, oder verschlang vielmehr von seiner Mansarde aus Andrée. Nur wäre es schwierig gewesen, zu sagen, ob die Blicke, die er auf das Mädchen heftete, von Liebe, oder von Haß funkelten.
Als die Vorhänge zugezogen waren, hatte Gilbert nichts mehr zu sehen. Dem zu Folge schaute er auf eine andere Seite.
Als er auf eine andere Seite schaute, erblickte er die Hutfeder von Herrn von Beausire, und erkannte den Gefreiten, der, um die Langweile des Wartens zu vertreiben, ein Liedchen pfeifend auf und abging.
Nach Verlauf von zehn Minuten, nämlich um sieben Uhr vierzig Minuten, erschien Nicole: sie sprach ein paar Worte mit Herrn von Beausire, dieser machte eine Kopfbewegung zum Zeichen, daß er verstehe, und entfernte sich in der Richtung der tiefen Allee, welche nach Klein-Trianon führte.
»Ah! ah!« machte Gilbert, »der Herr Gefreite und die Kammerfrau haben etwas zu sagen oder zu thun, wobei sie Zeugen befürchten: gut!«
Gilbert war nicht neugierig in Beziehung auf Nicole, nur suchte er, da er eine natürliche Feindin in ihr fühlte, gegen ihre Sittlichkeit eine Menge von Beweisen zu sammeln, mit denen er siegreich den Angriff zurückschlagen könnte, wenn ihn Nicole angreifen würde.
Gilbert zweifelte nicht daran, der Feldzug müßte sich jeden Augenblick eröffnen, und als vorsichtiger Soldat häufte er Munition für den Krieg auf.
Ein Rendez-vous von Nicole mit einem Mann in Trianon selbst war eine von den Waffen, welche Nicole aufzuheben nicht versäumen konnte, besonders wenn man, wie es Nicole that, die Unklugheit hatte, sie zu seinen Füßen fallen zu lassen. Gilbert wollte folglich den Beweis mit seinen Augen sammeln, um ihn dem der Ohren beizufügen, und im Flug einen compromittirenden Satz auffassen, den er siegreich im Augenblick des Kampfes gegen das Mädchen richten könnte.
Er ging also rasch von seiner Mansarde herab, schlug den Weg durch den Gang der Küchen ein, und erreichte den Garten auf der kleinen Treppe der Capelle; sobald Gilbert im Garten war, hatte er nichts mehr zu befürchten; er kannte alle Winkel desselben, wie ein Fuchs seinen Bau kennt.
Er schlüpfte also unter die Linden, dann längs dem Spalier hin und erreichte ein Gebüsch, das sich zwanzig Schritt von dem Ort erhob, wo er Nicole zu finden hoffte.
Nicole war wirklich da.
Kaum hatte sich Gilbert in seinem Gebüsch eingenistet, als ein seltsames Geräusch an sein Ohr drang: es war das Geräusch des Goldes auf dem Stein, es wir der metallische Klang, von dem nichts, wenn nicht die Wirklichkeit einen richtigen Begriff zu geben vermag.
Gilbert schlüpfte wie eine Schlange bis an die terassenförmige Mauer, die von einer Reihe von Fliederbüschen überragt wurde, welche im Monat Mai ihren Wohlgeruch verbreiteten und ihre Blühten auf die Vorübergehenden herabschüttelten, wenn diese an der Mauer der tiefen Allee, die das große Trianon von dem kleinen trennt, hingingen.
Als Gilbert bei diesem Punkte angelangt war, sahen seine, an die Finsterniß gewöhnten Blicke, Nicole, welche auf einen Stein, der sich diesseits des Gitters, und kluger Weise außer dem Bereiche der Hand von Herrn von Beausire befand, die Börse leerte, die ihr Herr von Richelieu gegeben hatte.
Die Louis d’or rieselten springend und glänzend daraus, während Herr von Beausire, das Auge entzündet, und die Hand zitternd, aufmerksam Nicole und die Goldstücke anschaute, ohne zu begreifen, wie die eine die andern besaß.
Nicole sprach:
»Mehr als einmal,« sagte sie, »haben Sie mir den Vorschlag gemacht, mich zu entführen, mein lieber Herr von Beausire.«
»Und sogar Sie zu heirathen,« rief der Gefreite ganz begeistert.
