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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 80

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CXXIII.
Das Hotel von Herrn von Sartines

Sobald Lorenza in den Hof kam, sah sie sich umgeben von einer Welt von Gefreiten und Soldaten.

Sie wandte sich an den französischen Garde, der am nächsten bei ihr stand und bat ihn, sie zum Polizeilieutenant zu führen; dieser Garde verwies sie an den Schweizer, der, als er die so schöne fremdartige, so reich gekleidete Frau erblickte, welche eine prachtvolle Cassette unter ihrem Arm hielt, sogleich einsah, es dürfte dies kein müßiger Besuch sein, und Lorenza auf einer großen Treppe bis in ein Vorzimmer führte, wo jeder, der kam, nach einer scharfsinnigen Befragung durch diesen Schweizer zu jeder Stunde des Tags und der Nacht eine Aufklärung, eine Anzeige oder ein Verlangen bei Herrn von Sartines anbringen konnte.

Es versteht sich von selbst, daß die zwei ersten Klassen von Besuchen günstiger aufgenommen wurden als die letzte.

Von einem Huissier befragt, antwortete Lorenza nur die Worte:

»Sind Sie Herr von Sartines?«

Der Huissier war sehr erstaunt, daß man seinen schwarzen Rock und seine stählerne Kette mit dem gestickten Frack und der Wolkenperücke des Polizeilieutenants verwechseln konnte; da aber ein Lieutenant sich nie ärgert, wenn man ihn Hauptmann nennt, da er einen fremdartigen Accent in den Worten dieser Frau erkannte, da ihr festes und sicheres Auge nichts von dem einer Wahnsinnigen hatte, so war er überzeugt, die Unbekannte bringe etwas Wichtiges in dem Kistchen, das sie so sorgfältig unter ihrem Arm gedrückt hielt.

Doch da Herr von Sartines ein kluger und argwöhnischer Mann war, da man ihm Fallen mit Reizen gestellt hatte, welche nicht minder zu fürchten waren, als die der schönen Italienerin, so hielt man gut Wache um ihn.

Lorenza hatte daher die Ausforschung, die Verhöre und ängstlichen Fragen eines halben Dutzend von Schreibern und Bedienten auszuhalten.

Das Resultat von allen diesen Fragen und Antworten war, Herr von Sartines sei noch nicht zurückgekehrt und Lorenza müsse warten.

Da verschloß sich die junge Frau in ein düsteres Stillschweigen und ließ ihre Augen an den kahlen Wänden des geräumigen Vorzimmers umherirren.

Endlich vernahm man den Klang eines Glöckchens: ein Wagen rollte in den Hof und ein zweiter Huissier verkündigte Lorenza, Herr von Sartines erwarte sie.

Lorenza stand auf und durchschritt zwei Säle voll von Menschen mit verdächtigen Gesichtern und in Trachten, welche noch viel seltsamer waren als die ihrige; dann wurde sie in ein großes, achteckiges durch eine Anzahl von Kerzen erleuchtetes Cabinet eingeführt.

Ein Mann von fünfzig bis fünf und fünfzig Jahren, in einem Schlafrock, eine ungeheure, von Puder und Frisur ganz wollreiche Perücke auf dem Kopf, saß arbeitend vor einem Meuble von hoher Form, dessen oberer Theil, einem Schranke ähnlich, durch zwei Füllungen mit Spiegelgläsern geschlossen war, in denen der Arbeiter, ohne sich stören zu lassen, diejenigen, welche in sein Cabinet kamen, sah, und ihr Gesicht studiren konnte, ehe sie Zeit gehabt hatten, es nach dem seinigen zu componiren.

Der untere Theil dieses Meuble bildete einen Secretär; eine Anzahl Schubladen von Rosenholz waren in der Mitte angebracht; jede von diesen Schubladen enthielt Buchstaben des Alphabets und Herr von Sartines schloß darin die Papiere und Geheimschriften ein, die Niemand zu seinen Lebzeiten lesen konnte, denn das Meuble öffnete sich nur für ihn allein, und die Niemand nach seinem Tode hätte entziffern können, würde er nicht in einer Schublade, die noch geheimer war als die andern, den Schlüssel der Geheimschrift gefunden haben.

