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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 79

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CXXI.
Starrkrampf

Andrée sank nicht, wie wir gesagt haben, auf einmal, sondern in Abstufungen nieder, die wir zu beschreiben versuchen wollen.

Allein, verlassen, von der inneren Kälte erfaßt, welche auf alle wüthende Erschütterungen des Nervensystems folgt, fing Andres bald an zu wanken und zu beben, wie bei dem Beginnen eines epileptischen Anfalls.

Gilbert war immer noch da, steif, unbeweglich, vorwärts geneigt und den Blick starr auf sie geheftet. Aber für Gilbert, der in den magnetischen Erscheinungen völlig unwissend war, gab es weder Schlaf noch Gewaltthat. Er hatte nichts, oder beinahe nichts von dem Gespräch mit Balsamo gehört. Andrée schien nur zum zweiten Mal in Trianon wie in Taverney dem Rufe dieses Mannes zu gehorchen, der einen so furchtbaren und so seltsamen Einfluß über sie gewonnen hatte; für Gilbert faßte sich Alles in den Worten zusammen: Fräulein Andrée hat, wenn nicht einen Liebhaber, doch wenigstens einen Mann, den sie liebt, und mit dem sie Zusammenkünfte hält.

Das Gespräch zwischen Andrée und Balsamo halte, obgleich es mit leiser Stimme stattgefunden, allen Anschein eines Streites gehabt. Fliehend, verwirrt, wahnsinnig, schien Balsamo ein in Verzweiflung gerathener Liebender zu sein; allein geblieben, unbeweglich, stumm, hatte Andrée das Aussehen einer verlassenen Geliebten.

In diesem Augenblick geschah es, daß er sie wanken, die Hände ringen und sich um sich selbst drehen sah; dann stieß sie einigemale ein dumpfes Geröchel aus, das ihre gepreßte Brust zerriß; sie strengte sich an, oder vielmehr die Natur strengte sich an, nach Außen die schlecht abgewogene Masse von Fluidum zu werfen, die ihr während des magnetischen Schlafes das doppelte Gesicht gegeben hatte, dessen Erscheinungen wir in dem vorhergehenden Kapitel sich offenbaren sahen.

Aber die Natur wurde besiegt; es gelang Andrée nicht, diesen Ueberrest von Balsamo bei ihr vergessenen Willens abzuschütteln. Sie konnte die geheimnißvollen, unentwirrbaren Bande nicht lösen, die sie ganz und gar gefesselt hatten, und durch den Kampf gerieth sie in jene Convulsionen, von welchen einst die Pythien auf dem Dreifuß vor dem Volk religiöser Frager, das im Säulengang des Tempels summte und umherschwärmte, befallen wurde.

Andrée verlor das Gleichgewicht und fiel, einen schmerzlichen Seufzer ausstoßend, auf den Sand nieder, als ob sie von dem Blitz getroffen worden wäre, der in diesem Augenblick das Himmelsgewölbe zerriß.

Doch noch hatte sie den Boden nicht berührt, als Gilbert mit der Behendigkeit und der Stärke des Tigers auf sie zustürzte, sie in seine Arme nahm, und, ohne zu bemerken, daß er eine Last zu halten hatte, in das Zimmer trug, das sie kaum zuvor verlassen, um dem Ruf von Balsamo zu gehorchen, und wo noch die Kerze bei dem aus einander gemachten Bett brannte.

Gilbert fand alle Thüren offen, wie sie Andrée gelassen hatte.

Als er eintrat, gieß er sich am Sopha und legte natürlich das kalte, leblose Mädchen darauf.

Alles war in ihm Fieber bei der Berührung dieses leblosen Körpers geworden, seine Nerven bebten, sein Blut kochte.

Sein erster Gedanke war indessen keusch und rein: man mußte vor Allem diese schöne Natur zum Leben zurückrufen; er suchte mit den Augen die Flasche, um Andrée ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht zu spritzen.

Doch in diesem Augenblick, und als sich seine zitternde Hand nach dem schlanken Hals der kristallenen Karasse ansstreckte, kam es ihm vor, als ob ein zugleich fester als leichter Tritt, die von Holz und Backstein gebaute Treppe, welche in das Zimmer von Andrée führte, krachen machte.

Es war nicht Nicole, da Nicole mit Herrn von Beausire die Flucht ergriffen hatte; es war nicht Balsamo, da Balsamo im Galopp auf Dscherid weggesprengt war.