»Oh! was den letzteren Punkt betrifft, mein lieber Herr,« sagte das Mädchen, »so wollen wir ihn später verhandeln; für den Augenblick ist fliehen die Hauptsache, können wir in zwei Stunden fliehen?«
»In zehn Minuten, wenn Sie wollen.«
»Nein: ich habe zuvor noch etwas zu thun, und was ich zu thun habe, erfordert zwei Stunden.«
»In zwei Stunden, wie in zehn Minuten bin ich zu Ihren Befehlen, theure Seele.«
»Gut; nehmen Sie fünfzig Louis d’or (das Mädchen zählte fünfzig Louis d’or und reichte sie durch das Gitter Herrn von Beausire, der die Goldstücke ohne sie zu zählen, in seine Westentasche schob); und in anderthalb Stunden sind Sie mit einem Wagen hier.«
»Aber . . .« entgegnete Beausire.
»Oh! wenn Sie nicht wollen, nehmen wir an, es sei nichts zwischen uns verabredet worden, und geben Sie mir meine fünfzig Louis d’or wieder.«
»Ich weiche nicht zurück, theure Nicole.; ich befürchte nur die Zukunft.«
»Für wen?«
»Für Sie.«
»Für mich?«
»Ja. Sind die fünfzig Louis d’or verschwunden, und am Ende verschwinden sie doch wohl, so werden Sie zu beklagen sein, Sie werden es bereuen, Trianon verlassen zu haben, Sie . . .«
»Oh! wie zartfühlend sind Sie; haben Sie nicht bange, ich gehöre nicht zu den Frauen, die man unglücklich macht, lassen Sie jedes Bedenken; wenn die fünfzig Louis d’or ausgegeben sind, werden wir übrigens sehen.«
Und Nicole ließ andere fünfzig in der Börse klingen.
Die Augen von Beausire phosphorescirten.
»Für Sie würde ich mich in einen feurigen Ofen stürzen,« sagte er.
»Gut! gut! man verlangt nicht so viel von Ihnen, Herr von Beausire; es ist also abgemacht in anderthalb Stunden den Wagen, in zwei Stunden die Flucht.«
»Es ist abgemacht,« rief Beausire, indem er die Hand von Nicole ergriff und an sich zog, um sie durch das Gitter zu küssen.
»Stille doch!« sagte Nicole, »sind Sie verrückt . . .«
»Nein, ich bin verliebt.«
»Hm!« machte Nicole.
»Sie glauben mir nicht, theures Herz?«
»Doch, ich glaube Ihnen; sorgen Sie hauptsächlich für gute Pferde.«
»Oh! ja.«
Sie trennten sich.
Doch nach verlauf einer Secunde drehte sich Beausire ganz geschäftig um.
»Bst! bst!« machte er.
»Was denn?« fragte Nicole,welche schon ziemlich fern war, und die Hand vor dem Mund hielt, um ihre Stimme ohne Lärmen zu dem gewünschten Punkte gelangen zu lassen.
»Und das Gitter?«, fragte Beausire, »Sie werden also durch das Gitter gehen?«
»Wie dumm ist er!«murmelte Nicole, welche in diesem Augenblick nur zehn Schritte von Gilbert entfernt war.
Dann sagte sie laut:
»Ich habe den Schlüssel.«
Beausire ließ ein Ah! der Bewunderung vernehmen, und entfloh in aller Eile.
Nicole kam mit gesenktem Kopf und mit flinken Beinen zu ihrer Gebieterin zurück.
Gilbert, der nun allein war, stellte sich folgende vier Fragen:
»Warum entflieht Nicole mit Beausire, den sie nicht liebt?«
»Warum besitzt Nicole eine so bedeutende Geldsumme?«
»Warum hat Nicole den Schlüssel vom Gitter?«
»Warum kehrt Nicole, die sogleich fliehen könnte, zu ihrer Herrin zurück?«
Wohl Fand Gilbert ein Antwort auf die Frage: »Warum hat Nicole Geld?« Aber auf die anderen fand er keine.
Bei dieser Verneinung seines Scharfsinns wurde auch seine natürliche Neugierde, oder daß Mißtrauen, daß sich bei ihm gebildet hatte, so mächtig erregt, daß er die Nacht, so kalt sie auch war, in freier Luft unter den feuchten Bäumen zuzubringen beschloß, um die Entwicklung diese Scene abzuwarten, deren Anfang er gesehen hatte.