Dieser Schrank enthielt unter den Spiegeln seines obern Theiles zwölf gleichmäßig durch einen unsichtbaren Mechanismus geschlossene Schubladen: ausdrücklich vom Regenten erbaut zu Aufbewahrung von chemischen oder politischen Geheimnissen, war dieses Meuble vom Prinzen Dubois geschenkt, und von Dubois, dem Polizeilieutenant, Herrn Dombreval, hinterlassen worden; von dem letzteren hatte Herr von Sartines das Meuble und das Geheimniß erhalten; Herr von Sartines bediente sich desselben jedoch erst nach dem Tode des Schenkers und zwar, nachdem er zuvor die ganze Einrichtung des Schloßes hatte verändern lassen.

Dieses Meuble hatte einigen Ruf in der Welt, und schloß zu gut, wie man sagte, als daß Herr von Sartines nur seine Perücken hätte darin aufbewahren sollen.

Die Mißvergnügten, und es gab solche in jener Zeit in großer Anzahl, behaupteten, wenn man durch die Füllungen dieses Meuble hätte lesen können, so würde man sicherlich in einem von seinen Schubladen, die berüchtigten Verträge gefunden haben, kraft welcher Seine Majestät König Ludwig XV., durch die Vermittlung seines getreuen Agenten, des Herrn von Sartines. mit Getreide wucherte.

Der Herr Polizeilieutenant sah also in dem Spiegel das bleiche ernste Gesicht von Lorenza, welche, ihr Kistchen unter dem Arm, auf ihn zuschritt.

Mitten im Cabinet blieb die junge Frau stehen.

Diese Tracht, dieses Gesicht, dieser Gang, fielen ihm auf.

»Wer sind Sie?« fragte er, ohne sich umzuwenden, während er jedoch in den Spiegel schaute; »was wollen Sie von mir?«

»Bin ich vor Herrn von Sartines, dem Polizeilieutenant?«

»Ja,« antwortete dieser mit kurzem Tone.

»Wer gibt mir die Gewißheit?«

Herr von Sartines wandte sich um.

»Wird es für Sie ein Beweis sein, daß ich der Mann bin, den Sie suchen, wenn ich Sie ins Gefängniß schicke?«

Lorenza antwortete nicht.

Sie schaute nur mit jener unbeschreiblichen Würde der Frauen ihres Landes umher, um den Stuhl zu suchen, den ihr Herr von Sartines nicht anbot.

Er sah sich durch diesen einzigen Blick besiegt, denn er war ein gut erzogener Mann, der Herr Graf d’Albv von Sartines.

»Setzen Sie sich,« sagte er ungestüm,

Lorenza setzte sich in ein Fauteuil.

»Sprechen Sie rasch,« sagte der Beamte, »lassen Sie hören, was wollen Sie?«

»Mein Herr,« erwiederte die junge Frau, »ich komme um mich unter Ihren Schutz zu stellen.«

Herr von Sartines schaute sie mit dem ihm eigenthümlichen hinterhältischen Blick an.

»Ah! ah!« machte er.

»Mein Herr,« fuhr Lorenza fort, »ich bin meiner Familie entführt und durch eine lügnerische Heirath einem Mann unterjocht worden, der mich seit drei Jahren bedrückt und vor Schmerz sterben läßt.«

Herr von Sartines schaute das edle Gesicht an und fühlte sich bewegt durch diese Stimme von einem Ausdruck, der so sanft war, daß man ihn hätte für Musik halten sollen.

»Aus welchem Lande sind Sie?« fragte er.

»Ich bin eine Römerin.«

»Wie heißen Sie?«

»Lorenza.«

»Lorenza  . . . und?«

»Lorenza Feliciani.«

»Ich kenne diese Familie nicht. Sind Sie Demoiselle?«

Demoiselle bedeutete in jener Zeit ein Mädchen von vornehmem Stand. In unseren Tagen fühlt sich eine Frau adelig genug, sobald sie sich verheirathet, und sie will nicht mehr anders genannt werden, als Madame.