Es konnte nur ein Fremder sein.

Ertappte man Gilbert, so wurde er weggejagt. Andrée war für ihn wie die Königinnen von Spanien, die ein Unterthan nicht einmal berühren darf, um ihnen das Leben zu retten.

Alle diese Gedanken stürzten wie ein scharfer Hagelschauer auf den Geist von Gilbert in weniger Zeit herab, als dieser unselige Schritt brauchte, um sich auf eine andere Stufe zu stellen.

Die Entfernung dieses Schrittes, der immer näher kam, konnte Gilbert nicht genau berechnen, einen solchen Lärmen machte in diesem Augenblick der Sturm am Himmel; aber mit großer Kaltblütigkeit und einer wunderbaren Klugheit ausgerüstet, begriff der junge Mann, daß sein Platz nicht hier und daß es vor Allem für ihn wichtig war, nicht gesehen zu werden.

Er blies rasch die Kerze aus, welche das Zimmer von Andrée beleuchtete, und warf sich in das Cabinet, das Nicole bewohnt hatte. So gestellt, sah er durch die Glasthüre dieses Cabinets zugleich in das Zimmer von Andrée und in das Vorzimmer.

In diesem Vorzimmer brannte eine Nachtlampe auf einem kleinen Nachttisch. Gilbert hatte Anfangs den Gedanken, sie wie die Kerze auszublasen, aber es blieb ihm nicht Zeit dazu; der Schritt krachte auf dem Boden des Corridor, ein etwas gepreßtes Athemholen machte sich bemerkbar, die Gestalt eines Mannes erschien auf der Schwelle, schlüpfte schüchtern in das Vorzimmer, stieß die Thüre wieder zu und schloß sie mit dem Riegel.

Gilbert hatte nur Zeit, sich in das Cabinet von Nicole zu werfen und die Glasthüre an sich zu ziehen.

Gilbert hielt seinen Athem an sich und horchte mit allen seinen Ohren.

Der Sturm brauste feierlich in den Wolken, schwere Regentropfen peitschten die Glasscheiben von Andrée und die des Corridors, wo auch ein offengelassenes Fenster auf seinen Angeln ächzte und von Zeit zu Zeit vom Wind zurückgestoßen, der sich im Corridor sing, mit großem Lärmen an seinen Rahmen schlug.

Aber der Aufruhr der Natur und der äußere Lärmen, so furchtbar sie auch sein mochten, waren nichts für Gilbert; alle seine Gedanken, sein ganzes Leben, seine ganze Seele drängte sich in seinem Blick zusammen, und sein Blick war an diesem Mann festgenietet.

Dieser Mann ging durch das Vorzimmer, kam auf zwei Schritte an Gilbert vorbei und trat ohne Zögern in das Zimmer ein.

Gilbert sah ihn tappend auf das Bett von Andrée zugehen, eine Geberde des Erstaunens machen, als er das Bett verlassen fand, und beinahe in demselben Augenblick mit dem Arm an das auf dem Tisch stehende Licht stoßen.

Das Licht fiel, und Gilbert hörte wie die krystallene Tille auf dem Marmor des Tisches zerbrach.

Dann rief der Mann zweimal mit dumpfer Stimme: »Nicole! Nicole!«

»Wie, Nicole!« fragte sich Gilbert aus seinem Versteck, »Warum ruft dieser Mensch Nicole, da er Andrée rufen müßte?«

Als aber keine Stimme auf die seinige antwortete, hob der Unbekannte das Licht vom Boden auf, ging auf den Fußspitzen in das Vorzimmer und zündete es an der Nachtlampe an.

Da concentrirte Gilbert seine ganze Aufmerksamkeit auf diesen seltsamen, nächtlichen Besuch; seine Augen wandten eine so mächtige Willenskraft auf, daß sie eine Mauer durchdrungen hätten.

Plötzlich schauerte Gilbert und machte, so gut er auch verborgen war, einen Schritt rückwärts.

Bei dem Scheine der zwei sich verbindenden Flammen hatte Gilbert bebend und halb todt vor Bestürzung in dem Mann, der das Licht in der Hand hielt, den König erkannt.

Nun war ihm Alles erklärlich. Die Flucht von Nicole, das zwischen ihr und Beausire getheilte Geld und die offen gelassene Thüre, und Richelieu und Taverney, und die ganze geheimnißvolle, unselige Intrigue, deren Mittelpunkt das Mädchen war.