Andrée hatte ihren Vater bis an die Schranken von Groß-Trianon geleitet. Sie kam allein und nachdenkend zurück, als Nicole in aller Eile aus der Allee hervortrat welche zu dem Gitter führte, wo sie alle Maßregeln mit Herrn von Beausire verabredet hatte.
Nicole blieb stehen, sobald sie ihre Gebieterin erblickte, stieg dann auf ein Zeichen, das ihr Andrée machte, hinter dieser die Treppe hinauf, und folgte ihr in ihr Zimmer.
Es mochte in diesem Augenblick halb neun Uhr Abends sein. Die Nacht war rascher und dichter als gewöhnlich gekommen, weil eine große,schwarze Wolke, von Süden nach Norden laufend, den Himmel überzogen hatte, so daß man jenseits Versailles über den großen Waldungen, so weit das Auge reichte, das finstere Tuch allmälig, alle kurz zuvor noch auf ihrer azurnen Kuppel funkelnden Sterne verhüllen sehen konnte.
Ein niedrig streichender Wind fegte den Boden und sandte glühende Stöße den durstigen Blumen zu, welche ihr Haupt neigten, als wollen sie vom Himmel das Almosen des Regens oder des Thaus erflehen.
Diese Drohung der Atmosphäre hatte den Gang von Andrée durchaus nicht beschleunigt – im Gegentheil, traurig und tiefträumerisch setzte sie wie mit Bedauern den Fuß auf jede Stufe der Treppe, welche nach ihrem Zimmer führte, und sie blieb bei jedem Fenster stehen, um zu schauen, ob der Himmel mit ihrer Traurigkeit harmonire und um die Rückkehr in ihre kleine Wohnung zu verzögern.
Ungeduldig, ärgerlich, befürchtend, eine Laune ihrer Gebieterin könnte sie über die Stunde aufhalten, brummte Nicole ganz leise eine jener Verwünschungen, mit denen die Dienstboten nie ihre Gebieter verschonen, welche so unklug sind, sich die Befriedigung einer Laune auf Kosten der Laune ihrer Diener zu erlauben,
Andrée stieß die Thüre ihres Zimmers auf, sank auf ein Fauteuil und befahl Nicole, das Fenster, das nach dem Hofe ging halb zu öffnen.
Nicole gehorchte.
Dann kehrte sie mit der Miene der Theilnahme, der sich die Schmeichlerin so gut zu bedienen wußte, zu ihrer Gebieterin zurück und sagte:
»Ich befürchte, das Fräulein ist diesen Abend ein wenig krank; das Fräulein hat rothe, geschwollene, nichts desto weniger aber glänzende Augen. Ich glaube, das Fräulein bedarf sehr der Ruhe.«
»Du glaubst?« fragte Andrée, welche nicht gehört hatte.
Und sie streckte nachläßig ihre Füße auf ein gesticktes Kissen aus.
Nicole betrachtete diese Stellung als einen Befehl ihrer Gebieterin, sie zu entkleiden, und fing an, die Bänder und Blumen ihres Kopfputzes zu lösen, – eine Art von Gebäude, das die geschickteste Zerstörerin vor einer guten Viertelstunde nicht herunter brachte.
Andrée sprach während dieser ganzen Arbeit nicht ein Sterbenswörtchen. Ihrer Willkühr überlassen, machte Nicole ihr Geschäft mit der größten Eile ab und zerrte Andrée, ohne diese schreien zu machen, so sehr war sie in ihre Gedanken vertieft, nach Gefallen an ihren Haaren.
Als die Nachttoilette beendigt war. gab Andrée ihre Befehle für den andern Tag. Man mußte am Morgen nach Versailles gehen, um einige Bücher zu holen, welche Philipp für seine Schwester dahin hatte bringen lassen; man sollte den Stimmer benachrichtigen, er habe sich nach Trianon zu begeben, um das Clavier in Stand zu setzen.
Nicole antwortete ruhig, wenn man sie in der Nacht nicht weckte, so würde sie frühzeitig aufstehen, und vor dem Erwachen des Fräuleins würden alle Aufträge besorgt sein.