»Ich bin Demoiselle,« antwortete Lorenza.

»Und hernach? was verlangen Sie?«

»Ich verlange Gerechtigkeit von dem Manne, der mich eingesperrt, von aller Welt abgesondert hat.«

»Das geht mich nichts an,« erwiederte der Polizeilieutenant; »Sie sind seine Frau?«

»Er sagt es wenigstens.«

»Wie, er sagt es?«

»Ja, doch ich erinnere mich dessen nicht, da die Heirath während meines Schlafes vollzogen worden ist.«

»Pest! Sie haben einen harten Schlaf.«

»Wie beliebt?«

»Ich sage, das gehe mich nichts an; wenden Sie sich an einen Anwalt, und führen Sie Prozeß; ich mische mich nicht gern in eheliche Angelegenheiten.«

Wonach Herr von Sartines eine Geberde machte, welche bedeutete: gehen Sie.

Lorenza rührte sich nicht.

»Nun?« fragte Herr von Sartines ganz erstaunt.

»Ich bin noch nicht zu Ende,« sagte sie, »und wenn ich hierherkomme, so müssen Sie begreifen, daß ich dies nicht thue, um mich über einen unbedeutenden Gegenstand zu beklagen; ich thue es, um mich zu rächen. Ich habe Ihnen mein Vaterland genannt; die Frauen meines Landes rächen sich und klagen nicht.«

»Das ist etwas Anderes,« sagte Herr von Sartines, »doch beeilen Sie sich, schöne Dame, meine Zeit ist mir kostbar.«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich komme, um Sie um Ihren Schutz zu bitten; werde ich ihn haben?«

»Schutz, gegen wen?«

»Gegen den Mann, an dem ich mich rächen will,«

»Er ist also mächtig?«

»Mächtiger als ein König,«

»Erklären wir uns, meine liebe Dame  . . . Warum sollte ich Ihnen meinen Schutz gegen einen Mann bewilligen, der Ihrer Ansicht nach mächtiger ist, als der König, und zwar für eine Handlung, welche vielleicht ein Verbrechen ist. Haben Sie sich an diesem Mann zu rächen, so rächen Sie sich an ihm  . . . Das ist mir gleichgültig, nur lasse ich Sie, wenn Sie ein Verbrechen begehen, verhaften, wonach wir weiter sehen werden  . . . Das ist der Handel.«

»Nein, mein Herr,« entgegnete Lorenza, »nein, Sie werden mich nicht verhaften lassen, denn meine Rache ist von großem Nutzen für Sie, für den König, für Frankreich. Ich räche mich dadurch, daß ich die Geheimnisse dieses Mannes enthülle.«

»Ah! ah! Dieser Mann hat Geheimnisse,« sagte Herr von Sartines, unwillkührlich interessirt.

»Große Geheimnisse, mein Herr.«

»Welcher Art?«

»Politische.«

»Sprechen Sie.«

»Sagen Sie zuvor, werden Sie mich beschützen?«

»Welchen Schutz verlangen Sie von mir?« fragte der Beamte mit einem kalten Lächeln: »Geld oder Gewogenheit?«

»Mein Herr, ich verlange in ein Kloster einzutreten, und in diesem unbekannt, verborgen zu leben. Ich verlange, daß dieses Kloster mein Grab werde; daß aber mein Grab von Niemand in der Welt verletzt werden könne.«

»Ah!« rief der Beamte, »das ist keine sehr große Forderung. Sie sollen das Kloster haben, sprechen Sie.«

»Sie geben mir also Ihr Wort, mein Herr?«

»Mir scheint, ich habe es Ihnen schon gegeben.«

»Dann nehmen Sie dieses Kistchen,« sprach Lorenza, »es enthält Geheimnisse, die Sie für die Sicherheit des Königs und des Reiches zittern machen werden.«

»Sie kennen diese Geheimnisse?«

»Oberflächlich; doch ich weiß, daß sie bestehen.«

»Und daß sie wichtig sind?«

»Daß Sie furchtbar sind.«

»Politische Geheimnisse, sagen Sie?«

»Haben Sie nie gehört, es bestehe eine geheime Gesellschaft?«

»Ah! die Maurer?«

»Die der Unsichtbaren.«

»Ja, aber ich glaube nicht daran.«

»Wenn Sie dieses Kistchen geöffnet haben, werden Sie daran glauben.«

»Ah! wir wollen sehen,« rief Herr von Sartines lebhaft.