Gilbert begriff, warum der König Nicole gerufen hatte, Nicole, die Vermittlerin dieses? Verbrechens, welche, wie Judas mit aller Gefälligkeit ihre Gebieterin verkauft und preisgegeben hatte.

Doch bei dem Gedanken an das, was der König in diesem Zimmer wollte, bei dem Gedanken an das, was vor ihm vorgehen sollte, stieg Gilbert das Blut in die Augen und blendete ihn.

Er hatte Lust zu schreien; doch die Furcht, dieses unüberlegte, seltsame, unwiderstehliche Gefühl, die Furcht, die er noch vor dem Mann voll Blendwerk hegte, den man den König von Frankreich nannte, fesselte die Zunge von Gilbert in seinem Hals.

Ludwig XV. war indessen, die Kerze in der Hand, in das Zimmer zurückgekehrt.

Kaum befand er sich hier, als er Andrée in einem Nachtgewand von weißer Mousseline erblickte, Andrée, mehr entblößt als verhüllt, Andrée, deren Kopf auf die Lehne des Sophas zurückgesunken war, während ein Bein auf dem Kissen ruhte und das Andere steif und ohne Bekleidung auf den Teppich herabfiel.

Der König lächelte bei diesem Anblick. Die Kerze beleuchtete dieses Lächeln, aber alsbald trat ein Lächeln, beinahe so unheilschwanger als das königliche auf dem Gesichte von Andrée hervor.

Ludwig XV. murmelte ein paar Worte, welche Gilbert als Liebesworte deutete; dann stellte der König sein Licht auf den Tisch, warf, sich umwendend, einen Blick nach dem entflammten Himmel, kniete vor dem Mädchen nieder und küßte seine Hand.

Gilbert wischte den über seine Stirne rieselnden Schweiß ab. Andrée rührte sich nicht.

Als der König fühlte, wie eiskalt diese Hand war, nahm er sie in die seinige, um sie wieder zu erwärmen; er umschlang mit seinem andern Arm diesen so schönen und so zarten Leib und neigte sich, um in das Ohr von Andrée eine von den Liebesschmeicheleien zu flüstern, wie man sie in das Ohr von entschlummerten Zungen Mädchen zu flüstern pflegt.’

In diesem Augenblick näherte sich sein Gesicht Andrée dergestalt, daß es das des jungen Mädchens streifte.

Gilbert betastete sich und athmete, als er in der Tasche seiner Jacke das Heft eines langen Messers fühlte, das ihm zum Ausputzen der Hagenbuchen diente.

Das Gesicht war eisig wie die Hand.

Der König erhob sich; seine Augen wandten sich dem nackten Fuß von Andrée zu, diesem Fuß, welcher so weiß und klein war, wie der von Aschenbrödel. Der König nahm ihn zwischen seine beiden Hände und schauerte: dieser Fuß war kalt wie der einer Marmorstatue.

Gilbert, vor dem so viele Schönheiten entblößt waren, Gilbert, den die königliche Lüsternheit gleichsam mit einem Diebstahl an ihm selbst bedrohte, Gilbert knirschte mit den Zähnen und öffnete das Messer, das er bis dahin festgehalten hatte.

Doch schon hatte der König den Fuß von Andrée wieder losgelassen, wie er es mit ihrer Hand, wie er es mit ihrem Gesicht gethan, und erstaunt über den Schlaf des Mädchens, den er Anfangs einer gefallsüchtigen Pruderie zuschrieb, suchte er sich von dieser tödtlichen Kälte, die sich der äußeren Theile dieses schönen Körpers bemächtigt, Rechenschaft zu geben, und er fragte sich, ob wirklich das Herz noch schlage, da Hand, Fuß und Gesicht so eiskalt seien.

Er schob das Nachtgewand von Andres auf die Seite, entblößte ihre jungfräuliche Brust, und befragte mit seiner zugleich furchtsamen und cynischen Hand das Herz, das er stumm fand unter diesem Fleisch, welches eiskalt war wie der Alabaster, dessen Weiße und runde Form es halte.

Gilbert schlüpfte halb aus der Thüre, sein Messer in der Hand, das Auge funkelnd, die Zähne an einander gepreßt, entschlossen, wenn der König seine Unternehmungen fortsetzen würde, ihn zu erdolchen, und sich selbst zu erdolchen.