»Morgen werde ich auch schreiben,« fuhr Andrée mit sich selbst sprechend fort; »ja, ich werde Philipp schreiben, das wird mich ein wenig erleichtern.«
»In jedem Fall,« dachte Nicole, »in jedem Fall besorge ich den Brief nicht.«
Und bei dieser Betrachtung dachte auch Nicole, die noch nicht völlig verdorben war, mit einem traurigen Gefühle daran, daß sie zum ersten Male ihre vortreffliche Gebieterin, in deren Nähe ihr Geist und ihr Herz erweckt worden waren, verlassen wollte. Die Erinnerung an Andrée war bei ihr mit so vielen Erinnerungen verknüpft, daß jene berühren, die ganze Kette, welche von diesem Tag bis zu den ersten Tagen ihrer Kindheit hinaufging, schütteln hieß.
Während diese dem Character und der Lebenslage nach so sehr verschiedenen Kinder neben einander dachten, ohne daß ihre Ideen in irgend einem Zusammenhange standen, entfloh die Zeit und die Uhr von Klein-Trianon, welche immer der von Groß-Trianon vorging, schlug die neunte Stunde.
Beausire mußte beim Rendez-vous sein, und Nicole hatte nur noch eine halbe Stunde, um sich zu ihrem Liebhaber zu begeben.
Sie kleidete ihre Gebieterin so rasch, als sie konnte, vollends aus, nicht ohne einige Seufzer entschlüpfen zu lassen, denen Andrée keine Aufmerksamkeit schenkte. Sie reichte ihr ein langes Nachtgewand, und als Andrée, immer noch in Gedanken versunken, unbeweglich und die Augen am Plafond umherirrend blieb, zog Nicole aus ihrer Brust den Flacon von Richelieu, warf zwei Stücke Zucker in ein Glas mit dem nöthigen Wasser, um ihn schmelzen zu machen, und goß dann, ohne zu zögern und mit der in diesem so jungen Herzen schon so starken Willenskraft zwei Tropfen Saft aus dem Flacon in dieses Wasser, das sich sogleich trübte und eine leichte Opalfärbung annahm, die sich allmälig wieder verlor.
»Mein Fräulein,« sagte Nicole, »das Glas Wasser ist bereit, die Kleider sind zusammengelegt, die Nachtlampe ist angezündet, Sie wissen, daß ich früh aufstehen muß; darf ich mich nun schlafen legen?«
»Ja,« antwortete Andrée zerstreut.
Nicole verbeugte sich, stieß einen letzten Seufzer aus, der wie die andern verloren ging, und zog die Thüre, die nach dem kleinen Vorzimmer führte, hinter sich zu. Doch statt zu sich in die Zelle zu gehen, welche, wie man weiß, an den Corridor stieß und durch das Vorzimmer von Andrée erhellt war, entfloh sie leicht und ließ die Thüre des Corridor am Simswerk angelehnt, so daß die Instructionen von Richelieu vollständig befolgt waren.
Sodann stieg sie, um die Aufmerksamkeit der Nachbarn nicht zu erregen, die Treppe, welche in den Garten führte, auf den Fußspitzen hinab, sprang über die Freitreppe und lief zu Herrn Beausire an das Gitter.
Gilbert hatte seinen Beobachtungsposten nicht verlassen. Er hatte Nicole sagen hören, sie würde in zwei Stunden zurückkommen; er wartete. Da jedoch die Stunde seit zehn Minuten vorüber war, so fing er an zu befürchten, sie würde nicht kommen.
Plötzlich sah er sie herbeilaufen, als ob sie verfolgt würde.
Sie näherte sich dem Gitter und reichte durch die Stangen Beausire den Schlüssel; Beausire öffnete die Thüre, Nicole eilte hinaus und das Gitter schloß sich wieder mit einem schweren Knarren.
Dann wurde der Schlüssel in das Gras im Graben geworfen, gerade unterhalb der Stelle, wo sich Gilbert befand; der junge Mann hörte ihn mit einem matten Ton fallen und bemerkte die Stelle, wohin er gefallen war.