Und er nahm das Kistchen aus den Händen von Lorenza.

Doch plötzlich, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, stellte er es wieder auf den Schreibtisch.

»Nein,« sagte er mißtrauisch, »öffnen Sie das Kistchen selbst.«

»Ich habe den Schlüssel nicht.«

»Wie, Sie haben den Schlüssel nicht? Sie bringen mir ein Kistchen, das die Ruhe eines Königreichs enthält, und vergessen den Schlüssel!«

»Ist es denn schwer, ein Schloß zu öffnen?«

»Nein, wenn man es kennt.«

Dann nach einem Augenblick fuhr er fort:

»Wir haben Schlüssel für alle Schlösser; man wird Ihnen einen Bund geben, und Sie werden selbst öffnen,« fügte er bei, indem er sie fest anschaute.

»Geben Sie,« sagte Lorenza ganz einfach.

Herr von Sartines reichte der jungen Frau einen Bund kleiner Schlüssel von allen möglichen Formen.

Sie nahm ihn.

Herr von Sartines berührte ihre Hand, sie war kalt wie eine Marmorhand.

»Aber warum haben Sie den Schlüssel vom Kistchen nicht mitgebracht?« sagte er.

»Weil der Herr des Kistchens sich nie von ihm trennt.«

»Und der Herr dieses Kistchens, der Mann, der mächtiger ist, als ein König, wer ist es?«

»Was er ist, vermag Niemand zu sagen; die Zeit, die er gelebt hat, weiß nur die Ewigkeit; die Thaten, die er vollbringt, sieht nur Gott allein.«

»Aber sein Name, sein Name?«

»Ich habe ihn seinen Namen zehnmal verändern sehen.«

»Doch wie heißt der, unter welchem Sie ihn kennen?«

»Acharat.«

»Und er wohnt?«

»In der Rue Saint  . . .«

Plötzlich bebte, schauerte Lorenza und ließ das Kistchen, das sie in einer Hand, und die Schlüssel, die sie in der andern hielt, fallen; sie strengte sich an, um zu antworten, ihr Mund verdrehte sich in einer schmerzhaften Konvulsion; sie fuhr mit ihren beiden Händen an ihren Hals, als ob die Worte, welche eben aus ihrer Kehle hervorzugehen im Begriff waren, sie ersticken wollten; dann hob sie ihre zitternden Arme zum Himmel empor und fiel, ohne daß sie einen Laut zu artikuliren vermochte, in ihrer ganzen Höhe auf den Boden des Cabinets.

»Arme Kleine,« murmelte Herr von Sartines, »was Teufels widerfährt ihr denn? Sie ist wahrhaftig sehr hübsch.«

»Ah! unter dieser Rache steckt wohl eifersüchtige Liebe.«

Er läutete sogleich, und hob selbst die junge Frau auf, welche mit ihren starren Augen und ihren unbeweglichen Lippen todt und schon von diesem Leben geschieden zu sein schien.

Zwei Bedienten traten ein.

»Nehmt diese junge Frau und tragt sie in das nächste Zimmer,« sagte er. »Seid bemüht, daß sie wieder zum Bewußtsein kommt, wendet aber durchaus keine Gewalt an. Geht.«

Gehorsam trugen die Bedienten Lorenza weg.

CXXIV.
Das Kistchen

Als Herr von Sartines allein war, nahm er das Kistchen und drehte es hin und her wie ein Mensch, der den Werth einer Entdeckung zu schätzen weiß.

Dann streckte er die Hand aus und hob den Schlüsselbund auf, welcher den Händen von Lorenza entfallen war.

Er probirte alle Schlüssel, keiner paßte.

Er zog drei oder vier andere ähnliche Bunde aus einer Schublade.