Plötzlich machte ein furchtbarer Donnerschlag alles Geräthe des Zimmers und sogar den Sopha erzittern, vor dem Ludwig XV. kniete; ein neuer, violetter, schwefliger Blitz warf auf das Gesicht von Andrée eine so bläuliche und lebhafte Flamme, daß Ludwig XV., erschrocken über diese Bläße, über diese Unbeweglichkeit und dieses Stillschweigen zurückweichend murmelte:

»In der That, dieses Mädchen ist todt.«

In demselben Augenblick durchlief bei dem Gedanken, er habe einen Leichnam umarmt, ein Schauer die Adern des Königs. Er nahm die Kerze, kehrte zu Andrée zurück und schaute sie bei dem Scheine der zitternden Flamme an. Als er diese violetten Lippen, diese schwarz umkreisten Augen, diese zerstreuten Haare, diesen Hals sah, den kein Athem aufhob, stieß er einen Schrei aus, ließ sein Licht fallen, wankte und stolperte durch das Vorzimmer, an dessen Scheidewand er sich in seinem Schrecken stieß.

Sogleich hörte man seine hastigen Schritte auf der Treppe und dann auf dem Sand des Gartens; bald aber trug der Wind, der im Raume wirbelte und die einzelnen Bäume drehte, Geräusch und Tritte in seinem stürmischen, mächtigen Athem fort.

Nun trat Gilbert, das Messer in der Hand, stumm und düster aus seinem Versteck hervor. Er ging bis auf die Schwelle des Zimmers von Andrée und betrachtete einige Secunden lang das schöne, immer noch in seinen tiefen Schlaf versunkene Mädchen.

Während dieser Zeit brannte die auf den Boden geworfene Kerze auf dem Teppich fort, und beleuchtete den so zarten Fuß und das so reine Bein dieses anbetungswürdigen Leichnams.

Gilbert schloß langsam sein Messer, während sein Gesicht unmerklich den Charakter einer unerbittlichen Entschlossenheit annahm, wonach er an der Thüre horchte, durch welche der König weggegangen war.

Er horchte über eine volle Minute.

Dann schloß er, wie es der König gethan hatte, die Thüre, und stieß den Riegel vor.

Dann blies er die Nachtlampe im Vorzimmer aus.

Dann endlich kehrte er mit derselben Langsamkeit, mit demselben düsteren Feuer in den Augen in das Zimmer, von Andrée zurück und setzte den Fuß auf die Kerze, deren Flamme über den Boden hinwogte.

Eine plötzliche Dunkelheit löschte das unselige Lächeln aus, das auf seinen Lippen erschienen war.

»Andrée! Andrée!« murmelte er, »ich habe Dir gelobt, daß Du mir, wenn Du das dritte Mal in meine Hände fallest, nicht entkommen würdest, wie die zwei ersten Male. Andrée! Andrée! Du hast mich beschuldigt, ich nahm einen Roman, wohl, dieser furchtbare Roman braucht einen furchtbaren Schluß.«

Und die Arme ausgestreckt, ging er gerade auf den Sopha zu, auf dem Andrée, immer noch kalt, unbeweglich und jedes Gefühls beraubt, lag.

CXXII.
Der Wille

Wir haben Balsamo wegeilen sehen.

Dscherid trug ihn mit der Geschwindigkeit des Blitzes fort. Bleich vor Ungeduld und Angst, auf der flatternden Mähne liegend, athmete der Reiter durch seine halb geöffneten Lippen die Luft ein, die Luft, die sich vor der Brust des Renners theilte, wie sich das Wasser unter dem raschen Vordertheil des Schiffes spaltet.

Hinter ihm verschwanden, wie phantastische Erscheinungen die Bäume und die Häuser. Kaum erblickte er im Vorbeijagen den auf seiner Achse ächzenden, schweren Wagen, dessen gewichtige fünf Pferde scheu wurden, als sich ihnen dieses lebendige Meteor näherte, von dem sie nicht begreifen konnten, daß es zu derselben Race gehören sollte wie sie.

Balsamo machte auf diese Art ungefähr eine Meile, mit einem so sehr entflammten Gehirn, mit so funkelnden Augen, mit so glühendem, geräuschvollem Athem, daß ihn die Dichter unserer Zeit mit jenen furchtbaren, von Feuer und Dampf schwangern Geistern, welche die schweren, rauchenden Maschinen beleben und auf einer Eisenbahn hinfliegen machen, verglichen hätten. Roß und Reiter jagten in einigen Secunden durch Versailles; die wenigen, auf den Straßen umherirrenden Einwohner hatten nur einen Streifen von Funken vorüberziehen sehen.