Nicole und Beausire gewannen während dieser Zeit Raum; Gilbert hörte, wie sie sich entfernten, und vernahm, nicht das Geräusch eines Wagens, wie ihn Nicole verlangt hatte, sondern das Stampfen eines Pferdes, das nach einigen Augenblicken, die ohne Zweifel unter den Vorwürfen von Nicole hingingen, welche gern wie eine Herzogin in einer Carrosse weggefahren wäre, die Erde mit seinen vier Hufen schlug, welche bald auf dem Pflaster der Landstraße schollen.
Gilbert athmete.
Gilbert war frei; Gilbert war von Nicole, von seiner Feindin befreit. Andrée blieb allein; vielleicht hatte Nicole bei ihrem Abgang den Schlüssel in der Thüre stecken lassen.
Dieser Gedanke machte den brausenden jungen Mann mit aller Wuth der Furcht und der Ungewißheit, der Neugierde und des Verlangens aufspringen.
Und in umgekehrter Richtung dem Weg folgend, auf dem Nicole gekommen war, lief er nach dem Pavillon der Comunes.
CXX.
Das doppelte Gesicht
Als Andrée allein war, erwachte sie allmälig aus der moralischen Betäubung, welche sie befallen hatte; und während Nicole auf dem Kreuz hinter Herrn von Beausire floh, kniete sie nieder und verrichtete ein inbrünstiges Gebet für Philipp, das einzige Wesen auf der Welt, das sie mit einer wahren und tiefen Zuneigung liebte.

Sie betete in ihrem innigen Vertrauen auf Gott.
Die Gebete von Andrée bestanden gewöhnlich nicht aus einer Reihenfolge mit einander verknüpfter Worte; es war eine Art von göttlicher Extase, in der sich die Seele bis zum Herrn erhob und in ihm sich vermischte.
In diesem leidenschaftlichen Flehen des von der Materie entbundenen Geistes war keine Beimischung von Egoismus. Andrée gab sich gewissermaßen selbst auf, dem Schiffbrüchigen gleich, der die Hoffnung verloren hat und nicht mehr für sich, sondern nur noch für seine Frau und seine Kinder, welche Waisen werden sollen, betet.
Dieser innige Schmerz war bei Andrée seit der Abreise ihres Bruders entstanden; und dennoch war er nicht ohne eine Mischung: wie ihr Gebet, bestand er aus zwei verschiedenen Elementen, von denen das eine für Andrée nicht sehr verständlich war.
Es war wie eine Ahnung, wie das fühlbare Herannahen eines bevorstehenden Unglücks. Es war eine Empfindung, den Stichen einer vernarbten Wunde ähnlich. Der anhaltende Schmerz ist verschwunden, aber die Erinnerung daran überlebt ihn lange, und macht auf die Gegenwart des Uebels aufmerksam, wie es einst die Wunde selbst that.
Andrée suchte sich nicht einmal Rechenschaft von dem zu geben, was sie fühlte; ganz nur mit dem Andenken an Philipp beschäftigt, führte sie auf diesen geliebten Bruder die Gesammtheit der Eindrücke zurück, die sie bewegten.
Dann stand sie auf, wählte ein Buch aus ihrer bescheidenen Bibliothek, stellte das Licht in die Nähe ihrer Hand und legte sich zu Bette.
Das Buch, das sie gewählt, oder vielmehr auf den Zufall genommen hatte, war nicht geeignet, ihre Aufmerksamkeit rege zu erhalten, es schläferte sie im Gegentheil ein. Bald breitete sich eine Anfangs durchsichtige, aber immer dichter werdende Wolke über ihrem Gesichte aus. Sie kämpfte einen Augenblick gegen den Schlaf, faßte zwei oder dreimal ihren flüchtigen Gedanken wieder auf, der ihr dann abermals entging, rückte mit dem Kopf vor, um das Licht auszublasen, erblickte das von Nicole bereitete Glas Wasser, streckte den Arm aus, nahm es mit einer Hand, rührte mit der andern den halb geschmolzenen Zucker mit einem Löffelchen um, und näherte, schon unter dem Druck des Schlafes, das Glas ihrem Mund.
Plötzlich und als ihre Lippen bereits den Trank berührten, machte eine seltsame Erschütterung ihre Hand zittern; eine zugleich feuchte und brennende Last fiel auf ihr Gehirn und Andrée erkannte mit Schrecken an den Wogungen des Fluidums, das über ihre Nerven hinlief, den übernatürlichen Einbruch unbekannter Empfindungen, der schon mehrere Male ihre Kräfte besiegt und ihre Vernunft gelähmt hatte.