Diese Bunde enthielten Schlüssel von allen Größen: wohl verstanden Schlüssel von Schränken und Kistchen; man kann wohl sagen, daß Herr von Sartines vom ganz gewöhnlichen, bis zum mikroskopischen Schlüssel, ein Muster von allen bekannten Schlüsseln, besaß.

Er probirte zwanzig, fünfzig, hundert, keiner ließ sich nur umdrehen. Der Beamte errieth, daß das Schloß nur ein Anschein von einem Schloß, und daß folglich seine Schlüssel nur Trugbilder von Schlüsseln waren.

Dann nahm er aus derselben Schublade einen kleinen Meißel, einen kleinen Hammer und sprengte mit seiner weißen, unter einer großen Mechler-Spitze steckenden Hand, das Schloß, den getreuen Hüter des Kistchens.

Sogleich erschien vor seinen Blicken ein Bündel Papiere, statt der niederschmetternden Maschine, die er darin zu finden befürchtete, oder statt der Gifte, deren Aroma sich tödtlich ausströmen, und Frankreich seines wichtigsten Beamten berauben sollte.

Das erste, was dem Polizeilieutenant in die Augen sprang, waren folgende, von einer sichtbar verstellten Hand geschriebenen Worte:

»Meister, es ist Zeit, den Namen Balsamo aufzugeben.«

Es war keine Unterschrift dabei, sondern es fanden sich nur die drei Buchstaben: L.P.D.

»Ah! ah!« sagte Herr von Sartines, die Locken seiner Perücke umdrehend, »wenn ich die Handschrift nicht kenne, so kenne ich doch wie ich glaube, den Namen Balsamo, suchen wir beim B.«

Er öffnete nun eine von seinen vier und zwanzig Schubladen und zog ein kleines Register daraus hervor, in welchem in alphabetischer Ordnung mit einer feinen Schrift voll Abkürzungen drei bis vierhundert Namen eingeschrieben standen, denen sehr auffallende Federstriche vorangesetzt oder angehängt waren.

»Oh! oh!« murmelte er, »das über Balsamo ist lang.«

Und er las das ganze Blatt mit unzweideutigen Zeichen der Unzufriedenheit.

Dann legte er das kleine Register wieder in seine Schublade, um die Untersuchung des Kistchens fortzusetzen.

Er kam nicht weit, ohne von einem tiefen Eindruck ergriffen zu werden. Bald fand er eine Note voll von Namen und geheimen Ziffern.

Die Note kam ihm wichtig vor; sie war an den Rändern sehr abgenutzt und ganz mit Zeichen überladen, die man mit dem Bleistift gemacht hatte. Herr von Sartines läutete:

»Der Gehülfe der Kanzlei, sogleich,« sagte er. »Lassen Sie ihn von den Bureaux durch meine Wohnung gehen, um Zeit zu ersparen.«

Der Bediente entfernte sich wieder.

Zehn Minuten nachher erschien ein Schreiber, die Feder in der Hand, den Hut unter dem Arm, ein dickes Register unter dem andern, Aermel von schwarzer Sarsche über den Aermeln seines Rockes, auf der Schwelle des Cabinets.

Herr von Sartines erblickte ihn in seinem Spiegelschrank, reichte ihm das Papier über seine Schulter und sagte:

»Entziffern Sie mir das.«

»Sehr wohl, gnädigster Herr,« antwortete der Schreiber.

Dieser Räthsellöser war ein kleiner, hagerer Mann mit dünnen Lippen, durch das Forschen und Suchen zusammengezogenen Augenbraunen, mit bleichen, oben und unten spitzigem Kopf, scharfem Kinn, zurücklaufender Stirne, vorspringenden Backenknochen und eingefallenen trüben Augen, die sich nur zuweilen belebten.

Herr von Sartines nannte ihn la Fouine.

»Setzen Sie sich,« sagte der Beamte, als er sah, daß er mit seinem Wörterbuch, mit seinem Zifferncoder, seiner Note und feiner Feder, in Verlegenheit war.

La Fouine setzte sich bescheiden auf ein Tabouret, drückte seine Füße an einander, und fing an auf seinem Schooß zu schreiben, wobei er in seinem Wörterbuch und in seinem Gedächtniß mit einer unempfindlichen Physiognomie blätterte und suchte.