Balsamo ritt noch eine Meile mit derselben Hast fort; Dscherid hatte nicht eine Viertelstunde gebraucht, um diese zwei Meilen zurückzulegen, und diese Viertelstunde war ein Jahrhundert gewesen.

Plötzlich durchzuckte ein Gedanke seinen Geist.

Er hielt auf seinen nervigen Häcksen den Renner mit den stählernen Muskeln kurz an.

Dscherid bog sich, während er hielt, auf den Hinterbeinen und drückte die Vorderfüße in den Sand ein.

Roß und Reiter athmeten einen Augenblick.

Während Balsamo athmete, erhob er den Kopf,

Dann fuhr er mit dem Sacktuch über feine von Schweiß triefenden Schläfe und, die Nasenlöcher erweitert im Hauche des Windes, ließ er in die Nacht folgende Worte fallen:

»Oh! armer Wahnsinniger, der Du bist, weder der Lauf Deines Pferdes, noch Dein glühendes Verlangen werden je die Geschwindigkeit des Blitzes oder die Schnelligkeit des elektrischen Funkens erlangen und dennoch ist es das, was Du brauchst, um das über Deinem Haupte schwebende Unglück zu beschwören; Du brauchst die rasche Wirkung, den unmittelbaren Schlag, den allmächtigen Stoß, der die Bäume lähmt, deren Thätigkeit Du fürchtest, der die Zunge bindet, vor deren Lauf Du bange hast; Du brauchst in der Entfernung den besiegenden Schlaf, der Dir wieder den Besitz der Sklavin verleiht, die ihre Fesseln gebrochen hat. Oh! wenn sie je wieder in meine Gewalt kommt  . . .«

Und mit den Zähnen knirschend machte Balsamo eine verzweifelte Geberde.

»Oh! Du magst immerhin wollen, Balsamo, Du magst immerhin rennen,« rief er, »Lorenza ist schon an Ort und Stelle; sie ist im Begriff zu sprechen, sie hat vielleicht gesprochen. Oh! elende Frau! oh! alle Strafen werden noch zu sanft sein, um Dich zu züchtigen.«

»Laß einmal sehen,« fuhr Balsamo, die Stirne gerunzelt, die Augen starr, das Kinn in seiner flachen Hand, fort, »laß einmal sehen: die Wissenschaft ist ein Wort, oder sie ist eine Thatsache; die Wissenschaft vermag oder vermag nicht; ich, ich will! !  . . . Versuchen wir es  . . . Lorenza, Lorenza! ich will, daß Du schläfst; Lorenza, an welchem Ort Du auch sein magst, schlafe, schlafe; ich will es, ich rechne darauf!«

»Oh! nein, nein,« murmelte er entmuthigt, »nein, ich lüge; nein, ich glaube nicht daran; nein, ich wage es nicht, darauf zu rechnen, und der Wille ist doch Alles. Oh! ich will doch sehr fest, ich will mit aller Macht meines Wesens. Durchschneide die Lüfte nach meinem höchsten Willen, durchziehe alle diese antipathischen oder gleichgültigen Willensströmungen; durchdringe die Mauern, die Du wie eine Kugel durchbohren mußt; verfolge sie überall, wo sie sein mag; gehe, schlage, vernichte, Lorenza, ich will, daß Du schläfst! Lorenza, ich will, daß Du stumm bist.« .

Und er streckte einige Augenblicke seinen Gedanken nach diesem Ziele aus, er drückte ihn in sein Gehirn, als wollte er ihm mehr Schwung geben, wenn er gegen Paris springen würde; und nach dieser geheimnißvollen Operation, zu der ohne Zweifel alle göttlichen und von Gott, dem Herrn und Meister aller Dinge belebten Atome beitrugen, ließ Balsamo, die Zähne noch an einander geschlossen, die Fäuste noch geballt, Dscherid wieder die Zügel, doch diesmal ohne ihn das Knie oder den Sporn fühlen zu lassen.

Es war, als wollte sich Balsamo selbst überzeugen.