Sie hatte nur noch Zeit, das Glas auf den Teller zu stellen und beinahe in demselben Augenblick verlor sie, ohne eine andere Klage als einen Seufzer, der ihrem leicht geöffneten Mund entschlüpfte, den Gebrauch der Stimme, des Gesichtes, des Verstandes und fiel, wie vom Blitz getroffen, von einer tödtlichen Schlafsucht heimgesucht, auf ihr Bett.
Doch diese Vernichtung war nur der augenblickliche Uebergang von einem Dasein zum andern.
Von todt, wie sie war, mit ihren Augen, welche für immer geschlossen zu sein schienen, erhob sie sich plötzlich wieder, öffnete die Augen mit einer furchtbaren Starrheit und stieg wie eine Marmorstatue, die aus ihrem Grabe steigen würde, von ihrem Bett herab.
Es unterlag keinem Zweifel, Andrée schlief jenen wunderbaren Schlaf, der schon mehrere Male ihr Leben unterbrochen hatte.
Sie durchschritt das Zimmer, öffnete die Glasthüre und ging in den Corridor mit der strengen, festen Haltung eines belebten Marmors.
Die Treppe lag vor ihr, Stufe für Stufe, ohne zu zählen und ohne Hast, stieg Andrée hinab und erschien auf der Freitreppe.
Als Andrée den Fuß auf die oberste Stufe setzte, um hinabzusteigen, setzte Gilbert den Fuß auf die unterste, um hinaufzusteigen.
Gilbert sah also diese weiße, feierliche Frau einherschreiten, als ob sie auf ihn zukäme.
Er wich von ihr zurück und gelangte zurückweichend in eine Gruppe von Hagebuchen.
Er erinnerte sich, Andrée schon so im Schlosse Taverney gesehen zu haben.
Andrée ging an Gilbert vorüber, streifte ihn beinahe und sah ihn nicht.
Verwirrt, gelähmt, sank der junge Mann auf sein unter ihm gebogenes Bein nieder: er hatte bange.
Da er nicht wußte, welchem Umstand er diesen seltsamen Ausgang von Andrée zuschreiben sollte, so folgte er ihr mit den Augen; aber seine Vernunft war verrückt, sein Blut peitschte stürmisch seine Schläfe, er war dem Wahnsinn näher als dem kalten Verstand, den der Beobachter braucht.
Er blieb daher auf dem Gras, mitten unter Blätterwerk gekauert, und lauerte, wie er es that, seitdem diese unselige Liebe in sein Herz eingedrungen war.
Plötzlich war ihm das Geheimniß dieses Ausgangs erklärt. Andrée war nicht toll, nicht irre. Andrée ging mit diesem kalten leichenartigen Schritte zu einem Rendezvous.
Ein Blitz durchfurchte den Himmel.
Gilbert gewahrte bei dem bläulichen Schimmer dieses Blitzes einen unter der dunklen Lindenallee verborgenen Mann und so rasch auch die Gewitterflamme gewesen war, so hatte er doch sein bleiches Gesicht und seine in Unordnung gebrachten Kleider von dem schwarzen Hintergrunde sich abheben sehen.
Andrée ging auf diesen Mann zu, der einen Arm gegen sie ausgestreckt hielt, als wollte er sie zu sich heranziehen.
Es war, als ob ein glühendes Eisen durch das Herz von Gilbert führe und ihn emporzöge, damit er besser sehen könne.
In diesem Augenblick zuckte ein anderer Blitz am Himmel hin.
Gilbert erkannte Balsamo, mit Schweiß und Staub bedeckt, Balsamo, der mit Hülfe eines geheimen Einverständnisses in Trianon eingedrungen war, Balsamo endlich, der Andrée so unüberwindlich, so unselig an sich zog, wie die Schlange den Vogel anzieht.
Zwei Schritte von ihm blieb Andrée stehen.
Er nahm ihre Hand. Andrée bebte am ganzen Leib. »Sehen Sie?« sagte er.