Nach fünf Minuten hatte er geschrieben.

§

»Befehl, drei tausend Brüder in Paris zu versammeln.«

§

»Befehl, drei Kreise und sechs Logen zu bilden.

§

»Befehl, eine Leibwache für den Großkophta zu bilden und ihm vier Wohnsitze auszuwirken, wovon einer in einem königlichen Hause.

§

»Befehl, fünfmalhundert tausend Franken für eine Polizei zu seiner Verfügung zu stellen.«

§

»Befehl, in den ersten der Pariser Kreise die ganze Blüthe der Literatur und der Philosophie einzureihen.«

§

»Befehl, die Magistratur zu gewinnen, oder in Sold zu nehmen und sich besonders des Polizeilieutenants, durch Bestechung, durch Gewalt, oder durch List zu versichern.«

La Fouine hielt einen Augenblick inne, nicht als ob der arme Mensch nachgedacht hätte, davor hütete er sich wohl, denn das wäre ein Verbrechen gewesen, sondern, weil seine Seite voll, und die Tinte noch frisch war, weshalb er, ehe er fort fuhr ein wenig warten mußte.

Voll Ungeduld riß Herr von Sartines das Blatt aus seinen Händen und las.

Bei dem letzten Paragraphen trat ein solcher Aus druck von Schrecken in seinen Zügen hervor, daß er erbleichte, sich im Spiegel seines Schrankes erbleichen zu sehen.

Er gab das Blatt dem Schreiber nicht zurück, sondern reichte ihm ein ganz weißes.

Der Commis fing wieder an zu schreiben und zu entziffern, was er übrigens mit einer für die Ziffermacher furchtbaren Leichtigkeit ausführte.

Diesmal las Herr von Sartines über seine Schulter,

Er las wie folgt:

§

»In Paris den Namen Balsamo, der zu sehr bekannt zu werden anfängt, ablegen, und dafür den eines Grafen von Fö  . . . annehmen.«

Der Rest des Namens war unter einem Tintenklecks begraben.

In dem Augenblick wo Herr von Sartines die fehlenden Sylben suchte, welche das Wort bilden sollten, erscholl außen die Klingel und ein Bedienter trat ein und meldete:

»Der Herr Graf von Fönix.«

Herr von Sartines stieß einen Schrei aus, faltete auf die Gefahr, das harmonische Gebäude seiner Perücke zu zerstören, die Hände über dem Kopf und entließ eiligst seinen Schreiber durch eine Geheimthüre.

Dann nahm er seinen Platz vor seinem Schreibtisch wieder ein und hieß den Bedienten den Gemeldeten einführen.

Einige Secunden nachher erblickte Herr von Sartines in seinem Spiegel das strenge Profil des Grafen, den er schon einmal flüchtig bei Hofe am Tage der Vorstellung von Madame Dubarry gesehen hatte.

Balsamo trat ohne irgend ein Zögern ein.

Herr von Sartines stand auf, machte dem Grafen eine kalte Verbeugung, kreuzte ein Bein über das andere und lehnte sich auf eine ceremoniöse Weise an seinem Fauteuil an.

Mit dem ersten Blick hatte der Beamte die Ursache und den Zweck dieses Besuches durchschaut.

Mit dem ersten Blick hatte auch Balsamo die offene und zur Hälfte auf den Schreibtisch vor Herrn von Sartines ausgeleerte Cassette wahrgenommen.

Sein Blick, so flüchtig er auch über dem Kistchen hinstreifte, entging doch dem Polizeilieutenant nicht.

»Welchem Zufall verdanke ich die Ehre Ihrer Gegenwart, Herr Graf?« fragte Sartines.

»Mein Herr,« antwortete Balsamo mit einem äußerst freundlichen Lächeln, »ich habe die Ehre gehabt allen Souverains von Europa, allen Ministern, allen Gesandten vorgestellt zu werden, doch ich habe Niemand gefunden, der mich bei Ihnen vorgestellt hätte, und stelle mich daher selbst vor.«

»Wahrhaftig, mein Herr,« sagte der Polizeilieutenant, »Sie erscheinen äußerst erwünscht, denn ich glaube, wenn Sie nicht selbst gekommen wären, würde ich die Ehre gehabt haben, Sie hierher rufen zu lassen.«

»Ah! sehen Sie, wie sich das gut trifft,« sagte Balsamo.