Da marschirte der edle Renner friedlich, nach der stillschweigenden Erlaubniß, die ihm sein Herr gab, und setzte mit der seiner Race eigenthümlichen Zartheit, einen beinahe schweigenden Fuß, so leicht war er, auf das Pflaster der Landstraße auf.

Während dieser ganzen Zeit, welche oberflächlichen Blicken verloren vorgekommen wäre, entwarf Balsamo einen ganzen Vertheidigungsplan; er war damit in dem Augenblick zu Ende, wo Dscherid das Pflaster von Sévres berührte.

Sobald er vor das Gitter des Parkes kam, hielt er an und schaute umher, als ob er Jemand erwartete.

»Es trat in der That ein Mensch unter einem Thorweg hervor und ging auf ihn zu.

»Bist Du es, Fritz?« fragte Balsamo.

»Ja, Meister.«

»Hast Du Dich erkundigt?«

»Ja.«

»Ist Madame Dubarry in Paris oder in Luciennes?«

»Sie ist in Paris.«

Balsamo schlug einen triumphirenden Blick zum Himmel auf.

»Wie bist Du hierhergekommen?«

»Mit Sultan.«

»Wo ist er?«

»Im Hof dieses Wirthshauses.«

»Gesattelt?«

»Gesattelt.«

»Es ist gut, halte Dich bereit.«

Fritz band Sultan los. Dies war eines von jenen braven deutschen Pferden von gutem Charakter, welche wohl nie wenig bei forcirten Märschen murren, aber nichts desto weniger gehen, so lang sie noch Athem in ihren Flanken haben, und ihrem Herrn der Sporn am Absatz bleibt.

Fritz kam zu Balsamo zurück.

Dieser schrieb unter der Laterne, welche die Herren Beamten der Klauensteuer die ganze Nacht hindurch für ihre siscalischen Operationen angezündet hielten.

»Reite nach Paris zurück, sagte Balsamo zu Fritz, »übergib, wo sie auch sein mag, dieses Billet Madame Dubarry in Person; Du hast hiezu eine halbe Stunde, wonach Du in die Rue Saint-Claude zurückkehrst, wo Du die Signora Lorenza zu erwarten hast, welche unfehlbar nach Hause kommt; Du läßt sie vorbei, ohne ihr etwas zu sagen, und ohne ihr das geringste Hinderniß entgegenzusetzen: gehe, und erinnere Dich hauptsächlich, daß Dein Auftrag in einer halben Stunde besorgt sein muß.«

»Es ist gut, er wird besorgt sein,« sagte Fritz.

Und während er Balsamo diese beruhigende Antwort gab, griff er zugleich mit dem Sporn und der Peitsche Sultan an, der, erstaunt über diesen ungewohnten Angriff, ein schmerzliches Gewieher ausstoßend, abging.

Balsamo aber, welcher sich allmälig wieder erholte, schlug den Weg nach Paris ein. wo er drei Viertelstunden hernach mit beinahe frischem Gesicht und ruhigem, oder vielmehr nachdenklichem Auge ankam.

Dies war so, weil Balsamo Recht hatte: so rasch auch Dscherid, dieser wiehernde Sohn der Wüste sein mochte, so war doch Dscherid im Vorzug, und sein Wille allein konnte so rasch gehen, als die ihrem Gefängniß entsprungene Lorenza.

Von der Rue Saint-Claude war sie nach dem Boulevard gegangen, wo sie bald, indem sie sich rechts wandte, die Wälle der Bastille erblickte; aber stets eingeschlossen, kannte Lorenza Paris nicht: überdies war ihr Hauptzweck, das verfluchte Haus zu fliehen, in welchem sie nur einen Kerker erblickte, ihre Rache kam erst in zweiter Linie.

Sie gelangte so ganz unruhig, ganz bedrückt, in den Faubourg Saint-Antoine, als ein junger Mann auf sie zutrat, der ihr seit einigen Minuten voll Erstaunen gefolgt war.

Lorenza, eine Italienerin aus der Gegend von Rom, welche beinahe immer ein ausnahmsweises Leben, außerhalb aller Gewohnheiten der Mode, aller Trachten und aller Gebräuche der Zeit gelebt hatte, Lorenza kleidete sich mehr wie eine Frau aus dem Orient, als wie eine Europäerin, nämlich stets weit, stets kostbar, wodurch sie sehr wenig den reizenden, wie die Wespen in einen langen Leib geschnürten und ganz von Seide und Mousseline rauschenden Puppen glich, unter denen man vergebens einen Körper suchte, so groß war ihr Bestreben, immateriell zu erscheinen.