»Ja,« antwortete Andrée, »doch indem Sie sich mir so näherten, hätten Sie mich beinahe getödtet.«
»Verzeihen Sie,« erwiederte Balsamo; »aber ich habe den Kopf verloren, ich gehöre nicht mehr mir an, ich werde wahnsinnig, ich sterbe.«
»Sie leiden in der That,« sagte Andrée, von dem Leiden von Balsamo durch die Berührung seiner Hand unterrichtet.«
»Ja, ja, ich leide, und ich komme, um Trost bei Ihnen zu suchen. Sie allein können mich retten.«
»Fragen Sie mich,«
»Ich frage Sie zum zweiten Male, sehen Sie?«
»Oh! vollkommen.«
»Wollen Sie mir nach Hause folgen, können Sie es?« »Ich kann es, wenn Sie mich durch den Geist führen wollen.«
»Kommen Sie.«
»Ah!« sprach Andrée, »wir gelangen nach Paris, wir folgen dem Boulevard, wir vertiefen uns in eine Straße, welche nur durch eine einzige Laterne beleuchtet ist.«
»So ist es: lassen Sie uns eintreten.«
»Wir sind in einem Vorzimmer. Es ist eine Treppe rechts; doch Sie ziehen mich nach der Wand fort: die Wand öffnet sich; es bieten sich Stufen . . .«
»Steigen Sie hinauf,« rief Balsamo, »das ist unser Weg.«
»Ah!« nun sind wir in einem Zimmer: es sind hier Löwenhäute, Waffen. Ah! die Kaminplatte öffnet sich,«
»Gehen wir durch; wo sind Sie?«
»In einem seltsamen Zimmer, in einem Zimmer ohne Ausgänge, dessen Fenster vergittert sind; oh! wie Alles in diesem Zimmer in Unordnung ist!«
»Aber leer, leer, nicht wahr?«
»Leer.«
»Können Sie die Person sehen, die es bewohnte?«
»Ja, wenn man mir einen Gegenstand gibt, den sie berührt hat, der von ihr kommt, oder ihr gehört.«
»Kommen Sie, hier sind von ihren Haaren.«
Andrée nahm die Haare und näherte sich ihrer Person.
»Oh! ich erkenne sie,« sprach sie; »ich habe diese Frau schon gesehen; sie floh nach Paris?.«
»So ist es, so ist es; können Sie mir sagen, was sie seit zwei Stunden gemacht hat, und wie sie geflohen ist?«
»Warten Sie, ja: sie liegt auf einem Sopha; sie hat die Brust halb entblößt und unterhalb dem Busen ist eine Wunde.«
»Sehen Sie, Andrée, sehen Sie, verlassen Sie sie nicht.«
»Sie ist eingeschlafen; sie erwacht, sie sucht um sich her; sie zieht ein Sacktuch hervor; sie steigt auf einen Stuhl; sie befestigt das Sacktuch an den Gitterstangen ihres Fenster?. Oh! mein Gott!«
»Sie will also wirklich sterben?«
»Oh! ja, sie ist entschlossen. Doch dieser furchtbare Tod! sie läßt das Sacktuch an die Stangen angebunden . . . Steige herab, arme Frau!«
»Was?’
»Oh! wie sie weint, wie sie leidet, wie sie die Hände ringt; sie sucht eine Mauerecke, um sich den Schädel zu zerschmettern.«
»Oh! mein Gott! mein Gott! murmelte Balsamo.
»Oh! sie stürzt gegen den Kamin! der Kamin stellt zwei marmorne Löwen dar; sie wird sich die Hirnschaale an dem Löwenkopf zerschmettern!«
»Hernach . . . hernach . . . sehen Sie, Andrée, ich will es.«
»Sie bleibt stehen.«
Balsamo athmete.
»Sie schaut.«
»Was schaut sie?« sagte Balsams.
»Sie hat Blut an dem Löwenauge wahrgenommen.« »Mein Gott, mein Gott!« murmelte Balsamo.
»Ja, Blut, und dennoch hat sie sich nicht gestoßen. Oh! das ist seltsam, dieses Blut ist nicht das der Frau, es ist das Ihrige.«
»Dieses Blut ist das meinige?« rief Balsamo ganz außer sich.
, Ja, das Ihrige, das Ihrige. Sie haben sich mit einem Messer, mit einem Dolch in die Finger geschnitten, und Ihren blutigen Finger auf das Löwenauge gedrückt. Ich sehe Sie.«
»Ss ist wahr, es ist wahr. Aber wie flieht sie?«
»Warten Sie, warten Sie, ich sehe sie das Blut betrachten, nachdenken und dann ihren Finger auf die Stelle drücken, auf die Sie den Ihrigen gedrückt hatten. Ah! das Auge des Löwen gibt nach, eine Feder spielt. Die Kaminplatte öffnet sich.«
»Ich Unvorsichtiger!« rief Balsamo, »ich unselig Unvorsichtiger, ich unglücklicher Narr, der ich bin. Ich habe mich selbst verrathen.«
Andrée schwieg.
»Und sie geht hinaus,« fuhr Balsamo fort, »sie flieht?«
»Oh! man muß der armen Frau verzeihen, sie war so unglücklich.«
»Wo ist sie, wohin geht sie, folgen Sie ihr, Andrée, ich will es.«
»Warten Sie, sie bleibt einen Augenblick in dem Zimmer mit den Waffen und Pelzen stehen; ein Schrank ist offen, eine gewöhnlich in diesem Schranke eingeschlossene Caffette steht auf einem Tisch. Sie erkennt die Cassette und nimmt sie.«
»Was enthält diese Cassette?«
»Ihre Papiere, glaube ich.«
»Wie sieht sie aus?«
»Sie ist mit blauem Sammet überzogen, hat silberne Nägel, silberne Beschläge und ein silbernes Schloß.«
»Oh!« rief Balsamo voll Zorn, mit dem Fuße stampfend, »sie hat also diese Cassette genommen?«
»Ja, ja, sie. Sie wählt die Treppe, welche in’s Vorzimmer führt, sie öffnet die Thüre, sie zieht die Kette, mit der man die Hausthüre öffnet und geht hinaus.«
»Ist es schon spät?«
»Es muß spät sein, denn es ist Nacht.«
»Desto besser, dann ist sie wohl kurz vor meiner Rückkehr weggegangen und ich werde vielleicht Zeit haben, sie wieder einzuholen; folgen Sie ihr, Andrée.«
»Sobald sie aus dem Hause ist, läuft sie wie toll, wie toll erreicht sie das Boulevard . . . Sie läuft . . . sie läuft, ohne anzuhalten . . .«
»In welcher Richtung?«
»Gegen die Bastille.«
»Sie sehen sie immer noch?«
»Ja, sie ist wie eine Wahnsinnige, sie stößt sich an den Vorübergehenden. Endlich bleibt sie stehen, sie sucht zu erfahren, wo sie ist . . . sie fragt.«
»Was sagt Sie? Hören Sie, Andrée, hören Sie und verlieren Sie in des Himmels Namen nicht eines von ihren Worten. Sie haben gesagt, sie frage?«
»Ja, einen schwarz gekleideten Mann.«
»Was fragt sie ihn?«
»Sie fragt ihn nach der Adresse des Polizeilieutenant.« »Oh! es war also keine leere Drohung. Nennt er sie ihr?« »Ja.«
»Was macht sie?«
»Sie kehrt um und schlägt den Weg durch eine Straße ein, welche schräg geht; sie schreitet über einen großen Platz,«
»Place Royal, das ist der Weg, Lesen Sie in ihrer Absicht?«
»Eilen Sie, eilen Sie; sie will Sie anzeigen. Wenn sie vor Ihnen an Ort und Stelle kommt, wenn sie Herrn von Sartines sieht, sind Sie verloren.«
Balsamo stieß einen furchtbaren Schrei aus, stürzte in das Gebüsch, eilte durch eine kleine Thüre, welche ihm eine Art von Schatten öffnete und wieder schloß, und schwang sich auf sein Pferd Dscherid, das vor der Thüre die Erde stampfte.
Zugleich durch die Stimme und die Sporen gestachelt, schoß das Thier wie ein Pfeil in der Richtung von Paris fort und man hörte nur noch seinen Hufschlag auf dem Pflaster, auf dem es hinflog,
Andrée war kalt, stumm, bleich stehen geblieben. Aber als hätte Balsamo ihr Leben mit fortgenommen, sank sie bald zusammen und fiel auf den Boden.
In seinem Eifer nur darauf bedacht, Lorenza zu verfolgen, hatte Balsamo wirklich Andrée zu wecken vergessen.