Herr von Sartines verbeugte sich mit einem spöttischen Lächeln.

»Mein Herr,« fuhr Balsamo fort, »wäre ich vielleicht so glücklich, Ihnen nützlich sein zu können?«

Diese Worte wurden ausgesprochen, ohne daß ein Schatten einer Unruhe oder Gemüthsbewegung sein lächelndes Gesicht verdüsterte.

»Sie sind viel gereist, Herr Graf?« fragte der Polizeilieutenant.

»Sehr viel, mein Herr.«

»Ah!«

»Sie wünschen vielleicht irgend eine geographische Auskunft? Ein Mann von Ihrem Geiste beschäftigt sich nicht allein mit Frankreich, er umfaßt ganz Europa, die Welt  . . .«

»Geographisch ist nicht das Wort, Herr Graf, moralisch wäre richtiger.«

»Ich bitte, thun Sie sich weder wegen des einen, noch wegen des andern Zwang an, mein Herr; ich bin ganz zu Ihren Diensten.«

»Nun wohl! Herr Graf, denken Sie sich, ich suche einen sehr gefährlichen Menschen, meiner Treue, einen Menschen, der zugleich Atheist  . . .«

»Oh!«

»Verschwörer.«

»Oh!«

»Fälscher.«

»Oh!«

»Der Ehebrecher, Falschmünzer, Empyriker, Charlatan, Chef einer Secte ist, einen Menschen, dessen Geschichte ich in meinen Registern und in der Cassette, die Sie hier sehen, überall habe.«

»Oh! ja, ich begreife, Sie haben die Geschichte, aber Sie haben den Mann nicht  . . .«

»Nein.«

»Teufel! das wäre wichtiger, wie mir scheint.«

»Allerdings; doch Sie werden sehen, daß wir ihn demnächst bekommen. Proteus hat nicht mehr Gestalten, als dieser Mann; Jupiter hat nicht mehr Namen als dieser geheimnißvolle Reisende. Acharat in Egypten, Balsamo in Italien, Somini in Sardinien, Marquis Anna in Malta. Marquis Pellegrini in Corsica; endlich Graf von  . . .«

»Graf von?« fragte Balsamo.

»Diesen letzten Namen, mein Herr, konnte ich nicht lesen, aber ich bin überzeugt, Sie werden mir helfen, denn es ist nicht möglich, daß Sie diesen Mann nicht auf Ihren Reisen, in einem von den Ländern, die ich Ihnen so eben anführte, kennen gelernt haben.«

»Wollen Sie mich ein wenig belehren,« sagte Balsamo vollkommen ruhig.

»Ah! ich verstehe, Sie wünschen eine Art von Signalement, nicht wahr, Herr Graf?«

»Ja, mein Herr, wenn es Ihnen gefällig wäre.«

»Wohl!« sprach Herr von Sartines, ein forschendes Auge auf Balsamo heftend, »es ist ein Mann von Ihrem Alter, von Ihrem Wuchs, von Ihrer Haltung, bald vornehmer Herr, Gold ausstreuend, bald Charlatan, die natürlichen Geheimnisse suchend, bald dunkles Mitglied einer mysteriösen Brüderschaft, welche in der Finsterniß den Königen den Tod und den Thronen den Einsturz schwört.«

»Oh! das ist sehr unbestimmt,« sagte Balsamo.