Lorenza hatte also von der Tracht der damaligen Französinnen nichts beibehalten oder vielmehr angenommen, als die Schuhe mit zwei Zoll hohen Absätzen, diese unmögliche Chauffure, welche dem Fuß eine Biegung verlieh, die Zartheit der Knöchel hervorhob und in diesem nur sehr wenig mythologischen Jahrhundert, die Flucht der von den Alpheen verfolgten Arethusen unmöglich machte.

Der Alpheus, der unsere Arethusa verfolgte, holte sie also leicht ein; er hatte diese göttlichen Beine unter ihren Röcken von Atlaß und Spitzen, er hatte diese Haare ohne Puder und diese von einem seltsamen Feuer glänzenden Augen unter einem um den Kopf und den Hals gewickelten Mantelet gesehen; er glaubte in Lorenza eine für irgend eine Maskerade, oder für ein Liebesrendezvous verkleidete Frau zu erblicken, die sich, in Ermangelung eines Fiacre zu Fuß in ein kleines Haus der Vorstadt begebe.

Er näherte sich also, trat, den Hut in der Hand, an die Seite von Lorenza und sagte:

»Mein Gott! Madame, mit dieser Fußbekleidung, welche Sie im Marschiren hindert, werden Sie nicht weit gehen können; wollen Sie meinen Arm annehmen, bis wir einen Wagen finden, so werde ich die Ehre haben, Sie zu begleiten, wohin Sie gehen.«

Lorenza blieb stehen, wandte ungestüm den Kopf um, schaute mit ihrem schwarzen tiefen Auge denjenigen an, welcher ihr ein Anerbieten machte, das viele Frauen für eine Unverschämtheit gehalten hätten und sagte:

»Ja, das will ich wohl.«

Der junge Mann reichte ihr artig den Arm.

»Wohin gehen wir, Madame?« fragte er.

»In das Hotel des Polizeilieutenant.«

Der junge Mann bebte,

»Zu Herrn von Sartines?« fragte er.

»Ich weiß nicht, ob er Herr von Sartines heißt, aber ich will mit demjenigen sprechen, welcher Polizeilieutenant ist.«

Der junge Mann fing an, nachzudenken.

Diese junge und schöne Frau, welche in einer seltsamen Tracht um acht Uhr Abends, eine Cassette unter dem Arm haltend, in den Straßen von Paris umherlief und nach dem Hotel des Polizeilieutenant fragte, dem sie den Rücken zuwandte, kam ihm verdächtig vor.

»Ah! Teufel!« sagte er, »das Hotel des Herrn Polizeilieutenant ist nicht hier.«

»Wo ist es denn?«

»Im Faubourg Saint-Germain.«

»Und welchen Weg hat man nach dem Faubourg Salnt-Germain zu nehmen?«

»Dorthin, Madame,« antwortete der junge Mann ruhig und immer artig; »und wenn Sie wollen, so werden wir beim ersten Wagen, den wir treffen  . . .«

»Ja, das ist es, einen Wagen, Sie haben Recht.«

Der junge Mann führte Lorenza nach dem Boulevard zurück und rief einen Fiacre, sobald er einen solchen erblickte.

Der Kutscher folgte dem Ruf.

»Wohin soll ich Madame führen?« fragte er.

»In das Hotel von Herrn von Sartines?« sagte der junge Mann.

Und mit einem Reste von Höflichkeit, oder vielmehr Erstaunen, öffnete er den Schlag, verbeugte er sich vor Lorenza und schaute ihr, nachdem er ihr hatte einsteigen helfen, nach, als sie sich entfernte, wie man es im Traum bei einer Erscheinung thut.

Voll Ehrerbietung, als er den furchtbaren Namen hörte, peitschte der Kutscher seine Pferde und fuhr in der angegebenen Richtung fort.

Da kam Lorenza über die Place-Royale, da geschah es, daß Andrée in ihrem magnetischen Schlaf sie sah und hörte, und Balsamo angab, was sie sah.

In zwanzig Minuten war Lorenza vor der Thüre des Hotels.

»Soll ich warten, meine schöne Dame?« fragte der Kutscher.

»Ja,« antwortete Lorenza maschinenmäßig. Und mit leichten Schritten trat sie unter das Portal des prachtvollen Gebäudes.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
Telif hakkı:
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