»Wie, sehr unbestimmt?«

»Wenn Sie wüßten, wie viele Menschen ich gefunden habe, die diesem Portrait gleichen!«

»Wahrhaftig?«

»Ganz gewiß; Sie würden wohl daran thun, etwas schärfer zu bezeichnen, wenn ich Ihnen helfen soll. Wissen Sie vor Allem, welches Land er vorzugsweise bewohnt?«

»Er bewohnt alle.«

»Aber, zum Beispiel, in diesem Augenblick?«

»In diesem Augenblick ist er in Frankreich.«

»Und was macht er in Frankreich?«

»Er leitet eine ungeheure Verschwörung.«

»Ah! das ist eine Auskunft, so ist es gut! und wenn Sie wissen, welche Verschwörung er leitet, so haben Sie einen Faden, an dessen Ende Sie aller Wahrscheinlichkeit nach Ihren Mann finden werden.«

»Ich glaube das wie Sie.«

»Nun, wenn Sie das glauben, warum verlangen Sie einen Rath von mir? das ist unnöthig.«

»Ah! ich frage Sie noch weiter um Rath.«

»Worüber?«

»Werde ich ihn verhaften lassen, ja oder nein?«

»Ja oder nein?«

»Ja oder nein.«

»Ich begreife das nein nicht, Herr Polizeilieutenant, denn wenn er conspirirt  . . .«

»Ja; aber wenn er durch einen Namen, durch einen Titel ein wenig geschützt ist  . . .«

»Ah! ich verstehe. Aber durch welchen Namen, durch welchen Titel? Sie müßten mir das sagen, damit ich Sie in Ihren Nachforschungen unterstützen könnte, mein Herr.«

»Ei! Herr Graf, ich habe Ihnen schon gesagt, ich weiß den Namen, unter dem er sich verbirgt, aber  . . .

»Aber Sie wissen denjenigen nicht, unter welchem er sich zeigt, nicht wahr?«

»Ganz richtig, sonst  . . .«

»Sonst würden Sie ihn verhaften lassen?«

»Auf der Stelle.«

»Wohl, mein lieber Herr von Sartines, es trifft sich glücklich, wie Sie mir vorhin sagten, daß ich gerade in diesem Augenblick komme, denn ich kann Ihnen den Dienst leisten, den Sie von mir verlangen.«

»Sie?«

»Ja.«

»Sie werden mir seinen Namen sagen?«

»Ja.«

»Den Namen unter dem er sich zeigt?«

»Ja.«

»Sie kennen ihn also.«

»Genau.«

»Und wie heißt dieser Name?« fragte Herr von Sartines in Erwartung einer Lüge.

»Graf von Fönix.«

»Wie! der Name, unter dem Sie sich haben melden lassen?«

»Ja, der Name, unter dem ich mich habe melden lassen.«

»Ihr Name?«

»Mein Name.«

»Dieser Acharat, dieser Somini, dieser Marquis von Anna, dieser Marquis von Pellegrini sind Sie also?«

»Ja,« antwortete Balsamo ganz einfach, »ich selbst,«

Herr von Sartines brauchte eine Minute, um sich von der Blendung zu erholen, die ihm diese freche Offenherzigkeit verursachte.

»Sie sehen, ich hatte es errathen,« sagte er. »Ich kannte Sie, ich wußte, daß Balsamo und der Graf von Fönix nur eine Person sind.«

»Ah! ich gestehe, Sie sind ein großer Minister,« sprach Balsamo.

»Und Sie ein großer Unvorsichtiger,« erwiederte Herr von Sirtines. indem er sich nach seinem Glöckchen wandte.

»Unvorsichtiger, warum?«

»Weil ich Sie verhaften lasse.«

»Gehen Sie doch,« versetzte Balsamo, zwischen das Glöckchen und den Polizeilieutenant tretend.

»Verhaftet man mich?«

»Bei Gott! ich frage Sie, was wollen Sie machen, um mich daran zu verhindern?«

»Sie fragen mich das?«

»Ja.«

»Mein lieber Polizeilieutenant, ich zerschmettere Ihnen die Hirnschale.«

Und Balsamo zog aus seiner Tasche eine reizende, in Vermeil gefaßte Pistole, die man für eine Arbeit von Benvenuto Cellini hätte halten können, so kunstreich war sie ciselirt; diese Pistole richtete er ruhig nach dem Gesicht von Herrn von Sartines, der erbleichend in einen Lehnstuhl sank.

»Gut,« sagte Balsamo, indem er einen andern Stuhl zu dem des Polizeilieutenants zog und sich setzte, »gut, nun, da wir sitzen, können wir ein wenig plaudern.«

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain